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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Lyntje
Eingestellt am 08. 12. 2016 08:50


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Mistralgitter
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Lyntje

Zwischen Hecken und Himmel, Sandwegen und Strand, zwischen Wellen und Wolken lagen unsere Dörfer. Du wohntest in der NĂ€he der Kirche umgeben von Phlox, Rittersporn und Rosenstauden, ich gleich hinter dem Deich, auf dem die Schafe satt wurden. Um dein Haus breitete sich ein geordneter, ĂŒppig blĂŒhender Garten aus. Zu mir gehörte ein verfallener Zaun, durch den mein bescheidenes HĂ€uschen, zwei verwilderte ForsythienstrĂ€ucher und ein Kirschbaum lugten.

Heute ist Dienstag. Erinnerst du dich?
Weißt du noch, wie du eines Tages auf dem Fahrrad an meinem Gartenzaun vorbeikamst, wĂ€hrend ich versuchte, eine schadhafte Zaunlatte auszuwechseln? Die Steinchen auf dem Kiesweg knirpsten. Ich stand gebĂŒckt da, weil ich die neue Latte anschrauben wollte. So sah ich nur deine nackten FĂŒĂŸe auf den Pedalen und deine braungebrannten Waden. „Joakim uti Babylon
“ hörte ich dich im Vorbeifahren singen. „
 hade en hustru Susanna 
“, ergĂ€nzte ich unwillkĂŒrlich, richtete mich auf und schaute dir verwundert nach. Dein dunkles, langes Haar sah ich. Wie ein leichtes Tuch umspielte es deinen RĂŒcken. Und du kanntest dieses alte schwedische Volkslied, das ich selber sehr mochte wie alles, was aus diesem Land kam.

Du warst noch nicht sehr weit geradelt, da fiel aus deiner Hosentasche ein kleines SchlĂŒsseltĂ€schchen auf den Kiesweg. Das geschah wohl so leise, dass du nichts bemerktest und weiterfuhrst. Ich jedoch rannte los, stolperte fast hinter dir her und rief laut: „Hallo!“ Und noch einmal „Hallo!“ Aber du hörtest mich nicht. Der Wind verschluckte meine Rufe und dann auch deinen Gesang. Der Weg machte eine Kurve, die StrĂ€ucher verdeckten dich. Ich hob das TĂ€schchen auf, rannte zurĂŒck, holte eilig mein eigenes Fahrrad aus dem Schuppen und radelte dir hinterher.

Es gab ja nur einen einzigen Weg - am Deich entlang, am Leuchtturm vorbei und dann in den Ort, den wir spĂ€ter Lyntje-Ort nannten. Aber wie sollte ich dich finden? Wohin gehen junge Frauen, die Lyntje heißen, mit dunklen langen Haaren? Zu ihrer Freundin? Zu ihrer Tante, zu ihrem Onkel, zu ihrer Großmutter? Einfach nur nach Hause? Ich blickte im Fahren in die GĂ€rten und Hofeinfahrten. Ich hielt vor dem Dorfladen und schaute mich um. Aber nirgendwo stand ein Fahrrad, vor der Apotheke nicht, vor der Post nicht. Zur Kirche auf der Anhöhe wollte ich nicht mehr fahren. Der Wind frischte auf, dĂŒstergraue Wolken zogen heran, und es schien, als wolle es anfangen zu regnen. Also kehrte ich um und fuhr unverrichteter Dinge zurĂŒck nach Hause. Unterwegs wurde es zusehends dunkler und ungemĂŒtlicher. Kaum war ich in der Stube, als es auch schon anfing heftig zu regnen und zu stĂŒrmen. Der Deich versank im Nebel.

Wenn es nach meinem Willen gegangen wĂ€re, hĂ€ttest du nach einer kurzen Weile stĂŒrmisch und verzweifelt an meiner TĂŒre geklopft und nach dem SchlĂŒssel gefragt. Ich hĂ€tte aufgemacht, du hĂ€ttest tropfnass vor mir gestanden und um Schutz vor dem Unwetter ersucht. Ich ertappte mich, dass ich tatsĂ€chlich angespannt nach draußen lauschte, ob sich irgendetwas tat. Ich lugte durch die kleinen Fenster. Aber nichts als Regen und Sturm. Die Wolken hingen schwer vom Himmel, die BĂŒsche und BĂ€ume an der Straße bogen sich, dem Kirschbaum wurde sogar ein Ast entrissen. Der Weg, der am Haus vorbei fĂŒhrte, fĂŒllte sich mit PfĂŒtzen. Das war alles.

