Frisch gestärkt verließen die Navy-SEALs gemeinsam mit Pitt und Sebastian die Messe, um in den Besprechungsraum zurückzukehren. Das Marineschnellboot hatte, begleitet von vier weiteren stark bewaffneten Marinebooten, Fahrt aufgenommen. Doch sie fuhren nicht wie ursprünglich vorgesehen Richtung Norden, nach Hurghada, sondern nach Südosten.
„Hier scheint sich was zusammenzubrauen“, stellte Pitt ruhig fest. „Ich denke mal, dass wir von Mahmud und Jens dazu gleich mehr erfahren dürften.“
Eilig liefen sie über das Zwischendeck in den Besprechungsraum.
„Hab ich da was nicht mitbekommen?“, fragte Sebastian, kaum dass er den Raum betreten hatte.
„Hat sich das Magnetfeld der Erde verschoben oder geht nur der Kompass vom Käpt’n falsch? Wir tuckern ja in die völlig falsche Richtung. Dabei wollte ich euch heute Abend zu Kim und mir zum Essen einladen.“
Jens beendete gerade eine Videokonferenz.
„Mit der großen Familienzusammenführung werden wir wohl noch etwas warten müssen“, sagte er und lächelte verlegen. „Die Pläne haben sich leider geändert. Wir haben Informationen vom Pentagon erhalten, dass wir für ein paar uneinsichtige Arschlöcher zum störenden, juckenden und schmerzhaften Furunkel an gerade genannter Stelle und somit zur Zielscheibe für eventuelle Anschläge geworden sind.“
„Dass wir die Ringe einer Schießscheibe auf unserer Stirn tätowiert tragen, ist ja nicht gerade etwas Neues. Aber wäre es da nicht besser, wenn wir schnell nach Hurghada kommen, wo wir das Zeug sicher im Marinestützpunkt in den Bunkern unterbringen und gut sichern könnten?“, fragte Pitt.
„Das hatten wir ursprünglich vor“, antwortete Oberstleutnant Kebier. „Nur würden wir damit den sicheren Tod in diese Stadt bringen. Der Konvoi zu den Bunkern wäre leicht angreifbar. Diese Leute sind nicht zum Scherzen aufgelegt.“
„Also verduften wir auf hohe See, spielen zwischen den Wellen Verstecken und hoffen, dass sie uns nicht finden. Und wenn doch, bleibt der Schaden eingegrenzt“, schlussfolgerte Sebastian. „Nur ich hasse Versteckspiele. Und wir können das nicht so lange machen, bis bei dem Zeug die Haltbarkeitszeit überschritten wurde, was ja bekanntlich bei so nem Zeug nicht möglich ist. Haben wir nicht noch eine andere Option?“
„Die haben wir, Sebi. Wir sind auf dem Weg zu einem Rendezvous außerhalb ägyptischen Hoheitsgebiets. Da die Lady einen weiten Weg hat, schippern wir ihr, Gentleman, die wir nun mal sind, ein Stück entgegen“, antwortete Jens.
„Scheiße, und ich habe keine Blumen mit, um die Dame zu beeindrucken. Ich hoffe, sie ist jung und sieht supersexy aus“, meinte Pitt trocken und setzte sich auf einen der Stühle am großen Tisch. „Jetzt rede aber endlich mal Klartext. Was hast du dir mit den Leuten vom Pentagon ausgedacht und wie sehen unsere Aufgaben dabei aus?“, fragte er dann ernst. Auch die anderen setzten sich an den Tisch und schauten den groß gewachsenen ehemaligen Vorgesetzten mit den dunkelblonden, kurzen Haaren, gespannt an.
„Das Pentagon hat Informationen erhalten, dass ein Angriff auf uns geplant ist, um Beweise zu vernichten. Das ist Punkt eins“, begann Jens ruhig zu erklären. „Punkt zwei: Dass sie schon unterwegs sein sollen, aber angeblich weiß keiner, auf welchem Weg und von wo aus. Was das Rendezvous betrifft, so handelt es sich um eine sehr schnittige große Dame, einen Flugzeugträger der Nimitz-Klasse. Er kommt uns aus dem Indischen Ozean zur Hilfe. Eben deshalb müssen wir auch zusehen, dass wir ihm entgegenfahren, um die Spanne der Angriffszeit auf uns, so gut es möglich ist, zu verkürzen. Wie ihr gesehen habt, begleiten uns vier weitere Schnellboote. Sie sind für unseren Schutz da. Und was ebenso wichtig ist: Sie haben zusätzlich Schiffsdiesel an Bord und werden uns, wenn es notwendig sein sollte, damit versorgen. Ein U-Boot wird sich, im Laufe des Tages, noch unter uns schieben. Die ägyptischen Marines sind auf ihren Posten. Sie wurden durch zusätzliche Männer von einem der anderen Boote verstärkt. Außerdem sind die Luftaufklärung sowie eine Staffel F16 vom Flugzeugträger zu unserem Schutz schon in der Luft. Während wir Kurs auf unseren Rendezvouspunkt nehmen, besteht unsere vorrangige Aufgabe darin, etwas aus unseren unliebsamen, zusätzlichen Passagieren herauszubekommen, womit das Pentagon seine Computer füttern kann, um diesen Albtraum endlich zu stoppen und ihm ein schnelles Ende zu bereiten.“ Sein Hals war trocken. Er griff nach dem vor ihm stehenden Glas und trank einen Schluck Mineralwasser. „Und was ist mit deinem Verdacht wegen dem einen CIA-Mann?“, wollte Jack, die Pause nutzend, wissen.
