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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Malakowski
Eingestellt am 15. 07. 2019 15:46


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NJSeifert
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Juri Malakowski war so grau, wie der wolkenbehangene Himmel. So alt, wie die Zeit. So verbraucht, wie sein GeschĂ€ft. Es hatte nicht nur schlechte Zeiten gegeben in Malakowskis Klavierfachhandel. Nein, wenn man es genauer betrachtete, hatte es mehr gute als schlechte Jahre, mehr helle als dunkle Tage fĂŒr ihn gegeben. Es lag in einer kleinen Berliner Seitenstraße, in die sich schon frĂŒh Kenner verirrten. Wenn er sich so in seinem GeschĂ€ft umschaute, gab es wenig, dass er hĂ€tte bemĂ€ngeln können. Fein sĂ€uberlich standen die schwarzen Urgesteine in beinahe zufĂ€lliger Unordnung. In den ganzen dreiundvierzig Jahren hatte er diese Ordnung nie verĂ€ndert. Jeder seiner SchĂ€tze hatte einen Platz zugewiesen bekommen. Jeder wusste wo er hingehörte. So wie auch Malakowski eines Tages begriffen hatte, wo sein Platz im Leben gewesen war.

UrsprĂŒnglich hatte er Pianist werden wollen. In seiner Heimat hatte er an der Hochschule fĂŒr Musik seine dunklen Schönheiten studiert. Jede Faser von ihnen kennengelernt. Ihre Art und Weise enttarnt, simple Schwingungen der Luft in wohlklingende Versuchungen oder vorwitzige Aufschreie zu verwandeln. Ihre Geschichte studiert. Ihre Bauweise erlernt. Den Körper. Die Tasten. Das Spiel. Die Seele.

Er habe Talent, hatte man ihm gesagt. Das hatte er von vornherein gewusst. Man musste es ihm nicht erst sagen. Schon seine Mutter hatte begeistert neben ihm gestanden und seinem Spiel gelauscht. Er sei fabelhaft, hatten die wenigen Zuschauer auf seinen Konzerten beteuert. Wie er es schaffe, die Seele der StĂŒcke zu entlocken. Die Musik zum Leben zu erwecken. Er wollte sein Talent mit der Welt teilen. Sie teilhaben lassen, an dem Geschenk dass er war. Er war hochnĂ€sig gewesen. Kein Überflieger. Denn es brauchte mehr als Talent und einen UniversitĂ€tsabschluss um Karriere zu machen. Es brauchte mehr als Schweiß und TrĂ€nen. Mehr als jede Sekunde seines Lebens, die er mit den Fingern auf der Klaviatur verbracht hatte. Mehr als seine ganze Liebe und Leidenschaft. Es war kein Platz fĂŒr eine Frau oder eine Familie neben seinem Traum gewesen. Es wurde keine Ablenkung geduldet. Es hatte keines Ersatzes bedurft. Es hatte mehr gebraucht. Mehr als das. Er hatte nie herausgefunden, was dieses mehr war. Es hatte nicht gereicht.

Es hatte finanziell nicht mehr fĂŒr ihn gereicht. Ende Zwanzig hatte er feststellen mĂŒssen, dass er nicht nur von schlecht besuchten Konzerten leben konnte oder von kleinen Gelegenheitsjobs. Also dachte er sich, es wĂ€re ein kluger Schachzug, sein Wissen anderweitig unter die Leute zu bringen. Er fand ein kleines GeschĂ€ft, dass nicht allzu viel Miete oder Renovierung benötigte und begann seine geheimnisvollen Schönheiten auch anderen Liebhabern und Neulingen schmackhaft zu machen. Irgendwie geschah dann alles wie von selbst.

Schnell hatte er gut laufende VertrĂ€ge mit Herstellern. Denn seine Art und Weise, den Kunden die Klaviere kurz und klangvoll zu verkaufen zwang jeden Widerstand zur Kapitulation. Er gewann viele Stammkunden fĂŒr sich, die ihn wiederum anderen Musikern empfahlen und so erhielt seinen guten Ruf. Als Kenner der Szene. Als Musikliebhaber. Als KlavierhĂ€ndler. Als VerkĂ€ufer.

