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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Und Gott schuf uns als Mann und Frau
Eingestellt am 28. 04. 2018 10:52


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Ruedipferd
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Registriert: Jun 2009

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Zehn Jahre waren inzwischen vergangen. FĂŒr mich sehr bedeutsame Jahre, in denen ich mein Leben völlig verĂ€nderte. UnzĂ€hlige Fragen schwirrten in meinem Kopf umher und meine GefĂŒhle glichen einem Wirbelsturm, fuhren Karussell in mir. Ich kam nicht zur Ruhe. Was wĂŒrde mich jetzt im Dorf meiner Kindheit und Jugend nach dieser langen Zeit erwarten? Ich ließ zu, dass sich meine Gedanken verselbstĂ€ndigten, genoss es, einmal nicht am Steuer sitzen zu mĂŒssen und bemĂŒhte mich stattdessen, neben aller GrĂŒbelei, die vorĂŒberziehende Landschaft nicht zu ignorieren. Erinnerung und LebensrealitĂ€t vermischten sich. Der Freude, meine Heimat wiedersehen zu dĂŒrfen, stand eine unbestimmte, langsam emporkriechende Angst entgegen, je nĂ€her wir unserem Zielort kamen.
„Wie fĂŒhlst du dich?“ Klaus sah mich etwas besorgt von der Seite an. Er war ein sehr einfĂŒhlsamer Mensch, wie ich es von vielen weiblich empfindenden Schwulen, wie auch er einer war, her kannte. Ich lĂ€chelte. „Etwas komisch, ist mir schon. Es ist ja sehr viel Zeit vergangen und ich bin gespannt darauf, ob mich noch irgendjemand wieder erkennt.“ Klaus lehnte sich im Sitz etwas zurĂŒck und blickte schmunzelnd auf die Straße vor uns, den Tachostand immer im Blick. Er fuhr nicht schnell. Auf der B199 standen bereits in meiner Jugendzeit fest installierte BlitzsĂ€ulen. Ich hatte ihn deshalb schon mal vorgewarnt, obgleich das gar nicht nötig war. Mein Freund gehörte zu den umsichtigen und ruhigen Autofahrern. Er schaute zur Ablage. Worte bedurfte es nicht. Mit einem schnellen Griff in die dort abgelegte TĂŒte, nahm ich ein Zitronenbonbon heraus, wickelte es aus und schob es ihm in den Mund. Danach bediente ich mich selbst. Ein dankbares LĂ€cheln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Wir hatten die A7 lĂ€ngere Zeit hinter uns gelassen und kamen auf der Bundesstraße gut voran.

Ich wurde mit der Landschaft, die mir so vertraut war, eins. An den WĂ€ldern, den satten grĂŒnen Wiesen und den frisch abgeernteten Äckern, hatte sich nichts verĂ€ndert. Hin und wieder breiteten sich Felder aus purpurblĂŒhender Heide aus. Nadel- und Laubwald wechselten sich ab oder gingen ineinander ĂŒber. Es war Anfang Oktober und die BlĂ€tter des Mischwaldes leuchteten bunt. Meine Augen entspannten sich. Die Vielfalt unzĂ€hliger Farben, von sattem Gelb ĂŒber sĂ€mtliche GrĂŒntöne bis Rot und leichtem zarten Braun reichend, drangen in meine Seele ein, gaben mir das GefĂŒhl von Frieden und Geborgenheit aus meinen Kindertagen zurĂŒck. Klaus schaltete immer wieder die GĂ€nge runter, wenn eine Ortschaft nahte. Ich kannte die kleinen Dörfer alle, blickte mich mit großen Augen um, um ja nicht ein neues Bauwerk oder eine Umgestaltung zu verpassen.„Es hat sich bisher wenig verĂ€ndert. Hier stieg Madeleine immer zu. Sie hatte allen Jungen in der Schule den Kopf verdreht. Madeleine Körner. Ihre blonden Haare leuchteten und sie duftete so nach Chanel 5, dass einem schwindelig werden konnte“, fiel mir ein. Klaus lĂ€chelte. Mit Frauen konnte er nichts anfangen. Das kleine Dorf mit gerade mal vierhundert Einwohnern, die Grundschule, in die ich als ABC SchĂŒtze eingeschult worden war und ja, die Bushaltestelle, in der wir uns spĂ€ter, als wir ins Teenageralter kamen, immer trafen, waren plötzlich wieder allgegenwĂ€rtig. Die Zeit blieb auf wundersame Weise stehen, wĂ€hrend ich in Erinnerungen versank. Mit dem Bus fuhren wir jeden Morgen in den sieben Kilometer entfernten Nachbarort oder diejenigen, die, wie ich, das Gymnasium besuchten, weiter in die Kreisstadt. Abends traf man sich in der Bushalte zum Klönen, herumtoben und abhĂ€ngen. Ich rauchte meine erste heimliche Zigarette dort und dachte mit Entsetzen daran, wie sehr mich ein Hustenanfall damals durchschĂŒttelte. Zu trinken gab es auch. Irgendjemand hatte immer irgendetwas dabei. Meistens waren die Flaschen aus den elterlichen BestĂ€nden geklaut. Aber unsere Eltern waren ja nicht besser gewesen, wie sie oft selbst bemerkten, wenn sie sich auf Geburtstagen oder Dorffesten trafen. Ich hatte eine unbekĂŒmmerte Kindheit erlebt und selbst ĂŒber meine Jugend konnte ich mich nicht beklagen, wenn da nicht, ja, wenn da nicht ein kleines Problem gewesen wĂ€re.

