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Leselupe.de > Humor und Satire
Story XIV: Die alpischen Spiele des Macrinus Meyer
Eingestellt am 22. 07. 2019 09:32


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Qayid Aljaysh Juyub
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2019

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Mit einem legeren Hieb enthauptete Ragnar Lodbrok, der muskelgewaltige und Testosteron gepimpte Barbar, den mĂ€chtigen Oger, sodass der hĂ€ssliche SchĂ€del jener grausamen Bestie bis in den hintersten Winkel der virtuellen Höhle flog und der 40-Zoll Bildschirm schier von der Menge des vergossenen Pixel-Blutes troff; mit einem derartigen Bildschirm lohnte sich doch die Paystation 99 Âœ doch ganz enorm. Macrinus Meyer, seines Zeichens Assistenzkaufmann fĂŒr mediales Advertising, genoss derartige Momente des avatarischen Triumphes ungemein, vorallendingen, wenn die gar bösewichtigen Opponenten bei ihrem gewaltsamen Ableben klĂ€glich grunzten oder lustig zuckten. So kicherte unser rabiater Gamer glĂŒckselig angesichts des ruhmlosen Endes des aktuellen Level-Bosses und schob sich laut schmatzend - gewisse Ähnlichkeiten mit dem an einen Livemittschnitt aus einem Wutzenstall erinnernden Kampfschrei des soeben Getöteten ließen sich dabei nicht abstreiten- ein gewaltiges StĂŒck seiner fetttriefenden Pizza-Bacon-Speziale-XXL rein. Im Gegensatz zu seiner Kunstfigur war unser Gourmet nicht ganz so Mister-Universe-mĂ€ĂŸig gebaut, da seine Muskulatur sich vornehmlich auf die wachsenden Fettschichten der Körpermitte konzentrierte. WĂ€hrend der Killer unzĂ€hliger, digitaler MonstrositĂ€ten noch genĂŒsslich an seiner Cholesterinmegatonnenbombe herumkaute, dachte er verzĂŒckt an seinen zweitliebsten Charakter, den mĂ€chtigen Nekromanten Trumpino. Mit dessen kolossalen, magischen FĂ€higkeiten beseitigte man die stereotypen Formen des Bösen im momentan angesagten Mainstream-MMORG ‚World of Xenophobia‘ auf fĂŒr Macrinus höchst originelle Weise; unser BĂŒrogehilfe der Werbeagentur Gobbel & Partners hĂ€tte sich auch durchaus vorstellen können, den unglĂŒcklichen Oger mundgerecht zu grillen, zumal das verendete Meistermonster ihn irgendwie an seinen despotischen Chef, Dr. Alfred Hugenberg, erinnerte, der Meyer trotz seiner charakterlich Ă€ußerst flexiblen, kriechtieraffinen Art auf eine eher desinteressierte, reflexartige Weise unterdrĂŒckte. Der aufkeimende Gedanke an den diktatorischen BĂŒrovorsteher verursachte in der Folge denn auch, dass der servile Assistenzkaufmann ein unangenehmes Rumpeln in der Darmgegend verspĂŒrte und ihm ein gewaltiges BĂ€uerchen aus einer etwas sĂŒdlich gelegeneren Körperöffnung entfleuchte. Durch solch ĂŒberzeugende Argumente angetrieben, entschied sich der tapfere Drachentöter -Fafnir der Oberlindwurm von Trivilianistan fiel doch tatsĂ€chlich der grausamen Barbarenaxt im vorherigen Level zum Opfer- eilig ein weniger heroisches Örtchen aufzusuchen, um schlimmere, verdauungsbasierte Events zu vermeiden. Trotz seines wenig athletischen Körperbaus bewegte sich der sonst behĂ€bige Meyer mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit zum ersehnten Ziel darmentleerender AktivitĂ€ten und platzierte sich, noch sprintend von seinen Beinkleidern befreiend, dort auf die hĂ€ngende Billigversion einer Toilette, die unter seinem Gewicht doch bedenklich Ă€chzte. Mit einem Seufzer lustvoller Befriedigung befreite sich der Werbefachmann von der leidigen Last und lĂ€chelte glĂŒcksselig nach gelungenem Werk, da derartige TĂ€tigkeiten zu den wenigen Erfolgserlebnissen seines recht eintönig eindimensionalen Lebens gehörten. Daneben gehörte besagtes Onlinerollenspiel ebenfalls zu den nicht zahlreichen Freuden im Dasein des passionierten LatrinengĂ€ngers, zumindest seitdem er sich fĂŒr die als Grundversion kostenlose Hack+Slay-Orgie das ‚Super Hero Upgrade Pack‘ fĂŒr schlappe 199 Tacken besorgt hatte. Selbst einem untalentierten Pseudozocker wie unserem biederen Freund ebnete die Erweiterung den Weg bis mindestens Level 99; fĂŒr die weiteren 500 Stufen virtuellen Abschlachtens bot der Spielehersteller völlig uneigennĂŒtzig den ultimativen ‚Gaming God Exploitation Mode‘ gegen eine kleine GebĂŒhr von 499,99 Euro monatlich an. Diverse Cheats von freundlichen Hackern gab es zwar im Netz freilich fĂŒr lau, aber die waren fĂŒr den trĂ€gen Denkapparat des wenig geistreichen Hilfswerbemanagers doch zu kompliziert; ebenso verhielt es sich mit dem aktuellen Gimmick der VR-Technik, das ganze Spielsequenzen als Hologramm in den eigenen vier WĂ€nden wiedergab.