Aber es war nur vorrĂŒbergehend, hatte er sich gesagt. Nur so lange, bis er den Durchbruch geschafft hatte. Er wiederholt mit es an jedem neuen Morgen. Bis er eines Tages in seinem Laden stand und begriff, dass nach einem Jahrzehnt in der Rolle des KlavierhĂ€ndlers Malakowski, kein weiteres Engagement mehr warten wĂŒrde. Das dies nun sein Leben war. Also wĂŒrde er das Beste daraus machen. Schließlich hatte er sich so ganz nebenbei etwas erarbeitet, was wĂŒrde daraus nur entstehen, wenn er sich MĂŒhe gab?

Die Antwort darauf folgte kurz und jung. Der kleine Junge, der damals mit seinen Eltern den Laden betrat war ausgesprochen schĂŒchtern. Seine Mutter hatte ihn der Hand hinein gezerrt.
„Achten Sie nicht auf seine Art, dafĂŒr kann er nichts.“, erklĂ€rt sie damals.
„Gute Frau, jeder ist wie er ist.“, hatte Malakowski darauf lĂ€chelnd geantwortet. Und tat wie ihm geheißen. Er ignorierte sowohl die Eltern, als auch den Sohn, hatte auf der Stelle kehrt gemacht, setzte sich an seinen Liebling und begann zu spielen. PlĂ€tschernd, wie ein Wasserfall war die Melodie aus seinen Fingern gesprudelt. Vorgaben interessierten ihn nicht mehr, er spielte wie es ihm gefiel. Wer keine Karriere mehr zu erwarten hatte, musste sich nicht die Finger an HĂ€ndel oder Mozart brechen. Dies war seine neue Art geworden. Aus Altbekanntem etwas Neues zu machen, seinen eigenen Schliff zu verpassen. Manchmal zusammenhangslos, manchmal herrlich passend, wie ein Teil, dass jahrelang das Andere gesucht hatte. Die empörten Blicke der Erwachsenen spĂŒrte er heute noch in seinem RĂŒcken.
Er musste schmunzeln, als er daran dachte.
Wie selbstverstĂ€ndlich hatte sich der kleine Kunde aus seiner Starre gelöst, setzte sich neben ihn und begann mit in sein fantasiertes StĂŒck einzusteigen. Erst vorsichtig dann euphorisch klimperte der kleine Pianist auf den Tasten herum, immer gerade dann sehr melodisch, als Malakowski auf Disharmonie bedacht war. Doch genauso schrĂ€g und quer, als Malakowski Teile aus diesem einen StĂŒck spielte, dass jeder kannte, wie hieß es nochmal

„Morgen kommen Sie wieder.“, hatte er nach einer Weile zu den Eltern gesagt, unterbrach sein Spiel und ging in den hinteren Teil des Ladens, um ihnen zu verdeutlich, dass er es ernst meinte.
„Aber wir wollten doch ein Klavier kaufen!“, insistierte damals der Vater. „Das ist ja eine UnverschĂ€mtheit. Nennen Sie so etwas Beratung oder GeschĂ€ftssinn? Sie haben es wohl nicht nötig Umsatz zu machen.“
Er hörte die empörten Rufe noch immer in seinen Ohren. Langsam und nachdenklich schĂŒttelte er, genau wie damals, den Kopf. Sie wissen so wenig und wollen so viel.
„Uns werden Sie hier nie wieder sehen!“, schimpfte der Vater zum Abschied.
Und er sah ihn nie wieder.
Zumindest nicht bis in der darauffolgenden Woche, als er das Klavier kaufte. Das Klavier auf dem sein Sohn jeden Tag, nach seinem ersten Besuch gespielt hatte. Jeden Tag nach der Schule stand der Junge bei ihm im Laden. Als hÀtten sie eine geheime Vereinbarung. Beide wussten worum es ging. Beide kannten den Plan. Beide befolgten den Ablauf. Gemeinsam setzten sie sich schweigend an das Klavier, dass der Junge sich ausgesucht hatte und spielten. Jeden Tag.
„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich das tue.“, murmelte damals der Vater, als er den Kaufvertrag unterschrieb. „Die ganze Woche lag der Bengel mir in den Ohren. Nur dieses eine Klavier. Kein anderes. Nur das.“

Er lĂ€chelte wieder. Genau wie damals. Er flĂŒsterte. „Zwei Seelen mĂŒssen zueinander finden.“ Genau wie damals.

