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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
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Eingestellt am 08. 03. 2016 14:40


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Brunn
Festzeitungsschreiber
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DER SCH├ťTZE

Peter war pleite und nach dem gerade beendeten Gespr├Ąch w├╝rde sich daran demn├Ąchst nichts ├Ąndern. Gleichm├╝tig verlie├č er das Arbeitsamt und versuchte den Blickkontakt mit zwei am Eingang herumlungernden Typen zu vermeiden. Aus dem Augenwinkel sah er sie ├╝bertrieben grinsen und mit billig kopierten Flyern herumwedeln. Peter war vollkommen klar, warum sie ihre Jobs au├čerhalb der Beh├Ârde anboten. Meist handelte es sich um kostenpflichtige Schulungen, in denen man lernte, den Leuten sinnlose Strom- und Versicherungsvertr├Ąge aufzuschwatzen. ÔÇ×Sch├Ânen guten Tag, schauen Sie sich bitte mal unser Angebot an.ÔÇť Fast eine Aufforderung, nicht schlecht; sie kn├╝pften direkt an den Ton im Arbeitsamt an. Peter sch├╝ttelte den Kopf und beschleunigte seinen Gang, musterte im Vorbeigehen die beiden Typen. Mit schwarzen Anz├╝gen und modischen Vertreterkrawatten unter ├╝bergro├čen M├Ąnteln versuchten sie krampfhaft seri├Âs zu wirken; ihre Lackschuhe standen halb auf dem knirschenden Streukies und halb im verdreckten, fast weggetauten Restschnee. Kaum hatte Peter die Zettelwinker hinter sich gelassen, wurde er pl├Âtzlich von der Seite von einem gro├čen ├Ąlteren Mann angesprochen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Peter war so verbl├╝ff, dass er spontan stehen blieb. Junge Leute lie├č Peter gerade noch durchgehen, die brauchen immer ein paar Euro und m├╝ssen lernen, was es hei├čt, Geld zu verdienen. Alte Menschen in diesen Hilfsjobs zu sehen, machte ihn dagegen traurig. Allerdings wirkte dieser Mann nicht besonders hilfsbed├╝rftig. Er trug einen eleganten kapuzenlosen Regenmantel mit Lederkragen, hatte seitlich ├╝ber den Kopf gek├Ąmmte wei├čgraue Haare, dichte graue Augenbrauen und sehr gleichm├Ą├čige wei├če Z├Ąhne. Falls sich noch jemand an Dr. Best erinnert, dann hat er ein recht genaues Bild des Mannes. Seine Worte waren sorgf├Ąltig gew├Ąhlt, kurz und pr├Ązise legte er sein unmissverst├Ąndliches Angebot dar. Er arbeite im Auftrag einer Organisation, die sterbenskranken Menschen hilft, w├╝rdevoll aus dem Leben zu scheiden. Es handele sich um Menschen, die sich gegen lebensverl├Ąngernde Ma├čnahmen entschieden haben, deren Tod unausweichlich sei und die daher zwangsl├Ąufig mit dem Leben abgeschlossen haben. Es blieben ihnen nur Schmerzmittel; der komplette Verlust von k├Ârperlicher und geistiger Kraft stehe unmittelbar bevor. Die Fahrt in ein Sterbehospiz in der Schweiz sei ihnen zu aufwendig; die ausf├╝hrliche und langwierige Todesvollstreckung mache ihnen Angst. Selbstausl├Âschung komme f├╝r sie aus unterschiedlichen Gr├╝nden nicht infrage; sie wollen kurz und schmerzlos aus dem Leben scheiden. Irgendjemand muss das nun erledigen. Daher spreche er Menschen an, die er nicht kenne, die ihn nicht kennen, die die Kunden nicht kennen, die also vollkommen anonym diesen Job gegen Bezahlung erledigen k├Ânnten. Er empfahl Peter, sich das Angebot zu ├╝berlegen, eine Nacht dar├╝ber zu schlafen, gr├╝ndlich die moralischen und finanziellen Aspekte abzuw├Ągen und im Falle einer Zustimmung ihn morgen gegen zehn Uhr an derselben Stelle zu treffen. Der Mann trug seine S├Ątze so selbstverst├Ąndlich und emotionslos vor wie ein Notar ein gerade ge├Âffnetes Testament. Als Zeichen, dass das Gespr├Ąch beendet war, nickte er kurz und freundlich. Peter hatte sich den Vortrag vollkommen reaktionslos angeh├Ârt nur bei der Passage mit dem Sterbehospiz war ihm ein verst├Ąndnisvolles Brummen entwichen, ein Brummen wie er es gerade vor zehn Minuten von sich gegeben hatte, als seine Sachbearbeiterin ihn ├╝ber seine Pflichten belehrt hatte. Trotz dieser kleinen Parallele f├╝hlte er sich dem ├Ąlteren Mann gegen├╝ber weniger ausgeliefert als der Dame im Amt. Peter schaute dem Doktor in die Augen, nickte ebenfalls und setzte seinen Weg in Richtung Bushaltestelle fort. Nach wenigen Schritten drehte er sich um, aber Dr. Best schaute ihm nicht nach, ebenso wenig sprach er weitere Kandidaten an. Er schlenderte langsam auf der Mitte des Fu├čweges in der entgegengesetzten Richtung davon und sah aus wie ein Rentner, dessen Hund irgendwo in der N├Ąher herumtobte.

Die Bushaltestelle lag schr├Ąg gegen├╝ber vom Arbeitsamt auf der anderen Seite einer lauten sechsspurigen Stra├če. Normalerweise w├Ąre Peter brav bis zu n├Ąchsten Ampel vorgegangen und dann auf der Gegenseite den Weg zur Haltestelle zur├╝ckgewandert. Doch pl├Âtzlich hatte er keine Lust dazu. Vielleicht gab ihm das seltsame Gespr├Ąch oder vielmehr der Vortrag des Mannes einen kleinen waghalsigen Kick, jedenfalls ├╝berquerte er todesmutig und ohne ├╝bertriebene Eile den Highway-to-hell auf direktem Weg.
W├Ąhrend er auf den Bus wartete, wunderte er sich, wie wenig skandal├Âs ihm das Angebot vorkam. Nat├╝rlich zog er es nicht in Betracht. Er t├Âtete weder Fliegen noch M├Ąuse und niemals w├╝rde er sich anma├čen, das Leben eines Menschen zu beenden. Im weitesten Sinne sah er sich als Pazifist.
Der Bus war fast leer, Peter konnte sich ganz nach hinten setzen und den Innenraum ├╝berblicken, wie er es als Kind immer gern getan hatte. Noch einmal schaute er aus dem winterverdreckten Fenster in Richtung Amt, aber der Blick war durch die Silhouette einer liegenden nackten Frau auf dem Werbebanner des Busses der Gegenrichtung verdeckt. ├ťber dem Slogan eines Flatrate-Bordells dr├╝ckten sich Schulkinder an die Scheiben und glotzten zu ihm her├╝ber. Wer wei├č, was auf seinem Bus geschrieben stand. Als die Puff-Kampagne aus dem Bild rollte, war Doktor Best nicht mehr zu sehen, an der Stelle wurde bereits ein anders St├╝ck aufgef├╝hrt: Ein junges t├╝rkischen Paar stand sich gegen├╝ber. Sie klammerte sich mit gesenktem Kopf an ihre wei├če Kunstlederhandtasche und schluchzte herzerweichend, w├Ąhrend er gestenreich auf sie einredete. Die T├╝ren rumsten zu, der Bus fuhr ab und Peter sah gerade noch, wie sich die beiden an die Hand nahmen und eilig auf das graue Amtsgeb├Ąude zugingen, als h├Ątte man ihre Wartenummer gerade aufgerufen. Nachdem sie au├čer Sicht waren, wanderte sein Blick zu den Hinterk├Âpfen der wenigen Fahrg├Ąste. Wieviel musste man wohl hinlegen f├╝r so einen Gnadenschuss? Der Bus beschleunigte und schaffte mehrere Kreuzungen in einer gr├╝nen Welle. Peter rutschte etwas dichter an die Scheibe heran, damit er im Falle einer Vollbremsung nicht durch den Mittelgang geschleudert werden w├╝rde. W├Ąhrend er so durchgesch├╝ttelt wurde, fragte Peter sich, warum er eigentlich von einem Schuss ausging. Vielleicht w├╝rde er ja auch eine Portion Gift bekommen und h├Ątte die Aufgabe, es dem Kunden unauff├Ąllig in seinen Kaffee zu kippen, sagen wir bei Mc Donalds. Der Bus stoppte vor einer Schule und wurde von sch├Ątzungsweise hundert Schulklassen geflutet. Nach sechs- oder siebenst├╝ndigem hochintensivem Lernen lie├čen sie ihren Stimmen nun freien Lauf. Peter freute sich f├╝r die Kids, konnte allerdings nicht weiter ├╝ber seinen Fall nachdenken.

