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Leselupe.de > Kurzprosa
Winterstille
Eingestellt am 28. 02. 2018 13:47


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Silbenstaub
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Tagebucheintrag 08.02.2018

Sanft schweben die Schneeflocken auf den Waldboden. Ein Ballett stummer T├Ąnzer. Wie sie Pirouetten drehen, sich anmutig zum Boden hin bewegen.
Ich sitze in einem Unterstand, eingeh├╝llt in eine dicke warme Decke, den Schal fest um den Hals geschlungen, M├╝tze, Handschuhe. Ich friere nicht.
Rabenschwarze Baumst├Ąmme verharren vor mir. Sie tragen wei├č, auf einer Seite nur. Haben sich herausgeputzt. An den kahlen Zweigen erschuf ein Winterk├╝nstler filigrane Kristallfiguren. K├╝hl und klar und k├╝hn. Ranken schmiegen sich an die Borke, als ob sie den Baum w├Ąrmen wollten. Ein Eichh├Ârnchen huscht den Stamm hinauf. Braunrot, ein Farbklecks in der Bl├Ąsse.
Das Licht ist fahl, die Sonne verbirgt sich. Milchiges Glas. Die Luft ist leer. Nur Frische und Stille um mich herum.
Ich halte den Zeigefinger hinaus in die Schneeflocken und lecke ihn ab und sp├╝re den Geschmack von Zuckerwatte. Bilder werden in mir lebendig vom Schlittenfahren auf dem Schulberg, Lachen und Weinen gleichzeitig, aufgeschlagene Knie und Kinderpflaster. Und es gab Fr├╝chtepunsch aus der wei├čgepunkteten roten Kanne und W├╝rstchen mit Kartoffelsalat. Eine Hand streichelt ├╝ber meine langen Haare.
Totholz liegt auf dem Erdboden, knorrige ├äste mit l├Âchriger Rinde. Sie erz├Ąhlen mir Geschichten von Herbstst├╝rmen. Ich betrachte die abstrakten Muster und bizarren Formen. Eine Galerie in freier Natur.
Der Waldboden ist ├╝bers├Ąt von einem Durcheinander von vertrockneten Halmen und braunen morschen Bl├Ąttern, wie achtlos hingeworfen, fast verborgen unter der nassen Decke. Sie haben schwer zu tragen. Das Moos hat seine Farbe verloren und Tannenzapfen ihren Duft. Sie sind mit einer zarten Eiskruste ├╝berzogen, wie mit Mehl best├Ąubt. In sanften Wellen ruht der Schnee unter den Tannen. Spuren verlaufen im Wei├č.
Einen Schluck Tee trinke ich aus der Thermoskanne. Mit Orange, Nelke und einem Hauch Kardamom. Er dampft wie mein Atem.
Pl├Âtzlich rinnen Tr├Ąnen ├╝ber mein kaltes Gesicht, ich wische sie mit der Handschuhhand weg. Ich schlucke, mein Hals wird eng.
Ich sehe die Mutter vor mir, wie sie in ihrem Bett liegt, bewegungslos und v├Âllig ruhig. Die Schmerzen hatten aufgeh├Ârt. Wenigstens das. Kein Atmen, kein Zucken mit den Augenlidern. Ich hielt auch den Atem an und verharrte steif auf dem Stuhl, bis die Schultern und der R├╝cken schmerzten. Als ich aufstand, schwankte ich, oder schwankte der Raum? Die Stille quoll in jeden und aus jedem Winkel. Eine Kerze flackerte am gekippten Fenster. Ein kaum sp├╝rbarer Windhauch.
Krebs hatte meine Mutter besiegt. Hatte sich ausgedehnt und war in den Bauchraum einmarschiert. Ein ├╝berm├Ąchtiger Feind auf Eroberungsfeldzug.
Noch einen Tag zuvor hatten wir im ÔÇÜRaum der StilleÔÇś im Hospiz gesessen. Wir sprachen nicht, lie├čen die Minuten verstreichen. Wir hielten uns an den H├Ąnden. Wir hatten keine Zeit mehr, das wussten wir.
Ich war verlassen und alle Puzzleteile meines Lebens, die vorher an ihrem Platz gelegen hatten, fielen auseinander. Wenn ich dieses Zimmer verlasse, so dachte ich, l├Ąuft drau├čen ein Film ab, an dem ich nicht teilhaben werde.

Eine Meise zwitschert, ein Specht klopft, der Wald wacht auf. Der Fr├╝hling naht. Ich stehe auf und packe die Decke ein. Es ist Zeit, weiterzuwandern. Der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln. Ein Schneegl├Âckchen streckt seinen Kopf heraus.


Version vom 28. 02. 2018 13:47
Version vom 08. 04. 2018 17:13
Version vom 12. 04. 2018 17:14

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Languedoc
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Hallo Silbenstaub,

Dieser Text k├Ânnte gut ein Tagebucheintrag sein. Ihm w├╝rde m├Âglicherweise die ICH-Perspektive besser stehen. Sollte Dir am Namen Klara gelegen sein (clarus: klar, hell), lie├če er sich in der Passage ├╝ber die Erinnerung an die Mutter einflechten.

