Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
262 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tapetenwechsel
Eingestellt am 14. 06. 2002 23:36


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ich setzte die Ecke meines Spachtelmessers unter den losen Tapetenzipfel, der mir so ins Auge stach. Schon lange war ich der Meinung es m√ľsse dringend tapeziert werden, dieses G√§stezimmer. Alle anderen W√§nde in der Wohnung hatten inzwischen schon mehrmals neue Tapeten erhalten oder einen neuen Anstrich, doch in diesem Raum hielten wir uns bisher dezent zur√ľck. Jetzt allerdings sollte es anders sein, denn Onkel Gustav hatte seinen Besuch angemeldet. Onkel Gustav war unser Erbonkel und er verdiente es, in Aussicht auf unser zuk√ľnftiges Erbe von uns bevorzugt behandelt zu werden.

Die Tapete war schon reichlich vergilbt, doch wann wurde der Raum auch mal gebraucht?
Ich benutzte ihn in erster Linie zum Abstellen von √ľberfl√ľssigen Sachen, die im Weg herum standen. Es sollte einmal ein Kinderzimmer werden und als solches wurde es auch benutzt, wenn wir wieder die Kinder von meinem Bruder h√ľten sollten.

Ich hatte eine rote Kappe auf dem Kopf und f√ľhlte mich ganz so, wie ein Handwerker, als ich den gel√∂sten Zipfel mit beiden H√§nden griff und ruckartig von der eingefeuchteten Wand nach oben zog. Es roch unangenehm und es br√∂ckelte mir etwas vom Putz entgegen. Meine Augen hielt ich vorsichtshalber geschlossen und das war auch gut so, sonst h√§tte der „Erste-Hilfe-Kasten“ wieder herhalten m√ľssen, wie beim letzten Tapetenwechsel.

Diesmal wollte ich alles allein tapezieren, ich war mir sicher das zu k√∂nnen. „Kleinigkeit!“ hatte ich tags zuvor gro√üspurig get√∂nt und nun war ich dabei den Beweis anzutreten.

Als ich meine Augen wieder öffnete, traute ich denselbigen nicht und starrte fassungslos auf die Mitte der Wand. Was dort zum Vorschein kam war alles andere als normal und ich lief sogleich, um eine Lupe zu holen. Da lag noch in der untersten Schublade des Wohnzimmerschrankes diese große Lupe von Schwiegervater, die er immer zu Lesen der Zeitung benutzte, weil seine Augen statt einer Brille lieber eine Lupe wollten.

Wie Sherlock-Holmes kam ich mir vor, als ich durch das Vergr√∂√üerungsglas in die L√ľcke der Wand sp√§hte. Tats√§chlich, wie war so etwas m√∂glich?

Da stand dort allen Ernstes ein Miniatur-Schaukelstuhl, in dem sich eine Ameise schaukelnd hin und her bewegte. Ich war fassungslos, perplex! - Ameisen sind doch immer so flei√üige Wesen – hatte ich gedacht und dann so etwas! Doch damit nicht genug: Jetzt fiel mir erst die Stra√üe auf, die sich zwischen der schlecht verputzten Wand und dem Gem√§uer gebildet hatte, auf der nacheinander die Ameisen liefen, wie man es von diesen Wesen nicht anders kennt. Sie √ľberh√§uften die Ameise im Schaukelstuhl mit Geschenken. – Ob sie wohl Geburtstag hat? – ging es mir durch den Kopf. Das musste ich n√§her verfolgen.

