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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zug ins Jenseits
Eingestellt am 26. 11. 2015 17:46


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AKM
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Zug ins Jenseits

Ein gekr├╝mmtes Fragezeichen ÔÇô so kauerte Adalbert auf dem Kellerboden. Seine Augen folgten ruhelos den zitternden Fingerchen, die tastend ├╝ber den kalten Steinboden strichen. Was seine Augen nicht wahrhaben wollten, seine Finger erf├╝hlten es. Seine H├Ąnde schoben Metallr├Ądchen, Ventile aus Plastik, Teile einer Leiter und den aufgeplatzten Dampfkessel zusammen. Fragmente eines Gl├╝ckes, das er eben noch f├╝r unzerst├Ârbar hielt.

Er schaute auf. Ein Gedanke an seinen Vater dr├Ąngte zur Eile: ÔÇťFa├čÔÇś die Eisenbahn niemals an, wenn ich nicht dabei bin, h├Ârst Du, niemals!ÔÇť

Hastig wickelten seine bebenden H├Ąnde die anklagenden ├ťberreste in einen ver├Âlten Stofflumpen. Den stopfte er in einen umherliegenden Jutesack.

Sicher w├╝rde ihn auch diesmal die schwere Hand seines Vaters mit voller H├Ąrte treffen. Diese Hand konnte die schrecklichsten Schmerzen entfesseln. Dennoch w├╝nschte er sie jetzt beinahe herbei, als gerechte Antwort auf das, was er getan hatte. Das Schweigen des leeren Hauses bedr├╝ckte ihn weit mehr, als die Donnerstimme seines Vaters es vermochte. Adalbert h├Ątte schreien m├Âgen, toben und heulen. Die Schreie kehrten sich aber ungeh├Ârt nach innen, und auf seinen Wangen gl├Ąnzten keine Tr├Ąnen.

Was w├╝rde Mutter jetzt wohl zu ihm sagen? Adalbert hatte sie auf den wenigen Fotos im Album seines Vaters gesehen und viele Male versucht, ihre Stimme herbeizulauschen.

J├Ąh sprang er auf und griff nach dem Jutesack: So wie alle toten Katzen, V├Âgel und Kaninchen ihren Ruheplatz unter einem Baum im Garten hatten, so sollte die treue Lokomotive im Schotter des nahen Bahndammes begraben sein. Dieser Einfall lie├č ihn wieder atmen.

Adalbert sp├╝rte kaum mehr den Boden unter seinen F├╝├čen, als er zur Haust├╝r lief und die Klinke dem Druck seiner Hand nachgab. Ein kalter Luftzug erfa├čte ihn, zerzauste seine Haare und trieb ihm feuchtes, gelb-braunes Laub ins Gesicht. Er erschauderte und rannte los. In der Ferne flatterte eine Heerschar von Kr├Ąhen auf, die sich vor der tief stehenden milchigen Sonne wie eine drohende schwarze Wolke ausnahm.

Erst als er den grauen Schotterwall des Bahndammes erreichte, hielt er einen Moment lang inne, holte tief Luft und lie├č den Beutel neben sich niedersinken. Kaum war er wieder bei sich, stieg er auf einen Erdh├╝gel und hielt Ausschau. Seine Augen fuhren bed├Ąchtig die Bahnschwellen entlang. Ein St├╝ck roten Stoffbandes zwischen den Steinen hielt schlie├člich seine Aufmerksamkeit gebunden. Dort sollte es sein. Er griff den Sack, kraxelte auf den Bahndamm und begann, die Schotterbrocken zu einem H├╝gel anzuh├Ąufen. Als das entstandene Loch tief genug war, kn├╝pfte er das rote Band zu einer Schleife um sein B├╝ndel und dr├╝ckte es in die Vertiefung.

Einen kurzen Moment lang vernahm er ein entferntes metallisches Sirren. Adalbert wu├čte, was dies bedeutete. Er zwang seinen Blick nach unten auf das Tuch mit dem roten Stoffband und nahm sich fest vor, erst so sp├Ąt wie m├Âglich aufzublicken. Ein and├Ąchtiges Kribbeln erf├╝llte seinen Bauch. Wie durch eine Sanduhr rieselte mit jeder verstreichenden Sekunde etwas ganz Au├čerordentliches, Aufw├╝hlendes in sein Innerstes und zeigte ihm, da├č er da war, da├č er wirklich lebte.

