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Leselupe.de > Kindergeschichten
Yoki, Buddy und das "Mehr-Monster"
Eingestellt am 28. 12. 2015 17:23


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aj
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Yoki kam abends vom Rummel zurĂŒck nach Hause. Sie war dort mit ihren Eltern und hatte ein bisschen Spaß. Warum nur ein bisschen, das werden wir etwas spĂ€ter erfahren.

Neben ihrem Haus stand ein großes GebĂ€ude, darin befand sich sowohl der Kindergarten als auch die Schule des Ortes, in dem sie lebte.

Morgens war das sehr praktisch, weil Yoki dadurch etwas lĂ€nger in ihrem total kuscheligen Bett liegen bleiben konnte und das liebte sie immer sehr. Außerdem durfte sie ganz alleine hinĂŒber gehen, fast ganz alleine, ihre Mama schaute nĂ€mlich immer heimlich durch einen Spalt in der Gardine, ob sie auch gut ankam.

Wann immer sie am Nachmittag - oder wie jetzt am Abend - an dem GebĂ€ude vorbei kam, schaute sie die vielen Bilder an, mit denen die Fenster geschmĂŒckt wurden. Freundliche bunte Bilder und Bastel-Arbeiten bei den kleinen Kindern, oft beeindruckende kleine Kunstwerke bei den großen Kindern. Die Sonne stand schon tief am Himmel und malte mit ihren Strahlen zusĂ€tzlich einen roten Schimmer auf die Fenster. Außerdem hielt Yoki dann immer Ausschau nach einem besonderen Freund von ihr, den sie manchmal hinter einem der Fenster oder auch im Garten erspĂ€hen konnte: Buddy.

Und tatsĂ€chlich saß Buddy, der Hausmeister, gerade vor dem GebĂ€ude. Buddy war schon alt, in Yokis Augen sogar uralt. Bestimmt doppelt so alt wie Opa, dachte sie. (In Wirklichkeit war Buddy sogar noch jĂŒnger als ihr Opa, hatte aber schon sehr sehr viel erlebt. Und das Leben hat viele Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Es erinnerte Yoki an ein zusammengeknĂŒlltes T-Shirt, das man im Sport-Beutel vergessen hatte oder an den Erdboden manchmal im Sommer, wenn es ganz heiß war und es lange nicht geregnet hat. Falten und Kerben und Furchen, einige von Sorgen, die er sich gemacht hat, viele vom Lachen. Und lachen, das tat er bis heute gerne, oft und laut.

Manchmal aber auch nicht so laut. Manchmal ganz leise, so leise, dass man eigentlich gar nichts hören und auch fast gar nichts sehen konnte, dann lachte er nur mit den Augen und ein kleines bisschen mit den Mundwinkeln. Seine Augen waren leuchtend und klar und gar nicht alt, eigentlich fast das Gegenteil von alt. Sie waren irgendwie wie Kinderaugen.

Yoki mochte ihn sehr.

Als er sie sah, lachte er und sie lief zu ihm hinĂŒber. Er machte gerade Pause und saß mit einem Butterbrot auf der Treppe vor dem Eingang. Yoki setzte sich zu ihm.

\"Hallo kleines FrÀulein, wie geht es dir?\" fragte er (so nannte er sie meistens, sie fand das irgendwie komisch altmodisch, irgendwie aber auch schön).

\"Ach Buddy, ich weiß auch nicht\", sagte sie \"heute sollte doch eigentlich ein ganz besonders toller Tag werden\"

\"Was war denn heute so besonders?\" fragte Buddy

\"Na Rummel! Ein großer Jahrmarkt ist doch in der Stadt\", sagte Yoki, mit traurigem Gesichtsausdruck.

\"Was war denn los? ErzĂ€hl doch mal, warum du trotzdem so betrĂŒbt bist\", erwiderte Buddy, dem der Ausdruck in ihrem Gesicht nicht entgangen war.

Yoki druckste ein wenig herum. \"Ich war mit meinen Eltern dort, da habe ich mich schon tagelang drauf gefreut und es war auch schön, ich konnte viele leckere Sachen essen und durfte ganz oft mit dem Karussell fahren, trotzdem war das irgendwie nicht so richtig toll und dann gab\'s auch noch mehrmals Streit mit Mama und Papa. Das war doof.\"

Buddy unterbrach sie, \"nun mal eins nach dem anderen, erzÀhl doch mal, was du alles Leckeres gegessen hast.\"

\"Ähmm, ganz vieles, jetzt weiß ich das gar nicht mehr so genau, aber ein Lebkuchen-Herz war dabei\"

\"Und wie hat das Lebkuchen-Herz geschmeckt?\"

\"Öhmm, lecker? Na ja, sĂŒĂŸ halt.\"

\"SĂŒĂŸ? Wie ein Esslöffel voll Zucker?\"

Yoki musste losprusten. \"Nein einfach nur Zucker ist doch nicht lecker! Viel zu sĂŒĂŸ und viel zu krĂŒmelig.\"

\"Aber beschreiben kannst du es nicht?\"

Yoki blieb stumm.