Es war anstrengend immer so mit der Lupe vor der Wand zu stehen und die Tierchen zu beobachten. Ich holte mir einen Stuhl und als ich lange Zeit den Schaukelbewegungen der Ameise zugesehen hatte fiel mir ein, dass da ja noch Schwiegervaters Schaukelstuhl in der Ecke stand und ich dachte: -Wenn sogar die Ameisen faul sein k√∂nnen, kann ich es auch! –
Dabei muss ich dann wohl eingeschlafen sein, denn ich wei√ü echt nicht, warum mein Gatte so fluchte, als er die letzte Tapete um Mitternacht an die Wand brachte: „Alles muss man selber machen!“ t√∂nte es hinterher in meinen Ohren. Den Ameisengeburtstag habe ich ihm sicherheitshalber verschwiegen. Sie werden sich √ľber eine neue Tapete in ihrer Behausung gefreut haben.
***

Es lie√ü mir keine Ruhe. Ich konnte mein Erlebnis mit den Ameisen nicht vergessen und immer wieder zog es mich zu der neu tapezierten Wand hin. Ich hielt mein Ohr an die Stelle der Wand, wo ich die fein s√§uberliche neue Wohnung der Ameisen vermutete. - Was w√ľrden sie jetzt dort treiben? ‚Äď ging es mir durch den Kopf. Ob die Oberameise sich noch immer in ihrem Schaukelstuhl verw√∂hnen lie√ü? Zu gerne h√§tte ich wieder nachgesehen und ich begann mit einer Stecknadel ein winzig kleines L√∂chlein in die Tapete zu picken. F√ľr die Vergr√∂√üerung besa√ü ich ja die Lupe und angestrengt versuchte ich durch diese hinter der Tapete etwas zu erkennen. Zu dumm aber auch, dass die Ameisenwohnung genau in der Mitte der Wand sein musste, ausgerechnet dort fiel es besonders auf, wenn die Tapete ein Loch hatte.

Meine √úberlegungen gingen schon dahin, meinem Gatten die Dringlichkeit f√ľr einen neuen W√§scheschrank klar zu legen. Den k√∂nnte ich jedesmal zur Seite schieben: Er durfte nat√ľrlich nicht so schwer sein! Ja, diese Idee wurde zu einer fixen in meinem Kopf und sie nahm sogleich Gestalt an, nachdem ich es nicht lassen konnte, statt der Stecknadel die Stopfnadel zu suchen und aus dem L√∂chlein mangels besserer Sicht eine Vergr√∂√üerung durch diese dickere Nadel anzustreben. Dieser Vorgang brachte mich jedoch in Verlegenheit: Pl√∂tzlich vernahm ich deutlich einen Aufschrei: - Ach dujeh ‚Äď dachte ich ‚Äď sollte ich am Ende mit dem Pikser in die Tapete eine Ameise verletzt oder get√∂tet haben? ‚Äď

Wieder legte ich das Ohr auf die Stelle und versuchte mit der Lupe durch dieses immer noch recht undurchsichtige Löchlein zu spähen. Weder hörte noch sah ich wesentliche Einzelheiten und in mir plagte sich mein schlechtes Gewissen und die Neugierde trieb mich zum Handeln. Ich konnte nicht noch länger warten, ich wollte Gewissheit erhalten, noch bevor mein Gatte nach Hause kam.
Diesmal nahm ich die Spitze der Schere und versuchte vorsichtig, um keinen zu verletzen, die Tapete leicht einzuritzen. Mir fiel ein Stein von der Seele, als ich die Ameise leicht schaukelnd in ihrem Schaukelstuhl vorfand. Doch was war los mit ihr? Der Stuhl schaukelte zwar, aber die Ameise lag zusammengekauert in der Ecke und r√ľhrte sich nicht. ‚Äď Sollte ich sie kurz antippen oder anbr√ľllen? ‚Äď so recht wusste ich mir keinen Rat und ich stand noch unschl√ľssig vor der Wand herum, als es an der Wohnungst√ľr schellte. Schnell erfasste mein Blick die Zeiger der Uhr, um zu erkennen: Ich musste mich von der Wand mit den Ameisen trennen, wenn ich nicht als Verr√ľckte von meiner besseren H√§lfte angesehen werden wollte.

Ich eilte, um ihm die T√ľre zu √∂ffnen und wenn es mir auch schwer fiel: Ich beherrschte mich und suchte am gleichen Tag den Raum nicht mehr auf. Nein, es stimmt nicht ganz, ein mal huschte ich noch schnell hinein um festzustellen: Sie bewegte sich, die Ameise. Mehr wollte ich im Moment nicht wissen und fr√∂hlich nahm ich die m√ľndliche Vorbereitung f√ľr meinen neuen W√§scheschrank in Angriff.

