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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schokoladenstreusel
Eingestellt am 23. 04. 2013 18:02


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DocSchneider
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Das Wachwerden war immer das Schlimmste, sie tauchte mĂŒhsam an die OberflĂ€che ihres Bewusstseins, sehnte sich aber danach, in der SchwĂ€rze des Schlafes verharren zu können. Beharrlich tröpfelte es in ihr Hirn und in ihr Herz: Irgendetwas stimmte nicht.

Aber heute Morgen hatte sie nicht vergessen, dass die Kinder einen Schulausflug machen sollten. Sie musste frĂŒher aufstehen, alles herrichten und die beiden rechtzeitig wecken. Sie schwang die Beine aus dem Bett, angelte nach den Pantoffeln und richtete sich auf, den kurzzeitigen Schwindel unterdrĂŒckend. HĂŒllte sich im Dunkeln in ihren Bademantel, der griffbereit auf dem Stuhl lag und öffnete und schloss leise die TĂŒr, um ihren Mann nicht zu wecken.

Leise schlich sie an den Kinderzimmern mit den geschlossenen TĂŒren vorbei, die Treppe herunter und betrat die KĂŒche. Der Morgen war noch fahl und sie schauderte in seiner KĂŒhle, als sie die vor der HaustĂŒr liegende Zeitung aufhob. Sie ĂŒberflog die Schlagzeilen und setzte Teewasser auf. Dann ging sie rasch ins Bad, um sich die ZĂ€hne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Sie cremte es ein und fuhr sich mit der BĂŒrste durch die Haare. Jetzt sah sie schon manierlicher aus. SpĂ€ter, wenn die Kinder weg wĂ€ren, wĂŒrde sie sich in Ruhe fertigmachen.

Sie ging in die KĂŒche zurĂŒck, holte zwei bunte Becher aus dem Schrank. In jeden gab sie etwas Honig und einen Teebeutel, goss alles mit kochendem Wasser auf und genoss den Duft der FrĂŒchte, der sich augenblicklich verbreitete. Sie nahm zwei zu den Bechern passende Teller, den himmelblauen fĂŒr Charlotte und den roten fĂŒr Sabine, und schnitt dicke Scheiben Weißbrot ab. Heute sollte es Schokoladenstreusel geben, die mochten die Kinder doch so gern, die hollĂ€ndischen, die schmeckten am besten. Sie streute sie langsam auf die Brote, vergaß sich dabei und schaute verzĂŒckt zu, wie die Streusel die gelbe Butter zudeckten. SpĂ€ter wĂŒrde sie noch den Proviant fĂŒr den Tag vorbereiten.

Sie stellte die Teller auf den Tisch, dazu die Becher mit dem inzwischen fertigen Tee und warf die Kaffeemaschine an. Dann ging sie zum Fuß der Treppe und rief: „Charlotte, Sabine! Aufstehen! Heute habt ihr euren Ausflug! Kommt runter, das FrĂŒhstĂŒck ist schon fertig!“ Alles blieb still. Sie nahm sich eine Tasse Kaffee und las die Titelseite der Zeitung. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Es war so dunkel hier. Vorsichtig zog sie den Rollladen hoch und sah auf den mit Tau bedeckten Rasen des Vorgartens. Es wurde nun langsam hell draußen.

Sie beschloss, nach den Kindern zu sehen. Sie stieg die Treppe hinauf, mĂŒhsam, ihre Beine erschienen ihr tonnenschwer, und öffnete die erste TĂŒr. Das Zimmer ihrer Tochter Charlotte war ordentlich aufgerĂ€umt. Die Nachttischlampe warf einen warmen Schein und ließ alles im Zimmer erkennen. Auf dem Schreibtisch lagen ein Heft und ein Stift, ein paar BĂŒcher auf einem Stapel daneben. Die Schultasche stand halb unter dem Tisch, ebenso wie die Schuhe. Am Kleiderschrank hing ein Sommerkleid auf einem BĂŒgel, es sah aus wie frisch gewaschen. Ein paar Haargummis hatten sich auf der Fensterbank neben den Holzblumen verirrt. Das Bett war gemacht. Die WĂ€sche mit dem Mond, Charlottes Lieblingsteil, wirkte wie ein fröhlicher Farbtupfer. Die BĂŒcherregale waren voll gestellt, auch mit Nippes, aber alles war sortiert und sauber. "Mein ordentliches MĂ€dchen", dachte sie.

