Die Leselupe wechselt auf ein neues Forensystem. Deshalb sind bis zum 13.11. keine Schreibzugriffe möglich.
Das gilt für alle Änderungen an der Datenbank (Texte, Kommentare, Bewertungen, Profil, Online-Messages usw.)
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5685
Themen:   98491
Momentan online:
134 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
wortlos
Eingestellt am 30. 04. 2018 11:24


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Mistralgitter
Häufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 97
Kommentare: 407
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mistralgitter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich habe mein altes Apfelbäumchen zurücklassen müssen.
Jedes Jahr kleidete es sich über und über mit zartrosa Blüten ein und nährte unzählige Bienen. Nun blüht es unter den Augen fremder Menschen, die es wenig zu schätzen wissen, denn seine Früchte sind zu klein zum Ernten. Es war einzig und allein ein verschwenderischer Schmuck in meinem Garten. Uns trennen nun Berg und Tal, Wiesen, Wälder - und ein Bach, in dem ein gefräßiger Reiher mit spitzem Schnabel nach Nahrung stochert. Sein Gefieder ist hässlich und grau. Niemand ist sicher vor dem kalten Schatten seiner ausgebreiteten Flügel. Ich bin geflohen.

Unter den Einwohnern, die in meinem neuen Wohnort schon seit Generationen leben, bin ich eine Fremde. Sie haben ihr Herz auf einem anderen Fleck als ich. Ihr Reden weiß ich nicht zu deuten, sie lächeln ohne Freundlichkeit und Wärme in den Augen. Ihre Mücken haben meine Worte zerstochen, bevor sie ihr Ohr erreichten. Sorgfältig holen sie schon morgens früh mit der Papierabfuhr die letzten Silben ab. Meine Satzzeichen hatte schon der eisige Wind über den Zaun geblasen, der Nachbar hat sie am Nachmittag mit dem Unkraut zusammengerecht und zum Kompost getragen. Und ich bin verstummt.

Übrig bleiben zielverfehlte Tage und schlafarme Nächte, die mir ihr Schweigen zuflüstern. Wie oft schon hat der Mond sein Leuchten hinter meinem Rücken verschleiert. Auf ihn war eigentlich noch nie Verlass. Am liebsten würde ich in das Klagelied der einsamen Amsel einstimmen und später, im Traum, mein Apfelbäumchen besuchen.
Nur die Zweige des weißen Flieders nicken mir in der Dämmerung aufmunternd zu.
__________________
AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnügt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung