Alles in Fluss

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John Wein

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GLEICHSCHRITT

Ein spanisches Sprichwort sagt: „Eine der schönsten Dinge der Welt ist es, den zu treffen, mit dem Du über alle Deine verrückten Gedanken sprechen kannst, ohne Dich dabei komisch zu fühlen“.

Mai 2019. Es war das Jahr, vor der Pandemie auf der Via de la Plata, dem 1.000 km langen Pilgerweg, der von Sevilla im Süden Spaniens, entlang der portugiesischen Grenze in den Norden nach Santiago de Compostela führt. Am Ziel meiner 12. Tagesetappe in Aldea del Cano, Extremadura, begegnete ich Winston Green, einem außergewöhnlichen Vogelexperten, Mittglied der Royal Society for the Protection of Birds. Er war gerade von seiner Beobachtungsrunde zurückgekehrt.

„Especially the Vultures“, antwortete er, auf meine Frage, weshalb er gerade hier Aldea sei. Winston sprach sehr prononciert und bildhaft, hatte jenen feinen Londoner Akzent, den man zwischen Westminster und Henley on Thames spricht. Seine eingefallenen Wangen, die hervortretenden Halsstränge und ein leichter Tremor in den Händen; zeigten einen aufgeweckten, älteren Herrn, gutmütig bauschiger Schnurrbart und ebenso gutmütige Augen, dazu das sonnengegerbte Gesicht, insgesamt war es die Synthese aus Albert Einstein und Luis Trenker. „Yes, I’m senior“, erklärte er mir spitzbübig, „I’m eightyone“. Winston widmet einen Großteil seiner Passion den Vögeln in der Extremadura, deshalb reist er immer noch jährlich aus England in das spanische Vogelparadies.

Wir saßen im Hof der Herberge, unmittelbar am Ortsende, zwei durstige, alte Männer auf klapprigen Metallstühlen, der Kühlschrank im Hause hatte uns ein paar Flaschen Estrella spendiert und Winston erklärte mir die außergewöhnliche Lebensweise der Lämmergeier. Schnell hatte sich zwischen uns eine herzliche Verbundenheit entwickelt. „Eine der schönsten Dinge der Welt ist es, den zu treffen, mit dem Du über alle deine verrückten Gedanken sprechen kannst, ohne Dich dabei komisch zu fühlen“. Ja, das war es wohl! Hier in der Einsamkeit der Extremadura empfanden wir jenen übermütigen Gleichklang. Was für ein schöner Abend nach meinem 22 km Marsch durch das sonnenverbrannte Grasland und welch gute Gelegenheit hier noch einmal den Tag gemeinsam vorüberziehen zu lassen, insgesamt ein schöner Tagesabschluss in gefühlvoller Balance.

„Winston, ich bin seit Jahre vorzugsweise allein unterwegs, aber das Alleinsein heißt ja nicht einsam zu sein!

Und er: „Ach ja !?“

„Daheim dagegen, da fühle ich mich manchmal wirklich allein. Allein ist vielleicht der falsche Begriff, aber einsam, ja das ist es! Es ist nicht die Alterseinsamkeit, nein Winston, es ist eine Einsamkeit des Nichtverstehens oder des Missverstanden Werdens. Meine Werte und Moralvorstellungen sind in den letzten Jahren oft völlig im Gegensatz zu heutigen Anschauungen und Meinungen über bestimmte Dinge in unserem Land.“

Winston unterbrach mich: „Ja und das Verrückte dabei ist, dass die meisten Menschen gar keine eigenen Wertvorstellungen entwickelt haben, sondern einfach nur Meinungen und Maßstäbe von anderen Menschen, „Meinungsführern“, übernehmen.“

Ich: „Ja, es ist eine gewisse Gleichgültigkeit, den meisten sind einfach die gesellschaftlichen Entwicklungen und Umstände entweder egal, sie ignorieren sie, sind überstrapaziert in ihrem Alltag oder haben einfach keine Lust sich mit Themen außerhalb ihres Spektrums grundlegend zu befassen. Vieles wird einfach nur hingenommen, registriert, Lüge mit Halbwahrheit und dem Ungefähren vermengt und wenn es oft wiedergekäut ist, wird es mit der Gewöhnung in der persönlichen Wahrnehmung zur eigenen Wahrheit. Grundsätzlich misstrauisch zu sein, zu hinterfragen, was mit geschwätzig schulmeisterlicher Aufsässigkeit täglich so prominent und laut aus Medien und Politik daherkommt, ist aus der Mode gekommen.“

„Ja, man ist gewissermaßen gelangweilt, aber John, ist dir schon aufgefallen, dass dieser Vorgang der weltweiten Trägheit und Langeweile möglicherweise die unbewusste Form von Gehirnwäsche ist, ein Zustand herbeigeführt durch eine totalitäre Verschwörung zwischen Politik und Kapital und dass das weitaus gefährlicher ist, als wir es uns bewusst machen? Jemand, der gelangweilt ist, der schläft, und jemand der schläft, der wird nicht nein sagen. Er wird als Jasager niemandem im Wege stehen und alles mit seiner Gleichgültigkeit legalisieren. Ich treffe diese Leute immer wieder und überall, Menschen die alles hinnehmen und nichts hinterfragen, verstehst du? Ich für mich habe aufgehört mit dem Fernsehen, die Zeitungen abbestellt und meide weitgehend das Internet. Ich habe das alles komplett aus meinem Leben gestrichen, weil ich nämlich der Meinung bin, dass wir schon jetzt in einer orwellschen Art in einem Albtraum leben und das alles, was wir wahrnehmen, dazu beiträgt, uns in Roboter zu verwandeln, die im Hamsterrad einer gleichförmigen Tätigkeit ihren Tagesablauf bewältigen.“

Ich sah, dass seine Gedankentätigkeit auch im Schweigen seinen Fortgang nahm.

“Wo kommst du her“, fragte er mich dann, als hätte ich es ihm nicht schon mehrfach erwähnt: „nein, ich meine in welcher Stadt lebst du? In Berlin?“

Ich: „Nein, Düsseldorf“.

„Düsseldorf, ah, auch so ein interessantes Problem!“

Und ich: „Du kennst doch Düsseldorf überhaupt nicht!“

Und er: „? Kennst du London? Aber du kennst wie ich doch sicher viele Menschen in deiner Stadt, die immer davon reden, abhauen zu wollen, sie würden es aber niemals tun“.

