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Leselupe.de > Kurzprosa
Tagebuch eines Ungeborenen
Eingestellt am 09. 10. 2009 15:38


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Ralf Langer
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Die drei Engel

1955
Zwei M├Ąnner, vielleicht Mitte zwanzig, stehen an einem Anleger im Hamburger Hafen. Es ist fr├╝her Morgen.Sie sind m├╝de.
Am Abend hatten sie ihren Frauen gesagt, sie gingen auf Nachtschicht.
Aber sie fuhren nach Hamburg. Da war ein Schiff, das sie nach Kanada bringen sollte.
Weg von allem. Einen neuen Anfang wagen.
Sie sehen ihrem Schiff nach: Der Zug hatte Versp├Ątung.
Dann, als das Schiff schon l├Ąngst hinter den Landungsbr├╝cken verschwunden ist, drehen sie sich langsam um, fahren zur├╝ck zur Zeche, und leben schweigend weiter.
Einer von ihnen wird mein Vater werden.

1963
Meine Schwester hat eine Blindarmentz├╝ndung. Die O.P verl├Ąuft gut.
Alles sehr schnell. Auch vor ├╝ber vierzig Jahren beinahe Routine.
Die Narbe sieht gut aus. Aber es gibt kein Erwachen: Narkosefehler.
Sie wird nur sieben Jahre alt.
Ein Kind muss her. Meine Eltern haben den Tod meiner Schwester mit einem Foto ihrer Einschulung, in den Wohnzimmerschrank gestellt. Es ist 1966. Ein warmer Sommerabend an der Ostsee und eine gro├če rote Sonne ├╝ber J├╝tland sind die stummen Zeugen meines Bruders.

1967
Ein Kind ist genug. Meine Eltern schlagen sich mehr schlecht als recht durch die Tage.
Mein Bruder macht in die Windeln. Stolz der Familie.
Verh├╝tung ist ein Fremdwort. Und so bahne ich mir den Weg.
Ein Fehler im Abz├Ąhlreim fruchtbarer und unfruchtbarer Tage, und ein bleicher Vollmond sind meine Geburtshelfer.


__________________
RL

Version vom 09. 10. 2009 15:38
Version vom 09. 10. 2009 17:17
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Version vom 10. 10. 2009 12:02

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Gernot Jennerwein
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hallo lieber @Ralf Langer

Der Text ist so geschrieben, wie sich der Junge gef├╝hlt haben muss - ein bisschen traurig und bitter-ver├Ąchtlich. Mir gef├Ąllt das gut.

quote:
Meine Eltern haben den Tod meiner Schwester, mit einem Foto zur Einschulung, in den Wohnzimmerschrank gestellt.
"zur" l├Ąsst hier irritieren, besser "ihrer".
sie haben den Tod zusammen mit einem Foto in den Schrank gestellt - daher keine Kommas, denke ich.

quote:
Meine Eltern schlagen sich mehr schlecht als recht durch den Tag.
vielleicht besser Mehrzahl verwenden "die Tage".

Hebammen. oje, das Wort versaut den Text am Ende ein bisschen, aber das ist vielleicht Geschmackssache.

