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Anders Tell

Mitglied
Ja, Juco,
die Fiktion erzeugt Wirklichkeit und ist womöglich eine Überhöhung dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Paul Watzlawick hat im Kern festgestellt, dass Kommunikation im Wesentlichen die Auseinandersetzung über die jeweilige Auffassung von Wirklichkeit ist.
Eine Detail beschäftigt mich immer noch sehr: die blauen Augen der Überlebenden. Unter den Opfern der KZs dürften blaue Augen seltener gewesen sein. Gerade deshalb und weil das Mädchen jung und hübsch ist, finde ich diese Merkmale sehr stimmig. Sie sind der Auslöser für die menschliche Anwandlung der Männer. Diese Frau ist ein schutzbedürftiger Mensch und kein Objekt, dem man die Goldzähne ausbricht. Selbst wenn der Autor diese Zeichnung der Figur nicht einmal bewusst gewählt hätte, ist sie mehr als passend.
 

Frodomir

Mitglied
Hallo JuCo,

Und eben dieser Funke, wenn auch in Kunst gefasst, macht doch etwas mit der Wirklichkeit, ist selber Wirklichkeit,...
Ein schöner Satz, für den ich dir danken möchte. Auch deine Wortwahl vom "Ewigen" ist bei genauer Betrachtung angebrachter als mein Versuch, es mit "Kitsch" zu umschreiben. Mir ist durch deinen Kommentar nochmal einiges Klarer geworden, vielen Dank dafür.

Viele Grüße
Frodomir
 

Matula

Mitglied
Ja, man kann sich auf den Schwingen des Wortes davontragen lassen ... Ich bin unangenehm überrascht von der hohen Zustimmung, die diese Geschichte gefunden hat. Da überlebt eine junge Frau die Gaskammer, wird zunächst als eine Art Schutzmantelmadonna stilisiert und dann als unliebsame Zeugin exekutiert. Zum Kotzen, aber Viktor Frankls Sinnsuche - ein therapeutisches Instrument ! - soll's erklären. Mir scheint, man muss am Leben sein, wenn man den "Funken des Ewigen" in sich finden will. Ob dazu im Angesicht des Todes genug Zeit bleibt, darf bezweifelt werden (so eine Logotherapie dauert mitunter ein paar Jahre). Der "Funke des Ewigen" also für die Nachwelt ? Die nackte ummantelte Frau mit der Pistole im Nacken als Archetypus ? Schon erstaunlich, dass das hier Gefallen findet.

Es empfiehlt sich aus Wien mit Grausen,
Matula
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Matula,

ich denke, Du bist zu streng mit uns.
Und Du setzt auch Deine Sicht absolut und kommst zu einem abwertenden Ergebnis.
Ich möchte da jetzt gar nicht zu sehr in eine abseitige Diskussion einsteigen, denn wir sind da jenseits von Textarbeit.
Aber ich würde mir wünschen, wenn Du denjenigen, die 'Gefallen' gefunden haben, zugestehen könntest, dass sie sich auf eine sehr ernsthafte Weise mit dem Thema und dem Text beschäftigt haben und in der 'Beurteilung' Aspekte eine Rolle spielen, die Dir fremd oder entgangen sind.
Aber ich respektiere Deine Meinung.

Liebe Grüße
Petra
 

Matula

Mitglied
Liebe @petrasmiles ,

für mich gehört zur Textarbeit auch die Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Die Geschichte als solche ist technisch-banal und wird vermutlich in den Anfängen der Gaskammern, als Zyklon B noch in Erprobung stand, öfter vorgekommen sein. Den Lesern geht's offenbar um das verschwurbelte Ende, das als eine Art von Absolution begriffen wird, der "Funke des Ewigen" (vormals der göttliche Funke), der über der Jungfrau und den Schärgen schwebt. - Dem hätte man auf den Grund gehen können.
Ich habe Viktor Frankl noch persönlich in meinem damaligen Arbeitsumfeld kennengelernt, einige seiner Text gelesen und einen Vortrag an der Uni Wien gehört. Ich war wenig beeindruckt, aber der Mann hat Auschwitz und Dachau überlebt und aus dieser Erfahrung eine Antiverzweiflungstherapie entwickelt, in deren Zentrum die Suche nach dem persönlichen Sinn des Lebens steht. KZ-Gräuel mit dem "Funken des Ewigen" auszustatten, lag nicht in seiner Absicht, wiewohl er sich vom Gedanken einer Kollektivschuld distanziert hat. - Die "ernsthafte" Beschäftigung mit einem Text ist umso wichtiger, je nebuloser darin argumentiert wird.

