Abschied

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Sidgrani

Mitglied
Wehmütig schaue ich hoch zu den Sternen,
werde ich nächsten Morgen noch sein?
Alles muss gehen, das galt es zu lernen,
Spielball des Lebens, nichtig und klein.

Ich habe Frühling und Sommer gesehen,
Tage im Spätherbst waren mir hold.
Wie aber soll ich sein Scheiden verstehen,
um mich ist Sterben, trügerisch Gold.

Über mir rufen zum Aufbruch die Schwärme,
streifen der Wolken trostloses Grau.
Wo ist der Sommer mit wohliger Wärme,
wo die Erquickung durch perlenden Tau?

Alle Geschwister sind längst schon gegangen,
ich bin so müde, braun ist das Kleid.
Mein letzter Morgen naht wolkenverhangen,
ich kann es spüren, ich bin bereit.

Kalt sind die Winde, sie werden mich tragen,
ich darf nun fliegen, mein letzter Traum.
Du wirst im Frühling den Neuanfang wagen,
schlafe und warte, mein lieber Baum.
 
T

Trainee

Gast
Hallo Sidgrani,
dein Gedicht gefällt mir sehr, obwohl es auf der Peripherie des Kitsches balanciert. ;)
Es rührt an - eine wichtige Aufgabe der Lyrik.
Außerdem ist es gut gemacht. Formal dem tradierten Stil der Romantiker angenähert (und doch nicht epigonal), inhaltlich durch die Anmischung des einbrechenden Winters mit tödlichen Substanzen überzeugend. - Die Rückkehr des Frühlings gilt diesmal nicht jedem.

Kalt sind die Winde, sie werden mich tragen,
ich darf nun fliegen, mein letzter Traum.
Du wirst im Frühling den Neuanfang wagen,
schlafe und warte, mein lieber Baum.
Das ist schön: Dies Ende des ewigen eigenen Aufbruchs - traurig und tröstlich zugleich.

Liebe Grüße
Trainee
 

Tula

Mitglied
Hallo Sidgrani

Ich stimme gern zu, ein sehr schöner Text. "Ankreiden" würde ich nur in S4V3, ich würde da auf "letzter" betonen, was allerdings dem Versmaß widerspricht.

LG
Tula
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
Solche Phrasendrusche sind ein Grund dafür, daß die Reimlosen unsere gereimten Dinger nicht lesen kommen.
 

Sidgrani

Mitglied
Hallo Trainee,

dein Gedicht gefällt mir sehr, obwohl es auf der Peripherie des Kitsches balanciert.
Das ist so gewollt und soll die wehmütige Hilflosigkeit und den Abschiedsschmerz des Blattes besonders hervorheben. Den Rest hast du fein und treffend analysiert.

Danke mit liebem Gruß
Sidgrani


Hallo Tula,

über deine Anmerkung zu "letzter" werde ich ein bisschen nachdenken.

Danke und einen lieben Gruß



Hallo mondnein,

du meinst also, deine gereimten Dinger wie z.B. "o du" würden die Leser auf "Gereimtes" locken? Dein Kommentar zu meinem Gedicht ist nichts weiter als eine Behauptung und wenn du konsequent wärest, hättest du es mit 2 bewertet müssen.

Sidgrani
 
Hallo Sidgrani,

für den einen steht es auf der Kippe zum Kitsch...für den anderen ist es Kitsch. Für mich weder das eine noch das andere...denn es macht keinen Sinn dort krampfhaft nach Synonymen zu suchen...wo sich die Originale geradezu anbieten.
Ich denke Du hast es geschafft jene Stimmung zu transportieren...die Du auch vermitteln wolltest...die dich zu diesen Gedanken bewegte - darauf kommt es m.E. auch an. Als Beispiel nehme ich da immer gerne meine Cousine...eine virtuose Musikerin...aber ihre Lieder sind so "kompliziert", dass sie niemand hören will...gar kann. Würde sie doch auch mal zum Leichten greifen...man hörte ihr zu und wüsste wie gut sie ist.

Ich kann aber auch die Kollegen verstehen...die da ihre Kritik ansetzen, bin ja schließlich auch hin und wieder Adressat...der solche Kritiken einstecken muss. Das ist weder das eine richtig...noch das andere falsch - die Geschmäcker sind eben unterschiedlich...und das ist ja bekanntlich keine ganz neue Weisheit.

Für mich geht ein gelungener Text von Bauch zu Bauch...nicht von Kopf zu Kopf. Meinen Bauch hast Du erreicht.

Viele Grüße, A.D.
 

Sidgrani

Mitglied
Hei A.D.,

wer schreibt schon seine Gedichte, damit sie anderen gefallen? Fast immer legen wir etwas von unseren Gefühlen und Empfindungen mit hinein und freuen uns über das vollendete Werk. Der Leser, der ähnlich empfindet, wird von dem Geschriebenen angesprochen und findet lobende Worte. Der überwiegend nüchterne und rationale Leser dagegen, kann mit so einer "Gefühlsduselei" wenig anfangen. Okay, das gilt es zu akzeptieren. Wenn derjenige aber in seinen Kommentaren jegliche Toleranz vermissen lässt, kann man ihn nur bedauern und links liegen lassen.

Dich habe ich auf jeden Fall mit dem Gedicht berührt, darüber freue ich mich. Das mit dem Bauchgefühl hast du treffend beschrieben, danke.

Alles Gute für das neue Jahr.
Sidgrani
 


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