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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Mausi, hol Wein!
Eingestellt am 16. 10. 2013 16:44


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Wolfgang Bessel
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Registriert: Feb 2007

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Mausi,hol Wein!

Meine Ehegemahlin Berta wollte unter allen UmstÀnden Eindruck schinden und hatte meinen Kleidungsvorschlag,doch ein Schlichtkleid bei dat kommende Vorstellungsgequatsche zu tragen, einfach ignoriert.
Sie hatte ne weiße, tief ausgeschnittene Bluse und en grĂŒnen Lodenrock am Balg, der ihr nur knapp ĂŒber dat Knie reichen tat. Die Haare waren frisch frisiert,und den Schminkkasten hatte se ma wieder voll ausgeschöpft.
Berta sah fĂŒr Mitte fĂŒnfzig noch richtig sexi aus, aber dat musste se doch nich ausgerechnet heute demonstrieren, wenn et um en guten Eindruck bei die jagdlichen WĂŒrdentrĂ€ger ging! Aber so sind die Weibsbilder eben, da kannze reden wie du willst, die machen doch wat se wolln.
Um 9.45 Uhr trafen wir uns mit dem JagdhĂŒter Uli bei die JagdhĂŒtte und bequatschten noch ma die Eigenarten vonne Herrschaften, die wir heute Vormittag besuchen wollten.

Ich hatte son bissken Bammel vor dieset Vorstellungsgedöns und schluckte vorsorglich zwei Baldrianpillen. Hoffentlich waren die Leute nich so hinterhÀltige Muffsocken.
Wir fuhren zuerst zum Chef der Gemeinde.
Der Herr OrtsbĂŒrgermeister und seine Frau Ehegemahlin standen bereits vor der HaustĂŒr und begrĂŒĂŸten uns ĂŒberaus herzlich. Die Nachbarn peilten neugierig ausse Fenster und fragten sich wohl, wer dat wohl sein könnte, der morgens vom OrtshĂ€upling so zuvorkommend empfangen wurde.

Stracks wurden wir in die „Gute Stube“ gefĂŒhrt. Frau OrtsbĂŒrgermeisterin hatte den Esstisch mit ner gestickten Decke ĂŒberzogen und mit dat Sonntagsporzellan vonne Frau „Maria Weiß“ eingedeckt. Ich weiß dat so genau, weil ich ma stiekum unter die Tasse gepeilt hab. Peinlich, peinlich, dat Geschirr hatten se sich von einer Frau „Weiß“ ausleihen mĂŒssen – extra fĂŒr unseren Besuch!
Sie mĂŒssen wissen, dat die sogenannte „Gute Stube“, wie bei uns in Westfalen, nur zu besonderen AnlĂ€ssen benutzt wird. Also an besonders hohen Festtagen wie beispielsweise Beerdigungen. Oder wenn der Pastor ma son kleinen Routinebesuch abstatten tut, um sich ma wieder fĂŒr lau so richtig vollzufressen.
Dat auch wir fremde JĂ€gersleute in dieser Stube empfangen wurden, rechnete ich den beiden hoch an. Frau OberortsbĂŒrgermeisterin stellte en duftenden Aprikosenkuchen auffen Tisch und schenkte Kaffee ein.
„Helmut“, begann der JagdhĂŒter dat GesprĂ€ch, „ich möchte Dir als 2. Vorsitzenden der Jagdgenossenschaft und OrtsbĂŒrgermeister von Bassenhausen das Ehepaar Wilhelm und Berta PĂŒttmann aus dem Ruhrgebiet vorstellen. Sie jagen seit sechs Monaten beim JagdpĂ€chter Engelbert und wurden von uns auf Herz und Nieren geprĂŒft. Sie sind eine echte Bereicherung fĂŒr die Jagd und passen menschlich prima in unsere Gemeinde.“