Noch bevor ich die Wohnung verlie√ü, um meiner t√§glichen Arbeit nachzugehen lief ich aufgeregt ins G√§stezimmer. In Anbetracht der Tatsachen, dass ich noch heute meinen neuen W√§scheschrank haben w√ľrde, lie√ü ich alle Vorsichtsma√ünahmen au√üer Acht und stocherte mit meinem Zeigefinger in dem ge√∂ffnete Tapetenloch herum. Diesmal vermisste ich die Ameise aus dem Schaukelstuhl und ihre Kollegen komplett. Ob sie mit den Ameisen arbeiten w√ľrde, so wie ich es gerade ebenfalls vor hatte?

Erstaunt stellte ich fest, dass die gesamte Mannschaft auf Wanderschaft zu sein schien und es lie√ü mir keine Ruhe; ich suchte nach ihr und fand sie dann endlich: Sie hatten ihre Ameisenstra√üe verl√§ngert; sie f√ľhrte jetzt schnurstracks Richtung Decke und ebenfalls in die Richtung transportierten sie die Schaukelstuhlameise. Ob ich sie am Abend denn doch verletzt hatte? Sie trugen sie jedenfalls sehr behutsam, so, als w√§re sie zerbrechlich.

Es passte mir nicht so recht, dass ihr k√ľnftiger Weg Richtung Zimmerdecke f√ľhren sollte. Das musste ich auf alle F√§lle verhindern. Ich lie√ü vorerst Arbeit Arbeit sein und stoppte ihren Pfad, indem ich mit einem langen Nagel (einen kurzen fand ich nicht gleich) und einem St√ľck Holz ihren Weg verbarrikadierte. Dann machte ich mich schleunigst davon.


Am Nachmittag war es dann geschehen: Der neue Schrank stand in aller Pracht vor mir. Die M√∂belpacker nahmen das Trinkgeld und die R√ľckwand mit, die ich nicht behalten wollte und machten sich auf den R√ľckweg. Ich begab mich sogleich daran, den Aufenthalt f√ľr die Ameisen so angenehm wie m√∂glich zu gestalten. Sie waren nicht faul gewesen und hatten ihre Stra√üe in der Zwischenzeit um das Nagelbrett herum gef√ľhrt und ich musste mit Bedauern feststellen, dass ihr Weg Richtung Decke bereits √ľber dem Schrank hervor kam. Dabei war es gar nicht so einfach gewesen, den richtigen Schrank zu finden. Fast alle Schr√§nke in Brusth√∂he hatten Schubladen, bis auf eine Ausnahme, n√§mlich dieser.

Ganz abgesehen davon, dass ich mir auf meiner Arbeitsstelle eine R√ľge einhandelte, wegen Zusp√§tkommens und wegen Abwesenheit auffiel, weil ich kurz zwischendurch in ein M√∂belgesch√§ft eilte, so war dieses jetzt der gr√∂√üte √Ąrger des Tages. Was n√ľtzte mir der Schrank, wenn sie nicht dort bleiben wollten?

Da kam mir pl√∂tzlich eine grandiose Idee: Ich holte eine Taschenlampe und suchte nach dem Miniatur-Schaukelstuhl. Tats√§chlich, ich hatte die L√∂sung gefunden. Der Schaukelstuhl befand sich auf dem R√ľcken mehrerer Ameisen und wurde Richtung Zimmerdecke transportiert. Ich war stolz auf mich, als ich es schaffte, mit der Nadel dieses winzige M√∂belst√ľck aus den Armen der Ameisen zu befreien und zur√ľck in die Wand zu bef√∂rdern und tats√§chlich √§nderte sich sofort ihr Weg in die alte Behausung zur√ľck.

