Greenman drängte Jens Arend in einen der Behandlungsräume und bat die beiden Ärzte, die dort schon auf ihn zu warten schienen, ihr Bestes zu tun und den Flottillenadmiral nach allen Regeln der Kunst zusammenzuflicken. Er, wie auch die Ärzte, bekam einen Schreck, als Jens sein viel zu enges Shirt abstreifte und sie die großflächige Narbenbildung von einer Verbrennung sowie andere Narben auf seinem Oberkörper erblickten.
Vorsichtig schnitt dann einer der Ärzte die Unterarmbandagen auf und bekam große Augen. „Das ist ja alles entzündet, Sir. Sie müssen doch wahnsinnige Schmerzen haben. Sowohl hier an den Armen als auch auf ihrem Rücken und an der Schulter. Sie waren mit den Wunden viel zu lange im Salzwasser.“
„Sagen Sie mir etwas, was ich noch nicht weiß, Doktor. Es ging nun mal nicht anders und der Arzt an Bord hatte wirklich alle Hände voll mit den anderen Männern zu tun, sodass ich mich da nicht auch noch mit reindrängeln musste. Wäre schön, wenn Sie das, was Sie wieder schneiden und nähen müssen, ohne Betäubung machen würden.“
„Wie meinen Sie das, Sir?“, fragte der Arzt erschrocken und schaute Hilfe suchend zu seinem Vorgesetzten Captain Greenman, der aber nur mit den Schultern zuckte.
„So wie ich es gesagt habe. Keine Betäubung. Auch keine örtliche. Nur ein paar Spritzer Adrenalin knapp unter die Haut, um die Gefäße zu verengen, damit es nicht so blutet. Ich muss einsatzbereit bleiben, und das mit jedem meiner Sinne und Gefühle“, sagte Jens ernst.
„Aber Sie sind doch hier in Sicherheit, Flottillenadmiral. Sie brauchen uns hier auch nichts zu beweisen“, meinte Greenman, den Mann nicht verstehend.
„Das hat damit gar nichts zu tun, Sir. Wenn ich hier betäubt werde und dadurch nicht mitbekomme, dass sich vielleicht auch in meinem Körper solch eine Giftkapsel auflöst, bevor das Serum hier eintrifft, haben wir schlechte Karten. Nachdem das mit Sebi und Jack passiert war, habe ich mir sofort einen der Kerle vorgenommen und ihn ausgequetscht, warum die Wirkung bei den beiden Jungs so spät aufgetreten ist. Was ich da erfahren habe, ist nicht gerade das, was man beruhigend nennt. Die haben die Kapseln mit einer Art zweiter Haut ummantelt, die sich je nach Stärke in einer gewissen Zeit im Körper auflöst und das Gift freisetzt. Bemerken wir aber die ersten Symptome sofort, über die ich auch schon alle aufgeklärt habe, kann noch schnell die Stelle aufgeschnitten und vielleicht die noch nicht völlig aufgelöste Kapsel entfernt und damit die konzentrierte Verbreitung des Nervengiftes eingedämmt werden. Ich denke, ihnen ist bereits bekannt, dass auch die anderen Männer jegliche Art von Betäubungsmitteln abgelehnt haben. Oder? Wir wissen nämlich nicht, ob auch in den Höhlendecken, die auf uns heruntergerauscht sind, solche Kapseln mit einer größeren Verzögerungsschicht versteckt waren. Aber wir müssen damit rechnen. Da der Gefangene es nicht genau wusste, aber es selbst auch für möglich hielt, gehen wir einfach mal davon aus. Es ist also eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ich hoffe, Sie haben den anderen Männern nicht, entgegen ihrer Wünsche, doch Betäubungsmittel verabreicht.“
Das erklärte einiges. Jetzt verstanden die Ärzte, warum sich die ägyptischen Soldaten so vehement gegen jede Spritze gewehrt hatten.
„Unsere Kollegen haben uns voller Empörung berichtet, dass sich die Männer alle geweigert hatten. Und wir dachten schon, es wäre vielleicht wegen ihres Glaubens oder weil sie alle nur Angst vor den Spritzen hätten. Was uns komisch vorkam, weil sie sich dann mit zusammengebissenen Zähnen lieber so von uns zusammenflicken ließen. Dann glaubten wir, es sei vielleicht eine Art Mutprobe von Verrückten. Nach dem Motto: Wer das Meiste aushalten kann“, sagte der Arzt. „Aber einige der Männer haben wohl die Betäubung nicht abgelehnt. Wobei ich zugeben muss, dass es auch nicht üblich ist, dass wir vorher extra darauf hinweisen, wenn wir eine örtliche Betäubung geben“, erklärte er noch.
Erschrocken blickte Jens auf. „Waren da auch Männer dabei, mit solchen Rückenverletzungen, wie ich sie habe?“, wollte er sofort wissen und wehrte sich in dem Moment gegen jede weitere Behandlung. „Nun lassen Sie schon endlich die Finger von mir und gehen Sie Ihre Kollegen schnell danach fragen. Bitte beeilen Sie sich. Das ist sehr wichtig“, forderte der Flottillenadmiral.
Sofort liefen die beiden Ärzte und sogar Captain Greenman los und trommelten die anderen Ärzte und Sanitäter zusammen, um sie danach zu fragen.
Nach zehn Minuten kamen die drei Männer zurück und konnten erleichtert Entwarnung geben. Nur die Matrosen von den Begleitschiffen, die nicht mit in den Höhlen waren, hatten örtliche Betäubungen oder Narkosen erhalten.
„Gut, meine Herren, dann tun Sie an meinem Körper, was immer Sie wollen und nicht lassen können. Aber bitte alles, wie schon erwähnt, ohne jegliche Betäubung“, sagte Jens und atmete erleichtert auf.
„Sir, aber ihre Verletzungen sind an manchen Stellen doch etwas schlimmer als bei den anderen Patienten. Wir müssten dort totes Gewebe entfernen und die Wundränder neu vernähen, um eine bessere Heilungschance zu gewährleisten, auch an ihren Armen“, erklärte der leitende Arzt.
„Ja, und? Wo liegt das Problem? Das heißt nicht, dass ich auf Schmerzen stehe. Aber im Moment geht es nicht anders. Sagen Sie mir nur vorher, welche Stelle Sie sich gerade vornehmen wollen, und tippen Sie die zuvor kurz an. Den Rest überlassen Sie dann mir. Nun fangen sie schon an. Und seien Sie dabei nicht zu zaghaft. Denken Sie sich einfach, ich würde davon nichts mitbekommen. Also, los geht’s. Wir haben keine Zeit für Diskussionen“, sagte Jens und bestand darauf, die Prozedur im Sitzen über sich ergehen zu lassen.
Genau beobachtete Eric Greenman das Gesicht des Flottillenadmirals, während die beiden Ärzte ihre Arbeit mit Skalpell, Nadel und Faden begannen. Immer wenn der leitende Arzt eine neue Stelle antippte, nickte der Patient kurze Zeit darauf nur leicht mit dem Kopf, woraufhin der Arzt weiterarbeitete. Jens hielt die ganze Zeit seine Augen geschlossen, so wie der Kapitän es schon bei Sebastian beobachtet hatte, als der sich voll konzentrierte. Und jetzt vertiefte sich auch dieser Mann auf diese Weise, ohne jegliche Regung zu zeigen. Er zuckte nicht ein einziges Mal.
„Wir sind fertig, Sir“, meldete sich der Arzt leise. „Wir müssen sie nun nur noch verbinden.“ Nur langsam, wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, öffnete Jens seine Augen.
„Danke, meine Herren. Aber bitte nicht mehr als unbedingt nötig. Ich meine damit auf dem Rücken höchstens ein paar Pflaster und die Unterarme sowie das Bein und die Schulter nicht zu dick. Da müssen zur Not Gummimanschetten drüberpassen, wenn sie nicht wollen, dass es alles wieder nass wird“, sagte der Flottillenadmiral mit vollem Ernst.
„Aber, Sir. … Sie wollen doch nicht etwa gleich wieder ins Wasser?“, fragte der Arzt, voller Entsetzen in der Stimme.
„Ja, wenn es notwendig sein sollte, schon. Aber ich weiß natürlich, dass mindestens eine Woche kein Wasser und schon gar nicht Salzwasser an die Wunden kommen sollte. Nur ist das bei meinem Job nicht immer so machbar. Also ersparen Sie mir die Belehrungen“, gab Jens ruhig zurück.
„Flottillenadmiral?“, fragte Eric Greenman etwas verlegen. „Können das ihre Männer auch?“
„Was meinen Sie, Sir?“
„Na, … das, was Sie hier gerade abgezogen haben. Ich meine mit der totalen Schmerzverdrängung.“
„Ja, Sir. Meine Freunde beherrschen das auch. Nur kommt es dabei immer auf den Grad des Schmerzes an und darauf, inwieweit man sich vorher darauf einstellen, vorbereiten und konzentrieren kann. Plus der allgemeinen körperlichen Verfassung natürlich“, erklärte Jens. „Pitt ist zum Beispiel auch nur deshalb noch am Leben, weil er bewusst seine Herzfrequenz und die Atmung so weit heruntergefahren hat, dass der toxisch gewordene Sauerstoff sich nicht zu schnell durch die Blutbahnen im Körper verteilen konnte und er dadurch auch nicht so viel Luft benötigte. Sonst hätten wir ihn nach dieser langen Zeit nur noch tot bergen können. Er hat es heute da unten wirklich bis zur Perfektion getrieben“, gestand Jens ehrlich.
Aufmerksam und bewundernd hatten die beiden Ärzte dem Mann zugehört, während sie ihn weiter verbanden.
„Und das klappt wirklich auch so gut mit der Schmerzverdrängung?“, wollte der leitende Arzt wissen.
„In der Theorie schon. Nur zugegeben, in der Praxis hapert es dabei doch noch ganz schön. Wir üben noch etwas daran.“
Mit Schwung stand Jens von dem doch recht unbequemen Hocker auf, rekelte sich etwas, zog sich seine zerrissene Hose wieder über, damit er nicht nur in Badehose herumlaufen musste. Auf das blutverschmierte, aus allen Nähten platzende Shirt, in dem er aussah wie ein Muskelprotz, der es nötig hatte, damit zu prahlen, verzichtete er dann doch lieber. Er bedankte sich nochmals höflich bei den beiden Ärzten und entschuldigte sich für die Mühe, die sie mit ihm hatten.
Gemeinsam mit Captain Greenman verließ er den Krankenhaustrakt. In der Wäschekammer wurde Jens mit passenden Kleidungsstücken ausgestattet, von denen er auch gleich welche überzog.
Auf dem Weg zu seinem Quartier unterhielten sich die beiden Männer noch über ein paar ihrer Kampfeinsätze. Jens fragte Captain Greenman, den er in der Zwischenzeit bereits mit Vornamen ansprach, ob er schon wisse, dass er die SEALs nach diesem Einsatz wieder mit zurücknehmen würde und sie den verdienten Erholungsurlaub genehmigt bekommen hatten. Eric wusste davon und ebenso von der bevorstehenden ehrenvollen Überführung der beiden gefallenen SEALs aus dem Hubschrauber.
Nachdem sie etliche Gänge durchquert und Treppenaufgänge gemeistert hatten, standen sie vor einer grauen Stahltür. Greenman öffnete sie und zeigte seinem neuen deutschen Freund sein vorübergehendes Quartier, welches er nutzen konnte.
„Eric, wen haben Sie dafür hier rausgeschmissen?“, wollte Jens wissen, als sie gemeinsam eingetreten waren.
„Mich selbst. … Ich bin ohnehin mehr auf der Brücke und ich dachte mir, dass Sie vielleicht einen direkten Draht dahin haben wollen. Und der steht hier“, antwortete er und zeigte auf das Telefon. „Einfach abnehmen und Sie sind sofort verbunden. Umgekehrt funktioniert das natürlich genauso. Aber nun ruhen Sie sich erst einmal aus. Ich denke, Sie werden schlafen wie ein Bär und gar nicht mitbekommen, wenn hier die Maschinen bei Start und Landung durch die Katapulte, Fangseile und -haken doch ziemlich laut zu hören sind. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Das ist nun mal ein Flugzeugträger und kein Sanatorium in den Alpen. Aber eigentlich sind auch nicht viele Flüge für diese Nacht geplant.“
Jens bedankte sich bei Greenman und ging, nachdem der Kapitän gegangen war, erst einmal in die kleine Nasszelle, um sich wieder menschlich herzurichten, was höchste Zeit wurde.
So eine eigene Nasszelle, zwar eng, aber mit Toilette, einem kleinen Waschbecken und einer Dusche ausgestattet, war ein angenehmes Extra der Kapitänskajüte.
Jens liebäugelte mit dem Bett, doch entschloss sich, damit noch etwas zu warten. Behände zog er sich die frischen Sachen über und trat aus der Kabine. Er wollte so schnell wie möglich auf die Brücke und fragte einen Matrosen, der ihm auf dem Gang entgegenkam, nach dem Weg. Nach kurzer Erklärung, brachte ihn der Matrose dann doch lieber direkt hin.
„Ich glaube es ja nicht!“, empfing ihn der Kapitän schon fast erschüttert. „Sind die Betten hier wirklich so schlecht?“
Als Jens ihn nur fragend ansah, erklärte ihm Greenman, dass auch schon Fregattenkapitän Pitt Dressler und danach Korvettenkapitän Sebastian Rothe es vorgezogen hatten, auf die Brücke zu kommen, anstatt sich hinzulegen und auszuruhen, nachdem sie wieder wie Menschen aussahen. Dann stellte er seiner Brückencrew den Mann an seiner Seite mit vollem Namen, Dienstrang und Sonderbefugnissen und umgekehrt seine Brückenoffiziere vor. Er bot seinem neuen Freund seinen Sessel an, aber Jens lehnte dankend mit Nachdruck ab. „Nein danke, Sir. Ich habe bereits ihre Kabine. Das reicht völlig“, sagte er und achtete dabei darauf, nachdem er so förmlich vorgestellt worden war, vor der Crew nicht zu persönlich mit ihrem Vorgesetzten zu werden.
„Kannst den steifen Kragen wieder ablegen. Wir gehen hier in der Nachtschicht etwas lockerer miteinander um, wenn nichts los ist“, sagte Greenman, sehr zur Überraschung von Jens. „In der Freizeit sind wir sogar per ‚Du‘. Außerdem haben hier alle mitbekommen, wie ihr selbst untereinander umgeht. Dagegen geht es hier allerdings wirklich gepflegter zu.“ Dabei zog ein breites Grinsen über sein Gesicht.
„Sorry, das kommt wohl daher, dass wir seit mehr als zwanzig Jahren sehr eng befreundet sind und meine Jungs eigentlich auch schon ein paar Jahre außer Dienst sind. Wir haben uns vielleicht einfach schon zu oft gegenseitig den Arsch gerettet, sodass wir uns einen anderen Umgangston zugelegt haben. Trotzdem ist der gegenseitige Respekt vorhanden, auch wenn es sich manchmal nicht so anhört“, versuchte Jens sich für seine Männer und sich selbst zu rechtfertigen.
„Das brauchst du nicht extra zu sagen. Das haben wir gehört und gesehen“, gab Eric zurück. „Ihr seid ein gut eingespieltes Team. Aber jetzt sag schon, warum bist du hier? Doch bestimmt nicht, weil du nicht schlafen kannst oder unbedingt mal die Brücke eines Flugzeugträgers sehen wolltest?“
„Du hast mich durchschaut“, gestand Jens, auch zum ‚Du‘ übergegangen. „Ich brauche eine Verbindung zum Pentagon und dann eine nach Deutschland. Das Ganze, wie üblich auf einer abhörsicheren Leitung. Aber ruhig auch hier auf der Brücke zu hören. Ich könnte mir vorstellen, dass es euch sehr interessiert und es euch außerdem auch was angeht“, sagte er und reichte Eric Greenman die beiden Nummern.
Der Kapitän gab sie an seinen Funkoffizier weiter.
„Wenn ich bitten darf, Mister Scott.“
Wenig später stand die Verbindung. Jens begrüßte den Mann vom Pentagon. Kurz berichtete er über die letzten Ereignisse. Fragte, wie weit die Verhandlungen mit Eritrea vorangeschritten waren. Er hörte aufmerksam zu und schlug dann vor, zusätzlich die ägyptische und die deutsche Regierung einzubeziehen. Vielleicht half das, der Regierung von Eritrea, die Tragweite und Gefahr zu verdeutlichen, dass ihr Land bei einem Gegenangriff als Antwort auf Giftangriffe, sogar als Erstes darunter zu leiden hätte, wenn nicht schnell und beherzt eingegriffen würde. Denn allein wären sie nicht in der Lage, eine entsprechende Abwehr gegen diese reale Gefahr aufzustellen.
„Sie haben ja recht, Herr Flottillenadmiral Arend. Aber ohne das Einverständnis der Eritreer, können wir auch nicht einen Schritt in ihr Hoheitsgebiet wagen, ohne einen Krieg auszulösen“, gab der Mann vom Pentagon zu bedenken.
„Und was ist, wenn ich Beweise und absolut glaubwürdige Aussagen mit den genauen Standorten beschaffen kann?“, fragte Jens nach und wartete gespannt auf die Antwort. Kurz war nur ein Rauschen in den Lautsprechern zu hören.
„Haben sie die schon?“, war wieder die Stimme zu hören.
„Nein, Sir, und so wie ich den Mann heute gesehen habe, der sie meiner Vermutung nach vielleicht hat, wird es auch noch etwas dauern. Der ist mit allen Wassern gewaschen. Ich kann ihn nicht hier auf dem Flugzeugträger verhören. Da gilt amerikanisches Recht. Es geht also erst auf der Rückfahrt nach Hurghada, wenn wir wieder auf der ‚Sinai‘ sind. Aber ich muss unseren Männern erst noch etwas Ruhe gönnen, sonst schaffen sie keine einzige Seemeile mehr. Und im Moment haben wir zudem mit dem neuartigen Nervengift zu tun, wogegen bereits zwei Männer zu kämpfen haben. Bei uns anderen wissen wir noch nicht, inwieweit wir vielleicht ebenfalls betroffen sind. Da muss man abwarten. Aber irgendwie rechne ich schon damit. Wir müssen auf die Lieferung des Serums warten. Alles andere wäre Wahnsinn und unverantwortlicher Selbstmord. Außerdem würde es die ganze Aktion gefährden.“
„Geben Sie mir den Kapitän des Flugzeugträgers“, bat dann der Mann vom Pentagon.
„Er hört bereits mit, Sir“, gab Jens zurück.
In den folgenden Minuten besprachen sie ihr weiteres, gemeinsames Vorgehen. Der Flugzeugträger sollte dem kleinen Schiffskonvoi durch seine Jäger bis zur Hoheitsgrenze Ägyptens, sicheren Geleitschutz geben, wo dann der hiesige Küstenschutz übernehmen würde. Dabei kam dem Flugzeugträger die Aufgabe zu, sich weiterhin in diesem Gebiet aufzuhalten und alle Bewegungen von und zu den Inseln zu überwachen, aber nur einzugreifen, wenn es notwendig werden sollte. Sie sollten dann auf weitere Befehle warten. Sobald von der Regierung grünes Licht gegeben würde, könnten andere Streitkräfte hinzugezogen werden.
Zum Ende des Gespräches hin, berichtete der leitende Offizier vom Pentagon von dem Rundumschlag und den Festnahmen im eigenen Land, die an die Verhörergebnisse von Flottillenadmiral Jens Arend anknüpfend bereits durchgeführt werden konnten. Dabei wurde diverses Beweismaterial sichergestellt, das aber nicht für einen von dem Land ungenehmigten Angriff auf die Inseln ausreichte. Zudem konnten noch immer nicht die Namen der absoluten Führungsspitze von ‚New Kingdom‘ ermittelt werden. Diesbezüglich tappten sie gänzlich im Dunkeln. Es konnte auch nicht sicher davon ausgegangen werden, dass die Organisationsspitze ausschließlich aus US-Amerikanern bestünde. Denn selbst in den Splittergruppen zeichnete sich eine deutliche Spur in andere Länder ab. Die eigentlichen Hauptziele der Organisation waren ebenfalls nicht eindeutig zu erkennen. Bisher gingen die Aussagen der befragten Gefangenen erheblich auseinander. Bei der Verabschiedung versprachen sie, wieder voneinander zu hören.
Als die Verbindung wieder getrennt war, nahm Jens dankbar einen Becher Kaffee an, der ihm von einem der Offiziere gereicht wurde, und gestand dann aber auch: „Eigentlich habe ich noch viel mehr Hunger als Verlangen nach diesem wirklich guten Kaffee. Die letzte Mahlzeit der Männer und mir, war das Frühstück, und selbst das mussten wir angerissen stehen lassen.“
„Sag das doch gleich. Die Männer haben schon längst alle was zu essen bekommen, kaum dass sie aus dem Krankenhaustrakt waren. Nur du hast herumgetrödelt“, meinte der Kapitän und schickte sofort einen seiner Leute los, etwas Ordentliches zu essen für den deutschen Gast zu holen. Jens bedankte sich bei Eric und bat dann um die nächste Verbindung.
Dieses Mal führte Jens sein Gespräch gleich auf Deutsch. Der Kapitän und seine Männer auf der Brücke verstanden nichts, hörten jedoch heraus, dass es dabei um das Serum als Gegengift ging und er erheblichen Druck zu machen schien.
„Mir ist ziemlich egal, wie sie diese Menge in der kurzen Zeit herstellen“, schrie Jens plötzlich in das Mikrofon vor seinem Mund. „Es tut mir ja wirklich unsäglich leid, wenn ich Sie aus Ihrem Schönheitsschlaf gerissen habe. Aber zugegeben, das geht mir am Arsch vorbei. Sie sollten schließlich auch lieber an der Herstellung des Serums in ausreichender Menge arbeiten, als friedlich neben ihren Weibern zu pennen. Wir können es hier auch nicht. Wenn das Zeug nicht spätestens morgen Mittag da ist, gibt es hier vielleicht jede Menge gute, aber tote Männer, die zuvor stundenlang durch die Hölle gehen müssen. Können sie mit dieser Vorstellung leben? Ich verspreche Ihnen, wenn das passieren sollte, reiße ich Ihnen höchstpersönlich den Hintern auf!“
Dann lauschte der Flottillenadmiral wieder auf die müde Stimme aus dem Lautsprecher.
„Gut. Aber den Rest, und da spreche ich von noch mindestens dreihundert Positionen und keiner weniger, sondern eher dem Doppelten bis Dreifachen, um auch den Leuten hier auf dem Träger etwas davon abgeben zu können, wie besprochen. Arbeiten Sie hintereinander weg und schicken Sie es, sobald Sie es fertig haben. Aber ich warne sie: Ihr Arsch ist mir sicher, wenn das nicht klappt und morgen zu wenig in der genannten Zeitspanne bei mir ankommt. Ich brauche das Zeug dringend. Und noch ein Tipp am Rande: Denken Sie auch an die Transportzeit hier her und an die Zeitverschiebung. Sie haben also nicht bis zum Mittag Zeit, sondern sie müssen verdammt früh damit fertig sein. Machen Sie Betrieb und holen Sie Ihre Leute wieder aus den Betten. Der Tod hat keine geregelte Dienst- und Schlafenszeit, geschweige denn gesetzlich geregelte Freizeit, wie Sie. Ich hoffe, ich habe mich da klar ausgedrückt“, fauchte Jens. Dann wandte er sich dem Funkoffizier zu, und fuhr mit seiner Handkante zackig über seine Kehle. Die Verbindung wurde getrennt.
„Was ist?“, wollte der Kapitän wissen. „Gab es Ärger?“
„Ja, so könnte man es auch nennen. Die erste Lieferung des Serums ist auf dem Weg. Sie dürfte hier in drei Stunden ankommen und abgeworfen werden. Nur leider noch nicht einmal genug für ein Viertel der Männer hier. Aber diese Laborratten waren der Meinung, das würde schon reichen, und haben es stattdessen vorgezogen, pünktlich Feierabend zu machen. Dabei hatte ich ihnen ausdrücklich gesagt, dass wir jede Menge von dem Zeug benötigen und noch mehr, eben alles, was immer sie so schnell wie möglich zusammenmixen können.“ Deutlich war noch die Verärgerung in seinem Gesicht abzulesen.
„Aber vielleicht brauchen es nicht alle Männer und das Serum reicht“, gab Eric zu bedenken.
„Bedauerlicherweise müssen wir es jetzt so machen. Aber ich hätte lieber alle gleich prophylaktisch damit versorgt, damit gar nicht erst etwas passieren kann. Jeder Schmerz, den diese Männer aushalten müssen, ist einer zu viel. Das Serum wirkt am besten als absoluter Blocker oder in der Anfangsphase, wo auch schon mehr gebraucht würde. Was aber, wenn es bei allen zur gleichen Zeit oder kurz nacheinander ausbricht? Wovon ich sicherheitshalber auch ausgehen muss. Ist das Gift erst mal im Körper verteilt, dauert es mehrere Stunden, bis das Serum überhaupt wirkt. Dann bedarf es auch mehrerer Injektionen, die wir aber in dem Fall nun mal nicht gleich zur Verfügung haben werden“, erklärte Jens ruhig. Die Männer auf der Brücke verstanden jetzt auch, warum sich der Deutsche gerade bei dem Gespräch so aufgeregt und ins Mikrofon geschrien hatte.
Während Jens etwas aß, berichtete er, dass er bereits am Nachmittag alles wegen des Transportes geklärt hatte. „Ein ‚Tornado‘ der Bundeswehr ist auf dem Weg nach Hurghada und wird dort auf der ägyptischen Airbase landen. Das erste Päckchen mit dem Serum geht sofort zu Anne ins Lazarett, da sie mit dem Nervengift zuerst in Kontakt gekommen ist. Es ist überhaupt ein Wunder, dass sie noch aushält. Der Rest wird mit einer ägyptischen Militärmaschine hierhergebracht. Also wundert euch nicht, wenn nachher eine ‚Dassault Mirage 2000‘ der ägyptischen Luftwaffe hier angedüst kommt.“ Er brauchte eine kurze Pause, um einen weiteren Bissen in den Mund zu schieben, durchzukauen und herunterzuschlucken. Dann sprach er weiter: „Erst sollte das eine ‚Fishbed‘, sprich eine ‚MiG 21‘, übernehmen. Doch ihre minimale Geschwindigkeit von 230 km/h erschien mir zu hoch für einen gezielten Abwurf des Serums. Die ‚Mirage 2000‘ dagegen hat eine Minimalgeschwindigkeit von 185 km/h auf Meereshöhe. Das kommt meiner Vorstellung schon eher entgegen. Ich habe nämlich nicht vor, im Dunkeln hier noch im Meer fischen gehen zu müssen. Zumal mir das der Arzt ja verboten hat“, sagte Jens und grinste Greenman beim letzten Satz frech an, der genau wusste, worauf er damit anspielte.
