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Leselupe.de > Horror und Psycho
mystisches Gebet
Eingestellt am 06. 06. 2002 22:29


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Aceta
???
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"Das Kloster ist viele hundert Jahre alt, einige Gew├Âlbeteile sind unter Nutzung nat├╝rlicher H├Âhlen entstanden, diese nat├╝rlichen Teile sind noch viel, viel ├Ąlter", l├Ąchete Bruder Werner in seiner Kutte und f├╝hrte uns weiter durch die Katakomben des alten Gem├Ąuers. In den letzten Jahren wurde dieser Teil des Kellers als Vorratslager verwendet, die Ordensbr├╝der haben hier eine besondere Kultur gepflegt, n├Ąmlich die des Bierbrauens. - Es war", und seine Stimme bekam einen fast sehnsuchtsvollen Klang, "es war ein sehr, sehr gutes Bier...", und sein L├Ącheln sagte viel dar├╝ber, da├č er diesem Bier selbst gerne zugesprochen hatte.
Seit siebzehn Jahren war das Kloster verlassen und leerstehend, die Kapelle war der einzige Teil, der noch regelm├Ą├čig genutzt wurde, und Bruder Werner war der einzige, der in den alten Gem├Ąuern noch wohnte. Die anderen Ordensbr├╝der waren zum Hauptsitz des Ordens gezogen, eine kleiner werdende Gruppe von M├Ąnnern in einer Zeit, da das Ordensleben nur noch wenige junge Menschen gewinnen konnte.

"Vor fast vierhundert Jahren, der drei├čigj├Ąhrige Krieg w├╝tete acht oder neun Jahre in Europa, da war dieses Kloster Schauplatz einer grausigen Schlacht, vor den Mauern wurden M├Ąnner und Frauen und Kinder bestialisch gefoltert und gemordet, und auch vor diesen heiligen Mauern machte das Unheil keinen Halt. Viele hatten sich ins Innere des Klosters gefl├╝chtet, auch hierher, in diese Katakomben und versteckten sich vor den brandschatzenden Marodeuren.
Die Sage erz├Ąhlt von einer Gruppe Frauen und Kinder, die hierher geflohen waren. Sie h├Ârten den L├Ąrm der Schlacht, das Klirren der Schwerter und Lanzen, w├╝ste Fl├╝che und schreckliche Schreie der Menschen, sie kauerten sich in Winkel und Ecken und hatten die schweren T├╝ren verriegelt, aber der L├Ąrm n├Ąherte sich mehr und mehr und schlie├člich wurde auch gegen die verschlossene T├╝re gerammt. Es dauerte zwar eine Weile, aber schlie├člich gaben die alten Scharniere nach und mit der brechenden T├╝re st├╝rzten mehrere wilde Gestalten herein. Mit Fackeln leuteten sie die Winkel aus und zerrten eine nach der anderen die Kinder und Frauen heraus, trieben sie in die gro├če Hohle und machten sich bereit, die Kinder vor den Augen der M├╝tter zu verst├╝mmeln und weitere bestialische Qualen.
Gerade, als sie das erste Kind ausgesucht hatten und mit lautem Gebr├╝ll die Gefangenen einsch├╝chtern wollten, da stand unter den Gefangenen eine Frau auf. Sie war eine Schwester des Jungen, selbst schwanger, was nicht mehr zu ├╝bersehen war und hob die blo├če Hand. Inmitten der ├Ąngstlich nierdergekauerten Gestalten ragte sie hoch auf, wilde Entschlossenheit in ihrem Gesicht, und mit fester Stimme rief sie: "Haltet ein!"
Sie bekreuzigte sich und pl├Âtzlich verstummte das Gr├Âhlen und Fluchen, im Licht der Fackel stand sie da wie ein leibhaftiger Racheengel Gottes. - Dann geschah es: Pl├Âtzlich kam ein eisiger Hauch aus der Tiefe der H├Âhle - und alle Fackeln verloschen - und es wurde stockdunkel. Kein Laut war zu h├Âren, nicht einmal mehr das leise Jammern der Kinder. Und pl├Âtzlich warf der erste der wilden K├Ąmpfer sein Schwert zu Boden und rannte durch die aufgebrochene T├╝r├Âffnung hinaus - und alle anderen folgten ihm - und flohen in grenzenloser Angst vor einer unheimlichen Macht, der sie hier begegnet waren.