Menschen die nichts von Musik verstehen. Die keine Instrumente spielten, wĂŒrden es nicht begreifen. Sie wĂŒrden es nicht leise, innerlich mit einem sanften Nicken bejahen.

Er stand an eben der Stelle, an der das Klavier des Jungen gestanden hatte. Er hatte es nicht ersetzt. Sein Nachfolger wÀre dem VorgÀnger nicht gerecht geworden.

Lange hatte er damals darauf warten mĂŒssen, bis er den Jungen wieder sah. So lange, bis zu dem Tag, an dem er morgens im Laden seine Zeitung aufschlug und im Lokalteil ein Bild von einem Jungen von etwa fĂŒnfzehn Jahren neben einem FlĂŒgel sah. Die Aufnahme war schwarz-weiß und durch den Druck etwas verschwommen, so dass er ihn nicht direkt wieder erkannte. Der Artikel darunter handelte von einem Klavierfestival fĂŒr Kinder und junge Erwachsene, das vor kurzem in der NĂ€he stattgefunden hatte. Er hatte davon gehört. Nachwuchs gab es immer. Talente gab es oft. Interessiert hatte es ihn nicht mehr. Der abgebildete junge Pianist war einer der herausragenden Musiker gewesen, der die Zuhörer verzaubert hatte. Mit einem fĂŒr sein Alter ausgezeichneten Technik, einer leichtfĂŒĂŸigen Art und dem Charme eines jungen Mannes, so hieß es, habe er aus der Masse der Teilnehmer herausgestochen.
Wieder so einer, hatte er sich gedacht.
Er hatte das Bild genauer betrachtet. Innerlich fĂŒhrte er mit dem jungen, aufstrebenden KĂŒnstler ein GesprĂ€ch. Er wollte ihn warnen.

„Lass dich nicht von ihren Jubelrufen blenden. Es ist eine Falle. Niemand wird es dir nachher danken, dass du alles geopfert hast und doch nichts erreicht. Talent ist eine LĂŒge. Niemand braucht Talent. Leidenschaft ist eine Falle. Niemand braucht einen liebestrunkenen, nach Ruhm eifernden weiteren TrĂ€umer, der seinen Durchbruch schon zum Greifen nahe sieht. Erfolg verdirbt den Charakter. Erfolg verdirbt den Menschen. Erfolg nimmt dein Leben und lĂ€sst es nicht mehr los.“

Er hatte stocken mĂŒssen in seinem inneren Monolog. Seine Predigt wurde von der Erkenntnis unterbrochen, dass er diesen Jungen gekannt hatte. Dieser Junge hatte neben ihm gesessen, hier in seinem GeschĂ€ft. Er hatte ihn mit seinem Lehrmeister vertraut gemacht. Er hatte ihn mit seiner unbekannten Schönheit bekannt gemacht. Diese Erkenntnis hatte seine Einstellung gegenĂŒber dem Artikel und dem beschriebenen Jungen verĂ€ndert. Ein warmes GefĂŒhl machte sich in seiner Brust breit. Es war Stolz. Stolz, auf den jungen Mann, den er an sein Klavier gefĂŒhrt hatte. Dem er die Liebe zu seiner Musik zeigen durfte. Die Musik die sein Innerstes berĂŒhren wĂŒrde und fĂŒr immer festhielt. Er hatte zu diesem Erfolg beigetragen.

Über seine guten Kontakte hatte er den Jungen ausfindig machen können. Und wie sich herausstellte, war er Malakowski immer noch sehr dankbar, dass er damals so umsichtig mit ihm gewesen war. Es habe sein Selbstvertrauen sehr gestĂ€rkt und ihm geholfen, den von den Eltern ĂŒbergestĂŒlpten Wunsch Klavier zu spielen, in seinen Traum zu verwandeln. Von da an ging er in dem GeschĂ€ft ein und aus, brachte noch mehr bekannte Pianisten zu ihm und sehr viel Publikumsverkehr. Der Laden verwandelte sich in ein brummendes, summendes und klingendes Bienennest. Viele wollten so sein wie der Junge. Hofften darauf, dass der Kauf eines Klaviers von Malakowski sie ĂŒber Nacht berĂŒhmt machen wĂŒrde.