„So, so, Ă€hm, Herr PĂŒttmann, Sie kommen also aus dem Ruhrgebiet? Da haben die Genossen in den letzten Jahren ja verdammt viel mitgemacht.“
Oh, Willi, dachte ich, dat iss die erste rote Falle, pass jetz gut auf!
„Ja, Herr OberbĂŒrgermeister, da haben Se vollkommen Recht. Wie die Arbeiter nach dem Plattmachen vonne Zechen dat mit dem Strukturwandel geschaukelt haben, dat war ne starke Leistung. Der Pott hat damals gekocht, da war schwer wat los! Ohne gewerkschaftliche Hilfe und ne gute soziale Arbeiterpolitik wĂ€ren wir alle vor die Hunde gegangen. Ich war selbst Bergmann und hab unter Tage malocht. Ich komm aus ner Arbeiterfamilie, meine Frau Gattin auch. Ich kann Ihnen wat flĂŒstern, wir haben sehr viel erdulden mĂŒssen. Ich hab auf Klempner umgeschult, meinen Meister gemacht und hab jetz ne kleine Klempnerklitsche in Herne.“
Dem OrtsbĂŒrgermeister leuchteten die Augen. Sie waren sogar en wenig feucht. Der Mann stand auf und drĂŒckte mir fest die Hand: „Ich heiße Helmut, und das ist meine Frau Margot, lassen wir doch das „Sie“ und den „Herrn OberbĂŒrgermeister“, Genossen halten fest zusammen und duzen sich. Margot, hol doch bitte mal die Flasche KĂŒmmel aus dem Schrank.“
Berta schaute mich total begeistert an. Uli schien auch sehr zufrieden. Helmut erhob sein Glas:
„Jetz wollen wir mal auf eine gute Zusammenarbeit trinken. Prost“
Wir verputzten den leckeren Kuchen und machten die Flasche KĂŒmmel halb leer.
Margot nahm Berta zur Seite und quakte ihr wat ĂŒber ihre Arbeit inne landwirtschaftlichen Frauenbewegung vor. „Sag mal, Berta, hĂ€ttest Du nicht Lust, bei uns mitzumachen?“
„Margot, dat wĂŒrde ich ja gerne, ich reiß mir aber schon zu Hause die Beine aus. Ich fahr am Wochenende mit Willi auffe Jagd, und Familie hab ich auch noch. Unsere zwei Jungs mit ihre schwangeren Frauen brauchen mich mehr denn je. Ich helfe Euch gerne, wenn ma Not an Frau iss.“
Wir MĂ€nner gingen in den Hof, wo Helmut uns stolz seine Bienenvölker prĂ€sentierte und so ganz nebenbei ne intakte Natur einforderte. Dat war wieder ne Falle, diesmal ne grĂŒne. Ich war gut vorbereitet.
„Helmut, wir JĂ€ger sind immer schwer bemĂŒht, LebensrĂ€ume fĂŒr die Tierkes zu schaffen, nich nur fĂŒr dat jagdbare Wild, sondern auch fĂŒr viele andere Arten wie Insekten und Deine Bienenvölker. WildĂ€cker mit Bienenweide und viele blĂŒhenden Pflanzenarten sind nich nur ne Freude fĂŒr dat Auge vonne Bienen. Wandersleut und andere Naturliebhaber erfreuen sich auch gern daran. Apropos Bienen. Et soll wohl nix Besseret fĂŒr die Potenz geben als echten Bienenhonig und natĂŒrlich Wildfleisch ausse freien Natur, da weiß man wat man essen tut. Mehr Bio geht nich! Sach ma, Helmut, kann ich bei Dir Honig kaufen? Wenn et geht, wĂŒrden wir gern zehn GlĂ€ser mitnehmen.“
Helmuts Augen strahlten. Ich hatte den Sieg inne Tasche.

Uli peilte auffe Uhr: „Wir mĂŒssen leider gehen, der Schweinejupp erwartet uns um Elf.“
Wir verabschiedeten uns und fuhren mit son gutet GefĂŒhl im Bauch und leicht beschwingt zum nĂ€chsten VorstellungsgesprĂ€ch.

