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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Tinu Ruscello
Eingestellt am 21. 02. 2015 17:00


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rothsten
???
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Besan├žon, den 16. September 1950.


Die T├╝r ist noch geschlossen. Tinu Ruscello steht davor und wartet, er ist noch nicht bereit. Der Einweiser h├Ąlt die Klinke in der Hand. Ein Nicken, und er w├╝rde dem Meister ├Âffnen. Diese letzten Momente, dieses Verharren vor dem Auftritt. Hier drau├čen ist er allein, und von drinnen dr├Ąngt ihn stilles Erwarten.
Gewiss, sein Auftritt wird sie begeistern. Seine Konzerte sind stets ausverkauft, nach jedem letzten Ton springen sie auf, skandieren Bravo um Bravo und fordern Zugaben. Ein Konzert, nur ein Konzert, eins wie hundert andere zuvor. Er spielt das Klavier nicht, er baut Mirakel. Zu seinem Publikum spricht er aus Geistermunde, treibt jeden ihrer D├Ąmonen gottw├Ąrts, macht ihre Herzen zu seinem Priesterchor.

Seit einiger Zeit aber lasten ihre Blicke auf ihm, und sie werden schwerer. Er ist krank. Leuk├Ąmie, eine bislang unbekannte Form, so einzig und unheilbar wie sein Brennen zum Spiel. Er m├╝sse immer nur an Myra denken, redet er sich ein. Dann w├╝rde er es ├╝berstehen. Myra, sie begleitet ihn, nicht mehr am Klavier, nur noch in seinem Leben. Sie ist bei ihm, auch heute.

Tinu versucht, sich zu fassen; er w├Ąhnt sich bereit. Der Einweiser ├Âffnet ihm die T├╝r, sie f├╝hrt in eine H├Âhle aus verbrauchter Luft. Die Elektrizit├Ąt darin kocht ihm die Wangen rot. Am Ende des Tunnels bricht ein Wasserfall von den R├Ąngen, es rollen Steine auf ihn herab im Takt des Marche Fun├Ębre. Seine Augen suchen den Leitstern; ohne Myra im Publikum verliefe er sich, diese Tournee st├╝nde er ohne sie nicht durch. Verschwommen sieht er die B├╝hne, in ihrer Mitte klafft ein dunkles Loch. Der Sarg ist ein einsamer Fl├╝gel, ein Steinway, ganz in schwarz. Meisterspiel ├Âffnet heimliche Pfade zu Himmelspforten, und nur er kennt diesen einen Weg. Er ist angekommen, verbeugt sich, nimmt auf dem Schemel platz und erwartet Ruhe. Noch ist er geh├Ąutet, wie Noten auf zu d├╝nnem Papier. Er versinkt in sich, ein sammelnder Geysir; dann f├Ąngt er an; Walzer, Chopin.

Hastige Finger, wie Taranteln jagen sie T├Âne ├╝ber die Klaviatur, schlagen kristallene Splitter aus Elfenbeint├╝rmen und werfen sie in die Glut aus Ebenholz. Die Reihen baden in hei├čem ├äther aus Dur.
Tinu pausiert, lauscht ihren Herzen. Dann, wie eine Font├Ąne schie├čt er in das n├Ąchste Rondeau, und noch eine Phantasie. Variation! Variation! Er b├Ąumt sich auf, seine Augen rasen, er rei├čt die Kl├Ąnge mit sich in einen Wirbel aus Funkentanz, schmeisst die Arme hoch, den einen, den anderen, alles dreht sich und klirrt und zieht sich zusammen, die Kuppel spannt, ihre Sehnen schwirren, sie h├Ąlt kaum stand, gleich wird sie bersten, alle M├╝nder offen, keine Luft, alles brennt, doch endlich - das Feuerwerk br├╝llt, Blitz und Donner prasseln hernieder an den W├Ąnden. Tinu wird z├Ąh, und z├Ąh, und z├Ąher; er h├Ąrtet aus. Mit letzter Kraft biegt er sich zu Ende - und bricht zusammen.

Seitw├Ąrts kippt er vom Schemel, regungslos liegt er da. Scherben in Asche.

Myra eilt zu ihm. Er fl├╝stert ihren Namen, hebt leicht den Arm. Es w├╝rde gehen, ganz langsam, man hilft ihm, hebt ihn hoch, st├╝tzt ihn ab und schleppt seinen K├Ârper nach draussen. Man setzt ihn auf einen Stuhl, bringt ihm Wasser. Um ihn wuselt der Konzertleiter, man breche ab, hechelt er. Tinu winkt ihn herbei, fasst ihn am Arm, z├Âgert, und spricht: er wolle raus, noch einmal, ein letztes Mal. Der Konzertleiter solle das Publikum um Verzeihung bitten, und um etwas Geduld. Er w├╝rde kommen. Der Gong ert├Ânt zur Pause.

