Anthrax – Teil 11

Sonja59

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Anthrax - Teil 10

Anthrax
Teil 11

43
„Hat vielleicht einer von euch was zu essen für mich mitgebracht?“, fragte Jens drei Stunden später, kaum dass er wieder wach geworden war.
„Okay, der Kerl ist über den Berg“, stellte Pitt erleichtert fest. Und an Sebastian gewandt: „Hast du gut hinbekommen, Kleiner. Wir haben unseren großen Fresssack wieder.“
„Nicht ich, sondern wir haben es hingekriegt, du Pfeife. Wir alle. Und nicht zuletzt unser Alter hier selbst, indem er nicht locker gelassen hat, was das Serum betrifft. Nur gut, dass das Zeug schon etwas eher und nicht erst am späten Mittag da war“, erwiderte Sebastian. Dann wandte er sich an den Arzt. „Doc, ich glaube, es wäre jetzt an der Zeit, dem groben Klotz hier wieder den Verband anzulegen, den wir leider entfernen mussten. Aber machen Sie schnell, ehe er aufspringt und in die Kombüse rennt, um sich was zu futtern zu besorgen. Und glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich das sage. Wenn es ums Essen geht, hält diesen Panzer keiner auf.“
Der Arzt ließ keinen Zweifel an der Aussage des kleinen, blonden Korvettenkapitäns, der auf der Bettkante bei seinem Freund saß. „Bei euch Verrückten ist wirklich alles möglich. Das habe ich nun schon begriffen. Würden Sie mir vielleicht dabei helfen und ihren Freund etwas aufrichten?“
Jens brauchte noch weitere fünf Stunden, um sich halbwegs zu erholen.
Der neue Tag war längst angebrochen, als Jens wach wurde. Pitt und Sebastian saßen am Fußende seines Bettes, an die Wand gelehnt, und schliefen. Er wusste, dass sie die ganze Zeit bei ihm geblieben waren und kein Auge zugetan und um sein Leben gekämpft hatten, bis sie wussten, dass er außer Gefahr war.
Jede Faser seines Körpers schmerzte. Mit einem unterdrückten Stöhnen versuchte er, sich aufzurichten.
Durch das neu aufgetretene Geräusch nach der Stille, in der nur die ruhigen Atemzüge von Jens präsent gewesen waren, wurden Pitt und Sebastian sofort wach.
„Hey, hey. Wo willst du denn hin?“, fragte Sebastian erschrocken, als er sah, wie Jens versuchte, aus dem Bett aufzustehen. „Bleib gefälligst liegen. Du bist noch nicht wieder fit genug für nen Sprint über die Sturmbahn.“
„Na, vielleicht muss ich mal für Königstieger. Übersetzt in deinen Jargon: auf die Hütte. Oder habt ihr mir vielleicht Pampers umgelegt?“, murrte Jens.
„Na ja. Pampers hatten wir keine. Wir mussten uns da anders behelfen“, meinte Pitt ehrlich und setzte ein freches Grinsen auf.
„Das ist jetzt nicht wahr, oder?“, sagte Jens ungläubig, als er doch vorsichtshalber unter der Bettdecke an sich hinunter sah.
„Doch mein kleiner Hosenscheißer“, gab Sebastian zurück. „Leider hattest du bei deinen starken Krämpfen diese Funktion, neben noch ein paar anderen, nicht mehr im Griff. Mach dir aber nichts draus, das passiert den größten Helden. Sogar mir ist es passiert. Du siehst also, du bist keinen Deut besser.“
„Na klasse. Und wer weiß alles davon, dass ich nicht dichthalten konnte?“, wollte Jens wissen, während er sich die provisorische Windel aus Laken und Mull wegriss.
„Nur wir. Und wenn du nicht willst, dass wir es weitererzählen, dann wäre es besser, jetzt auf Sebi und mich zu hören“, antwortete Pitt und beobachtete, wie sich das Gesicht seines Freundes zusehends zu einer wütenden Fratze verzog.
„Ganz ruhig bleiben, Chefchen“, versuchte Sebastian, ihn zu beruhigen. „Wir wollen doch nur, dass du dich noch etwas ausruhst, bevor du hier gleich wieder rumspringst. Wir holen dich in zwei Stunden zum Mittagessen ab.“
„Erpresser“, fauchte Jens, nachdem er von der Toilette zurückgekommen war. Doch da er selbst merkte, wie weich seine Knie noch waren, legte er sich bereitwillig wieder ins Bett. Allerdings zog er zuvor demonstrativ wütend die Gummiunterlage daraus hervor, auf der er zuvor mit seinem Hinterteil gelegen hatte, worüber sich seine Freunde köstlich amüsierten, bevor sie sich wieder zufrieden zurücklehnten.
Zwei Stunden später, Jens noch leicht stützend, betraten sie die Mannschaftsmesse, wo sie unter Beifallsstürmen der Männer empfangen wurden.
„Lasst das, Leute“, sagte Jens auf Arabisch. „Gebt mir lieber was zu essen.“
Obwohl die SEALs nicht verstanden hatten, was Jens gerade sagte, konnten sie es sich doch denken, denn in der Zwischenzeit hatten sie diesen Mann schon recht gut kennengelernt. Sie lachten mit den ägyptischen Matrosen, die ihre Freunde geworden waren. Hatten sie doch sehr viel gemeinsam erlebt und durchgemacht, wo sich einer auf den anderen verlassen konnte. Die drei Männer freuten sich darüber, dass die acht SEALs inmitten der ägyptischen Jungs saßen und ausgelassen mit ihnen schwatzten und lachten, während sie ihr Mittagessen einnahmen.
„Cap, ich bedanke mich für Ihre Gastfreundschaft und das geduldige Ertragen des Chaos, welches wir Ihnen hier bereitet haben“, sagte Jens während des gemeinsamen Essens. „Wir werden noch heute Abend mit den Gefangenen Richtung Hurghada aufbrechen. Dann kann hier wieder Ordnung und hoffentlich auch etwas Ruhe einziehen.“
„Aber wollen Sie nicht lieber noch für die Nacht bleiben und sich erholen, bevor Sie wieder starten?“, fragte Eric Greenman. „Wir haben Sie gern noch länger als unsere Gäste an Bord. Schließlich haben wir schon späten Mittag.“
„Nein, Sir. Die Maschine wartet bereits, um die Gefangenen und die beiden Gefallenen aufzunehmen. Und auch die Angehörigen der getöteten SEALs warten in ihrer Heimat auf sie, um sie beisetzen zu können. Wir möchten sie nicht noch länger warten lassen. Das steht uns nicht zu. Außerdem habe ich mir da doch noch den einen Mann herausgepickt, von dessen Verhör ich mir etwas verspreche, was die genauen Standorte dieser Bande auf den Dahlak-Inseln angeht. Ausruhen können wir uns auch später noch. Wir haben so schon genug Zeit verloren. Es wäre nett, wenn ich dann noch mal mit hoch auf die Brücke kann, um für die Rückfahrt vielleicht etwas ägyptischen Schutz aus der Luft und von der Küstenwache anzufordern. Ich will die Gefangenen heil abliefern können und nicht in kleinen Stücken. Und Sie haben hier einen wichtigen Job zu erledigen, sobald die Regierung von Eritrea endlich begreift, was auf dem Spiel steht“, sagte Jens, noch immer geschwächt.
„Seien Sie doch vernünftig, Jens. Wir fahren doch schon in Ihre Richtung. Viel schneller können Sie mit Ihren Booten, die uns achtern begleiten, auch nicht sein. Vielleicht könnten wir euren Schutz aus der Luft übernehmen. Unsere Jungs flattern ohnehin da oben herum, da ist so ein Abstecher ins Hoheitsgebiet von Ägypten auch nur ein Katzensprung“, schlug Eric Greenman vor und schaute dabei Oberstleutnant Kebier fragend an. „Ob das möglich wäre, Mahmud? Was meinen Sie?“
„Ich werde darüber mit meinem Vorgesetzten in Kairo sprechen müssen und ihm den Vorschlag unterbreiten. Aber ich denke schon, dass er zustimmen wird. Immerhin geht es hier um mehr als einen politisch-diplomatischen Schlagabtausch zwischen zwei Staaten. Schließlich arbeiten wir hier doch auch schon die ganze Zeit Hand in Hand“, antwortete Mahmud Kebier zuversichtlich. Dann wandte er sich Jens zu. „Und du, mein lieber Freund, ruhe dich lieber noch etwas aus. Du siehst nämlich fürchterlich aus. Ich kläre das schon.“
Jens brauchte wirklich noch etwas Zeit, um seinem Körper die Chance zu geben, sich weiter zu erholen. Wie die anderen Männer auch, die es erwischt hatte. Keinem zeigte er, welche starken Schmerzen er tatsächlich noch hatte. Nach dem guten und ausgiebigen Essen zog er sich doch lieber noch einmal zurück, um etwas zu schlafen.
Pitt war überrascht, dass die Kabine, die er nutzen durfte, schon wieder tiptop in Ordnung gebracht worden war. Stöhnend setzte er sich aufs Bett und rieb sich die schmerzenden Muskeln. Kippte seitlich auf die Matratze und drehte sich auf den Bauch, um seinen Rücken zu entlasten. Alle Viere von sich gestreckt, schlief er schon nach wenigen Minuten ein.
Jens spritzte sich eine weitere Dosis des Serums, da sein Körper noch immer innerlich zu verbrennen schien. Dann legte auch er sich vorsichtig auf den Bauch. Er musste kurz lächeln, als er sich vorstellte, dass dies wohl nun auch die Schlafstellung der SEALs und der meisten ägyptischen Marinetaucher sein dürfte, die am Anfang auf die Serumgabe verzichtet und sich die Kapseln hatten herausschneiden lassen. Sebastian hatte gute Arbeit geleistet, ebenso wie Pitt. Dabei ging es beiden selbst nicht gerade rosig. Ohne die Ärzte wäre das alles nicht zu schaffen gewesen.
Er überlegte, ob sie nicht doch vielleicht die Nacht auf dem Flugzeugträger verbringen sollten. So fertig und ausgepowert wie die Jungs waren, würden sie keinem noch so kleinen Angriff etwas entgegensetzen können.
Nein, das wäre verantwortungslos diesen Männern gegenüber, wurde ihm klar. Mühevoll erhob er sich wieder. Setzte sich auf die Bettkante und griff zum Hörer, um mit Captain Greenman und Mahmud Kebier zu sprechen, die, wie er wusste, zurzeit beide auf der Brücke waren.
„Eric, hier Jens. Ich habe mich dazu entschlossen, die Jungs doch schlafen zu lassen. Das heißt, wenn Sie uns nicht kielholen lassen, weil wir hier doch noch die Nacht eure Betten blockieren.“
Greenman und Kebier waren froh, dass sich Jens nun doch dazu durchgerungen hatte, sich und den Männern diese kleine Pause zu gönnen.
„Das mit dem Kielholen überlege ich mir noch mal“, meinte der Kapitän lachend. „Macht bestimmt einen riesen Gaudi bei dem kleinen Kutter hier. Aber Spaß beiseite: Ich bin sehr froh, dass Sie sich dazu entschlossen haben, doch erst morgen aufzubrechen. Das gibt mir noch die Möglichkeit, Sie alle zu einem kleinen Bankett einzuladen. Sie haben doch nichts dagegen, etwas Gutes zu essen? Oder?“
„Sie erwischen mich gerade an meiner schwächsten Stelle, Cap“, gab Jens zu.
„Ich weiß. Oberstleutnant Kebier hat mir gerade verraten, wo unser Siegfried seine Achillesferse hat.“
„Ja Eric, da sehen sie es mal wieder. Überall gibt es Verräter“, antwortete Jens daraufhin lachend. „Ich hoffe, Mahmud knüpft mich dafür später nicht an der Rah auf, weil ich ihn als Verräter entlarvt habe.“
Doch auch das erleichterte Lachen von Mahmud Kebier war im Hintergrund zu hören. Sie wussten, wie es gemeint war. Jens beendete das Gespräch mit dem Versprechen, bestimmt pünktlich zum Essen zu erscheinen, und legte sich dann wieder vorsichtig auf den Bauch. Er war einfach nur froh darüber, sich noch eine Weile nicht bewegen zu müssen.
Spät am Abend vibrierte der Alarm seiner Armbanduhr. Jens hatte den ganzen Nachmittag verschlafen. Nur langsam rappelte er sich auf und ging ins kleine Bad. Kurz flackernd erhellte eine Neonleuchte die Nasszelle. In dem Moment schoss ein stechender Schmerz durch seine Augen direkt in den Schädel, wo er sich weiter ausbreitete. Eilig machte er sich frisch und zog sich an. Er war froh, als er das Licht endlich wieder löschen konnte, welches ihn so stark geblendet hatte. Nur langsam und unsicher lief er den Gang entlang und trat hinaus aufs Oberdeck. Jens fühlte sich wie ein geprügelter Hund. Trotzdem oder gerade deshalb genoss er die frische Brise, die von Norden her übers Meer heranwehte. Er liebte den Geruch der salzhaltigen Luft, vermischt mit einem Hauch von Algen und Schiffsdiesel. Dazu kam das Rauschen der Wellen, die sich am Bug brachen und an der Bordwand vorbeizogen. Das gab ihm die für ihn nötige Ruhe und Entspannung. Auf dem unter ihm liegenden Flugdeck sah er alles nur verschwommen und die Positionslichter des Schiffes waren von einer bunten Aura umhüllt. Unerwartet erfasste ihn ein starker Schwindel. Rasch griff er nach dem Geländer der Reling und atmete tief durch. Ins Dunkel lauschend vernahm er näherkommende Schritte. Doch er konnte nur die Umrisse der Person erkennen.
„Na, mein Großer, treibt dich der Hunger an den Futtertrog?“ Es war Pitt.
„Ach, du bist es“, sagte Jens wie beiläufig. „Wie spät ist es denn? Ich will nicht verfressen wirken und als Erster an der Tafel mit dem Besteck auf den Tisch klopfen.“
„Wieso glaubst du, der Erste zu sein? Ist deine Uhr etwa stehen geblieben? Es ist schon zwanzig Uhr dreißig. Ich will dich gerade holen kommen, weil alle schon da sind und sich fragen, wo du bleibst“, antwortete Pitt locker. Doch als er bemerkte, dass Jens sich regelrecht vorwärts tastete, legte er seine Hand vorsichtig auf die Schulter seines Freundes. „Komm, wie ich dich kenne, knurrt dein Magen schon so laut, dass sie es bis zur Messe hören.“
„Nein, Pitt“, wehrte Jens ab. „Bitte entschuldige mich bei den anderen. Lass dir irgendetwas einfallen. Sag ihnen, ich penne so fest, dass du mich nicht wach bekommen hast, oder irgend so was. Ich weiß, dir wird da etwas Glaubwürdiges einfallen.“
Verdutzt blieb Pitt stehen. So kannte er seinen Freund nicht. Er drehte sich direkt zu Jens, um ihm in die Augen schauen zu können, und zog ihn dafür unter eine der Lampen. Geblendet von dem grellen Licht, kniff Jens sofort die Augen zusammen. Pitt trat mit ihm aus dem Schein der Lampe zurück ins Halbdunkel und bewegte seine Hand direkt vor dem Gesicht seines Freundes hin und her. Doch Jens reagierte kaum darauf.
„Raus mit der Sprache. Was ist mit deinen Augen? Was kannst du sehen und was nicht?“
„Ich weiß nicht. Helles Licht schmerzt und ich sehe so gut wie nichts. Hier im Dunkeln sehe ich alles nur in verschwommenen Konturen und es wird immer schlechter. Pitt ich kann so nicht in die Messe gehen. Versuche es gar nicht erst.“
„Doch, du kannst. Ich weiß doch, dass du Hunger hast. Alles andere wäre nicht normal bei dir. Sonst wärst du ja auch gar nicht erst aufgestanden. Und das Essen ist wirklich lecker“, meinte Pitt und versuchte, seinen Freund erneut mit sich zu ziehen. Doch der wehrte sich weiterhin dagegen.
Pitt wusste instinktiv, dass die Sache sehr ernst war. „Bleib hier stehen und haue ja nicht ab. Ich bin gleich wieder zurück“, sagte er und lief davon. Jens horchte in die Richtung, in die sich die Schritte seines Freundes entfernten. Dann ging er noch ein Stück zurück, um gänzlich aus dem Lichtkegel der Lampe herauszukommen. Nach einer Weile hörte er erneut Schritte auf sich zukommen. Doch es waren die Schritte von mehr als nur einer Person.
„Flottillenadmiral Arend, ich bin Master Chief Petty Officer Peggy Shumaker“, hörte Jens die etwas rauchige, wohlklingende englisch sprechende Stimme einer Frau. „Sir, darf ich Ihnen meine starkverdunkelnde Sonnenbrille aufsetzen? Sie kann Ihre Schmerzen lindern. Sie brauchen keine Sorge zu haben, es ist keine Brille, mit der Sie lächerlich wirken würden“, hörte er die Frau weiter sagen. Zwar noch unsicher, stimmte Jens zu. Er tastete nach der Brille, die er gereicht bekam, und ließ sie sich dann von der Frau aufsetzen.
„Pitt, bist du mit da?“, fragte er dann.
„Ja, ich bin hier und Sebi auch.“
„Und, wie sehe ich aus?“
„Richtig cool. Eben so, wie ein echt harter Typ aussehen sollte. Eigentlich fast so wie ‚Terminator II‘. Aber eben nur fast. Dir steht die Brille eindeutig besser“, meinte Sebastian locker. „Und wenn du nun noch den Master Chief Petty Officer Shumaker sehen könntest, würdest du dich aufplustern wie ein Pfau beim Balzen.“
Die Männer ahnten nicht, dass die junge Frau jedes Wort verstanden hatte, bis sie in perfektem Deutsch sagte: „Darf ich mich bei Ihnen unterhaken, Sir, und Sie zur Messe begleiten? Alle erwarten Sie bereits.“
Pitt und Sebastian sahen sich sofort erstaunt an und lächelten die Frau dann verlegen zu.
„Master Chief Petty Officer“, fragte Jens, während er sich von der Frau führen ließ, „wieso beherrschen sie unsere Sprache so perfekt? Das heißt, wenn die Antwort kein Staatsgeheimnis ist.“
„Nein, Sir, es ist kein Geheimnis. Ich bin mehrsprachig aufgewachsen. Meine Mutter stammt aus Köln. Meine Tante und mein Onkel leben in Dresden. Ich liebe diese Stadt und bin so oft dort, wie es mir möglich ist“, erzählte die Frau bereitwillig, deren Stimme in den Ohren von Jens wie Musik klang.
Pitt und Sebastian folgten den beiden schweigend und waren froh, dass sie auf diese Weise Jens doch dazu bewegen konnten, zum Bankett in die große Messe zu gehen.
„Master Chief Petty Officer, begleiten Sie mich auch als meine Tischdame an die Tafel?“, fragte Jens dann etwas verlegen und vertraute sich ganz ihrer Führung an.
„Wenn Sie das wünschen, Sir, gern“, gab die Frau in Uniform zurück.
„Ich weiß genau, dass ihr ollen Spanner jetzt hinter mir in euch rein grinst“, sagte Jens plötzlich, an seine Freunde gewandt. „Ich warne euch, lasst bloß eure dummen Kommentare stecken.“
„Wir sagen ja gar nichts, Boss“, wehrte Pitt sofort ab und rempelte dabei vergnügt grinsend Sebastian an.
Master Chief Petty Officer Shumaker, die schon viel von dem seltsamen Humor der Männer dieser Gruppe gehört hatte, lächelte verlegen und war froh, dass keiner sehen konnte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht stieg.
„Okay, Sir. Wir sind da. Sind sie bereit? Wenn Ihnen das Licht trotz der Brille zu hell ist, dann schließen Sie einfach die Augen. Ich verspreche, Sie sicher an Ihren Platz zu geleiten“, flüsterte sie leise. „Ihr Platz wird rechts neben Captain Greenman sein. Neben ihm sitzt Oberstleutnant Mahmud Kebier. Und ich werde links neben Ihnen sitzen“, erklärte die Frau. „Vielleicht werden sich ja mit der Zeit ihre Augen an das Licht gewöhnen, welches durch die Brille einfällt, und Sie können dann die anderen Personen erkennen. Wenn nicht, helfe ich Ihnen gerne weiter, Sir.“
„Und wir sind ja auch noch da“, mischte sich Pitt ein. „Wir werden dir gegenüber sitzen.“
Noch einmal atmete Jens tief durch. „Okay, dann lasst mich den Spießrutenlauf beginnen“, meinte er und öffnete selbst die Tür zur Messe. Pitt und Sebastian gaben hinter seinem Rücken schnell ein paar Handzeichen, dass die Leute sich nach Möglichkeit ganz normal weiter unterhalten sollten. Doch alle im Raum erhoben sich von ihren Plätzen und schwiegen betroffen, als Jens den Raum betrat. Sie alle wussten schon Bescheid. Denn nachdem Pitt in die Messe gestürmt gekommen war und laut gefragt hatte, ob einer von ihnen ihm eine Sonnenbrille leihen könne, war klar, dass etwas nicht stimmte.
Peggy Shumaker bemerkte, wie der Mann neben ihr plötzlich verunsichert wurde. Sofort umfasste sie seinen Arm fester und führte ihn weiter in Richtung des Kopfteils der langen Tafel. „Sir, Sie sind gleich an Ihrem Platz“, flüsterte sie. „Es ist alles völlig in Ordnung.“
„Nein, das ist es nicht. Nichts ist in Ordnung. Ich habe doch gehört, wie alle ihre Gespräche unterbrochen haben und aufgestanden sind.“
„Aber das ist doch völlig normal, wenn ein ranghoher Offizier den Raum betritt, Sir. Ob er nun eine Uniform trägt oder nicht. Außerdem haben Sie sich diese Aufmerksamkeit verdient, Sir“, gab Peggy leise zurück.
„Nein, Master Chief Petty Officer, das war eine Gemeinschaftsarbeit von allen hier“, wies er sofort zurück. „Bringen Sie mich nur schnell an meinen Platz. Ich hasse diese Ruhe. Ich mag viel mehr normales Stimmengewirr“, antwortete Jens. Er bemerkte, wie die Frau an seiner Seite noch sanft über den Verband seines Unterarms strich, bevor sie seinen Arm freigab, damit er sich setzen konnte.
Jens konzentrierte sich nun ganz auf seine Augen, um endlich wieder besser sehen zu können. Doch es gelang ihm nicht. Er sah von Minute zu Minute eher noch weniger. Dafür funktionierten sein Gehör- und Geruchssinn besonders gut.
„Hallo Eric“, sagte Jens in einem betont lockeren Tonfall und schaute neben sich, wo er Greenman als Schatten wahrnahm. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich erst so spät gekommen bin. Aber wie Sie sehen, habe ich ein paar Probleme gehabt. Ich habe hier Ihren Master Chief Petty Officer mit an den Tisch gebeten. Ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm, Sir.“
„Nein, Jens, ganz im Gegenteil. Sie sind hier der Gast und Master Chief Paddy Officer Schumacker ist ganz für Sie und Ihre Freunde da.“
Plötzlich wurde es neben Jens wärmer. Instinktiv wich er etwas zur Seite aus. Dann nahm er den Geruch von Rindergulasch vor sich wahr und hörte, wie auch an den anderen Plätzen Teller abgestellt wurden. Als es wieder ruhiger wurde, erhob sich Jens und wartete geduldig, bis es still im Raum war.
„Entschuldigt bitte, wenn ich Sie alle hier nun von dem leckeren Essen abhalte. Wo Sie schon auf mich warten mussten. Zumal es Rindergulasch ist und der Koch sich sicher bei der Zubereitung selbst übertroffen hat“, sagte er laut genug, dass es alle in dem großen Speisesaal hören konnten. „Recht herzlichen Dank dafür, dass Sie bei der Auswahl der Speisen an unsere ägyptischen Freunde gedacht haben. Sonst müssten sie mit leeren Mägen wieder abziehen und Sie hätten Ihre Lebensmittelrationen noch für sich allein. Danke, dass Sie sie aber nun mit uns teilen. Ich hoffe, der Koch hat für reichlich Nachschlag gesorgt, denn wer uns zu Gast hat, füttert eine zehnköpfige, nimmersatte Raupe.“
Alle im Raum lachten auf. Doch als sie sahen, dass Jens weiter stehen blieb und wartete, wurden sie wieder still.
„Das war jetzt gerade erst mal zum Warmmachen, Jungs. Erst jetzt geht es wirklich los“, meinte Jens verzeihend lächelnd und räusperte sich. „Ich bin kein guter Redner. Das liegt mir nicht. Aber ich glaube, hier sind ein paar Worte angebracht. Ich möchte mich im Namen meiner Kampfgefährten und Freunde recht herzlich bei der gesamten Besatzung des Flugzeugträgers bedanken, dass wir hier so freundlich aufgenommen wurden und uns so gut und professionell geholfen wurde. Jeder von Ihnen hat hier alles gegeben, was er konnte, um uns zu helfen. Recht herzlichen Dank dafür. Ohne Sie alle hätte es sicher viele Tote in unseren Reihen gegeben. Also nochmals recht herzlichen Dank. Trotzdem möchte ich nicht die vergessen, die es nicht bis hier her geschafft und ihr Leben in dem ungleichen Kampf verloren haben. Zwei gute amerikanische SEALs, wie auch acht unserer ägyptischen Kameraden und Freunde, fehlen in dieser Runde. Sie haben eine große Lücke in unseren Reihen und in unseren Herzen hinterlassen“, sagte Jens mit gedämpfter, trauriger Stimme und nannte nacheinander die vollständigen Namen mit den entsprechenden Dienstgrade der zehn gefallenen Männer. „Ich möchte nicht, dass diese guten Jungs je vergessen werden. Sie alle haben für die gleiche Sache gekämpft und sich dafür geopfert. Viele von euch erwarten vielleicht jetzt eine Schweigeminute. Doch ich schlage vor, wir stoßen miteinander an und gedenken dabei dieser tapferen Männer. Und das Ganze, Rücksicht auf den moslemischen Glauben einiger der ägyptischen Männer hier nehmend, mit einem Glas Wasser.“ Jens tastete nach dem Glas vor sich auf dem Tisch und bekam es von der Frau neben sich in die Hand geschoben. Er hörte das Rücken von Stühlen, wie die Leute aufstanden und dann die Gläser aneinanderstießen. Jens selbst hielt sein Glas vor sich in die Mitte des Tisches und spürte, wie dreizehn Gläser gegen das seine stießen. Er wusste genau, dass es sich dabei um seine beiden Freunde, die acht SEALs, den Captain, Mahmud und die Frau neben sich handeln musste, von der ein betörender Duft ausging.