Es verlangte doch so viel mehr. Aber ihm war es recht, dass er nun die Lorbeeren seiner Arbeit ernten wĂŒrde. Nicht, dass er sich vorher beklagt hĂ€tte. Aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit beschlossen sie Hauskonzerte zu veranstalten. Auf freiwilliger Basis, Keine Gage. Kein Eintritt. Jeder gab so viel es ihm wert war. Das Konzept ging auf und verlieh Malakowskis den Ruf eines WohltĂ€ters und Dieners der Kunst. Ebenso hatte Malakowski nun die Möglichkeit, seine alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen. Hier und da ließ er sich zu einem kleinen StĂŒck hinreißen. Er fand Gefallen daran, wie die Zuhörer ihm applaudierten. Doch da war stets dieser bittere Beigeschmack.

Ihm war bewusst gewesen, dass die Leute nur kamen, um seine berĂŒhmte Kundschaft spielen zu hören und nicht seinetwegen. Doch ein Teil in ihm wollte sich blenden lassen. Wollte die Illusion leben, dass er es letztendlich doch geschafft hatte sein Talent der Menschheit darzubieten. Diese Facette seiner selbst versuchte er, so gut es ging, in Schach zu halten. Milderte die Komplimente ab, die ihm die Besucher, aber auch die Pianisten machten. Der Schwelbrand loderte weiter. Bis er eines Abends vollends entfacht wurde und alle seine Zweifel und Rationalisierungsversuche niederbrannte. An dem Abend war einer seiner Hauptakteure auf dem Weg zum Konzert mit dem Auto verunglĂŒckt. Nichts ernst zu nehmendes, aber schlimm genug, um ihm das Auftreten vorerst unmöglich zu machen. Also entschloss er damals spontan, anstatt seiner, den Abend allein zu leiten.

Ein tragischer Fehler, wie sich spÀter heraus stellen sollte.

In letzter Zeit schwelgte er oft in Erinnerungen. Vielleicht etwas zu oft. Nachdenklich schaute er aus seinem Schaufenster auf die Straße. Alles wirkte auf ihn kalt und verlassen. Keine FußgĂ€nger die schwatzend vorbei zogen und sich ĂŒber die Politik, die hohen Mietpreise oder die Frisur des Nachbarn beschwerten. Keine Vögel die hoffnungsfroh im Straßenabfall nach Essensresten pickten. Niemand war da. Nur eine Horde Autos, die Stoßstange an Stoßstange aneinander gepresst standen. Abgestellt. Kein halbwegs vernĂŒnftiger Mensch wĂŒrde seinen Parkplatz im dicht besiedelten Berlin fĂŒr eine Nichtigkeit aufgeben wollen. Mit einem schweren Kopf und einem unguten GefĂŒhl im Magen setzte er sich an seinen Liebling. Mit dem RĂŒcken zur LadentĂŒr. Damit ihn die Tristesse und das Elend der Außenwelt in Ruhe ließen. Er wollte das StĂŒck spielen, dass er auch an jenem Abend gespielt hatte, als er dachte er könnte einen professionellen Musiker ersetzen. Wie töricht er gewesen war.