Ich sagte: „Oh ja!“

und er: „Warum hauen die wohl nicht ab!?“

Ich kam mit ein paar banalen Theorien.

Und er: „Nein, nein ich glaube nicht, dass es deswegen ist!“

Und nach einer gedanklichen Pause: „Ich glaube, dass auch Deutschland eine moderne Form von Gefängnis werden wird, vollkommen freiwillig von seinen Bewohnern erschaffen, die auch die Torwachen stellen. Sie werden stolz sein auf ihr Werk, das sie schufen. Sie bauten ihr eigenes Concentration Camp und so existieren sie in einer Art Schizophrenie, in der sie Wachen sind und zugleich Gefangene.“

Ja, und noch eins sei nicht mehr vorhanden, als ob man es ihnen wegoperiert hätte, die Fähigkeit, ihren Kerker zu verlassen oder es wenigstens zu erkennen als ein Gefängnis.

Dann fasste er in seine Tasche und kramte ein Foto hervor. Er hatte es vor Jahren bei der BBC nach einem Interview gemacht. Es zeigte die Statue von George Orwell im Broadcasting House, auf der Rückseite hatte er mit großen Buchstaben etwas vermerkt.

Ich nahm es, betrachtete das Bild und las auf der Rückseite: KRIEG IST FRIEDEN – FREIHEIT IST SKLAVEREI – UNWISSEN IST STÄRKE.

Das war Doppeldenk und der Spruch der auf der Betonfassade des Wahrheitsministeriums in Orwells 1984.

Winston: „John, hau ab‘, bevor es zu spät ist!“

Und ich: „Na ja, seit zwei oder drei Jahren haben Elinor und ich, das mehr als beunruhigende Gefühl, dass wir wirklich gehen sollten, aber mit 78? Winston, da pflanzt du keine Eiche mehr. Wir fühlen uns zwar im Land nicht mehr so wohl wie früher, doch wohin sollten wir? Es hat doch den Anschein, als ob die ganze Welt genau dasselbe vorhat.“

„John, ich halte es für absolut möglich, dass die Zeit der sechziger Jahre vielleicht die allerletzte Möglichkeit zum Ausbruch des Menschen vor seiner Entmenschlichung gewesen ist und dass dies den Anfang vom Ende der Zukunft bedeutete, denn von jetzt an werden überall bloß noch diese Roboter mit ihren Mobilgeräten herumspazieren, gedankenlos und gefühllos und es wird niemand mehr übrigbleiben, der noch weiß, dass es früher einmal so etwas gab, wie menschliche Wesen mit Gefühlen und Gedanken. Geschichte und Erinnerungsvermögen werden ausgemerzt sein und zwar so gründlich, dass sich bald niemand mehr erinnern wird, dass vorher ein anderes Leben existierte auf diesem Planeten“.

Der Himmel über Aldea del Cano präsentierte sich am Abend glatt wie ein Tisch, kein Lüftchen regte sich. Im Westen, über den Kämmen der Sierra de San Pedro schwamm die Sonne bereits in rötlichen Dunstschleiern und vereint mit der Stille und Weite der Dehesa vermittelte es die Stimmung eines Schöpfungstages.

„Weißt du, Winston“, es lag eine gewisse Versöhnlichkeit in meiner Stimme: „Unterwegs und hier in diesem Grasland, empfinde ich eine grenzenlose Demut für das Leben und die Gottesnatur, da ist viel Freiheit und Unbeschwertheit in der Luft. Wenn ich im Himmel über mir die Lämmergeier, diese Riesenvögel, die so mühelos auf ihrer kreisenden Suche dahingleiten sehe, dann fühle ich noch ein wenig die Ursprünglichkeit und die Unschuld der Welt. Hier ist alles leise, da ist nichts Unrühmliches, nichts was für den Augenblick dein Glück in irgendeiner Weise hindern könnte.“

Ich stand auf, ein momentaner Schwindel, rückte den Stuhl zurecht, nahm die leeren Flaschen und stellte sie zu den übrigen auf dem Fenstersims. Unsere Unterhaltung lag in den letzten Zügen.

„Winston, ich glaube es war Fernando Pessoa, der einmal gesagt hat, sich nichts zu unterwerfen, keinem Menschen, keiner Liebe, keiner Idee und auch jene distanzierte Unabhängigkeit zu wahren, die darin bestünde, weder an die Wahrheit zu glauben, falls es sie denn gäbe, noch an den Nutzen, sie zu kennen. Dies, so schien ihm, sei die rechte Befindlichkeit für das geistige, innere Leben von Menschen, die nicht gedankenlos leben könnten.“

„John, was für ein schönes Schlusswort!“ Er erhob sich und legte mir seine Hand auf die Schulter, „komm‘ mein Freund, lass uns gehen, ziehen wir uns aus der realen Welt zurück! Wir werden sie sowieso nicht mehr ändern. Good night my friend, sleep well!“

Am östlichen Himmel zog der Abend einen matten Stern nach dem andern hervor, während hinten im Westen, die Sonne war bereits untergegangen, über den sanft geschwungenen Kammlinien ein goldenes Vlies einen weiteren Sommertag in der Extremadura ankündigte.

„Gute Nacht Winston! Sehen wir uns morgen früh beim Frühstück!“ Diesmal war es keine Frage.

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petrasmiles

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Viel Stoff zum Nachdenken, lieber John.
Die Flucht, ja, ich spüre schon jetzt in den letzten Berufsjahren diesen Drang, diesen Schattenmenschen nicht mehr ausgeliefert zu sein, die Münzen in der Hand zu zählen und sich vorzunehmen, damit auszukommen. (Und wenn es nur Spaghetti mit Olivenöl und Kräutern gibt ...)
Mein Mann hat schon seit langem ein großes Grundstück in Südfrankreich mit u.a. unserem Mobilheim und wir verbringen unsere Urlaube dort - es ist ein anderes Leben, und die Sehnsucht dorthin wird von Jahr zu Jahr größer und die Trauer bei der Abreise ebenso.

Ich habe das nie so stark als eine Abwendung von Generationen von den herrschenden Zuständen empfunden wie nach Deinem Text.
Nicht alles, was Dein Winston sagt, leuchtet mir auf Anhieb ein, aber es rückt so ein bisschen Dinge gerade, die aus der Spur geraten zu sein scheinen, nur, dass es die 'Spur' nicht mehr gibt. Das muss man sacken lassen und begreifen lernen.
Also vom Inhalt her ganz besonders, und in eine schöne Erzählung verpackt.