Nachdem Jens aufgegessen hatte, schlug Captain Greenman vor, dass er sich doch nun zurückziehen und etwas hinlegen könne. Sie würden schon auf die ‚Dassault-Mirage 2000‘ achten.
Eric versprach ihm, ihn sofort zu wecken, sobald die Maschine in Reichweite kommt. Und sollte ihn jemand verlangen, würde er das Gespräch auf das Telefon in der Kapitänskajüte umleiten lassen, damit er dafür nicht extra aufstehen und auf die Brücke müsse.
Jens war damit einverstanden. Er war sehr müde und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Die Zeit prüfend, schaute er auf seine Uhr und gähnte hinter vorgehaltener Hand.
Bevor er sich von der Brückencrew für den Moment verabschiedete, bestand er nochmals darauf, auch wirklich geweckt zu werden, sobald sich die Mirage im unmittelbaren Anflug befand.
Er zog es vor, den äußeren Weg über die steile Treppe vom Brückendeck aus nach unten zu nehmen. Er brauchte etwas frische Luft und Zeit zum Nachdenken. Sorgenvoll blickte er dabei über das dunkle Wasser, dessen Wellen im Mondlicht eine silberne Straße bildeten. Ein leichter Nordwind trug angenehm kühle Luft mit sich.
Jens beobachtete, wie fünf Tomcats für ihren Einsatz fertig gemacht und nacheinander zu zwei der Katapulte dirigiert wurden. Captain Greenman und der Geschwaderkommandeur hatten sich dafür entschieden, ab sofort die gesamte Umgebung zu sichern. Zur Überwachung des Gebietes war bereits eine ‚E-2 Hawkeye‘ in der Luft und eine zweite Maschine wurde zur Ablösung fertig gemacht. Am Ende des Flugdecks standen drei U-Boot-Jagdflugzeuge vom Typ ‚Lockheed S-3 Viking‘ in Bereitschaft.
Gut, Eric und der CAG lassen die Suppe nicht erst anbrennen, dachte Jens beruhigt und ging in die Kapitänskajüte, die Eric ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er setzte sich auf das weiche Bett und noch während er umfiel, die Beine noch auf dem Boden, war er bereits eingeschlafen. Er hörte nicht mehr das laute Geräusch der vorschnellenden Katapultschlitten, noch das Aufheulen der Triebwerke, der startenden Maschinen.
Der Erste Offizier griff zum Hörer und ließ es lange klingeln.
„Nichts, Sir. Ich glaube, Sie haben recht. Soll ich jemanden schicken, um Mister Arend aus der Koje zu holen?“
„Ich denke, das wird nicht nötig sein. Du hättest die Wette verloren, Eric“, meldete sich der Geschwaderkommandeur, auch kurz CAG ‚Commander Carrier Air Wing‘, genannt, und nahm sein Fernglas von den Augen, welches er auf das Flugdeck gerichtet hatte. „Dieser Arend steht schon mit zwei der SEALs unten in den Startlöchern und schaut der Mirage entgegen. Ich glaube, dieser Kerl überlässt nichts dem Zufall, wenn es um seine Männer geht. Der ist wirklich gut.“
Die Männer auf der Brücke schauten gebannt durch ihre Feldstecher auf die sich im tiefen Anflug befindliche Maschine der ägyptischen Luftwaffe.
Jens hörte deutlich, wie das Kampfflugzeug den Gegenschub einlegte, um die Geschwindigkeit drastisch zu verringern.
„Mist, verdammter! Der hat den Rückschub zu spät aktiviert. Da kommt er zu schnell übers Deck, um den Abwurfpunkt einzuhalten. Ich hoffe, der wirft unsere Post nicht jetzt, sondern in der nächsten Runde ab!“, rief Jens laut und rannte aber vorsichtshalber schon über das langgezogene Flugdeck Richtung Heck. Er beschleunigte seinen Lauf noch, je näher die Maschine kam.
„Was hat der Mann vor? Ist der lebensmüde?“, schrie Geschwaderkommandeur Mike Reed, als er den Mann auf dem Flugdeck entlangsprinten sah. „Bei dem tiefen Anflug der Mirage wird der doch vom Triebwerksstrahl getoastet!“ Alle Blicke auf der Brücke und der Männer, die auf dem Flugdeck bereitstanden, um das Paket abzufangen, waren nur noch auf den Flottillenadmiral und die nahende Maschine gerichtet.
Ihnen stockte der Atem, als sie sahen, wie das Paket erst im letzten Viertel der Landebahn ausgeklinkt wurde und über das Ende der Startbahn zu rollen drohte. Dann wäre es so gut wie verloren, denn es würde in den Sog der kräftigen Schrauben geraten.
Sie sahen, wie der Mann sich im letzten Moment mit einem Hechtsprung auf das Päckchen warf und damit sofort seitlich abrollte, um dem heißen Triebwerkstrahl der wieder durchstartenden Maschine zu entgehen, und gleichzeitig sein brennendes Shirt zu löschen.
Keiner der Männer auf der Brücke war zu einem Wort fähig, nachdem sie diese Aktion gesehen hatten. Captain Greenman reagierte mit einer nur kurzen Verzögerung und löste den Alarm für das Rettungsteam aus.
Doch die beiden SEALs, die erst neben Jens hergelaufen waren, bis er sie aufgefordert hatte, zurückzubleiben, und allein in den gefährlichen Bereich des Jet Blas gelaufen war, waren schneller bei ihrem Freund, der bewegungslos eingerollt das Paket fest umklammernd auf dem Deck lag.
„Woher hat er gewusst, dass das Päckchen so weit hinten abgeladen wird? Er ist doch schon viel eher losgelaufen, weit bevor die Mirage überhaupt über dem Flugdeck war?“, fragte der Erste Offizier, noch immer fassungslos über diese Wahnsinnsaktion des Flottillenadmirals. Dabei schauten sie alle besorgt auf das weitere Geschehen auf dem Flugdeck.
Erleichtert atmeten sie auf, als sie sahen, wie sich der Mann, mit Hilfe der beiden SEALs wieder aufrichtete und sie gemeinsam dem auf sie zukommenden Wagen entgegengingen.
Mit einem weiten Satz sprangen die beiden SEALs, den verletzten Mann in ihrer Mitte, in das noch rollende Fahrzeug.
„Los, geben Sie Gas. Wir müssen mit ihm sofort zur Krankenstation. Also bringen sie uns zum Lift.“
Mit quietschenden Reifen wendete der Fahrer den Jeep und fuhr in entgegengesetzter Richtung über das Flugdeck zu dem Brückenaufbau, wo sich der Fahrstuhl befand. Noch bevor der Wagen abbremste, waren die Fahrgäste schon abgesprungen und liefen zum Lift. Das Warten darauf dauerte ihnen dann doch zu lange.
Jens entschied kurzerhand, die daneben befindliche Treppe zu nehmen. Polternd eilten sie nach unten. Übersprangen die letzten Stufen.
Noch während sie den Gang zur Intensivstation entlang liefen, riss Jens das Päckchen auf und drückte William und Adam je eines der Notpacks, in dem sich je fünf der Ballonspritzen mit dem Serum befanden, in die Hand.
„Ich habe euch alles Notwendige erklärt. Ihr wisst, was ihr zu tun habt“, rief Jens schnaufend. „Kümmert euch um Jack und Sebi. Lauft! Ich kann nicht mehr.“
Er ließ sich erschöpft zurückfallen und schaute den beiden jungen SEALs nach, wie sie weiter rannten und hinter der Tür der Intensivstation verschwanden. Dann brach er nach vorn gebeugt zusammen und blieb schwer atmend liegen.
Sofort war das Rettungspersonal bei ihm und begleitete ihn in den Behandlungsraum. Sie legten den Mann behutsam bäuchlings auf die Liege. Der Arzt schnitt das halb verbrannte und angekohlte Baumwollshirt auf und zog es, soweit das noch möglich war, sacht von seinem Rücken.
„Das sind Brandwunden zweiten und teils dritten Grades. Das muss operiert werden“, entschied der Arzt.
Unerwartet für den Mann griff Jens fest nach seinem Arm. „Keinerlei Art von Betäubung.“
„Aber das geht nicht. Sie haben doch nun das Serum. Wir können es ihnen verabreichen“, meinte der Arzt verwundert.
„Lass die Finger von dem Serum, Doc. Ich bin der Letzte, der davon etwas bekommen wird, wenn es nicht wirklich unbedingt nötig ist. Darauf bestehe ich. Ist das klar? Denn wir haben noch nicht genug für alle“, sagte Jens schwer atmend und erklärte erneut, dass er deshalb nicht betäubt werden will, damit er die ersten Anzeichen des Giftes merken und die Stelle sicher zeigen kann, um die sich auflösende Kapsel vielleicht noch entfernen zu können.
„Aber wenn Sie bewusstlos werden – und das werden Sie bestimmt –, dann bemerken Sie die ersten Symptome des Nervengiftes doch auch nicht“, versuchte der Arzt, seinen Patienten zur Vernunft zu bringen. Er stach ihm eine Infusionsnadel in die Armbeuge und legte ihm unter den aufmerksamen, kontrollierenden Blicken von Jens eine Ringerlösung an, um den Flüssigkeitsverlust im Körper des Mannes auszugleichen.
„Dann merke ich es aber schneller, wenn ich wieder zu mir komme. Betäubungsmittel wirken zu lange nach. Doc, kein Betäubungsmittel für mich. Und die Ballonspritzen bleiben dort, wo sie sind. Die sind für die anderen. Habe ich mich da klar ausgedrückt? Haben Sie mich verstanden?“, sagte Jens mit fester Stimme.
Erschrocken schauten sich die Männer an.
„Das ist nicht Ihr Ernst, Sir. Bei allem Respekt, Sir, aber Sie sind wahnsinnig. Das können Sie nicht von mir verlangen. Ich hole lieber den leitenden Arzt“, wehrte sich der Mediziner dagegen.
„Doch das kann ich verlangen. Und ja, tun Sie das, holen Sie Ihren Chef“, sagte der deutsche Offizier und bestand nachdrücklich darauf. Dann bat er einen der Arzthelfer um ein verschlossenes Verbandspäckchen.
Nur eine Minute später betrat der leitende Arzt der Station den Raum.
„Oh, mein absoluter Lieblingspatient. Ich höre, Sie wollen das schon wieder so durchziehen. Haben Sie das denn heute noch nicht genug geübt mit dem Schmerzunterdrücken?“, spielte der Arzt auf ihr Gespräch bei der letzten Behandlung von Jens an.
„Nun fangen Sie schon endlich an, Doc. Sie wissen ja, wie es geht. Ich muss hier schnell wieder fit sein. Wenn ich das Bewusstsein verliere, nehmen Sie mir das Verbandspäckchen aus dem Mund. Aber geben Sie es mir sofort wieder, sobald ich zu mir komme. Und noch was: Ich brauche hier keine Schönheitsoperation, dafür ist der Körper schon gezeichnet genug. Wird also nur meine Sammlung bereichern. Sehen Sie nur zu, dass es nicht zu einer Sepsis kommen kann“, forderte er den Arzt auf, bevor er sich das weiche Verbandspäckchen quer zwischen die Zahnreihen steckte und fest darauf biss.
Rasch schoben die Männer den Verletzten in den vorbereiteten OP-Saal und lagerten ihn auf den Operationstisch um.
William und Adam injizierten, so wie es ihnen Jens erklärt hatte, ihren Freunden Sebastian und Jack die ersten beiden Gaben des Serums im Abstand von je fünfzehn Minuten aus den Ballonspritzen, während zwei Ärzte die Vitalfunktionen der Männer überwachten. Pitt, der sich wieder etwas erholt hatte, setzte sich auf und beobachtete genau die Reaktionen seiner Freunde. Er gab Willi und Adam zusätzliche Anweisungen, wann und wohin sie die nächsten Injektionen geben sollten.
„Sagt mal, warum ist eigentlich Jens nicht selbst gekommen? Wieso schickt er euch?“, wollte Pitt wissen.
Adam berichtete, dass er das letzte Stück nicht mehr geschafft hatte und sie vorgeschickt habe. Dann erzählte William, wie sich Jens auf das Päckchen geworfen hatte und dabei aber noch vom Abgasstrahl der Mirage auf dem Rücken erwischt worden war, bevor er sich abrollen konnte.
Obwohl Sebastian noch mit den brennenden Schmerzen in seinem Körper kämpfte, hatte er doch alles mitgehört.
„Pitt, geh zu ihm“, brachte er zwischen zwei Schmerzschüben hervor, die zum Glück langsam schwächer wurden. „Wir kommen hier schon klar. Ich will wissen, wie schlimm seine Verbrennungen sind.“
Trotz des Protestes der beiden Ärzte stand Pitt von seinem Krankenbett auf und verließ, noch leicht schwankend, das Zimmer. Als er den Behandlungsraum der Notaufnahme erreichte, wurde Jens gerade aus dem OP gefahren.
„Wie steht es um ihn, Doktor?“, wollte er von einem der Ärzte wissen.
„Mister Pitt! Was machen sie denn hier? Sie gehören ins Bett“, empörte sich der Arzt, der sich gerade den Mundschutz abzog.
„Mir geht es gut, du Pfeife. Schere dich wieder in dein Nest und pass auf die anderen Vögel auf“, hörte Pitt die schwache Stimme von Jens, der bäuchlings auf der Liege lag und dessen Rücken dick mit Gaze und Mullkompressen abgedeckt war.
„Halt die Klappe, Kleiner, wenn ein Erwachsener mit den Ärzten spricht“, gab Pitt, erleichtert lächelnd zurück, nachdem er ihn gehört hatte.
„Sir, diese Männer hier sind alle verrückt“, beschwerte sich der Arzt, als er bemerkte, dass Captain Eric Greenman den Raum betreten hatte.
„Ich weiß, Nailson. Das habe ich auch schon festgestellt“, gab Greenman zurück. „Diese Kerle sind einfach nicht kleinzukriegen, was? Nicht die artigen Patienten, die sie sonst gewohnt sind. Aber ich kann sie trösten. Dem ägyptischen Generalstabsarzt Professor Doktor Mechier, mit dem ich gerade gesprochen habe, ging es mit diesen Männern und auch nun mit seinen jetzigen Patienten von der Truppe nicht anders.“ Dabei lächelte er den Arzt wissend an.
Flottillenadmiral Arend stemmte sich, bei den Worten von Eric, nach oben. Auch Fregattenkapitän Dressler drehte sich langsam zu Greenman um.
„Was haben Sie da gerade gesagt, Eric?“, fragte Jens. „Haben sie mit unserem Doc gesprochen?“
„Ja, deshalb bin ich hier. Ich soll Ihnen ausrichten, dass das Serum bei Anne bereits wirkt und sie sich schnell erholt. So wie es sich anhörte, sehr zum Leidwesen Doktor Mechiers, denn sie will aus dem Bett und mit ihrem Mann, Fregattenkapitän Wildner, im Rollstuhl durch die Gänge des Lazaretts düsen. Nur lassen das ihre Verletzungen noch nicht zu, wie der Generalstabsarzt mir sein Leid klagte. Die Dosis, die sie abbekommen hat, war wohl nicht ganz so hoch konzentriert und wurde durch die ständigen Blutspenden schon ziemlich gut ausgewaschen, sodass sie laut Doktor Mechier keine Schäden zurückbehalten wird.“
„Yep!“, schrieen die beiden deutschen Offiziere erleichtert auf und schlugen fest ihre Handflächen aneinander. Dabei rollten aus ihren Augenwinkeln kleine Freudentränen.
„Dann wird es Jack und Sebi auch bald wieder besser gehen. Das Serum wirkt“, stellte Pitt beruhigt fest. Aber er wunderte sich darüber, dass Jens trotzdem noch besorgt dreinblickte. Auch sein Gesicht verfinsterte sich, als er von den Befürchtungen hörte, die Jens hatte, und dass dafür noch nicht genug Serum da war, um allen Männern sofort helfen zu können.
„Doktor, wenn das wirklich eintreten sollte, dann für mich kein Serum, so lange nicht der Rest von dem Zeug da ist“, entschied Pitt für sich. „Die anderen brauchen es nötiger.“
„Damit sind Sie schon der zweite Verrückte mit dieser Bitte“, gab der Arzt mit den Augen rollend zurück. „Ich glaube, mich überrascht hier bald gar nichts mehr. Am Ende will vielleicht keiner das Zeug.“
„Doch, je nach Schweregrad, bekommen es unbedingt die betroffenen ägyptischen Männer und eure SEALs“, entschied Jens, der sich vorsichtig aufzurichten versuchte. Pitt unterstützte ihn dabei und reichte ihm eine Flasche Wasser. Die Ärzte schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, als sie sahen, wie sich der Flottillenadmiral dann auch noch die Infusionsnadel aus dem Arm riss.
„Sir, das können Sie nicht tun“, schrie Doktor Nailson. „Ihr Körper ist noch zu geschwächt. Sie brauchen Ruhe und viel Flüssigkeit.“
Jens trank ein paar Schlucke von dem Wasser und stand dann, gestützt von seinem Freund, von der Krankenliege auf.
„Ja, Doktor, ich trinke deshalb doch auch schon. Sehen Sie? Und ja, natürlich haben Sie recht. Aber nicht hier auf der harten Liege. Da wäre ich doch blöd“, meinte er und grinste frech. „Wo ich doch das Privileg erhalten habe, dafür das weiche und um vieles bequemere Bett des Cap nutzen zu dürfen. Sie verstehen sicher, dass ich mir ein solches Angebot nicht durch die Lappen gehen lassen kann. Und Wasser werde ich ausreichend trinken, das verspreche ich.“ Doch dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Ich möchte bitte sofort informiert werden, sobald sich Männer mit den ersten Symptomen des Nervengiftes, die ich Ihnen beschrieben habe, bei Ihnen melden. Sollte es mich selbst oder meinen Freund, Fregattenkapitän Dressler, mit als Erste erwischen, dann informieren Sie bitte Korvettenkapitän Rothe, den ich jetzt gleich noch aufsuchen werde. Und bitte befolgen Sie in dem Fall seine Anweisungen bei dem Vorgehen mit dem Serum. Ansonsten wünsche ich uns allen lieber eine ruhige restliche Nacht ohne böse Zwischenfälle.“
Jens ließ sich die Mullkompressen noch durch einen Verband am Körper fixieren. Am Ende war er so eingepackt, dass er kein Shirt mehr brauchte, da kaum ein Stück seines Oberkörpers frei blieb.
Captain Greenman begleitete die beiden Deutschen auf die Intensivstation, wo Jack und Sebastian noch lagen. Ihnen ging es in der Zwischenzeit aber schon etwas besser. Vor allem Sebastian erholte sich schnell. Willi und Adam waren sichtlich erleichtert, dass es ihren Freunden wieder besser ging. Sie lachten gerade über einen Witz, den Sebastian zum Besten gegeben hatte, als die drei Männer eintraten. Noch bevor die beiden SEALs aufspringen konnten, als sie den Captain bemerkten, gab dieser das kurze Handzeichen, eine Ehrenbezeugung zu unterlassen.
„Na, Zwerglein. Du, mein kleiner Stumpelnutsch“, sagte Jens grinsend zu Sebastian. „Dir scheint es ja wieder recht gut zu gehen. Was macht dein Schädel? Ist noch was von dem Hirn, was du mal hattest, drin geblieben? Mir kam es nämlich so vor, als sei alles davon auf mein Shirt gespritzt, als ich dir die Beule aufgeschnitten und ausgedrückt habe.“
„Ich glaube, zwei der grauen Zellen haben es gerade noch so überlebt und die sind jetzt im Liebesspiel, um sich zu vermehren. Aber ich habe gehört, dass du mal wieder Wildschwein am Spieß gespielt hast. Ich hoffe nur, nun bist du rundherum knusprig durchgebraten und nicht mehr nur auf der Brust“, konterte Sebastian sofort. Dabei musterte er seinen Freund genauer.
Jens ging nicht näher darauf ein, sondern drehte sich nur um und zeigte ihm seine Rückseite, auf der sich der Verband dick aufwölbte.
Sebastian hatte verstanden. „Komisch. Und ich dachte, Hexen sind weiblich und haben einen schwarzen Kater auf dem Buckel sitzen“, meinte er, noch einen draufsetzen zu müssen, und spielte damit auf den dicken Verband an, der tatsächlich wie ein Buckel wirkte.
Nach diesem Begrüßungsgeplänkel wurden sie wieder ernst und Jens informierte sie über alle Neuigkeiten. Besonders freute es Sebastian wie auch die drei SEALs, dass Anne sich auf dem Weg der Besserung befand.
Genau hörte Sebastian zu, als Jens von der neuen Konzentration und der Verzögerung des Nervengiftes durch die Kapseln und seinen Befürchtungen berichtete. Immer wieder nickte er verstehend.
„Und alle wissen, wie sie sich bei den ersten Symptomen verhalten und wo sie sich melden sollen?“, fragte er vorsichtshalber nach.
„Ja. Sie sind in Gruppenunterkünften untergebracht. Selbst wenn es einen von ihnen im Schlaf erwischen sollte, können die anderen handeln. Willi und Adam gehen, jetzt wo es euch besser geht, ebenfalls gleich wieder zurück. Auch sie können reagieren, wenn sie nicht gerade selbst zuerst betroffen sein sollten“, antwortete Jens.
„Und wie ist es mit euch beiden?“, wollte Sebastian dann noch wissen.
„Die beiden haben ihre Kabinen direkt nebeneinander“, antwortete Eric Greenman. „Jens hat meine und Pitt die von meinem Ersten.“
„Wow, nobel geht die Welt zugrunde“, meinte Sebastian grinsend. Dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Geht in Ordnung. Ich schlafe nur mit einem Auge, wie die anderen auch, und bin sofort da, wenn ich gebraucht werde. So wie immer.“
Jens übergab ihm die Tasche mit dem Serum, dann verabschiedeten sich die Männer voneinander und wünschten sich eine hoffentlich ruhige Nacht.
Eric Greenman, Pitt und Jens begleiteten zuerst die beiden SEALs in ihre Unterkünfte, dann gingen sie über die Treppe hoch zu den Kajüten des Ersten Offiziers und des Captains.
„Und wo werden Sie schlafen?“, fragte Pitt Greenman, als sie vor den Türen angekommen waren.
„Oh, wir haben im Bereitschaftsraum auf dem Brückendeck bequeme Liegen, da schläft es sich ebenso gut“, antwortete der Kapitän lächelnd. „Sehen Sie nur zu, wieder etwas zu Kräften zu kommen. Ihr Weg ist noch lang, auch wenn wir ihn hier schon etwas verkürzen können, indem wir Sie näher an die Hoheitsgewässer Ägyptens heranbringen.“
„Vergiss nur nicht, uns zum Frühstück zu wecken. Ich würde es gern mit der Mannschaft einnehmen. Du musst wissen, ich mag es, in guter Gesellschaft zu speisen. Und keine ist mir lieber als die der Männer und Frauen hier an Bord“, sagte Jens.
„Oh nein. Das würde ich mir doch nie verzeihen. Sie sind alle schon mit in der Mannschaftsmesse eingeplant“, gab Eric Greenman lachend zurück, dabei glaubte er nicht daran, dass die neuen Freunde wirklich bereits um sechs Uhr morgens wach sein würden. Er verabschiedete sich von den beiden ungewöhnlichen Männern und wünschte ihnen eine gute Nacht.
Greenman hoffte, dass sich die Befürchtungen von Flottillenadmiral Arend nicht erfüllen würden, was weitere Nervengiftkapseln betraf. Diese Schmerzen, die er bei Korvettenkapitän Rothe und Ensign Jack Darsy gesehen hatte, obwohl sie schon ein paar der Injektionen bekommen hatten, wünschte er selbst seinem ärgsten Todfeind nicht.
Auf der Brücke zurück, schauten ihn alle Männer fragend an. Als Captain Greenman dann den Daumen lächelnd nach oben hielt, atmeten sie erleichtert auf.
Wenig später zogen sich der Kapitän und der Erste Offizier in den Bereitschaftsraum zurück, um etwas zu schlafen. Der Zweite Offizier löste sie und die restliche Mannschaft ab und übernahm mit seiner Crew und dem stellvertretenden Geschwaderkommandeur das Kommando über das Schiff.
Trotz der späten Nachtstunde sprach sich bei der Besatzung des Flugzeugträgers, der Einsatz des deutschen Flottillenadmirals wie ein Lauffeuer herum.
Als am frühen Morgen die acht SEALs, gemeinsam mit den drei Deutschen und den verwundeten ägyptischen Marinetauchern und Matrosen die Messe, was ein riesiger Speisesaal war, betraten, zog sofort Ruhe in das vorher laute Stimmengewirr ein. Die Männer und Frauen der Besatzung des Flugzeugträgers, erhoben sich voller Achtung von ihren Plätzen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die drei hochrangigen Deutschen und der ägyptische Offizier wirklich mit den anderen Männern in die normale Mannschaftsmesse zum Frühstück kommen würden. Sie hatten geglaubt, sie würden, so wie es für Leute ihres Ranges üblich war, die Offiziersmesse aufsuchen.
Sofort bildeten die Männer und Frauen eine Gasse zu den für sie freigehaltenen Tischen und applaudierten anerkennend.
„Sorry, Leute“, rief Jens laut auf Englisch. „Könnt ihr das vielleicht bitte lassen. Das macht uns verlegen, und wenn wir verlegen sind, bekommen wir keinen Bissen herunter. Das wollen wir aber gern, denn wir haben mörderischen Hunger. Außer ihr wollt nicht, dass wir euch etwas wegfuttern, dann macht weiter damit.“
Ein lautes Lachen erfüllte den großen Raum, sodass es von den Wänden widerhallte. Jens hatte erreicht, was er wollte. Nämlich dass sich die Leute zurück auf ihre Plätze setzten, weiter frühstückten und wieder Normalität in der Messe einzog. Trotzdem wurden er, seine Freunde und die SEALs sowie die ägyptischen Soldaten, die alle noch immer sehr müde und erschöpft aussahen, heimlich beobachtet. Wenn einzelne Besatzungsmitglieder bemerkten, dass es einem von ihnen schwerfiel, aufzustehen, um zum Büfett zu gehen, halfen sie ihm sofort und begleiteten ihn. Dabei erklärten sie den ägyptischen Männern, worum es sich bei den einzelnen Speisen handelte und was darin war. Wofür diese wiederum dankbar waren, da sie Schweinefleisch und dessen Nebenprodukte mieden. Das beobachteten auch die deutschen Freunde und waren angenehm überrascht und sichtlich erleichtert, dass es so gut funktionierte und sie deshalb nicht einschreiten mussten.
Gerade als Pitt zum Büfett gehen wollte, um für sich und Jens etwas zu holen, ließ einer der ägyptischen Marinetaucher plötzlich seinen Kaffeebecher fallen und beugte sich unter Schmerzen nach vorn über.