Ich seufzte laut auf. Klaus drehte den Kopf zu mir herum. Er war ein wunderbarer Freund. Seit vier Jahren lebten wir zusammen mit zwei anderen Kommilitonen in einer WG. Klaus studierte Medienwissenschaften in Köln und ich Sportmedizin. „Als ich das Dorf damals verließ, war ich jemand anderes. Es ist schon merkwĂŒrdig, jetzt als Chantale zurĂŒckzukehren. Ich finde, der Name passt zu mir. Was sagst du?“ Ein kurzer Blick in den Spiegel signalisierte mir, dass sofortiges Eingreifen nötig war. Ich griff meine Handtasche, die neben meinen FĂŒĂŸen lag und zog mein SchminktĂ€schchen heraus. Klaus lachte. „Du hast Sorgen! Schau mal in die Landschaft. Der Herbst ist so wunderschön. Die vielen bunten Farben der BlĂ€tter sind faszinierend, findest du nicht auch? Und damit du mich nicht wieder so vorwurfsvoll ansiehst, ja, du siehst umwerfend aus. Und nein, dich wird niemand erkennen. Sie haben einen fĂŒnfzehnjĂ€hrigen Jungen in Erinnerung. Keiner kommt auf die Idee, was fĂŒr eine hĂŒbsche junge Frau inzwischen aus dir geworden ist.“ Ah, das ging runter wie Öl. Ich zog mir mit stolz geschwellter Brust den Lidschatten nach. Mechanisch nahm ich danach den Lippenstift zur Hand, zauberte ein sanftes Pastellrose auf meinen Kussmund und vergewisserte mich, dass nicht etwa eine dunkle Stelle auf meinem Gesicht den Rest von Bartwuchs verriet, den die Epilation nicht hatte vertreiben können. Brr, ich schĂŒttelte mich, bei der Vorstellung an die vielen schmerzhaften Sitzungen. Um die Barthaare erfolgreich zu entfernen, musste ich eine Zeitlang mit einem Dreitagebart herumlaufen und nach der Behandlung war das Gesicht rot und entzĂŒndet. Ich hatte mich damals aus Scham und um nicht aufzufallen wie eine Muslimin angezogen und ein Kopftuch eng um Mund und Nase geschwungen. „Schimmert noch etwas durch?“, fragte ich Klaus Ă€ngstlich. Der verneinte, ohne mich eines Blickes zu wĂŒrdigen. „Du hast gar nicht richtig hingeschaut“, empörte ich mich. „Ich muss Autofahren und auf die Straße achten. Hier gibt es sehr viel Wild“, meinte er ernst und duldete keinen Widerspruch. Das Wendland war reich an Tieren. Damwild und Rehe tummelten sich zu Hauf in den riesigen WĂ€ldern. Wildschweine ĂŒberquerten oft die Straße, ohne sich um Verkehrsregeln zu kĂŒmmern, getreu nach dem Motto, wir waren schon vor euch Menschen da. Ich schmunzelte in mich hinein und hielt meinen Mund.
Wir fuhren langsam die Elbuferstraße entlang und ich musste gestehen, dass mein Freund Recht hatte. Ich sollte wirklich besser die Landschaft genießen, als mir unnötige Sorgen zu machen. Was geschehen musste, wĂŒrde ich eh nicht verhindern können und es wĂ€re erst dann an der Zeit, ĂŒber Reaktionen nachzudenken. Köln und das Wendland, das war wie Feuer und Wasser. Vom LĂ€rm und von der Hektik der Großstadt konnte man in den kleinen beschaulichen Dörfern, durch die wir kamen, nicht viel zu spĂŒren. Wir waren nun beide mit dem Vorstudium fertig geworden und sollten erst im November unsere Praktikumsstellen antreten. WĂ€hrend des Praktikums, welches ich in einer Rehaklinik im Taunus absolvieren sollte, standen auch diverse Hausarbeiten an. Als Klaus mich fragte, ob wir nicht ein paar Tage in den Urlaub fahren sollten, sagte ich deshalb freudig zu. Allerdings diskutierten wir lange ĂŒber den Ort, den wir unsicher machen wollten. Klaus liebte Wasser und WĂ€lder. Er freute sich auf ausgedehnte SpaziergĂ€nge. Mir kam plötzlich die Idee, dorthin zurĂŒckzukehren, wo vor fĂŒnfundzwanzig Jahren mein Leben begann. Die ersten fĂŒnfzehn Jahre verbrachte ich auf dem Land. Mein Vater versah seinen Dienst als Dorfpolizist und meine Mutter verdiente sich durch Putzen und NĂ€harbeiten etwas dazu. Meine Eltern sagten oft, es wĂ€ren ihre schönsten Jahre gewesen. Die Ruhe und Beschaulichkeit, das freundliche Miteinander der Dorfgemeinschaft, jeder kannte jeden und wusste besser Bescheid ĂŒber einen als man selbst, fanden sie in der Stadt spĂ€ter niemals mehr wieder. Vater musste in den Innendienst, daher wurde er versetzt. Wir zogen nach Wolfsburg. Ich vermisste irgendwie meine Freunde und auch wieder nicht. Die Stadt bot fĂŒr einen FĂŒnfzehnjĂ€hrigen so viel an Abwechslung, dass ich den vorgefundenen Trubel gierig in mich aufsog. Als ich mit neunzehn Jahren mein Abitur in der Tasche hatte, ĂŒberraschte ich meine Eltern, mit der Eröffnung, mein Leben völlig, von Grund auf, verĂ€ndern und erneuern zu wollen. Sie ahnten seit etlichen Jahren, dass etwas an mir anders war, als sie es von meinen Spielkameraden kannten, aber sie wollten es entweder nicht wahr haben oder sie interessierten sich nicht weiter dafĂŒr. Ich litt derweil nahezu unbemerkt Höllenqualen.
