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Leselupe.de > Kurzgeschichten
unheilbare Wahrheit
Eingestellt am 23. 10. 2017 10:34


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Sautter-Bihl
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2017

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Das beruhigende Blubbern der Sauerstoffflasche lĂ€sst Anna zurĂŒckzuschwimmen in den beschĂŒtzenden Nebel aus BetĂ€ubungsmitteln und Ohnmacht, aber nur kurz, denn das rhythmische Fiepen der Monitore stört ihren Kampf gegen die unerbittliche RĂŒckkehr des Bewusstseins. Die Augen hĂ€lt sie geschlossen, niemand soll bemerken, dass sie bereits wach ist. Mit verstohlenem Blinzeln nimmt sie den flimmernden Bildschirm wahr, erkennt den Rhythmus ihres Herzschlages in den grĂŒn fluoreszierenden Wellen, leider auch ihr verschwommenes Spiegelbild, vielfach verkabelt, die blondierten Locken in fettigen StrĂ€hnen und einen durchgebluteten Kopfverband.

Kein Albtraum; Schockwellen des Erinnerns zerreißen den Schleier der Amnesie. Der Unfall, das berstende Blech des Mietwagens, viel Blut und der Notarzt mit der beruhigenden Stimme: “Wir kĂŒmmern uns um Sie, alles wird gut.“
Nichts ist gut. Ihre beide HĂ€nde werden gehalten, die eine gestreichelt, die andere kaltschweißig umklammert. An ihrem Bett sitzen zehn Jahre Ehe und ein Jahr Leidenschaft. Ein Flashback der Erinnerung katapultiert sie ein Jahrzehnt zurĂŒck zur ersten Begegnung mit Karl, auf einem IT-Symposium, kurz nach der GrĂŒndung ihrer Softwarefirma. Damals, mit dreiundvierzig Jahren, war die Furcht vor dem Welken der Weiblichkeit noch unterschwellig, aber bereits fĂŒhlbar, auch das Single-Sein als Lebenskonzept nicht mehr ganz erfĂŒllend. Sie war zunĂ€chst beindruckt von der Brillanz des Systemanalytikers, seinen teils abwegigen, mitunter auch genialen Ideen und spĂ€ter geschmeichelt von der Unbeirrbarkeit, mit der er sie umwarb. Seine VitalitĂ€t und unerschöpfliche Potenz ĂŒberwĂ€ltigten sie, und als er dann noch darauf bestand, sie zu heiraten, ĂŒberwand sie alle Bedenken und gab die kostbar gehĂŒtete Freiheit auf. Überraschend schnell gewöhnte sie sich an die neue StabilitĂ€t und Geborgenheit des Ehelebens. In den ersten Jahren erlag sie der romantischen Illusion, seine Libido bediene sich ihres Körpers auf der Suche nach ihrer Seele. Seine Eifersucht hielt sie fĂŒr ein Zeichen der Liebe. Mit den Jahren divergierender beruflicher Entwicklung versickerten Seelensuche, GesprĂ€chsthemen und Erotik unmerklich im Alltag. Sie hatten zwar noch regelmĂ€ĂŸig Sex, den er jedoch zunehmend in der freundlichen Gedankenlosigkeit absolvierte, mit der er Mahlzeiten konsumierte, ohne sich fĂŒr die Köchin zu interessieren. Nur seine Eifersucht Ă€nderte sich nicht und er protestierte, als sie eine Firmen-Filiale im 700 Kilometern entfernten Trosdorf eröffnete, die ihre regelmĂ€ĂŸige PrĂ€senz vor Ort erforderte.

Dort begegnete sie Simon, dem Werbefachmann, nach ersten EindrĂŒcken ein unverbesserlicher Macho, der sie als Aufraggeberin nicht ganz ernst nahm. Nach der Eröffnungsfeier fanden sie sich ĂŒberraschend als letzte GĂ€ste auf der Dachterrasse. Simon entpuppte sich als sensibler Zuhörer, der so zielsicher Fragen stellte und ihre Antworten kommentierte, dass sie sich beunruhigt, aber mit wohligem Erschauern in ihren innersten Schichten durchleuchtet fĂŒhlte. Verwirrend fand sie, wie er beim Sex die Eskalation ihrer Erregung empathisch amĂŒsiert beobachtete, wĂ€hrend er sie mit unerbittlicher Geduld zum Schmelzen brachte. Beim ersten Nacktsein entdeckte sie die Narbe unter seinem Rippenbogen, die Folge einer Notoperation wegen Milzruptur nach einer PrĂŒgelei. Anlass: eine verheiratete Frau. Spontan beschloss sie, ihm ihre Ehe zu verschweigen und fand im folgenden Jahr und mit zunehmender Verstrickung weder den Zeitpunkt noch den Mut, dies zu korrigieren.