So verführerisch der Gulasch auch duftete, Jens hatte ein Problem damit, das Essen genießen zu können, ohne zu sehen, was er tat. Nachdem ihm der erste Bissen das dritte Mal von der Gabel gefallen war, bevor er ihn zum Mund führen konnte, oder die Gabel schon vorher leer war, gab er es auf.
„Jungs, ich störe nicht gern beim Essen. Schmeckt sicher lecker. Aber kann mich einer von euch bitte sofort zurück in die Kajüte bringen?“, fragte er nach einer Weile. „Mir wird es im Moment hier zu viel.“
„Wenn Sie noch einen kleinen Moment warten könnten, Sir, dann tue ich das sehr gern“, hörte Jens die Stimme von Master Chief Petty Officer Shumaker.
„Danke, Master Chief Petty Officer. Aber zur Not finde ich den Weg auch allein. Ich möchte Sie nicht aus dieser Runde reißen“, gab Jens leicht gereizt zurück.
„Das tun Sie nicht, Sir. Ich möchte nur noch kurz etwas regeln. Bitte warten Sie doch noch den kleinen Moment, Sir“, antwortete die Frau neben ihm höflich, aber bestimmt, sodass Jens durch ein leichtes Nicken zustimmte.
Schon wenig später kam sie an den Tisch zurück. „Wenn Sie möchten, Herr Flottillenadmiral, dann können wir jetzt gehen“, sagte sie leise und Captain Greenman nickte der Frau mit der tadellos sitzenden Uniform zu.
Jens hakte sich bei ihr unter und sie verließen gemeinsam die Messe.
„Entschuldigen Sie bitte, Master Chief Shumaker“, sagte Jens, kaum dass sie den Raum verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatten, „aber können wir einen Umweg über das Flugdeck machen? Das heißt, wenn hier nicht gerade Flugbetrieb ist. Ich brauche frische Luft und muss ein Stück laufen.“
„Das ist kein Problem, Sir. Es ist keine Maschine in der Luft und es ist auch kein Start geplant.“ Sie führte Jens an ihrer Seite die Stufen hinunter, die Gänge entlang bis auf das Flugdeck. Genau betrachtete sie den Mann neben sich, der gerade die Sonnenbrille abnahm, tief die frische Seeluft einatmete und mit den Augen gegen den Wind blinzelte, bis sie so gereizt waren, dass sie tränten.
Bevor sich Jens der Frau neben sich zuwandte, setzte er die Brille wieder auf. „Werden Ihre Kameraden nicht anfangen zu lästern, wenn Sie so lange von der Tafel fernbleiben und sich stattdessen mit einem alten Mann auf dem Flugdeck herumtreiben? Ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen, so sehr ich auch Ihre Gesellschaft genieße, Master Chief Petty Officer. Also würde ich vorschlagen, wir gehen zurück und Sie schnell wieder zu ihren Freunden und Kameraden“, sagte Jens und bot ihr seinen Arm an.
„Entschuldigen Sie bitte, Sir. Aber ich glaube, ich muss da etwas richtigstellen. Mit Verlaub, Sir, Sie sind kein alter Mann. Und ich glaube nicht, dass mich jemand vermissen wird, Sir. Denn ich bin erst vor vier Stunden auf dem Träger angekommen. Ich kenne hier niemanden und ich werde Sie begleiten“, erwiderte die Frau selbstsicher.
„Ja, hier übers Deck und zu meiner Kabine. Das ist wirklich nett von Ihnen“, meinte Jens daraufhin.
„Nein, Sir. Nicht nur. Ich wurde zu Ihrer persönlichen Unterstützung und zu Ihrem und dem Schutz Ihrer Männer vom Pentagon abkommandiert, nachdem meine Vorgesetzten von dem schlechten Gesundheitszustand Ihrer Freunde erfahren hatten. Mein Marschbefehl lautet, Ihnen hilfreich zur Seite zu stehen, wo und wie immer es mir möglich ist. Außerdem wurde ich abkommandiert, um für Ihre Sicherheit zu sorgen, Sir. Ich wurde dafür persönlich verantwortlich gemacht“, erklärte Peggy Shumaker.
Jens blieb abrupt stehen. „Wie bitte? Man hat mir einen Babysitter geschickt?“, fragte er. „Ich glaube es ja nicht.“
„Nein, Sir. laut meinen Befehlen klingt es eher nach dem Job eines Bodyguards, einer Krankenschwester, eines erfahrenen SEALs mit spezieller Ausbildung und Kampferfahrungen, die ich besitze, sowie einer Assistentin. Und das für Sie und Ihre Männer. Vom Babysitter war dabei nicht die Rede. Und wenn ich ehrlich sein darf, Sir. Ich glaube auch nicht, dass Sie oder Ihre beiden Freunde einen brauchen. Keiner von Ihnen“, antwortete die Frau an seiner Seite diplomatisch. „Darf ich Sie nun in Ihr Quartier begleiten? Ich mein ja nur, bevor das gute Essen in der Wärmebox kalt wird. Ich habe doch gemerkt, dass Sie großen Hunger haben und nur gegangen sind, weil Sie sich nicht blamieren wollten, da Sie zurzeit nichts sehen können.“
„Wie jetzt? Wollen Sie mich etwa füttern?“, fragte Jens erschrocken und fassungslos.
„Wenn es sein muss und Sie mich einfach nur helfen lassen, dann ja. Aber ich denke, das bekommen Sie auch selbst hin, wenn Sie dabei etwas mehr Ruhe und anstelle von Messer und Gabel erst einmal einen Löffel nehmen können, den ich auch mit dabei habe“, erklärte die Frau ganz ruhig.
„Denken Sie eigentlich immer an alles, Master Chief Petty Officer?“
„Ja, Sir. Das gehört zu meinem Job.“
„Na ja. Dann wird es wohl nicht ganz damit geklappt haben, denn ich esse nicht gern allein und lasse mir dabei zusehen.“
„Entschuldigen Sie, Sir, wenn ich widersprechen muss. Aber auch daran habe ich gedacht. Ich selbst habe auch noch nicht gegessen. Also habe ich zwei extra große Portionen einpacken lassen“, antwortete Peggy lächelnd, nicht locker lassend. „Wir werden also beide ganz in Ruhe in ihrer Kabine essen können. Außer Sie wollen lieber wieder in den Saal zurück, Sir.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie weitersprach. „Und bevor Sie fragen, Herr Flottillenadmiral … Nein, das gehört nicht zu meinen Befehlen. Das tue ich einfach nur so, weil ich nachvollziehen kann, wie Sie sich derzeit fühlen, und ich Ihnen dabei helfen möchte, besser damit klarzukommen.“
Als sie in der Kabine von Jens angekommen waren, verzichtete sie auf das grelle Neonlicht. Stattdessen machte sie die wesentlich schwächere Schreibtischlampe an und drehte sie zusätzlich gegen die Wand, sodass nur ein matter Lichtschein das Zimmer erhellte. Nachdem sie die Teller aus der Wärmebox auf den kleinen Tisch gestellt und aufgefüllt hatte, führte sie Jens, der so lange auf der Bettkante Platz genommen hatte, zum Stuhl und setzte sich ihm gegenüber.
„Darf ich, Sir?“, fragte sie und nahm ihm bereits vorsichtig die Sonnenbrille ab. „Die brauchen sie hier nicht.“ Forschend schaute sie in die Augen des Mannes, die von den vielen kleinen geplatzten Äderchen rot unterlaufen waren. Nichts war mehr von dem Weiß darin zu sehen und selbst die Farbe der Iris war kaum noch auszumachen.
Jens schlug verlegen die Lider nieder. Er wollte die Frau, die ihm gegenüber saß, nicht erschrecken. Dabei war er doch eigentlich sehr neugierig, wie diese Frau wohl aussah, deren Stimme, ihr sicheres Auftreten und ihr Duft ihm so angenehm erschienen.
„Wie möchten Sie die Kartoffeln, Sir? Gedrückt oder geschnitten?“ Als sie bemerkte, dass es dem Mann peinlich war, griff sie nach seiner Hand. „Sir, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es einem geht, wenn man plötzlich nichts mehr sehen kann und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Ich habe damals genauso gefühlt wie Sie jetzt. Aber essen müssen Sie etwas. Es riecht doch auch so unheimlich köstlich, meinen Sie nicht auch?“, sagte sie leise. „Also wie nun? Wollen sie die Kartoffeln gedrückt oder geschnitten? Ich wette, Sie sind ein Soßenfan wie ich und mögen die Kartoffel gut zerdrückt und mit viel Soße verrührt.“ Keine Antwort abwartend, begann sie, die Kartoffeln auf dem Teller des Flottillenadmirals mit der Gabel zu zerdrücken und rührte sie unter die Soße. Dann drückte sie dem Mann einfach den Löffel in die Hand und wünschte guten Appetit.
Unsicher begann Jens zu essen. Als sie bemerkte, wie er ihr gegenüber nach dem Wasserglas tastete, schob sie es, unbemerkt von ihm, in Richtung seiner Hand.
Peggy Shumaker versuchte mit einem einfachen Gespräch, die Anspannung ihres Gegenübers zu lösen, und erzählte von ihrer Zeit bei ihren Verwandten in Deutschland.
Jens lauschte ihrer Stimme und musste öfter lächeln. Dabei wurde er langsam lockerer und er machte sich nichts mehr daraus, dass er beim Essen noch immer etwas unsicher war und auch schon mal den Löffel zum Mund führte, ohne dass etwas darauf war. Er ließ sich bereitwillig von der Frau helfen, die ganz selbstverständlich damit umging und ihm mit der Gabel das Fleisch oder die Kartoffeln auf den Löffel schob.
Unvermittelt fragte er dann ganz aus einem anderen Gesprächsthema heraus: „Was war mit ihren Augen, Master Chief, weshalb sie nichts mehr sehen konnten?“
„Sir, könnten wir vielleicht die lange Rangbezeichnung bei mir weglassen? Selbst das kürzere ‚Master Chief‘ muss nicht sein. Sie können mich gern bei meinem Namen nennen. Sonst ist die Ansprache länger als die Frage“, sagte sie leise. Jens musste lächeln, denn ähnlich brachten es auch seine Freunde und er selbst als Begründung vor, wenn sie das nicht wollten, weil sie bei bestimmten Menschen keinen Wert darauf legten, mit ihrem Rang angesprochen zu werden. Doch er hörte deutlich heraus, dass sie damit von seiner Frage ablenken wollte.
„Gut, Misses oder Miss Shumaker, aber dann bitte auch nicht mehr Flottillenadmiral und Sir. Ich denke, Sie kennen meinen Namen. Ich heiße Jens Arend. Das beantwortet aber nicht meine Frage. Warum konnten sie nichts mehr sehen?“
„Nicht Misses, sondern Miss und lieber nur einfach Peggy“, sagte die Frau. „Was ihre Frage angeht, so muss ich zugeben, dass ich nicht sehr gern darüber spreche. … Ich wurde bei einem Einsatz gefangen genommen und gefoltert. Um Informationen von mir über den Auftrag und die versteckten Stellungen meiner Kameraden zu erfahren, wurde ich mit glühenden Eisen traktiert und damit auch geblendet. Die Schmerzen waren fast unerträglich und ich habe laut geschrien, obwohl ich es eigentlich nicht wollte. Danach sahen meine Augen so ähnlich aus wie ihre jetzt und ich konnte für lange Zeit nichts mehr sehen“, erzählte die Frau nur leise. Dabei war deutlich herauszuhören, wie schwer es ihr fiel.
„Und, haben die ihre Informationen bekommen?“, fragte Jens unbeirrt nach.
„Nein, Sir“, antwortete sie wieder mit fester Stimme. „Nicht ein einziges Wort.“
„Das war sehr dumm von Ihnen. Es hätte Sie das Leben kosten können“, meinte Jens daraufhin ruhig, die Frau weiter testend.
„Hätten Sie denn etwas gesagt, wenn Sie gewusst hätten, dass Sie damit das Leben vieler guter Männer und Frauen gefährden, Sir? Oder hat es vielleicht ihr Freund, Fregattenkapitän Wildner, damals getan?“, fragte sie. Dabei sah sie den Flottillenadmiral herausfordernd an, den sie ebenso wie seine Freunde und Kampfgefährten zu kennen schien, seit sie von ihnen die ersten Berichte gelesen und dann im Pentagon mitgehört und sich sofort freiwillig für den Einsatz gemeldet hatte.
Jens reagierte nicht weiter darauf. In seinem Geist stellte er sich nun Master Chief Petty Officer Shumaker als wahres Mannweib vor. Nur schienen ihre weiche, etwas rauchig klingende Stimme und ihre Art, wie sie sich gab, gar nicht zu diesem Bild zu passen.
„Welche Farbe haben die Service-Stripes und Sterne an ihrem linken Ärmel der Uniform? Rot oder golden?“, wollte Jens unvermittelt wissen.
Peggy war erstaunt, dass der Mann danach fragte und sich darin auszukennen schien.
„Golden, Sir“, antwortete sie kurz.
Jens nickte anerkennend. „Und Sie sind tatsächlich ein US-Navy-SEAL?“
„Ja, Sir. Ich habe diese Ausbildung, als erste Frau, durchlaufen“, antwortete sie ehrlich und schenkte dem Flottillenadmiral gerade Wasser nach, als es an der Tür klopfte und kurz darauf Pitt und Sebastian eintraten.
Die beiden Männer setzten sich ungefragt auf den Bettrand und grinsten in Richtung ihres Freundes. Jens drehte nur leicht seinen Kopf zu ihnen herum.
„Peggy, sagen Sie mir nicht, dass sich da gerade zwei Ekelpakete, die sich meine Freunde nennen, auf mein Bett gefläzt haben und schäbig grinsen.“
„Doch, Sir. Genauso ist es. Sie beschreiben die Situation absolut treffend“, antwortete die Frau, amüsiert und gespannt auf das, was folgen würde. Sie hatte schon viel von dem Umgang der Männer untereinander gehört.
„Wer von euch Flaschen hat gepetzt und sich gleich beim Pentagon ausgeheult?“, wollte Jens wissen.
„Sorry, mein Kleiner“, begann Sebastian, der gut anderthalb Köpfe kleiner war als Jens und Pitt. „Aber das kannst du uns dieses Mal nicht in die Schuhe schieben. Das war nicht auf unserem Mist gewachsen.“
„Dieses Mal kannst du unserem abgebrochenen Gartenzwerg ruhig glauben. Wir sind wirklich unschuldig. Es war der Cap. Und das gleich nach unserer Ankunft. Dabei wusste da noch keiner von uns, dass es noch dicker kommen sollte. Ihm hatte schon gereicht, Sebi und mich zu sehen“, verteidigte Pitt seinen Freund und sich.
„Aber ihr habt es gewusst und mir nichts gesagt.“
„Wie auch? Du hast gepennt wie ein Toter, als wir es erfahren hatten. Wir hätten dir das Laken unterm Arsch wegklauen können. Wobei … du hast ja auf dem Bauch gelegen, als wir deshalb in deine Kabine kamen, um es dir zu sagen. Also hätten wir es dir unter der Wampe wegziehen können“, meinte Sebastian mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
„Außerdem finden wir es gut, dass wenigstens einer, oder besser gesagt eine, auf dem Boot sein wird, die wirklich noch voll einsatzfähig ist“, meinte Pitt und wurde ernst, als er weitersprach: „Jens, die Männer sind am Ende, ebenso wie wir. Du musst zugeben, dass uns schon das Niesen einer Fliege umhauen kann. Wir haben nichts mehr entgegenzusetzen, wenn wir auf dem Rückweg angegriffen werden sollten.“
„Und du meinst, das gibt uns das Recht, eine Frau mit reinzuziehen, sie vorzuschicken und in Gefahr zu bringen? Eine Frau allein gegen die Bösen dieser Welt“, erwiderte Jens mit strenger, tadelnder Stimme.
Peggy holte schon Luft, um etwas dazu zu sagen, als Pitt ihr ein Zeichen gab, sich lieber zurückzuhalten.
„Ja, genau das meine ich. Das Pentagon war dieser Meinung und hat genau sie dafür geschickt. Denke an Anne, was sie geleistet hat, und sie hat keinerlei Ausbildung oder Kampferfahrung. Wer sagt denn, dass Master Chief Petty Officer Shumaker in den Kampf geschmissen wird? Aber sie hat nun mal im Moment einfach eine schnellere Reaktionszeit als wir, die wir alle angeschlagen sind. Und ich denke, in dem Verhör, welches du noch führen willst, weil es wichtig ist, kann sie dir eine bessere Hilfe sein als einer von uns. Allein bekommst du das nicht gebacken, wenn du den Kerl nicht sehen und deshalb nicht richtig analysieren kannst. Doch sie kann es. Sie wurde ebenso darin ausgebildet wie du. Ich habe ihre Akte gelesen, die uns vom Pentagon mitgeschickt wurde“, erklärte Pitt streitlustig. „Sie ist mit deiner Arbeitsweise vertraut, ja, hat sie regelrecht studiert. Sie kann dir die Augen ersetzen und uns allen damit eine Hilfe sein. Auch wenn die Leute vom Pentagon das mit deinen Augen zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten, als sie ihr den Marschbefehl gaben, sie in einen Düsenjäger steckten und mit Mach 2 hierher schickten. Denn das wissen wir ja selbst erst seit sechs Stunden. Und da war sie schon längst überm großen Teich.“
Jens hatte den Ausführungen von Pitt genau zugehört und musste ihm recht geben. Er entschuldigte sich förmlich bei der Frau, die alles mitgehört hatte. Nur trotzdem fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut, eine Frau wissentlich in Gefahr zu bringen. Dabei war es ihm egal, ob sie Soldatin mit Kampferfahrung war oder nicht.
Sebastian und Pitt dachten eigentlich auch nicht anders darüber. Warum hatten sie plötzlich eine andere Meinung? Doch diese Frau war nun einmal alles, was sie hatten und was ihnen das Pentagon geschickt hatte. Sicher hatten die sich auch etwas dabei gedacht. Diese Frau musste gut sein, wenn sie ihr diese Aufgabe übertragen und geschickt hatten.
„Was für Medikamente hast du genommen?“, wollte Sebastian plötzlich von Jens wissen.
„Gar keine mehr. Nur vor dem Schlafen vorhin noch eine Einheit Serum. Glaubst du, oller Hustensaftschmuggler, deshalb, dass ich neben mir stehe, nicht klar denken kann, oder was?“, fragte Jens gereizt.
„Nein, ich frage ja nur, weil ich eine Flasche Sekt mitgehen lassen habe, die wir gern mit dir hier geköpft hätten, wenn du nicht gerade zu starkes Zeug genommen hast. Wir dachten, dass du hier ganz allein dasitzt, aber auch gern einen Tropfen davon abhaben würdest“, antwortete Sebastian, während Pitt schon die Gläser bereithielt.
Jens hörte deutlich, dass sein Freund vier und nicht nur drei Gläser füllte.
„Ihr elenden Schurken habt vier Gläser mitgebracht. Ich höre es doch. Ihr habt genau gewusst, dass ich noch mit Miss Shumaker hier sitze.“
„Ja klar doch. Nicht nur du hast das Superhirn für dich gepachtet“, antwortete Pitt lachend. „Wir konnten uns auch zwei und zwei zusammenzählen, als Master Chief Shumaker mit dir und der großen Wärmebox abzog und danach nicht wieder auftauchte. Also dachten wir, mal hier vorbeizusehen und den Anstandswauwau zu spielen.“
„Bitte einfach nur Peggy“, sagte die Frau in der schnittigen Uniform, als sie das Sektglas dankend entgegennahm. „Wir müssen doch noch eine Weile miteinander auskommen.“
Das hörten Pitt und Sebastian gern. Sie nutzten das gleich, um mit der Frau aufs Du anzustoßen.
„Ich hoffe, du hast auch noch die Gelegenheit, Anne und ihre Eltern kennenzulernen“, meinte Sebastian. „Sie stammen aus Dresden und würden sich bestimmt darüber freuen, sich mit dir zu unterhalten.“
„Ja, das würde mich auch sehr freuen. Ich habe schon sehr viel von Anne gehört. Sicher hätten wir uns viel zu erzählen“, antwortete Peggy ehrlich.
Jens hatte sich absichtlich aus den Gesprächen zurückgezogen. Er hörte nur noch sehr aufmerksam und interessiert zu. Dabei entging ihm nichts, was und wie Peggy etwas sagte. Am Klang ihrer Stimme erkannte er, dass nichts davon nur gespielte Höflichkeit war.
Er wusste, dass es auf jedem größeren Schiff der US-Navy immer extra Quartiere für Chief Petty Officers gab. Trotzdem fragte er nach einer Weile, ob Peggy denn auch eine ordentliche Unterkunft für die Nacht bekommen hätte. Nach der Antwort, die er auch so erwartet hatte, entschuldigte er sich dafür, dass ihr dieses Privileg auf dem ägyptischen Marineschnellboot leider nicht zur Verfügung stehen würde. Und sie sich wohl die Unterkunft mit den SEALs, seinen zwei Freunden und ihm teilen müsse.
Sie hatten auch so schon zu wenig Platz und waren alle zusammengerückt, um die anderen Räume für die Gefangenen und die Verhöre freizubekommen.
„Das ist kein Problem, Sir. Damit komme ich schon klar“, sagte die Frau ganz locker.
„Meinst du, dass auch wir damit klarkommen werden?“, scherzte Pitt.
„Oh, ich denke, ich weiß mir da schon zu helfen.“
„Haben Sie normale Zivilkleidung in Ihrem Gepäck?“, fragte Jens ernst weiter, ohne auf die Anspielung von Pitt einzugehen.
Peggy Shumaker bestätigte das. „Ich habe auch mein eigenes Tauchzeug mit der Spezialausrüstung dabei“, ergänzte sie ihre Antwort.
„Was für eine Spezialausrüstung?“, wollten Pitt und Sebastian daraufhin wissen.
„Trimix und extra auch noch etwas speziell fürs Tec-Tauchen, Werkzeug für Minenentschärfung und Medipacks der Standard- und Sonderausführung, außer ihres neuen Serums. Das fehlt noch in meiner Sammlung. Dazu Bewaffnung mit HK P-11, einer Glock 17 mit ‚Maritime Spring Cups‘ und einer Harpune vom Typ ‚Seac Asso C/R‘, womit ich auch umgehen kann, sie aber sehr ungern einsetze. Ich töte nur, wenn ich keine andere Wahl habe und es unbedingt notwendig ist“, antwortete sie selbstbewusst.
Staunend und zugleich bewundernd sahen sich Pitt und Sebastian kurz an und dann wieder zu der Frau. Nur Jens reagierte nicht weiter darauf.
„Gibt es auch etwas, das du nicht kannst?“, fragte Sebastian eher scherzhaft gemeint.
„Ja, jede Menge. Ich kann keinen Hubschrauber und auch kein Flugzeug fliegen, auch wenn ich davon abspringen kann. Und die Zeit hat noch nie gereicht, um eine eigene Familie zu gründen“, antwortete Peggy, voller Ernst in der Stimme.
Diese Antwort ließ Jens wieder hellhörig werden. Er verfluchte seine Augen, die ihn diese Frau nicht sehen ließen.
Wenn sie goldene Streifen an ihrem linken Uniformärmel trug und diesen Dienstgrad innehatte, der besondere Kenntnisse und Erfahrungen erforderte, war sie schon länger als zwölf Jahre im Dienst der US-Navy, überlegte er.
Sie konnte also kein junges Mädchen mehr sein. Doch ihre leicht rauchige und doch weiche Stimme klang auch nicht alt. Immer mehr begann er, sich für diese Frau zu interessieren, die sich so einfühlsam um ihn gekümmert hatte. Was sie auch gerade wieder tat, als sie darauf bestand, ihm die Augentropfen zu verabreichen, die sie von Doktor Nailson für ihn bekommen hatte.
Bereitwillig legte er den Kopf zurück und öffnete weit die Augen.
„Komisch“, bemerkte Sebastian belustigt, „bei uns hätte sich der Alte gewehrt wie eine zickige alte Jungfer.“
„Halt’s Maul, du Frosch, ehe ich dich an die Wand klatsche“, zischte Pitt seinem Freund zu, da er froh war, dass sich Jens von der Frau helfen ließ.
„Na, aber ist doch wahr“, verteidigte sich Sebastian.
„Ja, du Vogel. Halt trotzdem deinen Schnabel“, gab Pitt leise zurück.
Jens und Peggy mussten schmunzeln, als sie die beiden Männer so hörten. nachdem sie ihm die Tropfen in die Augen geträufelt hatte, wischte sie ihm sanft eine Träne von der Wange und schaute ihn besorgt an. „Schließen Sie die Augen, Sir, damit die Tropfen wirken können“, sagte sie leise. „Ich glaube, es wird Zeit fürs Bett, wenn wir früh fit sein wollen. Schlaft alle gut. Wir sehen uns zum Frühstück.“ Schnell stellte sie das Geschirr zusammen, räumte es in die Box zurück, wünschte nochmals eine gute Nacht und verließ mit der Wärmebox unter dem Arm den Raum.
Kurz darauf verabschiedeten sich auch Sebastian und Pitt für den Rest der Nacht.