Wir waren nur noch wenige Kilometer von Zuhause entfernt. Ob unser Haus noch existierte? Mein Herz begann merklich schneller zu schlagen. War das aufregend! Klaus musste wieder ein paarmal herunterschalten, ich kannte die gefĂ€hrlichen engen Kurven gut. Doch nun war die Straße breit und ĂŒberschaubar. Wald an beiden Seiten und vor uns erschien das Ortsschild.
„Gleich da vorne, fĂ€hrst du links rein. Du kommst direkt auf den Yachthafen zu. Da können wir parken.“ Klaus tat, was ich sagte und einen Augenblick spĂ€ter stieg ich aus dem Auto. Vor uns lag eine ruhige kleine WasserflĂ€che, die sich am Ende verlandete und in der Gegenrichtung direkt in einigen Kurven in die Elbe mĂŒndete. Der Steg, an dem große und kleine Boote vertĂ€ut lagen, war menschenleer. Tief atmete ich die kĂŒhle Luft ein. Tat das gut! KrĂ€chzendes Geschrei schrak uns aus unseren Gedanken auf. Eine Formation Vögel flog mit lautem Geschnatter ĂŒber unsere Köpfe hinweg. „Schön ist es hier, so friedlich. Das gibt es in Köln an keiner Stelle. Irgendjemand taucht immer an irgendeiner Ecke auf. So allein, ist man bei uns nie.“ Klaus sah mich dankbar an. Er schien froh darĂŒber zu sein, meinem DrĂ€ngen mit der Fahrt hierher ins Wendland nachgegeben zu haben. Ich dachte kurz nach, ließ mich dabei von meinen GefĂŒhlen leiten. Ich musste jetzt einfach an einen bestimmten Ort. „Klaus, steig ein. Ich zeig dir meinen Lieblingsplatz, wo wir als Kinder immer gespielt haben. Da ist es noch schöner, als hier“, forderte ich ihn auf. Wir saßen einen Augenblick spĂ€ter wieder im Wagen. Ich lotste ihn eine Querstraße weiter auf einen einsamen Weg und alsbald mussten wir wieder anhalten. Wenn wir weiterfuhren, wĂŒrden wir unweigerlich nasse FĂŒĂŸe bekommen. Vor uns zog nĂ€mlich die Elbe gemĂ€chlich dahin.

An den Ufern breiteten sich BĂ€ume aus, Äste, morsch und abgestorben lagen umher. Es platschte. Da, ein Fisch war kurz an die OberflĂ€che geschwommen, um sofort wieder unterzutauchen. An der Stelle krĂ€uselte sich das Wasser noch eine Weile. Eine friedliche Landschaft. Auf der anderen Uferseite, die frĂŒher mal zur DDR gehörte, konnte ich, wie damals, die Giebel eines Bauernhauses sehen. „Weißt du, mein Kumpel Martin und ich, wir kamen jeden Tag nach der Schule hierher. Wir ließen selbst gebastelte Schiffe schwimmen, warfen Flaschenpost in die Elbe und trĂ€umten uns mit den vorĂŒberziehenden FrachtkĂ€hnen in fremde LĂ€nder. Irgendwann wollten wir nach Hamburg fahren und dort auf einem Schiff anheuern. Ein Floss hatten wir uns auch gebaut und wĂ€ren einmal fast abgetrieben. Wir mussten beide ins Wasser springen und schafften es noch gerade, es wieder heil an Land zu bringen. Meine Eltern hĂ€tten fĂŒrchterlich geschimpft, wenn sie davon erfahren hĂ€tten. Mein Vater war ja der Polizist im Ort und verlangte von mir, dass ich mit gutem Beispiel vor den anderen Kindern glĂ€nzen sollte. Hihi, das klappte nicht immer.“ „Du und artig? Das kann ich mir auch beim besten Willen nicht vorstellen.“ Klaus neckte mich. Ich ließ es lachend geschehen, knuffte ihm in die Seite. Oh, wie herrlich, wieder zuhause zu sein. Nichts hatte sich verĂ€ndert. Ja, doch. Die Bank auf der kleinen Anhöhe war neu, die gab es damals noch nicht. Wir alberten herum.