Liebe Grüße,
Matula
 

Aniella

Mitglied
Hallo @JuCo

Ich habe lange überlegt, ob ich mich zu dieser Geschichte äußern soll, denn entweder wird sie hochgelobt, oder erzeugt Unverständnis. Warum?

Ich sehe es so:
Die Geschichte zeigt in gut gewählten Worten, was passiert sein könnte am Rande des Holocausts. Was deckt sie auf? Nichts, was wir nicht alle schon wissen! Wer das immer noch nicht weiß (oder wissen will), wird es auch mit diesem Text nicht begreifen und nichts lernen.
Handwerklich ist sie gut gemacht, sie berührt, rüttelt auf, beeindruckt – zum gefühlt tausendsten Mal. Wenn ich glauben würde, dass man damit verhindern könnte, solch ein Geschehen noch einmal stattfinden zu lassen in der Zukunft, würde ich ebenso das Fähnchen schwingen, fünf Sterne vergeben und mich freuen, dass es wieder einer mehr begriffen hat. Aber das allein reicht nicht, weil selbst das Wissen darum, würde eine naive Wiederholung nicht verhindern. Etwas anders gestrickt, schon würde der Mechanismus wieder greifen.
Wie ich darauf komme? Hört sich doch absurd an, oder?

Ich empfehle jedem, sich den Film „Die Welle“ anzusehen. Dort wird genau dieses Thema und das Phänomen behandelt. Er stellt in erschreckender Weise dar, wie schnell man – selbst mit diesem Wissen – in genau dieselbe Falle immer wieder reinlaufen würde.
Überall auf der Welt.

Als Bild dargestellt:
Der Mensch ist ein Herdentier. Das größte Raubtier auf der Welt hat die Schwäche, sich nur in der Gruppe richtig sicher und wohl zu fühlen. Gleichzeitig braucht jeder Mensch Grenzen, an denen er sich orientieren kann in Zeiten, in denen er Entscheidungen treffen muss. Darauf habe ich es mal heruntergebrochen in meinen Gedanken.

Beides verursacht den Reflex, einmal angenommene Richtungen/Entscheidungen nicht mehr verlassen/rückgängig machen zu wollen, weil sie zu Beginn als „richtig“ eingestuft wurden. Wenn man auf der Rolltreppe schon fährt, sind die anderen Wege davor bereits verloren und man wähnt sich auf dem richtigen Weg, blendet alle warnenden Anzeichen rechts und links einfach aus, weil man sich nunmal für diesen Weg entschieden hat – und man ist in der Herde. Das kann ja nicht falsch sein, oder?
Außerdem stehen nun auf dieser Treppe schon so viele andere hinter einem, eine Umkehr ist ausgeschlossen. Mit Tunnelblick weiter. Augen zu und durch.
Ich halte es für einen Naturinstinkt, der da zum Tragen kommt. Der Mensch muss abstumpfen, damit er selbst nicht unter die Räder kommt. Reiner Überlebenswille. Wenn das ein Arzt nicht könnte, würde er nach kurzer Zeit selbst Patient werden. Nicht jeder schafft es dabei, seine Menschlichkeit/Empathie zu behalten und auch noch zu zeigen, dazu sind wir Menschen zu individuell.
Einige Wenige sind in der Lage, sich über die Brüstung zu schwingen, wieder hinabzusteigen zur letzten Wegverzweigung und unten nach anderen Wegen zu suchen, aber es ist eine verschwindend kleine Menge. Daraus eine Herdenbewegung zu zaubern ist schier unmöglich.

Natürlich darf man dieses (Fehl-)Verhalten nach wie vor ans Licht zerren und jedem unter die Nase reiben, nur das Ergebnis wird dadurch nicht besser. Nichts wird an dem Mechanismus etwas ändern. Die, die man überzeugen will, verdrehen nur die Augen und gehen weiter und die anderen sind schon lange dieser Überzeugung gewesen.

Die aktuelle Weltlage zwingt die Menschen bereits wieder in diese Richtung, man kann es überall beobachten. Entweder sie ignorieren alles und leben stoisch weiter wie bisher, oder sie suchen die Grenzen zum festhalten, ohne die sind sie blind und sie haben Angst, den Abgrund hinunterzufallen. Mit Recht. Die Frage ist, welchen Weg schlagen sie dafür ein? Sind sie noch an dem Wegweiser oder stehen sie längst auf der Rolltreppe? An wem orientieren sie sich?
An der Herde …

Eine Herde hat Angst, was tut sie? Fliehen. Aber wohin? Hilflosigkeit erzeugt irgendwann Panik und die gilt es für jedes Individuum schnellstmöglich zu unterbinden. Raus aus der Gefahrensituation, wir bringen uns in Sicherheit, indem wir uns an die Gegebenheiten anpassen oder die Realität ignorieren, damit die Angst aufhört.

