LeoLoyala
Mitglied
Prolog
13:40 Uhr
»Klara, Essen!«, rief Jonas von der Terrasse. Aus dem Haus hörte man nur undeutliche Rufe eines siebenjährigen Mädchens. Es war ein wolkenfreier Frühlingstag, weder zu warm noch zu kalt. Eine leichte Brise kühlte Jonas von der prallen Sonne ideal ab. Die Terrasse aus grauweißen Fliesen war für Barfüßler – wie Jonas – von der Sonne angenehm angewärmt. Claudia deckte den Tisch. Ihr leicht gerundeter Bauch verriet die fortgeschrittene Schwangerschaft. Auch wenn Jonas darauf bestand, ihr die Arbeit abzunehmen, wollte Claudia davon nichts hören. Sie war schon immer etwas stur; das hätte sie von ihrer Mutter, meinte sie immer. Jonas wendete die Würstchen auf dem Kugelgrill. Er hatte ihn schon das zweite Mal in Betrieb, war aber immer noch erstaunt, wie viel schneller der Kohlegrill im Vergleich zum alten – oft benutzten, aber jetzt durchgerosteten – Elektrogrill war.
Im Haus polterte jemand die Treppe herunter und ein kleines Mädchen kam aus dem Wohnzimmer durch die Glasschiebetür getapst. Jonas wusste gar nicht, dass ein so kleines Geschöpf so viel Lärm erzeugen kann.
»Wann gibt's Essen?«, fragte sie mit gierigen Augen und schielte zu den Würstchen rüber.
»Hilfst du deiner Mutter erstmal Tischdecken?«
»Ich sagte doch, ich brauch keine Hilfe!«, beschwerte sich Claudia stur. Klara nahm dies wohl als Anlass, um Jonas auf die Pelle zu rücken.
»Papa, weißt du, dass man nicht drinnen grillen darf?«
»Ach wirklich? Warum denn nicht?«, fragte Jonas, obwohl er es natürlich wusste.
»Weil dann das Kohlenmono...« Klara pausierte kurz und runzelte die Stirn: »Monogram, über dem Boden fliegt. Und dann kommt es langsam zu hoch und dann schläft man ein.« Sie war erst letzte Woche am Tag der offenen Tür beim Rettungsdienst. Seitdem spricht sie von nichts anderem mehr.
»Also bei schlechtem Wetter nicht grillen.«, stellte Jonas fest.
Klara lächelte ihn an. Sie freute sich, ihrem Vater etwas beigebracht zu haben.
»Würstchen, Minutensteak oder Grillkäse?«, fragte Jonas seine Stieftochter. Diese schaute ihm enthusiastisch zu, wie er die Würstchen mit der Zange drehte.
»Steak!«, sagte sie frech und rannte nach hinten in den Garten, zu ihrem Klettergerüst an der Kirsche. Jonas legte währenddessen das geforderte Minutensteak zu seinen Würstchen.
»Für mich Grillkäse«, meinte Claudia, die sich nun auf ihren Stuhl gesetzt hatte. Ihr Strohhut schenkte ihr Schatten.
»Weiß ich doch«, lächelte er sie an und legte den Grillkäse etwas entfernt vom Fleisch. »Und du willst sicher nicht mal das Fleisch probieren? Die Steaks sind sogar echtes Rind, nicht gezüchtet.«
Claudia ernährte sich, seit sie sich kennen, vegetarisch – sie vertrug kein Laborfleisch.
»Ich habe schon seit fast einem Jahrzehnt kein Fleisch mehr gehabt, dann muss ich jetzt nicht damit anfangen.« Sie wusste, dass er es nur gut meinte. Echtes Rind war mittlerweile Luxusgut.
»Dann bleibt mehr für uns«, erwiderte Jonas neckisch und schaute zu Klara, die sich weiter hinten im Garten am Klettergerüst entlanghing und vor sich hin murmelte. Wahrscheinlich ist sie wieder in einem ihrer Tagträume.
