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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
zur neige
Eingestellt am 16. 07. 2014 18:34


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ENachtigall
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???

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das glas ist voll

stirb langsam

sagst du lautlos

den tulpen ins verwilderte gedicht


woraus

vereinzelt

l
e
t
t
    e
r
        n fallen

zu tisch und tuch


und fort schreibt dich

das rote wort

verwelkt

das auge bricht



© elke nachtigall
    2014 mĂ€rz/juli
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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cellllo
Guest
Registriert: Not Yet

Wie ist es möglich, dass es zu diesem einzigartigen Gedicht seit MÀrz/Juli keinen Kommentar gibt ???
Bei mir löste es so viel und vielerlei Echo aus, dass ich gar nicht weiß wo und wie anfangen.............
Vielleicht ganz grundsÀtzlich, spontan und persönlich :
Ich liebe Pflanzen ĂŒber alles, ihre Bescheidenheit und BedĂŒrfnislosigkeit ( nur etwas Erde, Wasser, Licht ) sind beispielhaft und rĂŒhrend in Anbetracht ihres Lebenswillens und ihres Leistungswillens, solch hinreißende Schönheit der BlĂŒten zu produzieren und so viel Frucht wie möglich zu bringen... Die Tulpen sind neben den selteneren Magnolien die allerersten BlĂŒtenPrachtsExemplare des Jahres und man kann es jedes FrĂŒhjahr von Neuem nicht fassen, wie aus Erde Wasser und Licht so herrliche Farbe ( "rot" ) in so wunderbarem Material entstehen kann, mit so edlem OberflĂ€chenglanz, so eleganten Umrissen und Wölbungen und Muldungen... Was den Betrachter solch unfassbarer unschuldiger Schönheit aber immer am allermeisten anrĂŒhrt und bewegt ist das Wissen, dass diese Pracht ganz bald verwelken wird und dieses Wissen um die VergĂ€nglichkeit intensiviert die Wahrnehmung dieser Schönheit bis hin zu herzzerreißender Schmerzlichkeit, wenn die zu noch schnellerem Tod verurteilten wunderschönen Schnittblumen nicht nur die schönen festlichen Ereignisse unseres Lebens dekorieren, sondern Tod und BegrĂ€bnis geliebter Menschen......
Solches memento mori verwandelt sich hier in ein Gedicht angesichts einer Glasvase mit verwelkenden roten Tulpen. Der optische Tatbestand und sein Bedeutungsgehalt sind allbekannt und zur GenĂŒge beschrieben besungen abgemalt oder photografiert worden, aber sicherlich noch nie so ĂŒberraschend : so buchstĂ€blich ausgemergelt mager und dabei so ĂŒberraschend vielschichtig schillernd und ausdrucksvoll.

