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Leselupe.de > Horror und Psycho
Manchmal geht er vorbei
Eingestellt am 27. 08. 2003 15:42


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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
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Manchmal geht er vorbei

„Ein Tau ist gerissen.“, murmelte der alte Frenzen immer wieder. „Ein Tau ist gerissen.“
„Ein Tau ist gerissen.“ Frenzen riss sich von seinem Stuhl hoch und sah wankend in die Runde. Mit seinen blutunterlaufenen Augen wirkte er wie ein trauriges Seeungeheuer, dem man die Z√§hne gezogen hatte. Er schob sich die verwaschene Schifferm√ľtze in den schwei√ügl√§nzenden Nacken und hob den riesigen Bierkrug in Richtung der ausdruckslos starrenden Matrosen.
„Auf den Heiermann!“, schrie Frenzen und trank den Krug bis zur Neige aus. Er wankte und einige j√ľngere Matrosen st√ľrzten zu ihm und packten ihn bei den breiten, muskul√∂sen Schultern.
Jarmosh drehte sich um und sah den jungen Matrosen, die ihm gegen√ľber sa√üen, in die unsicher umhersuchenden Augen.
„Er sagt, dass das Tau gerissen w√§re.“, fl√ľsterte Jarmosh und beugte sich ein wenig vor. Das Grinsen, das auf seinen Lippen lag, war das typische Jarmoshgrinsen, faltig, die Stellen, wo seine trockenen Lippen aufgeplatzt waren, waren wei√ü umrandet und salzverkrustet.
„Hey Hans, hattest du nicht Wache, als es passiert ist?“
Ein junger Mann mit blondem Haar sah Jarmosh plötzlich erschrocken an und riss seine Hände unter den Tisch, als wollte er sie vor den anderen verbergen.
„Warst mit am Tampen“, stellte Jarmosh fest. Sein Grinsen hatte sich auf das blo√üe Zeigen seiner wei√üen, aufeinander gepressten Z√§hne reduziert.
„Dann hast du¬īs geh√∂rt!“ Jarmosh schlug die H√§nde so laut zusammen, dass die jungen M√§nner erschrocken auffuhren.
„Den Knall! Das vergisst man nicht, wenn ein Tau rei√üt. Dieses Ger√§usch, wenn der Tampen „redet“, wenn er √§chzt und ihn scheinbar nur noch der Wille zusammenh√§lt. Man h√§ngt an ihm, wie am eigenen Leben.“ Er nickte Hans aufmunternd zu.
„Und dann?“
„Dieses Ger√§usch…“, begann Hans mit zitternder Stimme.
„JA!“, sagte Jarmosh laut und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wenn das Tampenende an einem vorbeirauscht und man den Luftzug im Gesicht sp√ľrt. Und man hat den Knall noch in den Ohren, w√§hrend hinter einem einer zu schreien anf√§ngt, als h√§tte man ihn mit einem Staken aufgespie√üt.“ Jarmoshs Grinsen wurde furchterregend breit.
„Ich hab M√§nner gesehen, die ein zerrissener Tampen mittendurch geschnitten hat und die wie M√∂wen mit den Armen ruderten, w√§hrend ihr Oberk√∂rper durch die Luft geschleudert wurde. Es hei√üt“, seine Augen wurden gro√ü, „dass die Seele des Tampens versucht hat wieder in einen Menschen zu kommen.“
„Was f√ľr eine Seele?“, fragte Hans gleichzeitig erschrocken und neugierig.
„Die Seele, die in den Tampen gekn√ľpft ist, nat√ľrlich“, sagte Jarmosh leise. Die jungen M√§nner beugten sich √ľber den Tisch, um Jarmosh besser verstehen zu k√∂nnen.
Jarmosh drehte sich um, löste das Bändsel von seinem Stuhl, mit dem der Stuhl bei Sturm am Tisch festgezurrt wurde und hielt es den jungen Matrosen hin.
„Jeder Tampen wird mit der Seele eines Mannes gekn√ľpft. Seht ihr die geteerten Enden?“ Vorsichtig rieb er die Stelle mit Damen und Zeigefinger. „Wenn es fl√ľssig ist, ist es so hei√ü wie in der H√∂lle und die Seele verkriecht sich im Tampen. Aus Angst.“
Die jungen Männer schauten ungläubig.
„Hah!“, Jarmosh lachte laut auf. „Was denkt ihr denn, warum sich ein Tampen nicht einfach aufdreht, he?
Es ist die Seele, die sich darin windet und dreht und dreht! Sie dreht sich um sich selbst.“
„Also k√∂nnte man eine Seele befreien, in dem man einen Tampen zerschneidet?“, fragte Hans. Jarmoshs gewaltige Hand zuckte blitzschnell vor und packte Hans am Kragen.
„Einen Tampen zerschneiden?“ Seine Stimme war so hoch, dass sie fast brach.
„Niemand zerschneidet einen Tampen, mein Freund. Seilmacher zerschneiden Tampen. Bist du ein Seilmacher?“ Hans griff sich an den Hals, wo Jarmoshs Griff ihm die Kehle abschn√ľrte.
Jarmosh ließ ihn genau so plötzlich los, wie er ihn gepackt hatte.
„Ein Seilmacher ist ein sonderbarer Mensch, sag ich euch. Es hei√üt, Seilmacher schlie√üen einen Packt mit dem Teufel, bevor sie ihren ersten Tampen zerschneiden.
Man sagt dann, der Heiermann geht an ihnen vorbei.“
Jarmosh griff in seine Seemannshosen und lie√ü ein silbernes F√ľnf Mark St√ľck auf den Tisch fallen. „Soviel kostet ein Spiel mit dem Teufel. Und wenn du den Peis zahlst, dann sagt man, geht der Heiermann vorbei.“
„Und wenn man ihn nicht zahlt?“, fragte Hans und sah in die Gesichter der anderen, die ihre M√ľnder bereits ge√∂ffnet hatten.