Jonas kannte sie schon, seit sie lernte zu laufen. Zuerst war es schwierig – der Gedanke –, ein Kind großzuziehen, welches nicht das eigene war. Wenige Wochen, nachdem er Klara kennenlernte – so stellte er fest –, waren seine Sorgen unbegründet. Mittlerweile liebte er sie wie seine eigene Tochter – auch wenn er es vor Claudia niemals zugeben würde. Das musste er auch gar nicht. Claudia sah es ihm sowieso schon an.
Klara hangelte sich, wie der Affe Cokus – aus ihrer Kindersendung – durch die Baumkronen des Dschungels. Eigentlich war es nur das Klettergerüst im Garten, aber für sie war es der dichte Dschungel im Amazonas. Da! Ein verletzter Affe. Er hatte die Liane nicht richtig erwischt und sich ein Bein gebrochen. Klara trat näher an ihn heran.
»Keine Sorge, ich mache dir eine Schiene«, flüsterte sie ihm zu. Sie holte einen Stock von unter dem Baum, an dem das Klettergerüst befestigt war, und legte sie dem Affen an. Von außen betrachtet sah es zwar etwas seltsam aus – wie ein kleines Mädchen, das versuchte, einem imaginären Affen eine Schiene anzubringen –, aber sie war in ihrer Fantasie komplett immersiert. Die Sozialtage haben ordentlich Eindruck bei ihr hinterlassen. Am liebsten wollte sie nun Ärztin oder Rettungssanitäterin nach der Schule werden. Sie legte erfolgreich dem Affen die Schiene an.
»Essen ist fertig«, rief Claudia.
»Dein Steak wartet schon«, fügte Jonas hinzu. Klara schaute auf ihre weiß-rote Uhr, die ihr vom Rettungsdienst geschenkt wurde.
»Komme!«
13:50 Uhr
Sie verabschiedete sich vom Affen. Als sie sich von ihm umdrehte und zurück zur Terrasse tapste, dankten ihr die anderen Waldbewohner mit einem riesigen Feuerwerk über dem Himmel.
13:51 Uhr
Es war kein Feuerwerk.
13:40 Uhr
»Klara, Essen!«, rief Jonas von der Terrasse. Aus dem Haus hörte man nur undeutliche Rufe eines siebenjährigen Mädchens. Es war ein wolkenfreier Frühlingstag, weder zu warm noch zu kalt. Eine leichte Brise kühlte Jonas von der prallen Sonne ideal ab. Die Terrasse aus grauweißen Fliesen war für Barfüßler – wie Jonas – von der Sonne angenehm angewärmt. Claudia deckte den Tisch. Ihr leicht gerundeter Bauch verriet die fortgeschrittene Schwangerschaft. Auch wenn Jonas darauf bestand, ihr die Arbeit abzunehmen, wollte Claudia davon nichts hören. Sie war schon immer etwas stur; das hätte sie von ihrer Mutter, meinte sie immer. Jonas wendete die Würstchen auf dem Kugelgrill. Er hatte ihn schon das zweite Mal in Betrieb, war aber immer noch erstaunt, wie viel schneller der Kohlegrill im Vergleich zum alten – oft benutzten, aber jetzt durchgerosteten – Elektrogrill war.
Im Haus polterte jemand die Treppe herunter und ein kleines Mädchen kam aus dem Wohnzimmer durch die Glasschiebetür getapst. Jonas wusste gar nicht, dass ein so kleines Geschöpf so viel Lärm erzeugen kann.
»Wann gibt's Essen?«, fragte sie mit gierigen Augen und schielte zu den Würstchen rüber.
»Hilfst du deiner Mutter erstmal Tischdecken?«
»Ich sagte doch, ich brauch keine Hilfe!«, beschwerte sich Claudia stur. Klara nahm dies wohl als Anlass, um Jonas auf die Pelle zu rücken.
»Papa, weißt du, dass man nicht drinnen grillen darf?«
»Ach wirklich? Warum denn nicht?«, fragte Jonas, obwohl er es natürlich wusste.