Tinu erhebt sich. Die Kraft wird reichen, nur dieser eine Gang noch. Myra, sagt er, sie m├╝sse ihm auf die B├╝hne helfen, alleine schaffe er es nicht. Sie solle ihn begleiten, nicht am Klavier, nur auf die B├╝hne, zur├╝ck, in den Rest seines Lebens. Er legt seinen Arm um ihre Schultern. Sie taumeln in den Tunnel. Kein Platz ist leer, das Publikum erhebt sich in Schweigen. Sie setzt ihn an den Fl├╝gel, und verl├Ąsst die B├╝hne tr├Ąnenblind.

Er blickt ins Publikum, alle stehen noch, keiner r├╝hrt sich, kein R├Ąuspern. Seine Finger schweben wie Federn auf die Tasten, dann beginnt er zu spielen, ein Recital von Bach, Jesu bleibet meine Freude*. Nur dieses eine St├╝ck, ganz leise.

Dann zieht er sich am Fl├╝gel hoch, hangelt sich am Kasten entlang, greift nach dem Steg, klappt ihn um ÔÇô und der Deckel f├Ąllt.


*Musik




Version vom 21. 02. 2015 17:00
Version vom 24. 02. 2015 19:27

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Sonntagsschreiber
Hobbydichter
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Deinen Text fand ich ├╝beraus sch├Ân! Eine sehr gelungene Kurzgeschichte! Du schaffst es mit relativ wenig F├╝llw├Ârtern einen grandiosen Textfluss herzustellen.Ich bin noch sehr jung, kann aber mit meiner "Leseerfahrung" schon sagen, dass dein Text wundersch├Ân ist.

quote:
er reisst die Kl├Ąnge mit sich

Versuche auf ss/├č zu achten. Da sind noch einige W├Ârter, bei denen statt ├č ss steht.

Aber trotzdem gro├čes Lob f├╝r diesen ausgefallenen Text!

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steky
Guest
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Hey, rothsten!

quote:
Du darfst mir gerne schreiben, was Deiner Meinung nach falsch ist. Deswegen lade ich den Text ja auch hoch.
Ich habe deswegen nicht geschrieben, was "falsch" ist, da es beim Stil in den meisten F├Ąllen kein "richtig" und "falsch" gibt und ich die Struktur deines Textes nicht zerst├Âren m├Âchte. Gerne sage ich dir dazu meine Meinung, die nur im ersten Fall eine Kritik ist.

quote:
Der Einweiser h├Ąlt die Klinke in der Hand. Ein Nicken, und er w├╝rde dem Meister ├Âffnen. Diese letzten Momente, dieses Verharren vor dem Auftritt; hier drau├čen ist er allein, und von drinnen dr├Ąngt ihn stilles Erwarten.
Der zweite Satz geht f├╝r mich ├╝berhaupt nicht ... Die Wurzel allen ├ťbels ist vermutlich das Semikolon, das zum Anheben des Tones beim Lesen f├╝hrt, an dieser Stelle jedoch gleich wieder mit einem riesigen Fleischerbeil abgehakt wird. W├╝rde sich der darauffolgende Satz eng und rund anschmiegen, s├Ąhe die Sache anders aus. Du schaffst mit dem Semikolon Erwartungen, die danach nicht erf├╝llt werden. Satz 1 und Satz 2 k├Ânnte man ├╝brigens mit einem Gedankenstrich oder Semikolon vereinen - die m├Âgen sich sicher

quote:
Er ist angekommen, verbeugt sich, nimmt auf dem Schemel platz und erwartet Ruhe.
Du k├Ânntest schreiben "absolute Ruhe", um das Bild des schweigenden Publikums und dem Mann auf der B├╝hne zu intensivieren.

quote:
Noch ist er geh├Ąutet, wie Noten auf zu d├╝nnem Papier. Er versinkt in sich, ein sammelnder Geysir.
Diese zwei S├Ątze k├Ânnte man durch ein Semikolon verbinden, das w├Ąre ekstatischer - nat├╝rlich m├╝sste dann der Teil danach abge├Ąndert werden, sodass er f├╝r sich alleine steht.

quote:
Dann, wie eine Font├Ąne schie├čt er in das n├Ąchste Rondeau, und noch eine Phantasie. Variation! Variation! Er b├Ąumt sich auf, seine Augen rasen, er rei├čt die Kl├Ąnge mit sich in einen Wirbel aus Funkentanz, schmeisst die Arme hoch, den einen, den anderen, alles dreht sich und klirrt und zieht sich zusammen, die Kuppel spannt, ihre Sehnen schwirren, sie h├Ąlt kaum stand, gleich wird sie bersten, alle M├╝nder offen, keine Luft, alles brennt, doch endlich - das Feuerwerk br├╝llt, Blitz und Donner prasseln hernieder an den W├Ąnden.