Buddy fragte weiter: \"Wie war denn das Karussell fahren?\"

\"Gut\"

\"Und wie genau?\"

\"Na ja, immer im Kreis halt. Mal in einer Kutsche, mal in einem Auto. Und dann winkt man manchmal, wenn man Mama und Papa sieht.\"

Buddy schĂŒttelte den Kopf: \"Ich meinte doch nicht was da passiert, sondern wie du dich dabei gefĂŒhlt hast.\"

Yoki blieb stumm.

Buddy fragte weiter: \"Und wie war das mit dem Streit?\"

Da sprudelte es aus Yoki heraus: \"Das war alles ganz blöd. Beim Essen hatte ich schon immer gefragt, ob ich spÀter auch noch was anderes haben darf - zum Beispiel Zuckerwatte - damit ich das gleich schon mal klÀre und spÀter auch ganz bestimmt bekomme. Und irgendwann - vielleicht beim Lebkuchen-Herz - meinten meine Eltern, dass jetzt Schluss sei. Ich wollte aber noch mehr! Das war so doof, ich hab ganz doll geheult und meine Eltern haben trotzdem geschimpft. \"

\"Verstehe. War das schon alles oder war noch mehr blöd?\" fragte Buddy.

\"Ohh ja, beim Karussell war es auch voll blöd. Ich hab jede Runde, wenn ich meinen Eltern zugewunken habe, auch herĂŒber gerufen, dass ich gleich noch eine Runde fahren möchte und in welchem Auto, damit das gleich schon mal klar ist. Und dann haben die irgendwann einfach gesagt, dass jetzt Schluss sei und ich wollte doch so gerne noch genau einmal fahren. Da hab ich ganz lange geweint.\"

\"Schwierig\", sagte Buddy \"ich glaube ich kenne das Problem, das Mehr-Monster hat wieder zugeschlagen\"

Yoki riss die Augen auf: \"Ein Meer-Monster? Ein gruseliges Monster aus dem Meer?\" Sie rĂŒckte schnell etwas dichter an Buddy heran.

Buddy strich ihr ĂŒbers Haar und schmunzelte: \"Nein, dieses Monster kommt nicht aus dem Meer. Es macht, dass du immer mehr willst und dabei leider ganz vergisst drauf zu achten, wie schön das ist, was du in dem Moment gerade tust. Gruselig ist das Monster allerdings schon, weil es so viele Leute Ă€rgert. Aber jetzt kommt die gute Nachricht, du brauchst keine Angst vor ihm zu haben.\"

\"Wieso?\" fragte Yoki, die jetzt schon etwas beruhigter aussah, aber sicherheitshalber dicht an Buddy herangerĂŒckt sitzen blieb.

\"Ganz einfach, du hast alles, was du brauchst, um es zu vertreiben, in deinem Kopf und deinem Herzen. Manchmal schleicht sich das Monster in deine Gedanken ein; wenn du das nicht möchtest, dann besinne dich gelegentlich auf den jetzigen Moment, was du gerade machst und wie du dich dabei fĂŒhlst.\"

\"Ich sitze neben dir auf einer Treppe und erzĂ€hle dir von meinen Tag. Ich fĂŒhle mich dabei gut, weil ich dich mag.\"

Buddy schmunzelte: \"Ich meinte das jetzt eher allgemein, aber das war schon mal eine gute Übung. Ich mag dich ĂŒbrigens auch, kleines FrĂ€ulein. Weißt du, was du erlebst, das erlebst du immer genau jetzt. Die Momente kommen und gehen, du kannst sie nicht festhalten, aber du kannst sie erleben.\"

Yoki war das langsam alles etwas zu viel. \"Mein Papa hat mal gesagt \'Gestern war heute noch morgen\', das hab ich auch schon nicht verstanden. Hat das damit zu tun?\"

Buddy lachte: \"Irgendwie schon, kleines FrÀulein. Pass auf, du könntest ja zum Beispiel mal beim nÀchsten Besuch auf dem Rummel alles etwas anders machen: Du hoffst auf EINE Fahrt im Karussell, gehst aber nicht davon aus, dass du sie auch bekommst.\"

\"Krieg\' ich bestimmt!\"

\"Kleines FrÀulein, lass mich bitte ausreden\", sagte er in einem etwas strengeren Ton. Seine Augen lÀchelten trotzdem.