An jenem Abend hatte er sich fĂŒr sein bestes StĂŒck entschied. Er beherrschte es, wie kein Zweiter. Schwierig Passagen fĂŒllte er mit GefĂŒhl, so dass dem Hörer gar nicht auffiel, wie schnell er zwischen den Tasten hin und her springen musste. Es sollte klingen wie ein leichter Tanz. Ein Tanz zwischen Gut und Böse. Der ewige Kampf. Aber dennoch so leicht und schwerelos, dass einem schwindelig werden konnte. SelbstverstĂ€ndlich gab er sich bei seiner Interpretation besonders viel MĂŒhe. Merklich durchwogen ihn die unterschiedlichen Emotionen wĂ€hrend er spielte. Er krĂŒmmte sich ĂŒber der Klaviatur, bei tragischen Passagen. Atmete gemeinsam mit dem Publikum auf, wenn wieder das Gute gewann. Wog wehmĂŒtig den Kopf zu beiden Seiten, wenn die Dunkelheit aufzog und schwamm auf der Welle der Erleichterung, gemeinsam mit seiner Zuhörerschaft, in das Tal der GlĂŒckseligkeit. Die Zuhörer lagen ihm zu FĂŒĂŸen. Selten hatte er es in seiner Karriere geschafft, ein Publikum derart mit sich zu reißen. Begeistert waren sie am Ende seiner Vorstellung aufgesprungen und hatten ihn bejubelt. TrĂ€nen des GlĂŒcks hatte er hinunter geschluckt und versucht sein Herz zu löschen, das vor Eifer in Flammen stand.

Eine junge Reporterin der Lokalzeitung war nach dem Konzert zu ihm gekommen. Er war noch völlig siegestrunken nach den vielen BeglĂŒckwĂŒnschungen der GĂ€ste und Bewunderungen, dass er doch so viel mehr wĂ€re, als nur ein KlavierhĂ€ndler. Die junge Frau befragte ihn zu den genaueren UmstĂ€nden seiner Karriere. Woher sein Talent kĂ€me. Welche Ausbildung er genossen habe. Wie es passieren konnte, dass dieser Segen in den Verstrickungen des Alltags und des Lebens untergehen konnte. Ob er sich vorstellen könnte noch hĂ€ufiger Konzerte zu geben und wie er seine Zukunft nach dem heutigen Abend sehen wĂŒrde. Bereitwillig hatte Malakowski all ihre Fragen beantwortet. Hatte weit ausholen mĂŒssen, als es um seine Vergangenheit ging. ErklĂ€rte groß und breit, wie seine Karriere ins Stocken geriet. Aber all dies sei nun hinfĂ€llig, denn offenbar war er vom Leben nur hingehalten, vorbereitet worden auf einen verspĂ€teten Start.

Sie fragte ihn auch ĂŒber die UmstĂ€nde des heutigen Abends. Weshalb es der Musiker nicht zu seinem Auftritt geschafft habe. Da hatte er reumĂŒtig gestehen mĂŒssen, was passiert war. Beteuerte aber, wie sehr er seinen Kollegen schĂ€tze und wie sehr er bei der Vorstellung gefehlt habe. Doch sei es vielleicht Vorsehung gewesen, dass dies geschehen war, hĂ€tte er sonst nicht seinen großen Auftritt haben können.

WĂŒtend und schrill hatte am nĂ€chsten Tag sein Telefon geklingelt. WĂŒtend und schrill hatte es am anderen Ende der Leitung geklungen. WĂŒtend und schrill klingelte es in seinen Ohren. Eine Frechheit. Eine bodenlose Frechheit sei es von ihm gewesen. So etwas zu behaupten. Aus dem UnglĂŒck Anderer Profit zu schlagen. Er hĂ€tte die ganze Zeit schon den Verdacht gehabt. Malakowski wollte doch nur sich selbst in den Vordergrund drĂ€ngen. Malakowski sollte akzeptieren, dass seine Karriere vorbei war. Dass er nie eine gehabt habe. Dass er nur ein VerkĂ€ufer sei. Das war er. Nicht mehr. Niemals wĂŒrde er mehr sein. Die Zusammenarbeit war damit gestorben. Das war ihr Todesstoß gewesen. Eine Frechheit. Auf der anderen Seite wurde aufgelegt, wĂ€hrend die eine Seite schwieg. Er war völlig ĂŒberrascht gewesen.

Erst als er wenige Stunden spÀter die Zeitung aufschlug verstand er.

