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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sturmangriff
Eingestellt am 04. 02. 2017 17:35


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Arno Abendschön
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Damals, in jenen stĂŒrmischen Zeiten, waren wir achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Gleich nach der Schule zogen wir in eine richtige Großstadt. Wir hatten bis dahin noch nichts von der Welt gesehen, nur unseren Provinzwinkel. Jahrelang am Gymnasium dem Abitur entgegengeschlafen – und jetzt probierten wir Rollen aus. Er warf sich aufs dramatische Fach. Sein Lieblingsbild war Die Freiheit fĂŒhrt das Volk von Delacroix, sein liebstes Zitat: Ist erst der Vatermord geschehen, dann tanzen sie um die Leiche. Was mich betrifft, so neigte ich schon damals zum Elegischen, und zwar mit strafendem Unterton. Man sollte bemerken, dass ich Karl Kraus gelesen hatte.

Er dachte sich Pseudonyme auf Vorrat aus, wie Jonas Neuzeit oder Yosuah Abgrundt, und schloss seine Briefe mit Venceremos. Ich antwortete ihm einmal: Die Dummheit wird siegen – und gab als Absender auf dem Briefumschlag unser Kreiswehrersatzamt an. Worauf er postwendend schrieb: Du hast mir einen tĂŒchtigen Choc eingejagt, na warte! – Wenn wir uns drei Tage nicht sehen konnten, schickten wir uns Briefe, deren Hauptthema unser Projekt einer Zeitschrift war. Wir dachten uns das so Ă€hnlich wie die SchĂŒlerzeitung, nur auf eine uns unklare Weise bedeutender, und stritten vorerst noch ĂŒber den Titel. Was war besser: Human, wie von ihm vorgeschlagen, oder nach meinem Wunsch: Die Apokalypse?

Um diese und Ă€hnlich wichtige Fragen mit mir zu besprechen, bestellte er mich in den Hof der UniversitĂ€t. Ich war zehn Tage fort gewesen und staunte, als ich ihn von weitem sah. Er hatte die Marotten seiner Schulzeit endlich aufgegeben, dunkler Anzug, Krawatte, Stockschirm und Melone, und trug jetzt lauter buntes, schlabberiges Wollzeug. Diese fahlen Rot- und GrĂŒntöne standen ihm zwar nicht, doch wenn die Freiheit das Volk zur Revolution fĂŒhrt, darf man nicht lĂ€nger wie ein englischer Börsenmakler aussehen.

Jonas Neuzeit teilte mir sogleich mit, die Erörterung des Namens unserer Zeitschrift mĂŒsse verschoben werden, es gebe Wichtigeres, eine Veranstaltung im Audimax. „Maihofer spricht, das heißt, er will sprechen, man wird ihn daran hindern. Jetzt geht es los, es geht los.“ Dabei hĂŒpfte er auf einem Bein, als lĂ€ge die Leiche des Vaters bereits auf dem gepflasterten Hof.

Im Audimax angekommen, stellten wir fest, dass der Professor nicht dort sprechen sollte. Es hieß, Maihofer halte sein Referat in einem Hörsaal. Nur in welchem? Im Audimax tagte seit Stunden die Vollversammlung. Die rasch wechselnden Redner auf dem Podium ereiferten sich wegen der gestrigen Ereignisse von Heidelberg. Wir verstanden nicht genau, was vorgefallen war. Auf jeden Fall spielte wieder einmal Walter Krause seine unrĂŒhmliche Rolle, Krause, der Sozialdemokrat. Er war Minister in Stuttgart. Prophezeit hatte er es den Studenten schon vor einiger Zeit: Ihr werdet die FĂ€uste der Arbeiter zu spĂŒren bekommen! Nun waren zwar keine Arbeiter, dafĂŒr Polizisten handgreiflich geworden, so viel verstanden wir immerhin. Dagegen musste man sich verwahren, man musste sich solidarisieren, man musste Resolutionen fassen.

Die Versammlung endete in einem Tumult. Es entstand ein Wirbel in den GĂ€ngen, der Wirbel verdichtete sich zu einer Art PolonĂ€se, und sie fĂŒhrte zu jenem Hörsaal, in dem Maihofer sprechen sollte. Der Professor war noch nicht da. Studenten betraten sogleich das Podium, um dort öffentlich zu diskutieren. DarĂŒber traf der verspĂ€tete Professor ein. Er war damals schon nicht mehr Rektor in SaarbrĂŒcken und stand gerade am Anfang seiner ruhmreichen politischen Karriere. Er wollte ĂŒber Die gesellschaftliche Funktion des Rechts sprechen.

Professor F., ein wenig ĂŒbereifrig, stieß den studentischen Redner vom Podium, um es unverzĂŒglich dem Gastredner ĂŒbergeben zu können. Man protestierte lautstark. Maihofer zog seine gewöhnliche Flappe und wollte beginnen.

Es trat nun der Student B. vor und forderte von ihm, anstelle seines Vortrages nur einige Thesen zu skizzieren, damit man alsbald ĂŒber die gestrigen VorfĂ€lle in Heidelberg diskutieren könne. Maihofer, seine Flappe beibehaltend, war nicht erbaut. Er schlug seinerseits vor, die Diskussion dem ungekĂŒrzten Vortrag anzuhĂ€ngen. In der Zuhörerschaft brachen heftige Debatten aus. Maihofer schwieg dazu.

Der Dekan trat ans Mikrofon und schlug eine Abstimmung unter den Versammelten vor. Sie erbrachte indessen nicht das von ihm erhoffte Ergebnis. Eine knappe Mehrheit wollte Maihofer nur kurze Redezeit gewĂ€hren. Daraufhin verließen sĂ€mtliche Ordinarien den Saal.

Die radikale Mehrheit drĂ€ngte ihnen nach, wir beide mittendrin. Schon verließ die brodelnde Menge das GebĂ€ude mit ihr noch unbekanntem Ziel. Maihofer (mit unverĂ€nderter Flappe, weitere mimische Ausdrucksmöglichkeiten standen ihm nicht zu Gebot) fĂŒhrte die Prozession an. Die Professorenschaft bildete den Schweif des Kometen. In der verfolgenden Hundertschaft hieß es: „Wir stellen sie im juristischen Seminar!“ Dieses befand sich außerhalb vom Campus, einige Straßen weiter. Maihofer wandte dann allerdings eine List an, mit der keiner gerechnet hatte: Er verschwand auf dem Weg ins Seminar samt Kollegen in einer Weinstube. Dahin wollten ihm die Studenten nicht folgen. Hatte man je gehört, dass ein Weinlokal besetzt worden war?

Die Studenten ließen sich nicht irre machen. Zwar waren Maihofer und Gefolge entkommen und auch den Blicken schon entschwunden, doch am Seminar als Ziel der Aktion hielt man fest. Wenn es nicht möglich war, den scheißliberalen Professor zu einer Diskussion auf seinem eigenen Terrain zu zwingen, umso besser, dann besetzte man eben den kampflos ĂŒberlassenen Platz. Freilich hatte da im Nu eine Verschiebung des Begriffes Ziel stattgefunden, ohne dass es den Teilnehmern des Marsches recht bewusst geworden wĂ€re, nĂ€mlich von der Ebene der Handlung ins RĂ€umliche hinĂŒber. Aber auf dergleichen Finessen konnte die sich entfaltende und jetzt einfach bloß abrollende SpontaneitĂ€t keine RĂŒcksicht nehmen.

Wie sich bald erwies, konnte von kampfloser Einnahme keine Rede sein. Die im Seminar anwesenden Studenten und Assistenten waren gewarnt, sie stellten sich am Eingang der Hundertschaft entgegen. Es kam dort zu hĂ€sslichen Szenen. Die Verteidiger waren jedoch in der Minderheit und gaben bald die Treppe zur Bibliothek frei. Professor L., der ewig lĂ€chelnde L., versuchte noch, mit einem Scherzwort die Lage zu wenden. Aber von dergleichen SpĂ€ĂŸen, die in Weinstuben oder an anderen unseriösen Orten enden konnten, hatte man genug – man warf den Professor einfach in die Luft. Binnen kurzem war die Front begradigt. Alle ReaktionĂ€re waren nun hinter der Glaswand, die die Bibliothek vom Treppenhaus trennte. Vor ihr stauten sich die Eingedrungenen.

War es Zufall oder eine fĂŒr uns undurchschaubare GesetzmĂ€ĂŸigkeit, wir beide, Jonas Neuzeit und ich, wir befanden uns nun in vorderster Linie, genau vor der GlastĂŒr, die gerade einer vom Sozialistischen Studentenbund mit dem Dietrich öffnete. Hinter uns drĂŒckte die Menge gegen die Glaswand, in Richtung der jetzt offen stehenden TĂŒr. Eile tat Not, die Polizei war sicher schon unterwegs. Alles kam darauf an, dass wir uns in den winzigen Spalt drĂ€ngten. Jonas Neuzeit und ich, wir sahen uns an, zögerten – und die Sache war entschieden. Die Verteidiger zogen im gleichen Augenblick die TĂŒr zu sich heran und schlossen sie wieder ab. Zwar ging dann noch eine Glasscheibe zu Bruch, doch die Besetzer fluteten bereits zurĂŒck. Zehn Minuten spĂ€ter waren wir alle wieder im HauptgebĂ€ude und bereiteten neue Aktionen vor.

Am Ende des Semesters setzte ich mich ab. Ich verließ die UniversitĂ€t und auch die Stadt, meine erste richtige Großstadt. Ich sah Jonas Neuzeit nur noch selten, spĂ€ter gar nicht mehr. Wir wechselten noch Briefe. Nie berĂŒhrten wir den Versuch, die Bibliothek zu besetzen. SpĂ€ter schrieb er mir, er sei aus dem Sozialistischen Studentenbund ausgetreten und jetzt Redakteur einer trotzkistischen Zeitschrift. Er schloss den Brief mit den Worten: „Ich habe erreicht, was wir wollten, das heißt, was ich wollte.“


Version vom 04. 02. 2017 17:35

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Vagant
???
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Hallo Arno;

quote:
Nie berĂŒhrten wir den Versuch, die Bibliothek zu besetzen.
MĂŒsste doch eigentlich heißen: Nie bereuten wir den Versuch, die ....