Nur so ein Gedanke

von Languedoc

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Silbenstaub
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Hallo Languedoc,
das ist eine interessante Anmerkung, da der Text urspr├╝nglich mal in der Ich-Perspektive war....
Danke und Gr├╝├če von Silbenstaub

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Etma
???
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Hallo Silbenstaub

Ein sch├Âner Text, den ich aber - jetzt wo der Fr├╝hling schon praktisch da ist - zur falschen Zeit lese.

Die Naturbeschreibungen sind toll! Klara scheint trotz ihrer schrecklichen Einsamkeit und Verlorenheit in v├Âlliger Harmonie mit der Natur zu sein - das finde ich interessant.

LG
Peter

PS: Die vorletzte Passage, mit der Mutter, hast du sonderlich gut hinbekommen - das war f├╝r mich wie in einem Film, wo pl├Âtzlich so ein Flashback gezeigt wird und so rissig ein bisschen ... Flashback und zur├╝ck, Flashback und zur├╝ck, aber es stellt sich heraus, dass ich mich verlesen habe und es nur ein einziger langer Flashback ist, ohne derweil schnitt-artig wieder zur├╝ck in die Gegenwart zu springen.

Als Tagebucheintrag w├╝rde ich das St├╝ck auch gerne lesen - hast du seitdem schon daran gearbeitet? Der Name Klara ist auch meiner Meinung nach streichbar - au├čer du bestehst darauf.

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gondoliere
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Winterstille

Liebe Silbenstaub,

als du deinen Tagebucheintrag "Winterstille" eingestellt hast, war ich in der Leselupe noch gar nicht geboren. Daher die versp├Ątete Reaktion auf deinen sehr gelungenen Text. Ich habe ihn mit gro├čer Freude gelesen, wenngleich es sich eher um eine bedr├╝ckende Thematik handelt. Besonders gefallen hat mir die wechselnde Rhythmik mit langen und kurzen, teilweise lakonisch anmutenden S├Ątzen. Die Schilderung der toten Natur (das Auge der Fotografin?) als Metapher zum Tod der Mutter und die Verkn├╝pfung zur eigenen Befindlichkeit/den Erinnerungen ist sehr gelungen. ÔÇô Aber im Kampf um die treffendste Formulierung wissen wir alle, die wir schreiben: Der Weg zur Perfektion entspricht immer einer Asymptote. Darum erlaube mir ein paar Anmerkungen, die den Text auf dem Weg zur Perfektion vielleicht noch ein wenig voran bringen.

quote:
Wie Watteb├Ąuschchen, flauschig anzusehen.
Die Watteb├Ąuschchen finde ich ein wenig abgegriffen. W├╝rde ich ersatzlos weglassen. Dem Leser Raum f├╝r seine Vorstellungskraft lassen ÔÇô schlie├člich kennt jeder das Bild der herabschwebenden Schneeflocken.

quote:
Ich friere nicht und werde Teil dieses Balletts der stummen T├Ąnzer.
Du befindest dich in der Position der Beobachterin, und die Beobachtungen sind sehr bildhaft/eindrucksvoll beschrieben. Warum willst du pl├Âtzlich Teil des Balletts werden? Was willst du damit ausdr├╝cken? K├Ânnte es sein, dass du das Bild so zauberhaft fandest, dass du dich davon nicht l├Âsen wolltest/konntest? Ich w├╝rde die Beobachtungsposition nicht verlassen.

quote:
...als ob sie den Baum w├Ąrmen wollen.
Nach "als ob" steht der Konjunktiv: w├Ąrmen woll t en

quote:
Der Geschmack von Zuckerwatte liegt auf meiner Zunge.
Vorschlag: Ich sp├╝re den Geschmack von Zuckerwatte. Warum? 1.)Wenn ich etwas ablecke (im Vor-Satz erw├Ąhnt) muss ich die Zunge nicht mehr explizit nennen. Au├čerdem "liegt auf meiner Zunge" liest sich etwas h├Âlzern. 2.) Dass du pl├Âtzlich Zuckerwatte schmeckst, kommt f├╝r den Leser unverhofft (was ich aber sehr gut finde). Um ihn quasi auf einen Gedankensprung einzustimmen, nennst du die Zuckerwatte am Satzende. Und leitest auf diese Weise auch besser ├╝ber zu den Bildern (Erinnerungen), die du im n├Ąchsten Satz ansprichst. So verk├╝rzt sich der gedankliche Sprung vom Erlebnis des Geschmacks (der rein logisch nach dem Grund k├Ąme) zum Grund daf├╝r.

quote:
Ich sp├╝re eine Hand, die ├╝ber meine langen Haare streichelt.
Um die Doublette mit dem o.g. "sp├╝ren" zu vermeiden, mein Vorschlag: Eine Hand streichelt ├╝ber meine langen Haare.