Unter der Überschrift „Des Einen Leid ist des Anderen Freud“ wurde ausfĂŒhrlich erklĂ€rt, wie der hinterlistige Malakowski, mag er auch talentiert sein, am gestrigen Abend aus der Not eine Tugend gemacht hatte. Der tragische Unfall seines Pianisten, der im Krankenhaus den weiteren Monat verbringen könnte, wĂ€re seine Gelegenheit gewesen.
„Er hoffe nun berĂŒhmt zu werden.“
„Er schĂ€tze seine Chancen gut.“
„Die Zuhörer sind von mir begeistert.“
„Ich sehe es als Wink des Schicksals.“
„Jetzt bin ich an der Reihe.“
Schockiert hatte er die Zeitung bei Seite gelegt. Sie hatte ihn vollkommen missverstanden. Wie hatte ihm die Reporterin die Worte nur so im Mund herum drehen können. Er schÀmte sich und schwieg.

Er schwieg. Ohne ein Widerwort nahm er hin, wie die Musikerszene sich ĂŒber den alten Narren lustig machte. Er schwieg. Nahm in Kauf, dass der Kundenstrom abriss und zu einem dĂŒnnen Rinnsal verebbte. Er schwieg. Er akzeptierte, dass er sich von nun an gerade so ĂŒber Wasser halten könne. Er schwieg.

Dieses Schweigen hatte er bis heute beibehalten. Die Ereignisse des damaligen Abends waren nun schon eine Weile vergangen. Sein Schweigen hatte ihn verwandelt. Hatte seine Musik verĂ€ndert. Lange hatte er nicht mehr gespielt. Doch am heutigen Tage wĂŒrde er es noch einmal wagen. Trotz des immer unwohleren GefĂŒhls im Magen und dem Flirren vor seinen Augen setzte er sich an sein Klavier.

In einer Art feierlichem Akt öffnete er den Deckel. Verschwommen blickte er auf die schwarzen und weißen Tasten. Doch er benötigte seine Augen nicht um zu spielen. Seine HĂ€nde fanden sehr gut ohne die visuelle Kontrolle zu ihren jeweiligen Tanzpartnern. Zu Beginn noch etwas steif in den Fingern, begann er sein StĂŒck. Die Melodie kam aus ihm heraus. Er atmete ein und atmete die Noten wieder aus. Ein langsames klagvolles Lied schleppte sich durch sein GeschĂ€ft. Leidvoll wog er sich mit der Musik. Vor und zurĂŒck. MĂŒhselig trug er sich durch dieses dunkle Tal. Seine Augen waren geschlossen. Seine Ohren erfĂŒllt von diesem Lied, dass sein Leben so gut beschrieb. Tief in ihm rĂŒhrte sich etwas. Ein altes vertuschtes Licht, dass so lange nicht mehr hatte scheinen dĂŒrfen. Es wĂ€rmte ihn und drĂŒckte allmĂ€hlich seinen Weg an die OberflĂ€che. Es verschaffte sich Raum und breitete sich ĂŒber seinen gesamten Körper aus. Sanfter und heller wurden die Töne. Rhythmisch hob und senkten sich seine Arme. Liebevoll strich er mit den HĂ€nden ĂŒber die Klaviatur. Spielte und spielte und ließ nicht mehr los. Es wĂŒrde kein Ende finden. Das Ende wĂŒrde ihn finden. Es wĂŒrde ewig so weiter gehen. Seine Finger wurden schwerer. Als wĂ€re die Luft um ihn zu dicht, um sich dadurch zu bewegen. Zu schwer zum Denken. Zu schwer zum Atmen. Er spielte weiter. Langsamer, aber er schaffte es. Er spĂŒrte wie aus der WĂ€rme eine plötzliche KĂ€lte wurde und erschrak nicht. Denn er wusste nun war es geschafft.

Die KĂ€lte pfiff durch die Straße. Der Wind trieb sie voran. Und wenn man an Malakowskis KlavierfachgeschĂ€ft vorbei ging und einen Blick hinein wagte, sah man nichts. Nichts außer dem hastig ausgeschnittenen Artikel aus der Lokalzeitung, der an der EingangstĂŒr klebte.