Rasch verteilte er einige Schottersteine auf dem freiliegenden Tuch, lie├č aber ein Ende des roten Bandes noch herausragen. ÔÇťIch komme wiederÔÇť, schwor er.

Das Schrillen der Gleise brandete jetzt schon aufdringlicher an seine Ohren. Einen letzten Gedankenblitz, ein letztes Bild lie├č er noch zu, bevor er vom Bahndamm springen w├╝rde:

Etliche Male hatte er das Vergr├Â├čerungsglas heimlich vom Schreibtisch seines Vaters genommen, seinen Kopf auf die Gleise der Modellbahn gelegt, ein Auge geschlossen und mit dem anderen durch die Lupe den herannahenden Zug beobachtet. F├╝r wenige Sekunden schlo├č er die Augen und lie├č das Feuer dieser ungeheuerlichen Spannung nochmals auflodern:

Aus einem entfernten undeutlichen Schatten baute sich ein schl├Ąngelndes Wesen auf. Zielstrebig nahm es die letzten Kurven und hielt direkt auf ihn zu. Er sp├╝rte die zitternde Unruhe der Gleise und sein aufgeregtes Herz. Wie ein wuchtiges Unget├╝m st├╝rmte ihm nun der stampfende Kolo├č auf zwei Metallstrahlen entgegen.

Immer l├Ąnger hatte er dieses fiebernde Kribbeln in seinem Bauch ausgehalten, immer sp├Ąter Lupe und Kopf zur├╝ckgezogen. Heute schlie├člich ist es geschehen. Er hatte einen Augenblick zu lang gez├Âgert. Mit den Stoppern blieb die Lokomotive am unteren Metallrand des Vergr├Â├čerungsglases h├Ąngen, als er es mit einem Ruck nach oben wegzog. In einem hohen Bogen flog die Lok ├╝ber die Tischkante hinweg gen Boden.

Noch einmal h├Ârte er den splitternden Aufprall. Noch einmal qu├Ąlte ihn seine Schuld. Ein letztes Mal f├╝hlte er sich unendlich allein. Dann schaute er auf.

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DocSchneider
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FrankK
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Hallo, AKM
Auch von mir ein herzliches Willkommen in der Leselupe.

Ein faszinierder Einstieg ist Dir hier gelungen. Modelleisenbahn, fast schon in Vergessenheit geratenes Spielgut. Oj ja, mit dem Kopf auf den Gleisen liegend - dass kribbelte so unversch├Ąmt von den stromf├╝hrenden Schienen. Die Lok, die auf einen zurast ...

Gelungen, die wechselnden Perspektiven, das vor und zur├╝ck in der Zeitlinie.

Bedr├╝ckend, das Ende. Hat er noch fr├╝h genug aufgeblickt, um dem nahenden Zug zu entkommen? Eine deutliche Antwort fehlt. Der Titel l├Ąsst schlimmes ahnen.


Sehr gerne gelesen.


Gr├╝├če aus Westfalen
Frank
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Leben und leben lassen.

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AKM
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Ich danke Euch f├╝r die empathische Wertung meines Erstlings!

Wie Ihr sicher aus eigener Erfahrung wi├čt, ist es als Anf├Ąnger nicht leicht sich gegen den Inneren Kritiker durchzusetzen, der da sagt: Zu viele Adjektive und zu gef├╝hlsbetont. Gegen alle Versuche, Adjektive zu streichen wehrt sich dann aber der Text und verliert an Farbe und Ausdruckskraft. Vielleicht ist das ein Tribut an den kindlichen Protagonisten.

Ab jetzt d├╝rft Ihr durchaus kritisch mit mir umgehen, ich f├╝hle mich gest├Ąrkt und erkl├Ąre den Welpenschutz f├╝r beendet! (aligaga?)

Ich freue mich auf die gemeinsame Schreibe- und Lesezeit!

Andreas


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