„Das Spiel beginnt“, flüsterte Jens leise. Und schon sprangen die drei Deutschen auf, dass die Stühle nur so nach hinten davonflogen, und liefen zu dem Mann.
„Monrasser, woher kommt der Schmerz?“, fragte Jens den Ägypter auf Arabisch, kaum dass er bei ihm war und sich neben ihn gehockt hatte. Sofort zeigte der auf seinen Rücken. Jens und Pitt sahen sich kurz an.
Sebastian griff zu einem der Notpacks, das er, wie Jens und Pitt auch, an einem speziellen Gurt trug. Er riss es auf und stach die Kanüle der Ballonspritze direkt an die Stelle, die ihnen der Mann genannt hatte, in den Rücken und drückte dann den Ballon nur sehr langsam aus. Am Boden hockend, warteten sie die Wirkung des Serums ab und hielten so lange den Mann fest. Jeder der SEALs und der ägyptischen Soldaten wusste nun, dass der Flottillenadmiral mit seiner Befürchtung richtig lag.
Das vorher ausgelassene Klima war sofort einer ernsten, bedrückenden Stimmung gewichen. Auch die Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers wussten, was das bedeutete und ab jetzt auf dem Spiel stand.
Monrasser erholte sich nach der Serumgabe rasch wieder und die Freunde halfen ihm, aufzustehen. Obwohl der Mann sich zusammengerissen und den Schmerz verbissen hatte, waren seine Augen gerötet und Tränen zeichneten sich in den Augenwinkeln ab. Verlegen versuchte er, sie ungesehen wegzuwischen.
Doch Sebastian nahm den Mann zur Seite. „Monrasser, du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Diese Tränen kommen, ob du es willst oder nicht. Mir ging es nicht anders.“ Beruhigte er den Mann, den er schon eine Weile kannte.
„Und damit waren es nur noch elf“, flüsterte Jens leise. Pitt und Sebastian wussten, was er damit meinte. Sie hatten nur noch elf Ballonspritzen für vielleicht vierzig betroffene Männer. Und Monrasser würde in einer Viertelstunde eine weitere Injektion benötigen.
Gerade als Pitt dem Ägypter die zweite Dosis verabreichte, betrat Captain Greenman die Mannschaftsmesse. Sonst speiste er eigentlich in der Offiziersmesse, doch als er hörte, dass sich der Flottillenadmiral mit seinen Leuten tatsächlich in der Messe der Trägerbesatzung eingefunden hatte, wollte er sehen, ob das stimmte. Die Männer und Frauen des Flugzeugträgers sprangen von ihren Plätzen, doch Greenman ignorierte das.
Sofort lief er zu den Deutschen, die sich um den Ägypter kümmerten. „Also lagen Sie mit Ihrer Vermutung richtig“, schlussfolgerte er.
„Ja, leider. Aber ich hoffe noch immer, dass es nicht jeden erwischt hat. Haben Sie schon etwas gehört, ob der Nachschub auf dem Weg ist?“, fragte Jens und erhob sich unter Schmerzen.
Eric schüttelte bedauernd den Kopf.
„Dann haben wir hier bald ein Problem und Sie eine überfüllte Krankenstation. Lassen wir uns nichts davon anmerken, ehe eine Panik bei den betroffenen Männern ausbrechen könnte. Kommen Sie, Eric, setzen wir uns einfach an den Tisch“, schlug Jens vor.
Die Besatzungsmitglieder hatten alles genau beobachtet und kümmerten sich nun noch aufmerksamer um die Gäste. Sie bewirteten sie, sodass keiner von ihnen extra zum Büfett musste, um sein Essen zu holen.
Monrasser, der ägyptische Marinetaucher, hatte sich nach der zweiten Serumgabe wieder etwas erholt. Trotzdem schien er noch immer extrem verstört zu sein. Er hatte zwar von den Symptomen gewusst, aber nie vermutet, dass der brennende Schmerz so abrupt auftreten und gleich so heftig sein würde. Er brauchte noch eine Weile, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. Sebastian blieb so lange neben ihm sitzen und sprach ihm immer wieder gut zu. Er wusste, was der Mann, wenn auch nur wenige Minuten, durchgemacht hatte. Dabei war Monrasser bewusst, dass Sebastian diese Qualen viel länger ertragen hatte, und nahm sich ein Beispiel an seiner Stärke. Nachdem es dem Mann wieder besser ging, erhob sich Sebastian von dem Stuhl, stützte sich auf seine Krücken, und kehrte zum Tisch seiner Freunde zurück.
„Das war einer der Männer aus der unteren Höhle“, flüsterte Pitt besorgt. „Wir waren zur Zeit des Einsturzes da unten fünfundzwanzig Mann. Sie alle haben Steine und halbe Felsbrocken aus der Decke abbekommen, weil sie sich, unserem Beispiel folgend, über die Kisten geworfen hatten. Wenn es als Nächstes einen von den Matrosen erwischt, wissen wir, dass es auch in der oberen Höhle solche Giftkapseln in der Höhlendecke gegeben hat. Denn auch sie wurden von Steinen der einstürzenden Felsendecke getroffen.“
„Mich könnt ihr aus der Rechnung herausnehmen“, flüsterte Jack. „Bleiben aus der unteren Höhle aber immer noch dreiundzwanzig, nach Monrasser gerade. Und ihr seid auch dabei. Zu viele für nur noch elf Ballonspritzen.“
„Falsch gerechnet, es sind nur noch zehn, nach der zweiten Dosis für Monrasser gerade. Selbst wenn wir die Zahl um Jens und mich heruntersetzen, reicht es noch nicht, bis die zweite Lieferung eintrifft“, flüsterte Pitt.
„Wie meinst du das, mit dem ‚um euch heruntersetzen‘?“, wollte Tyler wissen.
„Wenn es uns erwischen sollte, bevor das restliche Serum da ist, dann verzichten wir auf das Zeug und lassen uns die Kapsel, die theoretisch nur knapp unter der Haut sitzen kann, samt dem, was noch darin ist, so gut es geht herausschneiden und warten dann auf das Gegenmittel, bis es für alle zur Verfügung steht“, erklärte Jens ruhig. „Anne und zuvor auch Andy haben es sehr lange damit ausgehalten. Auch wenn wir nicht wissen, ob es Anne in der hoch konzentrierten Form erwischt hat, wie hier Sebi und Jack. So gehe ich doch davon aus, wenn die Kapsel schnell genug entfernt wird, dass dann nicht zu viel von dem Zeug in den Körper gelangt und es längere Zeit auszuhalten ist. Wir haben gelernt, mit Schmerzen umzugehen.“
„Das Zeug ist die Hölle“, meinte Jack, „und ich weiß, wovon ich spreche. Man bekommt alles bei vollem Bewusstsein mit. Es ist eine Erleichterung, ohnmächtig zu werden. Nur leider ist das immer bloß von kurzer Dauer und kommt doppelt so heftig zurück. Das wünsche ich nichteinmal meinem ärgsten Feind.“
„Da magst du recht haben, Jack. Aber wem von den Männern willst du das erleiden lassen, was du durchgemacht hast? Kannst du mir einen zeigen? Das kannst du nicht. Wenn Pitt und ich verzichten, sind es aber schon wieder zwei mehr, denen wenigstens kurz geholfen werden kann, bevor das restliche Serum eintrifft.“
„Ich bin mit dabei“, meldete sich David.
„Ich auch“, kam von Brandon. Danach meldeten sich auch William, Tim und Robert, auf das Serum zu verzichten, sollte es sie erwischen.
„Jungs, das wird aber ein Trip durch die Hölle“, mahnte Sebastian. Doch keiner der Männer trat von seinem Entschluss zurück. Nach einigem Überlegen entschlossen sich auch Adam und Tyler, auf das Serum zu verzichten.
Eric Greenman hatte die ganze Zeit ruhig dagesessen und den Männern zugehört. Er erkannte deutlich, welch guten Einfluss die Deutschen auf die Gruppe der jungen SEALs hatten. Ebenso hatte er bemerkt, dass in der kurzen Zeit der engen Zusammenarbeit auch zwischen den SEALs und den Ägyptern eine tiefe Freundschaft entstanden war. Die Männer sprachen sich bei den Vornamen an und verstanden sich nahezu blind untereinander, obwohl sie aus so unterschiedlichen Völkern und Glaubensgruppen stammten. Da trafen gläubige Christen auf Männer islamischen Glaubens sowie auf Atheisten, also Ungläubige, und sie verstanden und respektierten sich. Auch so manche Sprachbarriere bildete dabei kein Hindernis. Für Captain Greenman war das eine völlig neue, aber schöne Erfahrung. Er beobachtete, wie die drei Deutschen immer wieder geduldig zwischen ihnen die Vermittler spielten, indem sie bei Übersetzungen halfen, wenn die Männer auch über die englische Sprache nicht weiterkamen. Die Achtung, welche die drei Deutschen ohnehin schon durch ihre Leistung bei ihm hatten, wuchs noch um ein Vielfaches. Er erkannte, dass sie keinen Unterschied zwischen Menschen verschiedenen Glaubens machten, sondern bemüht darum waren, dass sie sich untereinander verstanden.
Greenman wurde schlagartig aus seinen Gedanken gerissen, als einer der SEALs am Tisch plötzlich vor Schmerzen krampfte.
„Linkes Schulterblatt. Kein Serum!“, brachte David, den Schmerz unterdrückend, hervor. Jens und Pitt reagierten sofort. Griffen dem Mann unter die Arme. Jens warf Sebastian schnell noch den Gurt mit den Ballonspritzen zu. Sie nahmen den jungen Ensign in ihre Mitte und liefen mit ihm aus dem Speisesaal zum Krankenhaustrakt.
Noch ehe die Ärzte reagieren konnten, griff Jens zum Skalpell. David hatte am linken Schulterblatt nur eine kleine Wunde. Während Pitt bereits eine Spritze mit Adrenalin und etwas Lidocain als Lokalanästhetikum aufzog und die Nadel in dem Bereich unter die Haut stach, um eine stärkere Blutung beim Schneiden zu vermeiden, begann Jens schon mit dem ersten Schnitt. Er öffnete die Wunde, griff zu einer Pinzette und konnte die kleine Giftkapsel entfernen, bevor sie sich ganz auflösen konnte. Zum Schluss saugte er die Schnittwunde zusätzlich gründlich aus. Zum Erstaunen der Ärzte schloss Jens Arend die Wunde durch eine saubere Naht mit zwei Stichen.
„Sir, gibt es etwas, was Sie nicht können?“, fragte einer der Ärzte.
„Ja, jede Menge. Ich kann kein Flugzeug, geschweige denn einen Hubschrauber, fliegen. Auch ein U-Boot bin ich zu blöd, zu steuern, und ich habe es noch nicht geschafft, eine Frau so fest an mich zu binden, dass sie mich heiraten will“, antwortete Jens trocken, während er ein Pflaster über die frische Wunde des Ensigns legte. Dabei huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Kurz flackerte die Erinnerung in ihm auf, dass vor einigen Jahren Romana Veit, jetzt mit seinem Freund Ralf Richter verheiratet, fast die gleiche Frage gestellt bekommen und ähnlich geantwortet hatte. Schnell war er wieder im Hier und Jetzt und wandte sich dem jungen Seal zu. „David, wie geht es dir? Kannst du es noch etwas aushalten?“
„Es geht. Ich komme schon damit klar. Jack und Sebi haben es ja auch geschafft. Passt nur auf die anderen auf.“
„Eine Kapsel ist raus, das muss aber nicht heißen, dass es das war bei David. Achten Sie bitte darauf, wie schlimm die Symptome werden und ob sie sich vielleicht mit einem Mal steigern. Passen Sie nur gut auf unseren Freund auf. Außerdem könnte es passieren, dass wir schon bald mit dem nächsten wiederkommen müssen. Also halten Sie bitte immer frische OP-Bestecke und eine Liege bereit“, sagte Pitt zu den verdutzt guckenden Ärzten, während sie den Raum, den SEAL aber zurücklassend, wieder verließen.
„Ich hoffe, du weißt, dass ich nicht so gut im Schnippeln bin wie du, sollte es dich erwischen“, sagte Pitt auf dem Rückweg zur Messe. „Ich hatte nicht so eine gute medizinische Grundausbildung wie du und Sebi, sondern nur so das Wichtigste.“
„Na und? Dafür kannst du die gefährlichsten Knallfrösche entschärfen, wo ich wiederum passen muss. Jeder hatte bei unserer Truppe sein Spezialgebiet. Und vielleicht kommst du ja um das Schnippeln drumherum. Sicher hat es bei mir das Zeug schon rausgebrannt, wenn welches drin war. Aber gut wäre es, wenn Sebi schnell ein neues Bein bekommen würde, damit er wieder voll einsatzbereit ist. Auf Krücken gestützt kann er nicht am OP-Tisch stehen und hat es auch so schwerer, schnell bei den Leuten zu sein, die seine Hilfe benötigen. Denn wenn es uns beide erwischt, haben wir nur Sebi. Die Ärzte hier kennen sich mit der richtigen Dosierung des Serums noch nicht aus und es ihnen alles zu erklären, würde zu lange dauern. Sie können zwar die Spritzen geben und sicher auch schneiden, nur wann welche Spritze wohin zu platzieren ist, das wissen leider nur wir drei, und es ist immer von den jeweiligen Symptomen und den Körperteilen abhängig, von wo aus es beginnt, auszustrahlen. Und wir wissen es nur dank Andy und Sebi. Bloß gut, dass sie vor drei Jahren genau auf den Verlauf und die unterschiedlichen Wirkungen der Spritzen geachtet haben, als es Andy so schwer erwischt hatte“, meinte Jens und sagte dann, kurz vor der Tür der Mannschaftsmesse: „Ich hoffe, dass ich jetzt wenigstens in Ruhe fertig frühstücken kann.“
Alle Augen waren fragend auf die beiden Männer gerichtet, als sie den Raum betraten. Pitt hob den Daumen, um die Gemüter zu beruhigen. Doch als die Freunde am Tisch in die Gesichter der beiden Männer sahen, wussten sie, dass es keineswegs in Ordnung war. Wie auch. Trotz des selbstlosen Einsatzes von David war es noch immer zu wenig Serum für alle.
Während Jens fertig frühstückte, fasste er einen Entschluss. Er stand vom Tisch auf und richtete sich an die Männer des ägyptischen Schiffsverbandes.
„Ich schlage vor, dass wir alle hier zusammenbleiben, um schneller helfen zu können. Ihr kennt mich schon länger und wisst, dass ich nie mit der Wahrheit hinter dem Berg halte. Also fange ich hier und heute auch nicht damit an. Hier der aktuelle Stand: Wir haben noch nicht genügend Serum für alle. Das wird aber hoffentlich gegen Mittag eintreffen. So lange müssen wir durchhalten. Das bedeutet, dass wir nur direkt Betroffenen das Gegenmittel verabreichen können. Also bitte versucht nicht, die Helden zu spielen, sondern meldet euch schon bei den ersten Anzeichen, wenn ihr die stark brennenden Schmerzen spürt. Sonst würde sich die Dosis, die derjenige an Serum benötigt, zusätzlich erhöhen, die wir aber noch nicht haben. Aber wir werden euch sofort helfen, so gut es uns möglich ist, das verspreche ich. Ihr wisst bereits, dass die erste Serumgabe die ersten Schmerzen nur lindern und verzögern kann. Danach beginnt es, in euren Adern zu kochen und zu brennen. Es tut mir leid, aber wenn wir keinen von euch lebensgefährlich gefährden wollen, müssen wir den Lauf durch die Hölle auf uns nehmen. Ensign David Rain, den ihr alle kennt, ist schon mitten in dieser Hölle. Er hat auf jegliche Serumgabe verzichtet, um einem weiteren Mann von euch diese Qualen ersparen zu können“, erklärte Jens auf Arabisch und wiederholte es dann noch einmal auf Englisch für Captain Greenman und die SEALs seiner Truppe.
Während es die Ägypter und SEALs des Teams gefasst aufnahmen, weil sie wussten, worum es für sie ging, waren die davon nicht betroffenen Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers, die noch in der Messe frühstückten, erschrocken und zutiefst erschüttert. Bewundernd sahen sie zu den Männern hinüber, die scheinbar ganz ruhig weiter aßen. Obwohl sie wussten, dass sie auf einer Art Abschussliste standen und vielleicht eine kleine, tickende Nervengiftbombe in sich trugen.
Ein Wettlauf gegen die Zeit hatte begonnen.
Nach einer Weile wurde Sebastian von einem jungen amerikanischen Matrosen gebeten, mit ihm zu kommen. Noch etwa geschwächt und unter Schmerzen, die noch von dem Gift stammten, folgte er auf seinen Krücken gestützt dem Mann durch den Speisesaal nach draußen.
„Ich glaube, meine Jungs haben sein neues Bein für die Anprobe fertig. Sie haben sich gleich daran gemacht und schon daran gewerkelt, kaum dass sie davon erfahren hatten“, erklärte Greenman.
Jens schaute ihn ungläubig an. „Wie soll das gehen? Ihr hattet doch gar keine Angaben von Sebi bekommen und die letzte Nacht war er dazu ja wohl auch nicht fähig. Und die Form und Maße seines Beinstumpfes habt ihr doch auch noch nicht genommen.“
„Das ist richtig. Aber das Pentagon und auch Sebastians Frau waren nicht untätig. Die ersten Angaben haben wir von ihr bekommen und dann wurde der Mann ausfindig gemacht, der die Prothesen für den Korvettenkapitän gefertigt hatte. Er konnte uns alle nötigen Maße und Besonderheiten dieser Prothesen nennen und hat sogar per Mail eine genaue Zeichnung und Fotos des Beinstumpfes geschickt. Die Jungs erstellten mit einem 3D-Drucker ein Modell davon und haben zwei Tage und zwei Nächte in drei Schichten durchgearbeitet, um die Prothese jetzt erst einmal so zu fertigen, dass sie bequem auch mit den Verbänden, die Sebi noch tragen muss, perfekt passen sollte. Dafür haben sie sich zusätzlich die genauen Maße von unserem Arzt geben lassen, der eine spezielle Wundabdeckung dafür gebastelt hat“, erklärte Eric Greenman. Pitt und Jens staunten nicht schlecht.
„Na, da bin ich ja mal gespannt, wie die Äuglein von unserem Kleinen wieder leuchten werden, wenn er hier wieder hereinspaziert kommt“, meinte Pitt.
Sebastian war ohne seine Beinprothese nur ein halber Mensch. Zumindest fühlte er sich selbst so. Das Fehlen seiner Prothese zeigte ihm immer wieder auf, wie eingeschränkt sein Leben ohne sie war.
„Taraaa!“, rief Sebastian laut und riss seine Arme in die Luft, als sich die Tür zur Messe öffnete und er mit vier Matrosen an seiner Seite eintrat. Seine grünen Augen schienen um einige Nuancen heller zu strahlen, als er ohne Krücken und ohne auch nur leicht zu hinken durch den Raum zum Tisch seiner Freunde ging.
Die Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers und Captain Greenman glaubten nicht, was sie da sahen. Erstaunt erhoben sie sich von ihren Plätzen. Diesem Mann war nicht anzumerken, dass er eine Unterschenkelprothese trug. Hätten sie ihn nicht zuvor auf Krücken mit dem Beinstumpf gesehen, sie würden es nicht glauben. Während sie noch ungläubig schauten, klatschten die Ägypter und SEALs Beifall und pfiffen begeistert, weil sie sich mit ihm freuten. Sie kannten ihn so, wie er jetzt wieder war. Der Beifall beflügelte Sebastian noch und er vollführte die reinsten Kunststücke und sprang dabei wild herum. Etwas außer Atem lief er dann zum Tisch, an dem seine Freunde saßen.
„Habt ihr das gesehen, Mädels?!“, fragte er völlig begeistert. „Die Jungs hier haben gezaubert. Das Bein ist sogar noch besser als meine vorigen Prothesen. Es sind hier richtige kleine Tüftler an Bord. Und stellt euch vor, sie haben sogar noch ein zweites für mich, wenn ich den Verband nicht mehr tragen brauche. Dabei geht dieses hier aber dann auch zu verstellen. Einfach sagenhaft. Und das Material erst. Ich kann es kaum erwarten, es beim Tauchen auszuprobieren. Die Jungs haben mir versichert, auch daran gedacht zu haben. Wahnsinn, was?“, schwärmte er und war noch ganz aus dem Häuschen. Konnte sich vor lauter Freude darüber kaum wieder beruhigen.
Captain Greenman schaute immer noch vollkommen erstaunt. „Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit, dass man dir gar nichts mehr ansieht. Ich dachte zumindest, dass du hinkst und an einem Stock gehen müsstest. Aber das hier ist unglaublich“, gestand er.
„Ja, Sir, das kommt daher, dass ich absolutes Vertrauen zu der Prothese habe und sie als normales Körperteil annehme. Es ist wie bei einer guten Zahnprothese. Hat man sich erst einmal damit abgefunden und akzeptiert, dass man sie hat, spürt man sie gar nicht mehr und geht ganz selbstverständlich und normal damit um, sodass es keinem anderen auffällt. Das ist die einfache Theorie dazu. In der Praxis sind es hartes Training, jede Menge Schweiß, Schmerzen und mein Dickschädel gewesen, dass ich es so geschafft habe“, erklärte Sebastian, der das Hosenbein hochgeschoben hatte und sanft über das Material am Schaft der neuen Prothese strich. „Sir, Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet, wieder richtig laufen zu können. Und mit dieser Prothese, die so super gearbeitet ist und sicher sitzt, ist es ein wahrer Genuss. Ich weiß gar nicht, wie ich euch allen dafür je danken kann. Es ist einfach wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Danke.“
„Jungs, ich will ja die Freude nicht schmälern“, flüsterte Pitt ernst. „Aber schaut mal rüber zu Ramadan, und damit es nicht langweilig wird, erwischt es mich auch gerade in Höhe der linken Lende. Also, wer von euch spritzt und wer schneidet?“ Jens und Sebastian schauten sich nur kurz an, dann schnappte sich Sebastian ein Notpack und lief zu dem Marinetaucher.
„Ich glaube, so langsam geht es los und es könnte sein, dass es nun Schlag auf Schlag geht. Also, wenn es einen von euch erwischt, kommt so schnell wie möglich in den OP 1. Dann müssen wir zur Massenabfertigung übergehen, außer ihr überlegt es euch anders und wollt doch lieber das Serum. Aber ihr wisst, wir haben noch nicht genug. Na ja, nur noch für neun Leute. Aber es muss ja auch nicht jeden erwischt haben“, sagte Jens zu den SEALs und stand mit Pitt auf. Langsam gingen sie durch den Speisesaal zur Tür.
Doch kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, liefen sie schnell los. Bereits auf dem Weg zur Krankenstation zog Pitt sein Shirt aus und Jens streifte sich, während des schnellen Laufes die Gummihandschuhe über, die er für diesen Fall schon in einem sterilen Pack in der Hosentasche bei sich trug.
„Wie weit strahlt es aus?“, wollte Jens wissen, als sich Pitt auf die Liege legte.
„Nur minimal, aber nimm dir auch die Stelle rechts in Höhe des letzten Rippenbogens vor. Ich glaube, ich habe gleich zwei solcher Dinger abgefangen“, antwortete Pitt ruhig.
Jens winkte einen der Ärzte zu sich und bat ihn, diese Stelle zu übernehmen. „Gemeinsam geht es schneller“, erklärte er und zeigte auf das von Pitt angegebene Gebiet, was Pitt auch noch einmal bestätigte.
„Wir spritzen nur Adrenalin, damit es beim Schneiden nicht so stark blutet. Dann müssen wir so viel wie möglich von dem Zeug erwischen und gut absaugen. Ich brauche den Mann die nächsten Stunden noch, bis das restliche Serum da ist.“
Der Arzt hatte verstanden. Auf ein Zeichen von Pitt hin, begannen sie ihre Arbeit und konnten die zwei noch nicht vollständig aufgelösten Kapseln, knapp unter der Haut, entfernen. Noch während sie die kleinen Wunden verschlossen, kam Tim und meldete sich mit einem brennenden Schmerz am linken Schulterblatt. Jens ließ den Arzt seinen Freund weiterbehandeln und kümmerte sich sofort um den SEAL. Gemeinsam bestimmten sie die genaue Stelle des Schmerzes.
Nach einer nur geringen örtlichen Betäubung, die Pitt gar nicht erhalten hatte, griff Jens zu dem Skalpell, das ihm eine junge Krankenschwester reichte. „Wie sieht es oben aus?“, fragte er Tim, um ihn damit etwas von dem Schmerz des Schneidens abzulenken.
„Ich glaube nicht, dass du das wirklich wissen willst. Da beginnt der Bär gerade zu tanzen. Es könnte sein, dass du hier auch bald ein paar mehr Männer auf der Station haben wirst. Das Serum ist gleich alle“, antwortete Tim mit zusammengebissenen Zähnen, sich den Schmerz verkneifend.
Als Pitt das hörte, stand er sofort wieder von der Liege auf und streifte sich sein Shirt über. „Ich gehe hoch und löse Sebi ab. Er wird hier unten nötiger gebraucht.“
„Kommst du mit den Schmerzen so weit zurecht?“, fragte Jens konzentriert, während er Tim weiter behandelte.
„Zur Not knalle ich mir Morphin rein. Auch wenn ich weiß, dass es nicht viel ausrichten kann gegen das Zeug. Aber es beruhigt“, antwortete Pitt kurz und verschwand auch schon.
Sebastian brachte, begleitet von Greenman, gleich William und Robert mit, die es nun auch erwischt hatte. Während sich Sebastian sofort um William kümmerte, erklärte Jens den drei dazugekommenen Ärzten anhand von Robert, worauf es ankam, um die richtige Stelle zu finden. Er erläuterte dann die genaue Vorgehensweise beim Entfernen der Kapsel, sollte sie noch in der Wunde zu sehen sein. Dabei wies er noch darauf hin, die Wunde so gründlich wie nur möglich auszusaugen oder auszuspülen, um so viel von dem Gift zu erwischen, wie es nur möglich war.
„Ich weiß, dass Sie das alles studiert haben und können. Mir ist auch klar, dass ich Ihnen hier wie ein Neunmalkluger Besserwisser vorkommen muss. Aber das Zeug hat es in sich. Und so schwer es ihnen auch fallen mag, meine Herren. Verwenden Sie nur eine minimale Dosis einer örtlichen Betäubung und die auch nur, wenn es nicht anders geht, aber immer Adrenalin, damit sich die Gefäße schnell verengen, um zu verhindern, dass noch etwas von dem Zeug in die Gefäße eindringen kann. Außerdem könnte es sein, wie wir gesehen haben, dass sich auch noch eine zweite oder gar dritte Kapsel in den Rücken der Männer befindet, die sie dann so schnell wie möglich aufspüren und entfernen müssen, um die Giftdosis im Körper so gering wie nur möglich zu halten“, erklärte Jens. Die Männer nickten ihm ernst zu und waren dazu entschlossen, ihr Bestes für die Betroffenen zu tun.