Voller Sehnsucht nach weiteren imaginĂ€r exorzistischen BrutalitĂ€ten auf dem gequĂ€lten Flatscreen erhob sich der unechte Terminator des virtuellen Mainstream-Universums vom Ort des fĂ€kalen VergnĂŒgens -wenn es am schönsten ist, soll man halt gehen- und bekleidete umstĂ€ndlich die untere Partie seines Körpers wieder mit den vorher entledigten Stoffmengen. Frohgemut bewegte also Macrinus aus seinem ungepflegten Hygienebereich in Richtung Wohnzimmer und stellte zu seiner Ă€ußersten Verwunderung fest, dass sich inzwischen unliebsamer Besuch eingefunden hatte. Breitbeinig und mit einem bösen Grinsen im Gesicht stand doch die bĂŒrokratische Nemesis aller geknechteter Assistenten in des Werbe-Meyers heruntergekommenen Wohnbereich.
‚Also nein, immer dieser Meyer! Wie konnten Sie nur! Einige Menschen wissen wirklich nicht, wie sehr sie sich vergehen!‘
Völlig entgeistert starrte der GerĂŒgte den Überraschungsgast, der statt in einem edlen Maßanzug obendrein in schmutzige Felle gekleidet war, mit heruntergeklappter Kinnlade an, unfĂ€hig einen geordneten Gedanken zu fassen.
‚Nun sagen sie doch etwas, Sie undeutscher WĂŒrmling! Sie wissen doch, wie ich Ihre unbeholfenen Rechtfertigungsversuche liebe! ‘
Der wohlkonditionierte BĂŒroangestellte reagierte nach dieser forcierten Aufforderung denn auch routiniert in erlernter Hilflosigkeit.
‚Verzeihen Sie, Herr Doktor! Ich habe wirklich viele Stunden intensiv nachgedacht, um unseren neuen Slogan zu vollenden, aber mir fĂ€llt wirklich nichts ein. Vergeben Sie mir Chef, den ersten Teil habe ich jedenfalls: Bist Du elend drauf um drei (
). Bitte, lieber Herr Doktor, geben Sie mir noch einige Tage und verbieten Sie mir nicht wieder in der Mittagspause etwas zu essen.‘
‚(
) schlĂ€gt der Oger Dich zu Brei! Sie haben Ihre hohle Birne wirklich nur zum Haare halten. Ich rede hier nicht von dĂŒmmlichen SprĂŒchen, die allenfalls Idioten wie Sie oder unsere unbedarften Auftraggeber ernstnehmen. Sie haben es gewagt, die Hand gegen mich zu erheben und mich mit Ihrer vermaledeiten Axt auf hinterhĂ€ltige Weise zu erschlagen. Dieses Sakrileg darf nicht ungesĂŒhnt bleiben. Ich fĂŒrchte, mit Abmahnung und folgender Entlassung ist es nicht getan, da es sich hier nicht um einen einfachen Fall von Widerworten oder renitenten Blicken handelt. Zu Ihrem eigenen Besten sehe ich mich ohne Bedauern genötigt, Sie mit meiner Kriegskeule zu bestrafen und anschließend zu fressen!‘
Dem völlig entsetzten ÜbeltĂ€ter fiel mit einem Mal auf, dass sein gestrenger BĂŒroleiter in der rechten Hand lĂ€ssig eine gewaltige, mit eisernen Dornen gespickte Kriegskeule hielt.