„Ruhe, oder geht’s vielleicht noch lauter! Ihr Turteltauben vertreibt mir die Fische.“ Eine zornige mĂ€nnliche Stimme schimpfte mit uns. Ich erschrak. Zum einen schuldbewusst, aber da war noch etwas anderes. Die Stimme klang mir vertraut. Martin? War das möglich? Ich blickte mich um und erkannte ihn auf der Stelle. Einen Augenblick lang verschmolzen unsere Blicke, trafen aufeinander tief in der Seele und ließen mich erschauern. Ich wollte ihn schon rufen, doch sein Name konnte mir nicht ĂŒber die Lippen kommen. Stattdessen entschuldigte ich mich. „Tut uns leid, wir wussten nicht, dass hier noch jemand war. Vielleicht haben wir auf diese Weise einem armen Fischchen ja das Leben gerettet. Nicht böse sein.“ Ich lĂ€chelte Martin an. Dabei musterte ich ihn von oben bis unten. Er war groß geworden, krĂ€ftig von der Statur und seine GesichtszĂŒge wiesen markante mĂ€nnliche ZĂŒge auf. Hey, in meinem Bauch machten sich Schmetterlinge breit. Martin. Sollte ich mich etwa in meinen alten Kumpel verlieben? Auch er starrte mich an. Ich sah, wie sein Gehirn unglĂ€ubig arbeitete. Er sagte nichts, sondern ließ seinen Blick auf mir ruhen, der Anflug eines LĂ€chelns zeichnete sich auf seinen Lippen ab, ZĂ€rtlichkeit gab seinen Augen plötzlich einen völlig neuen Ausdruck und eigenartigen Glanz. „Tut uns leid, wir wollten Sie nicht stören. Aber wir kommen aus Köln und diese Ruhe ist fĂŒr uns wie von einem fremden Planeten“, mischte sich nun auch Klaus ein. „Ist schon gut. Wir brauchen Urlauber, um unsere kargen Kassen mit den EinkĂŒnften aus dem Tourismus aufzufĂŒllen. Bleiben Sie lĂ€nger?“, fragte Martin. Er war inzwischen von seinem versteckten Angelplatz aufgestanden und stieg einen kleinen SandhĂŒgel zu uns hinauf. „Eine Woche, im Feriendorf in Krasten“, antwortete Klaus. Ich zischte ihm leise zu, er solle nichts von mir sagen. Klaus schmunzelte. Er hatte verstanden. „Ich hab gehört, dass die Leute hier auch gut feiern können“, warf ich ein und sah Martin dabei keck in die Augen. Er blickte mich belustigt an. „Das stimmt. Morgen ist hier SchĂŒtzenfest. Um zehn Uhr geht es mit dem Umzug durchs Dorf los. Kommen Sie doch her. Am Abend wird im Zelt getanzt. So ein Dorffest ist fĂŒr Sie sicher etwas anderes als die Discos in der Stadt. In Köln war ich selbst noch nicht, aber oft in Hamburg. FĂŒr uns auf dem Land ist ein Ausflug in die Großstadt eine aufregende Weltreise. Aber ich kann gut verstehen, dass es sich umgekehrt fĂŒr StĂ€dter anders anfĂŒhlt.“ Wir standen nun ganz nah beieinander. Ich konnte Martins Atem spĂŒren und zitterte innerlich. Er erkannte mich immer noch nicht. Aber das konnte er wohl auch nicht, denn als wir uns das letzte Mal sahen, waren wir beide zwei fĂŒnfzehnjĂ€hrige Jungen gewesen. Er wusste nichts von meinem Geschlechtsproblem. Ich hatte niemals mit jemandem darĂŒber gesprochen. Ein Junge, der sich als MĂ€dchen fĂŒhlte, das wĂ€re in unserem konservativen kleinen Dorf nicht gut angekommen. Und ich vermied es auch, als schwul angesehen zu werden. Deshalb war ich damals insgeheim sehr froh gewesen, als mein Vater meiner Mutter und mir erklĂ€rte, wir mĂŒssten umziehen. In Wolfsburg wĂŒrde ich anonymer bleiben können. Das ahnte ich bereits als Jugendlicher. Ich sollte auch Recht behalten. Und nun stand ich meinem Freund aus Kindertagen gegenĂŒber, mit dem ich Freud und Leid geteilt hatte und er erkannte mich nicht. Nur etwas in seinem Blick verriet Irritation. „Ich wĂŒrde mich sehr freuen, wenn Sie kĂ€men“, sagte er leise zu mir und strich wie zufĂ€llig einmal ĂŒber meine Hand. „Wo kann man hier gut und gĂŒnstig essen?“ Klaus störte jĂ€h die zarten Bande zwischen Martin und mir, mit seiner schnöden Frage. Aber so war er eben. Essen gehörte zu seinen LieblingsbeschĂ€ftigungen und das sah man ihm auch an. Martin fĂŒhlte sich sofort angesprochen. „Fahren Sie die Straße zurĂŒck und gleich rechts kommt ein nettes Lokal“, sagte er. „TschĂŒss“, ich drehte mich zum Auto um, stieg ein und winkte ihm noch einmal zu, als Klaus den Wagen wendete. „Er sieht dir nach, wer war das?“

„Mein bester Kumpel und SpielgefĂ€hrte, Martin. Er hat mich anscheinend nicht wieder erkannt.“ „Aber er hat ungeniert mit dir geflirtet!“ „Hat er gar nicht.“ „Hat er doch, ich hab doch keine Tomaten auf den Augen. Hallo Chantalle, hast du dich verliebt? Ich seh’s an deinem Blick. Da ist so ein merkwĂŒrdiges Leuchten in deinen Äuglein gewesen, kleine sĂŒĂŸe Transenmaus.“ Ohje. Wenn Klaus auf meine TranssexualitĂ€t anspielte, war die Kacke am Dampfen. „Besser Trans als Schwul, ach KlĂ€uschen, du kleines schwuchteliges MĂ€uschen. Er sieht doch geil aus, oder?“ „Ja, das ist mir nicht entgangen. Vielleicht hat er ja auch zwei Gesichter?“ Ich lachte laut auf, wir waren inzwischen vor dem Lokal angekommen. „Armes KlĂ€uschen, ich glaube eher weniger. Aber, wer weiß. Wir werden es morgen sehen.“ Wir boxten uns noch bis zur EingangstĂŒr. Auch wĂ€hrend des Essens neckten wir uns weiter. Als wir spĂ€ter durch unsere Straße fuhren und vor meinem alten Elternhaus kurz anhielten, sah ich Martin auf dem Fahrrad von der Elbe kommen. Ich bat Klaus aufzubrechen. Im Nachbarort wĂŒrden wir unser Ferienhaus beziehen. Ich wollte Martin nicht zum GrĂŒbeln bringen und mein Verweilen vor unserem alten Haus hĂ€tte ihn sicher noch mehr verwundert. Etwas wie Angst hatte sich in meinem Innersten gemeldet. Ich wollte ihn nicht verlieren. Was war mit mir geschehen? Wollte ich mehr? Wenn ja, kĂ€me ich an meine Grenzen und auch in gefĂ€hrliches Fahrwasser. Ich war zwar nun rechtlich eine Frau und dank eines sehr guten Arztes auch untenrum weiblich, doch, ganz zu leugnen, wĂ€re meine mĂ€nnliche Vergangenheit wohl nie. Flirten ja, aber wenn‘s ans Eingemachte ging, wĂŒrde ich ins Schleudern geraten. SpĂ€testens im Bett wĂ€re Endstation mit der Komödie. Ich mĂŒsste Farbe bekennen, mich outen. Wie wĂŒrde jemand wie Martin darauf reagieren? Sein Vater besaß eine Zimmerei, er selbst wollte auch Zimmermann werden. Die Familie galt schon damals als sehr bodenstĂ€ndig. Ich musste schmunzeln. In der Stadt bezeichnete man auf diese Art trottelige Landeier von gestern. Sehr weltoffen und tolerant hatte ich seine Eltern auch nicht in Erinnerung. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrĂŒcken. Da kam was auf mich zu!