Zuhause machte er sich einen Kaffee und setzte sich zum Gr├╝beln an den K├╝chentisch, doch schon bald war ihm der z├Ąhe Gedankenfluss zuwider. Er wechselte ins Wohnzimmer und versuchte es mit dem Fernseher. Das Mittagsprogramm war vollkommen auf Arbeitslose wie ihn zugeschnitten. Erfolglos versuchte sich Peter in Claudia hineinzuversetzen, die in der Berufsschule immer wegen ihrer gro├čen Br├╝ste ge├Ąrgert wurde. Sie hatte sich angew├Âhnt, sich hinzusetzen, die Br├╝ste mit beiden H├Ąnden zu packen und auf die Tischplatte zu legen. Dar├╝ber lachten dann alle. Peter nippte an seinem Kaffee. Seine Tasse hatte einen Rand auf dem Couchtisch hinterlassen, den er erst mit einem Finger verwischte und schlie├člich mit einem Papiertaschentuch wegpolierte. Wahrscheinlich w├╝rde man Gift im Kaffee herausschmecken. Au├čerdem gab es ├╝berall Video├╝berwachungen, da w├╝rde man den Mord und den M├Ârder erkennen. Mord. Das Wort wirkte brutal und be├Ąngstigend. Claudia demonstrierte gerade wie sie ihr Br├╝ste auf den Tisch legte und Peter schaltete den Fernseher aus. Er sch├╝ttelte sich heftig, als wolle er diese ganzen verr├╝ckten Gedanken loswerden.

Am Abend setze er sich erneut vor die Glotze, konnte sich aber nicht auf das Programm konzentrieren. Er trank zwei alkoholfreie Biere und ging ins Bett. Wie w├╝rde er sich denn verhalten, wenn sein Tod unausweichlich und qualvoll bevorst├Ąnde? Oder wenn er sich mit HIV infiziert h├Ątte und es keiner wissen sollte? Am besten w├Ąre wohl ein Motorradunfall. Selbstverst├Ąndlich d├╝rften keine anderen Personen zu Schaden kommen. Mit etwas Pech, denn ganz so entschlossen ist man ja dann wahrscheinlich doch nicht, rei├čt man den Lenker in letzter Sekunde herum und landet zermatscht aber lebendig im Krankenhaus. Wenn er es sich recht ├╝berlegte, war ein unerwarteter Kopfschuss aus einiger Entfernung gar keine schlechte L├Âsung. Je mehr er dar├╝ber nachdachte, desto schl├╝ssiger erschien ihm ein pr├Ązises Gewehr mit Zielfernrohr als Tatwaffe. Er sah sich schon wie Leon der Profi auf einem Hochhausdach liegen und auf lebensm├╝de Jogger im Centralpark schie├čen. Vielleicht h├Ątte er ja auch einen Lehrling vom Format der jungen Natalie Portman dabei. In Erwartung unruhiger Tr├Ąume schloss er die Augen.

Peter erschien p├╝nktlich um zehn Uhr vor dem Arbeitsamt. Wenn er den Job ann├Ąhme, wozu er keinesfalls entschlossen war, dann wollte er von Anfang an als zuverl├Ąssig gelten. Dr. Best trug denselben dunklen Regenmantel wie am Vortag und begr├╝├čte Peter freundlich. Sie entfernten sich vom Eingang der Beh├Ârde und gingen auf den Parkplatz eines lange nicht sanierten Plattenbaugebietes zu. Peter hatte sich ein wenig Agentenfilm-Feeling erhofft, aber der regengraue Tag und die trostlose Wohnarchitektur lie├čen keine vergleichbare Stimmung aufkommen. Der Ablaufplan, den der Mann schilderte, entsprach recht genau Peters Vorstellungen. Er erhielt ein Prepaid-Handy, indem eine einzige Nummer eines anderen Prepaid-Handys gespeichert war, die einzige Kontaktm├Âglichkeit zwischen ihm und Best. Sollte Peter anrufen wollen, solle er sich mit ÔÇ×Sch├╝tzeÔÇť melden. Dann gingen sie zu einem blauen Ford Focus mit Hamburger Kennzeichen, in dessen aufger├Ąumtem, sorgf├Ąltig gesaugten Kofferraum zwei ineinandergesteckte Aldi-T├╝ten standen. In den T├╝ten befanden sich in Knallfolie gewickelte Einzelteile eines Jagdgewehres und eine kleine Schachtel mit Munition. Irgendetwas st├Ârte Peter an den T├╝ten, er konnte aber nicht sagen, was es war. Dr. Best begann mit der Einweisung. Der Kunde w├╝nsche sich den Tod innerhalb eines bestimmten Zeitfensters. Er wolle nicht genau wissen, wann es geschieht, aber sicher gehen, am Ende der Woche nicht mehr zu leben. In einem Umschlag aus braunem Umweltpapier befand sich ein Foto. Au├čerdem waren mit dem Kunden t├Ągliche Spazierg├Ąnge zur Mittagszeit im n├Ârdlichen Stadtforstgebiet ausgemacht worden. Die Anzahlung betrug f├╝nftausend Euro, nach ausgef├╝hrtem Auftrag g├Ąbe es noch einmal dieselbe Summe. Ohne jede Drohgeb├Ąrde hielt der Doktor Peter ein Foto unter die Nase, welches ihn vor dem Arbeitsamt zeigte und offensichtlich gestern mit einem Teleobjektiv geschossen wurde. Mit etwas in dieser Art hatte Peter gerechnet, irgendwie mussten die sich ja absichern. Er nickte verst├Ąndnisvoll und nun stellte sich doch noch ein kleines Agentenfilm-Feeling ein, wenn auch ein be├Ąngstigendes. Dar├╝ber hinaus, das betonte der Doktor, h├Ątten sie keine Informationen ├╝ber Peter gesammelt. Sie kannten weder seinen Namen noch seine Adresse und wollten es auch nicht wissen. Peter fragte nach den Auswahlkriterien, denn wie er beobachtet hatte, war er die einzige Person gewesen, die recht gezielt angesprochen worden war. Der Dentist berichtete knapp von seinem Aufgabenbereich, demzufolge er auch nur ein Mittelsmann war, der eben genau f├╝r diese F├Ąhigkeit gesch├Ątzt wurde, n├Ąmlich die richtigen Menschen f├╝r den richtigen Job auszusuchen. Peter schien im geeignet, da er ihn f├╝r einen Mann hielt, der gerade einen beruflichen Tiefpunkt erlebe, aber nicht entmutigt aussehe, der k├Ârperlich und mental in der Lage sei, einen ungew├Âhnlichen Auftrag auszuf├╝hren und der vor allem zuverl├Ąssig wirke. Au├čerdem mache er insgesamt einen sehr durchschnittlichen Eindruck mit einem Gesicht ohne besondere Merkmale; ein Kompliment, das Peter schon oft geh├Ârt hatte. Falls er aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein sollte den Auftrag auszuf├╝hren, solle er bitte anrufen und Freitagabend um zweiundzwanzig Uhr hier erscheinen. Es sei daher ratsam, die Anzahlung bis dahin nicht auszugeben.