Liebe Grüße
Petra
 

John Wein

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Gedanken eines alten Mannes
(23. Februar 2014)

Ich sammle all‘ die schönen Tage
in meinem Lebensband,
hüte unbeschwerte Nächte
in meinen Träumen.
Die Zeit entzieht sich ihrer nicht,
sie dauert.
Sie ist in mir
und ebenso
in dir.

Ich spüre Heiterkeit
auf deinen müden Wangen,
lese die gold‘nen Worte
in deinen Augen,
so traurighell und klar.
Ich fühl‘ dein Lächeln.
Mein Herz, es tanzt in Seligkeit
und lacht
mit dir.

Ich seh‘ am Horizont das Glück
und trink‘ es leer.
Wenn alles schweigt,
erzähl ich dir
von meiner Liebe,
stumm.
Sie ist in allem,
doch zuerst
bei dir.


Alles in Fluss
 

petrasmiles

Mitglied
Wenn man soetwas aufschreibt, muss man doch ganz voll von dem Glück und der Dankbarkeit sein, die man aufzeichnet - und schon dafür lohnt es sich.
Du bis ein glücklicher Mann!

Danke fürs Teilhabenlassen!

Liebe Grüße
Petra

P.S. Ich spüre das auch immmer, wenn ich 'wir' sagen kann - mit den Jahren wird es immer weniger selbstverständlich ...
 

John Wein

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Et kütt wie et kütt -Teil I

Et kütt wie et kütt, ist Rheinisch und auf Hochdeutsch Schicksal.

Die Sonne hatte sich noch einmal in einem aufgeräumten Himmel präsentiert und die Kulissen des Tages waren von herbstlich mildem Zuschnitt. Am späten Nachmittag hatte ich meine sechzig Kilometer Runde mit dem Rennrad beendet und locker in den Beinen fühlte ich mich gesund durchblutet und gut vorbereitet für einen federleichten Abend. Nichts, kein Anflug von Unwohlsein deutete an diesem Tag auf das Drama hin, dessen Entwicklung am Ende chaotisch verlaufen und sich lebensbedrohlich für mich erweisen sollte.

Die Sache, insgesamt beleuchtet, war mir erst allmählich schlimm erschienen, fühlte ich mich doch eigentlich ganz passabel. Aber die Lage in der ich mich jetzt befand, war mir nicht geheuer. Man hatte mir einen Zugang für den Blutverdünner in die Armvene gelegt, die Nadel ärgerte mich. Kopf und Glieder arbeiteten in abgestimmter Gesetzmäßigkeit, doch der Höllenritt des Rettungsfahrzeugs über Rotlicht Kreuzungen und Verkehrshindernisse der nächtlichen Stadt, hatte in meinem Magen ein nicht unerhebliches Unwohlsein verursacht. Ich weiß nicht, ob es in meinem Zustand gut war, so herumgeschüttelt zu werden. Als mich der Krankenwagen im St. Vinzenz ausspuckte, blendete mich das hässlich weiße Licht eines spärlich möblierten Untersuchungsraums.

Was war passiert?

Obwohl anwesend war ich doch zugleich abwesend gewesen, hier war eine Lücke in meinem Gedächtnis, ein Zeitfenster ohne jede Erinnerung. In einer Zerstreutheit danach, hatte ich es weltentrückt nicht recht erinnern können. Marijke, in panischem Entsetzen, hatte mich resolut und couragiert zurück ins Gegenwärtige geschüttelt. Meine Wahrnehmung hatte hier einen Stromausfall zu verzeichnen und die Eindrücke waren nicht gespeichert worden. Ihr versteinertes Gesicht hatte angedeutet, dass hier meine Gesichtssymmetrie etwas aus der Fasson geraten war.

„Du hast ja einen ganz schiefen Mund!"
Schrill hatte, es geklungen.
„was ist mit dir, was hast du? hööörst du mich!?“

„Alles normal! Schiefes Gesicht? Was du sagst!“
hatte ich verharmlosend fast abwertend gestammelt:
„ist doch ok, ich versteh‘ nicht, was du willst!“
Hatte mir der Garderoben Spiegel nicht Recht gegeben?
„Ich seh‘ da nichts Ungewöhnliches!“

Doktor Blaukittel, der mich um Mitternacht in der Notaufnahme des St. Vincenz in die Röhre schob, schien nicht sonderlich beeindruckt. Routine ebnet Gefühle und gibt dem Essentiellen den gebührenden Vorrang. Das Krankenhaus ist heutzutage schließlich ein Dienstleistungsbetrieb, in dem alle Abläufe standardisiert sind und die Maßnahmen wirtschaftlich kalkuliert werden müssen; alles nach Schema F. Man sprach unterdes vergnüglich und ganz nebenbei über den vergangenen Urlaub in Griechenland. Der letzte Haken in Patientenakte war gesetzt und das Ergebnis validiert.

Die Diagnose:„Apoplex!“

Das hörte sich in rheinischer Mundart auf sonderbare Weise unverfänglich an und weniger dramatisch wie Hirnschlag oder Schlaganfall. Es war also nichts Ansteckendes. Nach den Untersuchungen schob man mich in den Flur, wo ich mich von Rijke verabschiedete und von der Nachtschwester zur Station abgeholt wurde.

„Papa!"
Jessika war noch in der Nacht die 150 km von Nimwegen, sie promovierte damals noch an der Radbout, zum St. Vincenz geprescht und die Treppe heraufgestürzt:
„Papa!“… „Paps, was ist mit dir, was machst du für Sachen!" keuchte sie.

Es war keine Frage, es war ein Ausruf mit dem Anflug von Panik. Behutsam nahm sie meine linke Hand. Wie oft hatte ich früher die ihre gehalten, eine vertraute Hand, die ihr Sicherheit gegeben hatte und jenen Halt, der sie ins Leben geleitet hat. Jetzt, an ihrer Rechten, führte sie und begleitete mich bei meiner Fahrt mit der Krankenschwester über nächtliche Klinikflure. In beider Erinnerung keimte ein Gefühl, das wir gleichermaßen empfanden, ohne es überhaupt ausgesprochen zu haben: Sie gab mir hier etwas zurück und hier empfing ich etwas von ihr. Darin lag nich nur Dank, sondern auch und Liebe.

