Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5535
Themen:   94728
Momentan online:
351 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was soll denn sein?
Eingestellt am 11. 08. 2017 13:36


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Matthias Auwald
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2017

Werke: 2
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Matthias Auwald eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Was soll denn sein?

„Hey, alles in Ordnung?“ Ralph sieht mich fragend an. „Klar, was soll denn sein?“, antworte ich energisch, in der Hoffnung ihm damit zu verstehen zu geben, dass ich im Moment nicht an seiner aufdringlichen FĂŒrsorge interessiert bin. Er sagt nichts mehr, wagt nur einen kurzen Blick ĂŒber die Schulter Richtung Kneipeneingang. Eine große, schwere HolztĂŒr, die jeden hereinkommenden Gast mit einem Quietschen ankĂŒndigt um ihm dann, wenn die Falle wieder ins Schloss fĂ€llt, mit einem lauten Knallen zu salutieren. Als wolle sie sagen: „Seht her, wer hier kommt!“ Durch dieses Signal aufmerksam gemacht, wissen nun natĂŒrlich alle, dass sie da ist.

Vorne am Eingang wird es laut. In meinem Kopf noch lauter. „Heute schon? Ausgerechnet heute!“, denke ich. Ich wusste ja, dass das Jahr um ist, aber den genauen Tag kannte ich nicht. Jetzt steh ich hier und versuche verzweifelt entspannt zu wirken. „Ich werde einfach nicht hinsehen.“, beschließe ich innerlich. Das gelingt mir so ungefĂ€hr drei Sekunden ganz wunderbar, bevor ich meinen Schwur breche. Ich versuche mein Vorhaben zu tarnen, indem ich so tue als ließe ich meinen Blick einfach durch den Raum schweifen, wĂ€hrend ich mich vom Tisch löse, um den Anschein zu erwecken, mich zu lockern und eine mĂ€nnlichere Position einzunehmen. Dabei kommt es mir vor, als ob alle anwesenden GĂ€ste auf meine Reaktion warten. In Wirklichkeit interessiert sich wohl doch keiner fĂŒr mein peinliches Gehabe.

Frank versucht eine rettende Unterhaltung zu starten, indem er erzĂ€hlt, was heute an seinem Arbeitsplatz passiert ist und obwohl mich solche Informationen unter normalen UmstĂ€nden interessieren wie die letzte Wasserstandsmeldung aus Timbuktu, bin ich jetzt doch froh, mich daran klammern zu können. Lange folgen kann ich ihm jedoch nicht. „Da kommt also dieser Kerl rein“, ist die einzige Information, die ich verwerten kann, bevor ich mich wieder dem Krach in meinem Kopf und der Vermeidung jeglichen Blickkontakts zu ihr widme. Unter gelegentlichem Nicken und gespieltem Lachen, versuche ich den Anschein zu erwecken seiner sinnfreien ErzĂ€hlung zu folgen. Da Frank ein einfach gestrickter Typ ist, fĂŒhlt er sich gehört und verstanden.

Vorne am Eingang hat sich ein kleiner Pulk um sie gebildet. Da zwischen TĂŒr und Bartresen nur gute drei Meter Abstand herrschen, ist dieser schmale Durchgang schnell mit stehenden und auf Barhockern sitzenden Menschen verstopft. WĂ€hrend sie die Leute ĂŒberschwĂ€nglich begrĂŒĂŸt, rege ich mich innerlich darĂŒber auf, dass durch dieses Zeremoniell der Weg zu den Toiletten versperrt ist. Und warum zum Teufel redet sie so laut? Möchte sie sichergehen, dass auch der letzte Gast in diesem Gewölbe ihre Anwesenheit bemerkt? „Hans! Hey Hans?!“ Ich schaue wieder zu Frank. „Hörst du mir ĂŒberhaupt noch zu?“, fragt er mĂŒrrisch. Ich hatte offensichtlich vergessen, auf seine lasche Pointe mit einem kĂŒnstlichen Lacher zu reagieren. Wie soll man sich auch unter diesen UmstĂ€nden konzentrieren? „NatĂŒrlich hör ich dir zu!“, antworte ich, hoffend, dass er das als Entschuldigung akzeptierte. Ein leises „Naja wie auch immer“ gibt mir zu verstehen, dass zwischen uns alles gut ist. Er sieht demonstrativ auf seine Armbanduhr. Ich kann erkennen, dass es bereits zwei Uhr ist. FĂŒr diese Zeit ist es noch ziemlich voll hier. Einige sitzen am Rand des Gastraumes auf BĂ€nken und StĂŒhlen. Andere sitzen auf Barhockern oder stehen wie wir an hohen Tischen, welche um metallene SĂ€ulen gebaut sind, die aus der Gewölbedecke ragen. Trotz der hohen LautstĂ€rke hier, höre ich immer wieder ihre Stimme in einzelnen Fetzen durch das Gemisch aus Musik und lautem Geplapper schneiden. Ein seltsam vertrautes GerĂ€usch.