„Dann geht er nicht vorbei.“ Jarmosh steckte das F√ľnf Mark St√ľck zur√ľck in seine Hosen, nahm das B√§ndsel und befestigte es wieder am Stuhl.
Als er aufstand, hörte er auf zu grinsen und sah plötzlich nachdenklich auf Hans herab.
„Zeig mal deine H√§nde.“, sagte er. Hans zeigte ihm die Hand, mit der er sich eben an den Hals gegriffen hatte.
„Die andere“, befahl Jarmosh und packte seinen linken Arm und riss die Hand unter dem Tisch hervor. Ein roter Striemen leuchtete quer √ľber den gesamten Unterarm.
„Da hat mich der Tampen getroffen, als …“ Hans schwieg und sah auf den Boden.
„Du meinst, als der Tampen gerissen ist und Frenzens Sohn die Str√∂mung in die Tiefe gezogen hat.“
„Ja, als er gerissen ist.“, sagte Hans.
Jarmosh lächelte.
„Und warum hat sich die Seele dann nicht deinen Arm geholt?“


Das Zwischendeck der Petula wiegte sich im Nachtsturm. Wie Donner brausten die Wogen des Meeres gegen die h√∂lzernen Au√üenw√§nde. Vom Oberdeck h√∂rte man nur das leise, aufgeregte Schlagen von Matrosenf√ľ√üen, deren harte Korksohlen auf die Planken trommelten.
Hans tastete nach der √Ėllampe, als ihn ein unerwarteter, einzelner Schritt herumfahren lie√ü.
„Wer ist da?“ Hans¬ī H√§nde zitterten. Das leise Prasseln, von auf den Boden fallenden Streichh√∂lzern, lie√ü Panik in ihm aufsteigen. Im Dunkeln versuchte er die Reibefl√§che der Streichholzschachtel zu erf√ľhlen. Ein leise Ratschen, dann ein Lichtschein, der Hans¬ī Gesicht in ein helles, gelbes Licht tauchte.
„Wer ist da?“, fragte Hans lauter und hielt das brennende Streichholz an den Docht der √Ėllampe. Langsam breitete sich das heller werdende Licht von ihm aus und zog lange Schatten in den mit √ľber- und ineinander gestapelten Taurollen √ľberf√ľllten Lagerraum.
Hans kniff die Augen zusammen. Er schwenkte die Lampe hin und her, um die Ecken, die teilweise im Schatten lagen, auszuleuchten.
„Wenn jemand da ist, sollte er rauskommen und mir dabei helfen, meine Arbeit zu erledigen und nicht wie ein arbeitsfauler Schwede in dunklen Ecken rumlungern.“
Wieder und wieder drehte Hans sich um und schwenkte die Lampe hin und her. Sein Blick begann langsam, sich zu entspannen.
„Vielleicht sollte er mir dabei helfen, dieses verdammte Tau zu finden.“, sagte er wie zu sich selbst und kicherte. Zielsicher ging er in Richtung des vorderen Schotts und stellte die √Ėllampe auf den Boden. Irgendwo hier mussten sie das Tau verstaut haben. Er packte ein paar schlecht festgezurrte Tautrommeln und warf sie achtlos neben sich auf den Boden.