Sie schluckte: "Es wird alles wieder gut, Papa, bestimmt, hab keine Angst, man kann heute schon so viel machen!" Sie wischte sich ein paar Tränen von der Wange.
"Ach Jessy", mein Trost klang etwas kraftlos, „der Sanitäter hat mir Heparin gespritzt und ich hab' überhaupt keine Beeinträchtigung, mir geht es gut!“

Wie von Geisterhand öffneten sich die Flügeltüren zur Neurologie.

„Morgen Jessy, nach ein paar Untersuchungen sehn' wir weiter."
Sacht, so behutsam als befürchtete sie, da sei etwas Zerbrechliches an mir, küsste sie meine Stirn. Nun schwammen auch meine Augen.

„Papa ich hab' dich lieb!"
„Ja, ich dich auch, ganz doll!"

Auf der Neurologischen Station war das Patientenzimmer für mich vorbereitet. Die Nachtschwester schob das Bett vor die Fensterfront, ich war allein im Zimmer. Heute würde ich nicht in meinem Nest daheim schlafen dürfen. Aber was machte das schon bezüglich meines Zustandes und in dieser Situation. Ich war jetzt nicht mehr Herr des Geschehens, nur ein wehrloser Patient, widerstandslos ärztlichen Kunstgriffen und pflegerischen Maßnahmen ausgeliefert. In meinem Kopf kreiste ein Karussell. Im demütigen Verhalten und in banger Hoffnung auf wenig schmerzhafte Reparaturmaßnahmen, fügte ich mich dem Schicksal und erwartete mit dem Gespenst der Beklemmung den nächsten Morgen.

Ermattet, spät oder sagen wir lieber früh um vier Uhr schlief ich ein. Traumlos! -

-alles in Fluss-
 
Lieber John,

aus der exakten und genauen Beschreibung möchte ich gern die Annahme ableiten, dass du inzwischen mit den Folgen der Erkrankung zurechtkommst; wie gut, dass werden wir wohl aus der Fortsetzung erfahren. Ich verbinde das jetzt mit dem weitergehenden Wunsch, dass du vollkommen genesen bist.

Dein Text verstärkt in mir Überlegungen, die eigene Person und die unmittelbare Umgebung betreffend. Davon hier zu reden, wäre aber unpassend.

Nochmals dir alles jetzt erdenklich Gute fürs leibliche und geistige Befinden
Arno Abendschön
 

John Wein

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Et kütt wie et kütt –Teil II –

Werkstatt Krankenhaus

„Guten Morgen Cherr Wain!“ schrill und markerschütternd traf es den Schlummernden wie der Blitz. Hier trat mit dem ersten Hahnenschrei und der Frühschicht die Routine ein: Blutdruck, Puls und Temperatur.

„Chatten sie hoit schon Stuhl, Cherr Wain?“ fragte Klawdija die pummelige Schwesternschülerin im östlichen Akzent, während sie mit dem Thermometer in meiner Ohrhöhle fummelte. Ich fuchtelte eine Windmühle in die Luft und schlug ihr bei meiner Abwehr beinahe das Thermometer aus der Hand. Stuhl? In so einer hochnotpeinlichen Sache war ich in meinem ganzen langen Leben noch nicht von einer fremden Person befragt worden, noch dazu von einem so jungen Ding! Stuhl! Ich stutzte und nickte beiläufig. Robust streifte sie mir die Blutdruckmanschette über den linken Arm und pumpte sie auf. Meine Nase witterte ein Potpourri von frischen Brötchen, Kaffee und süßlichem Cologne mit einer dezenten Note Arbeitsschweiß. Antriebslos und ohne Morgenroutine ließ ich alles Weitere über mich ergehen. „100 zu 60, damit können sie alt wärrdn!“ ‚100 zu 60‘ dachte ich, was weiß dieses Kind schon vom Altwerden. Mit so einem Jungfrauenblutdruck hatte es vormals ganze Heerscharen von jungen Dingern in vornehmer Blässe danieder gestreckt‘. Ich schenkte ihr einen schüchternen Furz.

Die geballte medizinische Maschinerie ist eine Tretmühle, klinische Abläufe haben ihre eigenen Gesetze und ihnen sollte ich ab heute alle Privatheit unterordnen. Im Grunde genommen ist so ein Krankenhaus ja eigentlich nichts anderes als eine Mensch-Werkstatt. Hammer, Säge, Hobel, Schere und Nadel gehören zum medizinischen Rüstzeug so selbstverständlich, wie das Amen in der Kirche. Hier wird repariert, gewartet, eingestellt, ausprobiert und entnommen, buchstäblich und pekuniär.

Der ganze Apparat sollte sich im Laufe des Vormittags akribisch und mehr oder weniger robust zu entfalten. Hirnstrom, Herzton und Hirngefäße würden in ihrer Gesamtheit meine Physik und Physis entblättern. Alles was an mir so eigenartig privat war und ist, unterlag nun öffentlicher Bewertung. Hier war kein Platz für falsche Scham und kein Recht auf männliche Würde. Man würde meine Werte zur Bestimmung des persönlichen Zustandes sichtbar in Kurven, Diagrammen und Bildern registrieren und aufzeichnen, um Befunde zu erstellen und die Behandlung zu bestimmen. Was wäre die Alternative!

Nüchtern im Magen holte man mich am frühen Vormittag ab. Verhöhnt von dem Spitalhemdchen, das hinten klaffte wie der Mond vorne nicht scheinen kann, taumelte ich aus dem Bett in den Rollstuhl, mit dem mich Clawdia aus dem Zimmer hinaus über verwinkelte Flure schob. Träge öffnete sich der Aufzug ruckelte nach unten und spuckte uns in einem fensterlosen, neonbeleuchteten Loch aus. Auf dem Schild neben der Tür las ich: Elektroenzephalogramm, Frau Rose.

„Warten sie hier, bis man sie aufruft, Cherr Wain, ich hole sie später wieder ab!“ Das Klinik Abenteuer nahm seinen Lauf.

„Herr Johann Wein, sind sie das, richtig?“

Die Rose, geknoteter Pferdeschwanz, empfing mich ohne Blickkontakt und wies mir den Behandlungsstuhl zu. In früheren Jahren muss sie durchaus hübsch gewesen sein, mittlerweile welkten ihre Blüten. Um die traurige Atmosphäre aufzuheitern warf ich ein paar Bocken Alltagsgespräch in die Runde, indes, es ließ sie unbeeindruckt. Stumm blätterte sie in meiner Akte und dann, über die Gläser hinweg, musterte sie mich wie einen Fisch an der Angel. Diesem Dutt also, sollte ich für das Enzephalogramm mein Hirn in die Hände legen. Sie sah auf und über die oberen Ränder ihrer Brille herüber, ein Blick der wehtat. Ich fühlte mich zum Depp degradiert.