44
Die Sonne war bereits am fernen Horizont aufgegangen und hatte den Himmel und das Wasser in intensive Rot-, Orange-, Gelb- und zarte Rosatöne gefärbt. Die Wasseroberfläche war fast so glatt wie ein Spiegel und es wehte kaum ein Lüftchen. Es versprach wieder ein wunderschöner Tag auf dem Meer zu werden.
Kurz vor sechs Uhr morgens trat Jens aus seiner Kabine. Peggy Shumaker stand bereits neben der Tür und wartete geduldig auf ihn.
„Ich hoffe, Sie haben hier nicht die ganze Nacht vor meiner Türe Schmiere gestanden, sondern auch geschlafen“, sagte Jens, nachdem sie sich mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Sir“ zu erkennen gegeben hatte.
„Nein, Sir. Ich habe gut geschlafen, danke, und ich stehe noch nicht lange hier, sondern bin gerade erst hierhergekommen, um Sie zum Frühstück abzuholen.“
Jens hörte an ihrer Stimme, dass es eine Lüge war, ging aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen fragte er nach seinen Freunden, die hier vorbeigekommen sein mussten, um zur Messe zu gelangen. Er erfuhr so, dass sie bereits unterwegs waren.
„Ich hoffe, Sie sind nicht böse, wenn ich weder in der Offiziersmesse noch in der Unteroffiziersmesse speisen möchte. Ich ziehe es vor, wieder in die Mannschaftsmesse zu gehen. Vom Rang her bin ich zwar ein Flottillenadmiral, habe mich aber immer vor einem Schreibtisch gesträubt. Ich halte nichts von einer Trennung zwischen Mannschaft und Offizieren, außerdem liebe ich die Action an der Basis.“
„Ja, Sir, das habe ich schon bemerkt. Und nein, damit habe ich kein Problem. Nach meinem Kenntnisstand sind dort bereits auch die ägyptischen Matrosen, der Cap und Oberstleutnant Kebier sowie die acht Ensigns der SEALs, die wieder mit uns zurückfahren werden, bereits versammelt. Was eigentlich auf solchen Schiffen eher unüblich ist. Ich persönlich finde so wie Sie nicht verkehrt“, antwortet Peggy und erkundigte sich nach seinen Augen. Dabei bewegte sie dicht vor seinem Gesicht die Hand hin und her.
„Danke, es geht schon viel besser, Peggy“, log Jens, um unbequemen Fragen zu entgehen, und sie wusste es.
Sie hakte sich bei ihm unter und führte ihn zum Speisesaal. Jens war erleichtert, als er erfuhr, dass es schon fertig belegte Brötchen geben sollte.
Als Peggy die beiden Deutschen im Raum entdeckte und sah, dass sie sie fragend ansahen, zeigte sie zuerst mit Zeige- und Mittelfinger auf ihre Augen und fuhr sich dann schnell mit der flachen Hand zackig horizontal über ihre Kehle. Sebastian und Pitt hatten verstanden. Sofort füllten sie für ihn einen Teller mit belegten Brötchen, von denen sie wussten, dass er sie gern aß, und stellten ihn direkt vor ihn auf den Tisch. Er brauchte nur noch zugreifen und essen.
Pitt nutzte die günstige Gelegenheit, als Peggy für Jens und sich am Tresen Kaffee holte. Unter dem Vorwand, dass er noch Zucker für seinen Tee bräuchte, ging er ihr nach.
„Was hast Du genau mit dem Zeichen gemeint?“
„Dass er, wie es scheint, gar nichts mehr sieht. Auch keine Schatten mehr. Er hat zumindest nicht auf meine Hand vor seinem Gesicht reagiert. Und bevor ich mich vor seiner Kabine nicht bemerkbar gemacht hatte, hat er mich nicht wahrgenommen, obwohl ich direkt neben ihm stand“, flüsterte sie Pitt zu, während sie den Kaffee in die beiden Tassen füllte.