Als Peter im Bus sa├č, wieder ganz hinten, f├╝hlte er sich zwar etwas mulmig, auch zitterten tats├Ąchlich seine Knie, aber alles in allem schien ihm der ganze Deal sehr vern├╝nftig und fair zu sein. Aus Angst, sie im Bus stehen zu lassen, umklammerte er fest die Tragegriffe der Aldi-T├╝ten. Pl├Âtzlich wusste er, was ihn gest├Ârt hatte: Der Wagen hatte ein Hamburger Kennzeichen, Dr. Best sprach Leute in Berlin an und die T├╝ten waren von Aldi-S├╝d. Au├čerdem standen sie im Kofferraum als h├Ątte man sie gerade erst eingeladen. Hamburger Kennzeichen bedeutete nichts, h├Âchstwahrscheinlich ein Mietwagen. Aber Aldi-S├╝d? War die Organisation etwa aus S├╝ddeutschland oder war es nur eine Ablenkung? Peter schaute aus dem Fenster und sch├╝ttelte wie in einem Selbstgespr├Ąch unmerklich den Kopf. Diese ├ťberlegungen f├╝hrten zu nichts.

Zuhause verschloss er entgegen seiner Gewohnheit die Wohnungst├╝r, versteckte das Geld - ohne es nachzuz├Ąhlen - in einer Schreibtischschublade und breitete den Inhalt der T├╝ten auf dem zuvor ges├Ąuberten K├╝chentisch aus. Er wickelte die Waffenteile vorsichtig aus und ordnete sie nebeneinander an. Ganz unten in der T├╝te fand er eine Gebrauchsanweisung, ein fusselfreies Leinentuch und als Gratiszugabe ein kleines Fl├Ąschchen Waffen├Âl. Das Gewehr lie├č sich problemlos zusammensetzen, das Gewicht war angenehm und es lag gut in der Hand. Zum Justieren des Zielfernrohres hielt sich Peter genau an die Anweisung. Bei der Armee hatte er den Umgang mit einer Maschinenpistole gelernt; er war in der Lage sie zu zerlegen, zu reinigen und kannte sich mit den grundlegenden Funktionen aus. Er konnte sie sichern und entsichern; er wusste, worauf es beim Schie├čen ankam. Bei Schie├č├╝bungen hatte er sowohl beim Einzel- als auch beim Dauerfeuer stets eine ruhige Hand bewiesen. Nach wie vor irritierten ihn die Aldi-S├╝d-Taschen. Ein ehemaliger Arbeitskollege aus M├╝nchen hatte immer die Nase ├╝ber Aldi-Nord ger├╝mpft und betont, wie viel besser Aldi-S├╝d sei. Peter konnte dazu nichts sagen. Er pr├╝fte die Festigkeit der Tragetaschen. Da es zwei ├╝bereinander gest├╝lpte Taschen waren, konnte nichts passieren. Au├čerdem wurden Aldi-T├╝ten gerne von Pennern verwendet und die mussten es ja wissen.
In der Nacht erwachte Peter schwei├čgebadet. Er war sich jetzt sicher, den Mann niemals erschie├čen zu k├Ânnen. Ihm wurde schwindelig bei der Vorstellung, mit dem zerlegten Gewehr in der Tasche in den Wald zu fahren, sich ein Versteck zu suchen und mit dem Foto in der Hand - welches er sich absichtlich noch nicht angesehen hatte - auf sein Opfer zu warten, das Gewehr anzulegen und ihm ein St├╝ck Metall in den Sch├Ądel zu jagen. Peter schaffte es gerade noch bis ins Bad, wo ihm ein heftiger Krampf den Darm ausquetschte. W├Ąhrenddessen fiel ihm auf, dass er keinen Schalld├Ąmpfer bekommen hatte. Andererseits gab es richtige D├Ąmpfer ohnehin nicht. Das kurze dumpfe, gummiartige Ger├Ąusch ist eine reine Filmerfindung. In Wirklichkeit reduziert der D├Ąmpfer den Austrittsschall um einige Dezibel, um bei Eins├Ątzen in Innenr├Ąumen das Geh├Âr des Sch├╝tzen zu schonen. Laut ist es trotzdem. Zumindest hatte es ihr Ausbilder beim Milit├Ąr so dargestellt. Wieder in der K├╝che betrachtete Peter die Waffe. Sie bereitete ganz grunds├Ątzliche Probleme: Der n├Ârdliche Stadtforst gilt als Freizeit- und Erholungsgebiet, wie soll da ein Mann mit einem Gewehr, sowohl vor, als auch nach der Tat unbemerkt bleiben. Er k├Ânnte es erst kurz vor dem Schuss montieren und m├╝sste es anschlie├čend sofort wieder zerlegen. Am liebsten h├Ątte Peter Geld und Gewehr direkt zur├╝ckgebracht. Der Gedanke, bis Freitag warten zu m├╝ssen, war ihm unertr├Ąglich. Entmutigt und zusammengesunken hockte er auf seinem K├╝chenstuhl und betrachtete das Schlamassel auf seinem Tisch.