Toter am Klavier
SPANDAU. Am Dienstagabend kam es im Klavierfachhandel Malakowski zu einem grausigen Fund. Der 72- jĂ€hrige Besitzer, Juri Malakowski, hat sich in seinem GeschĂ€ft das Leben genommen. Eine Passantin hatte den zusammengesackten Mann in seinem Laden entdeckt, als sie zu spĂ€ter Stunde ihren Hund spazieren fĂŒhrte. Sofort habe sie die Polizei gerufen, da ihr die Situation verdĂ€chtig vorkam. Der von den Beamten bestellte Notarzt konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Ursache sei noch nicht bekannt, allerdings wurde ein Fremdverschulden ausgeschlossen, da es weder Einbruchsspuren noch Hinweise auf eine Gewalttat gab. Die Beamten fand neben der Leiche eine Notiz, die sie als Abschiedsbrief des Mannes einordneten. „Die Musik wird weiter leben. Und sie wird besser ohne mich sein.“

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MicM
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Hallo NJSeifert,

das ist eine interessante und in jeder Hinsicht „vollgepackte“ Geschichte. Man könnte dazu viel sagen, ich möchte mich aber (auch aus ZeitgrĂŒnden) auf ein paar erste LeseeindrĂŒcke beschrĂ€nken:

Der Plot ist nicht uninteressant. FĂŒr mich ist dies vor allem die Geschichte des ewigen Scheiterns. Allerdings wird aus meiner Sicht gerade das, nĂ€mlich das Scheitern, nicht wirklich nĂ€her beleuchtet. Statt der vielen SehnsĂŒchte und Erinnerungen des Prot hĂ€tte ich es gut gefunden, wenn die Qual des Scheiterns in seinen Gedanken klarer thematisiert wird.

Den Selbstmord am Ende finde ich daher vor allem aus zwei GrĂŒnden enttĂ€uschend. Zum einen handelt es sich um ein ziemlich klischeehaftes Ende. Zum andern fehlt mir die eindeutige BegrĂŒndung hierfĂŒr. Zwischendurch hatte er sich ja schließlich mit seiner Situation abgefunden. Warum treibt ihn das erneute Scheitern dann gleich in den Selbstmord?

Die Sprache des Textes ist mit sehr viel Pathos aufgeladen. Ich finde das an den Stellen in Ordnung, wo es um seine Leidenschaft, die Musik, geht. Zwischendurch fĂ€nde ich besser, zu einer etwas nĂŒchterneren Sprache zu wechseln, da der pathetische Stil auf Dauer ermĂŒdend wirkt.

In Ă€hnlicher Weise könnte der Text aus meiner Sicht auch ein paar mehr „Leerstellen“ vertragen. Gerade weil du einen lĂ€ngeren Zeitraum seines Lebens beschreibst, sind mir dann einige ausschweifend beschriebene Details zu viel im Text (bspw dass er den Jungen auf dem Foto in der Zeitung zunĂ€chst nicht erkennt und dann aber doch).

Auch gibt es einige Details, die mit dem Thema der Geschichte gar nichts zu tun haben und daher stören. Ein Beispiel dafĂŒr ist fĂŒr mich folgender Absatz:

In letzter Zeit schwelgte er oft in Erinnerungen. Vielleicht etwas zu oft. Nachdenklich schaute er aus seinem Schaufenster auf die Straße. Alles wirkte auf ihn kalt und verlassen. Keine FußgĂ€nger die schwatzend vorbei zogen und sich ĂŒber die Politik, die hohen Mietpreise oder die Frisur des Nachbarn beschwerten. Keine Vögel die hoffnungsfroh im Straßenabfall nach Essensresten pickten. Niemand war da. Nur eine Horde Autos, die Stoßstange an Stoßstange aneinander gepresst standen. Abgestellt. Kein halbwegs vernĂŒnftiger Mensch wĂŒrde seinen Parkplatz im dicht besiedelten Berlin fĂŒr eine Nichtigkeit aufgeben wollen. Mit einem schweren Kopf und einem unguten GefĂŒhl im Magen setzte er sich an seinen Liebling. ...


Schon mit der Anspielung auf „die hohen Mietpreise“ habe ich meine Probleme, da dieses kontroverse Reizwort gedanklich unwillkĂŒrlich von der eigentlichen Geschichte wegfĂŒhrt. Die Parkplatznot in Berlin kann ich aber in keinem Zusammenhang mit der Geschichte bringen.