‚Aber bitte Herr Doktor, das war keine Absicht. Ich konnte das doch nicht wissen, haben Sie doch Gnade mit einem Schwachkopf wie mir (
)‘
‚Schweigen Sie! Sie haben jedes Anrecht auf Gnade, die ich Ihnen sowieso nicht gewĂ€hren wĂŒrde, verwirkt. Ihr Gewinsel und die spĂ€te Selbsterkenntnis nĂŒtzt Ihnen jetzt nichts mehr. Ich werde mich nun stĂ€rken und dann Ihr insubordinĂ€res Verhalten ahnden.‘
Voller Panik beobachtete der abgewiesene Bittsteller, wie seine wenig humane FĂŒhrungskraft mit der prankenartigen, linken Hand sich die Reste der vor Äonen erwĂ€hnten Bacon-Pizza griff, diese genĂŒsslich vertilgte und sich dabei in der Art von schlechten Hollywoodstreifen nicht etwa in einen Werwolf, sondern tatsĂ€chlich in den vor kurzem erledigten Oger aus dem vielgeliebten Onlinerollenspiel verwandelte. Zwischen Fluchtreflex und lĂ€hmender Furcht gefangen, erblickte der mĂ€chtige Konsolenkrieger mit einem Mal eine gewaltige Streitaxt in greifbarer NĂ€he an einer benachbarten Wand seiner Ă€rmlichen Behausung lehnend.
Derweil beendete die voll transformierte FĂŒhrungskraft seine Vorspeise mit einem gewaltigen RĂŒlpser.
‚So Meyer, nun zu Ihnen!‘
Ohne Zweifel hĂ€tte sich jetzt Ragnar Lodbrok die bereitwillige Axt geschnappt und Alfred Hugenberg wieder in die Hölle geschickt, aus der sich dieser ĂŒble Schatten der Vergangenheit erhob. Wie ihr euch vermutlich denken könnt, mangelte es unserem digitalem MonsterjĂ€ger doch ein wenig an den dazu notwendigen, heroischen Eigenschaften, sodass der Fluchtreflex den Wettstreit der GefĂŒhle gewann und Macrinus leicht watschelnd versuchte, seinem unangenehmen Schicksal zu entrinnen; fairerweise sollte man wohl erwĂ€hnen, dass unser Mann mangels physischer KrĂ€fte die Axt auch nicht hĂ€tte schwingen können. Lachend holte Alfred der Oger sein Opfer spielend ein und schmetterte die gewaltige Keule auf dessen Haupt (
)
Mit einem lauten Schrei und schweißgebadet erwachte der im Traum gekeulte Werbefachmann in seinem Fernsehsessel. Irgendwann wĂ€hrend der 1054 Folge der allseits unbeachteten und schlaffördernden Kriminalserie ‚Soko Kleinkleckersdorf‘ mit polit-erzieherischem Mehrwert war unser braver Zuschauer televisionĂ€rer Massenunterhaltung gewohnheitsmĂ€ĂŸig entschlummert. Viel hatte unser Mann wĂ€hrend seines 20-minĂŒtigen Intermezzos in Morpheus Armen freilich nicht versĂ€umt, sondern erwachte gerade zum unvermeidlichen Höhepunkt der von establishment-getreuen Kritikern hochgejubelten Krimireihe. Wie ĂŒblich ging es dem hĂ€sslichen, naturalmente biodeutschen und axtmörderische ÜbeltĂ€ter – eine Mischung aus Jack the Ripper, Adolf Hitler und durchgeknalltem Gartenzwerg namens ‚dumpfbackiger, doppelseitig geschliffener Messer-Fritze‘ – durch die ebenso taffe wie durchgestylte Kommissarin, die trotz ihrer 77 Lenze noch im Geiste von einer politisch korrekten, jugendlichen Einfalt blieb, endlich an den Kragen. Leger erledigte die alte Dame das Untier, auf dessen tödliches Konto mindestens 99 irgendwie rassistisch motivierte Morde an MĂ€nner Frauen und Kinder gingen, mit einem gezielten Hieb ihrer schicken Gehhilfe von Yves Saint Laurent. Weiter brauchen wir uns um dieses sehr deutsche Machwerk nicht zu kĂŒmmern, da es nicht wesentlich weiter zur Handlung beitrĂ€gt und ich mich in einer anderen Geschichte mit derartig medialen ErgĂŒssen noch auseinandersetzen werde.