DA! Hans st√∂hnte erleichtert auf. Das musste es sein. Das Tau war schon etwas √§lter und hatte eine Farbe von gr√ľnem Moos angenommen. Dass Hanftaue irgendwann anfingen zu schimmeln war eigentlich nichts Besonderes. Hans nahm das Tau in die H√§nde und lie√ü es langsam durch seine Handfl√§che gleiten.
„Was, ich kann dich nicht verstehen.“, rief er leise und tat so, als w√ľrde er an dem Tau ziehen.
„Ja, halt dich gut fest!“ Lachend sch√ľttelte Hans den Kopf. „Sir, Kapt√§n Frenzen, Sir, am Besten Sie holen die anderen. Ich halte hier so lange die Stellung.“ Hans h√∂rte auf zu lachen, als ihm das Ende des Taus in die H√§nde kam. Er bef√ľhlte es mit den Fingern und konnte sehr genau die Fl√§che erf√ľhlen, wo er das Tau mit dem Messer angeschnitten hatte.
Ein lautes Seufzen ließ Hans herumfahren. Polternd fiel das Tau zu Boden.
„Ich wusste, dass irgendwer die Leute hier beklaut.“, sagte Jarmosh und trat aus dem Schatten hervor. Das Grinsen, das er noch am Vormittag auf den Lippen gehabt hatte, war wie weggeblasen.
„Und wei√üt du, wer mich drauf gebracht hat?“
Hans starrte ihn schweigend an.
„Du.
Du hast allen so die Ohren voll geheult, dass sie dir dein Messer geklaut h√§tten. Dein Messer.“
Jarmosh sch√ľttelte den Kopf.
„Sie klauen dir vielleicht dein Geld, Junge, aber nicht dein Messer. Keiner macht das. Und dann die Sache mit dem gerissenen Tampen. Er ist schimmlig, was? Wahrscheinlich w√§re er wirklich irgendwann gerissen. Wei√üt du noch, wie ich dir von dem Knall erz√§hlt habe, wenn ein Tampen rei√üt? So einen Knall vergisst man nicht, hab ich gesagt.“ Jarmosh griff an seinen G√ľrtel und zog sein Schiffermesser heraus. Langsam klappte er die Klinge aus dem Holzgriff.
„Wei√üt du, ich habe keinen Knall geh√∂rt und ich war an Achtern, hinten im Verladedeck. Komisch was, keine zwanzig Meter weg. Und dann der Striemen auf deinem Arm. Ich sollte dir deinen Arm brechen, damit du wei√üt, wie es ist, wenn ein gerissener Tampen dich trifft.“
Hans machte plötzlich einen hastigen Schritt nach vorn.
„Jarmosh, hinter dir!“
Jarmosh l√§chelte. „So einfach nicht, mein Junge.“, sagte er und umfasste den Griff des Schiffermessers so fest, dass die Kn√∂chel seiner Hand wei√ü und leuchtend hervortraten.
Er wollte gerade einen Schritt nach vorn machen, als ihn das dicke, knotige Ende eines Taus direkt am Hinterkopf traf. Mit einem leisen Stöhnen sackte Jarmosh zu Boden.