Aus den alten ├ťberlieferungen ist uns ein Gebet geblieben, von dem erz├Ąhlt wird, sie h├Ątte es gesprochen in dieser Stunde der Rettung. Es ist in dem Mittelhochdeutsch jener Tage geschrieben - ├╝bersetzt f├╝r Euch, und dort an der Wand in Kupfer gebrannt h├Ąngt die Tafel, auf die wir es aufgeschrieben haben, in Erinnerung und Ehrfurcht vor dem Wirken Gottes in diesen Hallen."

Wir alle dr├Ąngten nun zu dieser Tafel, und weil es zu eng und zu dunkel war, konnten wir gar nicht alle zugleich lesen, was da stand. Deshalb begann pl├Âtzlich eine Frau aus der Gruppe, es laut vorzubeten:

"In Dein Haus bin ich geflohen,
gejagt und voller Furcht, Gott mein Herr,
Das B├Âse folgte mir selbst hierher,
hilflos stehe ich da, unbewaffnet und schwach,
Gott mein Herr - Du bist meine letzte Hoffnung,
Du bist Schutz, sei Du Rettung.
Gott mein Herr, in mir sp├╝re ich nun
eine gro├če Kraft, den Mut, gegen das B├Âse
aufzustehen um mit meiner schwachen Hand
Deinen Schutz ├╝ber uns alle auszubreiten.
Du bist Rettung, Du bist Frieden,
Du bist die Kraft des Lebens,
niemals will ich vergessen."

Und als sei es ganz selbstverst├Ąndlich, beschlossen alle zusammen diese Worte in die sich ausbreitende Stille mit einem vielstimmigen "Amen!".

Ein leises L├Ącheln war ├╝ber sein Gesicht gehuscht, eine kleine Freude, dieses alte Gebet wieder erlebt zu haben. Stille herrschte in der gro├čen H├Âhle und ich glaubte pl├Âtzlich, einen leichten, k├╝hlen Lufthauch zu sp├╝ren. Dann lud unser F├╝hrer uns ein zu einem "z├╝nftigen Abendessen" bei Brot und Bier. Die kleine Gesellschaft verlie├č die H├Âhle und im Klosterhof wurden St├╝hle und Tische aufgeklappt, Bruder Werner schleppte einen Korb noch warmer Brote heran, ein Tablett mit Tonhumpen und ein kleines Fa├č, darin, so bedeutete er uns, sei von dem guten Bier seines Ordens, das nun zwar nicht mehr hier im Kloster, aber nichtdestotrotz weiterhin von seinen Mitbr├╝dern liebevoll gebraut werde nach uralter Tradition.
Es wurde ein fr├Âhlicher Abend, wir sangen voller Begeisterung einige alte Kirchenlieder, ohne da├č irgendjemand dar├╝ber erstaunt gewesen w├Ąre, und tranken von diesem schweren, s├╝ffigen Bier. Zu fortgeschrittener Stunde fragte ich mit schon etwas schwer gewordener Zunge, was denn wohl aus jenen Kindern und Frauen geworden sei, von denen er in seiner Sage erz├Ąhlt hatte.

"Der L├Ąrm verschwand, schneller noch, als er gekommen war - die wilde Horde trollte sich, verlie├č nicht nur die H├Âhle, verlie├č das ganze Gem├Ąuer und zog rasch davon. Der Krieg tobte noch viele Jahre - aber in diese Gegend ward er nie wieder getragen. Die Menschen verlie├čen die H├Âhle, versorgten die Verwundeten, begruben die Toten und dankten Gott f├╝r ihre Rettung. Lange Jahre bl├╝hte rund um dieses Kloster ein friedliches Leben, und jenes Gebet, das ich Euch auf der Kupfertafel gezeigt habe, wurde das Gebet eines jeden Kindes, einer jeden Frau und jeden Mannes in dieser Gegend, bekannt, wie das "Vater unser". Wir beten es noch immer in unseren Andachten, die in der Klosterkapelle gehalten werden."