Jens spürte, wie das Brennen auf seinem Rücken schnell zunahm und bereits auf den gesamten Körper übergriff. Er wusste jetzt ganz genau, dass es nicht von den Brandverletzungen herrühren konnte.
Er bat Greenman, mit ihm auf die Brücke zu gehen. Denn es interessierte ihn sehr, ob die zweite Sendung des Gegenmittels endlich auf den Weg gebracht worden war und wie lange es noch dauern würde, bis die Lieferung endlich hier auf dem Flugzeugträger eintraf. Außerdem wollte er vermeiden, dass sie wieder erst so spät abgeworfen wurde wie die letzte.
Er hatte nicht mehr viel Zeit, um das alles noch klären zu können, bevor er sich nicht mehr gegen den Schmerz und die Krämpfe wehren konnte.
Auf der Brücke angekommen, stellte der Funkoffizier sofort die verlangte Verbindung her.
Jens setzte sich auf einen der bürostuhlähnlichen Plätze. Als er sich etwas bequemer zurücklehnen wollte, schnellte er sofort wieder nach vorn. Er hatte den Schmerz im Rücken unterschätzt. Fest umklammerte er die Armstützen und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren.
„Jens, es hat Sie doch auch erwischt“, stellte Greenman leise fest. „Sie müssen selbst auf den Tisch.“
„Mag sein, ja. Aber die Männer haben auch ohne mich da unten alle Hände voll zu tun. Zudem habe ich es schon vor über einer Stunde bei mir bemerkt. Es sind mehr als drei Stellen betroffen. Sprich, es ist schon im ganzen Rücken verteilt und geht rasend schnell auf den Rest des Körpers über. So viel geht nicht rauszuschneiden und durch die verbrannte Haut ist es auch nicht so leicht zu lokalisieren. Jetzt ist es viel wichtiger, dass das neue Serum hier eintrifft und es nicht über das Flugdeck hinaus schießt. Jede Sekunde ist für die Männer hier eine Sekunde zu viel, die sie auf das Zeug warten müssen“, erklärte Jens und sprach schon eine Minute später mit dem Leiter des Labors in Deutschland. Danach ließ er sich mit den deutschen Luftstreitkräften verbinden, um zu erfahren, wann das Paket in Ägypten eintrifft.
Zufrieden über die Nachricht, dass das Paket direkt ohne Zwischenstopp von dem Piloten zum Flugzeugträger gebracht werden soll, ließ er sich mit dem Piloten verbinden, der für den Überflug mit Abwurf des Pakets vorgesehen war.
Nachdem sich der Pilot meldete, der gerade das komplizierte Manöver der Luftbetankung abgeschlossen hatte, erklärte ihm Jens, um Ruhe bemüht, das Flugmanöver, das der Pilot ausführen sollte. Er beschrieb, wo genau, in welcher Höhe und Geschwindigkeit das Paket ausgeklinkt werden muss, damit es sicher auf dem Flugdeck landet. Dabei ließ er sich vom Ersten Offizier die derzeitige Windgeschwindigkeit und Richtung über dem Flugdeck des Trägers geben und rechnete sie in seine Überlegungen mit ein. Dann machte er den Piloten darauf aufmerksam, dass er den Abwurfzeitpunkt auf keinen Fall verpeilen dürfe, sondern lieber in einer engen Kehre neu anfliegen solle, wenn es notwendig sein sollte.
Das Paket dürfe auf gar keinen Fall über das Deck hinausschießen und hinter dem Träger in dessen Schrauben landen. Jede Sekunde war kostbar. Danach ließ er sich auf den internen Bordfunk des Schiffes legen und informierte die Leute auf Arabisch, dass sie noch fünfundvierzig Minuten bis zu einer Stunde aushalten mussten.
„Cap, können Sie ihre Leute rings ums Flugdeck verteilen, aber so, dass sie nicht gebraten werden und trotzdem das Paket abfangen könnten, sollte es doch wieder zu nah an den Rand kommen“, bat Jens und sprach mit immer noch geschlossenen Augen weiter. „Ich kann es dieses Mal nicht mehr selbst machen. Außerdem wird das Ding auch um einiges größer sein. Das Zeug muss dann sofort zu Pitt und Sebastian gebracht werden. Und sorgen Sie bitte dafür, dass Pitt selbst sich die ersten Spritzen setzt, damit er wieder schmerzfrei ist und den anderen dadurch besser und schneller helfen kann. Kann sein, dass er da erst etwas stur ist und rumzickt, weil er den anderen unbedingt weiter helfen will. In dem Fall bestehen sie darauf.“ Eric Greenman verstand, was Jens meinte, und versprach, danach zu handeln.
Er gab auch gleich die ersten Befehle an die gesamte Besatzung raus.
„Die Leute werden rings ums Flugdeck stehen und keine Maus durchlassen. Die ägyptischen Schnellboote werden auch von ihren Kapitänen und unseren Leuten besetzt und können zur Not schnell bei der Abwurfstelle sein, sollte es doch im Meer landen“, erklärte Eric und drehte sich gerade in dem Moment zu Jens herum, als dieser seine Augen wieder öffnete. Greenman schnappte erschrocken nach Luft, als er in die blutigroten, unterlaufenen Augen von ihm blickte, die gerade zu tränen begannen.
„Jens, sie brauchen Hilfe“, sagte er besorgt.
„Danke, Sir. Die gebe ich mir gleich selbst“, antwortete er und konzentrierte sich darauf, aus dem Sessel aufzustehen und so aufrecht wie möglich, seine wahren Schmerzen verbergend, die Brücke zu verlassen.
Jens hatte alles getan, was in seiner Macht stand, um den verletzten Männern zu helfen. Zu mehr war er derzeit nicht mehr in der Lage. Mit letzter Kraft schleppte er sich an der Reling entlang und durch die verwaisten Gänge.
Nach dem direkten Anflug auf das Heck des Flugzeugträgers klinkte der Co-Pilot des Jägers beim Überflug an der Stelle, die ihnen der Flottillenadmiral zuvor genannt hatte, die ungewöhnliche Fracht, die anstelle einer scharfen Granate im Abwurfschacht lag, aus. Kurz danach zog der Pilot die Maschine hoch und flog eine enge Kehre. Dabei beobachteten die beiden Männer im Cockpit, wie das Paket am Fallschirm niederging und punktgenau dort auf dem Flugdeck landete, wo Flottillenadmiral Arend es haben wollte.
Captain Greenman bedankte sich über Funk für die perfekte Lieferung, was der Pilot mit einem Flügelschwenken beantwortete. Dann verschwand die Maschine ebenso schnell wieder, wie sie gekommen war. Die Männer auf der Brücke beobachteten, wie der Jeep heranbrauste, wo schon andere Besatzungsmitglieder dabei waren, die Fallschirmseile zu kappen und die Fallschirmseide zusammenzuraffen.
Einer der Männer zerstach die Schwimmblasen, die vorsichtshalber um die Kiste angebracht worden waren und ein Untergehen vermeiden sollten, sollte sie doch im Wasser landen. Schnell wurde die wichtige Fracht in den Jeep geladen. Jeder der Leute wusste, was auf dem Spiel stand. Mit Höchstgeschwindigkeit lenkte der Fahrer den Jeep zum Tower, wo die Kiste von zwei Matrosen übernommen wurde, die sofort damit losliefen. Captain Greenman selbst rannte von der Brücke aus über die Gänge zur Messe, um sein Versprechen gegenüber Jens zu erfüllen und durchzusetzen. Er sollte darauf achten, dass Fregattenkapitän Pitt Dressler sich das erste Serum selbst verabreichte.
Ein erschütternder Anblick bot sich ihm beim Betreten der Mannschaftsmesse. Etliche Männer wanden sich mit unsäglichen Schmerzen und starken Krämpfen auf dem Boden des Speisesaals. Von ihren Freunden festgehalten, krümmten und wandten sich die Männer. Immer wieder drangen unterdrücktes Stöhnen und Schreie an sein Ohr.
Pitt arbeitete sich bereits von einem zum anderen vor und versorgte sie mit dem neu eingetroffenen Serum. Dabei hatte er mit sich selbst zu kämpfen.
Sofort lief Eric zu dem Fregattenkapitän, dessen Shirt total durchgeschwitzt war und auf dem sich die beiden frischen Schnittwunden durch Blutflecke darauf abzeichnete.
„Hast du dich schon selbst gespritzt?“
„Das kann warten“, antwortete Pitt knapp und stach dem Mann vor sich eine Ballonspritze an die Stelle in den Rücken, die er ihm angab, und drückte sie langsam aus. Als Pitt zum nächsten Mann kriechen wollte, hielt ihn Greenman davon ab.
„Nein, Pitt. Jens hat mich explizit angewiesen, darauf zu bestehen, dass du dir erst selbst die erste Injektion geben sollst, um dann effektiver den anderen helfen zu können, bevor du zusammenbrichst“, sagte Eric fest. „Ich werde dich hier nicht eher weitermachen lassen, bevor ich nicht gesehen habe, dass du genau das von Jens Geforderte tust.“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schrie Pitt empört auf, „dass dieser Sturkopf nun seinen Willen sogar schon durch einen amerikanischen Captain durchsetzt. ... Ist ja schon gut. Ich tue es ja gleich.“
„Nein, nicht gleich. Jetzt sofort“, forderte Eric Greenman unnachgiebig. Pitt rollte mit den Augen und stieß sich die Kanüle, die eigentlich für einen anderen Mann bestimmt war, in seinen Schenkel und drückte sie schnell aus, wobei er sein Gesicht schmerzvoll verzog.
„Nun zufrieden?“, fragte er und kroch dann auch schon weiter zum Nächsten.
„Ja, aber nur wenn du dann auch nicht die nächste für dich auslässt. Ich werde darauf achten“, sagte Greenman erleichtert. „Kann ich in der Zwischenzeit hier mit helfen?“
„Ja, knallen Sie den Jungs, die noch nicht betroffen sind, prophylaktisch so ein Ding in den Oberschenkel und drücken Sie den Ballon aber nicht zu schnell aus, sonst brennt das Zeug nämlich höllisch und das muss nicht sein. Danach müssen wir abwarten und weitersehen“, erklärte Pitt und reichte Greenman drei der Notpacks mit je zehn der Ballonspritzen mit dem Serum.
Sofort machte sich der Kapitän an die Arbeit und war froh, wenigstens etwas helfen zu können.
Auch Sebastian und die Ärzte hatten alle Hände voll zu tun und waren erleichtert darüber, dass endlich das Serum da war und sie damit das Leiden der Männer nach und nach beenden konnten.
Drei Stunden nachdem das Serum endlich eingetroffen war, hatten sich die Männer schon etwas erholt, obwohl ihnen nun die Muskeln von den starken Krämpfen wehtaten. Aber das war nichts im Vergleich zu den vorherigen Schmerzen. Alle wollten nur schnell wieder aus der Krankenstation raus und nach ihren Kameraden im Speisesaal sehen. Gestützt von amerikanischen Matrosen gingen die SEALs und ägyptischen Marinetaucher, die zugunsten anderer auf das Serum verzichtet hatten, und die, die es erwischt hatte, nachdem das Serum alle war, gefolgt von Jack und Sebastian zur Messe zurück. Auch dort hatten sich die betroffenen Männer wieder erholt. Sie saßen durchgeschwitzt, noch von den Strapazen gezeichnet, auf den Stühlen und tranken mit zitternden Händen Tee, den ihnen die amerikanischen Matrosen, das technische Personal und die Piloten des Flugzeugträgers reichten. Sofort versorgten sie auch die neu angekommenen Männer mit frisch gebrühtem Tee oder Kaffee.
„Sagt mal“, fragte Tyler unsicher, nachdem er sich in der Runde umgesehen hatte, „wo ist eigentlich Jens abgeblieben?“
„Ist er denn nicht mit euch jetzt mitgekommen? Ich dachte, er wäre bei euch im Krankenhaustrakt“, meinte der Kapitän. „Er war mit uns auf der Brücke und sagte dann, er würde sich schon selbst helfen. Also glaubte ich, er wäre runtergegangen.“
„Was meinst du mit, ‚sich selbst helfen‘?“, fragten Pitt und Sebi, hellhörig geworden, gleichzeitig.
„Es hat ihn selbst schon ziemlich am Anfang an mehreren Stellen erwischt. Zumindest hat er das gesagt. Aber wir dachten, es sei nicht ganz so schlimm, denn er hat auf der Brücke noch alles wegen des Serums geklärt und sogar noch mit dem Piloten den genauen Abwurfplan durchgesprochen. Dann ist er ganz normal ohne Anzeichen von Krämpfen oder Schmerzen gegangen. Allerdings waren seine Augen ganz blutunterlaufen und tränten stark“, erklärte der Kapitän.
„Was hat er genau gesagt? Wo wollte er hin?“, fragte Pitt besorgt, nachdem er einen schnellen Blick mit Sebastian gewechselt hatte.
„Ich weiß nicht, wo er hin wollte. Er sagte, er würde sich schon selbst helfen und ihr hättet auch so genug zu tun“, antwortete Eric, langsam, schlimmes ahnend.
„Fangen wir in seiner Kajüte an zu suchen“, schlug Sebastian vor und steckte sich schnell zwei noch volle Notpacks in seine Hosentaschen. Pitt, Sebastian und Eric Greenman liefen sofort los. Die Tür der Kapitänskajüte war verschlossen. Pitt trommelte dagegen und rief nach Jens, doch aus dem Raum war kein Ton zu hören. Eric drängte sich vor und schloss mit seinem Schlüssel auf. Schnell stürmten die Männer hinein. Doch der Raum war leer. Sebastian schaute vorsichtshalber auch in der Nasszelle nach, doch auch da war Jens nicht.
„Wo kann der Idiot nur hingerannt sein?“, fragte sich Sebastian laut. „Wir können unmöglich das ganze Schiff durchsuchen. Da sind wir in drei Tagen noch nicht fertig, und wenn es stimmt, dass er mehr abbekommen hat und die Augen bereits rot unterlaufen waren, dann hat er nicht mehr so viel Zeit.“
„Was hatte der Kerl nur vor, wenn er sagte, dass er sich selbst helfen will? Serum hatte er keins“, überlegte Pitt, während er sich in dem kleinen Raum umschaute. „Auch ein normales Notpack hatte er nicht mehr.“
„Ich kann das Schiff sofort von meinen Männern auf den Kopf stellen lassen“, schlug Greenman vor und wollte schon loslaufen, um den Befehl zur Suche zu geben. Doch Sebastian hielt ihn zurück.
„Halt Cap. Wir wollen mal noch nichts überstürzen. Ich glaube nicht, dass er allzu weit von der Brücke weggekommen sein kann. Auf welcher Seite hat er die Brücke verlassen?“
„Hier auf der Backbordseite“, antwortete Greenman, nach kurzer Überlegung.
„Gut, dann kann er schon mal nicht über Bord gefallen sein. Sondern wäre aufs Flugdeck geklatscht und da liegt er nicht“, stellte Sebastian trocken fest, nachdem er über das Geländer geschaut hatte.
„Wie könnt ihr zwei nur so ruhig bleiben?“, warf Greenman den beiden Männern vor. „Ich gebe jetzt den Befehl, Flottillenadmiral Arend auf dem gesamten Schiff zu suchen. Und wenn die Jungs sich dabei sogar die Reifen der Flugzeuge vornehmen müssten. Der Mann muss gefunden und schnellstens geholfen werden.“
„Halt, warten Sie noch, Cap“, rief Pitt. „Ich habe da so eine Ahnung, wo er sein könnte. Jens weiß, dass ich noch ein volles, normalbestücktes Notpack dabei habe.“
„Genau, da sind Morphin, Blutgerinnungsmittel und Schmerzmittel drin! Alles, was kurze Linderung bringen kann“, meinte Sebastian und schlussfolgerte: „Er könnte in deiner Kabine sein.“
Eilig rannten die drei Männer aus der Kapitänskabine das kurze Stück über den Gang zur Unterkunft des Ersten Offiziers. Die Tür war nicht verschlossen.
Sie stürmten in den kleinen Raum und fanden Jens auf dem Bett liegend vor. Zwei ausgedrückte Ballonspritzen steckten noch in seinem Oberschenkel und eine in seiner Armbeuge. Kleine blutige Rinnsale flossen aus Augen, Nase, Ohren und den Mundwinkeln. Seine Hände hatte der Flottillenadmiral tief in die Matratze gekrallt und ein Verbandspäckchen steckte quer zwischen seinen Zähnen. Der ganze Körper zuckte unter Krämpfen, die er mühevoll zu beherrschen versuchte. Sein Gesicht gerötet, die Sachen und der dicke Verband durchgeschwitzt, krümmte sich Jens vor Schmerzen.
„Oh mein Gott“, brachte Eric Greenman erschrocken hervor. Wie versteinert blieb er geschockt stehen, als er den Mann so vor sich auf dem Bett liegen sah. Doch Pitt und Sebastian reagierten blitzschnell. Während Sebastian seinem Freund die erste Injektionsnadel direkt in die angeschwollene Halsschlagader stach und nur ganz langsam den Inhalt des Ballons ausdrückte, war Pitt in die Nasszelle gelaufen und kam mit einer Schüssel kalten Wassers zurück. Er griff sich alle Hand- und Badetücher, die er finden konnte, und tränkte sie in dem Wasser, um sie dann auf dem Körper seines Freundes zu verteilen.
„Wir müssen die Körpertemperatur runterkriegen“, erklärte Pitt. „Schnell, Cap. Helfen Sie mir. Wir müssen die feuchten Tücher immer wieder erneuern.“
Sebastian drehte Jens in der Zwischenzeit mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf die Seite, um an seinen Rücken heranzukommen.
„Pitt, hast du da im Bad eine Schere gesehen? Ich muss ihm den Verband aufschneiden, um zu sehen, wo ich hinstechen muss“, rief Sebastian.
„Nein, hier ist nichts, Sebi. Nimm mein Messer, es müsste auf dem Stuhl gleich links vom Bett liegen“, antwortete Pitt aus dem kleinen Bad. „Aber pass auf, dass du ihn damit nicht zusätzlich verletzt. Wie es scheint, ist er schon an seiner absoluten Schmerzgrenze.“
Schnell sah sich Sebastian im Raum um. Das zweischneidige Kampftauchermesser seines Freundes lag auf dem Boden neben dem Stuhl. Jens musste es mit heruntergerissen haben, als er nach dem Morphin und den anderen Schmerzmitteln suchte. Ganz vorsichtig bei Krampfschüben unterbrechend, um Jens nicht zusätzlich zu verletzen, schnitt er den Verband auf und zog sacht die dicken Mullkompressen ab. Als er die verbrannte Haut sah, entschied er sofort, darauf keine feuchten Tücher zu legen. Er holte ein Pack steril verpackter Gummihandschuhe aus seiner Hosentasche und zog sie sich über.
„Pitt, ich brauch dich jetzt hier. Cap, kühlen Sie Jens bitte nur weiter die Stirn, Schläfen und die Brust, soweit Sie da jetzt noch rankommen“, rief Sebastian.
Als Pitt neben seinem Freund stand und fragte, was er machen soll, reichte Sebastian ihm ein Pack mit Handschuhen. „Zieh sie dir über und halte mir Jens gut an den Schultern fest.“
„Aber da ist ja kaum noch ein Stück unverletzt. Wo soll ich ihn da halten?“, fragte Pitt als er die Schultern seines Freundes sah.
„Das ist jetzt scheißegal wo. Dafür hast du die Handschuhe, damit kein Dreck in die Wunden kommt. Außerdem ist der andere Schmerz eh viel stärker, sodass es unser Guru gar nicht merkt. Halt ihn nur einfach richtig fest, damit er sich nicht rühren kann“, sagte Sebastian und setzte sich auch schon auf das Gesäß seines Freundes, um ihn dort so gut wie möglich zu fixieren. Vorsichtig tastete er dann den Rücken von Jens ab, um die einzelnen Auslöserherde, die durch leichte Verhärtungen erkennbar sein müssten, zu lokalisieren. Sebastian hatte eigentlich noch starke Kopfschmerzen und das Gift von der Dornenkrone brannte wie wild in seiner Kopfhaut. Doch das ignorierte er völlig. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich voll auf das Abtasten. Nacheinander fand er vier verhärtete Gebiete unter der verbrannten Haut seines Freundes. Gezielt stach er nacheinander die Nadeln der Ballonspritzen genau in deren Zentren und drückte sie nur ganz langsam aus.
„Cap, ich brauche ein sauberes Laken oder so etwas. Hat das Ihre Nummer 1 hier irgendwo im Schrank?“, fragte Sebastian, während er die nächste Nadel setzte.
„Weiß ich nicht. Aber ich besorge eins“, antwortete Greenman und rannte auch schon los. Kurz darauf kam er mit einem säuberlich zusammengelegten weißen Laken zurück. Sebastian breitete es auf dem Rücken seines Freundes aus und gemeinsam mit Pitt rollten sie ihn wieder zurück. Jens hatte in der Zwischenzeit das Bewusstsein verloren.
Sebastian überprüfte besorgt seine Vitalfunktionen. „Jetzt müssen wir kurz abwarten“, erklärte er. „Aber wir können dabei trotzdem weiter seine Körpertemperatur mit kalten Umschlägen runtertreiben.“
Wenig später kam Jens wieder zu sich und Pitt steckte ihm sofort das Verbandspäckchen in den Mund, damit er darauf beißen konnte, um nicht während der Krämpfe versehentlich in seine Zunge zubeißen.
„Cap, können Sie hier einen Arzt mit fiebersenkenden und muskelentkrampfenden Mitteln, so wie starken Schmerzmitteln, Verbandsmaterial, Ringerlösung und Sauerstoffgerät hochschicken? Oh ja, und paar starke Schmerztabletten wären auch ganz gut“, sagte Sebastian leise, während er die nächste Kanüle wieder sicher in die Halsschlagader des Flottillenadmirals platzierte und seinen Freund dabei anlächelte, als er bemerkte, dass er ihn ansah.
Greenman griff sofort zum Hörer des Telefons, das ihn direkt mit der Brücke verband. Schnell gab er seine Befehle durch und schon wenig später betrat der amerikanische Militärarzt Doktor Nailson den Raum. Sofort erfasste er die Situation und ging auf Sebastian zu.
„Wie kann ich helfen?“
„Ja. Erst mal für mich die Schmerztabletten, bevor mir mein Schädel platzt.“ Gleich, ohne etwas dazu zu trinken, schluckte Sebastian zwei Tabletten und konzentrierte sich dann wieder auf seinen Freund. „Wir müssen als Erstes seine Körpertemperatur runterkriegen, Doc. Ich hoffe, Sie haben etwas Gutes dabei.“
Sofort zog der Arzt eine Spritze auf und stach sie in die Armbeuge von Flottillenadmiral Arend, während Sebastian eine weitere Ballonspritze im Oberschenkel seines Freundes platzieren musste.
Pitt atmete für Jens das Sauerstoffgerät an, damit er gleich die volle Menge Sauerstoff bekam, ohne sich dabei zu sehr anstrengen zu müssen. Sachte drückte er die Maske über Mund und Nase seines Freundes und beobachtete genau, wie der Beatmungsbeutel sich selbstständig hob und senkte. Immer wieder trat Jens kurz weg und hatte danach erneut mit seinen Schmerzen zu kämpfen.
Nachdem der Arzt das Muskelrelaxans gespritzt hatte, begann sich Jens’ Körper zu entspannen und die Krampfanfälle wurden seltener. Doch sie erkannten deutlich am Gesicht ihres Freundes, dass seine Schmerzen noch nicht weniger geworden waren.
„Okay. Und nun wäre ein gutes Schmerzmittel nicht schlecht“, entschied Sebastian, nachdem er sah, wie sein Freund ihm mit zitternden Händen ein Zeichen gab. Dabei zwinkerte er Jens zu und sagte leise zu ihm: „War wohl doch noch nichts mit dem heimlichen Verduften, mein Großer. Du hast noch einen Job zu erledigen. Um den lassen wir dich nicht drumherum kommen.“ Jens versuchte, ein Grinsen auf sein Gesicht zu bekommen, und nickte Sebastian leicht zu.
„Ich hatte nicht vor, zu verduften, du Nulpe. Ich weiß doch, dass ich mich auf euch verlassen kann. Euch zu entgehen, wird nie möglich sein“, sagte Jens leise mit schwacher Stimme und verlor kurz darauf wieder das Bewusstsein.
Über dem Meer war bereits die Nacht hereingebrochen. Der Mond warf sein kaltes Licht auf die glitzernden, sich kräuselnden Wellenkämme. Die Sterne schienen diesem Licht Konkurrenz machen zu wollen, und am fernen Horizont erhellte Wetterleuchten den Himmel.
Seit dem Nachmittag kämpften sie nun schon gemeinsam gegen das Gift, das im Körper ihres Freundes wütete. Weder Pitt noch Sebastian wichen auch nur einen Moment von seiner Seite.
Sebastian wollte gerade die zehnte Dosis des Serums in die Armbeuge von Jens spritzen, als der wieder zu sich kam, nach Sebastians Arm griff und ihn wegdrückte.
„Nun hört endlich auf, mein letztes bisschen Haut, was noch heil ist, wie ein Nadelkissen zu behandeln“, beschwerte sich Jens mit heißerer, erstickter Stimme.
„Hey, den Spruch musst du von Andy geklaut haben“, meinte Sebastian, sichtlich erleichtert, dass es Jens langsam wieder besser ging. „Den hat er mir nämlich auch immer an den Kopf gehauen.“
„Du ihm doch auch, wenn ich mich recht erinnern kann“, gab Jens unter der Sauerstoffmaske zurück und zog die Maske von seinem Gesicht. Die drei Männer lächelten sich an.
Es dauerte nicht lange und Jens schlief vor Erschöpfung ein.
Vorsichtig schnitt dann einer der Ärzte die Unterarmbandagen auf und bekam große Augen. „Das ist ja alles entzündet, Sir. Sie müssen doch wahnsinnige Schmerzen haben. Sowohl hier an den Armen als auch auf ihrem Rücken und an der Schulter. Sie waren mit den Wunden viel zu lange im Salzwasser.“
„Sagen Sie mir etwas, was ich noch nicht weiß, Doktor. Es ging nun mal nicht anders und der Arzt an Bord hatte wirklich alle Hände voll mit den anderen Männern zu tun, sodass ich mich da nicht auch noch mit reindrängeln musste. Wäre schön, wenn Sie das, was Sie wieder schneiden und nähen müssen, ohne Betäubung machen würden.“
„Wie meinen Sie das, Sir?“, fragte der Arzt erschrocken und schaute Hilfe suchend zu seinem Vorgesetzten Captain Greenman, der aber nur mit den Schultern zuckte.