Nach einem ausgiebigen Frühstück verabschiedeten sich die Freunde von Captain Eric Greenman und Geschwaderkommandeur Mike Reed. Sie bedankten sich für die Gastfreundschaft und die ausgezeichnete Hilfe. Gemeinsam verfolgten sie noch, wie die Gefangenen wieder auf das ägyptische Marineschnellboot ‚Sinai‘ gebracht wurden.
„Wir hören voneinander, Eric. Ich werde Ihnen das Ergebnis des Verhörs mit dem netten Menschen mitteilen. Vielleicht hilft es uns allen weiter“, sagte Jens zum Abschied.
„Haltet die Ohren steif und grüßt unbekannterweise auch Fregattenkapitän Andreas Wildner und seine Frau Anne von uns. Wir wünschen Ihnen und euch allen gute Besserung. Es würde mich freuen, wenn wir uns einmal unter besseren Umständen begegnen würden“, sagte Captain Greenman. „Unsere Maschinen werden euch noch sicheres Geleit bis in den Heimathafen geben“, versprach Geschwaderkommandeur Reed. „Ich hoffe, eure Fahrt wird ruhig verlaufen.“
„Danke, Sirs. Wir melden uns auf jeden Fall wieder“, erwiderte Jens und stieg, geführt von Peggy, die Gangway nach unten. Besorgt schauten die Offiziere der Brückenbesatzung und einige Mitglieder der Deckscrew des Flugzeugträgers den Männern nach, die alle noch ziemlich angeschlagen wirkten.