Der Titel "zur neige" bereitet den Leser gleich zu Anfang darauf vor, dass irgendetwas zu Ende geht.
In den mageren kurzen vereinzelten Zeilen vermutet man umso mehr Bedeutungsgewicht :
"das glas ist voll" assoziiert sofort die Redewendung "das Maß ist voll" d.h. jetzt reicht®s ! Schluss jetzt !
"stirb langsam" versetzt einen vollends in bedrohliche Spannung, dass es hier womöglich thrillerhaft um Leben und Tod geht - aber nichts Genaueres weiß man immernoch nicht, immernoch ist alles offen........
"sagst du lautlos" : das ist wirklich ein Moment atemloser Stille und Spannung, die sich direkt auf den Leser ĂŒbertrĂ€gt, da er hier das "du" noch spontan auf sich selbst beziehen kann !
Erst in der folgenden Zeile klÀrt sich der sachlich optische Tatbestand endlich : Ach ja, nur ein "glas" mit verwelkten Tulpen ! Die bedeutungsschwangere erste Zeile wird zur harmlosen glÀsernen Blumenvase, aufatmend möchte man Vetrautes weiterlesen :... den tulpen ins verwilderte gesicht - ach nein : GEDICHT !
Der Text kippt schon wieder und damit endgĂŒltig :
Nicht mehr die Tulpen, das Gedicht als lebendiges Geschöpf ist das GegenĂŒber !
Das ist keine lyrische Beschreibung, kein verbales Abbild welker Tulpen, sondern quasi ein tulpenhaft rot welkender Text ! Diese Formulierung wird auch berechtigt dadurch, dass nicht "die rote Tulpe", sondern "das rote Wort" genannt wird.....
Schon der Titel "zur neige" enthĂ€lt die im Bogen geneigten Stiele und die daran verwelkt herabhĂ€ngenden TulpenblĂŒten, aus denen nicht naturalistische "BlĂ€tter" sondern die (Gedicht-)"lettern" herabfallen... Genial wird hier die Wortverwandtschaft bzw.die Alliteration dieser Wörter verarbeitet und in Visuelle Poesie umgesetzt : die identischen Buchstaben sind in der Senkrechte angeordnet, die beiden e und vor allem das n fallen aus der Reihe.....ja das ganze Gedicht ist quasi Visuelle Poesie : wirkt optisch insgesamt durch die extrem kurzen Zeilen der Wortfragmente und ihre extrem großen AbstĂ€nde wie ein vertrocknetes Wortgerippe analog zu den dĂŒrren welken Pflanzen.
Naturalistisch beschrieben fallen die BlÀtter aufs Tischtuch.
Wie hier die l e t t e r n zu tisch und tuch (zer)fallen versinnlicht in reiner Textform direkt den Zerfall, die VergĂ€nglichkeit alles Irdischen. Es erinnert aber auch an gewisse kubistische Bilder, die durch Fragmentierung und ZerstĂŒckelung die kĂŒnstlerischen Mittel von der Pflicht der naturgetreuen Abbildung befreiten und dadurch ganz neue kreative Möglichkeiten schufen...Das Rot als Kennzeichen der lebendig frischen Tulpe verwelkt vergeht, aber "das rote wort" bleibt aktiv/schreibt fort (Alliteration zu wort).
Sehr sehr schön, wie sich die aktiv Schreibende vielmehr als passiv Geschriebene empfindet und ihr Fortleben passiv der VitalitĂ€t der Wörter anvertraut. Das erinnert an die alten Schriftsteller und ihre demĂŒtige Verehrung der Muse, die zum Schreiben befĂ€higt.
Sehr sehr schön, wie zum Schluss und auch in Bezug zum Tulpengesicht(-gedicht!) das Auge als Organ der Wahrnehmung genannt wird, da der Anblick der Tulpen immerhin immernoch Anregung und Auslöser war, und wie der Gedanke "verwelkt"-"das auge bricht", also der Gedanke an die eigene VergĂ€nglichkeit das MitgefĂŒhl und die Verbundenheit mit den Tulpen und ĂŒberhaupt mit aller Kreatur ausdrĂŒckt.
Schade dass die grĂŒne Bewertungslinie gar nicht meine riesige Bewunderung fĂŒr dieses Gedichts anzeigt.
cellllo


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orlando
Guest
Registriert: Not Yet

quote:
Schade dass die grĂŒne Bewertungslinie gar nicht meine riesige Bewunderung fĂŒr dieses Gedichts anzeigt.
Dem wird nun abgeholfen.

Liebe Elke,
mich spricht das Gedicht auf einer Parallelbene an, die aber die Überlegungen celllos mit einbezieht.

Ich denke an den langsamen "Freitod" eines Alkoholikers, eines hochbegabten Dichters, der bis zum Ende seine glĂŒhenden Worte streut. Und ich denke an Serge.Den Besonderen.
Ganz wunderbar, wie sich hier die verschiedenen Ebenen kreuzen, bedingen, aber nicht gegenseitig aufheben.
Diejenigen, die ihre Wohnungen mit Schnittblumen schmĂŒcken (schon die Bezeichnung Schnittblume birgt den Tod), schauen letztendlich den Pflanzen beim Sterben zu. Fast immer unbewusst. - Es gibt einen Punkt, ein letztes AufbĂ€umen, einen Augenblick absoluter und reiner Schönheit, bevor sie ihre HĂ€upter neigen und sich ergeben.
Besser kann man ein Bild kaum gestalten.
Und kaum ein schöneres Abschiedsgedicht verfassen. Formal nicht. Und inhaltlich schon gar nicht.

orlando

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ENachtigall
Foren-Redakteur
???