„So wie ich es gesagt habe. Keine Betäubung. Auch keine örtliche. Nur ein paar Spritzer Adrenalin knapp unter die Haut, um die Gefäße zu verengen, damit es nicht so blutet. Ich muss einsatzbereit bleiben, und das mit jedem meiner Sinne und Gefühle“, sagte Jens ernst.
„Aber Sie sind doch hier in Sicherheit, Flottillenadmiral. Sie brauchen uns hier auch nichts zu beweisen“, meinte Greenman, den Mann nicht verstehend.
„Das hat damit gar nichts zu tun, Sir. Wenn ich hier betäubt werde und dadurch nicht mitbekomme, dass sich vielleicht auch in meinem Körper solch eine Giftkapsel auflöst, bevor das Serum hier eintrifft, haben wir schlechte Karten. Nachdem das mit Sebi und Jack passiert war, habe ich mir sofort einen der Kerle vorgenommen und ihn ausgequetscht, warum die Wirkung bei den beiden Jungs so spät aufgetreten ist. Was ich da erfahren habe, ist nicht gerade das, was man beruhigend nennt. Die haben die Kapseln mit einer Art zweiter Haut ummantelt, die sich je nach Stärke in einer gewissen Zeit im Körper auflöst und das Gift freisetzt. Bemerken wir aber die ersten Symptome sofort, über die ich auch schon alle aufgeklärt habe, kann noch schnell die Stelle aufgeschnitten und vielleicht die noch nicht völlig aufgelöste Kapsel entfernt und damit die konzentrierte Verbreitung des Nervengiftes eingedämmt werden. Ich denke, ihnen ist bereits bekannt, dass auch die anderen Männer jegliche Art von Betäubungsmitteln abgelehnt haben. Oder? Wir wissen nämlich nicht, ob auch in den Höhlendecken, die auf uns heruntergerauscht sind, solche Kapseln mit einer größeren Verzögerungsschicht versteckt waren. Aber wir müssen damit rechnen. Da der Gefangene es nicht genau wusste, aber es selbst auch für möglich hielt, gehen wir einfach mal davon aus. Es ist also eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ich hoffe, Sie haben den anderen Männern nicht, entgegen ihrer Wünsche, doch Betäubungsmittel verabreicht.“
Das erklärte einiges. Jetzt verstanden die Ärzte, warum sich die ägyptischen Soldaten so vehement gegen jede Spritze gewehrt hatten.
„Unsere Kollegen haben uns voller Empörung berichtet, dass sich die Männer alle geweigert hatten. Und wir dachten schon, es wäre vielleicht wegen ihres Glaubens oder weil sie alle nur Angst vor den Spritzen hätten. Was uns komisch vorkam, weil sie sich dann mit zusammengebissenen Zähnen lieber so von uns zusammenflicken ließen. Dann glaubten wir, es sei vielleicht eine Art Mutprobe von Verrückten. Nach dem Motto: Wer das Meiste aushalten kann“, sagte der Arzt. „Aber einige der Männer haben wohl die Betäubung nicht abgelehnt. Wobei ich zugeben muss, dass es auch nicht üblich ist, dass wir vorher extra darauf hinweisen, wenn wir eine örtliche Betäubung geben“, erklärte er noch.
Erschrocken blickte Jens auf. „Waren da auch Männer dabei, mit solchen Rückenverletzungen, wie ich sie habe?“, wollte er sofort wissen und wehrte sich in dem Moment gegen jede weitere Behandlung. „Nun lassen Sie schon endlich die Finger von mir und gehen Sie Ihre Kollegen schnell danach fragen. Bitte beeilen Sie sich. Das ist sehr wichtig“, forderte der Flottillenadmiral.
Sofort liefen die beiden Ärzte und sogar Captain Greenman los und trommelten die anderen Ärzte und Sanitäter zusammen, um sie danach zu fragen.
Nach zehn Minuten kamen die drei Männer zurück und konnten erleichtert Entwarnung geben. Nur die Matrosen von den Begleitschiffen, die nicht mit in den Höhlen waren, hatten örtliche Betäubungen oder Narkosen erhalten.
„Gut, meine Herren, dann tun Sie an meinem Körper, was immer Sie wollen und nicht lassen können. Aber bitte alles, wie schon erwähnt, ohne jegliche Betäubung“, sagte Jens und atmete erleichtert auf.
„Sir, aber ihre Verletzungen sind an manchen Stellen doch etwas schlimmer als bei den anderen Patienten. Wir müssten dort totes Gewebe entfernen und die Wundränder neu vernähen, um eine bessere Heilungschance zu gewährleisten, auch an ihren Armen“, erklärte der leitende Arzt.
„Ja, und? Wo liegt das Problem? Das heißt nicht, dass ich auf Schmerzen stehe. Aber im Moment geht es nicht anders. Sagen Sie mir nur vorher, welche Stelle Sie sich gerade vornehmen wollen, und tippen Sie die zuvor kurz an. Den Rest überlassen Sie dann mir. Nun fangen sie schon an. Und seien Sie dabei nicht zu zaghaft. Denken Sie sich einfach, ich würde davon nichts mitbekommen. Also, los geht’s. Wir haben keine Zeit für Diskussionen“, sagte Jens und bestand darauf, die Prozedur im Sitzen über sich ergehen zu lassen.
Genau beobachtete Eric Greenman das Gesicht des Flottillenadmirals, während die beiden Ärzte ihre Arbeit mit Skalpell, Nadel und Faden begannen. Immer wenn der leitende Arzt eine neue Stelle antippte, nickte der Patient kurze Zeit darauf nur leicht mit dem Kopf, woraufhin der Arzt weiterarbeitete. Jens hielt die ganze Zeit seine Augen geschlossen, so wie der Kapitän es schon bei Sebastian beobachtet hatte, als der sich voll konzentrierte. Und jetzt vertiefte sich auch dieser Mann auf diese Weise, ohne jegliche Regung zu zeigen. Er zuckte nicht ein einziges Mal.
„Wir sind fertig, Sir“, meldete sich der Arzt leise. „Wir müssen sie nun nur noch verbinden.“ Nur langsam, wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, öffnete Jens seine Augen.
„Danke, meine Herren. Aber bitte nicht mehr als unbedingt nötig. Ich meine damit auf dem Rücken höchstens ein paar Pflaster und die Unterarme sowie das Bein und die Schulter nicht zu dick. Da müssen zur Not Gummimanschetten drüberpassen, wenn sie nicht wollen, dass es alles wieder nass wird“, sagte der Flottillenadmiral mit vollem Ernst.
„Aber, Sir. … Sie wollen doch nicht etwa gleich wieder ins Wasser?“, fragte der Arzt, voller Entsetzen in der Stimme.
„Ja, wenn es notwendig sein sollte, schon. Aber ich weiß natürlich, dass mindestens eine Woche kein Wasser und schon gar nicht Salzwasser an die Wunden kommen sollte. Nur ist das bei meinem Job nicht immer so machbar. Also ersparen Sie mir die Belehrungen“, gab Jens ruhig zurück.
„Flottillenadmiral?“, fragte Eric Greenman etwas verlegen. „Können das ihre Männer auch?“
„Was meinen Sie, Sir?“
„Na, … das, was Sie hier gerade abgezogen haben. Ich meine mit der totalen Schmerzverdrängung.“
„Ja, Sir. Meine Freunde beherrschen das auch. Nur kommt es dabei immer auf den Grad des Schmerzes an und darauf, inwieweit man sich vorher darauf einstellen, vorbereiten und konzentrieren kann. Plus der allgemeinen körperlichen Verfassung natürlich“, erklärte Jens. „Pitt ist zum Beispiel auch nur deshalb noch am Leben, weil er bewusst seine Herzfrequenz und die Atmung so weit heruntergefahren hat, dass der toxisch gewordene Sauerstoff sich nicht zu schnell durch die Blutbahnen im Körper verteilen konnte und er dadurch auch nicht so viel Luft benötigte. Sonst hätten wir ihn nach dieser langen Zeit nur noch tot bergen können. Er hat es heute da unten wirklich bis zur Perfektion getrieben“, gestand Jens ehrlich.
Aufmerksam und bewundernd hatten die beiden Ärzte dem Mann zugehört, während sie ihn weiter verbanden.
„Und das klappt wirklich auch so gut mit der Schmerzverdrängung?“, wollte der leitende Arzt wissen.
„In der Theorie schon. Nur zugegeben, in der Praxis hapert es dabei doch noch ganz schön. Wir üben noch etwas daran.“
Mit Schwung stand Jens von dem doch recht unbequemen Hocker auf, rekelte sich etwas, zog sich seine zerrissene Hose wieder über, damit er nicht nur in Badehose herumlaufen musste. Auf das blutverschmierte, aus allen Nähten platzende Shirt, in dem er aussah wie ein Muskelprotz, der es nötig hatte, damit zu prahlen, verzichtete er dann doch lieber. Er bedankte sich nochmals höflich bei den beiden Ärzten und entschuldigte sich für die Mühe, die sie mit ihm hatten.
Gemeinsam mit Captain Greenman verließ er den Krankenhaustrakt. In der Wäschekammer wurde Jens mit passenden Kleidungsstücken ausgestattet, von denen er auch gleich welche überzog.
Auf dem Weg zu seinem Quartier unterhielten sich die beiden Männer noch über ein paar ihrer Kampfeinsätze. Jens fragte Captain Greenman, den er in der Zwischenzeit bereits mit Vornamen ansprach, ob er schon wisse, dass er die SEALs nach diesem Einsatz wieder mit zurücknehmen würde und sie den verdienten Erholungsurlaub genehmigt bekommen hatten. Eric wusste davon und ebenso von der bevorstehenden ehrenvollen Überführung der beiden gefallenen SEALs aus dem Hubschrauber.
Nachdem sie etliche Gänge durchquert und Treppenaufgänge gemeistert hatten, standen sie vor einer grauen Stahltür. Greenman öffnete sie und zeigte seinem neuen deutschen Freund sein vorübergehendes Quartier, welches er nutzen konnte.
„Eric, wen haben Sie dafür hier rausgeschmissen?“, wollte Jens wissen, als sie gemeinsam eingetreten waren.
„Mich selbst. … Ich bin ohnehin mehr auf der Brücke und ich dachte mir, dass Sie vielleicht einen direkten Draht dahin haben wollen. Und der steht hier“, antwortete er und zeigte auf das Telefon. „Einfach abnehmen und Sie sind sofort verbunden. Umgekehrt funktioniert das natürlich genauso. Aber nun ruhen Sie sich erst einmal aus. Ich denke, Sie werden schlafen wie ein Bär und gar nicht mitbekommen, wenn hier die Maschinen bei Start und Landung durch die Katapulte, Fangseile und -haken doch ziemlich laut zu hören sind. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Das ist nun mal ein Flugzeugträger und kein Sanatorium in den Alpen. Aber eigentlich sind auch nicht viele Flüge für diese Nacht geplant.“
Jens bedankte sich bei Greenman und ging, nachdem der Kapitän gegangen war, erst einmal in die kleine Nasszelle, um sich wieder menschlich herzurichten, was höchste Zeit wurde.
So eine eigene Nasszelle, zwar eng, aber mit Toilette, einem kleinen Waschbecken und einer Dusche ausgestattet, war ein angenehmes Extra der Kapitänskajüte.
Jens liebäugelte mit dem Bett, doch entschloss sich, damit noch etwas zu warten. Behände zog er sich die frischen Sachen über und trat aus der Kabine. Er wollte so schnell wie möglich auf die Brücke und fragte einen Matrosen, der ihm auf dem Gang entgegenkam, nach dem Weg. Nach kurzer Erklärung, brachte ihn der Matrose dann doch lieber direkt hin.
„Ich glaube es ja nicht!“, empfing ihn der Kapitän schon fast erschüttert. „Sind die Betten hier wirklich so schlecht?“
Als Jens ihn nur fragend ansah, erklärte ihm Greenman, dass auch schon Fregattenkapitän Pitt Dressler und danach Korvettenkapitän Sebastian Rothe es vorgezogen hatten, auf die Brücke zu kommen, anstatt sich hinzulegen und auszuruhen, nachdem sie wieder wie Menschen aussahen. Dann stellte er seiner Brückencrew den Mann an seiner Seite mit vollem Namen, Dienstrang und Sonderbefugnissen und umgekehrt seine Brückenoffiziere vor. Er bot seinem neuen Freund seinen Sessel an, aber Jens lehnte dankend mit Nachdruck ab. „Nein danke, Sir. Ich habe bereits ihre Kabine. Das reicht völlig“, sagte er und achtete dabei darauf, nachdem er so förmlich vorgestellt worden war, vor der Crew nicht zu persönlich mit ihrem Vorgesetzten zu werden.
„Kannst den steifen Kragen wieder ablegen. Wir gehen hier in der Nachtschicht etwas lockerer miteinander um, wenn nichts los ist“, sagte Greenman, sehr zur Überraschung von Jens. „In der Freizeit sind wir sogar per ‚Du‘. Außerdem haben hier alle mitbekommen, wie ihr selbst untereinander umgeht. Dagegen geht es hier allerdings wirklich gepflegter zu.“ Dabei zog ein breites Grinsen über sein Gesicht.
„Sorry, das kommt wohl daher, dass wir seit mehr als zwanzig Jahren sehr eng befreundet sind und meine Jungs eigentlich auch schon ein paar Jahre außer Dienst sind. Wir haben uns vielleicht einfach schon zu oft gegenseitig den Arsch gerettet, sodass wir uns einen anderen Umgangston zugelegt haben. Trotzdem ist der gegenseitige Respekt vorhanden, auch wenn es sich manchmal nicht so anhört“, versuchte Jens sich für seine Männer und sich selbst zu rechtfertigen.
„Das brauchst du nicht extra zu sagen. Das haben wir gehört und gesehen“, gab Eric zurück. „Ihr seid ein gut eingespieltes Team. Aber jetzt sag schon, warum bist du hier? Doch bestimmt nicht, weil du nicht schlafen kannst oder unbedingt mal die Brücke eines Flugzeugträgers sehen wolltest?“
„Du hast mich durchschaut“, gestand Jens, auch zum ‚Du‘ übergegangen. „Ich brauche eine Verbindung zum Pentagon und dann eine nach Deutschland. Das Ganze, wie üblich auf einer abhörsicheren Leitung. Aber ruhig auch hier auf der Brücke zu hören. Ich könnte mir vorstellen, dass es euch sehr interessiert und es euch außerdem auch was angeht“, sagte er und reichte Eric Greenman die beiden Nummern.
Der Kapitän gab sie an seinen Funkoffizier weiter.
„Wenn ich bitten darf, Mister Scott.“
Wenig später stand die Verbindung. Jens begrüßte den Mann vom Pentagon. Kurz berichtete er über die letzten Ereignisse. Fragte, wie weit die Verhandlungen mit Eritrea vorangeschritten waren. Er hörte aufmerksam zu und schlug dann vor, zusätzlich die ägyptische und die deutsche Regierung einzubeziehen. Vielleicht half das, der Regierung von Eritrea, die Tragweite und Gefahr zu verdeutlichen, dass ihr Land bei einem Gegenangriff als Antwort auf Giftangriffe, sogar als Erstes darunter zu leiden hätte, wenn nicht schnell und beherzt eingegriffen würde. Denn allein wären sie nicht in der Lage, eine entsprechende Abwehr gegen diese reale Gefahr aufzustellen.
„Sie haben ja recht, Herr Flottillenadmiral Arend. Aber ohne das Einverständnis der Eritreer, können wir auch nicht einen Schritt in ihr Hoheitsgebiet wagen, ohne einen Krieg auszulösen“, gab der Mann vom Pentagon zu bedenken.
„Und was ist, wenn ich Beweise und absolut glaubwürdige Aussagen mit den genauen Standorten beschaffen kann?“, fragte Jens nach und wartete gespannt auf die Antwort. Kurz war nur ein Rauschen in den Lautsprechern zu hören.
„Haben sie die schon?“, war wieder die Stimme zu hören.
„Nein, Sir, und so wie ich den Mann heute gesehen habe, der sie meiner Vermutung nach vielleicht hat, wird es auch noch etwas dauern. Der ist mit allen Wassern gewaschen. Ich kann ihn nicht hier auf dem Flugzeugträger verhören. Da gilt amerikanisches Recht. Es geht also erst auf der Rückfahrt nach Hurghada, wenn wir wieder auf der ‚Sinai‘ sind. Aber ich muss unseren Männern erst noch etwas Ruhe gönnen, sonst schaffen sie keine einzige Seemeile mehr. Und im Moment haben wir zudem mit dem neuartigen Nervengift zu tun, wogegen bereits zwei Männer zu kämpfen haben. Bei uns anderen wissen wir noch nicht, inwieweit wir vielleicht ebenfalls betroffen sind. Da muss man abwarten. Aber irgendwie rechne ich schon damit. Wir müssen auf die Lieferung des Serums warten. Alles andere wäre Wahnsinn und unverantwortlicher Selbstmord. Außerdem würde es die ganze Aktion gefährden.“
„Geben Sie mir den Kapitän des Flugzeugträgers“, bat dann der Mann vom Pentagon.
„Er hört bereits mit, Sir“, gab Jens zurück.
In den folgenden Minuten besprachen sie ihr weiteres, gemeinsames Vorgehen. Der Flugzeugträger sollte dem kleinen Schiffskonvoi durch seine Jäger bis zur Hoheitsgrenze Ägyptens, sicheren Geleitschutz geben, wo dann der hiesige Küstenschutz übernehmen würde. Dabei kam dem Flugzeugträger die Aufgabe zu, sich weiterhin in diesem Gebiet aufzuhalten und alle Bewegungen von und zu den Inseln zu überwachen, aber nur einzugreifen, wenn es notwendig werden sollte. Sie sollten dann auf weitere Befehle warten. Sobald von der Regierung grünes Licht gegeben würde, könnten andere Streitkräfte hinzugezogen werden.
Zum Ende des Gespräches hin, berichtete der leitende Offizier vom Pentagon von dem Rundumschlag und den Festnahmen im eigenen Land, die an die Verhörergebnisse von Flottillenadmiral Jens Arend anknüpfend bereits durchgeführt werden konnten. Dabei wurde diverses Beweismaterial sichergestellt, das aber nicht für einen von dem Land ungenehmigten Angriff auf die Inseln ausreichte. Zudem konnten noch immer nicht die Namen der absoluten Führungsspitze von ‚New Kingdom‘ ermittelt werden. Diesbezüglich tappten sie gänzlich im Dunkeln. Es konnte auch nicht sicher davon ausgegangen werden, dass die Organisationsspitze ausschließlich aus US-Amerikanern bestünde. Denn selbst in den Splittergruppen zeichnete sich eine deutliche Spur in andere Länder ab. Die eigentlichen Hauptziele der Organisation waren ebenfalls nicht eindeutig zu erkennen. Bisher gingen die Aussagen der befragten Gefangenen erheblich auseinander. Bei der Verabschiedung versprachen sie, wieder voneinander zu hören.
Als die Verbindung wieder getrennt war, nahm Jens dankbar einen Becher Kaffee an, der ihm von einem der Offiziere gereicht wurde, und gestand dann aber auch: „Eigentlich habe ich noch viel mehr Hunger als Verlangen nach diesem wirklich guten Kaffee. Die letzte Mahlzeit der Männer und mir, war das Frühstück, und selbst das mussten wir angerissen stehen lassen.“
„Sag das doch gleich. Die Männer haben schon längst alle was zu essen bekommen, kaum dass sie aus dem Krankenhaustrakt waren. Nur du hast herumgetrödelt“, meinte der Kapitän und schickte sofort einen seiner Leute los, etwas Ordentliches zu essen für den deutschen Gast zu holen. Jens bedankte sich bei Eric und bat dann um die nächste Verbindung.
Dieses Mal führte Jens sein Gespräch gleich auf Deutsch. Der Kapitän und seine Männer auf der Brücke verstanden nichts, hörten jedoch heraus, dass es dabei um das Serum als Gegengift ging und er erheblichen Druck zu machen schien.
„Mir ist ziemlich egal, wie sie diese Menge in der kurzen Zeit herstellen“, schrie Jens plötzlich in das Mikrofon vor seinem Mund. „Es tut mir ja wirklich unsäglich leid, wenn ich Sie aus Ihrem Schönheitsschlaf gerissen habe. Aber zugegeben, das geht mir am Arsch vorbei. Sie sollten schließlich auch lieber an der Herstellung des Serums in ausreichender Menge arbeiten, als friedlich neben ihren Weibern zu pennen. Wir können es hier auch nicht. Wenn das Zeug nicht spätestens morgen Mittag da ist, gibt es hier vielleicht jede Menge gute, aber tote Männer, die zuvor stundenlang durch die Hölle gehen müssen. Können sie mit dieser Vorstellung leben? Ich verspreche Ihnen, wenn das passieren sollte, reiße ich Ihnen höchstpersönlich den Hintern auf!“
Dann lauschte der Flottillenadmiral wieder auf die müde Stimme aus dem Lautsprecher.
„Gut. Aber den Rest, und da spreche ich von noch mindestens dreihundert Positionen und keiner weniger, sondern eher dem Doppelten bis Dreifachen, um auch den Leuten hier auf dem Träger etwas davon abgeben zu können, wie besprochen. Arbeiten Sie hintereinander weg und schicken Sie es, sobald Sie es fertig haben. Aber ich warne sie: Ihr Arsch ist mir sicher, wenn das nicht klappt und morgen zu wenig in der genannten Zeitspanne bei mir ankommt. Ich brauche das Zeug dringend. Und noch ein Tipp am Rande: Denken Sie auch an die Transportzeit hier her und an die Zeitverschiebung. Sie haben also nicht bis zum Mittag Zeit, sondern sie müssen verdammt früh damit fertig sein. Machen Sie Betrieb und holen Sie Ihre Leute wieder aus den Betten. Der Tod hat keine geregelte Dienst- und Schlafenszeit, geschweige denn gesetzlich geregelte Freizeit, wie Sie. Ich hoffe, ich habe mich da klar ausgedrückt“, fauchte Jens. Dann wandte er sich dem Funkoffizier zu, und fuhr mit seiner Handkante zackig über seine Kehle. Die Verbindung wurde getrennt.
„Was ist?“, wollte der Kapitän wissen. „Gab es Ärger?“
„Ja, so könnte man es auch nennen. Die erste Lieferung des Serums ist auf dem Weg. Sie dürfte hier in drei Stunden ankommen und abgeworfen werden. Nur leider noch nicht einmal genug für ein Viertel der Männer hier. Aber diese Laborratten waren der Meinung, das würde schon reichen, und haben es stattdessen vorgezogen, pünktlich Feierabend zu machen. Dabei hatte ich ihnen ausdrücklich gesagt, dass wir jede Menge von dem Zeug benötigen und noch mehr, eben alles, was immer sie so schnell wie möglich zusammenmixen können.“ Deutlich war noch die Verärgerung in seinem Gesicht abzulesen.
„Aber vielleicht brauchen es nicht alle Männer und das Serum reicht“, gab Eric zu bedenken.
„Bedauerlicherweise müssen wir es jetzt so machen. Aber ich hätte lieber alle gleich prophylaktisch damit versorgt, damit gar nicht erst etwas passieren kann. Jeder Schmerz, den diese Männer aushalten müssen, ist einer zu viel. Das Serum wirkt am besten als absoluter Blocker oder in der Anfangsphase, wo auch schon mehr gebraucht würde. Was aber, wenn es bei allen zur gleichen Zeit oder kurz nacheinander ausbricht? Wovon ich sicherheitshalber auch ausgehen muss. Ist das Gift erst mal im Körper verteilt, dauert es mehrere Stunden, bis das Serum überhaupt wirkt. Dann bedarf es auch mehrerer Injektionen, die wir aber in dem Fall nun mal nicht gleich zur Verfügung haben werden“, erklärte Jens ruhig. Die Männer auf der Brücke verstanden jetzt auch, warum sich der Deutsche gerade bei dem Gespräch so aufgeregt und ins Mikrofon geschrien hatte.
Während Jens etwas aß, berichtete er, dass er bereits am Nachmittag alles wegen des Transportes geklärt hatte. „Ein ‚Tornado‘ der Bundeswehr ist auf dem Weg nach Hurghada und wird dort auf der ägyptischen Airbase landen. Das erste Päckchen mit dem Serum geht sofort zu Anne ins Lazarett, da sie mit dem Nervengift zuerst in Kontakt gekommen ist. Es ist überhaupt ein Wunder, dass sie noch aushält. Der Rest wird mit einer ägyptischen Militärmaschine hierhergebracht. Also wundert euch nicht, wenn nachher eine ‚Dassault Mirage 2000‘ der ägyptischen Luftwaffe hier angedüst kommt.“ Er brauchte eine kurze Pause, um einen weiteren Bissen in den Mund zu schieben, durchzukauen und herunterzuschlucken. Dann sprach er weiter: „Erst sollte das eine ‚Fishbed‘, sprich eine ‚MiG 21‘, übernehmen. Doch ihre minimale Geschwindigkeit von 230 km/h erschien mir zu hoch für einen gezielten Abwurf des Serums. Die ‚Mirage 2000‘ dagegen hat eine Minimalgeschwindigkeit von 185 km/h auf Meereshöhe. Das kommt meiner Vorstellung schon eher entgegen. Ich habe nämlich nicht vor, im Dunkeln hier noch im Meer fischen gehen zu müssen. Zumal mir das der Arzt ja verboten hat“, sagte Jens und grinste Greenman beim letzten Satz frech an, der genau wusste, worauf er damit anspielte.
Nachdem Jens aufgegessen hatte, schlug Captain Greenman vor, dass er sich doch nun zurückziehen und etwas hinlegen könne. Sie würden schon auf die ‚Dassault-Mirage 2000‘ achten.
Eric versprach ihm, ihn sofort zu wecken, sobald die Maschine in Reichweite kommt. Und sollte ihn jemand verlangen, würde er das Gespräch auf das Telefon in der Kapitänskajüte umleiten lassen, damit er dafür nicht extra aufstehen und auf die Brücke müsse.
Jens war damit einverstanden. Er war sehr müde und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Die Zeit prüfend, schaute er auf seine Uhr und gähnte hinter vorgehaltener Hand.
Bevor er sich von der Brückencrew für den Moment verabschiedete, bestand er nochmals darauf, auch wirklich geweckt zu werden, sobald sich die Mirage im unmittelbaren Anflug befand.
Er zog es vor, den äußeren Weg über die steile Treppe vom Brückendeck aus nach unten zu nehmen. Er brauchte etwas frische Luft und Zeit zum Nachdenken. Sorgenvoll blickte er dabei über das dunkle Wasser, dessen Wellen im Mondlicht eine silberne Straße bildeten. Ein leichter Nordwind trug angenehm kühle Luft mit sich.
