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Leselupe.de > Kurzgeschichten
spiegelgerade
Eingestellt am 10. 04. 2004 22:09


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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spiegelgerade

Heftige Regenf├Ąlle hatten die Stra├čen und Pl├Ątze der Umgebung vom Staub und Ausd├╝nstungen der vergangenen Tage befreit. Nun schien die Sonne auf eine blitzsaubere Stadt, auf die Zypressen, die noch vom satten Regenguss tropften, ungewohnt diese nasse F├╝lle so pl├Âtzlich in sich aufzunehmen.
Der Bus hielt vor den Toren Pisas und die Insassen liefen dem blauen, zugeklappten Schirm des Reisef├╝hrers hinterher, welcher seinen Arm ausstreckte und in z├╝gigen Schritten auf den Glockenturm zulief.
Ich befand mich mitten in der Meute unserer Bustouristen und achtete ebenso wie diese auf den Boden unter mir, der es vor ein paar Stunden geschafft hatte, trotz des gepflegten Untergrundes, Pf├╝tzen entstehen zu lassen.
Hin und wieder h├╝pfte ich ├╝ber eine kleinere Pf├╝tze, bis mir etwas seltsam vorkam.
Ich blieb hinter meinen Reisegenossen zur├╝ck, um mir dar├╝ber klar zu werden, was es war, das mich so in Erstaunen versetzte.
Die Gruppe war inzwischen beim schiefen Turm angekommen und ich trottete zerstreut hinterher, nahm nur weit entfernt die Ausf├╝hrungen des Reisef├╝hrers wahr und starrte immer wieder auf die Pf├╝tzen, ja, ich suchte sie f├Ârmlich.
Carlo, mein Begleiter, sah sich nach mir um und f├╝hlte sich sicher vor meinen Blicken, denn schon geraume Zeit lenkte ihn diese junge Mitreisende ab, die ihm bereits im Bus ihren ganzen Lebenslauf erz├Ąhlt hatte.
Es war mir zu anstrengend eifers├╝chtig zu sein und ich freute mich dar├╝ber, dass ich einen Grund gefunden hatte, mich mit anderen Dingen zu besch├Ąftigen.
Etwas weiter links befand sich eine noch gr├Â├čere Pf├╝tze die mich magisch anzog.
Nun konnte ich zwar die Stimme des Reiseleiters nicht mehr h├Âren, aber ich glaubte, einem Ph├Ąnomen auf der Spur zu sein und daf├╝r musste ich Opfer bringen.
Tats├Ąchlich, in diesem Pf├╝tzenwasser erkannte ich den Glockenturm in seiner ganzen Gr├Â├če.
Ich war begeistert und das tollste war: Auch bei ihm sah ich, wie in den kleineren Pf├╝tzen bisher die Spiegelbilder im Pf├╝tzenwasser nicht wie ├╝blich spiegelverkehrt, nein; ich sah sie gerade, bzw. schief gerade, da es ja der schiefe Turm von Pisa war. Wie war das m├Âglich? Ich musste unbedingt herausfinden, ob das nur bei mir der Fall war.

Eine zweite Reisegruppe n├Ąherte sich der Pf├╝tze und hielt mit einigem Abstand zu ihr an, um den schiefen Turm zu fotografieren und den Ausf├╝hrungen des Begleiters
zuzuh├Âren. Ich musste unbedingt darauf warten, dass einer der Reisenden in die N├Ąhe der Pf├╝tze kam, um sein Spiegelbild im Wasser zu beobachten. Die Entfernung war noch etwas zu gro├č. Ich wollte versuchen, eines von den Kindern der Gruppe heranzulocken, indem ich mit der Schuhspitze leicht das Wasser ber├╝hte, um sie auf diese reizvolle Art des Spielens aufmerksam zu machen.
Tats├Ąchlich sprang ein sich langweilender Junge gleich darauf an und kam n├Ąher.
Nun zeigte sich sein Kopf im Wasser und ich musste feststellen: Er spiegelte sich ebenfalls gerade, so, als w├╝rde sein Doppel im Wasser am Rand direkt neben ihm stehen
Als er n├Ąher kam, standen in seinem Abbild die F├╝├če oben, w├Ąhrend der Kopf unmittelbar am Rande des Wassers zu sehen war.
Dem Jungen, der die ganze Zeit in das Wasser starrte, fielen diese Feinheiten nat├╝rlich nicht auf und er warf ein Steinchen in die Pf├╝tze, da er es liebte, Kreise dort zu sehn und ein wenig hineinzutreten, ohne dass es jemand von den Erwachsenen bemerkte.

Ich hielt Ausschau nach meiner Gruppe. Vorerst hatte ich genug gesehen. Meine Gruppe war inzwischen am Dom angelangt und ich sah, wie die Eintrittskarten an unsere Teilnehmer verteilt wurden.
Ich beeilte mich, denn die letzte Karte war f├╝r mich und Carlo wurde darauf aufmerksam, dass ich fehlte. „Hallo, hier bin ich!“ rief ich schon von weitem.
Da hatte ich noch einmal Gl├╝ck gehabt, denn wenige Minuten sp├Ąter w├Ąren sie in dem dunklen Dom verschwunden.
Sinnierend und schweigsam folgte ich ihnen und achtete kaum auf den Weg durch die dunklen Gem├Ąuer und noch weniger auf die Stimme, die uns mit ihrem monotonen Singsang begleitete. Carlo lie├č mich in Ruhe, wof├╝r ich ihm dankbar war.
Es kam erst wieder Leben in mich, als wir pl├Âtzlich vor dem achteckigen Taufbecken standen.
Niemand hatte es so eilig wie ich, dort hineinzusehen. Ich benahm mich r├╝cksichtslos um an das Becken heranzukommen, denn es standen noch andere Gruppen in seiner N├Ąhe.
Dieses dunkle Geb├Ąude machte es mir trotz der Beleuchtung nicht leicht, mein Spiegelbild im Taufwasser zu erkennen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, so, dass ich direkt von oben in das Weihwasser sehen konnte. Es war wieder dasselbe Ph├Ąnomen. Mir gegen├╝ber sah ich mein Gesicht.
Den Mund oben, die Augen und Haare unten. Ich musste es sofort Carlo mitteilen.
Meine Gruppe war wie vom Erdboden verschluckt. Ganz in der Ferne fiel mir der lange Arm mit dem blauen Schirm auf und ich flitzte durch die Menschenmenge, schubste und rangelte, denn zur Mittagszeit war dieses Reiseziel hier besonders begehrt. Carlo legte seinen Arm um mich, als ich bei der Gruppe ankam und sagte:“Dich nehme ich heute wohl besser an die Leine!“
Ich wollte ihm noch so vieles mitteilen, doch dann dachte ich: <<Besser, ich schlafe noch eine Nacht dar├╝ber. Morgen sieht vielleicht wieder alles ganz normal aus.>>
Heute wei├č ich, dass dieser Entschluss richtig war. Ich sehe wieder spiegelverkehrt, so wie fr├╝her. H├Ątte ich Carlo von dem Ph├Ąnomen erz├Ąhlt, wer wei├č, m├Âglicherweise s├Ą├če ich
heute schon in der Klappse und er ...... (Ich darf gar nicht daran denken.


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