Der n├Ârdliche Stadtforst war ein langgezogenes, aber nicht sehr breites Waldgebiet unter der ehemaligen Einflugschneise des stillgelegten Flughafens. Im Dickicht hielt sich vereinzelt der Winter, Wege und Wiesen leuchteten in der fernen M├Ąrzsonne. Am Morgen hatte Peter sein altes Fahrrad entstaubt und genoss nun die frische Luft, die in der Stadt noch keine Anzeichen von Fr├╝hling enthielt, aber hier auf dem holprigen Waldweg wunderbar nach fauligem Holz und Moos duftete. Unter dem Gezwitscher von Amseln und Meisen k├Ąmpften sich einige Jogger durch den sp├Ąten Vormittag. Peter fiel auf, dass sie fast alle in dieselbe Richtung liefen. Auch wenn er manchmal minutenlang ganz allein vor sich hin radelte, blieb der Waldweg un├╝bersichtlich. Es waren zu viele Kurven, hinter denen jederzeit ein neuer Jogger auftauchen konnte. Selbst wenn er seinen Klienten (nach einigen ├ťberlegungen hatte Peter den Begriff Klient f├╝r angemessen befunden) unbeobachtet erlegen k├Ânnte, bliebe ihm sehr wenig Zeit f├╝r den R├╝ckzug. Er m├╝sste sich ja auf eine bestimmte Stelle festlegen, dort das Gewehr herausholen, zusammenbauen, pr├╝fen und warten. Er stellte es sich ungef├Ąhr so vor: Weg frei, Schuss/lauter Knall, Klient f├Ąllt zu Boden, sein eigener schneller Atem beim Rennen, dann ein markersch├╝tternder Frauenschrei. Sollte der Klient allerdings nicht allein auf dem Weg sein, w├Ąre die Chance f├╝r diesen Tag vertan. Er konnte ja schlecht, wie ein Kind beim Indianerspielen, mit dem Gewehr in der Hand ein St├╝ck weiter durch das Dickicht rennen und es erneut versuchen. Peter hatte sich noch immer nicht das Foto angeschaut. Er betrachtete die M├Ąnner, die alleine spazieren gingen und ├╝berlegte, ob einer von ihnen der Todeskandidat sein k├Ânnte. Einige ├Ąltere Herren schienen ihm geeignet, obwohl keiner von ihnen besonders lebensm├╝de wirkte. Beim Verlassen des Waldes fiel sein Blick auf einen alten Wach- oder Wetterturm, der in einiger Entfernung vom Waldrand wie ein verwitterter Monolith auf einer dicht bewachsenen, verwilderten Wiese stand. Ein einziger d├╝nner Trampelpfad war wie eine Z├╝ndschnur vom Waldrand zum Turm gelegt. Obwohl der Maschendrahtzaun vor Jahren entfernt worden war, zeichnete sich der Beginn des aufgegebenen Flughafengel├Ąndes durch niedrigeren Pflanzenwuchs deutlich ab. ├ähnlich wie auf dem ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze wirkten auch hier die Pestizide im Boden noch Jahre nach. Dem Turm waren Fenster und T├╝r unsanft entrissen wurden, der Beton an den ├ľffnungen zeigte Spuren von Spitzhacken und schweren H├Ąmmern. Aus der T├╝r├Âffnung kam Peter der Geruch von kaltem Mauerwerk entgegen, im Inneren stank es vorrangig nach Pisse und verbranntem Plastik. Sowohl innen, als auch au├čen war jeder Zentimeter entweder mit Graffiti, meist aber wahllos mit Farbe beschmiert. Die Treppe war offensichtlich beim Stilllegen des Turms professionell entfernt worden, dennoch konnte man mit Hilfe eines rostigen Waschmaschinenkadavers und einiger verkohlter Balken in den oberen Raum gelangen. Dieser zeigte die gleichen Spuren jugendlicher Kraftverschwendung und gedankenloser Farbverteilung wie das Erdgeschoss, nur die Luft war aufgrund der rundherum fehlenden Fenster viel besser. Glassplitter knirschten unter Peters Schuhen. Das war nat├╝rlich ein idealer Schie├čstand, der Waldrand lag gerade in der richtigen Entfernung, um einen Schuss sicher platzieren zu k├Ânnen und das Gel├Ąnde war nach allen Seiten sehr gut zu ├╝berschauen. Andererseits konnte er selbst genauso von allen Seiten gesehen werden und der Weg zur├╝ck f├╝hrte zwangsl├Ąufig ├╝ber freies Gel├Ąnde. Und w├╝rde eine Gruppe Jugendlicher auf den Turm zukommen, h├Ątte er kaum eine Chance, ungesehen zu verschwinden. M├Âglicherweise w├╝rden sie ihn sogar in die Mangel nehmen und sich f├╝r den Inhalt seiner Taschen interessieren. Peter hielt sich ungef├Ąhr zehn Minuten auf dem Turm auf und beobachtete die Bewegungen in der Umgebung. Heute w├Ąre es gut gegangen. Lediglich zwei Jogger trabten aus dem Wald heraus, hielten sich auf dem Weg an der Waldkante und verschwanden nach etwa zweihundert Metern wieder zwischen den B├Ąumen. In der entgegenliegenden Richtung tauchte ein Radfahrer auf, der irgendetwas zu suchen schien, dann pl├Âtzlich wendete und denselben Weg zur├╝ckfuhr. Peter vermied es, zu dicht an die Fenster├Âffnungen heranzutreten oder sie zu ber├╝hren. Er ├╝berlegte, wo er schon seine Fingerabdr├╝cke und Fu├čspuren hinterlassen hatte. Selbst wenn er beim n├Ąchsten Mal gesch├╝tzt w├Ąre, k├Ânnten geschickte Kriminaltechniker seinen heutigen Besuch sicher nachweisen. Aber mit dem Problem w├╝rde er sich sp├Ąter besch├Ąftigen. Sein Blick scannte immer wieder den Waldrand und die wie Adern daraus hervortretenden Wege. Wie w├╝rde sich der Klient wohl bei einem Fehlschuss verhalten? Wahrscheinlich w├╝sste er beim Knall sofort Bescheid, w├╝rde sich aber wundern, warum er nichts sp├╝rt und nicht umkippt. Wenn ihm dann klar wird, dass der Killer versagt hat, wird er sich ├Ąrgern oder sogar w├╝tend werden. Schlie├člich hat man ihm einen Profi versprochen. Vielleicht ist er auch total ver├Ąngstigt, beginnt zu rufen und zu winseln, legt sich auf den Boden oder er h├Ąlt sich sch├╝tzend die Arme ├╝ber den Kopf und springt sofort in den Wald. H├Ątte Peters Phantasie nicht schon eine ausf├╝hrliche Wunschliste f├╝r die Verwendung der zehntausend Euro angefertigt, er h├Ątte die ganze Sache sp├Ątestens an diesem Punkt abgebrochen. Er f├╝hlte sich lust- und mutlos, schlie├člich kletterte er wieder nach unten. Wie eine Spielzeugfigur mit schwachen Batterien bewegte er sich in der vorgegebenen Furche des Trampelpfades vom Turm weg. Mitten auf freiem Feld, noch gut zwanzig Meter vom Waldrand entfernt, stie├č er fast mit zwei M├Ądchen zusammen, die pl├Âtzlich vor ihm standen. Sie hielten kleine bl├Ąuliche Blumen in den H├Ąnden, offensichtlich waren sie gerade aus der Hocke aufgestanden. Mit gro├čen Augen schauten sie Peter fragend an. F├╝r einen Moment bewegte sich keiner von ihnen. Um es nicht noch schlimmer oder vielmehr verd├Ąchtiger zu machen, presste Peter, so cool es ihm m├Âglich war, ein heiseres Hallo hervor und schob sich an den beiden vorbei. Er sp├╝rte f├Ârmlich ihre Blicke in seinem R├╝cken. Zum Gl├╝ck konnten sie den starken Schwei├čausbruch nicht sehen, der Peter ├╝berkam und den er unter Kontrolle zu bekommen versuchte, indem er ruhig atmete und sich ein Bild von den M├Ądchen ins Ged├Ąchtnis rief. Was hatte er in dem kurzen Augenblick von ihnen erfasst und was konnten sie von ihm aufgenommen haben? Sie waren ungef├Ąhr gleich gro├č und mussten zwischen zehn und vierzehn Jahre alt sein, so genau kannte er sich damit nicht aus. Die Eine hatte einen Pferdeschwanz, der unter einer M├╝tze hervorschaute. Die Farbe der M├╝tze wusste er nicht mehr, ebenso wenig konnte er irgendeines ihrer Kleidungsst├╝cke beschreiben. Der Riemen einer Schulmappe irrte durch seinen Erinnerungsversuch. Vielleicht hatte er sich die Schulmappen aber auch nur eingebildet, weil sie seiner Meinung nach aus der Schule kommen mussten. Aber um diese Zeit? Vielleicht eine Freistunde. Er musste also mit allem rechnen. Auf dem R├╝ckweg erschien ihm der Turm v├Âllig ungeeignet, die Waldwege aber auch. Als er wieder in Sichtweise der ersten H├Ąuser kam und nach einer Bushaltestelle Ausschau hielt, fiel ihm sein Fahrrad ein, welches er am Waldrand abgestellt hatte, um auf den Turm zuzugehen. Die M├Ądchen hatten ihn v├Âllig durcheinandergebracht. Ver├Ąrgert ging er den Weg zur├╝ck. Das Fahrrad kam ihm vor wie ein altes Pferd, welches vollkommen emotionslos dort stand, wo er es zur├╝ckgelassen hatte und obwohl er es nicht einmal angebunden hatte, war es keinen Zentimeter von der Stelle gewichen. Eigentlich eine sehr sichere Gegend. Er lachte ├╝ber seinen eigenen Witz. Im Schutze des Waldes schaute Peter erneut zum Turm hin├╝ber. Von den M├Ądchen fehlte jede Spur; vielleicht sa├čen sie unten auf der alten Waschmaschine und rauchten. Oder sie standen, genau wie er noch vor einer halben Stunde, in der Mitte des oberen Raums und beobachteten ihn und sein Pferd. Peter stellte sie sich bei einem Polizeiverh├Âr vor, wie sie eine exakte Beschreibung von ihm abgaben.