Jens beobachtete, wie fünf Tomcats für ihren Einsatz fertig gemacht und nacheinander zu zwei der Katapulte dirigiert wurden. Captain Greenman und der Geschwaderkommandeur hatten sich dafür entschieden, ab sofort die gesamte Umgebung zu sichern. Zur Überwachung des Gebietes war bereits eine ‚E-2 Hawkeye‘ in der Luft und eine zweite Maschine wurde zur Ablösung fertig gemacht. Am Ende des Flugdecks standen drei U-Boot-Jagdflugzeuge vom Typ ‚Lockheed S-3 Viking‘ in Bereitschaft.
Gut, Eric und der CAG lassen die Suppe nicht erst anbrennen, dachte Jens beruhigt und ging in die Kapitänskajüte, die Eric ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er setzte sich auf das weiche Bett und noch während er umfiel, die Beine noch auf dem Boden, war er bereits eingeschlafen. Er hörte nicht mehr das laute Geräusch der vorschnellenden Katapultschlitten, noch das Aufheulen der Triebwerke, der startenden Maschinen.
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„Okay, Mister Miller“, sagte Captain Greenman, „rufen Sie bei Flottillenadmiral Arend durch, dass sich die ‚Dassault-Mirage‘ im direkten Anflug befindet. Aber ich könnte wetten, dass Sie den Mann nicht wach bekommen.“ Der Erste Offizier griff zum Hörer und ließ es lange klingeln.
„Nichts, Sir. Ich glaube, Sie haben recht. Soll ich jemanden schicken, um Mister Arend aus der Koje zu holen?“
„Ich denke, das wird nicht nötig sein. Du hättest die Wette verloren, Eric“, meldete sich der Geschwaderkommandeur, auch kurz CAG ‚Commander Carrier Air Wing‘, genannt, und nahm sein Fernglas von den Augen, welches er auf das Flugdeck gerichtet hatte. „Dieser Arend steht schon mit zwei der SEALs unten in den Startlöchern und schaut der Mirage entgegen. Ich glaube, dieser Kerl überlässt nichts dem Zufall, wenn es um seine Männer geht. Der ist wirklich gut.“
Die Männer auf der Brücke schauten gebannt durch ihre Feldstecher auf die sich im tiefen Anflug befindliche Maschine der ägyptischen Luftwaffe.
Jens hörte deutlich, wie das Kampfflugzeug den Gegenschub einlegte, um die Geschwindigkeit drastisch zu verringern.
„Mist, verdammter! Der hat den Rückschub zu spät aktiviert. Da kommt er zu schnell übers Deck, um den Abwurfpunkt einzuhalten. Ich hoffe, der wirft unsere Post nicht jetzt, sondern in der nächsten Runde ab!“, rief Jens laut und rannte aber vorsichtshalber schon über das langgezogene Flugdeck Richtung Heck. Er beschleunigte seinen Lauf noch, je näher die Maschine kam.
„Was hat der Mann vor? Ist der lebensmüde?“, schrie Geschwaderkommandeur Mike Reed, als er den Mann auf dem Flugdeck entlangsprinten sah. „Bei dem tiefen Anflug der Mirage wird der doch vom Triebwerksstrahl getoastet!“ Alle Blicke auf der Brücke und der Männer, die auf dem Flugdeck bereitstanden, um das Paket abzufangen, waren nur noch auf den Flottillenadmiral und die nahende Maschine gerichtet.
Ihnen stockte der Atem, als sie sahen, wie das Paket erst im letzten Viertel der Landebahn ausgeklinkt wurde und über das Ende der Startbahn zu rollen drohte. Dann wäre es so gut wie verloren, denn es würde in den Sog der kräftigen Schrauben geraten.
Sie sahen, wie der Mann sich im letzten Moment mit einem Hechtsprung auf das Päckchen warf und damit sofort seitlich abrollte, um dem heißen Triebwerkstrahl der wieder durchstartenden Maschine zu entgehen, und gleichzeitig sein brennendes Shirt zu löschen.
Keiner der Männer auf der Brücke war zu einem Wort fähig, nachdem sie diese Aktion gesehen hatten. Captain Greenman reagierte mit einer nur kurzen Verzögerung und löste den Alarm für das Rettungsteam aus.
Doch die beiden SEALs, die erst neben Jens hergelaufen waren, bis er sie aufgefordert hatte, zurückzubleiben, und allein in den gefährlichen Bereich des Jet Blas gelaufen war, waren schneller bei ihrem Freund, der bewegungslos eingerollt das Paket fest umklammernd auf dem Deck lag.
„Woher hat er gewusst, dass das Päckchen so weit hinten abgeladen wird? Er ist doch schon viel eher losgelaufen, weit bevor die Mirage überhaupt über dem Flugdeck war?“, fragte der Erste Offizier, noch immer fassungslos über diese Wahnsinnsaktion des Flottillenadmirals. Dabei schauten sie alle besorgt auf das weitere Geschehen auf dem Flugdeck.
Erleichtert atmeten sie auf, als sie sahen, wie sich der Mann, mit Hilfe der beiden SEALs wieder aufrichtete und sie gemeinsam dem auf sie zukommenden Wagen entgegengingen.
Mit einem weiten Satz sprangen die beiden SEALs, den verletzten Mann in ihrer Mitte, in das noch rollende Fahrzeug.
„Los, geben Sie Gas. Wir müssen mit ihm sofort zur Krankenstation. Also bringen sie uns zum Lift.“
Mit quietschenden Reifen wendete der Fahrer den Jeep und fuhr in entgegengesetzter Richtung über das Flugdeck zu dem Brückenaufbau, wo sich der Fahrstuhl befand. Noch bevor der Wagen abbremste, waren die Fahrgäste schon abgesprungen und liefen zum Lift. Das Warten darauf dauerte ihnen dann doch zu lange.
Jens entschied kurzerhand, die daneben befindliche Treppe zu nehmen. Polternd eilten sie nach unten. Übersprangen die letzten Stufen.
Noch während sie den Gang zur Intensivstation entlang liefen, riss Jens das Päckchen auf und drückte William und Adam je eines der Notpacks, in dem sich je fünf der Ballonspritzen mit dem Serum befanden, in die Hand.
„Ich habe euch alles Notwendige erklärt. Ihr wisst, was ihr zu tun habt“, rief Jens schnaufend. „Kümmert euch um Jack und Sebi. Lauft! Ich kann nicht mehr.“
Er ließ sich erschöpft zurückfallen und schaute den beiden jungen SEALs nach, wie sie weiter rannten und hinter der Tür der Intensivstation verschwanden. Dann brach er nach vorn gebeugt zusammen und blieb schwer atmend liegen.
Sofort war das Rettungspersonal bei ihm und begleitete ihn in den Behandlungsraum. Sie legten den Mann behutsam bäuchlings auf die Liege. Der Arzt schnitt das halb verbrannte und angekohlte Baumwollshirt auf und zog es, soweit das noch möglich war, sacht von seinem Rücken.
„Das sind Brandwunden zweiten und teils dritten Grades. Das muss operiert werden“, entschied der Arzt.
Unerwartet für den Mann griff Jens fest nach seinem Arm. „Keinerlei Art von Betäubung.“
„Aber das geht nicht. Sie haben doch nun das Serum. Wir können es ihnen verabreichen“, meinte der Arzt verwundert.
„Lass die Finger von dem Serum, Doc. Ich bin der Letzte, der davon etwas bekommen wird, wenn es nicht wirklich unbedingt nötig ist. Darauf bestehe ich. Ist das klar? Denn wir haben noch nicht genug für alle“, sagte Jens schwer atmend und erklärte erneut, dass er deshalb nicht betäubt werden will, damit er die ersten Anzeichen des Giftes merken und die Stelle sicher zeigen kann, um die sich auflösende Kapsel vielleicht noch entfernen zu können.
„Aber wenn Sie bewusstlos werden – und das werden Sie bestimmt –, dann bemerken Sie die ersten Symptome des Nervengiftes doch auch nicht“, versuchte der Arzt, seinen Patienten zur Vernunft zu bringen. Er stach ihm eine Infusionsnadel in die Armbeuge und legte ihm unter den aufmerksamen, kontrollierenden Blicken von Jens eine Ringerlösung an, um den Flüssigkeitsverlust im Körper des Mannes auszugleichen.
„Dann merke ich es aber schneller, wenn ich wieder zu mir komme. Betäubungsmittel wirken zu lange nach. Doc, kein Betäubungsmittel für mich. Und die Ballonspritzen bleiben dort, wo sie sind. Die sind für die anderen. Habe ich mich da klar ausgedrückt? Haben Sie mich verstanden?“, sagte Jens mit fester Stimme.
Erschrocken schauten sich die Männer an.
„Das ist nicht Ihr Ernst, Sir. Bei allem Respekt, Sir, aber Sie sind wahnsinnig. Das können Sie nicht von mir verlangen. Ich hole lieber den leitenden Arzt“, wehrte sich der Mediziner dagegen.
„Doch das kann ich verlangen. Und ja, tun Sie das, holen Sie Ihren Chef“, sagte der deutsche Offizier und bestand nachdrücklich darauf. Dann bat er einen der Arzthelfer um ein verschlossenes Verbandspäckchen.
Nur eine Minute später betrat der leitende Arzt der Station den Raum.
„Oh, mein absoluter Lieblingspatient. Ich höre, Sie wollen das schon wieder so durchziehen. Haben Sie das denn heute noch nicht genug geübt mit dem Schmerzunterdrücken?“, spielte der Arzt auf ihr Gespräch bei der letzten Behandlung von Jens an.
„Nun fangen Sie schon endlich an, Doc. Sie wissen ja, wie es geht. Ich muss hier schnell wieder fit sein. Wenn ich das Bewusstsein verliere, nehmen Sie mir das Verbandspäckchen aus dem Mund. Aber geben Sie es mir sofort wieder, sobald ich zu mir komme. Und noch was: Ich brauche hier keine Schönheitsoperation, dafür ist der Körper schon gezeichnet genug. Wird also nur meine Sammlung bereichern. Sehen Sie nur zu, dass es nicht zu einer Sepsis kommen kann“, forderte er den Arzt auf, bevor er sich das weiche Verbandspäckchen quer zwischen die Zahnreihen steckte und fest darauf biss.
Rasch schoben die Männer den Verletzten in den vorbereiteten OP-Saal und lagerten ihn auf den Operationstisch um.
William und Adam injizierten, so wie es ihnen Jens erklärt hatte, ihren Freunden Sebastian und Jack die ersten beiden Gaben des Serums im Abstand von je fünfzehn Minuten aus den Ballonspritzen, während zwei Ärzte die Vitalfunktionen der Männer überwachten. Pitt, der sich wieder etwas erholt hatte, setzte sich auf und beobachtete genau die Reaktionen seiner Freunde. Er gab Willi und Adam zusätzliche Anweisungen, wann und wohin sie die nächsten Injektionen geben sollten.
„Sagt mal, warum ist eigentlich Jens nicht selbst gekommen? Wieso schickt er euch?“, wollte Pitt wissen.
Adam berichtete, dass er das letzte Stück nicht mehr geschafft hatte und sie vorgeschickt habe. Dann erzählte William, wie sich Jens auf das Päckchen geworfen hatte und dabei aber noch vom Abgasstrahl der Mirage auf dem Rücken erwischt worden war, bevor er sich abrollen konnte.
Obwohl Sebastian noch mit den brennenden Schmerzen in seinem Körper kämpfte, hatte er doch alles mitgehört.
„Pitt, geh zu ihm“, brachte er zwischen zwei Schmerzschüben hervor, die zum Glück langsam schwächer wurden. „Wir kommen hier schon klar. Ich will wissen, wie schlimm seine Verbrennungen sind.“
Trotz des Protestes der beiden Ärzte stand Pitt von seinem Krankenbett auf und verließ, noch leicht schwankend, das Zimmer. Als er den Behandlungsraum der Notaufnahme erreichte, wurde Jens gerade aus dem OP gefahren.
„Wie steht es um ihn, Doktor?“, wollte er von einem der Ärzte wissen.
„Mister Pitt! Was machen sie denn hier? Sie gehören ins Bett“, empörte sich der Arzt, der sich gerade den Mundschutz abzog.
„Mir geht es gut, du Pfeife. Schere dich wieder in dein Nest und pass auf die anderen Vögel auf“, hörte Pitt die schwache Stimme von Jens, der bäuchlings auf der Liege lag und dessen Rücken dick mit Gaze und Mullkompressen abgedeckt war.
„Halt die Klappe, Kleiner, wenn ein Erwachsener mit den Ärzten spricht“, gab Pitt, erleichtert lächelnd zurück, nachdem er ihn gehört hatte.
„Sir, diese Männer hier sind alle verrückt“, beschwerte sich der Arzt, als er bemerkte, dass Captain Eric Greenman den Raum betreten hatte.
„Ich weiß, Nailson. Das habe ich auch schon festgestellt“, gab Greenman zurück. „Diese Kerle sind einfach nicht kleinzukriegen, was? Nicht die artigen Patienten, die sie sonst gewohnt sind. Aber ich kann sie trösten. Dem ägyptischen Generalstabsarzt Professor Doktor Mechier, mit dem ich gerade gesprochen habe, ging es mit diesen Männern und auch nun mit seinen jetzigen Patienten von der Truppe nicht anders.“ Dabei lächelte er den Arzt wissend an.
Flottillenadmiral Arend stemmte sich, bei den Worten von Eric, nach oben. Auch Fregattenkapitän Dressler drehte sich langsam zu Greenman um.
„Was haben Sie da gerade gesagt, Eric?“, fragte Jens. „Haben sie mit unserem Doc gesprochen?“
„Ja, deshalb bin ich hier. Ich soll Ihnen ausrichten, dass das Serum bei Anne bereits wirkt und sie sich schnell erholt. So wie es sich anhörte, sehr zum Leidwesen Doktor Mechiers, denn sie will aus dem Bett und mit ihrem Mann, Fregattenkapitän Wildner, im Rollstuhl durch die Gänge des Lazaretts düsen. Nur lassen das ihre Verletzungen noch nicht zu, wie der Generalstabsarzt mir sein Leid klagte. Die Dosis, die sie abbekommen hat, war wohl nicht ganz so hoch konzentriert und wurde durch die ständigen Blutspenden schon ziemlich gut ausgewaschen, sodass sie laut Doktor Mechier keine Schäden zurückbehalten wird.“
„Yep!“, schrieen die beiden deutschen Offiziere erleichtert auf und schlugen fest ihre Handflächen aneinander. Dabei rollten aus ihren Augenwinkeln kleine Freudentränen.
„Dann wird es Jack und Sebi auch bald wieder besser gehen. Das Serum wirkt“, stellte Pitt beruhigt fest. Aber er wunderte sich darüber, dass Jens trotzdem noch besorgt dreinblickte. Auch sein Gesicht verfinsterte sich, als er von den Befürchtungen hörte, die Jens hatte, und dass dafür noch nicht genug Serum da war, um allen Männern sofort helfen zu können.
„Doktor, wenn das wirklich eintreten sollte, dann für mich kein Serum, so lange nicht der Rest von dem Zeug da ist“, entschied Pitt für sich. „Die anderen brauchen es nötiger.“
„Damit sind Sie schon der zweite Verrückte mit dieser Bitte“, gab der Arzt mit den Augen rollend zurück. „Ich glaube, mich überrascht hier bald gar nichts mehr. Am Ende will vielleicht keiner das Zeug.“
„Doch, je nach Schweregrad, bekommen es unbedingt die betroffenen ägyptischen Männer und eure SEALs“, entschied Jens, der sich vorsichtig aufzurichten versuchte. Pitt unterstützte ihn dabei und reichte ihm eine Flasche Wasser. Die Ärzte schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, als sie sahen, wie sich der Flottillenadmiral dann auch noch die Infusionsnadel aus dem Arm riss.
„Sir, das können Sie nicht tun“, schrie Doktor Nailson. „Ihr Körper ist noch zu geschwächt. Sie brauchen Ruhe und viel Flüssigkeit.“
Jens trank ein paar Schlucke von dem Wasser und stand dann, gestützt von seinem Freund, von der Krankenliege auf.
„Ja, Doktor, ich trinke deshalb doch auch schon. Sehen Sie? Und ja, natürlich haben Sie recht. Aber nicht hier auf der harten Liege. Da wäre ich doch blöd“, meinte er und grinste frech. „Wo ich doch das Privileg erhalten habe, dafür das weiche und um vieles bequemere Bett des Cap nutzen zu dürfen. Sie verstehen sicher, dass ich mir ein solches Angebot nicht durch die Lappen gehen lassen kann. Und Wasser werde ich ausreichend trinken, das verspreche ich.“ Doch dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Ich möchte bitte sofort informiert werden, sobald sich Männer mit den ersten Symptomen des Nervengiftes, die ich Ihnen beschrieben habe, bei Ihnen melden. Sollte es mich selbst oder meinen Freund, Fregattenkapitän Dressler, mit als Erste erwischen, dann informieren Sie bitte Korvettenkapitän Rothe, den ich jetzt gleich noch aufsuchen werde. Und bitte befolgen Sie in dem Fall seine Anweisungen bei dem Vorgehen mit dem Serum. Ansonsten wünsche ich uns allen lieber eine ruhige restliche Nacht ohne böse Zwischenfälle.“
Jens ließ sich die Mullkompressen noch durch einen Verband am Körper fixieren. Am Ende war er so eingepackt, dass er kein Shirt mehr brauchte, da kaum ein Stück seines Oberkörpers frei blieb.
Captain Greenman begleitete die beiden Deutschen auf die Intensivstation, wo Jack und Sebastian noch lagen. Ihnen ging es in der Zwischenzeit aber schon etwas besser. Vor allem Sebastian erholte sich schnell. Willi und Adam waren sichtlich erleichtert, dass es ihren Freunden wieder besser ging. Sie lachten gerade über einen Witz, den Sebastian zum Besten gegeben hatte, als die drei Männer eintraten. Noch bevor die beiden SEALs aufspringen konnten, als sie den Captain bemerkten, gab dieser das kurze Handzeichen, eine Ehrenbezeugung zu unterlassen.
„Na, Zwerglein. Du, mein kleiner Stumpelnutsch“, sagte Jens grinsend zu Sebastian. „Dir scheint es ja wieder recht gut zu gehen. Was macht dein Schädel? Ist noch was von dem Hirn, was du mal hattest, drin geblieben? Mir kam es nämlich so vor, als sei alles davon auf mein Shirt gespritzt, als ich dir die Beule aufgeschnitten und ausgedrückt habe.“
„Ich glaube, zwei der grauen Zellen haben es gerade noch so überlebt und die sind jetzt im Liebesspiel, um sich zu vermehren. Aber ich habe gehört, dass du mal wieder Wildschwein am Spieß gespielt hast. Ich hoffe nur, nun bist du rundherum knusprig durchgebraten und nicht mehr nur auf der Brust“, konterte Sebastian sofort. Dabei musterte er seinen Freund genauer.
Jens ging nicht näher darauf ein, sondern drehte sich nur um und zeigte ihm seine Rückseite, auf der sich der Verband dick aufwölbte.
Sebastian hatte verstanden. „Komisch. Und ich dachte, Hexen sind weiblich und haben einen schwarzen Kater auf dem Buckel sitzen“, meinte er, noch einen draufsetzen zu müssen, und spielte damit auf den dicken Verband an, der tatsächlich wie ein Buckel wirkte.
Nach diesem Begrüßungsgeplänkel wurden sie wieder ernst und Jens informierte sie über alle Neuigkeiten. Besonders freute es Sebastian wie auch die drei SEALs, dass Anne sich auf dem Weg der Besserung befand.
Genau hörte Sebastian zu, als Jens von der neuen Konzentration und der Verzögerung des Nervengiftes durch die Kapseln und seinen Befürchtungen berichtete. Immer wieder nickte er verstehend.
„Und alle wissen, wie sie sich bei den ersten Symptomen verhalten und wo sie sich melden sollen?“, fragte er vorsichtshalber nach.
„Ja. Sie sind in Gruppenunterkünften untergebracht. Selbst wenn es einen von ihnen im Schlaf erwischen sollte, können die anderen handeln. Willi und Adam gehen, jetzt wo es euch besser geht, ebenfalls gleich wieder zurück. Auch sie können reagieren, wenn sie nicht gerade selbst zuerst betroffen sein sollten“, antwortete Jens.
„Und wie ist es mit euch beiden?“, wollte Sebastian dann noch wissen.
„Die beiden haben ihre Kabinen direkt nebeneinander“, antwortete Eric Greenman. „Jens hat meine und Pitt die von meinem Ersten.“
„Wow, nobel geht die Welt zugrunde“, meinte Sebastian grinsend. Dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Geht in Ordnung. Ich schlafe nur mit einem Auge, wie die anderen auch, und bin sofort da, wenn ich gebraucht werde. So wie immer.“
Jens übergab ihm die Tasche mit dem Serum, dann verabschiedeten sich die Männer voneinander und wünschten sich eine hoffentlich ruhige Nacht.
Eric Greenman, Pitt und Jens begleiteten zuerst die beiden SEALs in ihre Unterkünfte, dann gingen sie über die Treppe hoch zu den Kajüten des Ersten Offiziers und des Captains.
„Und wo werden Sie schlafen?“, fragte Pitt Greenman, als sie vor den Türen angekommen waren.
„Oh, wir haben im Bereitschaftsraum auf dem Brückendeck bequeme Liegen, da schläft es sich ebenso gut“, antwortete der Kapitän lächelnd. „Sehen Sie nur zu, wieder etwas zu Kräften zu kommen. Ihr Weg ist noch lang, auch wenn wir ihn hier schon etwas verkürzen können, indem wir Sie näher an die Hoheitsgewässer Ägyptens heranbringen.“
„Vergiss nur nicht, uns zum Frühstück zu wecken. Ich würde es gern mit der Mannschaft einnehmen. Du musst wissen, ich mag es, in guter Gesellschaft zu speisen. Und keine ist mir lieber als die der Männer und Frauen hier an Bord“, sagte Jens.
„Oh nein. Das würde ich mir doch nie verzeihen. Sie sind alle schon mit in der Mannschaftsmesse eingeplant“, gab Eric Greenman lachend zurück, dabei glaubte er nicht daran, dass die neuen Freunde wirklich bereits um sechs Uhr morgens wach sein würden. Er verabschiedete sich von den beiden ungewöhnlichen Männern und wünschte ihnen eine gute Nacht.
Greenman hoffte, dass sich die Befürchtungen von Flottillenadmiral Arend nicht erfüllen würden, was weitere Nervengiftkapseln betraf. Diese Schmerzen, die er bei Korvettenkapitän Rothe und Ensign Jack Darsy gesehen hatte, obwohl sie schon ein paar der Injektionen bekommen hatten, wünschte er selbst seinem ärgsten Todfeind nicht.
Auf der Brücke zurück, schauten ihn alle Männer fragend an. Als Captain Greenman dann den Daumen lächelnd nach oben hielt, atmeten sie erleichtert auf.
Wenig später zogen sich der Kapitän und der Erste Offizier in den Bereitschaftsraum zurück, um etwas zu schlafen. Der Zweite Offizier löste sie und die restliche Mannschaft ab und übernahm mit seiner Crew und dem stellvertretenden Geschwaderkommandeur das Kommando über das Schiff.
Trotz der späten Nachtstunde sprach sich bei der Besatzung des Flugzeugträgers, der Einsatz des deutschen Flottillenadmirals wie ein Lauffeuer herum.
Als am frühen Morgen die acht SEALs, gemeinsam mit den drei Deutschen und den verwundeten ägyptischen Marinetauchern und Matrosen die Messe, was ein riesiger Speisesaal war, betraten, zog sofort Ruhe in das vorher laute Stimmengewirr ein. Die Männer und Frauen der Besatzung des Flugzeugträgers, erhoben sich voller Achtung von ihren Plätzen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die drei hochrangigen Deutschen und der ägyptische Offizier wirklich mit den anderen Männern in die normale Mannschaftsmesse zum Frühstück kommen würden. Sie hatten geglaubt, sie würden, so wie es für Leute ihres Ranges üblich war, die Offiziersmesse aufsuchen.
Sofort bildeten die Männer und Frauen eine Gasse zu den für sie freigehaltenen Tischen und applaudierten anerkennend.
„Sorry, Leute“, rief Jens laut auf Englisch. „Könnt ihr das vielleicht bitte lassen. Das macht uns verlegen, und wenn wir verlegen sind, bekommen wir keinen Bissen herunter. Das wollen wir aber gern, denn wir haben mörderischen Hunger. Außer ihr wollt nicht, dass wir euch etwas wegfuttern, dann macht weiter damit.“
Ein lautes Lachen erfüllte den großen Raum, sodass es von den Wänden widerhallte. Jens hatte erreicht, was er wollte. Nämlich dass sich die Leute zurück auf ihre Plätze setzten, weiter frühstückten und wieder Normalität in der Messe einzog. Trotzdem wurden er, seine Freunde und die SEALs sowie die ägyptischen Soldaten, die alle noch immer sehr müde und erschöpft aussahen, heimlich beobachtet. Wenn einzelne Besatzungsmitglieder bemerkten, dass es einem von ihnen schwerfiel, aufzustehen, um zum Büfett zu gehen, halfen sie ihm sofort und begleiteten ihn. Dabei erklärten sie den ägyptischen Männern, worum es sich bei den einzelnen Speisen handelte und was darin war. Wofür diese wiederum dankbar waren, da sie Schweinefleisch und dessen Nebenprodukte mieden. Das beobachteten auch die deutschen Freunde und waren angenehm überrascht und sichtlich erleichtert, dass es so gut funktionierte und sie deshalb nicht einschreiten mussten.
Gerade als Pitt zum Büfett gehen wollte, um für sich und Jens etwas zu holen, ließ einer der ägyptischen Marinetaucher plötzlich seinen Kaffeebecher fallen und beugte sich unter Schmerzen nach vorn über.
„Das Spiel beginnt“, flüsterte Jens leise. Und schon sprangen die drei Deutschen auf, dass die Stühle nur so nach hinten davonflogen, und liefen zu dem Mann.
„Monrasser, woher kommt der Schmerz?“, fragte Jens den Ägypter auf Arabisch, kaum dass er bei ihm war und sich neben ihn gehockt hatte. Sofort zeigte der auf seinen Rücken. Jens und Pitt sahen sich kurz an.
Sebastian griff zu einem der Notpacks, das er, wie Jens und Pitt auch, an einem speziellen Gurt trug. Er riss es auf und stach die Kanüle der Ballonspritze direkt an die Stelle, die ihnen der Mann genannt hatte, in den Rücken und drückte dann den Ballon nur sehr langsam aus. Am Boden hockend, warteten sie die Wirkung des Serums ab und hielten so lange den Mann fest. Jeder der SEALs und der ägyptischen Soldaten wusste nun, dass der Flottillenadmiral mit seiner Befürchtung richtig lag.