Sie ging zu dem nĂ€chsten Zimmer und wusste bereits, was sie erwartete: Eine kĂŒnstlerische Unordnung, die ihrer Tochter Sabine zu eigen war. Zwar war auch hier das Bett ordentlich mit der gleichen BettwĂ€sche wie bei ihrer Schwester bezogen, aber Decke und Kissen machten den Eindruck, als sei gerade erst jemand dort herausgekrochen. Der Kleiderschrank stand halb offen. Sie sah hinein geworfene WĂ€scheteile, Pullis und Hosen und auf dem Schreibtisch herrschte ein wildes Durcheinander von Stiften, Textmarkern, Heften, BĂŒchern und Figuren aus Überraschungseiern. Die Regale waren gefĂŒllt mit Basteleien und BĂŒchern mit Eselsohren und Flecken. "Meine kleine Chaotin", dachte sie zĂ€rtlich und löschte die Nachttischlampe, die auch hier gebrannt hatte.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein leises GerĂ€usch und zuckte zusammen. Ihr Mann legte ihr behutsam die Hand auf die Schulter. „Was machst du hier? Es ist doch noch fast dunkel!“, fragte er und drehte sie sanft zu sich herum. „Ich musste doch heute frĂŒh aufstehen, die Kinder haben einen Ausflug“, antwortete sie leicht unsicher. Hatte sie sich etwa doch im Tag vertan?

Er nahm sie in die Arme und murmelte: „Vera, Vera. Liebe Vera. Die Kinder, sie sind doch....o mein Gott!“, er brach ab und wiegte sie. Vera hörte ihn nicht. Die Kinder wĂŒrden zu spĂ€t kommen. Sie mussten jetzt aufstehen, sonst versĂ€umten sie noch den Bus. Sie löste sich aus seinen Armen und sagte: „Komm, hilf mir, die Kinder zu wecken!“ Er schluckte, wartete ein paar Sekunden und sagte dann mit ruhiger Stimme: „Vera. Hör mir zu. Die Kinder....ach, es hat ja doch alles keine Sinn! Hast Du Deine Tabletten genommen?"

„Ja, ich habe gestern Abend aber nicht alle geschluckt, ich musste doch heute Morgen frĂŒh aufstehen, damit die Kinder rechtzeitig zum Ausflug kommen." Sie schwieg erneut und er bemerkte, dass sie durch ihn hindurchsah, seinen Haaransatz fixierend. Gemeinsam blickten sie erneut in die dunklen, leeren Kinderzimmer. „Komm, ich bring dich hinunter. Wir frĂŒhstĂŒcken und ich rufe deine Schwester an. Sie wird dir Gesellschaft leisten“, sagte ihr Mann leise. Widerstandslos ließ sie sich in die KĂŒche fĂŒhren. Ohne eine Regung aß sie die Brote mit den Streuseln und trank den kalt gewordenen Tee aus den Kinderbechern. Als sie fertig war, pickte sie mit dem Zeigefinger sorgfĂ€ltig jeden einzelnen Schokoladenstreusel auf. Sie durfte nicht vergessen, beim nĂ€chsten Einkauf neue mitzubringen.

Die MĂ€dchen wĂŒrden sich freuen.

Version vom 23. 04. 2013 18:02
Version vom 27. 04. 2013 12:56
Version vom 27. 04. 2013 13:34
Version vom 01. 05. 2013 17:17
Version vom 12. 03. 2014 12:16
Version vom 17. 03. 2014 12:54

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USch
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Registriert: Not Yet

Hallo Doc,

quote:
Plötzlich hörte sie hinter sich ein leises GerĂ€usch und zuckte zusammen. Ihr Mann legte ihr behutsam die Hand auf die Schulter. „Was machst du hier? Es ist doch noch fast dunkel!“, fragte er und drehte sie sanft zu sich herum.
Zeit!

quote:
„Ja, ich habe gestern Abend aber nicht alle geschluckt, ich musste doch heute Morgen frĂŒh aufstehen, damit die Kinder rechtzeitig zum Ausflug kommen....“ sie schwieg erneut...
Ich wĂŒrde einen Punkt setzen!
zum Ausflug kommen....“. Sie schwieg...

quote:
Komm, ich bring dich herunter.
Ich wĂŒrde hinunter schreiben, da die ProtÂŽs oben stehen. Weiter oben auch noch mal ĂŒberprĂŒfen aus welcher Sicht du schreibst. Da war noch so ein Fall.