Ich erinnere mich noch an jede Einzelheit dieses Tages, wie ich gedankenverloren einen Becher mit kaltem Tee vom Vormittag erwischte, einen Keks dazu aß und noch einen zweiten. Wie ich mich lustlos an den Schreibtisch setzte, um mich auf den Unterricht fĂŒr den nĂ€chsten Morgen vorzubereiten.

Es könnte ein Thema aus der Wirtschafts-Geografie des Ruhrgebietes gewesen sein und Mathematik fĂŒr die siebte Klasse. Umformulieren von BrĂŒchen in Prozente. Jedes Jahr dasselbe. Wie viel Prozent meiner Zeit hatte ich heute schon auf unsinnige Weise damit verbracht, dass ich dir hinterhergefahren war, und damit, dass ich nur zu gern meine Gedanken abschweifen ließ, damit sie dich umkreisten? „So ein albernes Benehmen! Wie ein dummer Schuljunge!“, schimpfte ich und ertappte mich dennoch dabei, wie ich mir ausfĂŒhrlich vorstellte, wie ich dich in den nĂ€chsten Tagen doch noch finden und dir den SchlĂŒssel ĂŒbergeben wĂŒrde.

Schließlich stand ich auf, briet mir ein Ei mit Speck, belegte zwei Brotscheiben mit Tomaten, Gurke und Schnittlauchquark und kochte eine weitere Kanne Tee. Dann setzte ich mich damit an meinen KĂŒchentisch und entwarf neben dem Abendessen ein Übungsblatt fĂŒr meine SchĂŒler.

Da du nicht kamst, trug ich irgendwann das SchlĂŒsselmĂ€ppchen zum FundbĂŒro im Rathaus, hinterließ auch meinen Namen und meine Adresse, denn insgeheim hoffte ich natĂŒrlich, dass sich daraus eine Begegnung mit dir ergeben könnte. Dann geschah lange nichts mehr, was erwĂ€hnenswert gewesen wĂ€re. Die Zeit schlich dahin.

In der Schule benahmen sich meine SchĂŒler mal so, mal so, machten meist unwillig ihre Hausaufgaben und bereiteten sich mal mehr, mal weniger gut auf die Klassenarbeiten vor. Ich war kein sehr engagierter Lehrer. Vielleicht spiegelte mein Unterricht diese leise Unlust wider, war deswegen womöglich langweilig und eintönig. Es war mir nicht in die Wiege gelegt, sehr unterhaltsam oder gesprĂ€chig zu sein. Ich kam mit wenigen Worten aus. Wenn ich im Haus und im Garten werkeln, hin und wieder ein Aquarell malen oder mit dem Segelboot draußen auf dem Wasser sein konnte, lebte ich auf. Erinnerst du dich an unsere Holzbank, die ich gezimmert hatte? Sie steht immer noch vor dem Haus dort, wo noch lange am Abend die Sonne scheint. Du wolltest spĂ€ter immer, dass ich einen Birnbaum dazu pflanzte und dass ich endlich die Forsythien stutzte, die mit viel zu langen Zweigen ĂŒberhingen und ungewollt Ableger bildeten. Ich jedoch fand es schön, wenn es hier in Svjogen-Ort, wie wir es nannten, ein bisschen verwildert war.

An einem Dienstagnachmittag klopfte es an meiner HaustĂŒr. Ich machte auf und schaute in dein Gesicht. Es gab keinen Zweifel: Nur du konntest es sein – es waren ja auch deine langen Haare und deine Beine. Ich erschrak. Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Ich möchte mich bedanken“, sagtest du munter. „Ich bin so froh, dass jemand den SchlĂŒssel fĂŒr unser GartenhĂ€uschen gefunden hat.“
Du reichtest mir ein BĂŒchlein mit Gedichten.
„Als Dankeschön.“
„Welch Überraschung.“ Mehr brachte ich nicht ĂŒber die Lippen. Ich betrachtete den Buchtitel. „Sind das eigene?“ fragte ich und bat dich herein.
„Ja. Ich schreibe seit einigen Jahren. Aber dies ist mein erstes GedichtbĂ€ndchen. Ich hoffe, es gefĂ€llt Ihnen.“
„Danke. Ich lese zwar wenig Literatur, eher SachbĂŒcher. Aber dies hier ist sicher eine nette Abwechslung“, sagte ich wohlwollend.
Du standst in meinem Wohnzimmer und schautest dich um.
„Sind das eigene?“, fragtest auch du, als du die Aquarelle an der Wand entdecktest. Ich nickte. Das war der Anfang unserer Geschichte.

