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Leselupe.de > Feste Formen
Rebentrauer - Trauerreben (Sonett)
Eingestellt am 13. 05. 2017 18:26


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Walther
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Rebentrauer – Trauerreben


Die Trauer ist, sich willig zu ergeben:
Wenn etwas nicht mehr ist und fortgegangen,
Wenn – wolkenfrei – die Sonne scheint verhangen,
Dann kommt die Ruhe nach dem Seelenbeben.

Man steht an einem Grabstein, denkt ans Leben,
Erinnert Stimmen, die vertraut erklangen,
Bemerkt die Winde nicht, die sich verfangen,
In Haaren, Mänteln und im Widerstreben.

Ich blicke auf, der Morgen ist vergangen,
Und um das Grab ist’s still. Wer will vergeben
FĂĽr den, der drunten liegt, und das Verlangen,

Sich noch ein letztes Mal zu reiben? Reben
Umschlingen ein GerĂĽst aus Eisenstangen
Und weisen blĂĽhend auf das Weiterleben.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

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Du sprichst mir aus der Seele. Noch ist der Grabstein nicht gesetzt, es ist eine Art Zwischenstadium.

Im Gedicht selber spürt man einen Wandel der Stimmung vom Vergänglichen, gekennzeichnet durch Vorsilben "ver-" hin zu Akzeptanz und Zukunft, gekennzeichnet durch den Klang "Weiterleben".

Das Gedicht wirkt nicht durch die Worte allein, sondern sehr stark durch das Klanggefüge und durch Nebenbedeutungen. Im Vordergrund sehe ich jedoch den Klang, der gut zu den jeweiligen Teilen passt. In Rezensionen wird er oft vernachlässigt, denn der Klang ist nicht rational, sondern unmittelbar Teil der Emotion. Wenn Inhalt und Klang nicht stimmten, käme eine verborgene Antistimmung zum Ausdruck, das Sonett würde sich der Lüge bezichtigen.

Zum Klang gehören Dynamik, Modulation, Klangfarbe.

Weiterleben.

Ich werde es tun.
Jegliches hat seine Zeit. Die Zeit der Pflege und der Dialoge ist vorbei. Scheint die liebe Sonne am Bache so heiĂź, kommt ein kleiner Junge zum Bache und scheint die Liebe Sonne am Bache so heiĂź, kommt ... etc.
Das letzte Gedicht, das mir meine Mutter gelernt hat.




__________________
Copy-Left, samisdada, Träger des Wikiläums-Verdienstordens in Rubin

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Walther
Routinierter Autor
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Lb Bernd,

danke fĂĽr deine ausfĂĽhrliche widmung.

Das sonett ist fast eines nach der art "von Platen". es kommt mit genau zwei endreimen aus: "eben" und "angen". das für mich überraschende ist, daß man das gar nicht bemerkt, sondern erst nach dem dritten hinsehen feststellt. auch, daß sich zwei reime wiederholen (-gangen und -leben), geht unter, weil die wörter völlig unterschiedliche bedeutungsebenen ansprechen.

in der tat spielt bei meiner poesie der klang eine groĂźe rolle. diesmal ist das getragene das bestimmende element. die tiefen langen vokale dominieren. im letzten terzett kommt wieder leben ins spiel. das ist auch an den vokalen, die aufhellen, spĂĽrbar.

in der tat wird diese ebene, die früher in der poesie ein viel größere bedeutung hatte, kaum betrachtet. das mag daran liegen, daß man früher rezitiert und deklamiert hat, poesie zu genießen also ein gemeinschaftserlebnis war und nichts fürs dunkle kämmerlein allein.

lg W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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Perfekt!

Man sollte es Vertonen, lieber Walther.

Neben dem schon Angesprochenen wird mir beim Lesen eine Lebensgeschichte vor Augen gestellt, möglicherweise eine Vater-Sohn Beziehung des LyrI, die nicht immer einfach war, und dies auf eine feine, eher hintergründige​ Art, durch wenige Schlüsselworte, zum Beispiel Widerstreben, in dem sich die Winde verfangen - was für ein Bild! - , und reiben, was über Reben dann zum Mutfassen für das Weiterleben überleitet. Auch Vergeben gehört dazu, das aus dem Grab heraus nicht mehr möglich ist.

Das Verhältnis zum Grab und zum Friedhof und zur Trauer ist immer sehr persönlich, wird hier aber nachvollziehbar.

Danke fĂĽr dieses Gedicht!
__________________
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Walther
Routinierter Autor
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Hi Herbert,

danke für deinen eintrag. das abschiednehmen bedarf zweier parteien. unausgesprochenes, unausgeräumtes bleibt zurück und "lebendig", auch wenn einer der beiden betroffenen geht.

diese dimension der trauerarbeit wird oft übersehen. eigentlich sollte man versuchen, konflikte auszuräumen, bevor es nicht mehr geht. das leben läßt das leider nicht immer zu.

ich habe mich mit dieser frage intensiv beschäftigt. dieses sonett ist ein teil der reflexion darüber. vielleicht kann es dadurch helfen, das problem zu bewältigen, indem man erkennt, daß man mit einer solchen frage und den sie begleitenden gefühlen nicht alleine ist.

lg W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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