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Leselupe.de > Kindergeschichten
Ich-liebe-dich ist krank
Eingestellt am 30. 03. 2003 11:23


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eufemiapursche
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gewidmet Monika und der page99 next generation

Ich-liebe-dich ist krank

Die Worte schliefen. Sie hatten sich auf die Zweige der B├Ąume gelegt und bewegten sich nicht mehr. Oma und ich gingen vorsichtig ├╝ber den Sand, um sie nicht zu wecken. Ich lauschte, ob ich sie in ihren Tr├Ąumen ├╝berraschen konnte. Wie gerne w├╝rde ich wissen, was im Kopf von Worten vorgeht! Nat├╝rlich h├Ârte ich nichts. Nichts au├čer dem Murmeln des Baches hinter dem H├╝gel und einen leichten Wind. Vielleicht war das aber auch nur der Atem des Planeten Erde der durch die Nacht schritt.
Wir kamen an ein Geb├Ąude, an dem schwach ein im Lichtschein zitterndes Rotes Kreuz ├╝ber der Eingangst├╝r zu erkennen war.
"Das ist das Krankenhaus", murmelte Oma.
Ich zitterte. Krankenhaus? Ein Krankenhaus f├╝r Worte? Das konnte ich kaum glauben. Scham ├╝berkam mich. Irgendwie d├Ąmmerte es mir, dass wir Menschen f├╝r die Leiden der Worte verantwortlich sind.
In einem Krankenhaus f├╝r Worte gibt es weder einen Empfang noch Krankenschwestern. Die G├Ąnge waren leer und nur schwach beleuchtet. Obwohl wir aufpassten, quietschten unsere Sohlen auf dem Boden. Als Antwort vernahmen wir ein schwaches Ger├Ąusch. Ein zartes Wimmern. Es entwich unter einer der T├╝ren. Oma entschied, einzutreten.
Er war da, lag unbeweglich auf seinem Bett. Der kleine bekannte Satz:
Ich-liebe-dich.
Drei magere blasse Worte. Die zw├Âlf bleichen Buchstaben hoben sich kaum vom Wei├č des Lakens ab. Drei an Schl├Ąuchen miteinander verbundene Worte an Infusionsflaschen.
Es kam mir so vor, als ob der kleine Satz uns anl├Ąchelte.
Es kam mir so vor, als ob er mit uns sprach: "Ich bin ein wenig m├╝de. Ich glaube, ich habe zuviel gearbeitet. Ich muss mich etwas ausruhen."
"Aber, aber, Ich-liebe-dich", antwortete Oma. "Ich kenne Dich. Seit ewigen Zeiten. Du bist ganz sch├Ân robust. Einige Tage ausspannen, und Du bist wieder auf den Beinen."
Oma wiegte ihn ein wenig in all den S├Ątzen, die man Kranken erz├Ąhlt. Sie legte Ich-liebe-dich einen feuchten Waschlappen auf die Stirn.
"Nachts ist es ein wenig schwer. Tags├╝ber leisten mir die anderen Worte Gesellschaft."
Ich-liebe-dich beschwert sich nur halb - 'ein wenig m├╝de', 'ein wenig schwer'; er f├╝gt ├╝berall ein 'ein wenig' in seine S├Ątze ein.
"Sprich nicht weiter", versuchte Oma zu tr├Âsten und strich ihm ├╝ber die Haare. "Ruhe Dich aus. Du hast uns soviel gegeben. Komm wieder zu Kr├Ąften, wir brauchen Dich doch."
Dann summte Oma Ich-liebe-dich ein Wiegenlied vor.
"Komm Kind, er schl├Ąft. Wir kommen morgen wieder."
"Armer Ich-liebe-dich! Wie k├Ânnen wir ihm helfen, Oma?"
Oma war genauso durcheinander wie ich.
Tr├Ąnen stiegen mir den Hals hoch, aber sie schafften es nicht, bis in meine Augen hochzusteigen. Manchmal habe ich Tr├Ąnen in mir, die zu schwer daf├╝r sind. Diese w├╝rde ich niemals weinen k├Ânnen.
"Ich liebe dich. Alle sagen und wiederholen 'ich liebe dich', Kind. Wir m├╝ssen auf die Worte aufpassen. Sie nicht an jeder Ecke wiederholen. Sie nicht zu Unrecht oder durcheinander verwenden, die einen f├╝r die anderen oder mit ihnen l├╝gen. Sonst verbrauchen sich die Worte. Und manchmal ist es dann zu sp├Ąt, sie zu retten. M├Âchtest Du die anderen Kranken noch sehen?"
Oma schaute mich an.
"Du wirst mir doch nicht schlapp machen?" Sie nahm mich in den Arm, und wir verlie├čen das Krankenhaus.