Einige Stunden hatte ich wohl geschlafen, als mich der Drang des Bieres wohl weckte. Es war still und dunkel im Saal, und ich ├╝berlegte, wohin ich mich denn nun wohl wenden k├Ânnte. Niemand war wach, den ich h├Ątte fragen k├Ânnen. Zuerst versuchte ich, einfach wieder einzuschlafen, aber der Druck wurde st├Ąrker - ich w├╝rde aus den Federn kriechen m├╝ssen ... keine andere Chance!
Es gab nur wenig Licht - etwas davon im Gang zur Kapelle. ├ťber jahrhundertealte Steinfliesen bewegten sich nun meine m├╝den Schritte, suchten den speziellen Ort. Aber ich fand keine T├╝r, keinen Winkel, immer weiter gehend, immer tiefer in dieses alte Kloster eindringend. Sollte ich - dachte ich einmal kurz - aber Scham und Ehrfurcht geboten dem Gedanken Einhalt. Also suchte ich weiter - und fand schlie├člich auch - gottseidank - den gesuchten Ort, und Erl├Âsung ...

Nur der R├╝ckweg, der wurde mir dann schwer, dunkle G├Ąnge hier - und dort - kein Licht, keine Schalter - eben ein uraltes Klostergem├Ąuer. Der Drang meiner Blase hatte zuvor kaum einen anderen Gedanken zugelassen, jetzt aber ├╝berfiel mich geradezu die Phantasie!
An die fl├╝chtenden Menschen im Mittelalter mu├čte ich denken - Kinder und Frauen, getrieben von mordgierigen Bestien, zu denen der Krieg Menschen gemacht hatte. Die Angst, die schrecklichen Laute des tobenden Kampfes, wo Menschen mit Schwertern aufeinander einschlugen, einander Glieder abtrennten oder auch den Kopf - tiefe Wunden gegenseitig in den K├Ârper hackend - gr├Ą├člich!
Eine kleine Schar von Kindern und Frauen sah ich pl├Âtzlich vor mir - Angst in den Augen, Angst - schreckliche Angst! Vor den Ger├Ąuschen des Krieges, dem sie nichts entgegensetzen konnten: denn die Feinde waren stark und bewaffnet - und grausam und gr├Ą├člich - und alle wu├čten das.
Wieder stand ich vor einer M├Âglichkeit - nach rechts - ins Dunkel - nach links - oder geradeaus? - Vor mir ein kleines Licht, die Hoffnung - das Ende der Suche - die T├╝r zum Hof ??
Was - dachte ich, mochten diese Menschen auf der Flucht gedacht haben? - Bestimmt hatten sie den dunkelsten Gang genommen - und darin die gr├Â├čte Hoffnung gesehen! - Aber ich wollte ja nicht in die Katakomben - ich wollte wieder hinaus auf den Hof - zum Schlafsaal ...
Da packte mich pl├Âtzlich ein Impuls - ich ├Âffnete die n├Ąchste T├╝re - und ging hinein - und stand pl├Âtzlich in der Kapelle.
Kerzen hier - und keine Dunkelheit, kein Schrecken, keine Angst. Direkt neben dem Eingang eine gro├če Kupfertafel, und staunend las ich:

"In Dein Haus bin ich geflohen,
gejagt und voller Furcht, Gott mein Herr,
Das B├Âse folgte mir selbst hierher,
hilflos stehe ich da, unbewaffnet und schwach,
Gott mein Herr - Du bist meine letzte Hoffnung,
Du bist Schutz, sei Du Rettung.
Gott mein Herr, in mir sp├╝re ich nun
eine gro├če Kraft, den Mut, gegen das B├Âse
aufzustehen um mit meiner schwachen Hand
Deinen Schutz ├╝ber uns alle auszubreiten.
Du bist Rettung, Du bist Frieden,
Du bist die Kraft des Lebens,
niemals will ich vergessen."

Nicht alle Fascetten des "Vater unser" hatte ER mir abverlangt, nur genug, sich in Erinnerung zu bringen. Ich erkannte diese Wahrheit, und f├╝hlte mich gleichzeitig unendlich gl├╝cklich, unendlich schwach und unendlich stark ... seine Botschaft. Und das Gebet wurde mein Gebet - f├╝r immer!
Und ein Hauch von Luftbewegung ber├╝hrte mich sanft.



__________________
mit dem Herzen sehen ... (der kleine Prinz)

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