Deine Gedichte beschĂ€ftigten mich, ihre bildhafte Sprache regte mich an. Wie ein Betrunkener malte ich Aquarelle dazu. Du kamst nun öfter und setztest dich vor meine Bilder und ließest dir Texte dazu einfallen. Wir trĂ€umten davon ein gemeinsames Buch mit deinen Gedichten und meinen Bildern herauszugeben. Wenn ich bei dir und PĂ€rtil, deinem Mann, zu Besuch war, sangen wir zu Dritt. Er begleitete unseren Gesang am Klavier. Schön war das. Gemeinsam fuhren wir jede Woche zur Chorprobe. Unsere Freundschaft war die natĂŒrlichste Sache der Welt. Vielleicht dachten wir das. Vielleicht dachtest du das. Ich wurde nach und nach unsicherer.

Einmal im Sommer erschrak ich, als du vom Schwimmen zurĂŒckkamst. PĂ€rtil und ich saßen in eurem Garten. Wir hatten auf dich gewartet. Du lachtest etwas verlegen und sagtest, du hĂ€ttest eben im Meer deinen Ehering verloren. Es sei zwecklos, nach ihm zu suchen. Das Meer hĂ€tte ihn verschluckt. Erstaunlich schnell fandest du in einer Schublade einen messingfarbenen Gardinenring und stecktest ihn stattdessen lachend an den Finger.
„Der tut es auch“, meintest du schelmisch. Dein Mann nickte und schwieg. Mir wurde ganz ungemĂŒtlich zumute.

Eines Tages kam PĂ€rtil nicht zur Chor-Probe. Und auch du fehltest. PĂ€rtil war schwer krank. Ich fuhr dich von da an jeden Tag zum Krankenhaus, weil du kein Auto hattest. Du kamst anschließend noch auf einen Kaffee zu mir, bevor ich dich wieder nach Hause brachte. Mehrere Tage ging das gut. Doch dann war es nicht mehr wegzudiskutieren - die Spannung zwischen uns wuchs. An einem Mittwoch war es soweit. Ich wollte mich eigentlich so verabschieden, wie wir es immer taten - eine kurze Umarmung und ein Kuss auf die Wange, wie Freunde es tun. Doch ich presste dich fest an mich, kĂŒsste und streichelte dich, bis deine Augen glĂ€nzten, dein Gesicht glĂŒhte. Unsere HĂ€nde und Lippen eröffneten ein betörendes Spiel, das wir genossen, dessen GefĂ€hrlichkeit wir jedoch ausklammerten.

Ganz benommen trat ich den RĂŒckweg an, stieg noch hinauf auf den Deich, ging forschen Schrittes zwischen den Schafen auf der Deichkrone entlang und versuchte zur Ruhe zu kommen. Der Gegenwind machte mir mehr zu schaffen als sonst. Obwohl ich nur langsam vorankam, wollte ich unbedingt ĂŒber das unruhige Meer schauen können, ĂŒber Wiesen und Felder hinweg die kleinen Orte zu meinen FĂŒĂŸen liegen sehen. Die Tiefe des Himmels wollte ich sehen, beobachten, wie die Wolken wanderten, die spĂ€te Nachmittags-Sonne wollte ich ĂŒber mir spĂŒren. Ich brauchte beides, ruhendes Land und aufgewĂŒhltes Meer, Schutz und Gefahr, um mein Gleichgewicht zu finden.

Ich stieg wieder hinab und stapfte nachdenklich durch den Sand. Wie oft schon stand ich bewundernd hier am Strand, hingerissen von der Macht und der WĂŒrde der Meeresbewegungen. Manchmal umspĂŒlte sein Wasser sanft meine FĂŒĂŸe in gleichmĂ€ĂŸig wiederkehrenden, kleinen Wellen. Ein anderes Mal befeuchtete es mein Gesicht mit der Gischt der aufspritzenden Brecher, die laut und ungebĂ€rdig gegen die KĂŒste prallten. Jedes Mal kam ich erfĂŒllt und erfrischt, mit neuem Elan nach Hause. Es war dĂ€mmrig, als ich meinen Gartenzaun erreichte. Ich rĂŒttelte an einigen Latten. Sie gaben nicht nach und machten den Eindruck, als seien sie fest genug, um den HerbststĂŒrmen zu trotzen.