„Er wollte mich umbringen.“, sagte Hans und klaubte unsicher die √Ėllampe von Boden auf. Die Gestalt, die Jarmosh mit dem Tauende niedergeschlagen hatte, stand im Schatten der gro√üen Tampenrollen und bewegte sich nicht.
„Bist du das, Jens?“, fragte Hans und hielt die √Ėllampe hoch, um den Schatten auszuleuchten.
Je h√∂her er die Lampe hob, desto mehr konnte er erkennen, dass die Gestalt un√ľblicherweise keine Schiffskleidung trug. Seine Hosen waren gr√ľn. Das Gr√ľn erinnerte Hans an die Farbe von schimmligen Tauen. Hans hielt die Lampe h√∂her und ging einen Schritt vor. Die Gestalt hielt nicht nur das kurze Ende eines Tampens sondern auch einen metallisch gl√§nzenden Gegenstand in den H√§nden.
„Was ist das?“, fragte er. „Sind das Dornen?“
Die Gestalt antwortete nicht.
Hans blieb stehen.
„Du bist doch Jens,
oder?“

Jarmosh erwachte schreiend. Durch das Bordfenster schien ihm die warme Morgensonne ins Gesicht. Ein alter Matrose mit einem goldenen Nasenring hielt ihm einen schmutzigen, feuchten Lappen hin. Seine raue, tiefe Stimme verursachte bei Jarmosh Kopfschmerzen.
„Na Jim, seltsame Nacht, was?“
Jarmosh richtete sich auf und schob sich stöhnend den feuchten Lappen in den Nacken.
„Ja.“, antwortete er und sah gedankenverloren auf das Meer hinaus.
Der alte Matrose mit dem Nasenring nickte und kniff die Augen zusammen, als er Jarmoshs Blick folgte. Sein ganzes Gesicht wurde zu einer einzigen, wettergegerbten Faltenlandschaft.
„Du sollst dich beim Alten melden, wenn du wieder klar schiff bist.“, sagte er nach einer Weile.
Jarmosh nickte und schlug die raue Filzdecke zur√ľck. Seine Beine f√ľhlten sich seltsam schwer und ungelenkig an. Von Oberdeck h√∂rte er die Schiffsglocke die mit drei Doppelschl√§gen sechs Glasen anzeigte.
Die Wache war fast vorbei.