ZurĂŒck zu unserem Protagonisten! Der achtete nun weniger auf den stereotypen Schwachsinn in HD, sondern entsetzte sich vornehmlich ĂŒber die traumatischen Erlebnisse in der Anderswelt. Weniger betrĂŒbte ihn das realistische Bild seines Vorgesetzten und des eigenen, flexiblen Charakters, nein, wirkliches Unbehagen löste sein physisches Erscheinungsbild und seine Rolle als Gamer aus. Neben vielen anderen Zeitgenossen verachtete der durchtrainierte hilfskaufmĂ€nnische Angestellte Menschen, die nicht dem temporĂ€ren Schönheitsideal entsprachen und natĂŒrlich ganz besonders die erwĂ€hnte Art von Spielern. So pflegte Meyer in seiner Freizeit, tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzt von seinen Spezis Klein-Strieber und Heydrich, alle Arten von ihm als gesellschaftliche Außenseiter deklarierten Menschen teils handgreiflich zu foppen. Schon als Kind ratloser, wohlhabender Akademiker, die ihren Filius trotz ĂŒppiger Spenden an entscheidungsbefugte LehrkrĂ€fte und diverser Beziehungen nicht zur Hochschulreife fördern konnten, lachte unser Held gut und gerne ĂŒber ‚Asoziale‘ – in exklusiveren Kreisen noch heute ein beliebtes FreizeitvergnĂŒgen. Obwohl der aktive Bodybuilder ebenfalls eine Paystation besaß und gelegentlich einer Partie '9/11 Vengeance' – ein sehr benutzerfreundlicher Ego-Shooter bei dem man Heerscharen von Terroristen und deren Familien richtiggehend abknallen konnte- nicht abgeneigt war, verabscheute er mit der ganzen IntensitĂ€t des untalentierten KleinbĂŒrgers allem kreativem gegenĂŒber all jene, die virtuelle Welten eintauchten. So resultierte das Selbstbildnis in des Werbegehilfen Traum denn auch den schon vorhandenen Vorurteilen in seinem kleingeistigen Denkmechanismus.
Der Schock saß tief und es bedurfte schon einer mittelprĂ€chtigen Aufmunterung, um unseren eher körperlich denkenden Bodybuilder nicht in Depressionen abgleiten zu lassen. Wie in solchen FĂ€llen ĂŒblich, setzte sich unser Werbefachmann in Richtung des nĂ€chsten Spiegels in Bewegung, der sich zufĂ€llig in seinem Badezimmer befand und dort einen guten Teil der Seitenwand einnahm. WohlgefĂ€llig betrachtet unser Mann seinen durchtrainierten Körper mit einem zufriedenem Grinsen, diverse Mucki-Posen vollfĂŒhrend.
'Mein Gott, bist Du schön!'
UnwillkĂŒrlich entschlĂŒpfte dem Muskelmann sein bevorzugter Standardspruch eigener Bewunderung, der ihm sonst manchmal bei den seltenen Gelegenheiten intimer TĂ€tigkeiten mit anspruchslosen, one-night-stand suchenden Damen entfleuchte, denen der schwache Geist und der mangelnde Charme ihres Sexualpartners angesichts des annehmbaren Körpers eher gleichgĂŒltig war. Zufrieden mit sich und seiner kleinen Welt begab sich der sporadische Liebhaber zu seinem Lieblingsörtchen – zumindest eine Vorliebe, die er mit seinem traumgeborenen alter ego teilte. Entschlossen entledigte sich Macrinus des unteren Teils seines Jogginganzugs, dessen Stillosigkeit fast einem Kapitalverbrecher gleichkam, aber dafĂŒr als teures Markenprodukt verscherbelt wurde und setzte sich auf das hĂ€ngende Utensil unerfĂŒllter, latrinengĂ€ngiger SehnsĂŒchte. Mit einem genĂŒsslichen Seufzer schlug der Sitzende sein Wasser ab und erfuhr bei dieser befreiende TĂ€tigkeit eine schon fast göttliche Erleuchtung, die ihm gelegentlich bei seiner LieblingsaktivitĂ€t widerfuhr.
