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Leselupe.de > Erzählungen
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Eingestellt am 31. 05. 2015 14:36


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pxrstv
Hobbydichter
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Salamanca flimmerte unter dem Hitzeschirm der Sonne. Der harte Stein lag nur da und trutzte. Seit Jahrhunderten in selber Form; ohne nachzugeben, aufzuweichen oder einzubrechen. Die scharfen, nackten Kanten der Kirchen schnitten mit ihren Widerhaken in die Lüfte. Wie Fanggerät lagen sie aus und drohten mit geschärften Waffen dem Himmel. Kleine Menschen krabbelten auf den Plätzen umher, stöhnten und schwitzten. Wer einmal die flache Hand auf den bloßen Granit presste, um einen Moment die heilige Zeit an nackter Haut zu spüren, dem stach sie in den Arm. Mit roten, ausgepeitschten Nacken drückten sich die Menschen durch die engen Gassen, purzelten vor der Universität, der alten und der neuen Kathedrale übereinander, schoben, schubsten, reckten sich, luden ihre Apparate und schossen umher. Alles wurde abgeschossen. Jeder Brocken, an den je ein Lehrling seinen Meißel gesetzt hatte, und jeder Quader, der zum Ruhm eines Herren mit dem Blut eines Sklaven geschliffen worden war. Eine Treibjagd bei der die Schweine nach den Jägern schossen. Wütend und wahllos knallten sie umher. Als wollten sie alles in kleine Stückchen schießen, in Brösel, die sie auf ihrem Rücken nach Hause schleppen würden. Ameisen, die einen längst verstorbenen Hirschkäfer zerlegten, ihm durch die vertrockneten Eingeweide krochen und die letzten Reste Fleisches aus ihm zerrten. Sie legten an auf die hohen Türme, schwankten ein wenig.
Manchem schoss ein heiĂźer Sonnenstrahl ins Auge und lieĂź ihn im Dunkeln.
„Ich sehe nur noch flimmernde Punkte“, sagte ein Mann, der direkt neben Lena stand. Trotz des heißen Wetters trug er eine lange schwarze Anzughose, ein Weißes Hemd und ein schwarzes Jackett.
„Ein Professor“, dachte Bor. Er presste die Hände vor die Augen und atmete schwer. Tränen sickerten unter seinen Handballen hindurch. Seine Frau sagte, es gehe gleich ganz von selbst wieder weg. Sie schaute konzentriert umher, blickte manchmal in ein aufgeklapptes Buch, dann wieder nach oben, etwas suchend, nickte befriedigt und wand sich dem nächsten Detail zu. Sie standen vor der Universität in Salamanca, umringt von 200 anderen Touristen. Man staunte nach allen Seiten.
„…vielleicht die prächtigste Fassade von ganz Spanien…“, „…im…Jhd von … erbaut…“,
„…im Stil von…“,
„…man muss die Bedeutung der Zeichen kennen um es richtig zu verstehen…“,
„…man muss immer bedenken, wie lange das alles schon hier steht, was diese Kunstwerke alles gesehen haben…“,
„…du musst ganz einfach alles auf dich wirken lassen, ganz unvoreingenommen…“
Es gab Hinweise und Anweisungen in allen möglichen Sprachen, wie dieses Kunstwerk zu verstehen, zu genießen sei. Und alle suchten den Frosch. Irgendwo in dem Portal musste er versteckt sein, und jeder wollte ihn fotografieren und gesehen haben. Ein Stäubchen mehr, dass man geschliffen hätte und im Reisegepäck mit nach hause nehmen könnte. Es war zwar nicht der wichsende Mönch, dem man in M auf die Finger sehen durfte. Aber ein Frosch in dieser Fassade, diesem Heiligtum, war auch etwas Vorzeigbares; vielleicht sogar diabolisches.
Lena hatte auch von dem Frosch gelesen und davon, welch ein Spaß es sei ihn zu suchen. Sie hatte nur die Nase gerümpft und sich ausgemalt wie die Touristen dort stünden und nichts taten, als den Frosch zu suchen. Sie schilderte Bor ihre schlabbrigen Hawaiihemden, ihre bunten Shorts, ihre Turnschuhe, Rucksäcke, ihre zu roten Würsten verbrannten Arme und Hände und ihre fettigen Gesichter. Mit gelangweilter Stimme imitierte sie ihre in die Luft gemalten Statisten:
„Ich dachte es sei größer“
„Ich dachte es sei älter“
„Ich habe es mir schöner vorgestellt“
„Lass uns den Scheißfrosch aufnehmen und dann in die Kneipe. Bier trinken. Es ist scheißheiß.“
<Sie laufen nur herum und glotzen, glotzen, glotzen.>, rief sie.