Ein leicht minziger Geruch wehte mir in die Nase: „So, ja, gut, Herr Wein hm, ok, heben sie mal den Kopf!“, erklärte sie: „Ich setze ihnen jetzt diese Haube auf, still sitzen!, bleiben sie entspannt, Herr Wein!“

Verschämt raffte ich unten das Spitalhemd über den Maschinenraum, während sie oben reihum auf meiner schütteren Haarpracht die Elektroden in die Haube stöpselte. Ich fühlte mich, wie ein Astronaut im Nachthemd. Sie turnte zurück zu ihrem Monitor und befahl:

„Bei der folgenden Messung jetzt bitte nicht bewegen!“ Dann befahl sie: „Augen zu!“,… „Tief einatmen!“… „Stillsitzen! Ich lösche jetzt kurz das Licht!“

Auf dem Bildschirm, hinter dem halbgeöffneten Vorhang, zitterten die Diagramme in wildem Galopp von links nachrechts in ganzer Breite über den Schirm. Meinen Gedanken hoppelten hier sichtbar auf und ab, überschnitten sich, verflachten und wiederholten sich. Ob sie sieht was ich denke? Würde sie es registrieren, wenn ich sie gedanklich auszog und sie mir nackt vorstellte? Ihr Gesicht zeigte keine Reaktion, notierte ich nicht den kleinsten Anflug von Röte und auch die Zacken auf dem Bildschirm zeigten keine auffällige Änderung. Ich konnte also sicher sein, dass die Gedanken im Safe meines Oberstübchens sicher aufbewahrt waren.

„Fertig!“ Sie stöpselte mich ab. Das Display hinter dem Vorhang senkte sich und erlosch.

„Ist da Etwas…. ?“….. Schüchtern war es aus mir herausgekommen. Ich erhoffte mir ein positives Signal über meine Hirnchemie. Ich hatte das eigenartige Gefühl, dass Schaden und Berichterstattung in demselben Organ untergebracht waren, hier war quasi eine Echokammer am gleichen Ort.

„Der Arzt wird ihnen alles Weitere sagen!“, war die dürre Antwort, während sie mich nach draußen schob.

„Warten sie bitte hier Herr Wein, die Schwester wird sie abholen, ich rufe oben an“.
*alle Namen geändert


Alles in Fluss
 
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petrasmiles

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Lieber John,

ganz wunderbar, wie Du das Grauen quasi aus dem Hemdchen lachen lässt - uns zumindest.
So eine Situation übersteht man nicht ohne eine gewisse stoische Haltung - und am Ende Humor.
Schön, wenn man alles gut überstanden hat!

Es gibt aber auch andere Haltungen. Noch ganz am Anfang unserers Zusammenseins hatte mein jetziger Mann einen leichten Motorradunfall, Verdacht auf Schambeinbruch. Ich kann die Panik gar nicht beschreiben, die mich befiel und wie hektisch ich mich auf den Weg machte, um zu meinem Liebsten zu eilen. Ich weiß ja nun nicht, was sie ihm gegeben hatten - aber er lag da in einem Dreibettzimmer und frotzelte mit den anderen beiden Männern rum, fast schien er mich als Fremdkörper in einer gut austarierten Männerwelt zu betrachten. Das war schon komisch damals, aber als er dann Jahre später enstlich erkrankte, war ich froh, dass er nicht wie ein ausgesetztes Hündchen neben der Tür jaulte, sondern auch aus dieser Situation das Beste machte und tatkräftig an seiner Gesundung mitarbeitete. Da scheint er als Berliner mehr Rheinländer zu sein als ich im Sinne von 'Watt kütt dat kütt'.

Du schreibst das richtig gut, John - hätte nie erwartet, eine lustige Krankengeschichte zu lesen - wohl wissend, dass es alles andere als lustig war!

Liebe Grüße
Petra
 
Lieber John,

dieser zweite Teil deiner Hospitalnotizen nimmt ja noch einmal richtig Fahrt auf. Ich finde ihn fulminant geschrieben. Da scheinen nicht nur die medizinischen Apparate die Physis des Patienten zu untersuchen und zu überwachen, der Patient selbst betreibt Analoges gegenüber den Apparaten, dem Personal und nicht zuletzt auch gegenüber der eigenen Person in ihrer aktuellen Rolle und Befindlichkeit. Mir gefällt auch dieser Humor dabei. Ich hoffe auf ein Weiter-so und wünsche gute Forstschritte bei der Genesung, falls sie gegenwärtig noch andauert.

Übrigens wittere ich hier ein bisschen Zauberberg-Atmosphäre. Außerdem fällt mir von Thomas Mann noch sein "Die Entstehung des Doktor Faustus" ein. Wenn ich mich recht erinnere, thematisiert er darin auch eine eigene ernsthafte Erkrankung und ihre Behandlung. (Das nur, da du heute in anderem Zusammenhang deine Mann-Lektüre erwähnt hast.)

Liebe Grüße
Arno Abendschön
 

John Wein

Mitglied
Danke Euch, Petra und Arno,

für die sehr positive Resonanz. Ja es geht noch weiter im Text, den ich trotz aller bedrückenden Begleitumstände in der Sache nicht zum Drama machen wollte. Die Geschichte passierte 2018 und der ganze Fall kommt mir eigentlich in der Nachbetrachtung fataler vor als damals. Et kütt wie et kütt. Es ist einfach so! Das Schicksal die Vorsehung steht in den Sternen.
Ich wollte hier keine traurige Geschichte verfassen, sondern mit den lustigen Episoden aufzeigen, dass bei allem Umgemach der Humor ein großer Freund von Lebensfreude ist. Mir gehts wieder gut, ich habe auch keine Behinderungen, ich hatte nochmal Glück, wie man so schön sagt! Im Mai 2019 hab ich dann die 1000 km von Sevilla nach Santigo gemacht (nicht bußfertig, einfach so).
Liebe Grüße Euch!