Da braucht es nur einen, der etwas lauter als die anderen redet (und es gibt zur Zeit nicht nur einen), dem wird hoffnungsvoll gefolgt.

Eine einvernehmliche Lösung für dieses Phänomen oder Problem gibt es vermutlich nicht.
Ich hoffe immer, dass jeder vor unüberlegten (weil panischen oder trotzigen) Handlungen, in Ruhe nachdenkt, wo die eigene Entscheidung am Ende hinführt und erst dann entscheidet, welchen Weg er einschlägt. Es könnte sonst (wieder) böse enden.

Fazit:
Dieser Text ist sehr gut geschrieben, alles erscheint mir erschreckend richtig eingeordnet. Inhaltlich wird es nur offene Türen einrennen, oder leider nicht beeindrucken.
Mich lässt es irgendwo in der Mitte ratlos und resigniert zurück, da es keine Lösung beinhaltet/beinhalten kann.

Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen, noch fehlt es mir an Glauben daran.

VG Aniella
 

Anders Tell

Mitglied
@Matula

Unter Beschäftigung mit dem Text verstehe ich etwas anderes als Deine permanenten Wertungen. Selbst wenn man mit den zunächst unterstellten Aussagen des Textes nicht übereinstimmt, sollte einem dies den Blick für die Interpretation nicht verstellen. Wenn man dabei stehen bleibt, was einem gefällt oder nicht erreicht man das Niveau von DSDS, wo Zuschauer ohne Sachkenntnis beurteilen, ob jemand singen kann. Deine Meinung ist Dir unbenommen. Es geht aber nicht darum, Meinungsblasen zu präsentieren und damit erzählerische Qualität abzuwerten.
 

Aniella

Mitglied
@Anders Tell
Hach, wie wäre es doch schön, wenn Du mal jemanden ansprechen würdest. Hallo ... und mit Gruß ... enden. Man könnte Dir eventuell in Deinen Argumentationen folgen.

VG Aniella

Danke! :)
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Aniella,

du schreibst:

Nichts, was wir nicht alle schon wissen!
Es ist über alles schon geschrieben worden! Da wiederholen sich Themen.

Mich lässt es irgendwo in der Mitte ratlos und resigniert zurück, da es keine Lösung beinhaltet/beinhalten kann.
Das muss der Text auch nicht leisten. Er hat aber zu einer breiten Diskussion geführt, über die ich mich freue.

Natürlich darf sich das Ganze nicht zu weit von der Textarbeit entfernen, sonst müsste ich ihn ins Forum Lupanum verschieben.

Das möchte ich aber nicht, also gemach hier.

Gruß DS
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe @petrasmiles ,

für mich gehört zur Textarbeit auch die Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Die Geschichte als solche ist technisch-banal und wird vermutlich in den Anfängen der Gaskammern, als Zyklon B noch in Erprobung stand, öfter vorgekommen sein. Den Lesern geht's offenbar um das verschwurbelte Ende, das als eine Art von Absolution begriffen wird, der "Funke des Ewigen" (vormals der göttliche Funke), der über der Jungfrau und den Schärgen schwebt. - Dem hätte man auf den Grund gehen können.
Ich habe Viktor Frankl noch persönlich in meinem damaligen Arbeitsumfeld kennengelernt, einige seiner Text gelesen und einen Vortrag an der Uni Wien gehört. Ich war wenig beeindruckt, aber der Mann hat Auschwitz und Dachau überlebt und aus dieser Erfahrung eine Antiverzweiflungstherapie entwickelt, in deren Zentrum die Suche nach dem persönlichen Sinn des Lebens steht. KZ-Gräuel mit dem "Funken des Ewigen" auszustatten, lag nicht in seiner Absicht, wiewohl er sich vom Gedanken einer Kollektivschuld distanziert hat. - Die "ernsthafte" Beschäftigung mit einem Text ist umso wichtiger, je nebuloser darin argumentiert wird.

Liebe Grüße,
Matula
Liebe Matula,

Deinem letzten Satz möchte ich unbedingt zustimmen - dem ersten übrigens auch, weil es definitiv um Textarbeit geht, wenn man sich mit dem Inhalt auseinandersetzt.
Aber ich möchte noch einmal wiederholen, dass Frankl nicht vom Autor ins Spiel gebracht wurde, sondern von einem Kommentator. Ich hatte gleich den Eindruck, dass Dich vor allem der Name getriggert hatte, und damit warst Du aber auch gleich auf einer sehr hohen Ebene der Betrachtung.