Unterwegs fragte ich den Uli nach dem Nachnamen von dem Landwirt. Ich konnte ihn ja schlecht mit „Schweinejupp“ anreden. „Josef GĂŒllemann heißt der. Pass auf, was ich Dir gestern ĂŒber den Kerl gesagt habe! Beim BĂŒrgermeister und seiner Frau habt Ihr schon mal ein Stein im Brett.“
Berta war gut gelaunt. Sie hatte en roten Kopp und ihre Augen blitzten. Sie hatte doch wohl nich schon die Lampe an?

Wir fuhren zu nem riesigen Gehöft, wat en wenig außerhalb vom Dorf lag. SchweinestĂ€lle von ungefĂ€hr hundert Metern LĂ€nge, riesige Misthaufen, aus dem die braune SchweinegĂŒlle floss, verpesteten die Luft. Im GerĂ€teschuppen standen hochmoderne Traktoren, MĂ€hdrescher und son anderen landwirtschaftlichen Kram.
Zwei SchĂ€ferhunde lagen lauernd anne Kette und begrĂŒĂŸten uns eindeutig feindlich. Die Biester fletschten die ZĂ€hne, knurrten und klĂ€fften. Die Viecher hĂ€tten uns am liebsten kalt gemacht. Hoffentlich war der Bauer nich auch son giftigen Köter.
Der Landwirt war knapp zwei Meter groß, war so Mitte fĂŒnfzig und stand mit seiner grĂŒnen Latzhose, die seinen dicken Ranzen noch massiger erschienen ließ, breitbeinig inne TĂŒr. Hinter ihm versteckte sich schĂŒchtern seine zierliche Olle. Die passte ĂŒberhaupt nicht zu dem Riesenkerl. Die Hunde klĂ€fften immer noch wie bekloppt.
„Auuuss!, ihr verdammten Köter, Auuuss!", schrie der Bauer ĂŒber den Hof, – und et war Ruhe.
Der Schweinejupp grinste breit: „Da seid Ihr ja, kommt rein.“ Berta leckte er zur BegrĂŒĂŸung die HĂ€nde ab. So ein Idiot, dachte ich, ausgerechnet der fette Sack wollte en Frauenheld mimen! Wir latschten durch son langen Korridor und wurden auch hier wieder inne„Gute Stube“ gelenkt.
En Gugelhupf stand einladend auffen Tisch. Aber wat stank denn hier so bestialisch? Ich nahm Witterung auf und hatte schnell den Melmer. Der Bauer war dat. Der mĂŒffelte wie son alten Puma. Der stank aus alle Knopflöcher! Er wetzte en riesiget Messer, als wollte er gleich ne Wutz abstechen und sĂ€belte damit riesige StĂŒcke vom Kuchen ab. Er legte die KuchenstĂŒcke nich, sondern warf sie mit seinen dicken Pranten auf unsere Teller. Hoffentlich hatte sich der Stinkbolzen vorher die Pfoten gewaschen!
WĂ€hrend seine Frau in bunte Sammeltassen Kaffee einschenkte, peilte der Mistkerl meiner Berta dauernd in den Ausschnitt rein.
Uli kam direkt zur Sache: „Jupp, ich möchte Dir als grĂ¶ĂŸten Landwirt im Ort und 1. Vorsitzenden der Jagdgenossenschaft das Ehepaar PĂŒttmann vorstellen.
„Mmh“, brummte er, „braucht ihr jetzt VerstĂ€rkung, um endlich die verdammten Wutzen zu dezimieren? Herr PĂŒttmann, was glauben Sie wohl, was ich immer fĂŒr ein Theater mit den Jagdkerlen habe, wenn ich mal Wildschaden anmelde.“ Oh, Willi, dachte ich, dat iss ne hochentwickelte Bauernfangfrage, jetz musse wieder schwer auf Draht sein. So ein verdammter SchlickefĂ€nger!
„Herr GĂŒllemann, wenn dat Wild inne Frucht Zirkus veranstaltet, also Schaden anrichten tut, dann sollten sich der Landwirt und der JĂ€ger auf neutralem Boden treffen. Am besten geht man dann in eine gemĂŒtliche Pinte. Man setzt sich dort nett zusammen und bequatscht dat Wildschadenproblem sachlich und ohne Aufregung. Wir trinken zu Beginn der Verhandlung erst ma en lecker Gedeck zur zwischenmenschlichen AnnĂ€herung. Wissen Se, wat en Gedeck iss, Herr GĂŒllemann? Nee? Ich sach Ihnen dat. Wir saufen nich sonne vornehme BrĂŒhe wie Wein oder Sekt, sondern en lecker Pilsken und dazu en Körnchen. Und wenn wir dann die Flasche Korn und etwa zehn Bierchen verkasematuckelt haben, dann haben wir uns geeinigt. Wir liegen uns dann fröhlich inne Arme und singen besonders laut alle möglichen und unmöglichen Lieder, – bis der Wirt uns rausschmeißen tut. So lĂ€uft dat bei uns im Ruhrpott.“