'Bist Du elend drauf um drei? Trinke Kloakensteiner, das macht Dich frei!'
Heureka! Wie lange wie viele Wochen hatte er schon sein leistungsschwaches Gehirn nach einer passenden Fortsetzung des Slogans zermartert. Voller Stolz auf die eigene KreativitĂ€t spannte unser DichterfĂŒrst seinen Bizeps an, um sich am Anblick der eigenen Muskeln zu ergötzen. Mit einem selbstzufriedenen LĂ€cheln drehte unser Schwarzenegger-Abziehbild seinen vakuumversiegelten Kopf in Richtung Arm und stieß einen Schrei Ă€ußersten Entsetzens aus. Statt wohl gerundeter Muskelmasse erblickte die Assistenzzierde der Werbewirtschaft ein dĂŒnnes StrichĂ€rmchen. Geschockt verlagerte der gebeutelte Bodybuilder sein Gewicht. Mit einem gewaltigen Knall riss die Toilette aus der Wandhalterung und schmetterte mitsamt ihrem perplexen Kunden auf den Boden. Zu allem Überfluss ergoss sich ein Strom ĂŒbelriechender FĂ€kalien auf den unfreiwillig gegroundeten Meyer, der sich verstĂ€ndlicherweise in einem Zustand Ă€ußerster Verwirrung befand. Nach einiger Zeit jedoch stemmte sich der gefallene Held schwer schnaufend empor und erblickte nach geglĂŒcktem Unterfangen zufĂ€llig sein Abbild im hochgeschĂ€tzten Spiegel. Ein verzweifeltes KrĂ€chzen verließ die Kehle des seltsam Transformierten: Ein gewaltig ĂŒbergewichtiger, kahlköpfiger Mann, dessen dĂŒrre Arme und Beine an einen den Eindruck eines großen KĂ€ferchens verstĂ€rkten, spiegelte sich dort mit verzerrter Miene, wĂ€hrend sich der Bauchumfang des UnglĂŒcklichen stetig vergrĂ¶ĂŸerte. Gebannt betrachtete Macrinus den Vorgang, bis er dann mit einem lauten Knall explodierte. (
)
Als Meyer aus seinem BĂŒroschlaf erwachte, blickte er direkt in Hugenbergs mitleidloses Gesicht, sodass ihm ob der unangenehmen Überraschung ein leichter Darmwind verließ. Verwirrt realisierte der Erwachte, dass er sich im schmuddeligen GroßraumbĂŒro fĂŒr niedere Mitarbeiter seines Arbeitgebers befand.
'Na, hat der Herr wohl geruht oder soll ich Ihnen noch ein Kissen holen?'
Leicht schleimig knechtisches Gekicher der ĂŒbrigen im Raum Befindlichen orchestrierte die mit gewohnt hĂ€mischen Ton hervorgestoßenen Worte des wenig toleranten Vorgesetzten, dessen schrille Stimme schon eine ungeheure Folter menschlicher Hörorgane darstellte.
Der Angesprochene registrierte mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, dass sich das Schwert des Damokles offensichtlich gelöst hatte. In seiner Not und im Bewusstsein, dass eine noch so ausgefeilte Verteidigung ihn unmöglich vor der fristlosen KĂŒndigung bewahren konnte, versuchte der Hilfswerbefachmann sich dennoch zu rechtfertigen.
‚Herr Doktor, bitte, der Eindruck tĂ€uscht! Ich habe nur intensiv nachgedacht und deshalb die Augen geschlossen. Bitte Herr Doktor Chef glauben Sie mir! Ich wĂŒrde es niemals wagen, Ihnen die Unwahrheit zu sagen. Mir ist es jetzt gelungen den wesentlichen Teil des Slogans fĂŒr die FrĂŒhstĂŒcksbutter von DoppelwĂŒrg zu designen: Bist Du elend drauf um drei (
)‘
‚(
) ist jetzt Schluss mit Meyers Schwafelei. Meyer, hier geht es nicht lĂ€nger um hirnrissige SprĂŒche fĂŒr den kleinen Analphabeten auf der Straße!‘
Serviles GelĂ€chter erklang fĂŒhrungskraftunterstĂŒtzend von den nicht so ganz teuren PlĂ€tzen im schĂ€bigen BĂŒroraum. El Supremo wiederum reagierte auf fĂŒr die treuen Angestellten ungewohnte Weise und brachte mit einem sozusagen Rundum-Basiliskenblick den Heiterkeitsausbruch zu einem abrupten Ende.