Wir gingen spĂ€ter am See spazieren. Klaus sagte nichts und genoss die Stille. Ich antwortete ihm auf dieselbe Weise und schwieg, aber aus anderen GrĂŒnden. Martins Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich ahnte instinktiv, dass ich mich bereits in ihn verliebt hatte. Unruhig schlief ich kurz vor Mitternacht ein und fĂŒhlte mich am anderen Morgen wie gerĂ€dert. Klaus stand fröhlich singend in der TĂŒr und warf eine TĂŒte mit Brötchen auf den Tisch. Er war immer als erster wach. Ich hingegen liebte mein Bett ĂŒber alles und heute wĂ€re fĂŒr mich der Tag gewesen, gar nicht erst aufzustehen. Mein Freund zog mir lachend die Bettdecke weg. „Ich, ne, ich will noch schlafen. Wir haben doch Ferien.“ „Nichts da, Morgenstund‘ hat frische Brötchen im Mund. Raus aus den Federn, du SchlafmĂŒtze. Wir wollen uns den Umzug vom SchĂŒtzenfest ansehen, schon vergessen?“ Nein, hatte ich nicht. Wie könnte ich auch! Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen und an Martin gedacht. Ich brummelte unverstĂ€ndliches und schlich mich gĂ€hnend ins Bad. Nach der Dusche fĂŒhlte ich mich zwar immer noch nicht wie neugeboren, aber zumindest frisch. Schön. Kaffee und FrĂŒhstĂŒck standen bereits auf dem Tisch. Klaus verwöhnte mich ungewollt, das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Eine Stunde spĂ€ter konnten wir aufbrechen. Wir fanden einen guten Parkplatz auf der Wiese und schlenderten zur Hauptstraße. Ich schaute mich interessiert um. Der ganze Ort schien auf den Beinen zu sein. Viele Gesichter kannte ich wieder. Sie musterten auch uns neugierig, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand sich an mich erinnerte.
Als Marschmusik ertönte, blickten wir alle wie automatisiert nach links. Zwei schwere Kaltblutpferde zogen einen Kutschwagen, auf dem die Blaskapelle saß. Der Wagen war mit Zweigen und Ästen geschmĂŒckt. Dazwischen hatte man Blumen gebunden und kleine bunte BĂ€nder flatterten im Wind. Jetzt war ich wirklich wieder zuhause. Als Kind und spĂ€ter als Jugendlicher durfte ich immer mitmarschieren. Mein Vater war natĂŒrlich im SchĂŒtzenverein gewesen und hatte mich frĂŒhzeitig auch hineingemeldet. Zweimal wurde ich JugendschĂŒtzenkönig. Mit vierzehn Jahren sogar zusammen mit meinem Vater, bei den Erwachsenen. Meine Mutter hatte damals den Königinnenschuss nur knapp verfehlt und wurde Zweite. Das ganze Dorf jubelte und Vater stand mit stolzgeschwellter Brust neben mir. Ich lĂ€chelte und stupste Klaus an. Hinter dem Wagen marschierten die SchĂŒtzen. Martin ging in der dritten Reihe. Er sah mich und unsere Augen trafen aufeinander. Er schmunzelte mir zu, nickte verhalten mit dem Kopf. „Aha“, kommentierte Klaus. „Was heißt hier ‚aha‘?“ „Es heißt, was es heißt!“ „Na, denn!“ Unser ZwiegesprĂ€ch hatte es auf den Punkt gebracht. Auch Martin schien an mir nicht desinteressiert zu sein. Ich dachte an das Spiel mit dem Feuer und war mir sicher, ich wĂŒrde dazu nicht nein sagen. Wir schlossen uns ganz am Ende des Zuges dem ‚Fußvolk‘ an. Zielsicher lotste ich Klaus ins SchĂŒtzenhaus, wo wir den Beginn der Wettbewerbe erlebten. Klaus verschwand immer wieder und besorgte GetrĂ€nke und Bratwurst.
Um 12:30 Uhr war Mittagspause fĂŒr die SchĂŒtzen. Martin lag nicht schlecht im Rennen. Klaus hatte sich gerade wieder in Richtung Fischwagen verabschiedet, da ertönte eine vertraute Stimme neben mir.