<So viel wie sie schaffen können. Als liefen sie durch die Straßen und sammelten Kadaver auf. Davon wissen wollen sie nichts. Davon, was einen Ort ausmacht. Wie er gelebt hat und gestorben ist; ob er noch atmet. Ihn erfahren wollen sie nicht. Bilder in ihr Hirn projizieren, mehr nicht. Und bitte schöne. Tote, gehaltlose Bilder, nach der Reihenfolge des Reiseführers. Als hätten alle Menschen, die für Jahrhunderte in dieser Stadt gelebt haben, nichts getan als ihnen eine schöne Kulisse aufzubauen. \'Sieh, Schatz, was sie dort in Spanien hingestellt haben. Wollen wir mal hinfahren, oder es lieber im Fernsehen ansehen?\'>, rief sie ironisch.
<Alles bleibt Fassade: Bilder von Häusern, Bilder von Kirchen, Straßen, selbst Bilder von Menschen.>
Lena sprach schnell und aufgeregt, wenn sie sich so in Fahrt redete. Bor hätte die Bemerkung von dem Frosch wahrscheinlich überlesen, oder sich auch gedacht:
„Mal sehen, ob ich den Frosch finden werde.“
Keinesfalls aber hätte er damit ein stärkeres Gefühl verbunden oder sich ernsthaft darüber aufgeregt. Lena konnte das. Bor kam sie manchmal vor wie ein Katalysator, ein lebender Verstärker. Ein Steinchen konnte ihr den Impuls eines Planetenstoßes übertragen. Bor hatte darüber gestaunt, sie bewundert, beneidet und geliebt. Ihren Drang die Dinge mit Gefühlen zu behaften und nicht gleichgültig daran vorüber zu gehen. In Lenas Welt war fast nichts bedeutungslos, als habe sie einen natürlichen Kreislauf, ein biologisches Gleichgewicht begriffen. Sie wollte hinter die Dinge sehen, sie erspüren, und war empört, wenn sich jemand nichts etwas angehen ließ. Wie Zündschnüre, die aus ihrem Körper ragten. Eine führte zu einem Pulverfässchen voll Begeisterung, eine andere zu blanker Wut. Für Bor war es manchmal wie eine neue Sicht der Welt gewesen, und oft hatte sie ihn angesteckt. Bevor sie nach Spanien gefahren waren hatten sie Bücher gewälzt. Bor nur mit mäßigem Interesse. Dieses oder jenes Detail fiel ihm auf, er pickte sich ein paar Orte heraus, die er sehen wollte und machte sich ein paar schöne Hoffnungen zum Urlaubsort, an die er selbst kaum glaubte. Lena dagegen schwelgte in ihrem „Vorurlaub“, wie sie es nannte. Sie fraß die Informationen in sich hinein, las über Geschichte und Kultur, durchforstete das Internet und paukte sogar spanische Vokabeln. Jedoch lernte sie dies nicht um der Gelehrsamkeit willen. Für Lena war dies stets ein Mittel die Dinge in ihrer Eigenart erkennen zu können. In ihrem Kopf fertigte sie ein abstraktes Modell des Ortes und brannte darauf diesem Modell Leben einzuhauchen.
Nun stand sie selbst dort und ließ die fremde Kultur in sich einströmen. Bor konnte das nicht in dieser Weise. Er erkannte manchmal Dinge wieder und konnte zuweilen ein vermeintlich nebensächliches Detail besser würdigen. Aber er konnte es nicht verinnerlichen und mit dem Gefühl behaften, wie Lena es tat. Er blieb ein Fremder, bloß Beobachtender. Mehr und mehr Menschen strömten hinzu um das herrliche Portal zu betrachten. Bor hatte es 2 Minuten lang angestarrt. Zuerst hatte er es schön gefunden; zum Schluss sagte es ihm überhaupt nichts mehr, war reines Betrachtungsobjekt geworden.
<Zuhause habe ich noch nie einen Kircheneingang angestarrt>, schoss ihm durch den Kopf. Er schritt den Innenhof gegenüber dem Portal ab und besah die Verzierungen, die sich wie Geländer um die Gebäude zogen. Ihm fiel ein Elefant und ein Affe auf, die darin versteckt waren, unterließ es jedoch sie Lena zu zeigen. Warum wusste er nicht. Als die gingen sah er noch einmal den Mann, der zu tief in die Sonne geblickt hatte. Er blinzelte immer noch heftig und schaute starr und ungläubig gerade aus, als sähe er dort etwas, was dort nicht sein konnte. Vielleicht einen Frosch. Keinen aus Stein; einen grünen, der ihm die Zunge herausstreckte und die Fliegen wegschnappte, die um seinen Kopf schwirrten. Seine Frau hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt und untersuchte immer noch die Reliefs.

Am Abend zogen sie in die Stadt und betranken sich.

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Ralph Ronneberger
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ich freue mich auch schon auf den literarischen Austausch.
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