Der JagdhĂŒter verdrehte die Augen, Berta peilte mich strafend an, die BĂ€uerin grinste.
Meine offenen Worte mĂŒssen wohl nur dem Bauern ausnehmend gut gefallen haben. Er kloppte sich vor VergnĂŒgen auffe Schenkel.
„Mensch, Willi, Du bist hier richtig im Dorf, ich bin der Jupp, das ist Mausi, meine Frau. Mausi, hol mal die Flasche KĂŒmmel und die Kiste Bier vom Balkon.“
„Jupp“, sachte ich, „dat iss en Wort, lass uns auf gute Zusammenarbeit einen verpitschen.“ Uli verdrehte schon wieder die Augen. Ich wusste, wat der meinte, aber sonne herzliche Aufnahme beim wichtigsten Bauern im Dorf, die musste doch wohl anstĂ€ndig begossen werden!
Berta trank zĂŒgig mit und „Mausi“, die in Wirklichkeit "Maria" hieß, schnatterte ihr wat vonne schweren bĂ€uerlichen Arbeit inne Lauscher. Sie zeigte Berta dat Haus und die TierstĂ€lle.

„Juppes“, sachte der JagdhĂŒter auf einmal, „auf einem Bein kann man nicht stehn, trank sein Pinnken leer und forderte vergnĂŒgt ne neue Dröhnung: „Juppes, aller guten Dinge sind drei!“ Aber et blieb nich bei drei SchnĂ€psen!
Et war mittlerweile Nachmittag. Uli rief seine Frau lallend an, ihn doch bidde, bidde abzuholen.
Sie kam, setzte sich hocherfreut dazu und schlabberte fleißig mit. „Mausi“ und Berta schmierten inzwischen en riesiget Tablett Kniften mit Leber- und Blutwurst ausse eigenen Herstellung. Die Stullen waren dem Jupp zu wenig, er wankte in einen Nebenraum, kroste da fluchend rum, kam schwankend zurĂŒck und schmiss zwanzig gerĂ€ucherte Mettenden auffen Tisch. Zwei Tassen und vier GlĂ€ser gingen dabei inne Binsen. Egal, ich brauchte dringend diese fette Atzung, denn die GĂŒllemanns hatten nur noch furztrockenen Mosel-Riesling im Haus. Von diesem drögen Gesöff kriegte ich ohne deftige Grundlage jedet Mal schweret Sodbrennen.
Ich erinnere mich nur noch schwach an diesen wichtigen Tag. Ich weiß lediglich noch wie der Jupp nach jeder leeren Flasche Riesling durch dat Haus grölte: „M a u s i i i , hoool W e i n! Wir haben Duurrscht!“









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Wolfgang M. A. Bessel
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