Das vorher ausgelassene Klima war sofort einer ernsten, bedrückenden Stimmung gewichen. Auch die Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers wussten, was das bedeutete und ab jetzt auf dem Spiel stand.
Monrasser erholte sich nach der Serumgabe rasch wieder und die Freunde halfen ihm, aufzustehen. Obwohl der Mann sich zusammengerissen und den Schmerz verbissen hatte, waren seine Augen gerötet und Tränen zeichneten sich in den Augenwinkeln ab. Verlegen versuchte er, sie ungesehen wegzuwischen.
Doch Sebastian nahm den Mann zur Seite. „Monrasser, du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Diese Tränen kommen, ob du es willst oder nicht. Mir ging es nicht anders.“ Beruhigte er den Mann, den er schon eine Weile kannte.
„Und damit waren es nur noch elf“, flüsterte Jens leise. Pitt und Sebastian wussten, was er damit meinte. Sie hatten nur noch elf Ballonspritzen für vielleicht vierzig betroffene Männer. Und Monrasser würde in einer Viertelstunde eine weitere Injektion benötigen.
Gerade als Pitt dem Ägypter die zweite Dosis verabreichte, betrat Captain Greenman die Mannschaftsmesse. Sonst speiste er eigentlich in der Offiziersmesse, doch als er hörte, dass sich der Flottillenadmiral mit seinen Leuten tatsächlich in der Messe der Trägerbesatzung eingefunden hatte, wollte er sehen, ob das stimmte. Die Männer und Frauen des Flugzeugträgers sprangen von ihren Plätzen, doch Greenman ignorierte das.
Sofort lief er zu den Deutschen, die sich um den Ägypter kümmerten. „Also lagen Sie mit Ihrer Vermutung richtig“, schlussfolgerte er.
„Ja, leider. Aber ich hoffe noch immer, dass es nicht jeden erwischt hat. Haben Sie schon etwas gehört, ob der Nachschub auf dem Weg ist?“, fragte Jens und erhob sich unter Schmerzen.
Eric schüttelte bedauernd den Kopf.
„Dann haben wir hier bald ein Problem und Sie eine überfüllte Krankenstation. Lassen wir uns nichts davon anmerken, ehe eine Panik bei den betroffenen Männern ausbrechen könnte. Kommen Sie, Eric, setzen wir uns einfach an den Tisch“, schlug Jens vor.
Die Besatzungsmitglieder hatten alles genau beobachtet und kümmerten sich nun noch aufmerksamer um die Gäste. Sie bewirteten sie, sodass keiner von ihnen extra zum Büfett musste, um sein Essen zu holen.
Monrasser, der ägyptische Marinetaucher, hatte sich nach der zweiten Serumgabe wieder etwas erholt. Trotzdem schien er noch immer extrem verstört zu sein. Er hatte zwar von den Symptomen gewusst, aber nie vermutet, dass der brennende Schmerz so abrupt auftreten und gleich so heftig sein würde. Er brauchte noch eine Weile, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. Sebastian blieb so lange neben ihm sitzen und sprach ihm immer wieder gut zu. Er wusste, was der Mann, wenn auch nur wenige Minuten, durchgemacht hatte. Dabei war Monrasser bewusst, dass Sebastian diese Qualen viel länger ertragen hatte, und nahm sich ein Beispiel an seiner Stärke. Nachdem es dem Mann wieder besser ging, erhob sich Sebastian von dem Stuhl, stützte sich auf seine Krücken, und kehrte zum Tisch seiner Freunde zurück.
„Das war einer der Männer aus der unteren Höhle“, flüsterte Pitt besorgt. „Wir waren zur Zeit des Einsturzes da unten fünfundzwanzig Mann. Sie alle haben Steine und halbe Felsbrocken aus der Decke abbekommen, weil sie sich, unserem Beispiel folgend, über die Kisten geworfen hatten. Wenn es als Nächstes einen von den Matrosen erwischt, wissen wir, dass es auch in der oberen Höhle solche Giftkapseln in der Höhlendecke gegeben hat. Denn auch sie wurden von Steinen der einstürzenden Felsendecke getroffen.“
„Mich könnt ihr aus der Rechnung herausnehmen“, flüsterte Jack. „Bleiben aus der unteren Höhle aber immer noch dreiundzwanzig, nach Monrasser gerade. Und ihr seid auch dabei. Zu viele für nur noch elf Ballonspritzen.“
„Falsch gerechnet, es sind nur noch zehn, nach der zweiten Dosis für Monrasser gerade. Selbst wenn wir die Zahl um Jens und mich heruntersetzen, reicht es noch nicht, bis die zweite Lieferung eintrifft“, flüsterte Pitt.
„Wie meinst du das, mit dem ‚um euch heruntersetzen‘?“, wollte Tyler wissen.
„Wenn es uns erwischen sollte, bevor das restliche Serum da ist, dann verzichten wir auf das Zeug und lassen uns die Kapsel, die theoretisch nur knapp unter der Haut sitzen kann, samt dem, was noch darin ist, so gut es geht herausschneiden und warten dann auf das Gegenmittel, bis es für alle zur Verfügung steht“, erklärte Jens ruhig. „Anne und zuvor auch Andy haben es sehr lange damit ausgehalten. Auch wenn wir nicht wissen, ob es Anne in der hoch konzentrierten Form erwischt hat, wie hier Sebi und Jack. So gehe ich doch davon aus, wenn die Kapsel schnell genug entfernt wird, dass dann nicht zu viel von dem Zeug in den Körper gelangt und es längere Zeit auszuhalten ist. Wir haben gelernt, mit Schmerzen umzugehen.“
„Das Zeug ist die Hölle“, meinte Jack, „und ich weiß, wovon ich spreche. Man bekommt alles bei vollem Bewusstsein mit. Es ist eine Erleichterung, ohnmächtig zu werden. Nur leider ist das immer bloß von kurzer Dauer und kommt doppelt so heftig zurück. Das wünsche ich nichteinmal meinem ärgsten Feind.“
„Da magst du recht haben, Jack. Aber wem von den Männern willst du das erleiden lassen, was du durchgemacht hast? Kannst du mir einen zeigen? Das kannst du nicht. Wenn Pitt und ich verzichten, sind es aber schon wieder zwei mehr, denen wenigstens kurz geholfen werden kann, bevor das restliche Serum eintrifft.“
„Ich bin mit dabei“, meldete sich David.
„Ich auch“, kam von Brandon. Danach meldeten sich auch William, Tim und Robert, auf das Serum zu verzichten, sollte es sie erwischen.
„Jungs, das wird aber ein Trip durch die Hölle“, mahnte Sebastian. Doch keiner der Männer trat von seinem Entschluss zurück. Nach einigem Überlegen entschlossen sich auch Adam und Tyler, auf das Serum zu verzichten.
Eric Greenman hatte die ganze Zeit ruhig dagesessen und den Männern zugehört. Er erkannte deutlich, welch guten Einfluss die Deutschen auf die Gruppe der jungen SEALs hatten. Ebenso hatte er bemerkt, dass in der kurzen Zeit der engen Zusammenarbeit auch zwischen den SEALs und den Ägyptern eine tiefe Freundschaft entstanden war. Die Männer sprachen sich bei den Vornamen an und verstanden sich nahezu blind untereinander, obwohl sie aus so unterschiedlichen Völkern und Glaubensgruppen stammten. Da trafen gläubige Christen auf Männer islamischen Glaubens sowie auf Atheisten, also Ungläubige, und sie verstanden und respektierten sich. Auch so manche Sprachbarriere bildete dabei kein Hindernis. Für Captain Greenman war das eine völlig neue, aber schöne Erfahrung. Er beobachtete, wie die drei Deutschen immer wieder geduldig zwischen ihnen die Vermittler spielten, indem sie bei Übersetzungen halfen, wenn die Männer auch über die englische Sprache nicht weiterkamen. Die Achtung, welche die drei Deutschen ohnehin schon durch ihre Leistung bei ihm hatten, wuchs noch um ein Vielfaches. Er erkannte, dass sie keinen Unterschied zwischen Menschen verschiedenen Glaubens machten, sondern bemüht darum waren, dass sie sich untereinander verstanden.
Greenman wurde schlagartig aus seinen Gedanken gerissen, als einer der SEALs am Tisch plötzlich vor Schmerzen krampfte.
„Linkes Schulterblatt. Kein Serum!“, brachte David, den Schmerz unterdrückend, hervor. Jens und Pitt reagierten sofort. Griffen dem Mann unter die Arme. Jens warf Sebastian schnell noch den Gurt mit den Ballonspritzen zu. Sie nahmen den jungen Ensign in ihre Mitte und liefen mit ihm aus dem Speisesaal zum Krankenhaustrakt.
Noch ehe die Ärzte reagieren konnten, griff Jens zum Skalpell. David hatte am linken Schulterblatt nur eine kleine Wunde. Während Pitt bereits eine Spritze mit Adrenalin und etwas Lidocain als Lokalanästhetikum aufzog und die Nadel in dem Bereich unter die Haut stach, um eine stärkere Blutung beim Schneiden zu vermeiden, begann Jens schon mit dem ersten Schnitt. Er öffnete die Wunde, griff zu einer Pinzette und konnte die kleine Giftkapsel entfernen, bevor sie sich ganz auflösen konnte. Zum Schluss saugte er die Schnittwunde zusätzlich gründlich aus. Zum Erstaunen der Ärzte schloss Jens Arend die Wunde durch eine saubere Naht mit zwei Stichen.
„Sir, gibt es etwas, was Sie nicht können?“, fragte einer der Ärzte.
„Ja, jede Menge. Ich kann kein Flugzeug, geschweige denn einen Hubschrauber, fliegen. Auch ein U-Boot bin ich zu blöd, zu steuern, und ich habe es noch nicht geschafft, eine Frau so fest an mich zu binden, dass sie mich heiraten will“, antwortete Jens trocken, während er ein Pflaster über die frische Wunde des Ensigns legte. Dabei huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Kurz flackerte die Erinnerung in ihm auf, dass vor einigen Jahren Romana Veit, jetzt mit seinem Freund Ralf Richter verheiratet, fast die gleiche Frage gestellt bekommen und ähnlich geantwortet hatte. Schnell war er wieder im Hier und Jetzt und wandte sich dem jungen Seal zu. „David, wie geht es dir? Kannst du es noch etwas aushalten?“
„Es geht. Ich komme schon damit klar. Jack und Sebi haben es ja auch geschafft. Passt nur auf die anderen auf.“
„Eine Kapsel ist raus, das muss aber nicht heißen, dass es das war bei David. Achten Sie bitte darauf, wie schlimm die Symptome werden und ob sie sich vielleicht mit einem Mal steigern. Passen Sie nur gut auf unseren Freund auf. Außerdem könnte es passieren, dass wir schon bald mit dem nächsten wiederkommen müssen. Also halten Sie bitte immer frische OP-Bestecke und eine Liege bereit“, sagte Pitt zu den verdutzt guckenden Ärzten, während sie den Raum, den SEAL aber zurücklassend, wieder verließen.
„Ich hoffe, du weißt, dass ich nicht so gut im Schnippeln bin wie du, sollte es dich erwischen“, sagte Pitt auf dem Rückweg zur Messe. „Ich hatte nicht so eine gute medizinische Grundausbildung wie du und Sebi, sondern nur so das Wichtigste.“
„Na und? Dafür kannst du die gefährlichsten Knallfrösche entschärfen, wo ich wiederum passen muss. Jeder hatte bei unserer Truppe sein Spezialgebiet. Und vielleicht kommst du ja um das Schnippeln drumherum. Sicher hat es bei mir das Zeug schon rausgebrannt, wenn welches drin war. Aber gut wäre es, wenn Sebi schnell ein neues Bein bekommen würde, damit er wieder voll einsatzbereit ist. Auf Krücken gestützt kann er nicht am OP-Tisch stehen und hat es auch so schwerer, schnell bei den Leuten zu sein, die seine Hilfe benötigen. Denn wenn es uns beide erwischt, haben wir nur Sebi. Die Ärzte hier kennen sich mit der richtigen Dosierung des Serums noch nicht aus und es ihnen alles zu erklären, würde zu lange dauern. Sie können zwar die Spritzen geben und sicher auch schneiden, nur wann welche Spritze wohin zu platzieren ist, das wissen leider nur wir drei, und es ist immer von den jeweiligen Symptomen und den Körperteilen abhängig, von wo aus es beginnt, auszustrahlen. Und wir wissen es nur dank Andy und Sebi. Bloß gut, dass sie vor drei Jahren genau auf den Verlauf und die unterschiedlichen Wirkungen der Spritzen geachtet haben, als es Andy so schwer erwischt hatte“, meinte Jens und sagte dann, kurz vor der Tür der Mannschaftsmesse: „Ich hoffe, dass ich jetzt wenigstens in Ruhe fertig frühstücken kann.“
Alle Augen waren fragend auf die beiden Männer gerichtet, als sie den Raum betraten. Pitt hob den Daumen, um die Gemüter zu beruhigen. Doch als die Freunde am Tisch in die Gesichter der beiden Männer sahen, wussten sie, dass es keineswegs in Ordnung war. Wie auch. Trotz des selbstlosen Einsatzes von David war es noch immer zu wenig Serum für alle.
Während Jens fertig frühstückte, fasste er einen Entschluss. Er stand vom Tisch auf und richtete sich an die Männer des ägyptischen Schiffsverbandes.
„Ich schlage vor, dass wir alle hier zusammenbleiben, um schneller helfen zu können. Ihr kennt mich schon länger und wisst, dass ich nie mit der Wahrheit hinter dem Berg halte. Also fange ich hier und heute auch nicht damit an. Hier der aktuelle Stand: Wir haben noch nicht genügend Serum für alle. Das wird aber hoffentlich gegen Mittag eintreffen. So lange müssen wir durchhalten. Das bedeutet, dass wir nur direkt Betroffenen das Gegenmittel verabreichen können. Also bitte versucht nicht, die Helden zu spielen, sondern meldet euch schon bei den ersten Anzeichen, wenn ihr die stark brennenden Schmerzen spürt. Sonst würde sich die Dosis, die derjenige an Serum benötigt, zusätzlich erhöhen, die wir aber noch nicht haben. Aber wir werden euch sofort helfen, so gut es uns möglich ist, das verspreche ich. Ihr wisst bereits, dass die erste Serumgabe die ersten Schmerzen nur lindern und verzögern kann. Danach beginnt es, in euren Adern zu kochen und zu brennen. Es tut mir leid, aber wenn wir keinen von euch lebensgefährlich gefährden wollen, müssen wir den Lauf durch die Hölle auf uns nehmen. Ensign David Rain, den ihr alle kennt, ist schon mitten in dieser Hölle. Er hat auf jegliche Serumgabe verzichtet, um einem weiteren Mann von euch diese Qualen ersparen zu können“, erklärte Jens auf Arabisch und wiederholte es dann noch einmal auf Englisch für Captain Greenman und die SEALs seiner Truppe.
Während es die Ägypter und SEALs des Teams gefasst aufnahmen, weil sie wussten, worum es für sie ging, waren die davon nicht betroffenen Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers, die noch in der Messe frühstückten, erschrocken und zutiefst erschüttert. Bewundernd sahen sie zu den Männern hinüber, die scheinbar ganz ruhig weiter aßen. Obwohl sie wussten, dass sie auf einer Art Abschussliste standen und vielleicht eine kleine, tickende Nervengiftbombe in sich trugen.
Ein Wettlauf gegen die Zeit hatte begonnen.
41
Jens hatte bereits die ganze Zeit über Schmerzen im Rücken, die er aber hauptsächlich auf die Verbrennungen schob und unterdrückte. Doch als das starke Brennen dazu kam, beschloss er für sich, das auszuhalten, ohne sich unters Messer zu begeben, denn in der Krankenstation war bestimmt schon der Teufel los und sie würden jede freie Hand für die anderen brauchen. Außerdem konnte er diesen Schmerz bei all den Wunden auf seinem Rücken nicht einwandfrei lokalisieren.Nach einer Weile wurde Sebastian von einem jungen amerikanischen Matrosen gebeten, mit ihm zu kommen. Noch etwa geschwächt und unter Schmerzen, die noch von dem Gift stammten, folgte er auf seinen Krücken gestützt dem Mann durch den Speisesaal nach draußen.
„Ich glaube, meine Jungs haben sein neues Bein für die Anprobe fertig. Sie haben sich gleich daran gemacht und schon daran gewerkelt, kaum dass sie davon erfahren hatten“, erklärte Greenman.
Jens schaute ihn ungläubig an. „Wie soll das gehen? Ihr hattet doch gar keine Angaben von Sebi bekommen und die letzte Nacht war er dazu ja wohl auch nicht fähig. Und die Form und Maße seines Beinstumpfes habt ihr doch auch noch nicht genommen.“
„Das ist richtig. Aber das Pentagon und auch Sebastians Frau waren nicht untätig. Die ersten Angaben haben wir von ihr bekommen und dann wurde der Mann ausfindig gemacht, der die Prothesen für den Korvettenkapitän gefertigt hatte. Er konnte uns alle nötigen Maße und Besonderheiten dieser Prothesen nennen und hat sogar per Mail eine genaue Zeichnung und Fotos des Beinstumpfes geschickt. Die Jungs erstellten mit einem 3D-Drucker ein Modell davon und haben zwei Tage und zwei Nächte in drei Schichten durchgearbeitet, um die Prothese jetzt erst einmal so zu fertigen, dass sie bequem auch mit den Verbänden, die Sebi noch tragen muss, perfekt passen sollte. Dafür haben sie sich zusätzlich die genauen Maße von unserem Arzt geben lassen, der eine spezielle Wundabdeckung dafür gebastelt hat“, erklärte Eric Greenman. Pitt und Jens staunten nicht schlecht.
„Na, da bin ich ja mal gespannt, wie die Äuglein von unserem Kleinen wieder leuchten werden, wenn er hier wieder hereinspaziert kommt“, meinte Pitt.
Sebastian war ohne seine Beinprothese nur ein halber Mensch. Zumindest fühlte er sich selbst so. Das Fehlen seiner Prothese zeigte ihm immer wieder auf, wie eingeschränkt sein Leben ohne sie war.
„Taraaa!“, rief Sebastian laut und riss seine Arme in die Luft, als sich die Tür zur Messe öffnete und er mit vier Matrosen an seiner Seite eintrat. Seine grünen Augen schienen um einige Nuancen heller zu strahlen, als er ohne Krücken und ohne auch nur leicht zu hinken durch den Raum zum Tisch seiner Freunde ging.
Die Besatzungsmitglieder des Flugzeugträgers und Captain Greenman glaubten nicht, was sie da sahen. Erstaunt erhoben sie sich von ihren Plätzen. Diesem Mann war nicht anzumerken, dass er eine Unterschenkelprothese trug. Hätten sie ihn nicht zuvor auf Krücken mit dem Beinstumpf gesehen, sie würden es nicht glauben. Während sie noch ungläubig schauten, klatschten die Ägypter und SEALs Beifall und pfiffen begeistert, weil sie sich mit ihm freuten. Sie kannten ihn so, wie er jetzt wieder war. Der Beifall beflügelte Sebastian noch und er vollführte die reinsten Kunststücke und sprang dabei wild herum. Etwas außer Atem lief er dann zum Tisch, an dem seine Freunde saßen.
„Habt ihr das gesehen, Mädels?!“, fragte er völlig begeistert. „Die Jungs hier haben gezaubert. Das Bein ist sogar noch besser als meine vorigen Prothesen. Es sind hier richtige kleine Tüftler an Bord. Und stellt euch vor, sie haben sogar noch ein zweites für mich, wenn ich den Verband nicht mehr tragen brauche. Dabei geht dieses hier aber dann auch zu verstellen. Einfach sagenhaft. Und das Material erst. Ich kann es kaum erwarten, es beim Tauchen auszuprobieren. Die Jungs haben mir versichert, auch daran gedacht zu haben. Wahnsinn, was?“, schwärmte er und war noch ganz aus dem Häuschen. Konnte sich vor lauter Freude darüber kaum wieder beruhigen.
Captain Greenman schaute immer noch vollkommen erstaunt. „Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit, dass man dir gar nichts mehr ansieht. Ich dachte zumindest, dass du hinkst und an einem Stock gehen müsstest. Aber das hier ist unglaublich“, gestand er.
„Ja, Sir, das kommt daher, dass ich absolutes Vertrauen zu der Prothese habe und sie als normales Körperteil annehme. Es ist wie bei einer guten Zahnprothese. Hat man sich erst einmal damit abgefunden und akzeptiert, dass man sie hat, spürt man sie gar nicht mehr und geht ganz selbstverständlich und normal damit um, sodass es keinem anderen auffällt. Das ist die einfache Theorie dazu. In der Praxis sind es hartes Training, jede Menge Schweiß, Schmerzen und mein Dickschädel gewesen, dass ich es so geschafft habe“, erklärte Sebastian, der das Hosenbein hochgeschoben hatte und sanft über das Material am Schaft der neuen Prothese strich. „Sir, Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet, wieder richtig laufen zu können. Und mit dieser Prothese, die so super gearbeitet ist und sicher sitzt, ist es ein wahrer Genuss. Ich weiß gar nicht, wie ich euch allen dafür je danken kann. Es ist einfach wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Danke.“
„Jungs, ich will ja die Freude nicht schmälern“, flüsterte Pitt ernst. „Aber schaut mal rüber zu Ramadan, und damit es nicht langweilig wird, erwischt es mich auch gerade in Höhe der linken Lende. Also, wer von euch spritzt und wer schneidet?“ Jens und Sebastian schauten sich nur kurz an, dann schnappte sich Sebastian ein Notpack und lief zu dem Marinetaucher.
„Ich glaube, so langsam geht es los und es könnte sein, dass es nun Schlag auf Schlag geht. Also, wenn es einen von euch erwischt, kommt so schnell wie möglich in den OP 1. Dann müssen wir zur Massenabfertigung übergehen, außer ihr überlegt es euch anders und wollt doch lieber das Serum. Aber ihr wisst, wir haben noch nicht genug. Na ja, nur noch für neun Leute. Aber es muss ja auch nicht jeden erwischt haben“, sagte Jens zu den SEALs und stand mit Pitt auf. Langsam gingen sie durch den Speisesaal zur Tür.
Doch kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, liefen sie schnell los. Bereits auf dem Weg zur Krankenstation zog Pitt sein Shirt aus und Jens streifte sich, während des schnellen Laufes die Gummihandschuhe über, die er für diesen Fall schon in einem sterilen Pack in der Hosentasche bei sich trug.
„Wie weit strahlt es aus?“, wollte Jens wissen, als sich Pitt auf die Liege legte.
„Nur minimal, aber nimm dir auch die Stelle rechts in Höhe des letzten Rippenbogens vor. Ich glaube, ich habe gleich zwei solcher Dinger abgefangen“, antwortete Pitt ruhig.
Jens winkte einen der Ärzte zu sich und bat ihn, diese Stelle zu übernehmen. „Gemeinsam geht es schneller“, erklärte er und zeigte auf das von Pitt angegebene Gebiet, was Pitt auch noch einmal bestätigte.
„Wir spritzen nur Adrenalin, damit es beim Schneiden nicht so stark blutet. Dann müssen wir so viel wie möglich von dem Zeug erwischen und gut absaugen. Ich brauche den Mann die nächsten Stunden noch, bis das restliche Serum da ist.“
Der Arzt hatte verstanden. Auf ein Zeichen von Pitt hin, begannen sie ihre Arbeit und konnten die zwei noch nicht vollständig aufgelösten Kapseln, knapp unter der Haut, entfernen. Noch während sie die kleinen Wunden verschlossen, kam Tim und meldete sich mit einem brennenden Schmerz am linken Schulterblatt. Jens ließ den Arzt seinen Freund weiterbehandeln und kümmerte sich sofort um den SEAL. Gemeinsam bestimmten sie die genaue Stelle des Schmerzes.
Nach einer nur geringen örtlichen Betäubung, die Pitt gar nicht erhalten hatte, griff Jens zu dem Skalpell, das ihm eine junge Krankenschwester reichte. „Wie sieht es oben aus?“, fragte er Tim, um ihn damit etwas von dem Schmerz des Schneidens abzulenken.
„Ich glaube nicht, dass du das wirklich wissen willst. Da beginnt der Bär gerade zu tanzen. Es könnte sein, dass du hier auch bald ein paar mehr Männer auf der Station haben wirst. Das Serum ist gleich alle“, antwortete Tim mit zusammengebissenen Zähnen, sich den Schmerz verkneifend.
Als Pitt das hörte, stand er sofort wieder von der Liege auf und streifte sich sein Shirt über. „Ich gehe hoch und löse Sebi ab. Er wird hier unten nötiger gebraucht.“
„Kommst du mit den Schmerzen so weit zurecht?“, fragte Jens konzentriert, während er Tim weiter behandelte.
„Zur Not knalle ich mir Morphin rein. Auch wenn ich weiß, dass es nicht viel ausrichten kann gegen das Zeug. Aber es beruhigt“, antwortete Pitt kurz und verschwand auch schon.
Sebastian brachte, begleitet von Greenman, gleich William und Robert mit, die es nun auch erwischt hatte. Während sich Sebastian sofort um William kümmerte, erklärte Jens den drei dazugekommenen Ärzten anhand von Robert, worauf es ankam, um die richtige Stelle zu finden. Er erläuterte dann die genaue Vorgehensweise beim Entfernen der Kapsel, sollte sie noch in der Wunde zu sehen sein. Dabei wies er noch darauf hin, die Wunde so gründlich wie nur möglich auszusaugen oder auszuspülen, um so viel von dem Gift zu erwischen, wie es nur möglich war.
„Ich weiß, dass Sie das alles studiert haben und können. Mir ist auch klar, dass ich Ihnen hier wie ein Neunmalkluger Besserwisser vorkommen muss. Aber das Zeug hat es in sich. Und so schwer es ihnen auch fallen mag, meine Herren. Verwenden Sie nur eine minimale Dosis einer örtlichen Betäubung und die auch nur, wenn es nicht anders geht, aber immer Adrenalin, damit sich die Gefäße schnell verengen, um zu verhindern, dass noch etwas von dem Zeug in die Gefäße eindringen kann. Außerdem könnte es sein, wie wir gesehen haben, dass sich auch noch eine zweite oder gar dritte Kapsel in den Rücken der Männer befindet, die sie dann so schnell wie möglich aufspüren und entfernen müssen, um die Giftdosis im Körper so gering wie nur möglich zu halten“, erklärte Jens. Die Männer nickten ihm ernst zu und waren dazu entschlossen, ihr Bestes für die Betroffenen zu tun.