„Ihr Freund oder Mann scheint sich bei den kulinarischen GenĂŒssen sehr wohl zu fĂŒhlen.“ Ich drehte mich um. Martin hielt zwei GlĂ€ser Sekt in der Hand und reichte mir eines davon. „Auf Ihr Wohl!“ Ich nahm lĂ€chelnd das Glas in die Hand und prostete ihm ebenfalls zu. „Er ist nicht mein Mann. Wir studieren zusammen und wohnen mit zwei anderen Kommilitonen in einer WG. Wir verstehen uns nur recht gut und da wir unser Praktikum wĂ€hrend des Studiums erst im nĂ€chsten Monat beginnen, wollten wir uns noch ein paar Tage im Urlaub erholen.“ Ich erzĂ€hlte Martin von unseren StudienfĂ€chern. „Eine Ärztin können wir hier dringend gebrauchen. Auf dem Land will kaum ein Arzt mehr praktizieren. Unser alter Landarzt im Nachbardorf ist schon an die Siebzig. Wenn er keinen Nachfolger findet, mĂŒssen wir jedes Mal in die Kreisstadt fahren. Das sind die Nachteile des beschaulichen Landlebens“, meinte Martin bedauernd. „Ja, das ist sehr schade. Ich bin auch auf dem Dorf groß geworden. Hier kann man Kinder noch gefahrlos aufziehen. Obwohl,im Jugendalter nachher, in der Bushalte, da haben wir mindestens genauso viel Blödsinn gemacht, wie die Jugendlichen in der Stadt. Selbst Hasch hatte einmal einer mit“, erzĂ€hlte ich und hielt erschrocken inne. Die Geschichte kannte Martin, wie kein anderer. Denn er war es selbst gewesen, der von einem Urlauber aus Holland ein paar Gramm zum Rauchen bekommen hatte und sich damals damit vor uns aufspielte. Er lachte nur. „Ja, wir waren sicher alle keine Engel, wobei, wenn ich Sie so anschaue, komme ich gar nicht auf die Idee, dass eine so hĂŒbsche junge Frau etwas Böses tun könnte“, scherzte er. Ich begann zu glucksen. „Kennst du nicht den Satz: Brave MĂ€dchen kommen in den Himmel, Ungezogene ĂŒberallhin?“ „Magst du noch einen Sekt?“ Ich nickte. Das Eis und die Förmlichkeit waren gebrochen. Ich ĂŒberließ mich meinem Schicksal. Was nun kommen sollte, das wĂŒrde ich so annehmen und mich an unseren gemeinsamen Stunden erfreuen.

Wir gingen zum GetrĂ€nkestand. Er hatte zĂ€rtlich seine Hand um meine Schulter gelegt. „Zwei Sekt, Uwe“, rief er dem Jungen im Pilz zu. Ich bemerkte triumphierend, wie ihn die anderen MĂ€nner anerkennend und neidisch ansahen. Zwei davon kannte ich. RĂŒdiger war ein paar Jahre Ă€lter als wir gewesen und etwas eigenbrötlerisch. Ob er ein MĂ€dchen abgekriegt hatte? Seine rechte Hand war frei. Normalerweise trugen die MĂ€nner aus dem Dorf ihre Eheringe offen. Neben ihm stand Jan. Jan Tauber, der Sohn des Pastors. Er ging mit mir aufs Gymnasium und musterte mich jetzt auch sehr genau. Ich versuchte, seinem forschen Blick auszuweichen, was mir nur schwer gelang. Martin drĂŒckte mir das zweite Glas Sekt in die Hand. Es war sehr frĂŒh am Tag und ich hatte noch keine Grundlage in Form eines deftigen Mittagessens zu mir genommen. Wenn das mit dem Sekt so weiterging, wĂŒrde Martin ein leichtes, ein sehr leichtes Spiel mit mir haben. Als wenn er meine gedachten Worte gehört hĂ€tte, fragte er, ob wir nicht etwas essen wollten. Fröhlich und dankbar lĂ€chelnd willigte ich ein. Wir gingen zusammen in den angrenzenden Gasthof. Dort gab es fĂŒr die SchĂŒtzen ein vorbereitetes Mittagessen. Martin bestellte fĂŒr uns. „Und dein Begleiter, wie hieß er, Klaus? , ist wirklich nicht eifersĂŒchtig, wenn ich mit dir flirte?“, fragte er, als der Wirt uns zwei Bier und zwei rote SchnĂ€pse hinstellte. Ich schĂŒttelte den Kopf. „Nein, er hat mit Frauen auch nicht so viel am Hut, wenn du verstehst, was ich meine.“ Das lief alles prĂ€chtig fĂŒr mich. Nun saßen wir schon vertraut zusammen und tauschten Geheimnisse aus. „Ich hatte auch mal solche Anwandlungen, aber das ist lange her. Ein Jugendfreund hatte sie in mir ausgelöst. Doch wir kamen nie zueinander und er zog dann weg. Seitdem bin ich vollstĂ€ndig hetero“, erzĂ€hlte er. Nein, der Schreck seines GestĂ€ndnisses war mir durch alle Glieder gefahren. Eine unbedachte Handbewegung und mein Bierglas fiel um. Ich sprang auf. Martin nahm eine Serviette. Er wischte sofort meinen Pullover ab. „Das gibt gottlob keine Rotweinflecke und es ist warm, es wird gleich trocknen. Willst du kurz zur Toilette gehen und es rauswaschen?“ Ich nickte. Mein Gott. Ich Idiot. Und wie hatte ich mich verbogen und verzehrt nach Martin, als wir in die PubertĂ€t gekommen waren. Beide hatten wir einander die grĂ¶ĂŸte Komödie unseres Lebens vorgespielt und das alles, wegen irgendwelcher blödsinniger gesellschaftlicher Regeln, von denen keiner wusste, wer sie aufgestellt hatte und warum sie ĂŒberhaupt vorhanden waren. Ich wusch schnell meinen Pulli ab. Zwischendurch rannen mir TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht. Martin, wie sehr liebte ich ihn schon damals. Ein kluger Mensch hatte mal gesagt, die Zeit heilt alle Wunden. Wie schön wĂ€re es, wenn er Recht hĂ€tte!