Wir trafen uns nun oft am Deich, wenn du auf dem Weg zum Bauern vorbeiradeltest, um bei ihm Milch zu holen. Ich wartete hinter der Deichkrone, im Ufergras auf dem RĂŒcken liegend und in die Wolken schauend, bis dein Schatten ĂŒber mich kam.

Es dauerte lange, bis man feststellte, dass PĂ€rtil unheilbar krank war. Sein Husten hörte sich hart an und quĂ€lte ihn, sein Atem ging schwer. So oft ich konnte, fuhr ich mit euch ĂŒbers Land. PĂ€rtil ging gerne eine kleine Weile am Deich entlang. Bis zur nĂ€chsten Bank schaffte er es gerade mit seiner Kraft. Dann setzten wir uns mit ihm hin und schauten ĂŒber das Meer. PĂ€rtil saß aber auch gerne einfach im Garten hinter dem Haus, wenn dort die Abendsonne noch wĂ€rmte. Ich besuchte euch, so oft es ging. Unsere Abschiede dauerten jedes Mal lĂ€nger, wurden inniger und intensiver.

Ich hoffte, dass von außen alles normal aussah, wenn ich euch zu den Kirchenkonzerten begleitete. Wir saßen in aller Öffentlichkeit beisammen, als ob wir eine Familie wĂ€ren - PĂ€rtil im Rollstuhl in der Gangmitte, und wir neben ihm in der Kirchenbank. Nie haben wir darĂŒber gesprochen, was es fĂŒr PĂ€rtil bedeutete, dass ich da war. Man konnte nicht wissen, ob er ahnte, wie nahe wir uns gekommen waren. Auch haben wir unsere Beziehung nie zu Ende bedacht, wir nahmen einfach die Gelegenheiten, die uns das Leben und unsere Liebe anboten. Und wenn ich in eurer Gegenwart unsicher wurde, begann ich zu singen, und ihr beide stimmtet mit ein.

So sicher wie nach den Höhepunkten im Leben der Alltag einkehrt, so sicher wie auf jeden Montag ein Dienstag und dann ein Mittwoch folgt, so bestĂ€ndig verlief im Übrigen unser Leben. Auf Ebbe und Flut kann man sich verlassen. Auf die Überflutung des Strandes bis zu den DĂŒnen im Herbst kann man getrost warten. Das geschieht jedes Jahr aufs Neue. Immer wieder. Man hat sich an das Geschrei der Möwen gewöhnt, unseren stĂ€ndigen Begleitern. Und des Nachts warnt in regelmĂ€ĂŸigem Kreisen die Leuchtlampe im Turm die Seefahrer vor der nahen KĂŒste. So kann man sicher sein, wenn man ein geĂŒbter Seemann ist und die Signale kennt. Die Welt ist geordnet hier. Wir können nachts beruhigt trĂ€umen und tags geruhsam zu Werke gehen. Alles hat seine Zeit. Alles hat seine Grenze. DafĂŒr gab es die Deiche, die ZĂ€une, die Schulhofmauer. Einzig die Fenster haben keine Grenzen, keine Scheiben-Gardinen, nur Blumen auf den FensterbĂ€nken und FensterlĂ€den, die meist offen stehen. Wir haben nichts zu verbergen.

Eines Tages schlief PĂ€rtil ein ohne noch einmal aufzuwachen. Er war so still gegangen, wie er gelebt hatte. Euer Haus wirkte auf einmal leer. Seine Stimme fehlte, selbst sein Husten. Du sagtest nicht viel nach seinem Tod. Und ich hielt mich zurĂŒck, damit du in Ruhe trauern konntest. Wir sahen uns seltener.