‚Ich will nicht, dass ĂŒber diesen Mann gelacht wird! Er ist ein gefĂ€hrlicher Feind des Volkes!‘
Nach einer theatralischen Pause, die vom erwartungsvollen Schweigen der Meute unterstrichen wurde, setzte Alfred Hugenberg seine Philippika fort.
‚Meyer, wenn Sie wirklich so heißen, Sie werden beschuldigt, ein Zigeuner zu sein. Leugnen ist zwecklos! Ich habe unwiderlegbare Beweise durch einen anonymen Hinweis einer Ihrer Kollegen und meine unfehlbare Intuition; außerdem hat man Sie in der Operette ‚der Zigeunerbaron‘ gesehen!‘
Völlig entgeistert und mit TrĂ€nen der Scham in den Augen starrte der Beschuldigte seinen AnklĂ€ger an, wohl wissend, dass sich der forsche Doktor einem seiner vielen TobsuchtsanfĂ€llen nĂ€herte, die nicht selten mit der fristlosen KĂŒndigung des Delinquenten und der handgreiflichen -gerne auch durch Fußtritte in das GesĂ€ĂŸ- Entfernung des Entlassenen aus den wenig heiligen Hallen der bundesdeutschen Werbeindustrie endeten. Das Beste fĂŒr das Opfer in solchen Situationen war es zu schweigen, um Schlimmeres zu verhĂŒten.
‚Ich werte Ihr Schweigen als SchuldeingestĂ€ndnis! Ihr rudimentĂ€r vorhandenes Gewissen lĂ€sst Sie vermutlich verstummen!‘
Die Verzweiflung trieb den Beschuldigten zu einer ungewöhnlich mutigen, wenn auch stupiden Aktion.
‚Glauben Sie hochgeehrter Herr Doktor, ich bin kein Sinto!‘
Fast augenblicklich bemerkte der geistig arme Meyer, dass er gerade einen gravierenden Fehler beging und schwieg betreten. Weil er sich gerne ĂŒber vermeintliche Außenseiter amĂŒsierte, hatte er sich vor einigen Tagen eine tendenziöse Reportage auf einer großzĂŒgig von Heydrich geliehenen DVD ĂŒber Sinti und Roma mehrmals angesehen. Trotz seiner begrenzten Auffassungsgabe gelang es dem Assistenzkaufmann, sich tatsĂ€chlich einige Details zu merken.
‚Sie wagen es zu leugnen! Ein weiterer Beweis Ihrer Schuld!‘
Ein leichtes RĂ€uspern ließ den tobenden AnklĂ€ger herumfahren. Nicht weit vom Schreibtisch des Delinquenten entfernt stand Security-Mann Heydrich in seiner schwarzen Uniform.
‚Verzeihung Herr Doktor, aber Meyer kann Zigeunersprache. Sinto bezeichnet ein mĂ€nnliches Exemplar dieser Gattung!‘
‚Ich wusste es! Ha, auf frischer Tat ertappt! Woher wissen Sie das eigentlich Heydrich?‘
‚Kriminologische Studien und jahrelange BeschĂ€ftigung mit den AbgrĂŒnden der menschlichen Seele, mein Chef.‘
‚Sehr gut! Zigeuner, Du bist nun endgĂŒltig ĂŒberfĂŒhrt! Ich verurteile Dich nun zum Tode durch den Strang! Heydrich und Klein-Strieber vollstrecken Sie das Urteil!‘
Wie ein Springteufelchen erhob der stellvertretende des vor Urzeiten entlassenen Stellvertreter des lĂ€ngst gefeuerten Gruppenleiters von seinem Barhocker Ă€hnlichen Platz und strebte diensteifrig in Richtung des Schwerkriminellen, wĂ€hrend der Rest der Belegschaft ebenso erstaunt wie eingeschĂŒchtert die Ereignisse zur Kenntnis nahm. Der völlig aufgelöste Hilfswerbeknecht saß derweil wie gelĂ€hmt auf seinem Platz und blickte den herbeieilenden Klein-Strieber geradezu flehentlich an.