Aber Martins GestĂ€ndnis erinnerte mich an meine eigene Schummelei. Ich musste ihm so schnell wie möglich die Wahrheit sagen. Wenn ich die LĂŒge aufrechterhielt, könnte sie eines Tages zwischen uns stehen und alles zunichtemachen. Und nicht nur eines schönen fernen Tages, fiel mir ein. Das wĂŒrde schon sehr bald der Fall sein. Ich ĂŒberlegte fieberhaft. Ich musste ihm noch ein wenig mehr auf den Zahn fĂŒhlen. Mutig verließ ich das Klo.

Klaus saß neben Martin und die beiden unterhielten sich angeregt. Es ging um Computer und Technik, wie ich feststellte und spĂŒrte mit großen Augen, dass ich plötzlich nur noch an zweiter Stelle stand. Die beiden outeten sich als Freaks und fĂŒhrten IT- FachgesprĂ€che. Nein, so was! Das konnte Frau nicht zulassen. „So, ihr zwei SĂŒĂŸen, wenn ihr fachsimpeln wollt, okay, aber dann fahre ich in die Ferienwohnung und lege mich etwas hin. Heute Abend wird getanzt und wehe, ihr unterhaltet euch dann auch noch ĂŒber Technik, von der ich nichts verstehe.“ „Was dann?“, fragte Martin. Ich spitzte den Mund und zog eine Schnute. „Das werdet ihr schon sehen“, meinte ich. „Du kannst nachher schlafen. Gleich findet das Königsschießen statt. Das wollen wir doch nicht verpassen. Vielleicht wird Martin ja König und du darfst als seine Königin heute Abend mit ihm tanzen, wenn es nicht schon eine Ehefrau, Freundin oder jemand anderes gibt?“ Klaus hatte es auf den Punkt gebracht. Direkt und frei heraus. Ich erschrak. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Wir waren beide fĂŒnfundzwanzig Jahre alt. NatĂŒrlich mĂŒsste Martin Erfahrungen mit Frauen gemacht haben und er sah gut aus. So einen wĂŒrde sich kein MĂ€dchen im Dorf entgehen lassen. Er lachte. „Nein, da gibt es noch niemand. Ich bin den vielen Flirt-und Anmachversuchen der Damenwelt bisher gekonnt ausgewichen. Ich suche noch nach der Richtigen. Vielleicht habe ich sie ja heute gefunden?“ Er sah mir tief in die Augen, die in diesem Augenblicken nur noch „ja“ schrien. „Wer weiß“, sagte ich. „Der Abend wird sicher lang, oder auch nicht. Lassen wir uns ĂŒberraschen und nun hol dir die KönigswĂŒrde. Dein Vater wird jubeln, wenn du in seine Fußstapfen trittst“.
Eine Schrecksekunde hielten wir inne. Ich hatte mich verplappert, denn Martins Vater und mein Vater standen damals regelmĂ€ĂŸig in Konkurrenz zueinander. Klar, Vater war Polizist und musste beruflich gut schießen können und Martins Vater war HobbyjĂ€ger gewesen. Die zwei machten die KönigswĂŒrde fast immer unter sich aus. Ein paarmal kamen auch andere zum Zug, nachdem der Verein eine Sperre eingefĂŒhrt hatte. „Das möchte ich etwas genauer wissen“, Martin blickte mich fragend an. „Martin, kommst du? Du bist dran!“ Ein Ă€lterer Mann rief gerade noch rechtzeitig nach ihm und erlöste mich vorlĂ€ufig. Wir standen auf.