An einem Montag standst du plötzlich mit ernstem Gesicht vor mir. Ich schauderte innerlich vor deinen auf einmal seltsam fremden und großen, dunklen Augen. Unsere GrĂ€ben seien zu groß, sagtest du entschlossen. Die Kraft unserer HĂ€nde und unserer Liebe reichten nicht aus, um sie zuzuschĂŒtten. Der Wind wĂŒrde unsere BemĂŒhungen zerteilen, der Sturm sie hinweg tragen, bevor wir einen Grund gelegt hĂ€tten, sagtest du.
Ich verstand dich nicht und war benommen, wie wenn ein Brecher mich weggespĂŒlt und wieder an Land gekippt hĂ€tte. Ratlos streichelte ich dein Gesicht, deinen Nacken, strich ĂŒber dein Haar, deine Schultern und deinen RĂŒcken und hielt nicht eher inne, bis deine Hand Einhalt gebot. Du seiest nicht von hier, sagtest du ernst und gabst mir einen letzten Kuss. Du wolltest zurĂŒckkehren in das Land, aus dem du einmal gekommen warst. In diesem Moment ertrank ich in der auflaufenden Flut.

Ich habe vergessen, wie ich in den letzten Jahren gelebt habe. Meinen Garten wĂŒrdest du nicht mehr wiedererkennen, so zugewachsen ist er. An meinem Zaun haben die Herbst-StĂŒrme ihren Unmut ausgelassen. Meine Bilder sind vergilbt, dein Gedicht- BĂŒchlein zerlesen. Die neuen Besitzer eures Hauses haben eure farbenfrohen Blumen und StrĂ€ucher durch eine einfache grĂŒne RasenflĂ€che ersetzt. Niemand singt mehr „Joakim uti Babylon hade en hustru Susanna...“ Aber hin und wieder an einem Dienstag stelle ich mir vor, du sĂ€ĂŸest neben mir. Und dann rede ich mit dir, als ob ich dich an unsere gemeinsame Geschichte erinnern mĂŒsste, damit du sie nicht vergisst.
__________________
AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnĂŒgt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

Version vom 08. 12. 2016 08:50
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Ralph Ronneberger
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Hallo Mistralgitter,

ich habe deine Geschichte bereits kurz nach ihrem Erscheinen auf der LL gelesen und sie, genau wie Wipfel, als stark und sehr schön empfunden. Ich habe nur versÀumt, dir das mitzuteilen, was ich hiermit nachhole.

Was mir stilistisch besonders gefallen hat, ist dieses in meinen Augen sehr gekonnt formulierte Wechselspiel zwischen Natur und menschlichem Empfinden. Soetwas ist zwar nicht selten, aber nicht selten ist es, dass der Autor dabei zu viel des Guten tut. Bei dir kommt das geradezu wohlwollend herĂŒber.
Es gibt also nichts zu mĂ€keln, höchstens zu wĂŒnschen. Ich glaube nĂ€mlich, die kleine Geschichte hĂ€tte durchaus das Potential zu einer richtigen Novelle. Das Innenleben deines Protagonisten wird dem Leser ja anschaulich vor Augen gefĂŒhrt. Das was in Lyntje vorgeht, was sie beispielsweise ihrem Mann gegenĂŒber empfindet, wie sie den Konflikt dieser Dreiecksbeziehung zumindest fĂŒr sich zu lösen bemĂŒht ist und was sie letztlich in die Trennung treibt, bleibt weitgehend verborgen. Ihr Argument fĂŒr die Trennung

quote:
Unsere GrĂ€ben seien zu groß, sagtest du entschlossen. Die Kraft unserer HĂ€nde und unserer Liebe reichten nicht aus, um sie zuzuschĂŒtten. Der Wind wĂŒrde unsere BemĂŒhungen zerteilen, der Sturm sie hinweg tragen, bevor wir einen Grund gelegt hĂ€tten, sagtest du.
ist mir zu dĂŒnn. Du hast es geschafft, dass ich diese Lyntje mag – und mehr von ihr wissen will. Und auch der Arnim ist mir viel zu blas in seinen fast schon unbedeutenden Auftritten. Ich weiß aber, dass ein stĂ€rkeres Eingehen auf diese Figuren, den Rahmen der hier vorgestellten Geschichte sprengen wĂŒrde. Deshalb die Idee von der Novelle, in die man vielleicht auch das sich (eventuell das Maul zerreißende) Umfeld mit einbezieht. Stoff fĂŒr spannende Konflikte gĂ€be es jede Menge.

Abschließend noch ein paar Kleinigkeiten, die mir auffielen.