Als ich wieder einmal prĂŒfen will, ob sie noch da steht, wo sie vor zwei Minuten und auch vor einer halben Stunde schon stand, kreuzen sich plötzlich unsere Blicke. Ich bin versteinert. Sie lĂ€chelt, ich sterbe. Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit lösen sich unsere Blicke wieder. Ich lasse mich Richtung Tisch fallen. Mein Gesicht kommt ĂŒber meinem halbleeren Bierglas zum Stehen. Ich versuche den Druck in meiner Brust zu ignorieren und zu sortieren, was ich in den wenigen Augenblicken sehen konnte. Sie trug einige modische Accessoires, die sie zweifelsohne auf ihren Reisen ergattert hat und die in diesem spießbĂŒrgerlichen Umfeld nur allzu gut auffielen. Neben ein paar indianisch wirkenden Ohrringen, diversen ArmbĂ€ndern, Ketten, einem mit Ornamenten bestickten Poncho und Federn im Haar, fiel mir allen voran ein großer, breitkrempiger Hut auf. Sollte sie so noch nicht genug auffallen, sorgt spĂ€testens dieses fulminante KleidungsstĂŒck dafĂŒr. Eigentlich ist das erfahrungsgemĂ€ĂŸ kein geeigneter Aufzug fĂŒr die engstirnigen StammgĂ€ste einer Kleinstadtbar, aber im Zuge ihrer langen Abwesenheit und erst kĂŒrzlichen Widerkehr verzeiht das Kollektiv ihr ihre modische Unangepasstheit.

Meine Gedanken kreisen und ich versuche wieder zu mir zu finden. Ich möchte noch einen kontrollierenden Blick riskieren. Eher zufĂ€llig drehen wir uns alle drei Richtung Eingang. Wir bemerken, dass sie sich loseist und auf uns zugeht. Schlagartig drehen wir uns wieder um, wobei meine Bewegung wohl am ruckartigsten ausfĂ€llt. „Sie kommt!“, sagt Ralph. „Ach was!“, entgegne ich ihm spitz. Und plötzlich wird es ganz ruhig an unserem Tisch angesichts der drohenden Begegnung. Ich glaube, die leichte BedrĂŒckung der anderen beiden kommt nur aus solidarischer Verbundenheit zu mir auf. Ich bin dankbar fĂŒr diese brĂŒderliche Geste der Peinlichkeit. Etwas ungelenk stehen wir da und starren in den Schaum. Wie drei Rekruten, die darauf warten, dass der Musterungsarzt ihre Weichteile untersucht.

Es klopft auf Ralphs Schulter. Er tut ĂŒberrascht. Sie begrĂŒĂŸt ihn mit einem quietschenden und viel zu lauten „Heeeey!“ Ganz wichtig ist auch jetzt wieder das lautstarke Ausrufen der Vornamen der zu BegrĂŒĂŸenden, damit auch alle umstehen Leute merken, dass man diese Menschen gut kennt. Gepaart mit ĂŒberschwĂ€nglichen Umarmungen ergibt das einen Cocktail aus Verhaltensmustern, den ich zeitlebens ablehnte. Mich begrĂŒĂŸt sie nur mit einem einfachen, leisen und doch warmen „Hey“. Das gibt mir das GefĂŒhl von IndividualitĂ€t. „Hallo Lara“, sagt Frank freudig. Sie stellt sich zwischen mir und Ralph an den runden Tisch. „Na, wie lĂ€uft’s?“, fragt sie in die Runde. Eine wichtige Taktik von RĂŒckkehrern, die gern genutzt wird um das Thema anschließend gekonnt auf ihre Reise zu lenken. „Gut!“, schallt es von Frank und Ralph im Duett. Frank ist höflich: „Und bei dir? Wie war dein Trip?“ Sie sagt, dass alles gut sei und erzĂ€hlt vom Jetlag. „Hey Indiana Jones, den verlorenen Schatz gefunden?“, falle ich ihr provokant ins Wort, den Anschein erweckend, ihren Hut albern zu finden. In Wirklichkeit frage ich mich jedoch, warum ich nicht den Mut habe, ein solches modisches Statement zu setzen. Sie wĂŒrdigt das mit keiner Antwort und lĂ€chelt nur. Als die anderen beiden auf Einzelheiten ihrer Abenteuer drĂ€ngen, wird ihrem Wunsch gewĂ€hrt und sie beginnt zu erzĂ€hlen. Nach kurzem Ertragen ihrer ErklĂ€rungen, warum in zehntausend Kilometer entfernten LĂ€ndern alles besser ist als hier, seile ich mich mit einem etwas zu lauten „Ich geh pissen!“ auf die Toilette ab.