Kaum hatten sich die Männer wieder auf dem Schnellboot eingerichtet, beharrte Peggy darauf, die Brandwunden von Jens zu versorgen und frisch zu verbinden, da sie auf dem Flugzeugträger dafür keine Zeit mehr hatte. „Ach ja, stimmt“, meinte Jens genervt. „Sie wurden ja auch zur Krankenschwester verdonnert. Dann will ich mal nichts tun, womit Sie gegen Ihre Befehle verstoßen.“ Er legte die Sonnenbrille ab, zog sich das Shirt über den Kopf und setzte sich auf den Hocker, den ihm die Frau bereits zurechtgestellt hatte. „Ich hoffe, Sie sind Kummer gewohnt.“ Peggy reagierte nicht weiter darauf. Doch als sie zu Pitt und Sebastian hinüberblickte, die auf dem Bettrand saßen und anfingen, breit zu grinsen, wurde sie doch etwas unsicher und schaute die beiden fragend an. Doch sie taten so, als wüssten sie von nichts. Sie war zwar darauf gefasst, die Brandwunden zu sehen, die sie behandeln wollte. Aber nicht gefasst war sie auf all die anderen Wunden und Narben auf Brust und Rücken des Mannes, die sie nach und nach entdeckte, während sie den Verband entfernte. Sie musste erst ein paarmal schlucken, bevor sie weiterarbeiten konnte. Sebastian beobachtete genau jeden Handgriff der Frau. Als sie fertig war, ging er zu ihr und legte freundschaftlich seine Hand auf ihre Schulter.
„Eigentlich war das recht gut. Aber du hättest bei der Schnittwunde an der rechten Seite noch einen zusätzlichen Steristrip anbringen können, denn die Wunde stand doch ziemlich unter Spannung. Hast du das denn nicht gesehen? Unser Alter ist von uns ganze Arbeit und keine Schluderei an seinem Adoniskörper gewöhnt“, sagte Sebastian völlig ernst. Peggy sah den Mann mit großen Augen an. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Miene, in der deutlich ihre Verwirrung und ein leichter Zweifel zu sehen waren, was Pitt und Sebastian sofort laut auflachen ließ.
„Entschuldigen Sie bitte, Peggy“, sagte Jens. „Aber Sebi wollte unbedingt sehen, was sie so draufhaben. Und ich kann ihnen versichern, sie haben alles perfekt gemacht. Der Kleine konnte es sicher nur nicht ertragen, dass nicht er Hand anlegen durfte. Und glauben Sie mir, mir war das jetzt so lieber, denn dieser Kerl ist ein Pferdeschlächter. Ihm macht es Spaß, mich leiden zu sehen“, erklärte Jens, aber er lachte dabei, sodass Peggy es den Männern nicht übel nehmen konnte, dass sie sie nur getestet hatten. Jens wollte sein Shirt gerade wieder überziehen, als die Frau eingriff, es ihm aus der Hand nahm, ohne Kommentar richtig herum drehte und es ihm einfach über den Kopf zog. Zum Schluss drückte sie ihm die Sonnenbrille in die Hand, damit er sie nicht erst suchen musste. „Danke, Peggy. Dass Sie mich nicht wie einen Kasper herumlaufen lassen. Diese zwei Kerle da drüben hätten nur gelacht, wenn ich mein Shirt verkehrt herum angezogen hätte. Ich muss Sie vor denen warnen. Das sind nämlich elendige kleine Bestien. Drehen Sie ihnen nie den Rücken zu.“
„Ja, Sir. Davon habe ich schon gehört“, antwortete Peggy und musste lachen. „Ich werde mich vorsichtshalber vor allen ihrer Gruppe in Acht nehmen. Das ist auch die Warnung, die ich bereits von meinen Vorgesetzten in Washington erhalten habe.“
„Diese Frau ist zu gut für uns, Jungs“, meinte Pitt und tat so, als gebe er sich geschlagen. „Sie ist einfach mit allen Wassern gewaschen und nun sogar auch noch von den Hanseln in Washington vorgewarnt worden. Frage an Sender Jerewan: Woher wissen die, wie wir angeblich sind? Ich ging immer davon aus, wir sind die liebsten und nettesten Menschen, die man überhaupt finden kann.“
„Das dachte ich bisher eigentlich auch. Aber wer weiß, vielleicht wissen die Leute im Pentagon ja mehr über uns als wir selbst“, sagte nun auch Jens und tat dabei etwas verwundert. Doch dann wurde er wieder ernst und bat Pitt, Oberstleutnant Kebier Bescheid zu sagen, den Mann, den er sich auf dem Flugzeugträger ausgesucht hatte, in den kleinen Verhörraum bringen zu lassen. Und der Raum sollte nach Möglichkeit bitte so hell wie nur möglich ausgeleuchtet werden.
Jens wollte keine Zeit verlieren, da er ahnte, dass dieser Mann vielleicht nicht so leicht zu knacken war. Und schon gar nicht, wenn er erst bemerkte, wie angegriffen Jens war und nichts mehr sehen konnte. Sebastian begleitete Pitt, damit Peggy und Jens die nötige Ruhe hatten, um sich über die Verhörtaktik abzusprechen.
Jens bat Peggy darum, bei dem Verhör keine Uniform, sondern zivile Kleidung zu tragen und darauf zu achten, dass der Mann nicht heraushören konnte, dass sie Amerikanerin und Angehörige der US-Navy war.
Er hörte das leise Rascheln von Kleidung und konnte nur ahnen, dass sich die Frau tatsächlich sofort umzog. Während er weitersprach, wandte er den Kopf in ihre Richtung. Im selben Moment aber wurde ihm bewusst, dass es für die Frau so aussehen musste, als würde er sie anstarren und beim Umziehen beobachten. Auch wenn er sie nicht sehen konnte, war es ihm in dem Moment peinlich und er drehte sich, verlegen werdend, in die andere Richtung. Um sich nichts anmerken zu lassen, sprach er schnell weiter:
„Dieser Mann kann zwar Deutsch. Aber nicht allzu gut. Wenn Sie also etwas an ihm beobachten, die kleinste Regung, dann sagen Sie es mir nur leise auf Deutsch. Wir können dann nur hoffen, dass er es nicht versteht und Stärke daraus zieht, weil er dann wüsste, dass ich nichts sehen kann und eigentlich völlig hilflos bin.“
„Aber ich denke, Sie können Arabisch, Sir.“
„Ja, ich schon. Nur nützt uns das nicht viel, um uns zu verständigen.“
„Warum nicht, Sir? Meinen Sie, dieser Mann kann es verstehen?“, fragte Peggy.
„Das glaube ich eher nicht. Aber Sie doch bestimmt auch nicht. Und das wäre dann schon wichtig. Außerdem sollen Sie doch den ‚Sir‘ weglassen“, sagte Jens.
„Entschuldigen Sie. Aber das ist so eine Gewohnheit“, antwortete die Frau plötzlich in einem sauber gesprochenen ägyptischen Arabisch.
Erstaunt drehte sich Jens zu ihr um, wo er sie aufgrund ihrer Stimme vermutete.
„Sie überraschen mich immer wieder, Peggy. Hätten sie auch nur halbwegs Hocharabisch gesprochen, wäre ich schon erstaunt gewesen. Aber dass Sie das ägyptische Arabisch beherrschen. Noch dazu mit dem hiesigen Dialekt. Das haut mich nun doch aus den Latschen. Wieso können Sie denn das so perfekt sprechen?“
„Ich sagte doch, dass ich mehrsprachig aufgewachsen bin. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater Amerikaner. Ich habe den größten Teil meiner Kindheit und Jugend in Ägypten verbracht. Bin quasi hier aufgewachsen. Meine Eltern hatten viele Jahre eine Tauchbasis in Hurghada. Ich bin hier auch in die Internationale Schule gegangen“, erklärte sie.
Jens war begeistert. „Jetzt fehlt es nur noch, dass Sie schwarzhaarig, braunäugig und schön gebräunt oder sogar ein etwas dunklerer Hauttyp sind.“
„Ja, stimmt. Aber woher wissen sie das?“, fragte Peggy erstaunt. „Sie haben mich doch noch nie gesehen. Oder können sie in der Zwischenzeit schon wieder etwas erkennen? Das wäre schön, Sir.“
„Nein, Peggy. Weder sehe ich sie, noch wusste ich es. Es war nur reines Wunschdenken“, antwortete Jens und dachte: Wobei es schön wäre, diese Frau zu sehen. Ich möchte zu gern wissen, wie sie aussieht. Ich kann sie ja schließlich hier nicht einfach mal so abtasten. Wobei?
Bei dem letzten Gedanken zogen sich seine Mundwinkel kurz nach oben. Schnell beherrschte er sich aber wieder und erklärte ihr, warum er danach gefragt hatte und was er vorhatte. Noch während er sprach, zog er sich schwarze Manschetten aus Latex über die Verbände an den Unterarmen, damit sie nicht mehr als solche zu sehen waren.
Peggy war begeistert von der Idee des Mannes, wie er sich das Verhör nun vorstellte und gestalten wollte.

Jens hatte darauf bestanden, nicht in den Verhörraum geführt zu werden, sondern Peggy sollte ihn nur anhand ihrer Stimme, natürlich auf Arabisch, zum Platz geleiten. Es sollte den Anschein einer ganz normalen Unterhaltung erwecken. Er hatte darauf bestanden, dass es im Raum möglichst hell sein sollte. Er hoffe, dass er dadurch vielleicht trotz der Sonnenbrille wenigstens die Umrisse des Kerls sehen konnte, um nicht danebenzugreifen, sollte es sich erforderlich machen.