Am Abend fand er keine Ruhe, die Gedanken fegten kreuz und quer durch seinen Kopf und weigerten sich zu landen. Um sich auf einen konkreten Punkt zu konzentrieren, holte Peter das Foto hervor. M├Âglicherweise hatte er den Klienten heute ja schon gesehen. Es handelte sich um das Portr├Ąt eines ca. sechzigj├Ąhrigen Mannes, welches ebenso wie Peters Foto aus gr├Â├čerer Entfernung mit einem Teleobjektiv aufgenommen war. Der Mann schaute mit etwas gequ├Ąltem Blick leicht an der Kamera vorbei. Die Ursache f├╝r seinen Gesichtsausdruck war schwer zu bestimmen, m├Âglicherweise pfiff ihm nur der Wind ins Gesicht. Peter war sich sicher, dass dieser Mann heute weder unter den Joggern, noch unter den ├Ąlteren Spazierg├Ąngern gewesen war. Aber er kannte ihn. Es war keine Person aus seinem unmittelbaren Umfeld, kein ehemaliger Arbeitskollege; Peter konnte ihn nicht direkt zuordnen. Er war wie ein Schauspieler, dessen Namen einem nicht gel├Ąufig war, den man aber schon in mehreren Filmen gesehen hat, deren Titel man ebenfalls nicht mehr wusste. Peter holte das Geld hervor und stapelte es neben dem Foto auf den K├╝chentisch. Ein bescheidener Haufen aus F├╝nfzigeuroscheinen. Zum Gl├╝ck kein Scheck. So ein einzelner Zettel h├Ątte ihn deprimiert. Sein Blick wechselte in schneller Folge zwischen Bild und Geld, als k├Ânnte er dadurch irgendetwas herausfinden. Schlie├člich lie├č er beides auf dem K├╝chentisch liegen und setzte sich in der Hoffnung auf einen erhellenden Gedanken auf die Toilette. Einer wissenschaftlichen Theorie zufolge hat man dort oft gute Einf├Ąlle, weil man mit dem Schlie├čen der Klot├╝r die ganze Welt f├╝r eine Weile ausblendet, mit sich selbst ganz allein ist und die relative Gewissheit hat, nicht gest├Ârt zu werden. Der K├Ârper entleert sich praktisch von selbst und pl├Âtzlich materialisiert sich im Gehirn eine L├Âsung f├╝r ein Problem, an das man gerade eben nicht gedacht hat. Alles, was das Denkorgan f├╝r den Geistesblitz brauchte, war ein Moment der Ruhe und Befreiung von dem ├╝blichen Verkehr im Kopf. Bei Peter funktionierte das selbst dann, wenn sein Kopf nicht gerade ├╝berlastet war, sondern mehr einer verkehrsberuhigten Zone glich. W├Ąhrend er so auf der Keramik hockte, versuchte Peter die Perspektive seiner Auftraggeber einzunehmen. Was w├Ąre n├Âtig, um einen v├Âllig anonymen Killer zu finden, wie w├╝rde er vorgehen, einen mutma├člich nichtkriminellen Normalb├╝rger fast beil├Ąufig dazu zu bringen, eine so ungeheuerliche Tat wie einen Mord zu begehen? Zun├Ąchst m├╝sste man eine moralische Legitimation finden. Man k├Ânnte das T├Âten eines einzelnen Menschen in Beziehung setzen zu den vielen Menschen, die t├Ąglich unschuldig sterben, k├Ânnte die Gr├Â├če des Universums und das Alter der Erde mit der kurzen, bedeutungslosen Existenz des Menschen vergleichen. Oder man k├Ânnte einfach behaupten, man tue dem Menschen einen Gefallen, es sei sein freier Wille, weil er an einer unheilbaren und ganz und gar furchtbaren Krankheit leide. Peter bet├Ątigte die Sp├╝lung und lie├č Badewasser einlaufen. Er brauchte einen erneuten Wechsel der Perspektive. Das Wasser bedeckte gerademal den Wannengrund, aber Peter wollte nicht l├Ąnger warten. Er suchte in der alten Kommode nach Badezusatz und fand eine vor einigen Jahren angefangen Flasche mit Melisse-Entspannungsbad von einer Drogeriekette. Ein bis zwei Verschlusskappen wurden empfohlen, das war ihm heute zu wenig. Er kippte drei randvolle Kappen ins Wasser, sp├╝lte sie dann unter dem Wasserstrahl aus, setzte sich in die gr├╝ne Pf├╝tze und gr├╝belte weiter. Niemand konnte ihm die Story best├Ątigen, die Dr. Best ihm vor dem Arbeitsamt aufgetischt hatte. Viel wahrscheinlicher war es, dass diese Mafiatypen jemanden aus dem Weg r├Ąumen lassen wollen und die Krankheitsgeschichte nur zur ├ťberzeugung des Killers diente. Vielleicht hat auch jemand viel mehr Geld f├╝r die Beseitigung des Mannes geboten. Damit k├Ânnten sie sich eine ganze Reihe von Killern leisten. Peter bringt den Klienten um und ein weiterer Killer legt Peter um, damit der Auftrag nicht zur├╝ckzuverfolgen ist. Vielleicht wissen sie doch mehr ├╝ber ihn, als sie zugeben. Am Ende muss er das Geld wieder rausr├╝cken und wird noch erpresst. Er muss dann einen Mord nach dem anderen ausf├╝hren und ist vollkommen in den H├Ąnden der Mafia. Ob es wirklich so einfach war, wieder auszusteigen, wie Best behauptet hatte? Anruf gen├╝gte? Peters Gedanken flossen schneller als das Badewasser, lediglich F├╝├če und Hintern waren bedeckt. Immerhin hatte sich ein imposanter Schaumberg gebildet. Woher kannte er den Typen nur? Als die Wanne endlich voll war, regelte er noch ein wenig an der Wassertemperatur herum, in dem er abwechselnd das hei├če und kalte Wasser laufen lie├č und genoss dann das Knistern der Schaumbl├Ąschen in der Stille. Das Melissen-Imitat wirkte, Peter wurde m├╝de und kurz bevor er einzuschlafen drohte, hatte er die L├Âsung. Er w├╝rde den Auftrag nicht zur├╝ckgeben, sondern er w├╝rde den Klienten zur Rede stellen. Er w├╝rde ihn treffen, um aus seinem Munde zu h├Âren, ob er sich wirklich umbringen lassen wollte. Danach k├Ânnte er ihn entweder ruhigen Gewissens erschie├čen oder ihn vor dem n├Ąchsten Killer warnen. Zufrieden schloss Peter die Augen und erwachte Stunden sp├Ąter - mit dem Geschmack von gr├╝nem Badezusatz im Mund - im lauwarmen Wasser. Der Nachtschlaf war ruhig und tief.