Jens spürte, wie das Brennen auf seinem Rücken schnell zunahm und bereits auf den gesamten Körper übergriff. Er wusste jetzt ganz genau, dass es nicht von den Brandverletzungen herrühren konnte.
Er bat Greenman, mit ihm auf die Brücke zu gehen. Denn es interessierte ihn sehr, ob die zweite Sendung des Gegenmittels endlich auf den Weg gebracht worden war und wie lange es noch dauern würde, bis die Lieferung endlich hier auf dem Flugzeugträger eintraf. Außerdem wollte er vermeiden, dass sie wieder erst so spät abgeworfen wurde wie die letzte.
Er hatte nicht mehr viel Zeit, um das alles noch klären zu können, bevor er sich nicht mehr gegen den Schmerz und die Krämpfe wehren konnte.
Auf der Brücke angekommen, stellte der Funkoffizier sofort die verlangte Verbindung her.
Jens setzte sich auf einen der bürostuhlähnlichen Plätze. Als er sich etwas bequemer zurücklehnen wollte, schnellte er sofort wieder nach vorn. Er hatte den Schmerz im Rücken unterschätzt. Fest umklammerte er die Armstützen und schloss die Augen, um sich zu konzentrieren.
„Jens, es hat Sie doch auch erwischt“, stellte Greenman leise fest. „Sie müssen selbst auf den Tisch.“
„Mag sein, ja. Aber die Männer haben auch ohne mich da unten alle Hände voll zu tun. Zudem habe ich es schon vor über einer Stunde bei mir bemerkt. Es sind mehr als drei Stellen betroffen. Sprich, es ist schon im ganzen Rücken verteilt und geht rasend schnell auf den Rest des Körpers über. So viel geht nicht rauszuschneiden und durch die verbrannte Haut ist es auch nicht so leicht zu lokalisieren. Jetzt ist es viel wichtiger, dass das neue Serum hier eintrifft und es nicht über das Flugdeck hinaus schießt. Jede Sekunde ist für die Männer hier eine Sekunde zu viel, die sie auf das Zeug warten müssen“, erklärte Jens und sprach schon eine Minute später mit dem Leiter des Labors in Deutschland. Danach ließ er sich mit den deutschen Luftstreitkräften verbinden, um zu erfahren, wann das Paket in Ägypten eintrifft.
Zufrieden über die Nachricht, dass das Paket direkt ohne Zwischenstopp von dem Piloten zum Flugzeugträger gebracht werden soll, ließ er sich mit dem Piloten verbinden, der für den Überflug mit Abwurf des Pakets vorgesehen war.
Nachdem sich der Pilot meldete, der gerade das komplizierte Manöver der Luftbetankung abgeschlossen hatte, erklärte ihm Jens, um Ruhe bemüht, das Flugmanöver, das der Pilot ausführen sollte. Er beschrieb, wo genau, in welcher Höhe und Geschwindigkeit das Paket ausgeklinkt werden muss, damit es sicher auf dem Flugdeck landet. Dabei ließ er sich vom Ersten Offizier die derzeitige Windgeschwindigkeit und Richtung über dem Flugdeck des Trägers geben und rechnete sie in seine Überlegungen mit ein. Dann machte er den Piloten darauf aufmerksam, dass er den Abwurfzeitpunkt auf keinen Fall verpeilen dürfe, sondern lieber in einer engen Kehre neu anfliegen solle, wenn es notwendig sein sollte.
Das Paket dürfe auf gar keinen Fall über das Deck hinausschießen und hinter dem Träger in dessen Schrauben landen. Jede Sekunde war kostbar. Danach ließ er sich auf den internen Bordfunk des Schiffes legen und informierte die Leute auf Arabisch, dass sie noch fünfundvierzig Minuten bis zu einer Stunde aushalten mussten.
„Cap, können Sie ihre Leute rings ums Flugdeck verteilen, aber so, dass sie nicht gebraten werden und trotzdem das Paket abfangen könnten, sollte es doch wieder zu nah an den Rand kommen“, bat Jens und sprach mit immer noch geschlossenen Augen weiter. „Ich kann es dieses Mal nicht mehr selbst machen. Außerdem wird das Ding auch um einiges größer sein. Das Zeug muss dann sofort zu Pitt und Sebastian gebracht werden. Und sorgen Sie bitte dafür, dass Pitt selbst sich die ersten Spritzen setzt, damit er wieder schmerzfrei ist und den anderen dadurch besser und schneller helfen kann. Kann sein, dass er da erst etwas stur ist und rumzickt, weil er den anderen unbedingt weiter helfen will. In dem Fall bestehen sie darauf.“ Eric Greenman verstand, was Jens meinte, und versprach, danach zu handeln.
Er gab auch gleich die ersten Befehle an die gesamte Besatzung raus.
„Die Leute werden rings ums Flugdeck stehen und keine Maus durchlassen. Die ägyptischen Schnellboote werden auch von ihren Kapitänen und unseren Leuten besetzt und können zur Not schnell bei der Abwurfstelle sein, sollte es doch im Meer landen“, erklärte Eric und drehte sich gerade in dem Moment zu Jens herum, als dieser seine Augen wieder öffnete. Greenman schnappte erschrocken nach Luft, als er in die blutigroten, unterlaufenen Augen von ihm blickte, die gerade zu tränen begannen.
„Jens, sie brauchen Hilfe“, sagte er besorgt.
„Danke, Sir. Die gebe ich mir gleich selbst“, antwortete er und konzentrierte sich darauf, aus dem Sessel aufzustehen und so aufrecht wie möglich, seine wahren Schmerzen verbergend, die Brücke zu verlassen.
Jens hatte alles getan, was in seiner Macht stand, um den verletzten Männern zu helfen. Zu mehr war er derzeit nicht mehr in der Lage. Mit letzter Kraft schleppte er sich an der Reling entlang und durch die verwaisten Gänge.
42
Als der Tornado auf dem Radarschirm des Flugzeugträgers auftauchte und sich der Pilot meldete, gab Captain Greenman sofort den Alarm für die gesamte Besatzung. Alle liefen auf das Flugdeck und schwärmten aus, um ihre Positionen am Rand des Flugfeldes einzunehmen. Ein Jeep stand mit vier Männern bereit, um das Paket schnell abzuholen und zum Brückenaufbau zu dem Lift zu bringen. Die ägyptischen Kapitäne brachten ihre Schnellboote vor, hinter und seitlich vom Flugzeugträger in Position. Auf den Booten standen amerikanische Matrosen mit Enterstangen auf den Decks bereit, um das Paket schnell aus dem Meer zu fischen, sollte es doch dort landen. Als alle ihre Plätze eingenommen hatten, schauten sie gespannt nach Norden und suchten den Himmel nach dem ‚Panavia 200 Tornado-Kampfflugzeug‘ der Deutschen Bundeswehr ab. Sie ließen es nicht mehr aus den Augen, nachdem sie den kleinen, schnell näherkommenden und größer werdenden Punkt entdeckt hatten.Nach dem direkten Anflug auf das Heck des Flugzeugträgers klinkte der Co-Pilot des Jägers beim Überflug an der Stelle, die ihnen der Flottillenadmiral zuvor genannt hatte, die ungewöhnliche Fracht, die anstelle einer scharfen Granate im Abwurfschacht lag, aus. Kurz danach zog der Pilot die Maschine hoch und flog eine enge Kehre. Dabei beobachteten die beiden Männer im Cockpit, wie das Paket am Fallschirm niederging und punktgenau dort auf dem Flugdeck landete, wo Flottillenadmiral Arend es haben wollte.
Captain Greenman bedankte sich über Funk für die perfekte Lieferung, was der Pilot mit einem Flügelschwenken beantwortete. Dann verschwand die Maschine ebenso schnell wieder, wie sie gekommen war. Die Männer auf der Brücke beobachteten, wie der Jeep heranbrauste, wo schon andere Besatzungsmitglieder dabei waren, die Fallschirmseile zu kappen und die Fallschirmseide zusammenzuraffen.
Einer der Männer zerstach die Schwimmblasen, die vorsichtshalber um die Kiste angebracht worden waren und ein Untergehen vermeiden sollten, sollte sie doch im Wasser landen. Schnell wurde die wichtige Fracht in den Jeep geladen. Jeder der Leute wusste, was auf dem Spiel stand. Mit Höchstgeschwindigkeit lenkte der Fahrer den Jeep zum Tower, wo die Kiste von zwei Matrosen übernommen wurde, die sofort damit losliefen. Captain Greenman selbst rannte von der Brücke aus über die Gänge zur Messe, um sein Versprechen gegenüber Jens zu erfüllen und durchzusetzen. Er sollte darauf achten, dass Fregattenkapitän Pitt Dressler sich das erste Serum selbst verabreichte.
Ein erschütternder Anblick bot sich ihm beim Betreten der Mannschaftsmesse. Etliche Männer wanden sich mit unsäglichen Schmerzen und starken Krämpfen auf dem Boden des Speisesaals. Von ihren Freunden festgehalten, krümmten und wandten sich die Männer. Immer wieder drangen unterdrücktes Stöhnen und Schreie an sein Ohr.
Pitt arbeitete sich bereits von einem zum anderen vor und versorgte sie mit dem neu eingetroffenen Serum. Dabei hatte er mit sich selbst zu kämpfen.
Sofort lief Eric zu dem Fregattenkapitän, dessen Shirt total durchgeschwitzt war und auf dem sich die beiden frischen Schnittwunden durch Blutflecke darauf abzeichnete.
„Hast du dich schon selbst gespritzt?“
„Das kann warten“, antwortete Pitt knapp und stach dem Mann vor sich eine Ballonspritze an die Stelle in den Rücken, die er ihm angab, und drückte sie langsam aus. Als Pitt zum nächsten Mann kriechen wollte, hielt ihn Greenman davon ab.
„Nein, Pitt. Jens hat mich explizit angewiesen, darauf zu bestehen, dass du dir erst selbst die erste Injektion geben sollst, um dann effektiver den anderen helfen zu können, bevor du zusammenbrichst“, sagte Eric fest. „Ich werde dich hier nicht eher weitermachen lassen, bevor ich nicht gesehen habe, dass du genau das von Jens Geforderte tust.“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schrie Pitt empört auf, „dass dieser Sturkopf nun seinen Willen sogar schon durch einen amerikanischen Captain durchsetzt. ... Ist ja schon gut. Ich tue es ja gleich.“
„Nein, nicht gleich. Jetzt sofort“, forderte Eric Greenman unnachgiebig. Pitt rollte mit den Augen und stieß sich die Kanüle, die eigentlich für einen anderen Mann bestimmt war, in seinen Schenkel und drückte sie schnell aus, wobei er sein Gesicht schmerzvoll verzog.
„Nun zufrieden?“, fragte er und kroch dann auch schon weiter zum Nächsten.
„Ja, aber nur wenn du dann auch nicht die nächste für dich auslässt. Ich werde darauf achten“, sagte Greenman erleichtert. „Kann ich in der Zwischenzeit hier mit helfen?“
„Ja, knallen Sie den Jungs, die noch nicht betroffen sind, prophylaktisch so ein Ding in den Oberschenkel und drücken Sie den Ballon aber nicht zu schnell aus, sonst brennt das Zeug nämlich höllisch und das muss nicht sein. Danach müssen wir abwarten und weitersehen“, erklärte Pitt und reichte Greenman drei der Notpacks mit je zehn der Ballonspritzen mit dem Serum.
Sofort machte sich der Kapitän an die Arbeit und war froh, wenigstens etwas helfen zu können.
Auch Sebastian und die Ärzte hatten alle Hände voll zu tun und waren erleichtert darüber, dass endlich das Serum da war und sie damit das Leiden der Männer nach und nach beenden konnten.
Drei Stunden nachdem das Serum endlich eingetroffen war, hatten sich die Männer schon etwas erholt, obwohl ihnen nun die Muskeln von den starken Krämpfen wehtaten. Aber das war nichts im Vergleich zu den vorherigen Schmerzen. Alle wollten nur schnell wieder aus der Krankenstation raus und nach ihren Kameraden im Speisesaal sehen. Gestützt von amerikanischen Matrosen gingen die SEALs und ägyptischen Marinetaucher, die zugunsten anderer auf das Serum verzichtet hatten, und die, die es erwischt hatte, nachdem das Serum alle war, gefolgt von Jack und Sebastian zur Messe zurück. Auch dort hatten sich die betroffenen Männer wieder erholt. Sie saßen durchgeschwitzt, noch von den Strapazen gezeichnet, auf den Stühlen und tranken mit zitternden Händen Tee, den ihnen die amerikanischen Matrosen, das technische Personal und die Piloten des Flugzeugträgers reichten. Sofort versorgten sie auch die neu angekommenen Männer mit frisch gebrühtem Tee oder Kaffee.
„Sagt mal“, fragte Tyler unsicher, nachdem er sich in der Runde umgesehen hatte, „wo ist eigentlich Jens abgeblieben?“
„Ist er denn nicht mit euch jetzt mitgekommen? Ich dachte, er wäre bei euch im Krankenhaustrakt“, meinte der Kapitän. „Er war mit uns auf der Brücke und sagte dann, er würde sich schon selbst helfen. Also glaubte ich, er wäre runtergegangen.“
„Was meinst du mit, ‚sich selbst helfen‘?“, fragten Pitt und Sebi, hellhörig geworden, gleichzeitig.
„Es hat ihn selbst schon ziemlich am Anfang an mehreren Stellen erwischt. Zumindest hat er das gesagt. Aber wir dachten, es sei nicht ganz so schlimm, denn er hat auf der Brücke noch alles wegen des Serums geklärt und sogar noch mit dem Piloten den genauen Abwurfplan durchgesprochen. Dann ist er ganz normal ohne Anzeichen von Krämpfen oder Schmerzen gegangen. Allerdings waren seine Augen ganz blutunterlaufen und tränten stark“, erklärte der Kapitän.
„Was hat er genau gesagt? Wo wollte er hin?“, fragte Pitt besorgt, nachdem er einen schnellen Blick mit Sebastian gewechselt hatte.
„Ich weiß nicht, wo er hin wollte. Er sagte, er würde sich schon selbst helfen und ihr hättet auch so genug zu tun“, antwortete Eric, langsam, schlimmes ahnend.
„Fangen wir in seiner Kajüte an zu suchen“, schlug Sebastian vor und steckte sich schnell zwei noch volle Notpacks in seine Hosentaschen. Pitt, Sebastian und Eric Greenman liefen sofort los. Die Tür der Kapitänskajüte war verschlossen. Pitt trommelte dagegen und rief nach Jens, doch aus dem Raum war kein Ton zu hören. Eric drängte sich vor und schloss mit seinem Schlüssel auf. Schnell stürmten die Männer hinein. Doch der Raum war leer. Sebastian schaute vorsichtshalber auch in der Nasszelle nach, doch auch da war Jens nicht.
„Wo kann der Idiot nur hingerannt sein?“, fragte sich Sebastian laut. „Wir können unmöglich das ganze Schiff durchsuchen. Da sind wir in drei Tagen noch nicht fertig, und wenn es stimmt, dass er mehr abbekommen hat und die Augen bereits rot unterlaufen waren, dann hat er nicht mehr so viel Zeit.“
„Was hatte der Kerl nur vor, wenn er sagte, dass er sich selbst helfen will? Serum hatte er keins“, überlegte Pitt, während er sich in dem kleinen Raum umschaute. „Auch ein normales Notpack hatte er nicht mehr.“
„Ich kann das Schiff sofort von meinen Männern auf den Kopf stellen lassen“, schlug Greenman vor und wollte schon loslaufen, um den Befehl zur Suche zu geben. Doch Sebastian hielt ihn zurück.
„Halt Cap. Wir wollen mal noch nichts überstürzen. Ich glaube nicht, dass er allzu weit von der Brücke weggekommen sein kann. Auf welcher Seite hat er die Brücke verlassen?“
„Hier auf der Backbordseite“, antwortete Greenman, nach kurzer Überlegung.
„Gut, dann kann er schon mal nicht über Bord gefallen sein. Sondern wäre aufs Flugdeck geklatscht und da liegt er nicht“, stellte Sebastian trocken fest, nachdem er über das Geländer geschaut hatte.
„Wie könnt ihr zwei nur so ruhig bleiben?“, warf Greenman den beiden Männern vor. „Ich gebe jetzt den Befehl, Flottillenadmiral Arend auf dem gesamten Schiff zu suchen. Und wenn die Jungs sich dabei sogar die Reifen der Flugzeuge vornehmen müssten. Der Mann muss gefunden und schnellstens geholfen werden.“
„Halt, warten Sie noch, Cap“, rief Pitt. „Ich habe da so eine Ahnung, wo er sein könnte. Jens weiß, dass ich noch ein volles, normalbestücktes Notpack dabei habe.“
„Genau, da sind Morphin, Blutgerinnungsmittel und Schmerzmittel drin! Alles, was kurze Linderung bringen kann“, meinte Sebastian und schlussfolgerte: „Er könnte in deiner Kabine sein.“
Eilig rannten die drei Männer aus der Kapitänskabine das kurze Stück über den Gang zur Unterkunft des Ersten Offiziers. Die Tür war nicht verschlossen.
Sie stürmten in den kleinen Raum und fanden Jens auf dem Bett liegend vor. Zwei ausgedrückte Ballonspritzen steckten noch in seinem Oberschenkel und eine in seiner Armbeuge. Kleine blutige Rinnsale flossen aus Augen, Nase, Ohren und den Mundwinkeln. Seine Hände hatte der Flottillenadmiral tief in die Matratze gekrallt und ein Verbandspäckchen steckte quer zwischen seinen Zähnen. Der ganze Körper zuckte unter Krämpfen, die er mühevoll zu beherrschen versuchte. Sein Gesicht gerötet, die Sachen und der dicke Verband durchgeschwitzt, krümmte sich Jens vor Schmerzen.
„Oh mein Gott“, brachte Eric Greenman erschrocken hervor. Wie versteinert blieb er geschockt stehen, als er den Mann so vor sich auf dem Bett liegen sah. Doch Pitt und Sebastian reagierten blitzschnell. Während Sebastian seinem Freund die erste Injektionsnadel direkt in die angeschwollene Halsschlagader stach und nur ganz langsam den Inhalt des Ballons ausdrückte, war Pitt in die Nasszelle gelaufen und kam mit einer Schüssel kalten Wassers zurück. Er griff sich alle Hand- und Badetücher, die er finden konnte, und tränkte sie in dem Wasser, um sie dann auf dem Körper seines Freundes zu verteilen.
„Wir müssen die Körpertemperatur runterkriegen“, erklärte Pitt. „Schnell, Cap. Helfen Sie mir. Wir müssen die feuchten Tücher immer wieder erneuern.“
Sebastian drehte Jens in der Zwischenzeit mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf die Seite, um an seinen Rücken heranzukommen.
„Pitt, hast du da im Bad eine Schere gesehen? Ich muss ihm den Verband aufschneiden, um zu sehen, wo ich hinstechen muss“, rief Sebastian.
„Nein, hier ist nichts, Sebi. Nimm mein Messer, es müsste auf dem Stuhl gleich links vom Bett liegen“, antwortete Pitt aus dem kleinen Bad. „Aber pass auf, dass du ihn damit nicht zusätzlich verletzt. Wie es scheint, ist er schon an seiner absoluten Schmerzgrenze.“
Schnell sah sich Sebastian im Raum um. Das zweischneidige Kampftauchermesser seines Freundes lag auf dem Boden neben dem Stuhl. Jens musste es mit heruntergerissen haben, als er nach dem Morphin und den anderen Schmerzmitteln suchte. Ganz vorsichtig bei Krampfschüben unterbrechend, um Jens nicht zusätzlich zu verletzen, schnitt er den Verband auf und zog sacht die dicken Mullkompressen ab. Als er die verbrannte Haut sah, entschied er sofort, darauf keine feuchten Tücher zu legen. Er holte ein Pack steril verpackter Gummihandschuhe aus seiner Hosentasche und zog sie sich über.
„Pitt, ich brauch dich jetzt hier. Cap, kühlen Sie Jens bitte nur weiter die Stirn, Schläfen und die Brust, soweit Sie da jetzt noch rankommen“, rief Sebastian.
Als Pitt neben seinem Freund stand und fragte, was er machen soll, reichte Sebastian ihm ein Pack mit Handschuhen. „Zieh sie dir über und halte mir Jens gut an den Schultern fest.“
„Aber da ist ja kaum noch ein Stück unverletzt. Wo soll ich ihn da halten?“, fragte Pitt als er die Schultern seines Freundes sah.
„Das ist jetzt scheißegal wo. Dafür hast du die Handschuhe, damit kein Dreck in die Wunden kommt. Außerdem ist der andere Schmerz eh viel stärker, sodass es unser Guru gar nicht merkt. Halt ihn nur einfach richtig fest, damit er sich nicht rühren kann“, sagte Sebastian und setzte sich auch schon auf das Gesäß seines Freundes, um ihn dort so gut wie möglich zu fixieren. Vorsichtig tastete er dann den Rücken von Jens ab, um die einzelnen Auslöserherde, die durch leichte Verhärtungen erkennbar sein müssten, zu lokalisieren. Sebastian hatte eigentlich noch starke Kopfschmerzen und das Gift von der Dornenkrone brannte wie wild in seiner Kopfhaut. Doch das ignorierte er völlig. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich voll auf das Abtasten. Nacheinander fand er vier verhärtete Gebiete unter der verbrannten Haut seines Freundes. Gezielt stach er nacheinander die Nadeln der Ballonspritzen genau in deren Zentren und drückte sie nur ganz langsam aus.
„Cap, ich brauche ein sauberes Laken oder so etwas. Hat das Ihre Nummer 1 hier irgendwo im Schrank?“, fragte Sebastian, während er die nächste Nadel setzte.
„Weiß ich nicht. Aber ich besorge eins“, antwortete Greenman und rannte auch schon los. Kurz darauf kam er mit einem säuberlich zusammengelegten weißen Laken zurück. Sebastian breitete es auf dem Rücken seines Freundes aus und gemeinsam mit Pitt rollten sie ihn wieder zurück. Jens hatte in der Zwischenzeit das Bewusstsein verloren.
Sebastian überprüfte besorgt seine Vitalfunktionen. „Jetzt müssen wir kurz abwarten“, erklärte er. „Aber wir können dabei trotzdem weiter seine Körpertemperatur mit kalten Umschlägen runtertreiben.“
Wenig später kam Jens wieder zu sich und Pitt steckte ihm sofort das Verbandspäckchen in den Mund, damit er darauf beißen konnte, um nicht während der Krämpfe versehentlich in seine Zunge zubeißen.
„Cap, können Sie hier einen Arzt mit fiebersenkenden und muskelentkrampfenden Mitteln, so wie starken Schmerzmitteln, Verbandsmaterial, Ringerlösung und Sauerstoffgerät hochschicken? Oh ja, und paar starke Schmerztabletten wären auch ganz gut“, sagte Sebastian leise, während er die nächste Kanüle wieder sicher in die Halsschlagader des Flottillenadmirals platzierte und seinen Freund dabei anlächelte, als er bemerkte, dass er ihn ansah.
Greenman griff sofort zum Hörer des Telefons, das ihn direkt mit der Brücke verband. Schnell gab er seine Befehle durch und schon wenig später betrat der amerikanische Militärarzt Doktor Nailson den Raum. Sofort erfasste er die Situation und ging auf Sebastian zu.
„Wie kann ich helfen?“
„Ja. Erst mal für mich die Schmerztabletten, bevor mir mein Schädel platzt.“ Gleich, ohne etwas dazu zu trinken, schluckte Sebastian zwei Tabletten und konzentrierte sich dann wieder auf seinen Freund. „Wir müssen als Erstes seine Körpertemperatur runterkriegen, Doc. Ich hoffe, Sie haben etwas Gutes dabei.“
Sofort zog der Arzt eine Spritze auf und stach sie in die Armbeuge von Flottillenadmiral Arend, während Sebastian eine weitere Ballonspritze im Oberschenkel seines Freundes platzieren musste.
Pitt atmete für Jens das Sauerstoffgerät an, damit er gleich die volle Menge Sauerstoff bekam, ohne sich dabei zu sehr anstrengen zu müssen. Sachte drückte er die Maske über Mund und Nase seines Freundes und beobachtete genau, wie der Beatmungsbeutel sich selbstständig hob und senkte. Immer wieder trat Jens kurz weg und hatte danach erneut mit seinen Schmerzen zu kämpfen.
Nachdem der Arzt das Muskelrelaxans gespritzt hatte, begann sich Jens’ Körper zu entspannen und die Krampfanfälle wurden seltener. Doch sie erkannten deutlich am Gesicht ihres Freundes, dass seine Schmerzen noch nicht weniger geworden waren.
„Okay. Und nun wäre ein gutes Schmerzmittel nicht schlecht“, entschied Sebastian, nachdem er sah, wie sein Freund ihm mit zitternden Händen ein Zeichen gab. Dabei zwinkerte er Jens zu und sagte leise zu ihm: „War wohl doch noch nichts mit dem heimlichen Verduften, mein Großer. Du hast noch einen Job zu erledigen. Um den lassen wir dich nicht drumherum kommen.“ Jens versuchte, ein Grinsen auf sein Gesicht zu bekommen, und nickte Sebastian leicht zu.
„Ich hatte nicht vor, zu verduften, du Nulpe. Ich weiß doch, dass ich mich auf euch verlassen kann. Euch zu entgehen, wird nie möglich sein“, sagte Jens leise mit schwacher Stimme und verlor kurz darauf wieder das Bewusstsein.
Über dem Meer war bereits die Nacht hereingebrochen. Der Mond warf sein kaltes Licht auf die glitzernden, sich kräuselnden Wellenkämme. Die Sterne schienen diesem Licht Konkurrenz machen zu wollen, und am fernen Horizont erhellte Wetterleuchten den Himmel.
Seit dem Nachmittag kämpften sie nun schon gemeinsam gegen das Gift, das im Körper ihres Freundes wütete. Weder Pitt noch Sebastian wichen auch nur einen Moment von seiner Seite.
Sebastian wollte gerade die zehnte Dosis des Serums in die Armbeuge von Jens spritzen, als der wieder zu sich kam, nach Sebastians Arm griff und ihn wegdrückte.
„Nun hört endlich auf, mein letztes bisschen Haut, was noch heil ist, wie ein Nadelkissen zu behandeln“, beschwerte sich Jens mit heißerer, erstickter Stimme.
„Hey, den Spruch musst du von Andy geklaut haben“, meinte Sebastian, sichtlich erleichtert, dass es Jens langsam wieder besser ging. „Den hat er mir nämlich auch immer an den Kopf gehauen.“
„Du ihm doch auch, wenn ich mich recht erinnern kann“, gab Jens unter der Sauerstoffmaske zurück und zog die Maske von seinem Gesicht. Die drei Männer lächelten sich an.
Es dauerte nicht lange und Jens schlief vor Erschöpfung ein.
Fortsetzung folgt