Lass die Font├Ąne eine Font├Ąne sein - und w├╝rge sie nicht mit einem Beistrich ab:
"Dann - wie eine Font├Ąne schie├čt er in das n├Ąchste Rondeau - Variation! Variation! -; er b├Ąumt sich auf; seine Augen rasen; er rei├čt die Kl├Ąnge ......

Wie du siehst, das geht ├╝ber gew├Âhnliche Textarbeit hinaus. Aber der Text gef├Ąllt mir, und ich hab mich hinrei├čen lassen.

LG Steky

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aligaga
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Hallo @rothsten,

hier wird ein bisschen zu sehr "gedonnert": Die Luft zwischen dem k├Ârperlich angeschlagenen Genie und dem musikalischen Gedr├Âhn ist eindeutig zu gro├č geraten. Klavierkonzerte, jedenfalls klassische, werden nicht nur fortissime auf die Tasten geklopft, sondern enthalten stets jede Menge Lyrisches. Leider kommt das hier gar nicht zum Zuge, und deshalb klingt das ganze St├╝ck zu bem├╝ht dramatisch.

Ich w├╝rde den K├╝nstler die Arme nicht "schmei├čen", sondern nur werfen lassen.

Die Sache mit dem scharfen Ess ist seit der Rechtschreibreform viel einfacher geworden: ├č und ss sind immer stimmlos; hinter langen Vokalen und langen Umlauten stets das scharfe, hinter den kurzen das doppelte: Stra├če, Strass; Tusse, Bu├če; dass, Ma├č. Merk dir das, und schon gibt's keine Fehler mehr. Du schreibst, wie man es spricht. Ausnahmen nur bei Fremdw├Ârtern und Eigennamen.

Ich pers├Ânlich bin ein Fan von Semikolons; richtig eingesetzt, ersparen sie jede Menge "unds" und verhelfen beim Lesen zu notwendigen Atempausen - die sich in deinem Musikst├╝ck leider auch nicht auffinden lassen. Dabei ist in der Musik die Pause genauso wichtig wie die gespielte Note; wird sie nicht exakt eingehalten, ger├Ąt alles durcheinander.

Gru├č

aligaga

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rothsten
???
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Hallo Ihr Beiden.

@steky

Zum Semikolon: ├╝berzeugt. Es m├╝sste weicher sein. Bei der n├Ąchsten Korrektur nehme ich nen Strich. Zum zweiten Semikolon-Vorschlag gr├╝ble ich noch.

Der Prot wird weiterhin Ruhe erwarten, denn das ist ein heiliger Moment in einem Konzert. Er ist die Schwelle zum "Jetzt gehts los".

So schlimm war das ja gar nicht. Wenn es Dich beruhigt: ich f├╝hle meinen Stil durch Deinen Hinweise nicht bedroht. Ganz im Gegenteil, gerne mehr.

Danke erneut!

@aligaga:

Auch Dir recht herzlichen Dank f├╝r Deine Anmerkungen. Die Esszett-Regel kann ich mir so merken, danke.

Ich muss das "Gedonner" verteidigen. Ich stimme Dir zu, dass ein Solo-Instrumental-Konzert an Facetten kaum zu ├╝berbieten ist - Gedonner geh├Ârt auch dazu. Hier muss ich Dir aber eine Gegenfrage stellen: Spielt er es denn zu Ende? Die Font├Ąne geht los, dann schmiert er ab - fertig. Ich sehe keine ├ťberschreitung der Dramaturgie.

Atempausen sind in einem Musikst├╝ck sicher keine schlechte Idee, aber geht es hier vordergr├╝ndig um Musik? Mein Text hat drei Teile: Anfang - Mitteilteil mit Fiasko - bitteres Ende.

Passt zu dem, was ich dem Leser mitgeben wollte.

lg

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aligaga
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Du erz├Ąhlst uns von drei St├╝cken vor der "Pause", @rothsten - einem Walzer, einem Rondo (mit Variationen) und einer Fantasie. Falls alles Chopin, dann auf gar keinen Fall das Getrommel, mit dem du uns kommst.

Es w├Ąre auch gar nicht n├Âtig. Jeder, der ein bisschen von Klassik versteht oder es ├╝berhaupt mit Musik hat, wei├č doch, dass Spannung und Aufregung nicht unbedingt laut und krachend sein m├╝ssen. Sie entstehen vor allem dann, wenn das Klavier die Luft anh├Ąlt. H├Âr dir Chopin an, Rondo Op. 1, Walzer Op. 64, Fantasie Op. 66 - so geht das.

Tipp: Dein St├╝ckerl musikalisch plausibilisieren. Die H├Ârer werden es dir danken, denn keiner ist scharf auf ein halbst├╝ndiges Trommelfeuer, in dem zwangsl├Ąufig nicht nur das Publikum, sondern auch der Pianist verendet.

Gru├č

aligaga

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