Mit dem Foto in der Jackentasche stand Peter auf dem Wachturm und beobachtete den Waldrand. Die Kronen und ├äste der ├Ąu├čeren Baumreihe bewegten sich m├Ą├čig im Wind. Die Sonne lie├č sich zwar nicht blicken, aber mit ein bisschen gutem Willen konnte man es schon als Fr├╝hlingtag durchgehen lassen, zumindest Vorfr├╝hlingstag. Sein Fahrrad hatte er diesmal als Fluchtfahrzeug bis zum Turm mitgenommen. Nach zwei Frauen mit Kinderwagen, vier Joggern und einem Fuchs tauchte endlich sein Klient auf. Der Schreck, der Peter im Moment des Erkennens durchfuhr, machte ihm erneut klar, wie wenig er als Auftragskiller taugte. Er kletterte die schr├Ąge Balken-Schrott-Konstruktion hinunter, schwang sich auf sein Rad und fuhr einen gr├Â├čeren Bogen, der in einigem Abstand auf den Weg f├╝hrte, auf dem sich der Klient bewegte. Obwohl der Untergrund trocken war, kam er auf den Trampelpfaden der zugewachsenen Wiese nur schwer voran. Die Schutzbleche klapperten wie verr├╝ckt, die Kappe der Klingel rasselte in einer Tour und die Kettenspannung war alles andere als ideal. Tolles Fluchtfahrzeug. V├Âllig au├čer Atem erreichte Peter den Weg. Der Klient war gut hundert Meter entfernt und ging langsam in seine Richtung. Der Mann schritt ruhig vor sich hin und wirkte in seiner hellroten Windjacke wie ein normaler Spazierg├Ąnger; nichts deutete darauf hin, dass er auf einen Todesschuss wartete. Sein Blick war meist auf den Boden gerichtet, gelegentlich schaute er ├╝ber die struppige Wiese zum Wachturm. Peter stieg vom Rad und schob es langsam ├╝ber den unruhigen Untergrund, ohne dass es aufh├Ârte zu klappern. Er schnaufte schwer, die ungewohnte Anstrengung machte ihm zu schaffen. Inzwischen war auch der Klient auf Peter aufmerksam geworden, zeigte aber weiter keine Reaktion. Zwei Spazierg├Ąnger begegneten sich am Waldrand, nichts aufregendes. Peter suchte nach Anzeichen einer Krankheit, aber weder im Gesicht, noch am Gang des Mannes lie├č sich aus dieser Entfernung k├Ârperlicher oder geistiger Verfall erkennen. Seine Gesichtsfarbe wirkte sogar sehr gesund, vielleicht war es auch Sonnenbankbr├Ąune. Als sie nur noch zehn Meter voneinander entfernt waren, blieb der Mann pl├Âtzlich stehen und sah Peter direkt an. Offensichtlich hatte er Peter bereits gescannt und sich ein Urteil gebildet. Jemanden beobachten ohne Hinzusehen, eine Technik, die sonst nur Frauen beherrschten. Jetzt konnte ihm Peter direkt in die Augen schauen und die sahen ├╝berhaupt nicht entspannt aus. Sie quollen geradezu hervor, ein Auge glotzte Peter an, das andere deutlich an ihm vorbei. Die Gesichtsfarbe war nicht gesund, sondern knallrot, als w├╝rde der Kopf jeden Moment explodieren. Die dunkelrote R├╝be ├╝ber der hellroten Windjacke, die ihm jetzt wie ein Zielpunkt vorkam, wirkte geradezu grotesk. Der Mann war ihm vollkommen unbekannt. Die unbestimmte ├ähnlichkeit mit einer ihm irgendwie bekannten Person, die sein Gehirn ihm vorgeschlagen hatte, bestand nur auf dem Foto. Sein Mund machte dicke Backen, als sammele er Luft f├╝r einen Tauchgang, dann fiel er in sich zusammen, kippte zur Seite und endete verdreht auf dem Grasstreifen am Rande des Weges. Peter stand regungslos vor ihm und hielt sich mit beiden H├Ąnden am Lenker seines ebenfalls verstummten Pferdes fest. Von seinem Klienten kam keinerlei Lebenszeichen. ├ťberdeutlich nahm er die Ger├Ąusche des Waldes und der Wiese war. Ein Specht h├Ąmmerte besinnungslos auf einen Baum ein; Peter bekam schon vom Zuh├Âren Kopfschmerzen und um die wilden Pflanzen am Wegesrand d├╝sten die ersten hektischen Insekten herum. Im Nachhinein schien es Peter ganz logisch, dass der Mann vor ihm zusammengebrochen war. Stell dir vor, du wartest tagelang auf den Schuss, jeder Passant ist ein m├Âglicher M├Ârder, da ist man doch permanent kurz vor einem Herzinfarkt. Vielleicht hatte er die Killernatur in Peter gesehen, das war dann zu viel gewesen. Im Augenblick des Zusammenbruchs selbst kam es Peter allerdings wie ein schlechter Scherz vor.