Warum hier überraschenderweise so viel kommentiert wird, liegt daran, dass eben nicht schon alles gesagt worden ist und jede Generation aufs Neue ihre Position finden muss. Dieser Text lässt sich nicht einfach nur durch seine literarische Qualität fassen, sondern dadurch, was er in Gang setzt.

Diese Vergangenheit hat gerade in Deutschland nie aufgehört zu wirken und nimmt Einfluss bis in die neueste Politik. Parallel dazu hat es immer eine Art Entlastungsfunktion gegeben, indem die Täter nur bei den Entscheidern, Demagogen und Helfern gesucht wurde - und jeder von ihnen war ein Monster. Wenn es aber Monster sind, könnte man sich als Normalbürger in Sicherheit wähnen - man darf sich unschuldig fühlen und gleichzeitig Lippenbekenntnisse abgeben, dass man diese Schuld akzeptiert. Anders ist gar nicht erklärbar, dass man im Namen der Schuldanerkenntnis liberale Juden des Antisemitismus bezichtigt. Das geht alles nicht zusammen und belegt damit für mich, dass diese 'Geschichte' noch lange nicht auserzählt ist.

Der Finger, der durch diesen Text auf die Wunde gelegt wurde, liegt nicht in der Betrachtung der Opfersituation, sondern der Täter. Wenn die Täter - wie hier in den Raum gestellt wird - nicht einfach Monster sind, sondern als Menschen wie Du und ich erkennbar wären, dann fällt diese 'Brandmauer' in sich zusammen, hinter der sich der Normalbürger in Sicherheit wähnte. Schon in der Schulzeit sind mir überwiegend Leute begegnet, die davon überzeugt waren, sie wären - an der Stelle derjenigen, die zu der Zeit lebten - im Widerstand gewesen, in jungen Jahren an der Uni und später im Berufsleben erst recht. Weil sie ja alle keine Monster sind. Weil wir ja zu Zeiten leben, in denen man meint, man könne ohne Schaden an seiner Haltung und seinen Gewissheiten zu nehmen durchs Leben kommen, ja mittlerweile denken, es sei ein Anrecht, dass der Staat garantieren müsse.

Was da im Namen und mit Hilfe der Deutschen angerichtet worden ist, hat Generationen traumatisiert, sodass diese Entlastungsfunktion zu einer 'mentalen' Spaltung geführt hat: Wir bekennen uns schuldig, ohne uns schuldig fühlen zu wollen - oder zu können?

In den letzten Jahren habe ich mit ansehen müssen, dass sich manche Politiker einbilden, dass sie aufgrund dieser Schuld - die sie nicht empfinden und für die sie sich nicht mehr schämen - am besten beurteilen können, wer Antisemit sei. Das ist die Tatsachen auf den Kopf gestellt.

Es geht aber nicht darum, die Täter zu entlasten, indem man sie 'menschlicher' darstellt, sondern darum, diese Spaltung zu überwinden.
Ich persönlich habe zum ersten Mal einen Text gelesen, in dem diese Täterfigur kein Monster war, sondern eine Person, in der sich auch die Nachgeborenen sehen könnten, wenn sie sich denn trauten.

Vielleicht ist das eine zutiefst deutsche Diskussion, die Dich einfach nicht betrifft und deren 'Wert' Du deshalb nicht erkennen kannst?

Liebe Grüße
Petra
 

JuCo

Mitglied
@Anders Tell
Danke, dass du immer wieder für die Geschichte in die Bresche springst; das freut mich jedes Mal! :)

@Aniella
Ich bin dir sehr dankbar für deine Antwort und froh, dass du dich entschieden hast, sie zu schreiben. Das Rolltreppenbild ist sehr eindringlich: mechanisch und drängend. Und vermutlich hast du recht: Spielten wir das soziologische Spiel, erhoben Daten und errechneten die Mittelwerte, so würde Bonhoeffer vermutlich die Ausnahme darstellen, und die Mitläufer – das Herdentier, wie du geschrieben hast – wären die Regel.
Was das für den Einzelnen bedeutet, gerade in diesen Zeiten, die du und @petrasmiles so treffend beschrieben habt, ist schwer zu sagen.

Eines noch dazu: @Frodomir hat ganz zu Beginn hier geschrieben, dass es für ihn schwierig war, sich mit dem Text auseinanderzusetzen – aber auch, dass er zwischen den Zeilen ein „Nie wieder“ gelesen hat. Und bei dir ist es genau das Gegenteil: Die schmerzhafte Erinnerung daran, dass es wieder passieren kann.
Von beiden Lesarten bin ich total beeindruckt, und vor beiden bleibt mir nur, mich zu verneigen.