Sie betraten den Raum. Im Hintergrund standen bereits zwei ägyptische Matrosen in ihren Uniformen. Der Mann saß hinter einem kleinen Holztisch und Jens setzte sich mit Peggy davor. Als würde sie Jens etwas ganz Wichtiges erzählen, berichtete sie ihm jedoch, wie der Mann ihn gerade musterte.
„Haben Sie ein Problem, Mister? Warum starren Sie mich so ungläubig an?“, fragte Jens auf Englisch. „Hatte Ihnen Captain Greenman nicht gesagt, dass er Sie nicht auf seinem Schiff haben will? Wir waren sehr froh darüber, dass er überhaupt zugelassen hatte, dass Sie dort ärztlich versorgt wurden. Denn uns wäre das hier in dem Umfang gar nicht möglich gewesen. Nun wollen Sie bestimmt wissen, was ich hier für eine Rolle spiele.“
Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur das dumpfe Klopfen der Dieselmotoren war zu hören.
Dann sprach Jens endlich weiter: „Das kann ich Ihnen sogar sagen, bevor Sie fragen. Ich wurde von der amerikanischen und der ägyptischen Regierung beauftragt, mich ganz rührend um Sie zu kümmern. Denn man ging ja anfangs davon aus, dass sie deutscher Staatsbürger sind, was sich aber als Irrtum herausgestellt hat. Nun wurde ich gebeten, mich etwas mit Ihnen zu unterhalten, um dann meine Empfehlung auszusprechen. Ich hoffe, Sie kennen die ägyptischen Gesetze und Gefängnisse, da Sie sich mit dem Angriff auf ihre Marineboote so sehr darum bemüht haben, genau dort hinzukommen“, sagte Jens ganz ruhig, ja geradezu gelangweilt. Dann stellte er Peggy als die ägyptische Vertreterin mit einem erdachten Namen vor und erklärte, dass sie leider kein Englisch spricht, weshalb er ihr, was gesprochen wurde, übersetzen müsse.
„So, Mister Nobody, nun haben wir uns vorgestellt. Wie wäre es da nun mit Ihnen? Ich mein ja nur, wegen der Höflichkeit.“ Obwohl Jens der Rücken schmerzte, lehnte er sich provokativ bequem zurück, schlug die Beine übereinander und schloss die Augen, um sich darauf zu konzentrieren, den Schmerz auszuschalten. So wartete er einige Zeit, ohne dass irgendetwas passierte. Dabei tat er so, als betrachte er gelangweilt seine Fingernägel.
„Gut, Mister Nobody, das wird mir jetzt etwas zu dumm und zu langweilig“, fuhr Jens einige Minuten später fort. Dabei war seine Stimme tonlos und ließ jegliche Emotion vermissen. „Dann sage ich ihnen mal, was mir so zu Ihnen einfällt. Mal sehen, ob ich noch alles zusammenbekomme und richtig liege. Sie können mich gern jederzeit unterbrechen und berichtigen, wenn was falsch sein sollte. Dass Sie kein deutscher Staatsbürger sind, hatten wir ja schon geklärt, nicht wahr, Mister Dave Ross? Ich weiß nicht, ob ich Ihnen nun Ihren ganzen Lebenslauf vorkauen soll. Eigentlich müssten Sie den selbst kennen. Das FBI war so nett und hat mir die Akte über Sie übersandt, nachdem so hübsche Bildchen von Ihnen allen gemacht wurden, die wir ihnen geschickt haben. Und ihre Visage ist Ihnen gleich aufgefallen.“ Jens machte wieder eine kurze Pause und legte eine graue Mappe vor sich auf den Tisch.
„Ich muss sagen, Ihre Akte liest sich wie ein schlecht geschriebener Gruselroman. Noch nicht einmal in der Fremdenlegion waren Sie zu gebrauchen und wurden rausgeschmissen. Oder sollte ich vornehm sagen, unehrenhaft entlassen? Danach waren Sie in mehreren Terrorcamps. Sie haben bereits viermal gesessen und werden schon wieder gesucht. Muss ich noch mehr erzählen, damit Sie mir glauben, dass ich Sie kenne?“, fragte Jens, gelangweilt tuend.
Er hörte von Peggy, dass der Mann nur einmal, bei seinem Namen, kurz aufgesehen und jetzt gerade mit dem Kopf geschüttelt hatte.
„Gut, sie wollen also nicht, dass ich weiter aufzähle, das kommt mir sehr entgegen. Ihre Akte ist wirklich ziemlich dick. Da Sie also in ihrem Land gesucht werden und, soweit ich weiß, nicht nur wegen eines Kavaliersdelikts, könnte es natürlich sein, dass ihre Auslieferung verlangt wird. Dann würden Sie in einem feinen, sauberen und gepflegten Knast landen, Ihre Zeit absitzen und danach wieder ein freier Mann sein. … So weit haben Sie mich doch verstanden, Mister Ross?“, fragte Jens noch immer ganz ruhig. „Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, diese setzt aber absolute Zusammenarbeit mit mir voraus. Der zweite Weg führt Sie hier in Ägypten ins Gefängnis, nicht so schön und bestimmt auch nicht freundlich. Denn hier werden Sie wegen illegalen Aufenthalts und, was wesentlich mehr zählt, des Mordes an ägyptischen Militärangehörigen, des Angriffs auf die ägyptische Marine und wegen versuchten Massenmords an Menschen islamischer Völker angeklagt. Was Sie in dem Fall in einem islamischen Land erwartet, ist Ihnen sicher klar, und ich brauche es Ihnen nicht extra zu erzählen“, sagte Jens und erkundigte sich nach den Reaktionen des Kerls. Dann wandte er sich an die Wachen und bat für sich und seine Begleitung um ein Glas Wasser.
Mustafa war schon bei mehreren Verhören dabei gewesen, die Jens geführt hatte. Er wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er seine Verhörtaktik blitzschnell ändern würde.
Als er den Raum wieder betrat, setzte sich Jens bereits aufrecht hin. Mustafa überlegte, wie er ihm das Glas Wasser geben konnte, ohne dass der Gefangene merkte, dass Jens nichts sah. Also legte er seine Hand auf die linke Schulter von Jens und sagte, dass er das Glas mittig vom Oberarm in 20 Zentimetern Abstand davon hielt. Sicher griff Jens zu und bedankte sich. Genüsslich trank er ein paar Schlucke, dann stellte er das Glas auf den Tisch vor sich und merkte sich die Stelle, wo er es abgestellt hatte.
„So, Mister Ross, damit ist der gemütliche Teil dieses doch sehr einseitigen Gespräches abgeschlossen. Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie hier in Ägypten im Knast verfaulen wollen oder es vorziehen, an die Staaten ausgeliefert zu werden. Wir wissen von der Operation ‚Mohammeds Angels‘ und kennen den Plan Ihrer Orginastation ‚New Empire‘, deren Führung aus ein paar Verrückten besteht, die der Meinung sind, auf diese Art die Weltherrschaft zu erringen. Also erzählen Sie uns etwas, was wir noch nicht wissen. Wie wäre es zum Beispiel mit den genauen Angaben über eure Standorte und Stellungen auf den Dahlak-Inseln? Sprich, auf welche der Inseln habt ihr euch verkrochen, wie wird sie bewacht und wie viele seid ihr dort? Wo steht die Laboranlage, die schon fleißig dabei ist, das Nervengift Tabun herzustellen?“, fragte Jens schnell hintereinander.
„Es kommt Bewegung in den Kerl“, meldete sich Peggy.
„Was macht er?“, wollte Jens wissen. Peggy beschrieb ihm, dass der Mann bei der ersten Frage noch grinste, aber nun unruhig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen begann und nervös mit den Fingern spielte.
„Gut, dann erschrecken Sie bitte nicht gleich, sondern bleiben Sie ganz ruhig und gelassen sitzen, außer ich sage Ihnen etwas anderes“, sagte Jens ruhig und lächelte ihr zu.
Langsam beugte er sich nach vorn und nahm das Glas zur Hand, um einen Schluck zu trinken.
„Und was ist nun? Haben Sie mir etwas zu sagen oder nicht?“, fragte Jens, als würde ihn das eigentlich gar nicht so brennend interessieren. „Finden werden wir das Versteck so und auch so. Aber es liegt in Ihrer Hand, ob das den meisten Leuten von euch und einigen anderen Menschen das Leben kosten wird oder nicht. Nach meinem Kenntnisstand ist Ihre Frau doch gelernte Laborassistentin. Und wie seltsam: vom FBI nicht auffindbar. Lassen Sie mich doch mal eins und eins zusammenzählen, wo wir sie finden werden. Wie wir sie finden, tot oder lebendig, dürfte auch von ihrer Kooperation abhängen“, meinte Jens noch immer ganz ruhig und spielte dabei mit dem noch halb vollen Glas in seiner Hand. „Mustafa, kannst du uns bitte die Seekarte vom Dahlak-Archipel hereinholen? Das ist die Rolle, die auf dem Tisch im Vorraum liegt“, wandte sich Jens an den Matrosen hinter ihm. Als der Ägypter damit zurückkam, rollte Peggy sie gleich auf dem Tisch aus.
„Ich erzähle Ihnen nichts Neues, Mister Ross. Der Archipel besteht aus zwei großen und etwa 200 kleinen Inseln, bis hin zu winzigen Inselchen. Nur vier davon sind bewohnt. Von Ihnen möchte ich aber nun wissen, auf welchen der anderen Inseln die unterirdischen Anlagen und Basen sind. Zeigen Sie einfach mit dem Finger darauf“, sagte Jens gelangweilt. „Schaut er auf die Karte?“, fragte er Peggy.
„Ja, aber er wirkt ziemlich unentschlossen.“
„Ich bekomme langsam Hunger. Also sehen wir zu, dass wir hier zum Ende kommen“, meinte Jens, noch immer ganz ausgeglichen und ruhig. Doch mit einem Mal sprang er auf, sodass sein Stuhl nach hinten davonflog und laut gegen die Wand krachte. Er schüttete das Wasser in Richtung des Mannes und traf tatsächlich genau in sein Gesicht.
„Muss ich dich, Hurensohn, erst wecken oder hast du deine Zunge verschluckt? Wir sitzen hier nicht zu unserem Vergnügen, sondern um dir eine Chance zu geben, nicht hier vermodern zu müssen!“, schrie er laut. Wutentbrannt schob er den Tisch kraftvoll zur Seite. Die beiden ägyptischen Wachposten konnten im letzten Augenblick ausweichen, bevor der Holztisch mit vollem Schwung gegen die Wand neben ihm krachte. Dann trat er auf den Mann zu und riss sich die Brille von den Augen, packte den Kerl beim Kragen, wie zuvor auch schon auf dem Flugzeugträger, und hob ihn aus. Dabei riss er seine Augen weit auf, obwohl das grelle Licht ihm schmerzte. Trotz dass Peggy von Jens gewarnt worden war, zuckte sie erschrocken zusammen, beherrschte sich aber schnell wieder. Sie staunte nicht schlecht, mit welcher Kraft und Leichtigkeit Jens den Mann, der nicht gerade klein und schmächtig war, mit nur einem Arm gute zehn Zentimeter über dem Boden hielt, sodass auch seine Zehenspitzen den Fußboden nicht mehr berühren konnten.
Erschrocken sah der Kerl in die weit aufgerissenen, von Blut rot unterlaufenen Augen und war starr vor Angst geworden. Immer wieder blickte er Hilfe suchend zu der Frau hinüber, die aber nicht dergleichen tat.
„Wie du siehst, hilft dir hier niemand. Du bist für sie nur ein ungläubiger Bastard, der es nicht verdient hat, zu leben. Nur ich kann noch deine Fahrkarte nach Hause in einen angenehmeren Knast sein. Ich bin hier dein Gott oder dein Satan. Du kannst es dir aussuchen und selbst entscheiden. Aber strapaziere meine Nerven nicht mehr zu lange, denn mir liegt absolut nichts an deinem Leben“, schrie Jens den Mann direkt an. Dabei lief sein Gesicht rot an, eine dicke, dunkle Ader trat an seiner Schläfe hervor und begann, im Takt seines Herzschlages zu pulsieren. Ein Trick, den er lange geübt hatte und der bei solchen Leuten auch immer wieder seinen Zweck erfüllte.
Körperbeherrschung ist eben alles, dachte Jens kurz bei sich. Dann setzte er den Mann nur ganz langsam wieder ab, aber ließ ihn noch nicht los, sondern zog ihn dicht an sich heran, sodass er den schnellen, übel riechenden Atem des Kerls in seinem Gesicht spürte.
„Noch bin ich nicht ganz wütend und ich rate dir, mich nicht auf die Palme zu bringen, denn dann hast du verdammt schlechte Karten“, zischte Jens böse und bemerkte, wie der Körper des Mannes zu zittern begann. Sofort nutzte er diesen Umstand und zog ihn mit sich zu der Stelle, wo der Tisch nun an der Wand stehen musste. Als er mit dem Bein daran stieß, drückte er kraftvoll den Körper des Mannes gegen die Tischplatte, auf der die Wachmänner die Karte der Inselgruppe bereits wieder hingelegt hatten.
„Los, du Arschloch, wo sind eure Stellungen und das Labor versteckt?“, fauchte Jens nun mit unheilverkündender Stimme. „Miss, kommen Sie langsam, wie gelangweilt, mit her. Aber prägen Sie sich ganz genau die Inseln ein, die uns der Vogel gleich zeigen wird“, sagte Jens nun wieder mit ruhiger und beherrschter Stimme auf Arabisch. Dann zog er Ross wiederholt an sich heran, sodass der gezwungen war, erneut in die Augen von Jens zu blicken.
„Und bekomme ich hier nun was zu sehen und zu hören?“, fragte er. Fletschte die Zähne und spannte die Gesichts- und Körpermuskulatur an. Dabei ließ er seine Augen zu kleinen Schlitzen werden, sodass er aussah, als würde seine Wut gleich überkochen und er sich nicht mehr beherrschen können. Schließlich ließ er den Kerl los und stellte sich mit geballten Fäusten neben ihn an den Tisch, ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern.
Mit zitterndem Zeigefinger zeigte Ross auf ein paar Punkte auf der Karte und begann, zu reden wie ein Wasserfall.
„Mustafa, kannst du mir den Kerl bitte wieder auf den Stuhl zurechtsetzen?“, bat Jens und wartete, bis der ägyptische Freund ihm Bescheid gab, dass der Mann wieder saß. Jens selbst setzte sich auf die Tischplatte, da er nicht wollte, dass der Kerl bemerkte, dass er nichts sah. Geduldig hörte er zu, was Ross zu erzählen hatte. Gelegentlich wechselte Jens mit Peggy ein paar Worte auf Arabisch, dann hakte er mit neuen Fragen nach. Als er dachte, nun schon alles erfahren zu haben, was dieser Kerl wusste, schlug er noch einmal kräftig auf den Busch und wurde hellhörig, was er aber gut zu verbergen wusste. Doch er war selbst erstaunt, was er da noch erfuhr. Nach dieser Aussage hörte Jens nur noch mit halbem Ohr hin, was Ross sonst noch von sich gab. Er musste nachdenken und rechnen damit, dass sich Peggy nicht verriet, aber sich alles weiter anhörte und sich so viel wie möglich davon merkte. Und er hoffte, dass das Band im Vorraum noch immer mitlief.
Nach einer Weile brach Jens die Befragung ab.
„Bringt ihn wieder runter, Jungs. Aber sperrt ihn jetzt mit zu dem Nessler“, sagte Jens auf Arabisch.
Als der Mann bemerkte, dass er in die Zelle zurückgebracht werden sollte, ohne dass Jens etwas zu ihm sagte, wurde er leicht panisch.
„Aber was ist nun, Mister?“, rief er laut. „Ich denke, Sie können etwas für mich tun, damit ich nach Amerika zurück kann.“
„Wir hatten nie etwas anderes vor, als Sie dahin zurückzubringen“, antwortete Jens grinsend. „Dort werden sie nicht nur wegen kleiner Delikte gesucht. Sondern Sie werden vor einen internationalen Gerichtshof gestellt und wegen versuchten Völkermordes angeklagt“, erklärte Jens ruhig. Dabei setzte er seine Sonnenbrille wieder auf, die ihm Peggy soeben in die Hand gedrückt hatte.
„Aber mit etwas Glück rechnet man Ihnen Ihre zusätzlichen Aussagen positiv, als Kooperation, an“, sagte Peggy dann auf Englisch.
Mit großen Augen sah Ross die beiden an und wusste, dass er hereingelegt worden war. Er hatte sich mit seinen Aussagen mehr belastet, als es notwendig gewesen wäre.
Peggy führte Jens aus dem Raum hinaus. Davor wartete Sebastian schon.
„Wir haben alles auf Band“, sagte er, weil er genau wusste, dass dies die erste Frage von Jens gewesen wäre. „Pitt ist schon in die Einsatzzentrale hochgelaufen und stellt für dich eine Videoverbindung zum Pentagon her. Da hast du ja mal wieder einen Volltreffer gelandet, Chefchen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät und der Kreuzer nicht schon fertig und unterwegs.“
Jens bedankte sich bei seinem Freund und ließ sich von Peggy in die provisorisch eingerichtete Zentrale bringen. Dort angekommen, hatte Pitt den Mann vom Pentagon bereits über die genauen Standorte der einzelnen Stellungen, Basen und des Großlabors der feindlichen Organisation informiert.
„Seien Sie herzlichst gegrüßt, Paul“, begrüßte Jens den Mann freundlich, als er das weitere Gespräch übernahm. „Danke für den Schutzengel in Form von Master Chief Petty Officer Shumaker, den Sie uns geschickt haben, Paul. Sie war mir beim Verhör sehr hilfreich. Doch im Moment missbrauche ich sie gerade mehr als Blindenhund für mich.“
„Ich habe schon von Pitt erfahren, dass Sie das Nervengift schwer erwischt hat. Wir haben von euren Leuten die Formel für das Gegenmittel bekommen und werden unsere Truppen damit zusätzlich ausrüsten. Danke dafür. Wäre schön, wenn wir von euch noch ein paar Informationen zur Anwendung bekommen könnten. Ich hoffe und wünsche, dass es Ihnen schnell wieder besser geht“, sagte der hohe Offizier vom Pentagon. An seiner Stimme war zu hören, dass er es ehrlich meinte. „Shumaker steht Ihnen so lange zur Verfügung, wie Sie sie brauchen oder sie es mit Ihnen allen aushält. Damit meine ich nicht nur für diesen Einsatz, sondern ich teile sie Ihrer Gruppe zu, bis Sie wieder vollständig genesen sind. In diesem Zustand sind Sie angreifbar. Aber wir können in dieser Situation nicht auf Sie verzichten. Das wissen Sie, Jens. Sie können sich auf Shumaker verlassen. Und glauben Sie mir, sie kann mehr als Wunden versorgen, Blindenhund spielen oder an Verhören teilnehmen. Dabei hoffe ich aber auch, dass sie nicht ihr ganzes Können zeigen muss. Mir wäre lieber, wenn sie alle ohne weitere Zwischenfälle ankommen. Wir haben Shumaker übrigens in alles eingeweiht und sie mit Sondervollmachten betraut. Sie ist mir persönlich für Ihre und die Sicherheit Ihrer Freunde verantwortlich.“
„Dass Sie sie in alles eingeweiht haben, haben wir schon mitbekommen. Aber Sie auch noch vor uns zu warnen, war ja nun wirklich nicht nötig“, antwortete Jens lachend. „Was das Serum angeht, helfen wir natürlich gern. Da wird Ihnen Korvettenkapitän Sebastian Rothe gern weiterhelfen. Er ist am besten von uns allen damit vertraut, abgesehen von Fregattenkapitän Wildner natürlich.“ Als sich Paul für die Informationen bedanken und das Gespräch wieder beenden wollte, hielt ihn Jens davon ab.
„Paul, das ist noch nicht alles. Im Gegenteil, der Knaller kommt erst noch“, sagte er ernst. „Was wissen Sie über die Kreuzer der Slava-Klasse?“, fragte Jens. Ohne eine Antwort von dem Mann zu erwarten, sprach er gleich weiter. „Sie wissen bestimmt, dass beim Zusammenbruch der Sowjetunion einer davon an die Ukraine fiel. Er hieß erst ‚Admiral Flota Lubow‘ und wurde dann in ‚Ukraina‘ umgetauft. Dieser Lenkwaffenkreuzer, dessen Abwehrmöglichkeiten nichts Vergleichbares kennen, war erst zu 95% fertiggestellt, da die Arbeiten daran 2001 gestoppt wurden. Die Ukraine suchte seitdem dafür einen Käufer. Und ich denke, sie haben ihn gefunden. Wenn sie nicht schon nach einer gewaltigen Geldspritze mit den Arbeiten fertig sind, dann wird es dieser Kreuzer aber in absehbarer Zeit sein. Dreimal dürfen sie raten, wer die Käufer sind. Es handelt sich um eine kleine Gruppe von Strohmännern, die unter falschem Namen, falscher Nationalität und ebenso falschen vorgegaukelten Interessen handeln. Sir, Sie müssen sich mit der Regierung der Ukrainer in Verbindung setzen, um den Verkauf zu verhindern, solange es vielleicht noch möglich ist. Denn ist der Kreuzer erst mal auf dem Meer und mit allen Waffen und Munition bestückt, haben wir schlechte Karten, um gegen dessen Verteidigungssysteme anzukommen“, erklärte Jens ernst. „Wir müssen alle gemeinsam verhindern, dass dieser Kreuzer gegen die arabisch-islamischen Länder eingesetzt werden kann. Es ist nicht nur ein Problem, mit dem sich die Vereinigten Staaten und Deutschland herumschlagen müssen. Nein, davon werden schon bald alle Länder betroffen sein. Hier ist der Einsatz von allen Staaten gefordert. Es geht für alle um viel mehr als um einen kleinen politischen Schlagabtausch oder falschen Stolz.“
„Ist ja schon gut, Flottillenadmiral. Sie brauchen mich nicht erst davon zu überzeugen. Ich werde sofort mit dem Präsidenten sprechen. Hier muss schnell gehandelt werden. Die Regierungen werden erkennen müssen, dass keiner einen solchen Krieg gewinnen kann. Die ganze Welt würde der Verlierer sein“, antwortete Paul und verabschiedete sich.
Jens bat Peggy, nach dem Gespräch und einer Tasse Kaffee, die er noch in Ruhe trinken wollte, ihn auf die Brücke zu Kapitän Sayed Khairat zu führen.
Peggy wählte dafür absichtlich den Weg über das Deck, an der Reling entlang. Hatte sie doch bemerkt, dass der Mann die Seeluft und den dazugehörigen Wind mochte und imstande zu sein schien, daraus neue Kraft zu schöpfen.