    1. Was ist mit „Svjogen-Ort“ gemeint. Woher kommt dieser Name?

    2.
quote:
Ich machte auf und schaute unvermutet in dein Gesicht. Ich erschrak. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Durch sein Erschrecken und die Tatsache, dass er damit nicht gerechnet hat, ist das „unvermutet“ meines Erachtens ausreichend erklĂ€rt.

    3.
quote:
Du kamst nun öfter und setztest dich vor meine Bilder, die an der Wand hingen,
Dass die Dinger an der Wand hĂ€ngen, weiß der Leser schon.

    4.
quote:
Unsere Abschiede 
 wurden ausfĂŒhrlicher als ein freundschaftlicher Kuss.
Das hakt irgendwie. Kann ein Kuss ausfĂŒhrlich sein?

    5.
quote:
So sicher wie nach den Höhepunkten im Leben der Alltag einkehrt, so sicher wie auf jeden Montag ein Dienstag nach dem anderen folgt

Auf den Montag folgt mit Sicherheit kein Dienstag nach dem anderen. Da kommen noch andere Wochentage dazwischen. Wenn du aber schreibst: „so sicher, wie auf jeden Monatg ein Dienstag folgt.. „ dĂŒrfte es hinkommen,

    6.
quote:
Alles hat seine Grenze: die Deiche, die ZĂ€une, die Schulhofmauer
Hier hast du wohl „sein“ und „haben“ verwechselt. Deiche, ZĂ€une oder Schulhofmauern haben keine Grenzen. Sie sind Grenzen oder markieren zumindest Selbige.

Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten. Deine ErzÀhlung ist sehr schön. Punkt.

Es grĂŒĂŸt
Ralph

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Mistralgitter
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Hallo Ralph,

danke sehr fĂŒr dein ausfĂŒhrliches Kommentieren, fĂŒr die BeschĂ€ftigung mit dem Text.

Du hast Recht - die Geschichte trÀgt eigentlich mehr Potential. Da ich aber schon sehr lange erfolglos an ihr rumgebastelt hatte, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, und sogar Angst hatte, sie zu verderben, hab ich einfach mal eine Kurzversion versucht. Ich dachte, wenigstens das muss irgendwie klappen.
Ich dachte: Besser eine halbwegs gute ErzÀhlung als eine schlechte Novelle - und so hab ich das schon vorhandene Material zusammengestrichen.

Du hast es richtig beobachtet - Armin kommt zu kurz, das Motiv fĂŒr Lyntjes Abgang ist nicht ausgearbeitet, zudem ist auch die Wahl des Liedes "Jojakim..." nicht erklĂ€rt usw... es gibt viele "Text-Brachen", die zwar schon im Computer hĂ€ngen, aber bisher unbefriedigend gelöst sind. Wenn ich das hinkriegen könnte, wĂ€re ich froh.

zu 1) Der Ich-ErzĂ€hler heißt Svjogen. Das kĂ€me in der ausfĂŒhrlicheren Darstellung auch besser raus.
zu 2) An der Stelle wĂŒrde ich eher das "Ich erschrak" wegnehmen.
zu 3) Stimmt. Hab ich ĂŒbersehen.
zu 4) Ich wollte sagen: Die Abschiede wurden ausfĂŒhrlicher und beschrĂ€nkten sich nicht nur auf einen freundschaftlichen Kuss. Wobei es doch auch bei den KĂŒssen durchaus solche und solche gibt... ;-)
zu 5) Ja, das kann ich Àndern.
zu 6) Ohh, da muss ich mir was anderes ĂŒberlegen... das kann nicht so bleiben.

Ich freu mich natĂŒrlich sehr ĂŒber deine positive Beurteilung. Deine Anmerkungen zu den Stellen mit der Naturbeobachtung freuen mich sehr und ich bin erleichtert, dass meine Grundidee beim Leser ankommt.

Also - soweit erst einmal von mir. Seit der Veröffentlichung im Netz hab ich allerdings die Geschichte ruhen lassen. Aber wer weiß?

Viele GrĂŒĂŸe
Mistralgitter

P.S. Eben fĂ€llt mir noch mehr auf: Mehrere Abschnitte beginnen mit "eines Tages". Das sind unschöne Wiederholungen. Okay - Überarbeitung oder gar "Neuschöpfung" ist angesagt.
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