In der Kaj√ľte des Kapit√§ns roch es nach Erde und nach schimmligem Holz. Frenzen lag mit dem Gesicht zur Wand in seiner Koje und schien ersch√∂pft und in sich zusammengesunken.
Jarmosh ging vorsichtig zum Fenster und öffnete es. Mit geschlossenen Augen atmete er tief die frische Seeluft ein und seufzte. Fast hätte Jarmosh gelächelt.
„Du warst heute Nacht unten bei den Tauen.“ Frenzen stand pl√∂tzlich hinter Jarmosh und legte ihm v√§terlich die Hand auf die Schulter.
„Jawohl.“ Jarmosh drehte sich um und aus dem Griff des Kapt√§ns los und nahm Haltung an.
„Hast du da den Hans gesehen?“
„Ich habe mehr als das gesehen.“
Frenzen nickte.
„Wir haben den Hans heute Morgen gefunden. Achtern im Verladedeck.“
„Hat er was gesagt, der Hund?“ Jarmoshs Augen funkelten vor Wut.
„Nein, er hing da bei den Achterleinen.“, sagte der Kapt√§n leise und lie√ü ein Tauende durch seine Finger gleiten. „Irgendwer hat ihn da mit einem Tau aufgekn√ľpft.“
„Wer?“ Jarmosh war keinerlei Trauer anzumerken.
„Ich dachte du k√∂nntest mir das vielleicht sagen.“ Der Kapt√§n legte den Griff eines Schiffermessers vor Jarmosh auf den Tisch.
„Das haben wir bei dem Hans gefunden.“
Jarmosh zuckte erschrocken zusammen. Erst wurde sein Gesicht bleich, dann entspannte er sich und nahm wieder hab acht an.
„Das Messer geh√∂rt dem Matrosen Jarmosh, Herr Kapt√§n.“
Frenzen nickte, nahm das Messer und steckte es Jarmosh in die Jackentasche.
„Der Hans war ein verdammter Dieb.“, sagte er ruhig. „Und einige von uns haben das gewusst.“
Jarmosh wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
„Ja“, sagte er schlie√ülich.
Aus dem Augenwinkel sah Jarmosh, wie der Kapitän das Tauende auf den Tisch legte und langsam seine Seejacke vom Haken nahm.
„Die Wache ist bald vorbei. Dann woll¬īn wir den Hans √ľber Bord werfen.“ Frenzen schluckte.
„Wie es sich geh√∂rt.“, sagte er leise. Hastig zog er seine Jacke an, ging zur T√ľr und riss sie auf.
„Wie es sich geh√∂rt.“, stie√ü er laut zwischen den Z√§hnen hervor. Dann verschwand er auf dem Flur.

Jarmosh blieb noch einen Augenblick auf hab acht, dann entspannte er sich. Langsam wanderte sein Blick √ľber den Tisch der Kapit√§nskaj√ľte und blieb an dem liegen gebliebenen Tauende haften. Jarmosh schloss die Augen und atmete die frische Meeresluft ein.
Dann verlie√ü auch er die Kaj√ľte.
Als eine gro√üe Woge von fast zwei Meter H√∂he die Petula traf, fielen in der Kantine unter Deck mehrere St√ľhle zu Boden und der Koch gab dem K√ľchenjungen eine schallende Ohrfeige, weil er vergessen hatte, die St√ľhle an den Tischen festzuzurren.
In der Kaj√ľte des Kapit√§ns rollte ein kurzes, aber sehr starkes Tauende vom Tisch und hinterlie√ü darauf eine schmale, lang gezogene Spur von frischem Teer.

An Deck schlug man ein Glasen nach Beginn der Wache.
„Soll ich dir noch mal die Geschichte vom Heiermann erz√§hlen?“, fragte Jarmosh und st√ľtzte seine Ellenbogen auf der Reling auf. Der alte Matrose mit dem Nasenring stand hinter ihm und schwieg.
„In jedes Tau ist eine Seele gekn√ľpft. Deshalb dreht sich ein Tau auch nie auf.
Weil sich die Seele darin dreht und dreht und dreht.“ Jarmosh schloss die Augen.
„Sie haben heute Morgen den Hans gefunden.“, sagte der alte Matrose mit dem Nasenring.
„Jemand hat ein Tau genommen und ihn bei den Achterleinen aufgekn√ľpft.“
Jarmosh nickte.
„Das war aber nicht alles.“, sagte der alte Matrose.
„Jemand hat ihm mit einem Marlspieker die Brust aufgerissen.“ Der alte Matrose sch√ľttelte den Kopf. „Als wollte er ein Tau splei√üen.“
„Werden Marlspieker nicht benutzt, um Taue aufzutrennen?“, fragte Jarmosh pl√∂tzlich.
„Man nennt es splei√üen.“, sagte der alte Matrose.
„Au√üerdem hab ich mir das Tau mal genauer angesehen.“
Jarmosh griff sich gedankenverloren in die Tasche seiner Seemannshose.
„Ein St√ľck fehlte.“
„Wie eine Troph√§e.“, sagte Jarmosh und zog das F√ľnf Mark St√ľck aus der Hosentasche.
Er sah es eine Weile an, dann warf er es in hohem Bogen √ľber Bord.
„Damit er vorbeigeht.“, sagte der alte Matrose hinter ihm.