@Matula
Danke auch für deine Kritik.

Zunächst: Ja, Szenen wie diese sind geschehen. Menschen haben die Gaskammer überlebt und sind dann erschossen worden. Wie sollte das auch anders sein bei drei Millionen Menschen, die so ermordet wurden?

Auf das Weitere zu antworten, ist nicht so leicht, weil das, was ich zu umschreiben suche, sich jeder Definition entzieht. Aber gut, genau deswegen schreibe ich ja, also sei es versucht:

So verstehe ich deine Kritik:
(und wenn du dich entscheiden solltest, auf diese Nachricht zu antworten, wäre ich sehr neugierig zu wissen, ob das passt oder ob ich dir hier Worte in den Mund lege.)

Wie kann ich, der fernab von Kriegen und Genoziden aufgewachsen ist, mir anmaßen, etwas Ewiges in den Gaskammern gegenwärtig sein zu lassen? An dieser Stelle verwässere ich die Grausamkeit durch billige Spiritualität.

Schau: Ich sehe deinen Punkt durchaus, weil dort offenbar eine Spannung ist. Und ja! Was weiß schon ich?

Aber, wenn ich von Ewigkeit spreche, meine ich damit keine Absolution im Sinne von moralischer Vergebung. Das ist deine Interpretationsleistung. Beileibe ist das In-die-Sterne-Schauen nicht als Freispruch fürs Türschließen, Zähnezíehen und zur-Exekution-führen gedacht – und wenn in diesem Missverständnis dein starker Widerwillen gegen die Geschichte begründet ist, sei unbesorgt: Das sehe ich definitiv nicht so. Wäre dies die gängige Leseart der Geschichte, ich würde sie vom Netz nehmen... (Die Stelle hier zu schreiben hat mich durchaus herausgefordert, weil da eine unglaubliche Wut, ja Hass, in mir ist auf die Menschen, die das getan haben. Schau: Ich habe die eine oder andere Träne bei Besichtigungen in Konzentrationslagern geweint und das sicher nicht zu meinem Vergnügen.)

Wenn ich vom „Ewigen“ schreibe, dann meine ich nicht den Gott, den Nietzsche ja schon getötet hat, keinen metaphysischen Onkel, der sich für mein Liebesspiel interessiert, und auch keinen Takeaway-Plastikgötzen.
Ich meine vielmehr ein Erleben von Transzendenz: Ewigkeit, Einheit und auch dass dort etwas ist, was größer ist als wir. Und dieses Erleben findest du ebenso im Tao Te King wie in der Bibel und auch im Zarathustra.

Und damit zurück zur Gretchenfrage:
Bin ich in der Position, diese Transzendenz in jenen Moment des scheinbar absolut Bösen hineinzudichten?
Ich weiß es nicht.
Aber dann:
Bist du in der Position, sie dort zu leugnen?

Und eben weil ich mir da nicht sicher bin, beziehe ich mich derart stark auf Bonhoeffer und Frankl, weil sie dort waren. Wenn du Frankl noch zu seinen Lebzeiten getroffen hast, kennst du dich vermutlich besser aus. Mir aber hat sich damals bei der Lektüre die Abwesenheit von Zynismus eingeprägt, ja, dass er auch von menschlichen Regungen der SS geschrieben hat und dann auch jenes Zitat, welches mich sprachlos gemacht hat:

„Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, muss auch Leiden einen Sinn haben.“
Liebe Grüße
Lukas
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Lukas,
jetzt habe ich dreimal angesetzt und dann wieder gedacht, dass ich doch nichts schreibe, weil ich glaube, dass meine Kommentare nicht viel bewirken. Ich möchte mich aber bei Dir bedanken, dass Du diese Geschichte mit uns geteilt hast. Du hast viel von Dir preisgegeben und Dich angreifbar und verletzlich gemacht. Angesichts der intensiven Diskussion hast Du jeden Respekt verdient. Aber eben auch Dein Text.
 

Harle Kin

Mitglied
Ich fand Geschichte super. Ich schreibe ähnliche Storys und "mag" die subtile Hoffnung ehe sie am Ende zerissen wird. Nicht im Zynischem Sinne sondern eher diese Existenzielle Tragik darin, hat was echtes. Auch der "mysteriöse" Ton gefällt mir da nicht zu viel erklärt wird. Alles in allem gut gelungen, hat mich am Ende zum lachen gebracht.
 



 
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