Dort angekommen fĂŒhle ich mich ungewohnt krank. Ich weiß nicht, ob es das Bier ist oder der spĂ€te Abend der mich so mĂŒde werden lĂ€sst. „Schlafen kann ich jetzt sowieso nicht mehr“, denke ich, als ich mich selbst im Spiegel betrachte, ein falsches LĂ€cheln hervorzaubernd. Obwohl ich nur zur Erholung hierher geflĂŒchtet bin, stelle ich mich ans Urinal. „Wenn ich schon mal hier bin“, sage ich leise zu mir selbst. Gut so Hans, immer schön pragmatisch bleiben. WĂ€hrend ich so dastehe, denke ich an die Zeit zurĂŒck, bevor sie gegangen ist. Wie ich mich zum Affen machte, diese Beziehung zu retten. Wie ich alles viel zu lange hab geschehen lassen. Wie wir letztendlich schlussmachten und sie dann flugs verschwand. Wie ich mich freute, mich mit dem Thema nicht mehr auseinandersetzen zu mĂŒssen. Und jetzt stehe ich hier. Schwelge in Gedanken. Erinnere mich an GesprĂ€che, die wir fĂŒhrten. Ärgere mich ĂŒber die, die wir nicht fĂŒhrten. Was sie wohl alles erlebt hat? Hat sie sich verĂ€ndert? Ich weiß nicht, ob ich ihr die Freuden einer solchen Reise gönnen will. Nach dem vierten Mal AbschĂŒtteln muss ich mir eingestehen, dass da wohl nichts mehr kommt und ich keinen Grund mehr habe, so dazustehen. Ich verstaue alles sicher und werfe einen letzten kontrollierenden Blick in den Spiegel. „Cool bleiben“, fordere ich mich selbst auf. Ich atme tief durch und gehe zurĂŒck in den Gastraum.

Auf dem RĂŒckweg gehe ich straff auf unseren Tisch am anderen Ende des Etablissements zu und - biege instinktiv zur alten Holzpforte ab, um ins Freie zu gelangen. Ihr gewohntes Quietschen untermalt höhnisch meine Flucht. Dann der Salut. Bumm! Zu! Endlich Ruhe! Dass sich die Zahl der GĂ€ste in meiner kurzen Abwesenheit fast halbiert hat, kriege ich gar nicht mit.

Ich setze mich auf die alte Steinbank, die sicher schon vielen melancholischen Typen in ihrer Not eine Sitzgelegenheit bot. Obwohl die eigene Beobachtung gezeigt hat, dass sie hĂ€ufiger als Schlaf- und Ruheplatz fĂŒr GĂ€ste genutzt wird, welche nach anstrengenden Kneipenabenden die Orientierung verlieren. Ich erinnere mich, wie Ralph hier lag und muss lĂ€cheln. Aus der Brusttasche meines Hemdes ziehe ich eine Schachtel Zigaretten und zĂŒnde eine an. WĂ€hrend ich den Rauch einatme, blicke ich auf den Platz vor mir und versinke wieder in Gedanken. Es bleibt natĂŒrlich nicht bei einer Zigarette und ehe ich mich versehe, liegen einige ausgetretene Stummel zwischen meinen FĂŒĂŸen. Neben mir signalisieren in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden die GerĂ€usche der alten TĂŒr, dass weitere GĂ€ste den Heimweg antreten. Auch Frank und Ralph sind unter ihnen, bleiben kurz vor mir stehen um mir zu berichten, dass sie meine Rechnung schon ĂŒbernommen hĂ€tten. Wir verabreden uns fĂŒr morgen. Ich danke herzlich und sie ziehen von dannen. Mich wundert, dass sie mich nicht zum Mitgehen auffordern. Andererseits hab ich das auch nicht vor. Irgendetwas hĂ€lt mich auf dieser Bank. Es wird ruhig. „Sie hat zugenommen“, sage ich zu mir selbst, um mir die Illusion von Triumph einzureden, wohl wissend, dass sie toll aussieht.

Als ich mir gerade die nĂ€chste anstecke, höre ich wieder das bekannte Quietschen. Ein Hut mit einer jungen Frau dran schaut aus der TĂŒr. „Na Prima“, denke ich. Sie tritt heraus. Bumm! Zu! Wir sind zu zweit! Kommentarlos setzt sie sich zu mir auf die Bank, zieht eine Zigarette aus meiner Schachtel und zĂŒndet sie an. Eine Geste, die sich jeher nur sie ungestraft erlauben konnte. Wir sehen uns an. Sie lĂ€chelt. Ich lĂ€chle. Dann werden wir beide wieder ernst. Sie fragt: „Alles in Ordnung?“ Ich antworte ganz leise: „Klar, was soll denn sein?“


Version vom 11. 08. 2017 13:36

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 136
Kommentare: 2447
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Matthias Auwald, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Schöne Geschichte um ein uraltes Thema! Einige kleine Rechtschreibfehler kannst Du noch ausbessern.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung