Hallo
@JuCo
Ich habe lange überlegt, ob ich mich zu dieser Geschichte äußern soll, denn entweder wird sie hochgelobt, oder erzeugt Unverständnis. Warum?
Ich sehe es so:
Die Geschichte zeigt in gut gewählten Worten, was passiert sein könnte am Rande des Holocausts. Was deckt sie auf? Nichts, was wir nicht alle schon wissen! Wer das immer noch nicht weiß (oder wissen will), wird es auch mit diesem Text nicht begreifen und nichts lernen.
Handwerklich ist sie gut gemacht, sie berührt, rüttelt auf, beeindruckt – zum gefühlt tausendsten Mal. Wenn ich glauben würde, dass man damit verhindern könnte, solch ein Geschehen noch einmal stattfinden zu lassen in der Zukunft, würde ich ebenso das Fähnchen schwingen, fünf Sterne vergeben und mich freuen, dass es wieder einer mehr begriffen hat. Aber das allein reicht nicht, weil selbst das Wissen darum, würde eine naive Wiederholung nicht verhindern. Etwas anders gestrickt, schon würde der Mechanismus wieder greifen.
Wie ich darauf komme? Hört sich doch absurd an, oder?
Ich empfehle jedem, sich den Film „Die Welle“ anzusehen. Dort wird genau dieses Thema und das Phänomen behandelt. Er stellt in erschreckender Weise dar, wie schnell man – selbst mit diesem Wissen – in genau dieselbe Falle immer wieder reinlaufen würde.
Überall auf der Welt.
Als Bild dargestellt:
Der Mensch ist ein Herdentier. Das größte Raubtier auf der Welt hat die Schwäche, sich nur in der Gruppe richtig sicher und wohl zu fühlen. Gleichzeitig braucht jeder Mensch Grenzen, an denen er sich orientieren kann in Zeiten, in denen er Entscheidungen treffen muss. Darauf habe ich es mal heruntergebrochen in meinen Gedanken.
Beides verursacht den Reflex, einmal angenommene Richtungen/Entscheidungen nicht mehr verlassen/rückgängig machen zu wollen, weil sie zu Beginn als „richtig“ eingestuft wurden. Wenn man auf der Rolltreppe schon fährt, sind die anderen Wege davor bereits verloren und man wähnt sich auf dem richtigen Weg, blendet alle warnenden Anzeichen rechts und links einfach aus, weil man sich nunmal für diesen Weg entschieden hat – und man ist in der Herde. Das kann ja nicht falsch sein, oder?
Außerdem stehen nun auf dieser Treppe schon so viele andere hinter einem, eine Umkehr ist ausgeschlossen. Mit Tunnelblick weiter. Augen zu und durch.
Ich halte es für einen Naturinstinkt, der da zum Tragen kommt. Der Mensch muss abstumpfen, damit er selbst nicht unter die Räder kommt. Reiner Überlebenswille. Wenn das ein Arzt nicht könnte, würde er nach kurzer Zeit selbst Patient werden. Nicht jeder schafft es dabei, seine Menschlichkeit/Empathie zu behalten und auch noch zu zeigen, dazu sind wir Menschen zu individuell.
Einige Wenige sind in der Lage, sich über die Brüstung zu schwingen, wieder hinabzusteigen zur letzten Wegverzweigung und unten nach anderen Wegen zu suchen, aber es ist eine verschwindend kleine Menge. Daraus eine Herdenbewegung zu zaubern ist schier unmöglich.
Natürlich darf man dieses (Fehl-)Verhalten nach wie vor ans Licht zerren und jedem unter die Nase reiben, nur das Ergebnis wird dadurch nicht besser. Nichts wird an dem Mechanismus etwas ändern. Die, die man überzeugen will, verdrehen nur die Augen und gehen weiter und die anderen sind schon lange dieser Überzeugung gewesen.
Die aktuelle Weltlage zwingt die Menschen bereits wieder in diese Richtung, man kann es überall beobachten. Entweder sie ignorieren alles und leben stoisch weiter wie bisher, oder sie suchen die Grenzen zum festhalten, ohne die sind sie blind und sie haben Angst, den Abgrund hinunterzufallen. Mit Recht. Die Frage ist, welchen Weg schlagen sie dafür ein? Sind sie noch an dem Wegweiser oder stehen sie längst auf der Rolltreppe? An wem orientieren sie sich?
An der Herde …
Eine Herde hat Angst, was tut sie? Fliehen. Aber wohin? Hilflosigkeit erzeugt irgendwann Panik und die gilt es für jedes Individuum schnellstmöglich zu unterbinden. Raus aus der Gefahrensituation, wir bringen uns in Sicherheit, indem wir uns an die Gegebenheiten anpassen oder die Realität ignorieren, damit die Angst aufhört.
Da braucht es nur einen, der etwas lauter als die anderen redet (und es gibt zur Zeit nicht nur einen), dem wird hoffnungsvoll gefolgt.
Eine einvernehmliche Lösung für dieses Phänomen oder Problem gibt es vermutlich nicht.
Ich hoffe immer, dass jeder vor unüberlegten (weil panischen oder trotzigen) Handlungen, in Ruhe nachdenkt, wo die eigene Entscheidung am Ende hinführt und erst dann entscheidet, welchen Weg er einschlägt. Es könnte sonst (wieder) böse enden.
Fazit:
Dieser Text ist sehr gut geschrieben, alles erscheint mir erschreckend richtig eingeordnet. Inhaltlich wird es nur offene Türen einrennen, oder leider nicht beeindrucken.
Mich lässt es irgendwo in der Mitte ratlos und resigniert zurück, da es keine Lösung beinhaltet/beinhalten kann.
Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen, noch fehlt es mir an Glauben daran.
VG Aniella