liebe gr├╝├če
gernot





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bluefin
Guest
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quote:
1955
Zwei (junge) M├Ąnner, vielleicht Mitte zwanzig, stehen an einem Anleger im Hamburger Hafen. Es ist fr├╝her Morgen.
Sie sind m├╝de. Am Abend hatten sie ihren Frauen gesagt, sie gingen auf Nachtschicht.
Aber sie fuhren nach Hamburg. Da war ein Schiff, das sie nach Kanada bringen sollte.
Weg von allem. Einen neuen Anfang wagen.
Sie sehen ihrem Schiff nach. besser: doppelpunkt Der Zug hatte Versp├Ątung.
(Dann,) Als das Schiff schon l├Ąngst hinter den Landungsbr├╝cken verschwunden ist war, drehten sie sich langsam um, fuhren zur├╝ck zur Zeche, und lebten schweigend weiter.
Einer von ihnen wird wurde mein Vater.
entweder in der zeit bleiben oder alles in pr├Ąsens. wenn alles ins pr├Ąsens soll, m├╝sste der letzte satz hei├čen .."wird mein vater werden".
quote:
1963
Meine Schwester hat eine Blindarmentz├╝ndung. Die O.P verl├Ąuft gut.
Alles sehr schnell. Auch vor ├╝ber vierzig Jahren beinahe Routine.
Die Narbe sieht gut aus. Aber es gibt kein Erwachen: Narkosefehler.
Sie wird nur sieben Jahre alt.
Ein Kind muss her. Meine Eltern haben den Tod meiner Schwester, mit einem Foto zur von der Einschulung, in den Wohnzimmerschrank gestellt. Es ist 1966. Ein warmer Sommerabend an der Ostsee und eine gro├če rote Sonne ├╝ber J├╝tland kein komma sind die stummen Zeugen meines Bruders.
das mit dem "zeugen" lahmt leider sehr, weil das wort "zeuge" gar nichts mit "erzeuger" zu tun hat. ich schlage vor "waren stumme miterzeuger". das kl├Ąnge immer noch cool genug und vermiede den sprachlichen stolperer.
quote:
1967
Ein Kind ist genug. Meine Eltern schlagen sich mehr schlecht als recht durch (den Tag) .
Mein Bruder macht in die Windeln. Stolz der Familie.
Verh├╝tung ist ein Fremdwort. Und so bahne ich mir den Weg.
Ein Fehler im Abz├Ąhlreim fruchtbarer und unfruchtbarer Tage(,) und ein bleicher Vollmond sind meine Hebammen.
ich rate zu "geburtshelfern". hebamme passt schon allein deshalb nicht, weil sie tats├Ąchlich weniger als gar nichts mit dem v├Âgeln zu tun hat, sondern erst ganz am ende zum "zug" kommt.

tipp, lieber @ralf: poste unter "tagebuch". trotz der guten einsch├╝be und vergleiche, die du dabei hast, geh├Ârz eindeutig dorthin.

liebe gr├╝├če

bluefin

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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Morgen Ralf,

durch Zufall habe ich mich heute am fr├╝hen Morgen in dieses Forum ÔÇ×verirrtÔÇť und bin von deinem Text sehr beeindruckt.
In k├╝rzester Form sagst du sehr viel.

Diese S├Ątze haben mir besonders gefallen:

quote:
Dann, als das Schiff schon l├Ąngst hinter den Landungsbr├╝cken verschwunden ist, drehen sie sich langsam um, fahren zur├╝ck zur Zeche, und leben schweigend weiter.

quote:
Die Narbe sieht gut aus. Aber es gibt kein Erwachen.

quote:
Ein warmer Sommerabend an der Ostsee und eine gro├če rote Sonne ├╝ber J├╝tland sind die stummen Zeugen meines Bruders.

quote:
Ein Fehler im Abz├Ąhlreim fruchtbarer und unfruchtbarer Tage, und ein bleicher Vollmond sind meine Geburtshelfer.

Dein Text hat nach meiner Meinung nichts mit Tagebuchaufzeichnungen zu tun, auch wenn er autobiographisch sein sollte.

Ich habe deinen Text zu fr├╝h bewertet, finde jetzt, dass er auf jeden Fall einen Spitzenplatz verdient.

Gru├č

Retep



__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann bei├čen sie hinein und sagen: ÔÇ×Schmeckt gar nicht wie Birne.ÔÇť< (Max Frisch)

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Ralf Langer
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hallo estrella, hallo rose,
habt dank fuer eure kommemtare.
in dieser geschichte ist das tatsaechliche leben des autors sehr stark verwoben.deshalb suchte ich nach einem schreibstil der von sich aus distanz zu dem erzaehlten schafft.
so kam es zu der telegrammartigen schreibe mit seinem lakonischen ton.
vor jahren hatte mein alter herr eine schweren unfall. aber es gelang ihm dem teugel von der schueppe zu springen.
als er nach der op schwer unter medikamenten gesetzt im bett lag, verwechselte er mich oft mit seinem jugendfreund und sprach mit mir ueber seinen versuch damals seinem leben mit der ausreise eine andere wendung zu geben.
ich glaube das ich bisher der einzige bin, der davon erfuhr. sein freund hat die geschichte mit ins grab genommen.
so recherchierte ich ein wenig meineigenes leben und dieser text entstand.
lg an euch
ralf
__________________
RL

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