„Wie sieht es aus, Sayed? Was meinst du, wann werden wir im Hafen festmachen können? Eigentlich dürften wir ja nun etwas schneller sein, da wir die Last loshaben“, sagte Jens.
„Wir haben die Last los, aber dafür Wind und Strömung gegen uns und sind am südlichsten Zipfel. Wenn wir mit unseren Dieselreserven hinkommen wollen, können wir nicht mit voller Kraft fahren“, erklärte der Kapitän. „Aber morgen wirst du Anne und Andy schon am späten Nachmittag im Lazarett besuchen können.“
Jens hörte, wie ein Verband ‚F-14 Tomcats‘ rasch über sie hinwegflog. Seine Augen brannten und tränten wieder. Er fragte unsicher nach Pitt und Sebastian, weil er nicht wusste, ob sie ebenfalls mit auf die Brücke gekommen waren.
„Wir stehen neben dir“, sagte Sebastian leise. „Was ist los, mein blindes Hühnchen? Ist alles in Ordnung?“
Jens schüttelte leicht mit dem Kopf. „Nein, Sebi. Nichts ist in Ordnung“, antwortete er ebenso leise. „Hast du das ganze Serum auf dem Flugzeugträger zurückgelassen oder auch noch was für uns aufgehoben?“
Sofort drehten sich die beiden Männer ihrem Freund zu. Jens hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, und was da unter dem Rand der Sonnenbrille hervorlief, waren keine Tränen, sondern Blut.
Erschrocken sahen sich Pitt und Sebastian an. Unauffällig machten sie auch Peggy Shumaker darauf aufmerksam und gaben ihr ein Zeichen, dass sie ruhig bleiben und Jens mit in die Unterkunft begleiten solle.
„Na, glaubst du, wir sind lebensmüde? Natürlich haben wir auch noch paar Notpacks für uns behalten. … Wieso fragst du? Brauchst du etwa noch nen Schub?“, fragte Sebastian geradezu scheinheilig, obwohl er es doch genau wusste und sah.
„Nein, ich frage nur so zum Spaß, du Hornochse“, erwiderte Jens leicht gereizt.
Peggy und Pitt griffen ihm unter die Arme und führten ihn langsam von der Brücke in Richtung ihrer Gemeinschaftsunterkunft. Sebastian war schon vorgelaufen, um den Schiffsarzt mit dazuzuholen. Auf seinem Weg begegnete ihm Oberstleutnant Mahmud Kebier, der gerade auf dem Weg zur Brücke war.
Sebastian informierte ihn eilig darüber, dass sich der Zustand von Jens wieder verschlechtert hatte und er nicht wisse, ob da das Serum allein helfen könne. Mahmud verstand sofort und lief, so schnell er konnte, hoch zur Brücke, um einen Hubschrauber für ihn anzufordern, damit Jens schneller ins Lazarett gebracht werden konnte.
Gerade als er an Jens mit Pitt und der Frau an seiner Seite vorbei wollte, stoppte ihn Jens, der ihn schon von Weitem kommen gehört hatte.
„Lass mich raten, du bist es, Mahmud“, sagte er auf Arabisch. „Wenn du hier meinetwegen so rennst und was organisieren willst, dann lass es lieber. Ich bleibe auf dem Boot, bis wir sicher im Hafen sind. Und da lasse ich nicht mit mir reden.“
„Aber Jens, sei doch nicht so stur“, wehrte Mahmud Kebier ab. „Abdul kann dir im Lazarett doch viel besser helfen.“
„Vergiss es, Mahmud. Ich bleibe auf dem Schiff. Kannst aber ruhig mal versuchen, ob ich mich von dir über die Planke schicken lasse.“
Hilfe suchend sah der kleine Oberstleutnant Pitt an. Doch der zuckte nur hilflos mit den Schultern und schüttelte mit dem Kopf. Die Männer wussten, dass Jens sich stark machen würde, um seinen Willen durchzusetzen. Doch diese Stärke brauchte er jetzt dringender für sich selbst und seinen Körper.
Trotzdem ging der Oberstleutnant weiter zur Brücke, um den Kapitän zu veranlassen, schnellere Fahrt zu machen, und zu koordinieren, von den Begleitbooten noch zusätzlich Diesel übernehmen zu können, den sie dafür brauchen würden.
Als er eintraf, löste der Kapitän gerade den Alarm für den kleinen Schiffsverband aus und stoppte die Maschinen.
„Was ist los, Sayed?“, wollte er wissen.
„Der Führer der schwarzen Staffel hat gerade einen Ankertauminen-Gürtel gemeldet“, antwortete der Kapitän mit sorgenvollem Gesicht. „Captain Greenman vermutet, dass ein ähnliches Angriffsschema vorliegen könnte wie letztes Mal. Der Minengürtel ist sehr breit gelegt. Ihn zu umfahren würde uns sehr viel Zeit kosten. Es scheint eine Falle zu sein. Unterstützung ist schon in der Luft.“


45
Peggy und Pitt hatten gerade mit Jens die Kabine erreicht und wollten ihn aufs Bett legen, als der Alarm losging und sie dann die Durchsage des Kapitäns hörten.
„Sebi, du kümmerst dich um Bussard. Ich muss los“, entschied Pitt und wollte schon zu seinem Zeug greifen, als ihm Peggy in den Weg trat..
„Nein, Sir. Das übernehme ich. Das ist jetzt mein Job“, sagte Peggy streng und wandte sich dann an die acht SEALs: „Und sie bleiben auch hier. Keiner weiß, wie sich das Nervengift, das sie getankt haben, beim Tauchen auswirkt. Auch die ägyptischen Taucher sollten nicht ins Wasser. Das ist mein Job. Ich mache den Weg für uns schon frei“, rief sie selbstbewusst und lief auch schon in Richtung des Equipmentraums davon, um sich schnell umzuziehen, während sich die Männer völlig von ihr überfahren, verdutzt und ansahen.
„Kennt einer von euch die Frau?“, wollte Jens von den acht jungen Männern wissen, während er die Injektion ablehnte, die Sebastian ihm gerade geben wollte.
„Nein, Sir, persönlich nicht. Aber wir haben schon von ihr gehört“, antwortete William.
„Sie hat schon sehr viele gefährliche Sondereinsätze bestritten. Alle mit positivem Ausgang“, erklärte Robert. „Master Chief Petty Officer Shumaker hat die besten Voraussetzungen für eine Offizierslaufbahn bei der Navy, hat es aber immer abgelehnt. Wir glaubten eigentlich niemals, dass es eine Frau sein kann, die all das schon geleistet und überstanden hat, sondern es nur der Deckname für einen guten Einzelkämpfer sei. Aber nun haben wir sie ja gesehen.“
„Und“, fragte Jens vorsichtig, aber neugierig, „ist sie eine Frau?“
„Oh ja, Sir. Und was für eine“, antwortete David, „Schade, dass Sie sie nicht sehen können. Sie würden es nicht glauben.“
Außer Sebastian, der bei Jens blieb, hielt es keinen der Männer in der Kabine. Sie liefen alle hinaus aufs Deck und sahen gerade noch, wie Master Chief Petty Officer Shumaker mit ihrer eigenen Tec-Ausrüstung, von der seitlichen, hohen Bordwand ins Wasser sprang und kurz darauf verschwand.
Wieder zogen die Tomcats über den kleinen Verband der ägyptischen Marineschnellboote.
Der Kapitän hatte den Funkverkehr mit der Taucherin auf die Bordlautsprecher gelegt, damit die Männer mithören konnten, weil er wusste, dass es sie interessieren würde. Pitt war zur Brücke gelaufen, um die Frau wenigstens über Funk unterstützen zu können.
Vom Aufklärungsflugzeug des Flugzeugträgers kam die Meldung, dass drei Schiffe, die sich auf Nordkurs vor dem Verband befunden hatten, abgedreht waren und den Minengürtel im weiten Bogen umfahrend auf den Verband zuhielten.