__________________
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kaffeehausintellektuelle
Guest
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wundersch├Ân fand ich die geschichte, sehr nachdenklich und ber├╝hrend. auch wenn ich glaube, dass ich-liebe-dich nicht unbedingt gelogen sein muss, wenn es oft wiederholt wird. f├╝r jeden bedeutet das doch ein anderes gef├╝hl.

was mich aber schwer irritiert hat ist die tatsache, dass das "ich-liebe-dich" m├Ąnnlich ist. das geht an der realit├Ąt v├Âllig vorbei.

ich gaub, die werd ich morgen meinen kindern vorlesen. die geschichte.

*applaudierend ab*

die k.

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eufemiapursche
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Zum M├Ąnnlein, liebe KI: "Ich-liebe-Dich" liegt als Satz in der Wortklinik.

"Er war da, lag unbeweglich auf seinem Bett. Der kleine bekannte Satz:
Ich-liebe-dich."

Die Geschichte ist das "neuste Baby" aus einer Sammlung von Texten f├╝r kleine und gro├če Leser zum Thema -rundum Worte-

Eine weitere Geschichte dazu hab ich hier vor "Urzeiten" (ich glaube 2001) mal gepostet. Es ist die Geschichte der kleinen Lea:

Leas Briefe

Ich hei├če Lea, bin acht Jahre alt und warte im Haus. Ich sitze bei Oma in der K├╝che neben der Katze. Ich schreibe einen Brief. Meine Freunde Teddy (der blankgek├╝sste Schmuseb├Ąr), die etwas zickige Schildkr├Âtpuppe Melissa, die Blumen da drau├čen und all meine unsichtbaren Freunde in meinem Denk- und F├╝hlhaus bitten mich immer, ihnen Briefe zu schreiben, selbst wenn ich gar nicht vorhabe, einen Brief zu schreiben. Anscheinend gef├Ąllt es ihnen, wenn sie mich beim Schreiben beobachten k├Ânnen. Wenn ich mit meinem gebeugten K├Ârper einem Buchstaben in Kursivschrift gleiche.
Ich h├Âre euch kommen. Ich richte mich ein wenig auf, zupfe an meinem Kleidchen. Die anderen M├Ądchen ziehen sich an Geburtstagen sch├Ân an, ich ziehe mich zum Schreiben um. Ich mag es, mich f├╝r die Worte sch├Ân zu machen, f├╝r das Rascheln des Papiers, f├╝r die sanfte G├Ąnsehaut die mich erfasst, wenn ich den ersten Buchstaben schreibe.
Opa sagt, ich mache mich sch├Ân, weil ich auf euch warte; aber wenn er das sagt, wirkt er w├╝tend, und er steckt seine Nase hinter seine Zeitung und sagt Wortfetzen, die ich nicht verstehe.
Wenn ihr das Tor aufdr├╝ckt, h├Âre ich es ein wenig quietschen. Dann wei├č ich, dass ihr da seid. Ich seufze stumm auf, aber ich h├Âre es in mir. In einem Satz gibt es einen Buchstaben, der ein ganz klein wenig l├Ąnger ist als die anderen, als ob ihr den Buchstaben aufgedr├╝ckt habt um einzutreten. Wenn ich ihn sp├Ąter lese, werde ich in dem Buchstaben den Augenblick h├Âren, als ihr gekommen seid. Heute habe ich den L├Ąrm des Tors in das Beinchen eines "m" geschrieben.
Oma sagt, dass man ihm etwas ├ľl verabreichen sollte. Nicht dem "m", sondern dem Tor. Ich denke, dass man es lieber in einer anderen Farbe anstreichen sollte damit es einen anderen Laut macht. Etwa in einem lebhaften Rot. Dann h├Ątten wir ein Mohnblumentor, das man von weitem schon sehen k├Ânnte. Dann w├╝rdet ihr ├Âfter kommen, allein wegen der Farbe. Wenn jemand das Tor aufmachte, g├Ąbe es ein gro├čartiges Knarren in Leuchtendrot.