„Ja.“, sagte Jarmosh.
„Damit er vorbeigeht.“

Hinter ihnen sah man die jungen Matrosen, wie sie sich gegen die Vorleine stemmten.
„HOLT EIN!“, h√∂rte man den Maat schreien.
„Los, ihr faules Pack, holt sie ein!“
Auf dem Vordeck stand der Kapit√§n und hielt ein kurzes St√ľck Tau in seinen braungebrannten H√§nden. Wenn man genauer hinsah, h√§tte man meinen k√∂nnen, dass das Tau sich zu bewegen schien.
Frenzen presste das Tauende gegen seine Brust und unter Tr√§nen sp√ľrte er, wie das Tau in seinen H√§nden kaum sp√ľrbar zuckte. Mal schien es, als w√ľrden sich die Fasern zusammendrehen, dann wieder, als w√ľrden sich die Fasern l√∂sen.
„Es ist gut.“, fl√ľsterte Frenzen und streichelte das, was jetzt in dem Tau war.

„Es ist gut.“


Ende


B√§ndsel: d√ľnnes und kurzes Ende. Kleine Tauwerksenden zum Festbinden von Segeln, Persennings, Bootshaken, P√ľtzen und anderes

Heiermann: umgangssprachlich f√ľr F√ľnf Mark St√ľck

Marlspieker: Der Marlspieker ( Stahlpriem )ist ein dornartiges Handwerkzeug aus Stahl, das zum Spleißen und Marlen verwendet wird.

__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr√ľnbein

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Michael Schmidt
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Hallo Marcus,

sch√∂nes Seemansgarn hat du uns da erz√§hlt, eine wirklich hintergr√ľndige Art an Horror.

Aber an der Stelle wo Jarmosh und Hans zum entscheidenden Showdown zusammentreffen, könnte der Gruseleffekt ein wenig mehr erhöht werden, da fehlt ein wenig die Gänsehaut, die gehört doch zu dem Seemansgarn dazu.

Zur Idee in Bezug auf die Finger√ľbung gibt es nichts zu meckern, sauber gemacht.

Bis bald,
Michael

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Marcus Richter
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Hi Micha,
da hast du Recht, der Part des Showdowns geht in der Geschichte unter. Schade. Hat aber seinen Grund. Mir lag einfach zu viel an der Idee. Dieser Heiermann, der als mystische Firgur auftaucht, √§hnlich wie der Klabautermann oder auch (Scarlett wird das verstehen) wie der Mann mit dem Haken, hat eine so gro√üe Phaszination auf mich ausge√ľbt, da√ü ich das Finale wie einen "kleinen, haarigen Bock √ľbersprang" - wenn du wei√üt, was ich meine.
Daf√ľr fand ich einfach den Schluss zu klasse, wirklich mystisch, wie Jarmosh dieses F√ľnf Mark St√ľck in die See wirft, in dem festen Glauben, da√ü dadurch sein Kapt√§n gerettet werden k√∂nnte - nicht nur vor seinem (vielleicht?) moralischen Fehlverhalten, sondern, oder gerade vor dem ersten oder vielleicht zweiten(?) Eingreifen des He√≠ermanns?

Jedenfalls fand ich den Schluss sehr stimmig. Bin am √úberlegen, die Geschichte an Land zu verlegen.
Jedenfalls hast du Recht, wenn du sagst, daß das "Finale" der Knackpunkt der Geschichte ist und stärker in den Vordergrund gehoben werden muss, um die Gruseligkeit noch stärker lesbar zu machen.

Ich glaube, die Geschichte hat ein schönes Potential und ich glaube, ich bin ein wenig stolz, daß du den Begriff "Seemannsgarn" benuntzt hast.

Was kann es Schönres geben,
als ECHTES GARN ZU SPINNEN!
Ich glaube, das gilt f√ľr jedes Genre.

Gruss, Marcus
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Michael Schmidt
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Hallo Marcus,

ja, das Ende musst du so lassen, hat mir auch sehr gut gefallen.

Michael

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