Es gefiel mir nicht so besonders den Tierchen nur bei ihrem emsigen Treiben zuzusehen. (Sie bedienten von allen Seiten die Schaukelstuhl-Ameise, denn sie schien wirklich schlecht drauf zu sein), nein, ich versuchte auch mit ihnen zu reden, nachdem ich bereits ihre Sprache verstehen konnte. Doch sie konnten oder wollten mich nicht hören.


Nat√ľrlich verga√ü ich bei dieser intensiven Besch√§ftigung mich weiterhin um meinen Haushalt zu k√ľmmern und das brachte mir am Abend einige Vorhaltungen ein von Seiten meines Gatten, der noch dazu den Schrankkauf als √§u√üerst √ľberfl√ľssig ansah, da sich ohnehin keine W√§sche darin befand. Ebenfalls musste ich es mir gefallen lassen, dass er mir Desinteresse vorwarf und Vernachl√§ssigung in Sachen Onkel Gustav, wobei er nat√ľrlich nicht ganz Unrecht hatte.

Am n√§chsten Tag √ľberschlug ich mich bei der Hausarbeit, denn der Besuch von Onkel Gustav stand vor der T√ľr. Und was soll ich sagen: Er f√ľhlte sich in dem bereit gestellten Schaukelstuhl von Schwiegervater sichtlich wohl und wie die Ameisen sausten wir an diesem Wochenende herum und bedienten ihn von allen Seiten. Der Tag wird ihm im Ged√§chtnis haften geblieben sein, denn er telefonierte noch oft mit uns.

Die Ameisen blieben seither brav im Schrank versteckt. Anstandshalber hatte ich einige leichte W√§schest√ľcke zur Attrappe im W√§scheschrank aufgestapelt. Es waren in erster Linie M√§nnerunterhemden und Boxershorts, deren Stapel ich schnell entfernen konnte, wenn ich Zeit hatte, meine Ameisen zu beobachten.

Ich weiß nicht, sonst hat sich bei uns nicht viel geändert. Ach ja, das Kinderzimmer: Es wird bald gebraucht. Bei uns hat sich Nachwuchs angemeldet und mein Gatte? Es geht ihm gut, außer dass es ihn des öfteren juckt, er kratzt sich andauernd. Er sollte besser mal zum Arzt gehen!

Die Ameisen? Wahnsinnig interessant! Die Schaukelstuhl-Ameise ist die K√∂nigin und hinter den W√§schest√ľcken wimmelt es von Eiern, aber Pssst, nicht verraten! Ich freu mich schon auf den Nachwuchs. Sicher kann ich noch mehr von ihnen lernen.



Version vom 14. 06. 2002 23:36
Version vom 31. 08. 2011 19:02
Version vom 31. 08. 2011 19:50
Version vom 02. 09. 2011 21:14

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
schmunzel, schmunzel!

gef√§llt mir sehr gut. ne ameise, die geburtstag hat beim tapezieren zu finden, das f√§llt so bald keinem zweiten ein. erz√§hlst du uns noch mehr von der ameise? k√∂nnte sehr interessant werden. ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
hallo Marion,

Da muss ich t√ľfteln, dummerweise h√§ngt da jetzt die neue Tapete.

liebe Gr√ľ√üe
anemone

Bearbeiten/Löschen    


Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

*applaus-applaus*

Diese Geschichte ist sehr schön rund und ausgereift. Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht zu lesen, was sich hinter einer Tapete verbergen kann.
Und wie Flammi melde auch ich meinen Wunsch auf Fortsetzung.

liebe Gr√ľ√üe
Reneè

Bearbeiten/Löschen    


anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
hallo auch Renee,

es wird eine Fortsetzung geben. Nach der Fahrradtour will ich damit beginnen.

liebe Gr√ľ√üe
anemone

Bearbeiten/Löschen    


anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Fortsetzung an den Text angehängt

doch jetzt wird es länger als ich dachte. Es kommt noch eine Fortsetzung.

liebe Gr√ľ√üe
anemone

Bearbeiten/Löschen    


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!