\" \'tschuldigung\" sagte Yoki etwas kleinlaut.

\"WĂ€hrend der Karussellfahrt versuchst du an nichts anderes zu denken als an genau diese Karussellfahrt und achtest darauf, wie du dich dabei fĂŒhlst.\"

\"Okay\"

\"Beim Essen machst du es genauso. Wenn du also zum Beispiel dein Lebkuchen-Herz isst, dann isst du dein Lebkuchen-Herz, achtest darauf, wie es schmeckt und wie es dir dabei geht. Okay?\"

\"Okay!\"

\"Wenn es dir schwer fÀllt, dich auf den Moment zu besinnen, versuche einfach mal darauf zu achten, wie du in Ruhe ein- und ausatmest, vielleicht beruhigt dich das etwas, wenn du zu aufgeregt bist. Bei mir hilft das oft. \"

Yoki verabschiedete sich herzlich bei Buddy und lief nach Hause. Buddy machte mit seiner Arbeit weiter.

Einige Wochen spÀter trafen die beiden sich wieder auf der Treppe vor dem GebÀude.

Yoki war ganz aufgeregt: \"Buddy, Buddy, ich, ich hab gegen das Mehr-Monster gekÀmpft und ich glaub, ich habe gewonnen!\"

\"Na, erzÀhl, kleines FrÀulein!\"

\"Ich war wieder auf dem Rummel, diesmal mit Oma und Opa und ich hab versucht alles so zu machen, wie du gesagt hast. Beim Karussell fahren bin ich nur Karussell gefahren, ich hatte Kribbeln im Bauch und es wurde mir fast ein bisschen schwindelig, aber das GefĂŒhl war schön. Ein leichter Wind wehte mir durch die Haare, auf dem Pferdchen neben mir saß ein Junge in meinem Alter. Er hat oft zu mir herĂŒber gesehen und mich angelĂ€chelt, er sah sehr nett aus. Das war die schönste Karussell-Fahrt aller Zeiten!\"

\"Und beim Essen?\"

\"Beim Essen habe ich nur gegessen. Das Lebkuchen-Herz zum Beispiel schmeckte ein bisschen nach Zimt, es fĂŒhlte sich irgendwie etwas pappig an, aber gleichzeitig irgendwie auch knackig, man konnte es kauen oder auf der Zunge zergehen lassen. Ich fĂŒhlte mich glĂŒcklich in dem Moment mit Oma und Opa und dem Lebkuchen-Herz.\"

\"Das klingt sehr gut.\"

\"Und das Beste ist\", unterbrach Yoki Buddy, der sie aber gerne gewĂ€hren ließ. \"Das Beste ist, das mir alles viel mehr Spaß machte als beim letzten Mal, obwohl ich viel weniger machen durfte. Oma und Opa haben nĂ€mlich nicht so viel Geld. Seitdem hab ich das auch bei anderen Sachen so ausprobiert. Zum Beispiel hab ich letztens probiert: Beim Kakao trinken nur Kakao trinken. Man war der lecker, das kannst du dir gar nicht vorstellen.\"

\"Oh doch, kleines FrĂ€ulein, das kann ich mir sehr gut vorstellen, was meinst du, wie gut mir jede Pause auf dieser Treppe mein Butterbrot schmeckt.\" Er zwinkerte ihr zu, sie zwinkerte zurĂŒck.

Yoki hatte das GefĂŒhl, etwas unglaublich Wichtiges gelernt zu haben. Es war wie ein tolles Geheimnis zwischen den beiden. Sie konnte es noch nicht in Worte fassen, dennoch wusste sie, dass sie es verstanden hatte. Irgendwann wĂŒrde sie es erklĂ€ren können und sie wusste, das dies hier anders war als andere Geheimnisse; Buddy wollte bestimmt nicht, dass sie es fĂŒr sich behielt, ganz im Gegenteil.

In dem Moment kamen Yokis Eltern aus der TĂŒr, um Yoki zum Essen zu rufen. Sie schauten zu Buddy hinĂŒber, der in einem schmutzigen löchrigen Overall mit seinem Butterbrot neben ihrer Tochter auf der Treppe saß. Ihre Blicke waren freundlich und voller Dankbarkeit. Sie nickten ihm zu, er nickte zurĂŒck und lĂ€chelte.

Bevor Yoki zu ihren Eltern und zum Essen lief, drĂŒckte sie Buddy noch ganz fest.

Er strich ihr durchs Haar und flĂŒsterte: \"Genieße dein Essen, du weißt jetzt ja wie es geht, mein großes FrĂ€ulein\"
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hera
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