Es dauerte ewig, bis der Rettungswagen kam. Peter hatte von seinem eigenen Handy aus angerufen und seinen Namen genannt. Die Zentrale der ÔÇ×Schnellen medizinischen HilfeÔÇť rief dann noch zweimal zur├╝ck, weil die Sanis die Stelle nicht fanden. Peter hatte am Telefon durchblicken lassen, dass am Ableben des Mannes kein Zweifel bestehe. Darauf wollte sich der Typ am Telefon aber nicht einlassen. Er forderte Peter auf, das Handy auf Lautsprecher zu stellen und gab ihm dann konkrete Anweisungen zur Wiederbelebung. Peter kniete sich auf den feuchten Weg, legte dem Mann sein Handy auf die Brust und seine Finger begannen alibim├Ą├čig an der Halsschlagader herumzutasten. Und tats├Ąchlich f├╝hlte er einen schwachen Pulsschlag. Auch das noch. Der Brustkorb bewegte sich nicht. Peter f├╝hrte seine Wange dicht an den Mund des Mannes heran. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber er glaubte, einen ganz leichten Atem zu sp├╝ren. Peter war unschl├╝ssig. ÔÇ×Kein Atem, kein Puls.ÔÇť sagte er in Richtung Handy. W├╝rde sich die Story mit der unheilbaren Krankheit best├Ątigen, dann war die Einlieferung in ein Krankenhaus genau das, was der Klient vermeiden wollte. Warum musste er auch so schnell zusammenbrechen, ohne Peter den kleinsten Hinweis zu geben! Sein Handy erteilte ihm mit ruhiger und monotoner Stimme weitere Anweisungen. Peter tat auch so, als w├╝rde er sie ausf├╝hren, ├Âffnete aber lediglich die Jacke des Patienten, damit es sp├Ąter so aussah als ob und z├Ąhlte gemeinsam mit der Stimme aus dem Lautsprecher den Rhythmus der Herzdruckmassage im Wechsel mit der Mund-zu-Mundbeatmung. Mund-zu-Mundbeatmung! Soweit kamÔÇÖs noch. Der Typ am Telefon forderte Peter auf, die Ma├čnahmen bis zum Eintreffen der Rettungskr├Ąfte fortzuf├╝hren und legte auf. Peter hielt Ausschau nach Joggern und Frauen mit Kinderwagen, aber niemand lie├č sich blicken. So wie es sich entwickelte, w├╝rde er den Mann wohl im Rettungswagen ins Krankenhaus begleiten, um sich Stunden sp├Ąter von ihm entweder dankbar oder vorwurfsvoll die Hand dr├╝cken zu lassen. Sie haben mir das Leben gerettet. Verzwickte Sache! W├╝rden sie den Klienten erst mal verfrachtet haben, g├Ąbe es nach dieser Aktion hier f├╝r Peter kaum noch eine M├Âglichkeit, ihn unauff├Ąllig umzulegen. Noch immer war niemand zu sehen. Der knallrote Kopf sprach eigentlich f├╝r die Krankheitsvariante. Wie war das mit der Mund-zu-Mundbeatmung? Peter griff mit einer Hand das Kinn, mit zwei Fingern der anderen hielt er dem Mann die Nase zu. Er beugte sich hinunter, bis ihre Gesichter sich fast ber├╝hrten. Peter betrachtete die geschlossenen Augenlider. Seine Hand l├Âste sich vom Kinn, schob sich auf den Mund und blieb dort liegen.
Das Ger├Ąusch des Rettungswagens war schon lange zu h├Âren, bevor sich die wei├črote Blechkiste aus dem Wald heraus schob. Die Karre k├Ąmpfte mit dem Untergrund und als die Sanit├Ąter endlich ausstiegen, waren sie ziemlich sauer. Kurz bevor sie ankamen, hatte Peter erneut nach dem Puls getastet, aber nichts gefunden. Die Gesichtsmuskeln zeigten keinerlei Spannung mehr und das Blut musste in die unteren K├Ârperbereiche gesackt sein, Stirn und Wangen waren k├Ąsig geworden. Der Mann sah eindeutig tot aus. Die Sanis schleppten mehrere Ger├Ąte vom Auto zum Kunden und unternahmen lust- und erfolglos einige Wiederbelebungsversuche. W├Ąre Peter nicht dabei gewesen, h├Ątten sie sich die M├╝he wahrscheinlich gespart. Beim Einpacken erw├Ąhnten sie beil├Ąufig, dass sie nun die Polizei verst├Ąndigen werden. Da der Mann bei ihrem Eintreffen schon tot war, k├Ânnten sie ihn nicht in den Rettungswagen verladen und einfach mitnehmen, das sei Sache der Polizei. Peter solle doch bitte solange hier warten. Nat├╝rlich w├Ąre er am liebsten abgehauen, aber daf├╝r war es zu sp├Ąt. Immerhin hatte er Namen und Telefonnummer angegeben. Peter glaubte, die Sanis w├╝rden sich aus dem Staub machen und ihn mit der Leiche hier sitzen lassen, aber das war wohl gegen die Vorschrift.

Die Polizei fand den Tatort zum Gl├╝ck wesentlich schneller als die Rettungsheinis. Sie kamen zu zweit mit einem VW-Bus, eine Frau und ein Mann. Peter hatte die ganze Zeit ├╝berlegt, ob es ratsam war, den Tod des Mannes genauso zu schildern wie er ihn erlebt hatte oder ob er ihn vielleicht einfach nur leblos gefunden hatte. Die Sanis hatten inzwischen umrissen, dass sie mit ihrem Wagen nicht an dem Polizei-Bus vorbeikamen und in der Falle sa├čen. Sie erkundigten sich bei Peter, wohin der Weg f├╝hrte. Eine gef├Ąhrliche Frage, denn wenn er sich hier gar nicht auskannte, was hatte er dann hier zu suchen? Seine Wohnung lag nicht gerade um die Ecke. Er sagte, der Weg f├╝hre weiter hinten in eine Kleingartenkolonie, aber wahrscheinlich komme der RTW da nicht durch. Das klang plausibel und sollten sie es doch versuchen und einen Ausweg finden, w├Ąren sie sicher nicht nachtragend. Der Beamte telefonierte, die Beamtin setzte sich mit Peter in den VW-Bus, um den Papierkram zu erledigen. Alles ganz routiniert. Peter beantwortete ruhig und gewissenhaft die Fragen. Bei einer kleinen Radtour hatte er den leblosen K├Ârper am Wegesrand entdeckt. Berufliche T├Ątigkeit: arbeitslos. Das passte auch zur Radtour am sp├Ąten Vormittag. Am wichtigsten war der Polizistin der Bericht der Sanis, damit lie├č sich ein Gro├čteil der offenen Fragen abhaken. Leider war keiner von ihnen Arzt, weshalb der Tod des Mannes nur vorl├Ąufig feststand. Immer wieder sah Peter zum Wachturm hin├╝ber und war sich sicher, von dort beobachtet zu werden. Der Doktor, der Typ, der die Fotos gemacht hatte oder die beiden M├Ądchen? Am Ende bemerkte die Polizistin, dass er sehr gefasst wirke. Peter glaubte einen leicht vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme zu h├Âren. ÔÇ×Wahrscheinlich stehe ich unter Schock.ÔÇť schlug Peter vor. Das hatte er sich nicht gut ├╝berlegt, denn jetzt mussten die Sanis nochmal ran und ihm in die Augen leuchten. Sie empfahlen ihm, das Fahrrad stehenzulassen oder zu schieben, mit ├Âffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren und sich dort auszuruhen. Er versprach, es genauso zu machen, warf einen letzten Blick auf seinen mit einer wei├čen Plane abgedeckten Klienten und machte sich auf den Heimweg.
Zuhause st├╝rmte er direkt ins Bad und lie├č Wasser in die Wanne laufen. Er nahm zwei der Tabletten, die ihm die Sanis gegeben hatten und legte sich ins Meer. Den Melissen-Zusatz goss er diesmal erst sp├Ąter dazu, der Schaum war ihm doch etwas zu viel gewesen. Daf├╝r nahm er diesmal vier Verschlusskappen. Nach dem Bad wickelte er die Teile des Jagdgewehrs wieder in die Knallfolie, verstaute sie in den Aldi-T├╝ten und setzte eine sms ab. Auftrag ausgef├╝hrt. Bin morgen fr├╝h zehn Uhr am selben Ort. Die Antwort kam prompt. Warten auf Best├Ątigung. Morgen zweiundzwanzig Uhr. Selber Ort. Danke.

Die Nacht und der Morgen waren furchtbar verlaufen. Peter hatte vier Biere zum Einschlafen gebraucht, war nach nur zwei Stunden schwei├čgebadet und frierend aufgewacht und hatte trotz dieses Fl├╝ssigkeitsverlusts st├Ąndig pinkeln m├╝ssen. Um f├╝nf war er dann endg├╝ltig aufgestanden, hatte sich rasiert, geduscht und gefr├╝hst├╝ckt. Wenigstens der Appetit war ihm geblieben. Es wurde ein Tag, der einfach nur vorbei sein sollte. Er ├╝berstand ihn ohne Kaffee aber mit viel Tee und wenig fester Nahrung. Beim letzten Tageslicht verlie├č er das Haus. Da er noch drei Stunden totschlagen musste, ignorierte er die Bushaltestelle und ging den ganzen Weg zu Fu├č. Zehn vor zweiundzwanzig stand er mit seinen Aldi-T├╝ten in Sichtweise des stockdunklen Arbeitsamtes und rechnete damit, jeden Moment eine Kugel in den Kopf geschossen zu bekommen. Warum sonst hatten sie ihn in der Dunkelheit an diesen verlassenen Ort bestellt? Er malte sich den Polizeibericht aus: M├Ąnnliche Leiche, um die F├╝nfzig. Todesursache: Kopfschuss. Nat├╝rlicher Tod: Strich. Aufgefundene Gegenst├Ąnde: Schl├╝sselbund und Kleingeld. Auff├Ąlligkeiten: In der rechten Hand befanden sich abgerissene Tragegriffe zweier Einkaufst├╝ten. Sp├Ątere Ermittlungen w├╝rden sicher die Herkunft der Plastikt├╝ten aufdecken. Der Vergleich mit der Akte vom Arbeitsamt w├╝rde enth├╝llen, dass er keine Reise ins ALDI-S├ťD-Gebiet angemeldet hatte. Wahrscheinlich w├╝rden sie ihm posthum das Arbeitslosengeld k├╝rzen.

Dr. Best erschien p├╝nktlich und trug immer noch den Regenmantel. Vielleicht war es eine Art Markenzeichen. Als w├Ąre es bereits Routine, gingen sie in Richtung der Wohnsiedlung. An einer un├╝bersichtlichen Stelle, au├čer Sichtweite der Hauptstra├če, blinkte ein blauer VW-Golf mit M├╝nchner Kennzeichen kurz auf, ohne, dass der Doktor eine zus├Ątzliche Bewegung gemacht h├Ątte. Verdammt cooler Hund. Er streckte wortlos die Hand aus und Peter reichte ihm ebenso wortlos die ALDI-T├╝ten. Nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit kannte man sich in und auswendig. Die T├╝ten verschwanden ungepr├╝ft im Kofferraum, der Doktor setzte sich hinter das Steuer, wodurch Peter automatisch der Beifahrersitz zufiel. Um nicht zu defensiv zu wirken, begann Peter die Unterhaltung. ÔÇ×Das Gewehr ist unbenutzt, es w├Ąre zu auff├Ąllig gewesen, ich habe es anders gel├Âst, unauff├Ąlliger.ÔÇť Die Worte hatte Peter sich den Tag ├╝ber zurechtgelegt und nun klangen sie auch ganz gut. Zum ersten Mal l├Ąchelte der Doktor und Peter fiel sogleich ein Stein vom Herzen. Der Doktor erw├Ąhnte den Polizeibericht, den er im Auftrag seiner Organisation besorgt hatte und ├╝bermittelte Peter deren Dank. Man sei sehr zufrieden. Peter erhielt einen dicken braunen Umschlag, den er nicht ├Âffnete; er wollte nicht unh├Âflich und unn├Âtig misstrauisch wirken. Peter holte das Foto des Unbekannten und das Handy aus seiner Jackentasche und legte beides in die mittlere Ablage. Der Doktor steckte das Foto weg und schlug Peter vor, das Telefon zu behalten. Nat├╝rlich nur wenn er wolle. Peter war froh, den Einsatz so glimpflich ├╝berstanden zu haben und wollte alle damit verbundenen Gegenst├Ąnde loswerden. Deshalb war er von sich selber ├╝berrascht, als er das Handy nahm und zur├╝ck in die Jackentasche schob. Nun gab es nichts mehr zu sagen, ihr einziges gemeinsames Thema war ersch├Âpft und beide hielten small talk f├╝r ├╝berfl├╝ssig. Sie verabschiedeten sich, Peter verlie├č das Auto und wanderte erleichtert die unbeleuchtete Stra├če hinunter. Den Umschlag behielt er in der Hand, er f├╝hlte sich gut an. Er ging vorbei am schlafenden Arbeitsamt und musste an die Berater denken, die ihn stets mit Frageb├Âgen und Gespr├Ąchsterminen ├╝berh├Ąuften, ihm aber noch nie einen Job vermittelt hatten. Man musste sich eben selber k├╝mmern. Peter hatte nicht vor, auf den Nachtbus zu warten. Erleichtert und den Umst├Ąnden entsprechend gut gelaunt schlenderte er am Rand der sechsspurigen Stra├če entlang. An der n├Ąchtlichen Kreuzung zweier gro├čer Hauptstra├čen bot sich ihm ein verr├╝cktes, vollkommen inszeniert wirkendes Bild dar. Die Ampeln spielten sinnlos ihre Phasen durch, keine Fahrzeug weit und breit. Ein Radweg war frisch markiert, aber die Markierung nicht ganz gelungen, jedenfalls zog sich ein gro├čer wei├čer Farbstreifen in Schlangenlinien ├╝ber die Haltelinie hinweg auf die Kreuzung hinaus, wo er als gro├čer leuchtender Fleck endete. Wilde Muster wei├čer Auto- und Fu├čspuren traten nach allen Seiten aus ihm hervor. In hundert Metern Entfernung ragten die gelben Lichter einer Shell-Tankstelle in den Himmel. Das Abfahrtssignal einer S-Bahn wehte her├╝ber, dann fuhr der Zug an und beschleunigte. Peter schaute von einer der Ecken ├╝ber die Kreuzung. An den drei anderen Ecken standen ebenfalls M├Ąnner. Jeder von ihnen stand sehr aufrecht neben einem orangen M├╝llbeh├Ąlter in dem der rechte Arm bis zur Schulter verschwand. Und jeder der drei hielt in der linken Hand eine Plastikt├╝te. Zweimal Aldi, einmal Lidl.

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Brunn

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Ralph Ronneberger
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Hallo Brunn,

Schwarzhumorige Story mit einigen phantasieanregenden Fragezeichen f├╝r den Leser,

fast durchgehend souver├Ąner Schreibstil mit Sogwirkung,

aber bitte, bitte: mehr Abs├Ątze im Text! - schlicht dem Leserauge zuliebe, aber auch, um den Pointen und Br├╝chen mit optischen Mitteln besser zur Geltung zu verhelfen.

Liebe Gr├╝├če auf die Schnelle

Languedoc

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