Alles in Fluss
 

John Wein

Mitglied
Et kütt wie et kütt Teil III

Die Arztvisite

Das Enzephalogramm war erstellt und man hatte mich zurück ins Zimmer auf der Neurologischen Station geschoben. Mein körperlicher Zustand war stabil und meine geistige Ökonomie im Gleichgewicht.

„Guten Morgen Herr Wein“, flötete der goldblonde Engel vom Patientenmanagement, „ich habe hier die Wochenliste der Küche. Da können sie ihre Wünsche zu den Mahlzeiten eintragen.“

Ich blätterte ein wenig und fand das Hirschragout nicht schlecht.

„Allerdings gilt das für sie erst ab morgen“, schränkte sie in Molltönen ein, „heute können sie nur das Standard Menu: Ravioli in Tomatensoße und Nüsslisalat haben.“

„Egal“, brummte ich, „Ravioli gehören zu meiner absoluten Leibspeise.“

Sorgfältig notierte sie meine Wünsche für die Woche auf ihrem Tablett.

„Tschö! Einen schönen Tag und einen schönen Aufenthalt, Herr Wein“, zwitscherte sie zwischen Tür und Angel.

„Tschö! Jawoll, ich werde mir schön Mühe geben!“ aber das hörte sie schon nicht mehr.

Nun begann das lange Warten auf die tägliche Arztvisite. Ich blätterte ein wenig im Morgenblatt des Krankenhauses und döste ohne inneren Antrieb in den mit Wattewölkchen verzierten Morgen Himmel, welcher mir durch die Scheiben seine Aufwartung machte und mit seinem Himmelblau und dem Wölkchenweiß sachte in einem Graunebel innig in sich verschmolz und schließlich völlig vom Schwarz absorbiert wurde. Daran erkennt man Orte der Verzauberung, wenn Menschen, auf diese Weise träumend entschlummern.

Einen Chefarzt an seinem Aussehen fest zu machen, kann man sich nicht immer sicher sein, doch lässt er sich, seinem Auftreten nach, leicht erkennen. Bei allem braucht er selbst nicht einmal die Chefrolle zu spielen, man erkennt ihn an seiner Entourage. Die medizinische Mannschaft der neurologischen Station des St. Vinzenz, Oberarzt, Assistenzarzt und Pfleger, spielten ihre Rollen perfekt.

Knöchernes Klopfen, die Tür flog auf begleitet von lautstarkem Fachsprech und einem markigen: „Gutänn Morgänn!“ und auf dem Patientenblatt vergewissernd, „Jajahh, hmm, wen haben wir jetzt da? Ahjahh Härr Wein, rrichtig? wie geht‘s uns denn heut?“ wurde der Angesprochene mit einem Genickschlag aus einem Schneewittchenschlaf in die Welt der Dinge gestoßen. Was hätte er jetzt antworten sollen?

„Ravioli mit Tomatensoße!“

Es war das letzte, woran ich mich erinnern konnte. Dann folgte eine längere Pause des nochmal Überlegens und nicht Draufkommenwollens:

„Nüssli, ähhh, Herr ähh, Herr, Herr Doktor und Nüsslisalat!“

„Egeli, Härr Wein, Egeli“, half der Professor, ein Eidgenosse, den das medizinische Studium zunächst ins Rheinland verschlagen und dann letztendlich die Liebe verpflichtet hatte. Er beugte sich über mich und weckte mit seiner Pupillenleuchte meine immer noch schläfrigen Augen.

„Herr Professor Egeli!“ verbesserte ich.

„Wir, Härr Wein“, der Chef der Neurologie hatte neben den herben alemannischen Kehllauten auch die sprachliche Angewohnheit seine Patienten in der ersten Person Plural anzusprechen.

„Wir müssen noch so einiges abchlären mein lieber Herr Wein und werden sie heute Mittag auf Intensiv verlegen.“

„Öhhh!“ schluckte ich.

„Keine Sorge mein Lieber, nur 24 Stunden, wir machet ein paar Messunge‘ und dann kommen sie retour auf die Station.“

„wann?“

„Strecken sie mal den linken Arm, so und jetzt an die Nase tippen, ja gut und jetzt mit rechts…strecken und ….prima!“

„Aber meine Frau!“ erstickte meine Stimme.

„Herr Wein, jetzt esset Sie zuvörderst ihre Ravioli in Tomatesoß‘!“

„Um 13 Uhr ist auf Intensiv ein Bett frei“, wandte sich Schwester Meryem an den Professor.

Der drehte auf dem Absatz, dass sein Kittel aufwehte - ein Proffesor in Jeans, dachte ich noch - und hastete zur Tür. Die Mannschaft folgte in Reihe, zunächst der Oberarzt, dann die Ärztin und schließlich Schwester Meryem.

„Ich wollte doch heute mit deiner Wäsche kommen!“ In Marijkes Antwort lag eine Mischung aus Enttäuschung und Ärger.

„Cherr Wain, das Mittagessen!" Clawdia, weltbeste Schwesternschülerin balancierte das Tablett mit den Köstlichkeiten der Klinik. „ Ravioli Tomatensoße und mit Nüsslisalat."

„Clawdia, sie sind ein Schatz!"


*Namen geändert

Alles in Fluss
 

John Wein

Mitglied
Auf Intensiv

Am späten Nachmittag fuhr man mich in meinem Bett in das obere Stockwerk.

„Stroke Unit, Besucher bitte klingen“ stand auf der Tür, deren Milchglas Flügel sich nach der Anmeldung wie von Geisterhand zu beiden Seiten öffneten.

„Guten Tag, ich bin Serhan, ihr Pfleger auf Intensiv“. Sapperlot! Ein Kerl, wie aus der Zeitung geschnitten. Sein pechschwarzer Dreitagebart umrahmte ein markantes Gesicht. Statt eines Kittels trug er ein weißes T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper perfekt zur Geltung brachte! Hier haben wir einen Abonnenten aus der Muckibude und seinen kräftigen Armen war ich jetzt anvertraut.

„Herr Wein, möchten sie am Fenster liegen? Das Zimmer ist noch leer“.

„Klar“, erwiderte ich abwesend, meine Augen konnten sich kaum losreißen von diesen aufgepimpten Bizepsen.