Eine sehr ernste excellent geschriebene Geschichte.
LG Uwe

P.S. Du bist ja im Akkord durch einige meiner Geschichten gezogen. Danke dir. Allerdings erzeugt das sicher Neid, dass gleich mehrere Geschichten plözlich ganz oben in der Pole-Position stehen. Da haben dann die Anonymen wieder ein Feld zum Bewertungsabkanzeln. Naja, damit muß ich halt leben, hat ja auch was, viel gelesen zu werden.

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Architheutis
Guest
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Servus Doc,

quote:
Das Wachwerden war immer das Schlimmste, sie tauchte mĂŒhsam an die OberflĂ€che ihres Bewusstseins, sehnte sich aber danach, in der SchwĂ€rze des Schlafes verharren zu können. Beharrlich tröpfelte es in ihr Hirn und in ihr Herz: Irgendetwas stimmte nicht.

Selten hier ein besseres Intro gelesen.

quote:
Sie streute sie in MĂ€andern auf die Brote

Es mĂ€andern FlĂŒssigkeiten, keine Schokostreusel. Das passt nicht.

quote:
Sie durfte nicht vergessen, beim nÀchsten Einkauf neue mitzubringen.

Die MĂ€dchen wĂŒrden sich freuen.

Ein bewegender Text! Man wÀhnt am Anfang eine desillusionierte Ehefrau und Mutter, vielleicht eine, die trinkt oder Tabletten schluckt. Erst als der Mann auftaucht, wÀhnt man das Eigentliche, das Arge.

Ich wĂŒnsche mir mehr solcher Texte hier. Nicht dieser Thematik, sondern diese Kunst, zu erzĂ€hlen. Das hast Du hier!

Mir gefÀllts`, aber bitte lass die Streusel nicht mÀandern. ;-)

Lieben Gruß,
Archi

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Paul Schubert
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Doc,

Du hast recht, der Text ist Dir wirklich gut gelungen. Stekys MĂ€kelei Deiner Sprache wegen kann ich nicht nachvollziehen. Die Sprache dĂŒrfte die extrem problematische Situation keineswegs noch zu dramatisieren versuchen. Das wĂŒrde dem Text schaden.

Architheutis ĂŒberschwengliches Lob des Textanfangs ist mir allerdings ein wenig zu ĂŒberschwenglich. Der Grund sind die Substantivierungen. Waren die Gestaltung oder haben sie sich nur eingeschlichen? MĂŒsste ich den ersten Absatz ĂŒberarbeiten, wĂŒrde ich ihn etwa so schreiben:

â€șAufzuwachen war schlimm fĂŒr sie, sehr schlimm. Noch immer sehnte sie sich danach, in der Dunkelheit ihres Schlafes verharren zu dĂŒrfen. Aber sie musste aufwachen. MĂŒhevoll tauchte sie auf in eine unerbittliche Welt. Nach und nach tröpfelte ihre Erinnerung zurĂŒck. Doch etwas stimmte nicht.â€č

Der »behutsame Aufbau« ist fĂŒr Dich ein Baumuster fĂŒr Deine Texte. Ich habe ihn nun schon in mehreren gefunden. Er passte jeweils. Das ist auch hier der Fall. Er passt zu den Situationen, die Du textuell gestaltest. Jedenfalls war das in jenen Geschichten der Fall, die ich bisher gelesen habe.

Gruß

Paul

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DocSchneider
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Werke: 137
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Hallo Leovinus, habe mich getraut, den Text nach langer Zeit zu verÀndern. Der Satz des Mannes fehlt nun. Die Geschichte wird dadurch tatsÀchlich anders.
Vielleicht kann man das Ganze noch weiter rauszögern, aber jetzt lasse ich es erstmal so.
Vielen Dank fĂŒr die Anregung und lG,
Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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