Auch ist mir aufgefallen, dass einige Sprachbilder aus meiner Sicht nicht aufgehen. So schreibst du zu Beginn beispielsweise von der „kleinen Berliner Seitenstraße, in die sich schon frĂŒh Kenner verirrten“. Entweder es waren „Kenner“, die deswegen ganz bewusst dorthin gegangen sind, oder eben Passanten/Touristen, die sich versehentlich in eine Seitenstraße „verirrten“.

Vielleicht helfen dir diese Gedanken weiter. Es sind – wie so hĂ€ufig – zwar einige Kritikpunkte, was aber nicht bedeuten soll, dass ich die Geschichte schlecht finde. Auch wenn es etwas abgedroschen klingt: ich habe den Eindruck, die Geschichte wurde mit sehr viel „literarischer Liebe“ geschrieben und hat durchaus Potenzial.

Auf bald,
MicM

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SilberneDelfine
???
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Hallo NJSeifert,

auch ich finde die Geschichte hochinteressant und schön geschrieben, wenn auch mit einigen Schwachstellen, da schließe ich mich MicM an. Allerdings lese ich etwas anderes heraus als er: nicht die Geschichte des Scheiterns, sondern dass Talent nicht immer ausreicht, sich seine TrĂ€ume zu erfĂŒllen. Und wenn man nachhilft, kann das nach hinten losgehen. Es wird immer Leute geben, die einem Talent und Erfolg nicht gönnen, damit muss man rechnen.

Du schaffst AtmosphĂ€re in der Geschichte, was mir sehr gut gefĂ€llt. Etwas wirr wird es, als "einer seiner Hauptakteure" durch den Unfall und Krankenhausaufenthalt nicht zu dem Konzert kommen und nicht selbst spielen kann. Das hĂ€tte derselbe sein sollen/können, dem er am Anfang das Klavier verkauft hat, wĂ€re fĂŒr den Leser nachvollziehbarer und fĂŒr die Geschichte dramatischer gewesen.

Etwas anderes stört mich noch:

quote:
Aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit beschlossen sie Hauskonzerte zu veranstalten. Auf freiwilliger Basis, Keine Gage. Kein Eintritt. Jeder gab so viel es ihm wert war. Das Konzept ging auf und verlieh Malakowskis den Ruf eines WohltÀters und Dieners der Kunst.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Konzept aufgeht. Das mĂŒsste man schon mit regulĂ€ren Eintrittspreisen machen. Auch KĂŒnstler mĂŒssen von etwas leben.

Ansonsten stört mich auch der Schluss. Es ist immer ziemlich einfach, eine Geschichte mit dem Tod des Protagonisten enden zu lassen.

Trotzdem insgesamt eine super Geschichte.

LG SilberneDelfine

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NJSeifert
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Hallo MicM,
Hallo SilberneDelfine,

Vielen Dank fĂŒr eure Anmerkungen und VorschlĂ€ge. Ich freue mich immer ĂŒber konstruktive Kritik und den Einblick in die Leserperspektive. Ich gebe zu, der Text ist sehr voll von Kleinigkeiten und etwas Wirrwarr. Allerdings brauchte der Mann das meiner Meinung nach, damit man sich im Strudel drum herum etwas verlieren kann. Das lĂ€sst es vielleicht etwas schwer zu Lesen und Verstehen machen.

Der Text ist thematisch durch Zufall eine Mischung aus vielen Themen. UrsprĂŒnglich war er fĂŒr ein Festival mit dem Thema "Musik erleben" gedacht. Deswegen werde ich auch so ausfĂŒhrlich beim Klavierspiel. Und nennt es schwarzen Humor, aber ich musste den Protagonisten beim Thema "Musik erleben" einfach am Ende sterben lassen.

Ansonsten darf davon jeder gerne mitnehmen, was er mag und worin er sich wiederfindet.

Ach und das Konzept der Bezahlung funktioniert in der RealitĂ€t tatsĂ€chlich. Dazu verdient Malakowski ja ĂŒber den Laden und die KĂŒnstler ĂŒber eigentliche Engagements. Das Ganze ist so was wie Ehrenmamt mit AufwandsentschĂ€digung.

Danke nochmal,
NJSeifert


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