‚Um Himmels willen, Heini, sag doch etwas! Ich bin doch unschuldig!‘
Der Heini Klein-Strieber hielt kurz inne und betrachtete den Bittsteller mit grimmiger Miene.
‚Sorry Meyer, Du alter Leerbrenner, aber Befehl ist Befehl!‘
Dem pflichtbewussten Vollstrecker fiel mit einem Male ein, dass ihm in seinem wie gewöhnlich vorauseilendem Übereifer ein winziges Detail entgangen war.
‚Herr verehrter Herr Doktor, mit was sollen wir denn den Verbrecher aufknĂŒpfen?‘
‚Klein-Strieber, Sie subalterner Idiot, strengen Sie Ihren winzigen Verstand gefĂ€lligst an oder Sie baumeln neben dieser Null! Verwenden Sie meinetwegen ein Druckerkabel!‘
‚Jawohl, Herr Doktor!‘
Suchend blickte sich der diensteifrige Heini nach einem geeigneten Utensil um.
Heydrich, der in der Zwischenzeit sĂŒffisant grinsend die Geschehnisse betrachtet hatte, schaltete sich nun ein.
‚Einen Moment Klein-Strieber!‘
In völligen Missinterpretation der Situation aufgrund seiner mangelnden kognitiven FÀhigkeiten, schöpfte Macrinus die irrwitzige Hoffnung, davonzukommen.
‚Danke Reinhard! ErklĂ€re denen doch, dass alles ein MissverstĂ€ndnis ist!‘
Fast gleichzeitig lachten Hugenberg und Heydrich herzhaft auf.
‚Du bist ein Kretin Zigeuner, Herr Heydrich hat Dich schließlich bei mir gemeldet. Übrigens: Gut gemacht!‘
‚Danke, mein Chef! Ich habe nur meine Pflicht getan, obwohl die, wie in diesem Fall, manchmal richtig Freude bereitet. Wir haben ĂŒbrigens alles da, um den VerrĂ€ter zu bestrafen; schließlich trĂ€gt der ja die vorschriftsmĂ€ĂŸige Dienstkrawatte!‘
‚Ausgezeichnet Heydrich, erledigen Sie doch den Rest!‘
In den Scherben seiner kleinen Spießerwelt ward Meyer völlig von Konfusion erfasst. Zu seinem GlĂŒck besaß er keinen nennenswerten Verstand und konnte ihn auch daher nicht verlieren.
‚Zigeuner, Du steigst jetzt auf Deinen Stuhl und bindest das Unterteil Deiner Krawatte Leuchtkörper!‘
Der auf absoluten Gehorsam konditionierte BĂŒroangestellte tat wie ihm geheißen und befestigte den provisorischen Henkerstrick -die ‚Dienstkrawatte‘ war ein strickĂ€hnliches, robustes Plastikteil mit Firmenlogo- an die Neonröhrenbatterie oberhalb seines Arbeitsplatzes.
‚Gut! Jetzt springst Du vom Stuhl!‘
Trotz allem verinnerlichten Kadavergehorsams siegt beim einsichtigen ÜbeltĂ€ter dennoch der Selbsterhaltungstrieb. Ob des Ungehorsams seines Opfers runzelte der fernsteuernde Henker bedenklich die Stirn.
‚Na dann meinetwegen so!‘
Mit einem gezielten Karatetritt trat der eifrige Security-Mitarbeiter den billigen Plastikstuhl beiseite, sodass der unwillige Todeskandidat fĂŒr eine kurze Zeit zappelnd an seinem Schlips baumelte. Zur allgemeinen Überraschung und zum vorlĂ€ufigen GlĂŒck des Delinquenten jedoch löste sich der altersschwache Leuchtröhrenhalter, um krachend neben den ebenfalls zu Boden gegangenen Meyer zu landen.
‚Das darf doch wohl nicht wahr sein! Heydrich Sie haben mich enttĂ€uscht! Klein-Strieber, beseitigen Sie den Kerl!‘
Heini kratzte sich völlig ratlos am GesĂ€ĂŸ.