Wenn ich farbig schreibe, ver├Ąndern die Buchstaben die Schattierung. Eines Tages werde ich sie richtig arrangieren k├Ânnen, und ich werde Komponistin f├╝r Schreiben mit Farben sein. Ich werde Buchstabenkonzerte geben. Ich werde euch noch besser schreiben, damit ihr Lust bekommt, das Tor noch ├Âfter aufzumachen um mich schreiben zu sehen.
So ein Sommer ist lang, wie ihr wisst.
Ich lasse euch in Ruhe ankommen und pr├╝fe, ob meine vorwitzigen Locken sich vor Freude nicht zu ├╝berm├╝tig kringeln. Ich w├╝nsche mir, das der Kies unter euren Schritten knirscht – ich mag es, wenn ihr den Weg entlang geht, wie Riesen die Steine knabbern. Ich h├Ątte gerne, wenn die Bl├Ątter fremde Ger├Ąusche machen, nicht nur Knistern, sondern zum Beispiel Laute wie murmelnde Steine im Wasser. Ein Papierfluss in dem die Worte die feuchten Steine w├Ąren.
Ich lege meine Hand auf das Papier. Aber nur ganz vorsichtig, nicht zu fest, damit es atmen kann.
Ich wei├č, dass ihr angekommen seid, das Tor hat es verraten. Ich m├Âchte nicht, dass es stumm wird. Ich wei├č, dass ihr an mich denkt, aber wenn ich es dazu auch h├Âre, bin ich mir ganz sicher.
Es war nur der Brieftr├Ąger, nicht ihr. Opa macht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Er sagt, er habe es ja gewusst, dass auf euch kein Verlass sei. Ich laufe zum Tor, ich m├Âchte mich vergewissern – ich ├Âffne und schlie├če es mehrmals damit ihr kommt, man wei├č ja nie.
Opa hat keine Ahnung. Aber ich wei├č, warum ihr heute nicht gekommen seid. Ihr seid sehr m├╝de, weil ihr so stark an mich gedacht habt. Ich verstehe das, weil es mir genau so geht.
Ich hei├če Lea, ich warte im Haus. Ich habe zwei St├╝hle neben meinen gestellt. Das sind eure, sie warten auf euch.
Ich setze mich leise wieder hin, lege meine Handfl├Ąchen auf das Blatt, und, bevor ich den von heute beende, schreibe ich bereits die ersten Worte meines Briefes f├╝r morgen, immer dieselben: "Liebe Mama, lieber Papa..."

LG Femi
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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe femi,

mal eine intelligente Kindergeschichte, die sich von dem ├╝blichen bla bla (dem auch ich oft unterliege), angenehm abhebt.

Liebe Gr├╝├če
Volkmar

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annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

10 points

liebe femi, das trifft meinen geschmack. sch├Ân gemacht, richtig g u t, hintergr├╝ndig.

ich probiere nur gerade schreibweisen aus

ichliebedich
"ich liebe dich"
ich liebe dich

keine ahnung, ob davon irgendwas besser zu lesen ist als die bindestriche, sie sind das einzige, wor├╝ber ich stolpere.

willst du nicht DOCH MAL die geschichte mit dem gedicht einstellen, es h├Ątte einen eigenen thread verdient.

was ist die page 99 generation?

(nacheditiert)
hey, das steht ja in KINDERGESCHICHTEN.
ich dachte, ich bin in kurzgeschichten ... habe mich wohl verklickt ... e-gal.

bella (probiert noch mal schreibweisen aus)

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1979
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Hallo eufemiapursche,

auch mir gef├Ąllt die Geschichte. Nur ├╝ber folgenden Satz bin ich gestolpert:
Sie nicht zu Unrecht oder durcheinander verwenden, die einen f├╝r die anderen oder mit ihnen l├╝gen.

Vielleicht w├Ąre ein wenig einfacher mehr.

Bis bald,
Michael

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