WĂ€hrend des Königsschießens grĂŒbelte ich darĂŒber nach, wie ich Martin die Wahrheit gestehen sollte. Klaus legte seinen Arm um mich. „Überleg dir eine gute ErklĂ€rung oder schenk ihm reinen Wein ein. Er ist ein feiner Kerl und hat es nicht verdient, auf den Arm genommen zu werden“, raunte er mir zu. „Ich weiß, ich werde mich bessern.“ Es wurde ein spannendes Duell, das mein Martin jedoch am Ende verlor. Ernst Burmann, ein alter Bauer, wurde Sieger. Alle gönnten es ihm. Auch Martin gratulierte herzlich. Er sah mich entschuldigend an. „Man muss auch verlieren können und die KönigswĂŒrde kostet zudem eine ganze Menge. Vielleicht will ich ja bald heiraten und da kann ich mein sauer verdientes Geld sicher besser gebrauchen.“
Ich horchte gespannt auf. Beschloss aber, nicht nachzuhaken. Stattdessen schlang ich spontan meine Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Pech im Spiel, GlĂŒck in der Liebe“, hauchte ich ihm zu und ließ mich im Anschluss von ihm kĂŒssen. Unsere Seelen verschmolzen und ich wusste, dass ich die Frau war, die er heiraten wollte. Doch vorher war ein GestĂ€ndnis fĂ€llig. Die Stunde der Wahrheit sollte unser Schicksal werden. Ich wĂŒrde keine eigenen Kinder bekommen können. Und Nachwuchs gehörte zu einer Ehe nun mal dazu. Gerade die Zimmerei seiner Eltern war bereits seit mehr als hundert Jahren im Familienbesitz. Wir mĂŒssten uns im Ausland eine Leihmutter suchen oder ein Kind adoptieren. Beides war schwierig. Wie wĂŒrde sich Martin entscheiden, wenn er erst wusste, wer ich war und dass er eine Transsexuelle heiraten wĂŒrde? Was sollten wir seinen Eltern erzĂ€hlen? Ich wĂŒrde auch nach meinem Studium hier im Dorf bei ihm leben mĂŒssen. Alle wĂ€ren eingeweiht. Mein kleines Geheimnis wĂŒrde niemals unentdeckt bleiben können. Ich wollte Sportmedizinerin werden und mĂŒsste mir als AllgemeinĂ€rztin im Dorf eine Praxis aufbauen. WĂŒrden mich die Menschen in der lĂ€ndlichen Umgebung akzeptieren? Da wĂ€re auch ErklĂ€rungsbedarf bei meinen eigenen Eltern vonnöten. Vater wĂŒrde immer wollen, dass die Wahrheit offen auf den Tisch gelegt wird. Er konnte als Beamter gar nicht anders. Martin stand auf der BĂŒhne. Klaus drĂŒckte mir einen Kuss auf die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Ich helfe dir heute Abend. Er liebt dich und wo ein Wille ist, ist auch stets ein GebĂŒsch!“ Dankbar drĂŒckte ich seine Hand. Auf Klaus war Verlass.
Die Stunden bis zum Festbeginn verbrachten wir in unserer Ferienwohnung. Ich war tatsĂ€chlich eingeschlafen und wachte erst auf, als mir jemand zĂ€rtlich ĂŒber die Wangen strich. Klaus? Das war nicht seine Art. Überrascht öffnete ich meine Augen und blinzelte die Person an, die an meinem Bett saß. Martin blickte liebevoll auf mich herab. „Ich weiß alles. Klaus hat es mir erzĂ€hlt. Deine Tarnung ist wirklich perfekt. Außer Jan hat keiner auch nur einen blassen Schimmer. Er kam vorhin zu mir und meinte, du wĂ€rst nicht die, fĂŒr die du dich ausgibst. Ich wollte ihm erst nicht glauben, aber dann erinnerte ich mich an deine Worte beim Mittagessen. Unsere VĂ€ter waren ja jedes Jahr gegeneinander angetreten. Das war schon legendĂ€r im Dorf, bis sie die Statuten Ă€nderten. Pierre oder Chantale, wie soll ich dich denn jetzt nennen?“ „Ich bin eine Frau, Martin, Pierre gibt es nicht mehr. Es gab ihn eigentlich nie. Ich war gefangen im Körper eines Mannes. Pierre ist auf dem OP Tisch gestorben. Es ist alles weg. Kein Schniedel, kein Sack. Aber eine schöne Vagina, die tief genug ist, fĂŒr alle Freuden, die mir ein Mann bereiten will. Nur meine BrĂŒste sind recht klein. Meine Mutter hat mir von Silikon abgeraten und ich muss mit BH-Einlagen etwas aufpuschen.“ „Das macht nichts. Ich bin bisexuell und hĂ€tte mit dir auch als Junge gerne etwas angefangen. Aber wir waren wohl damals zu dumm dazu und zu Ă€ngstlich. Oder zu gehorsam, wie man es sehen will.“ „Ich hab mich damals auch mehr als MĂ€dchen gesehen und hatte furchtbare Angst vor euch Jungen. Ich konnte dir nichts erzĂ€hlen. Ach Martin, wir waren wirklich dumm und unerfahren, und vor allem, wenig selbstbewusst, wie richtige Landeier. Ich liebe dich. Wollen wir als Mann und Frau neu anfangen?“ Klaus kam bei meinen letzten Worten herein und stellte uns zwei GlĂ€ser und eine Flasche Sekt auf den Tisch. „Ich bin dann mal weg und wenn ich mĂŒde werde, schlaf ich am SchĂŒtzenplatz im Auto. Es ist ja schönes Wetter und ich hab genug Decken zum TrĂ€umen. Im Übrigen hab ich einen jungen Mann kennengelernt, der von meiner Couleur zu sein scheint. Macht‘s gut, ihr Turteltauben.“
Martin stand auf und schenkte uns ein. Irgendwann zog er sich Hemd und Hosen aus. Als ich erwachte lag ich nackt in seinen Armen. Aus dem Nachbarhaus drang Musik durchs geöffnete Fenster herĂŒber. „Und als ein Mann sah ich die Sonne aufgehen“, hörte ich und schmunzelte. Nein, das war nicht ganz richtig. Es musste heißen: „Und als Frau
“ Martin brummte UnverstĂ€ndliches und legte seinen Kopf besitzergreifend auf meine Brust. Sollte das meine Zukunft sein? Ich wĂŒrde sie mit Millionen anderer Frauen teilen, die morgens neben einem solchen BrummbĂ€ren aufwachten. Meine Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen des GlĂŒcks, als ich zĂ€rtlich zu ihm hinunterblickte und mein Mund formte seinen Namen. Bald wĂŒrde ich mich vor allen Dorfbewohnern zu ihm bekennen und seinen Ring tragen. Mir war jetzt egal, was die Leute dachten oder sagen wĂŒrden. Ich liebte meinen kĂŒnftigen Mann von ganzem Herzen und nur darauf kam es an.

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