‚Wie denn, Herr Doktor?‘
‚Bin ich nur von Versagern umgeben?‘
‚Mein Chef, lassen Sie mich die Sache in Ordnung bringen!‘
‚Also gut, Heydrich, aber versagen Sie diesmal nicht noch einmal!‘
‚Zigeuner, Du gehst jetzt zum Fenster und öffnest dieses!‘
‚Wirklich gut, Heydrich, ein Aufprall aus dem 20. Stock dĂŒrfte von dem Kerl nicht viel ĂŒbriglassen. Einen fĂ€higen Kopf wie Sie könnte ich in unserer Prager Niederlassung gut gebrauchen. Aber was ist das, warum verweigert der Kerl den Befehl?‘
Keines unvernĂŒnftigen Gedankens mehr fĂ€hig saß der geschundene Meyer weiterhin auf seinem Hinterteil.
‚Kein Problem, mein FĂŒhrer! Heini, öffne doch kurz das Fenster, ich werde unserem kleinen Trotzkopf behilflich sein.‘
So setzte Meyer nach circa drei Minuten seine weitere Karriere abwÀrts fort, die etwas unsanft mit einem Aufprall endete. (
)
Verwirrt setzte sich der soeben Zerschmetterte in seinem Bett auf. Was fĂŒr ein merkwĂŒrdiger, erschreckender Traum und so realistisch; zumindest was den Charakter seiner zwei besten Freunde und seines gestrengen Chefs betraf! Wie immer nach außerordentlichen Stresssituationen ĂŒberfiel Macrinus ein fast animalischer Heißhunger und so beschloss unser viel gemordeter Held, sich ein dickes, veganes Pseudoschweineschnitzel hereinzuziehen. Unter uns KlosterbrĂŒdern und -schwestern gesagt, war die vegetarische Köstlichkeit natĂŒrlich ungefĂ€hr so vegan, wie eine aus TierabfĂ€llen zusammengerĂŒhrte Leberwurst. Allerlei legale Tricks und diverse EU-Verordnungen ermöglichten jedoch dem Hersteller, seine aus FleischrĂŒckstĂ€nden zusammengeklebtes, minderwertiges Produkt mit einem grandiosen Etikettenschwindel als rein pflanzlich zu verscherbeln.
Sich den Schlaf aus den Augen reibend, begab sich der hungrige Gourmet in Richtung KĂŒhlschrank und stand beim Verlassen des Schlafzimmers plötzlich einer vermummten Gestalt, die in der rechten Hand ein ĂŒbel aussehendes Brecheisen hielt, gegenĂŒber.
Das durfte ja nicht wahr sein, schon wieder so ein bescheuerter Traum! Aber dieses Mal wĂŒrde er nicht so blöde dastehen!
Meyer stieß ein ĂŒberlegenes Lachen aus, das allerdings durch einen schweren, zum Besinnungslosigkeit fĂŒhrenden Hieb mit des Einbrechers Handwerkszeug ein ebenso abruptes Ende fand wie die Existenz des leidgeplagten TrĂ€umers, denn dieses Mal handelte es sich um die bittere RealitĂ€t. Denn bedenke: Bist Du elend drauf um drei, ist nach einem gepflegten Schlag auf die Birne eh alles einerlei.
Wie man sieht, ist es sehr von Nachteil, Traum und RealitĂ€t zu verwechseln – solches sollte vielleicht mancher Politiker oder sonstiger Möchtegern verinnerlichen.

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Tula
Routinierter Autor
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Hallo Qayid

Wie versprochen die RĂŒckmeldung auch zu diesem. Die Idee gefĂ€llt mir sehr gut, die Umsetzung eigentlich ebenso, vielleicht ist's an einigen Stellen etwas zu dick bzw. "sprachlich zu anspruchsvoll", d.h. ich musste mich stellenweise ziemlich konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren.

Ansonsten erinnert mich der Schreibstil an gute(!) satirische Texte im Eulenspiegel, leider lese ich diesen nur einmal im Jahr im Urlaub.

Ein Punkt wĂ€re noch die fĂŒr mich etwas ĂŒberhĂ€uften Anspielungen auf geistige Defizite der Hauptfigur. Da mĂŒsste doch der Leser auch so drauf kommen?

Wie dem auch sei, fĂŒr mich ein origineller Text, den ich gern gelesen habe.

LG
Tula

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