quote:
Totholz liegt auf dem Erdboden, knorrige ├äste ...... Der Waldboden ist ├╝bers├Ąt von einem Durcheinander....
Mit dem Satz "Einen Schluck Tee trinke ich aus der Thermoskanne. Mit Orange, Nelke und einem Hauch Kardamom. Er dampft wie mein Atem." unterbrichst du ohne Not eine der sch├Ânsten Passagen deiner Geschichte.
Vorschlag: Ich w├╝rde die beiden Erd-/Waldboden-Passagen zusammennehmen und den Satz dazwischen "Einen Schluck Tee ..." direkt nach "Spuren verlaufen im Wei├č." anf├╝gen.

quote:
Sie erz├Ąhlen mir Geschichten von Herbstst├╝rmen
Der Satz f├Ąllt im Zusammenhang mit der ansonsten viel anschaulicheren Schilderung deiner Beobachtungen stark ab. Ich w├╝rde ihn ersatzlos streichen.

quote:
In sanften Wellen ruht der Schnee unter den Tannen wie eine Sandd├╝ne in der W├╝ste
Den Vergleich von Schnee mit einer Sandd├╝ne in der W├╝ste halte ich f├╝r verungl├╝ckt, weil die Assoziation zu W├╝ste immer Hitze ist (wenn sie nicht durch eine Worterweiterung ÔÇô z.B. Eisw├╝ste ÔÇô spezifiziert ist) Ich w├╝rde den Vergleich einfach weglassen und nach ...Tannen den Punkt setzen. Nicht jedes Bild muss mit einem Vergleich unterstrichen werden. Wenn man eine treffende Formulierung anbietet kann man den Rest der Fantasie des Lesers ├╝berlassen bzw. sie damit anregen.

quote:
Pl├Âtzlich str├Âmen Tr├Ąnen ├╝ber...
"str├Âmen" halte ich f├╝r etwas ├╝bertrieben.
Vorschlag: Pl├Âtzlich rinnen Tr├Ąnen ├╝ber mein kaltes Gesicht.

quote:
Ich sehe die Mutter vor mir, wie sie in ihrem Bett lag, bewegungslos und v├Âllig ruhig.
Zweierlei: 1. "die Mutter" wirkt m.E. merkw├╝rdig distanziert. Es ist doch die Mutter der Ich-Erz├Ąhlerin, also w├╝rde ich das vertrautere Ich sehe Mutter vor mir... schreiben. 2. Innerhalb von Haupt- und Nebensatz (nur durch ein Komma getrennt) sollte die Zeitenfolge stimmen. Daher also liegt. Du kannst dann trotzdem mit dem Pr├Ąteritum im n├Ąchsten Satz fortfahren: "Die Schmerzen hatten aufgeh├Ârt." Der Leser versteht dann schon, dass du vom unmittelbaren Bild (...wie Mutter daliegt) zur gedanklichen Erinnerung ├╝berleitest.

quote:
Die Stille quoll in jeden Winkel.
"in" oder besser: "aus"? Oder noch anders? Vorschlag: Die Stille lagerte bedr├╝ckend im Raum.


quote:
Ich war so verlassen wie die Schirme und Taschen im Fundb├╝ro, die keiner abholt.
Im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter halte ich den Vergleich, insbesondere im sonstigen, hochwertigen Kontext, f├╝r unpassend. Da mache ich aber mal keinen Vorschlag ;-)

Nur ein winziges Schrittchen zum Schnittpunkt der Asymptoten im Unendlichen, aber vielleicht ein bemerkbarer Schritt zu einem noch besseren Text. :-)

Gru├č
Gondoliere

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Silbenstaub
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Lieber Gondoliere,
wow, ich danke dir sehr f├╝r deinen Kommentar und die hilfreichen Verbesserungsvorschl├Ąge.
Den grammatikalischen und stilistischen Anregungen schlie├če ich mich weitestgehend an.
Die Watteb├Ąuschchen sind in der Tat etwas abgegriffen. Mit dem Satz: ÔÇ×Ich friere nicht und werde Teil dieses Balletts der stummen T├ĄnzerÔÇť, gibt die Ich-Erz├Ąhlerin ihre beobachtende Position auf, das ist richtig, und das war auch gar nicht so beabsichtigt, werde ich ├Ąndern.
ÔÇ×Die Geschichte von den Herbstst├╝rmenÔÇť, da bin ich mir noch nicht so sicher.
Zum Vergleich des Schnees mit der Sandd├╝ne: Im Winter habe ich auf Waldspazierg├Ąngen exakt diese Formationen beobachtet, ich stimme dir aber zu, dass Sandd├╝ne eher mit Hitze assoziiert wird, von daher werde ich dar├╝ber auch noch einmal nachdenken. Und ja, die Schirme und Taschen im Fundb├╝ro passen nicht in diesen Text.
Ich lasse das alles ein wenig sacken und werde mir dann den Text noch einmal vornehmen. Und nicht erst im n├Ąchsten Winter. ;-)
Viele Gr├╝├če
Silbenstaub

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