„Junger Mann, sie gefallen mir!“

Und dann fügte ich mit einem homöopathischen Augenzwinkern hinzu:

„Serhan, mein Freund, verzeihen sie einem alten Trottel. Meine Hirnchemie spielt noch ein wenig verrückt. Ich heiße Johann, sagen sie einfach John!“

Das Patientenzimmer war vollgestopft mit medizinischen Gerätschaften und Monitoren. Fortwährendes Blinken und Signalisieren der Werte von Körperfunktionen gaben dem Raum die Würde besonderer Wichtigkeit und immerwährender Aufmerksamkeit. Serhan zog mir das Spitalhemd über den Kopf und zog es mir, diesmal vorne offen, wieder an. Danach nahm er meinen linken Arm und streifte die Blutdruckmanschette über die Ellenbeuge hinauf. Er rasierte er meinen blassen Brustkorb, beklebte ihn mit einem halben Dutzend Leitungssonden, stülpte einen Sensor über meinenlinken Zeigefinger und koppelte den Zugang in meiner Armvene mit einem Schlauch für die intravenösen Zugaben.

Nun war ich nun im wahrsten Sinne ans Bett gefesselt, eine vertrackte, unvorteilhafte Situation, und als sei das noch nicht genug der Kuratel, hatte Serhan sein ständiges Auge auf mir und meinen Werten.

Die Anzeigen auf dem Monitor über meinem Kopfende signalisierten in einem fort unaufgeregten Zahlen und Linien ohne signifikante Ausschläge. Die Monotonie dieses Reigens aus Tönen und flackernden Signalen empfand ich weniger lästig und mit zunehmender Dauer einschläfernd. Nur die stündliche Blutdruck Messung am linken Arm weckte mich jedes Mal aus einem tranigen Dämmerschlaf.

Was mich aber ein ums andere Mal aufschrecken ließ, waren die explosionsartigen Hustenanfälle eines am frühen Abend mir zugesellten Zimmernachbarn. Das Arglistige an diesem Vorgang war, dass ich die Zwischenräume der Attacken buchstäblich darauf verwandte, auf die nächste zu warten. Ich hatte zwar eine gute Portion Mitgefühl, der Knabe war noch relativ jung, aber meine mentalen Märkte: Blutzuckergehalt, Sekretion und Synapsenfreiverkehr, waren mit zunehmender Dauer im Begriff einzubrechen und die gut balancierten Werte meines Herzschlags tanzten bei jedem neuen Hustenanfall Cha Cha, Cha.

Wäre ich jetzt nicht im Kerker des Leitungsgeschlängels gefangen, mein Gott nochmal, ich hätte ihn erwürgen können.

Die kommende Nacht versprach nichts Gutes!

-Fortsetzung folgt-


Alles in Fluss
 
Lieber John,

deinen Weg durch die (Leidens-)Stationen verfolge ich weiterhin aufmerksam. In deine Situation während der Hustenattacken eines anderen kann ich mich gut hineinversetzen - vollkommen ausgeliefert sein und nichts unternehmen können, um es selbst leichter ertragen zu können ... Was ich nicht wusste: dass ein Patient dort die laufend angezeigten Werte und Kurven überhaupt wahrnehmen kann. Ich stelle mir das nicht in jedem Fall beruhigend vor. Das über den Pfleger Mitgeteilte erinnert mich an eine ähnlich imposante Gestalt, die ich neulich in einer Berliner Rettungsstation beobachten konnte. (Ich war nicht Patient, nur Begleitung.) In seinem Fall waren es weniger Muskeln als üppige Tätowierung, die zur Schau gestellt wurde. Krankenhauspfleger, ein Völkchen für sich (sage ich mit Hochachtung).

Ich vermute, das Hustenproblem hat sich doch noch mildern oder lösen lassen. Mal sehen.

Schöne Abendgrüße
Arno
 

John Wein

Mitglied
Lieber Arno,
Ich war auf Inensiv wegen einer 24, Std. Beobachtung, das hatte ich im vorigen Beitrag erwähnt. Man wusste ja die eigentliche Diagnose noch nicht und versuchte etwas herauszufinden. Natürlich ist das für eine Klinik auch eine Gelegenheit, ich bin privatversichert, Geld zu verdienen. Aber ich möchte das hier mal ausschließen. Ich hatte eigentlich keine schwerwiegenden Ausfälle zu verzeichnen, nur der Grund meiner Bewusstlosigkeit musste ja irgendwie noch diagnostiziert werden. Aber das kommt noch.
Die Monitore, an denen man angeschlossen ist, sind über dem Kopfende des Bettes für das Personal gut ersichtlich angebracht. Auch als Laie kann man da einiges herauslesen.
Danke füs kommentieren!
Gruß zurück
John
 

petrasmiles

Mitglied
Eigentlich, lieber John Wein, ist diese Folter ein Segen - Dir ging es also nicht sooo schlecht, dass Du nicht noch unter etwas anderem leiden konntest ;-)
Nur mal so. Mir war aber nicht bekannt, dass man auch auf die Intensivstation kommen kann, wenn eine Untersuchung eine regelmäßige Auswertung verlangt. Ich sehe da vor dem inneren Auge nur Fälle, die kurz vorm letzten Sprung sind - obwohl das bei meinem Mann glücklicherweise nicht der Fall war.

Was Du immer sehr gut herausarbeitest - wenn auch dieses Mal viiiiel zu kuuurz - ist die Professionalität, dieses Geübte im dem Patienten ansonsten verborgenen Zwischenreich.

Wann gibts Nachschub?

Liebe Grüße
Petra (Gierschlund)
 

John Wein

Mitglied
In Arbeit liebe Petra,
Die Intensiv Überwachung hatte ihren Grund. Ich will ihn hier jetzt noch nicht verraten. Danke fürs Kommentieren.
Schönes WE, John
 

John Wein

Mitglied
- Alles in Fluss –

Auf Intensiv

Gegenüber, an der weißen Wand des Krankenzimmers beeindruckte die gerahmte Reproduktion: „Blaues Pferd“ von Franz Marc. Es war so prominent vor meinem Gesichtsfeld aufgehängt, daß ich im Liegen keine Wahl hatte, den Blick überhaupt abzuwenden. Zunächst war das Bild natürlich anziehend und interessant gewesen: Vorne füllt ein blaues Fohlen die ganze Fläche der Komposition, die Kuppen, in leuchtend roten und zartgelben Pastellfarben, liegen in schwungvolle Kurven dahinter. Mein Gedankenkarussell verirrte sich in den Überlegungen zur Konzeption und Intention des Malers und noch ehe ich es recht bemerkte, verschwammen vor meinen Augen die Konturen ins schemenhaft Ungefähre und alle Farben in eine transparente Schlierigkeit. Süße Müdigkeit entführt mich in eine schwerelose Versunkenheit und da, auf einmal leicht anschwellend und hell plätscherte es aus dem Waschbecken in die Stille des Krankenzimmers.