Ich habe es mit Interesse gelesen, aber lĂ€nger hĂ€tte es fĂŒr mich in dieser Form nicht sein dĂŒrfen. Durch das konsequente Vermeiden von 'show' verebbt der Spannungsbogen dann doch recht schnell und die ErzĂ€hlung plĂ€tschert so dahin.
Nun wirst du sagen: Spannungsbogen? Hatte ich nie im Sinn, wollte einfach nur erzĂ€hlen, wie es war; und das ist am Ende auch Ok. Aber mir geht es beim 'tell' halt meist so, dass ich da mehr Autor als Geschichte lese. Meint: ich habe dann immer das GefĂŒhl, dass ich heimlich in einem Tagebuch blĂ€ttere, an Erinnerungen teilhabe die eigentlich nichts mit mir zu tun haben, sondern einzig und allein dem ErzĂ€hler gehören. Die ErzĂ€hlweise schafft es dann auch nicht, mich in die Szenerie hineinzuziehen. FĂŒr eine Geschichte finde ich diesen Umstand tödlich. Man sollte doch immer die Möglichkeit haben, sich selbst als agierender Teil der Geschichte vorstellen zu können. Vielleicht liegt ja gerade hier der grundlegende Unterschied zwischen Story und ErzĂ€hlung. Egal, ich möchte nun auch nicht ein weiteres mal diese sinnlose Diskussion ĂŒber die 'richtige Rubrik' anzetteln.
Fazit: Gern gelesen, mir Interesse gelesen, aber am Ende fehlte mir da etwas Saft.

Vagant.

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Arno Abendschön
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Lieber Daginius Lard, danke fĂŒr den ausfĂŒhrlichen Kommentar und das Lob. Nur noch kurz zum Hintergrund des Textes: Er ist schon fast 30 Jahre alt, wurde also nicht im Zusammenhang mit heutigem Parteienstreit geschrieben. Mein Motiv war, als Zeitzeuge einen charakteristischen Ablauf zu gestalten. Damals wollte ich die FragwĂŒrdigkeit aller Akteure aus dem Abstand von fast einer Generation beleuchten. Es sollte keiner wirklich gut wegkommen, weder die Professoren noch die Studenten. An diesen Erinnerungen ist fĂŒr mich als Autor nĂ€mlich das Entscheidende das LĂ€ppische, Aufgeblasene, Hohle, Unernste der Aktionen wie Reaktionen. Die beiden Hauptfiguren werden aus einer Perspektive betrachtet, wie sie Flaubert in der "Education sentimentale" gegenĂŒber seinen "Helden" der 1848er Revolution eingenommen hat: ernĂŒchtert.

Es mag sein, dass diese Selbstinterpretation dich nun wiederum ernĂŒchtert. Aber Karl Kraus zu lesen, bleibt natĂŒrlich eine lohnende Sache.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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Arno Abendschön
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Lieber Vagant, nein, von nicht bereuen kann gar keine Rede sein. Etwas berĂŒhren heißt ja auch: etwas im GesprĂ€ch streifen. Da sie das konsequent vermeiden, kann man annehmen, dass ihnen die Erinnerung eher peinlich ist. Die Geschichte lĂ€uft schließlich darauf hinaus, ihr Maulheldentum zu entlarven. UrsprĂŒnglich hieß sie "Versuch, die Bibliothek zu besetzen". Als Kurzgeschichte fasse ich sie auf, da sie eine klar abgegrenzte Episode mit Sprengung eines Vortrags und folgender fehlgeschlagener Besetzung eines Seminars darstellt. Die einleitenden Abschnitte und der kurze Ausblick sind natĂŒrlich atypisch fĂŒr eine Kurzgeschichte, sie scheinen mir ausnahmsweise jedoch zum VerstĂ€ndnis notwendig, da einem Großteil der Leser diese Zeit schon sehr fern ist.

Was den Stil angeht, verstehe ich deine Reaktion durchaus. Heute schreibe ich ja selbst ganz anders. Der Text gehört zu den ersten Versuchen, die ich Ende der 80er unternahm.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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Vagant
???
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Hallo Arno,
alles klar, nun verstehe ich das mit dem 'berĂŒhren', bzw. 'nicht berĂŒhren'. Ich muss gestehen, dass ich es so noch nie im Kontext 'nicht ĂŒber eine Sache zu reden', 'etwas ruhen zu lassen', gehört habe. Ist vielleicht auch eine Sache, die von Landstrich zu Landstrich anders gehandhabt wird. Aber deine Intention ist mir nun klar. Ich bin bei dem Satz nach dem dritten Lesen immer noch ins trudeln geraten, und konnte es, so wie es dort steht, einfach nicht deuten. Danke fĂŒr die AufklĂ€rung.
Vagant.

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