»Weil dann das Kohlenmono...« Klara pausierte kurz und runzelte die Stirn: »Monogram, über dem Boden fliegt. Und dann kommt es langsam zu hoch und dann schläft man ein.« Sie war erst letzte Woche am Tag der offenen Tür beim Rettungsdienst. Seitdem spricht sie von nichts anderem mehr.
»Also bei schlechtem Wetter nicht grillen.«, stellte Jonas fest.
Klara lächelte ihn an. Sie freute sich, ihrem Vater etwas beigebracht zu haben.
»Würstchen, Minutensteak oder Grillkäse?«, fragte Jonas seine Stieftochter. Diese schaute ihm enthusiastisch zu, wie er die Würstchen mit der Zange drehte.
»Steak!«, sagte sie frech und rannte nach hinten in den Garten, zu ihrem Klettergerüst an der Kirsche. Jonas legte währenddessen das geforderte Minutensteak zu seinen Würstchen.
»Für mich Grillkäse«, meinte Claudia, die sich nun auf ihren Stuhl gesetzt hatte. Ihr Strohhut schenkte ihr Schatten.
»Weiß ich doch«, lächelte er sie an und legte den Grillkäse etwas entfernt vom Fleisch. »Und du willst sicher nicht mal das Fleisch probieren? Die Steaks sind sogar echtes Rind, nicht gezüchtet.«
Claudia ernährte sich, seit sie sich kennen, vegetarisch – sie vertrug kein Laborfleisch.
»Ich habe schon seit fast einem Jahrzehnt kein Fleisch mehr gehabt, dann muss ich jetzt nicht damit anfangen.« Sie wusste, dass er es nur gut meinte. Echtes Rind war mittlerweile Luxusgut.
»Dann bleibt mehr für uns«, erwiderte Jonas neckisch und schaute zu Klara, die sich weiter hinten im Garten am Klettergerüst entlanghing und vor sich hin murmelte. Wahrscheinlich ist sie wieder in einem ihrer Tagträume.
Jonas kannte sie schon, seit sie lernte zu laufen. Zuerst war es schwierig – der Gedanke –, ein Kind großzuziehen, welches nicht das eigene war. Wenige Wochen, nachdem er Klara kennenlernte – so stellte er fest –, waren seine Sorgen unbegründet. Mittlerweile liebte er sie wie seine eigene Tochter – auch wenn er es vor Claudia niemals zugeben würde. Das musste er auch gar nicht. Claudia sah es ihm sowieso schon an.
Klara hangelte sich, wie der Affe Cokus – aus ihrer Kindersendung – durch die Baumkronen des Dschungels. Eigentlich war es nur das Klettergerüst im Garten, aber für sie war es der dichte Dschungel im Amazonas. Da! Ein verletzter Affe. Er hatte die Liane nicht richtig erwischt und sich ein Bein gebrochen. Klara trat näher an ihn heran.
»Keine Sorge, ich mache dir eine Schiene«, flüsterte sie ihm zu. Sie holte einen Stock von unter dem Baum, an dem das Klettergerüst befestigt war, und legte sie dem Affen an. Von außen betrachtet sah es zwar etwas seltsam aus – wie ein kleines Mädchen, das versuchte, einem imaginären Affen eine Schiene anzubringen –, aber sie war in ihrer Fantasie komplett immersiert. Die Sozialtage haben ordentlich Eindruck bei ihr hinterlassen. Am liebsten wollte sie nun Ärztin oder Rettungssanitäterin nach der Schule werden. Sie legte erfolgreich dem Affen die Schiene an.
»Essen ist fertig«, rief Claudia.
»Dein Steak wartet schon«, fügte Jonas hinzu. Klara schaute auf ihre weiß-rote Uhr, die ihr vom Rettungsdienst geschenkt wurde.
»Komme!«
13:50 Uhr
Sie verabschiedete sich vom Affen. Als sie sich von ihm umdrehte und zurück zur Terrasse tapste, dankten ihr die anderen Waldbewohner mit einem riesigen Feuerwerk über dem Himmel.
13:51 Uhr
Es war kein Feuerwerk.