Ich musste pinkeln und klingelte.

Serhan: „Was gibt’s?“

„Ich muss mal!“

„Klein‘ Moment Herr Wein!“

Der Pfleger mit den Schultern eines Zweiochsenjochs, kam mit einer Plastikflasche zurück, zog die Decke zur Seite und schob mir den Behälter zwischen die Oberschenkel. Für ihn war das vollkommen normal, mir war es unangenehm.

„Im Liegen? Wie geht das?“

Ich hatte noch nie in eine Flasche uriniert.

„Man wärmt den Hals mit den Händen etwas an, damit sich der Johannes nicht erschreckt….“

Wen sprach er hier in der dritten Person Plural an: mich Johannes Wein?.. meine Männlichkeit?

…und dann führt man ihn ein.“

„Wie bitte?“ Schoss es mir ins Hirn.

„Ich komme gleich zurück!“

Sprach‘s und entließ mich in eine neue Verlegenheit.

Ich nahm die Flasche, wärmte den Hals in unsittlicher Manier mit der Rechten und bugsierte dann meinen „Johannes“ ungelenk hinein. Der ganze Vorgang hatte etwas absonderlich Zwiespältiges, aber pinkeln ging nicht, auch nicht handwarm. Was für ein Tollpatsch!

In meiner notdürftigen Situation rief ich mir nacheinander die Wasserfälle des Sambesi ins Gedächtnis, ein Monsunregen in Sri Lanka und die Meeresbrandung vor Hawaii.

Der Pfleger kam herein und mit dem Zartgefühl eines Rechenschiebers erkundigte er sich mit rauchiger Stimme:

„Und? Wieviel ham‘ se geschafft?“

„Junge es funktioniert nicht! Ich bin ein Versager, ich hab‘s noch nie im Liegen gemacht“.

Erwiderte ich achselzuckend mit resignierendem Blick.

„Ok, ist schon in Ordnung“, bündelte er alle Leitungen, die mich mit dem Monitor verbanden, legte sie über seine Zweiochsenjoch Schulter und befahl:

„Komm‘ steh auf!“

Und dabei zog er die Bettdecke zur Seite und legte den ganzen Maschinenraum samt Flasche frei.

Ich war so verdutzt, dass ich reflexartig und ohne jede Hemmschwelle hochschoss. Für ihn war meine männliche Natur uninteressant, hatte er doch durch seine pflegerischen Tätigkeiten sämtliche Individualität abgelegt und war zum Prototyp eines Krankenpflegers geworden. Alle Körperregionen, gehörten zu seinem pflegerischen Arbeitsfeld und so tat er auch keinerlei Körperlichkeit gewichten.

„Jetzt wolln‘ wir ma‘ sehn‘, ob es beim Stehen besser klappt!“

Der verstümmelte Nachsatz, bei dem ich elektrisiert das Wort „Katheder“ herausinterpretierte, quittierten meine Nieren mit einem heftigen Adrenalinschub. Serhan achtete auf meine ersten, ungelenken Handgriffe und starrte dann in die imaginäre Ferne jenseits seiner Spätschicht.

Ich war hochkonzentriert, schickte meine gesammelten Gedanken in die südliche Körperregion, drückte und drückte. Bitte sag jetzt nichts, dachte ich und versuchte mich irgendwie abzulenken.

„Hast wohl ne‘ schüchterne Blase!“ Serhan wusste Bescheid!

Was könnte an einer Blase wohl schüchtern sein überlegte ich kurz und konterte mit einem spontanen Gefühlsausbruch:

„Dieses vermaledeite Ventil in meiner Mororik! Verstopft! Herrgott nochmal! Nun, mach endlich du… du…dummes Ding!“

Am Rheinfall von Schaffhausen hatte ich einmal diesen donnernden Schwall stürzender Wassermassen bestaunt, ein einziges nicht enden wollendes Durcheinander im Stürzen, Tosen und Branden. Die feuchte Gischt, die auf meiner Brille kleine Tröpfchen hatte niederrinnen lassen und kalt in mein Gesicht gewischt hatte, alles zusammen bildete jetzt die Stimulanz in meinem Zerebrum. Da, auf einmal, überfiel mich ein unbändiger Drang, eine Pression in der Blase, ähnlich einem Druck in der gerüttelten Sektflasche. Der Korken knallte und das Ventil öffnete. Es war die pure Erleichterung und es wurde alles in allem sogar noch ein brauchbarer Strahl, dessen arglistige Plätschern allerdings verstörend war.

„Prima, hatta doch ghgh.. ghklapp“, juxte hinter dem Vorhang mein hustender Bettnachbar.

Ich versuchte die Verlegenheit im Zaum zu halten und meiner körperlichen Entmutigungen wegen und um mich blöder geben, als ich war, stammelte ich mit bodenständigem Image:

„Meine Fresse!“

Den Pfleger indes, kümmerte es nicht. Nachdem alle Notdurft abgefüllt war, reichte er mir zum Abtupfen ein Blatt von der Rolle, begutachtete den Sitz aller Schnüre und Leitungen an meinem Körper und deckte mich, mit kontrollierendem Seitenblick auf den Monitor, zu.

„Aufrecht steht noch jeder seinen Mann!“

Damit verabschiedete er sich mit Flasche und Papierrolle.

„Tschüss Männer! Ich bin dann mal weg. Schwester Agnes kommt gleich zur Nachtschicht.“

„Schwester Agnes, hä? heute Nacht?“

murmelte ich vor mich hin und überlegte mir schon eine Strategie.



-Alles in Fluss-
 
Das ist schmerzlich berührend komisch dargestellt, lieber John, und in dieser Folge bisher der humoristische Gipfel. Schmerzlich berührend, da man sich sogleich an eigene durchlebte Verhaltungszwangslagen erinnert. Dabei kann ich nicht mit dem Kaliber Rheinfall aufwarten, mir genügt die Vorstellung von vertikal angeordneten Brunnenschalen, in denen das Wasser jeweils überströmt. - Bilder in ärztlichen Behandlungsräumen, das ist auch ein interessantes Thema. Sie sind wie hier meist gut überlegt ausgewählt, selten aber auch mal ein Missgriff.

Noch aufgeheitert
Arno
 



 
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