Nach fast zwei langen Stunden der Anspannung knisterte es erneut in den Lautsprechern an Bord des Marineschnellbootes.
„Hier Peggy Shumaker“, war die Stimme der Frau auf Arabisch zu hören. „Der Weg ist frei. Fahrt hintereinander den vereinbarten Kurs. Wäre schön, wenn das letzte Boot eine Fangleine für mich hinterherziehen könnte.“
Pitt und der Kapitän entschieden gemeinsam, dass sie den Schluss bilden wollten, um die Taucherin wieder aufzufischen. Sofort lief Pitt zum Heck, wo die Matrosen schon die Leine ausgeworfen hatten und die SEALs wie auch die Marinetaucher bereitstanden. Suchend schauten sie übers Wasser.
„Macht ruhig etwas mehr Fahrt“, war wieder die Stimme der Frau zu hören. „Wenn der Verband weit genug weg ist, sollen die Tomcats eine Salve auf den Minengürtel feuern. Die Dinger sind untereinander gekoppelt. Geht eine hoch , gehen alle hoch.“
Wenig später tauchte Peggy auf, griff sich das Tau, das am Heck mitgeschleppt wurde, und schlang es sich um ihr Handgelenk. Sofort holten die Männer das Seil ein und halfen der Taucherin mit ihrer schweren Ausrüstung bei bereits wieder angelaufener Schiffsschraube an Bord.
Einige Zeit später waren auch schon die Detonationen der Minen zu hören. Pitt wollte sich eigentlich schützend über die Frau beugen. Doch sie war bereits unterwegs und zog einen Matrosen, der über das Tau gestolpert war, hinter einem niedrigen Aufbau in Deckung, um ihn vor eventuell durch die Luft fliegenden Metalltrümmern der explodierenden Minen zu schützen. Zum Glück war aber alles, was sie traf, zurückfallendes Meereswasser aus der riesigen Wassersäule, die sich nach der starken Explosion der Minen hoch in den Himmel erstreckt hatte.
„Minen zerstört. Feindliche Schiffe wurden erfolgreich abgedrängt und werden vom ägyptischen Küstenschutz verfolgt und aufgebracht“, hörten sie kurz darauf die Meldung des Staffelführers der Tomcats. „Wir wünschen eine ruhige Weiterfahrt und bleiben in eurer Nähe.“
Erleichtert atmeten alle auf. Auch wenn sie wussten, dass sie weiterhin wachsam bleiben mussten.
Pitt half Peggy, das schwere Equipment abzulegen. Dabei versuchte er, einen neugierigen Blick auf ihren Tauchcomputer zu erhaschen. Doch er hatte keine Chance. Stattdessen entdeckte er, dass sich auf ihren Innenhandflächen große Blasen abzuzeichnen begannen.
Noch außer Atem setzte sich die Frau auf die Bank und zog sich, etwas erschöpft, aber zufrieden lächelnd, die Kopfhaube ab. Sie erholte sich erstaunlich schnell und entledigte sich ihres Anzugs. Ganz selbstverständlich legte sie ihn sich um den Hals, klemmte die Flossen unter den Arm und sackte ihr noch voll bestücktes Jackett an, um alles in den Equipmentraum zurückzubringen. Sofort nahmen ihr die SEALs die schwere Last ab. Peggy bedankte sich für die Hilfe, behielt jedoch einen dunkelgrauen Beutel bei sich und zog sich ein langes Shirt über den nassen Badeanzug.
„Wie tief warst du?“, wollte Pitt wissen, während sie zu ihrer Unterkunft gingen.
„Ich musste auf unter achtzig Meter gehen, um die Dinger runterziehen zu können. Sie haben die Springbälle auf ihren Schlitten ins Wasser geschubst, allerdings vorher den Rückholmechanismus zerstört. Da war es gut, dass ich das Tec genommen habe“, antwortete sie.
Pitt musste wegen ihrer Wortwahl schmunzeln.
„Das hast du klasse gemacht. Meine Hochachtung. Ich hätte es nicht besser hinbekommen“, meinte er ehrlich. Darauf ging die Frau aber nicht weiter ein, sondern zuckte nur, als wäre es selbstverständlich, mit den Schultern. Denn es gehörte zu ihrem Job.
„Wie geht es dem Flottillenadmiral?“, fragte sie stattdessen besorgt.
„Ich weiß nicht. Aber wir werden es gleich erfahren. Sebi und der Arzt sind bei ihm“, antwortete Pitt und hielt auch schon der Frau die Tür zu ihrem gemeinsamen Quartier auf.
Jens lag mit geschlossenen Augen auf seinem Bett. Sebastian und der Arzt saßen zu beiden Seiten auf dem Bettrand.
Als Jens hörte, dass Peggy und Pitt den Raum betreten hatten, setzte er die Sonnenbrille wieder auf und hob den Kopf. Er wollte wissen, ob es allen gut geht oder ob es Verletzte gegeben hatte.
„Nein, alles in Ordnung“, sagte Pitt. „Du hättest diese Frau erleben sollen. Sagenhaft“, flüsterte er leise, während Peggy sich in dem kleinen Bad das Salzwasser abduschte und sich dort auch gleich mit umzog. „Sie musste ganz schön an den Tauen ziehen, um die Minen so weit nach unten zu bekommen, damit wir heil darüber wegkonnten. War bestimmt eine heikle Sache, da sie, wie sie sagte, die Schlitten sehr tief lagen und die Minen miteinander gekoppelt waren. Aber Peggy hat das perfekt gemeistert. Sie war auf unter achtzig Meter.“
„Und ist alles in Ordnung mit ihr?“, wollte Jens weiter wissen.
„Na ja, ich habe schon ganz schön große Blasen in ihren Handflächen gesehen. Sicher von den Tauen. Aber sonst ist sie in Ordnung“, antwortete Pitt gerade, als Peggy frisch und trocken angezogen aus dem Bad zurückkehrte.
„Peggy, ich möchte, dass Sie sich ihre Handflächen vom Arzt versorgen lassen“, sagte Jens, wobei eine gewisse Strenge aus seiner Stimme zu hören war.
„Nicht mehr nötig, Sir. Das habe ich schon erledigt“, meinte sie und zeigte die Hände vor. Sie hatte sich die Blasen bereits aufgestochen, desinfiziert und eingecremt. „Aber ich habe etwas mitgebracht. Unsere Freunde haben wohl damit gerechnet, dass wir uns, um die Minen kümmern würden, wenn wir ihnen den Wunsch schon nicht erfüllen, voll darauf zu fahren.“
Gerade als sie den Beutel, den sie noch immer bei sich trug, öffnen wollte, kamen die SEALs hereingestürmt. Tim berichtete ganz aufgeregt, dass sie beim Aufhängen des Tauchanzugs von Master Chief Petty Officer Shumaker einen langen Schlitz in der Seite in Höhe der Taille rechts, entdeckt hätten. Sofort waren alle Augen fragend auf die Frau gerichtet.
Jens richtete sich in seinem Bett erschrocken auf. „Peggy, was war da unten los? Was ist passiert? Und ich will wissen, ob und wie schwer Sie verletzt sind. Sagen Sie es lieber gleich, ehe ich den Jungs befehle, dass sie nachschauen sollen.“ Dann wandte er sich an Pitt. „Ich denke, du hast auf sie aufgepasst und es wäre alles in Ordnung mit ihr. Hast du neuerdings Tomaten auf den Augen, oder was!“, schimpfte er.
„Pitt konnte nichts sehen“, verteidigte Peggy den Mann. „Es ist nur ein kleiner Kratzer. Ich hatte ihn schon während des Auftauchens versorgt und dann gleich mein Shirt darübergezogen und den Beutel davorgehalten, von dessen Inhalt ich eigentlich gerade berichten wollte.“
Doch darauf ging Jens nicht ein. Er forderte den Arzt auf, sich sofort die Verletzung anzusehen. Peggy rollte mit den Augen, hob aber dann doch ihr T-Shirt ein Stück hoch und drehte sich so, dass der Arzt die Wunde sehen konnte. Sebastian und Samuel sahen die Frau erstaunt an, nachdem sie die sauber mit vier Stichen genähte Wunde genauer in Augenschein genommen hatten.
„Wann hast du das gemacht?“, fragte Sebastian.
„Gerade eben im Bad“, antwortete sie, als wäre es die normalste Sache der Welt.
„Was ist los?“, fragte Jens ungeduldig und zugleich besorgt. „Lasst mich hier nicht dumm sterben, bloß weil ich zurzeit nichts sehen kann.“
Sebastian beschrieb ihm, natürlich mit seinen ganz eigenen, eher flapsig gewählten Worten, was er sah.
„Okay, Peggy“, sagte Jens dann ernst: „Aber merken Sie sich für die Zukunft eins: So lange wie Sie hier mit uns zusammen sind, gibt es so etwas nicht mehr. Wir vertrauen einander. Wenn einer von uns verletzt ist, so müssen es die anderen wissen, um dann dementsprechend handeln und eingreifen zu können, sollte etwas sein. Vielleicht ist es bei ihnen anders gelaufen. Doch bei uns läuft es nun mal so. Wenn Sie also verletzt sind, dann lassen Sie sich gefälligst von uns versorgen, und wenn Sie uns nicht trauen oder sich zieren, weil wir Männer und Sie eine Frau sind, dann gehen Sie damit in Zukunft zum Arzt.“
Während Jens das sagte, zogen sich Sebastian und Pitt provokativ an ihren Nasenspitzen und sahen dabei Jens mit den Augen rollend an. Was Peggy ein Schmunzeln über ihr Gesicht wandern ließ, was er aber natürlich nicht sah und einfach weitersprach:
„Falscher, weiblicher Stolz und übertriebenes Schamgefühl sind bei uns unangebracht. Wir sind hier ein Team und keine Frauen überfallenden, schwanzgesteuerten Bestien. Ich hoffe, Sie haben das verstanden. Und nun will ich genau wissen, was da unten los war.“
Peggy entschuldigte sich für ihr Verhalten und begründete es damit, dass sie oft im Einzeleinsatz und da auch nur auf sich selbst gestellt war, um ihren Auftrag zu erfüllen. Sie hatte es als völlig normal und nicht als wichtig angesehen. Dann erzählte sie von der Kopplung der Minen untereinander und dass sie, um den Weg frei zu machen, immer nur abwechselnd und stückchenweise drei Minen per Hand herunterziehen konnte, um sich das länger dauernde Entschärfen zu ersparen. Sie berichtete davon, dass sie gleich zu Beginn eine Harpunenselbstschussanlage auf dem Minenwagen entdeckt hatte, aber nur knapp dem ersten Abschuss ausweichen konnte, als sie versuchte, die Harpune zu sichern. Der Pfeil streifte sie dabei noch an der Taille. Danach war sie gewarnt und besah sich auch die Taue genauer, bevor sie diese fester umfasste. Dabei entdeckte sie kleine Dornen mit Kapseln, die am Tauwerk befestigt waren. Sie erzählte, wie sie diese vorsichtig entfernt und eingesammelt habe. Dann öffnete sie den Beutel und zeigte den Männern seinen Inhalt. Sie hatte vierunddreißig dieser Kapseln darin zusammengesammelt.
Sofort gab Jens seinem Freund ein kurzes, fast unmerkliches Handzeichen. Eigentlich waren es nur zwei Finger, die er leicht anhob und wieder auf die Bettdecke zurücklegte. Aber das reichte auch vollkommen aus.
Ohne etwas zu sagen, zog Sebastian eine der Ballonspritzen aus einem der Notpack, stach die Nadel durch den dünnen Hosenstoff, in den Oberschenkel der Frau und drückte den Inhalt langsam aus.
„Besser ist besser“, erklärte er, als Peggy ihn überrascht ansah. „Das Zeug schadet auch nichts, wenn es dich nicht erwischt haben sollte.“
Peggy bedankte sich mit einem verzogenen Gesicht und rieb sich über den Oberschenkel, um den leicht brennenden Druck unter der Haut schneller zu verteilen.
Die Mittagszeit war bereits überschritten und Jens hatte Hunger. Doch er sollte, vom Arzt angeordnet, noch liegen bleiben. Also schickte er die SEALs, seine Männer und Peggy zum Essen und bat darum, dass sie ihm dann bitte wenigstens etwas mitbringen sollten. Er wolle sich so lange noch ausruhen.
Als alle die Gemeinschaftskabine verlassen hatten, legte er sich wieder zurück und dachte über die Frau nach. In seinem Kopf formte sich ein Bild von ihr. Dabei war nichts wirklich Weibliches an ihr zu entdecken. Aber diese Stimme, die noch in seinen Ohren nachklang, passte einfach noch immer nicht zu diesem Bild. Sie hätte zu der, in seinem Geist entstandenen Vorstellung eher tiefer und wie ein Reibeisen klingen müssen. Aber diese Stimme, die schon ein wenig rauchig und doch auch hell klang, hatte etwas Warmes an sich, wie er meinte. Sie war nicht piepsend hoch, sondern eher samtig-dunkel und dabei aber auch sanft und irgendwie geheimnisvoll. Er wollte wissen, wie diese Frau wirklich aussah.
Jens machte sich nichts vor. Er würde garantiert wegen ihres Aussehens enttäuscht sein, wenn er sie erst sehen konnte. Der Grad ihrer Ausbildung, den sie erreicht hatte, die gefährlichen Einsätze, die sie als Einzelkämpferin durchgezogen hatte, von denen die SEALs gesprochen hatten, und nicht zuletzt ihr Verhalten vorhin gerade, sprachen für sich. Diese Frau musste ein Mannweib sein. Also nichts, was er an einer Frau wirklich anziehend finden würde, eher im Gegenteil. Aber diese Stimme und der Geruch, der von ihr ausging, ließen ihn nicht los.
Er begann zu rechnen, wie alt sie wohl sein mochte. Immerhin trug sie goldene Streifen, wie er von ihr erfahren hatte. Die bekam man erst, wenn man zwölf Jahre dabei war, und dann alle vier Jahre einen dazu. Nur wie viele der Streifen würde sie wohl schon an ihrem Uniformärmel tragen? Danach hatte er nicht gefragt. Und in welchem Alter war sie zur Navy gegangen? Er hatte sich nicht getraut, sie nach ihrem Alter zu fragen. Und auch seine Freunde, die ihre Akte gelesen hatten, hat er nicht gefragt, um ihren garantiert darauffolgenden spitzen Bemerkungen zu entgehen, die er förmlich schon hören konnte. Bei dem Gedanken musste er lächeln. Er nahm die Sonnenbrille in die Hand und tastete deren Rahmen das erste Mal ab, seit er sie bekommen hatte, um ihre Form zu erkennen. Es war eine leicht gewölbte, rahmenlose Sportbrille. Nichts, was eine wirklich feminine Frau für gewöhnlich tragen würde, stellte er für sich fest. Vorsichtig legte er die Brille auf den Stuhl, der neben seinem Bett stand, und schloss die schmerzenden Augen. Über all den Gedanken schlief er ein.
Er bemerkte nicht, dass Peggy, die eher vom Essen zurückgekommen war, sich zu ihm auf den Bettrand setzte, seine Lider hob, Augentropfen hineinträufelte und sacht die Tränen von seinen Wangen tupfte.
Genau betrachtete sie das Gesicht des Mannes, den sie schon immer mal kennenlernen wollte, seit sie beim Pentagon gewesen war und von ihm gehört hatte. Eigentlich hatte Peggy ihn sich ganz anders vorgestellt. Doch nun war sie angenehm überrascht über sein Aussehen, und beeindruckt von seinem Verhalten ihr gegenüber und von seiner Selbstbeherrschung und Stärke. Liebevoll, geradezu zärtlich und vorsichtig, strich sie über sein kurzes, dunkelblondes, gelocktes Haar und zog dann die dünne Decke über seinen Körper bis zum Hals.
Darauf bedacht, Jens nicht zu wecken, verließ sie leise den Raum, um ihr Tauchequipment zu überprüfen und wieder in Ordnung zu bringen. Im Equipmentraum angekommen, überraschte sie die SEALs, die es für sie bereits erledigt hatten und gerade damit fertig waren. Das erstaunte Peggy etwas, denn dies wäre nicht die Aufgabe dieser jüngeren Männer gewesen. Sie schloss daraus, dass es etwas mit dem Umgang mit den Deutschen zu tun haben musste, die keinen Wert auf ihre Dienstränge, sondern mehr Wert auf den Menschen dahinter legten. Peggy wusste, dass nur noch Jens, von der Gruppe der Deutschen an Bord, im aktiven Dienst war und die beiden Frauen, die auch mit zu der Gruppe gehörten, sogar nur reine Zivilisten waren. Vielleicht machte das den anderen, für sie ungewohnten Umgang untereinander aus, dachte sie, während sie aufs Deck hinaustrat, wo gerade wieder die Tomcats darüber hinwegzogen. Sie ging an der Reling entlang nach vorn zum Bug, schaute übers Meer und zu den ägyptischen Begleitbooten. Von der ‚Giftun‘, die neben der ‚Sinai‘ fuhr, winkte der Kapitän zu ihr herüber, der gerade von der Brücke kam. Lächelnd winkte Peggy zurück.
Sie hatte sich mit dem Kapitän der ‚Giftun‘ auf dem Flugzeugträger etwas unterhalten können und hielt ihn für sehr sympathisch, so wie auch die anderen Männer und Besatzungsmitglieder des kleinen ägyptischen Verbandes. Jeder von ihnen kannte die deutschen Freunde, was sie immer neugieriger auf diese kleine Gruppe gemacht hatte. Sie freute sich schon und war sehr gespannt darauf, auch Kim Rothe und Fregattenkapitän Andreas Wildner mit seiner Frau persönlich kennenzulernen, von denen sie schon so viel gehört hatte. Aber erst einmal mussten sie heil nach Hurghada kommen. Peggy konnte es kaum noch erwarten. Sie war neugierig, was sich alles verändert hatte, seit sie vor so vielen Jahren von dort wegmusste. Sie wünschte sich, vielleicht alte Freundinnen wiederzutreffen, mit denen sie oft ihre freie Zeit verbracht hatte.


Fortsetzung folgt

 



 
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