Als ob zwei Hände einander entgleiten

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San Martin

Mitglied
Als ob zwei Hände einander entgleiten

Ich habe am heutigen Tage im Buch
mit deinen Gedichten gelesen.
Es hat mich betrübt, denn das Buch ist mir einst
von allen das Liebste gewesen.

Du hattest mir "Lies, aber lach nicht!" ins Weiß
der vordersten Seite geschrieben;
die Widmung ist klarer als jedes Gedicht
in meinem Gedächtnis verblieben.

Es steht im Regal zwischen Rilke und Yeats
und flüstert von anderen Zeiten,
und manchmal - bei Nacht - klingt das Flüstern, als ob
zwei Hände einander entgleiten.

In meinem eigenen Büchlein bin ich
am heutigen Tage gewesen;
ich habe versucht, dich zu finden, doch war
dein Name dort nicht mehr zu lesen.
 

Montgelas

Mitglied
hallo san martin ,

"Es steht im Regal zwischen Rilke und Yeats
und flüstert von anderen Zeiten,
und manchmal - bei Nacht - klingt das Flüstern,
als ob zwei Hände einander entgleiten. "


so hätte ich es gesetzt.

ansonsten wunderbare verse, die nachdenkliche
erinnerung vermitteln.

dir eine gute zeit

montgelas
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Martin,

"ich erinnere mich an alles, was du mir einst sagtest, aber ich kann dir heute auf all das keine Antwort mehr sein", so lese ich Deinen Text, den Du schön eingekleidet hast in die Geschichte mit den zwei Büchern und in Verse, die eigentlich lange Zweizeiler sind. Da wird es dann mit den Umbrüchen wirklich etwas schwierig, wenn Du sie nach Silbenzahl setzen musst.

Liebe Grüße von Vera-Lena
 

San Martin

Mitglied
Vielen Dank, Maren, Montgelas und Vera-Lena; die wahren Geschichten sind doch immer noch die traurigsten.

Das Metrum ist übrigens Amphibrachis (unbetont-betont-unbetont), weshalb dein Vorschlag, Montgelas, so überaus gut er auch für das Textbild wäre, das Metrum durcheinander wirbeln würde. Ihr habt Recht, die Umbrüche sind in der Tat gewöhnungsbedürftig...
 

Gabriele

Mitglied
Ja...

"...die wahren Geschichten sind doch immer noch die traurigsten..." - wie wahr!
Leise, schnörkellos und doch mit wunderbaren poetischen Worten hast du diese Traurigkeit hier ausgedrückt.

Über Metrum und Umbrüche bin ich nicht gestolpert; nur an der letzten Strophe (erste Zeile) ließe sich eventuell noch feilen, damit es sich noch flüssiger liest:

In meinem eigenen Büchlein bin ich
am heutigen Tage gewesen;
ich habe versucht, dich zu finden, doch war
dein Name dort nicht mehr zu lesen.
etwa so:

"Vertieft in mein eigenes Büchlein bin ich
am heutigen Tage gewesen;
ich habe versucht, dich zu finden, doch war
dein Name dort nicht mehr zu lesen."


Ist kein perfekter Vorschlag, ich weiß, aber so oder ähnlich würde der Leserhythmus der ersten drei Strophen auch in der vierten erhalten bleiben.
Ansonsten Gratulation und liebe Grüße,
Gabriele
 

San Martin

Mitglied
Dankeschön für das Lob und den konstruktiven Vorschlag, Gabriele. :) Der metrischen Macke in der letzten Strophe bin ich mir bewusst. Ich habe sie drin gelassen, weil ich sie nicht als rhythmisch störend empfinde, und weil diese Unregelmäßigkeit das "eigenen" betont, um dem Leser zu verdeutlichen, dass dort von einem anderen Buch als zuvor die Rede ist.

Wenn allerdings die Mehrzahl der Leser hier findet, dass die Unregelmäßigkeit den Lesefluss stört, werde ich gern etwas in die Richtung deines Vorschlages unternehmen. Gibt es noch jemanden, der Gabriele beipflichtet?

Ich bin unschlüssig, ob mich die metrische Macke stört... hm...
 

Montgelas

Mitglied
lieber martin,

ich korrigiere mich !

die metr. macke ist okay,
weil sie aufmerksamer macht.

v- effekt !!

capito, maestro ? ;)


der schluss hallt wundervoll ins leere.






dir eine gute zeit


montgelas
 

 
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