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Hallo cellllo,

Dein riesiger Kommentar zu dem Gedicht ist ĂŒberwĂ€ltigend einfĂŒhlende Teilnahme und in weiten Teilen auf den Punkt getroffene Rekonstruktion seines Schaffensprozesses.
Ich fĂŒhle mich reich beschenkt!

quote:
das Gedicht als lebendiges Geschöpf ist das GegenĂŒber
Ja, das "verwilderte Gedicht" (im lyrischen Gedicht) ist konkret florales Material; ein Durcheinander, das sich schweren Hauptes aus der Neige noch ein letztes Mal lichtwÀrts aufbÀumt, bevor es, sich entblÀtternd, zerfÀllt.
Und so ist es auf seine Art auch Liebesgedicht, welches das geschundene Wort bewusst nicht beim Namen nennt.

Ich hÀtte nicht gedacht, dass die kargen Worte doch so deutlich sprechen.
Vielen Dank fĂŒr Deine wirklich großartige Resonanz.

GrĂŒĂŸe von Elke
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ENachtigall
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Hallo orlando,

quote:
Diejenigen, die ihre Wohnungen mit Schnittblumen schmĂŒcken (schon die Bezeichnung Schnittblume birgt den Tod), schauen letztendlich den Pflanzen beim Sterben zu. Fast immer unbewusst.

Dito. Mir wurde das in jenem Sommer bewusst, als eine Nachbarin und RosenbĂ€uerin empfahl: "Stelle sie ĂŒber Nacht bis zum Hals in viel Wasser, dann halten sie lĂ€nger". Seither weiß ich, dass auch der Tod gut riechen kann.

Niemand stirbt gleich, jeder auf seine Art und Du hast recht, auch sergeRobert starb langsam. Er hat mich phÀnomenal und schmerzlich beeindruckt auf seine sehr eigene Weise. Auch weil ich ihn lÀnger kannte.
Manchmal denke ich, ein bisschen serge sind wir alle. Wenn auch sehr viel weniger ehrlich.
Es ist gut, ihn gelegentlich durch meine Gedichte geistern zu wissen. Dieses hatte ich im MĂ€rz geschrieben. Aber etwas stimmte nicht mit dem Schluss. Ich war unzufrieden. Dann vergaß ich es und fand es im Sommer wieder und stark genug, es doch noch zu Ende zu bringen. Schön, dass es auch Dich als Leserin erreicht hat.

Herzlichen Dank fĂŒr Deine Anerkennung und die offenen Worte.

GrĂŒĂŸe von Elke




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namibia
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Liebe Elke,

mich spricht das Gedicht ebenfalls sehr an. Es lĂ€sst jede Menge Raum fĂŒr Assoziationen, allein bei dem Wort rot in Verbindung mit Blumen, tauchen sofort Rosen auf mit den daraus resultierenden Bildern, mir gefĂ€llt die eigenwillige Form der Lettern, die fallen.. es hat fast etwas japanisches, dein Gedicht.

Ich habe es sehr gerne gelesen und werde es immer wieder lesen, um Neues darin zu entdecken.

Alles Liebe

Namibia alias anna amalia
__________________
Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug (H.Domin)

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ENachtigall
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Danke, liebe anna amalia,

herzlich willkommen in der Leselupe.
Dein Hinweis auf den japanischen Charakter zeigt mir einen bislang so nicht wahrgenommenen Wesenszug des Gedichtes auf. Du hast damit unbedingt recht. Das BedÀchtige spielt eine tragende Rolle.
Es bringt mich immer wieder zum Staunen, wie sich scheinbar Unaussprechliches in floralen Metaphern manifestieren lÀsst.

GrĂŒĂŸe von Elke

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