Nun liegt sie mit gespreizten Armen - wie eine Gekreuzigte - zwischen ihren Lebenswelten, die sie mit minutiöser Organisation getrennt und geheim gehalten hat und die nun zerbröseln, da beide an ihrem Bett sitzen. Die fieberhafte Suche nach einem Ausweg wird vom Eintritt der diensthabenden Ärztin unterbrochen.
Dr. Verena Heil hatte im Übergabeprotokoll den Vermerk gefunden, die Patientin sei bei Bewusstsein und stabil, es gĂ€be jedoch familiĂ€re Probleme; vielleicht einen Vater-Sohn-Konflikt? Als Nachtdienst-Ärztin hatte sie Anna zwei Tage zuvor in der Notaufnahme versorgt, wobei sie zu ihrem Bedauern die Verletzte aus ihrem kaschmir-seidenen Armani-Anzug schneiden musste. Laut Personaldaten war Anna Schmidt eine 53-jĂ€hrige Unternehmerin, die wie eine Vierzigerin aussah und deren schlanke Gestalt eine durchtrainierte VitalitĂ€t und den kontinuierlichen Kampf gegen das Alter ahnen ließ.

Verena tritt ein und erfasst auf den ersten Blick die Bedeutung der Übergabenotiz. Adrenalin wabert ĂŒber das Bett, durchdringend, wie ein Körpergeruch. Links sitzt der mutmaßliche Vater, ein MittfĂŒnfziger, dessen ĂŒppige Grauhaarigkeit sie an Richard Gere erinnert, ebenso seine scharf geschnittenen ZĂŒge. Die feinen Knitterfalten um die Augen verleihen ihm den freundlich-ironischen Gesichtsausdruck eines Menschen, der schon viel gesehen und dennoch die Zuversicht bewahrt hat. Er ist von groß gewachsener Gestalt, mit anlehnungsfreundlich breiten Schultern, nur um die Taille deutet sich ein Ansatz von LeibesfĂŒlle an, die der Eleganz der Erscheinung jedoch keinen Abbruch tut.
Der gegenĂŒber sitzende Mittdreißiger strahlt aggressive Sprungbereitschaft aus und verblĂŒfft Verena zunĂ€chst durch das irritierende Blau seiner Augen, mit denen er sie anklagend anstarrt und deren Eisfarbe sie an einen sibirischen Husky denken lĂ€sst. Auch er hat scharf geschnittene GesichtszĂŒge, sein kantiges Kinn ist vorgereckt, das weiche Leder seiner metallisch-blauen Bomberjacke spannt sich hauteng ĂŒber dem muskulösen Oberkörper. „Interessante Familienaufstellung“ denkt Verena und tritt ans Bett.
„Guten Morgen, Frau Schmidt, hören Sie mich?“ Als Antwort nur ein zustimmendes Schnauben. „DĂŒrfen Ihre Angehörigen im Zimmer bleiben, wĂ€hrend ich den Verband wechsle?“ Heftiges KopfschĂŒtteln, worauf sich die MĂ€nner wortlos erheben und den Raum verlassen. Verena nimmt sich vor, ein familientherapeutisches Psycho-Konsil anzuregen. Anna bittet die Ärztin, eine Reha an der Nordsee zu beantragen, obwohl ihr die Idee zuwider ist, mit gebrechlichen Alten Medizinball zu spielen. Immerhin ein RĂŒckzug, der ihr Zeit verschaffen wĂŒrde, vielleicht zur Entscheidung, vielleicht auch, um sich zu wappnen fĂŒr die verlernte Freiheit des Single-Lebens, in dem sie sich am Ende wieder zu finden fĂŒrchtet.

Nach der Visite findet die Ärztin beide Besucher vor dem Zimmer, sie wendet sich zunĂ€chst dem Grauhaarigen zu.
„Angenehm, Frau Doktor, mein Name ist Schmid, Sie können mir ruhig Auskunft geben, ich bin der LebensgefĂ€hrte“. Dann reicht sie dem BlauĂ€ugigen ihre Hand, die dieser heftig quetscht.
„Verdammt, Frau Doktor, schmeißen Sie den Kerl raus, mein Name ist Karl Schmidt, und ich bin der Ehemann."

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Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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