„Der ist erst einmal aus dem Spiel genommen. Dem konnte Verschleierungstaktik nachgewiesen werden und er wird zurzeit noch befragt. In dem seiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken.“ Jens trank noch einen Schluck. Rieb sich dann die Augen mit seinen Handballen, bevor er weitersprach. „Nun zu unserer jetzigen Aufgabe, die für uns alle – und da meine ich nicht nur uns paar Hanseln hier, sondern für unser aller Länder – sehr wichtig ist. Ziel der Verhöre wird sein, zu erfahren:
Erstens: Für wen waren die Lieferungen bestimmt?
Zweitens: Woher kommt das ganze Zeug?
Drittens: Wer ist der großzügige Geldgeber?
Viertens: Mit wem arbeiten sie zusammen? Wir brauchen Namen von eventuellen Organisationen, Staaten oder Personen und ihren Hintermännern.
Fünftens: Von wem erhielten sie ihre Befehle?
Und sechstens: Wären auch die richtigen Namen, also Personalien, von den Kerlen wichtig, damit unsere Freunde im Pentagon sie überprüfen und vielleicht Parallelen finden können. Wie ihr seht, liegt hier für jeden von euch ein kleiner, unscheinbarer Ohrhörer mit integriertem Mikro. Die kennt ihr sicher alle. Damit stehen wir miteinander in Verbindung. Nur tut mir einen Gefallen: Wenn einer von euch Hilfe braucht, unsicher ist oder eine Frage hat, dann ruft nicht in Gegenwart des zu Befragenden danach. Sondern einer von euch verlässt dafür den Raum, um die Verbindung zu Pitt, Sebi, Mahmud oder zu mir aufzunehmen. Hört aber auch genau darauf, wenn von einem von uns Untersuchungsergebnisse durchgegeben werden, die euch bei eurer Verhörtechnik helfen könnten. Das gilt umgekehrt natürlich ebenso. Mahmud und ich haben zusätzlich auch noch Verbindung zu unserem kleinen Verband. Also nicht nervös werden, sollten wir euch nicht gleich antworten und helfen können oder ihr zufällig andere Gespräche mitbekommt, weil sich die Frequenzen leicht überlagern könnten. Gibt es dazu noch Fragen?“ Dabei schaute Jens nacheinander jedem prüfend ins Gesicht. „Gut. Ich habe hier schon mal die erste Vorauswahl getroffen. Die Männer werden zurzeit in die einzelnen Verhörräume gebracht.“ Jens begann mit dem Team Robert und Tim. Er schob ihnen ein Blatt mit dem Foto und dem Namen eines der Kerle zu und erklärte den beiden Männern, wie sie vorgehen und worauf sie besonders achten sollten. Dann fragte er noch einmal, ob sich Robert das mit Tims Unterstützung zutraue. Ebenso gab er auch dem Team von Tyler und Brandon seine Empfehlungen für ihr Verhör. Als Sebastian sein Blatt und die Vorschläge von Jens erhielt, staunten die jungen SEALs nicht schlecht, dass er als alter Fuchs trotzdem noch zusätzliche Fragen zur Verhörtechnik stellte, sollte der Mann nicht wie geplant darauf reagieren. Auch Pitt tat das, als er an der Reihe war. Das machte Tyler und Robert stutzig und sie erinnerten sich an das Gespräch mit den beiden, welches sie in der Messe miteinander geführt hatten.
Die drei deutschen Freunde und der Oberstleutnant, lächelten sich zufrieden zu, als auch die beiden SEALs noch zusätzliche Tipps für ihre Verhörführung erfragten.
Als Letzter erhielt auch Mahmud Kebier seinen Mann fürs Verhör, von dem Jens meinte, ein paar dieser Fragen beantwortet zu bekommen, die für alle wichtig waren.
Er selbst hatte sich den Kerl herausgepickt, der für ihn eine Herausforderung sein würde. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er das meiste wissen dürfte, aber es nicht so leicht preisgeben würde. Dabei hatte er noch keine Zeit gehabt, für ihn eine geeignete Verhörtaktik zu ersinnen. Die sechzig Minuten waren einfach zu kurz dafür gewesen, da er sich auch noch mit den anderen Problemen beschäftigen musste.
Er zog sich das Blatt heraus, auf dem das Foto des Mannes zu sehen war, den die Kerle in der Höhle Jimmy genannt hatten. Jens versprach sich, viel von ihm zu erfahren. Er wusste aber auch, dass es nicht leicht werden würde, da er schon gehört hatte, dass er bereits länger als Söldner diente und bestimmt auch kein unbeschriebenes Blatt war, was Verhörpraktiken betraf.
„Noch etwas, Männer“, sagte Oberstleutnant Kebier: „Wenn ihr das Alarmzeichen des Signalhorns hört, brecht das Verhör sofort ab. Denn dann werden wir angegriffen. Meine Männer bringen in diesem Fall die Gefangenen sofort zurück unter Deck, in die Zellen.“
„Okay, nachdem auch das geklärt ist, lasst uns Zitronen pressen gehen und seht zu, dass ihr so viel Saft rauskriegt wie nur möglich“, sagte Jens und seine grünen Augen funkelten voller Vorfreude. „Zeigt keine Schwächen, denn das macht den Gegner stark. Ich wünsche uns allen viel Erfolg.“
Auf dem Weg zum eingerichteten Verhörraum, sprach Jens mit Adam ab, wie er sich verhalten soll, wenn er unter einem Vorwand den Raum verlassen müsse. Adam war schon sehr aufgeregt und gespannt auf die Arbeitsweise des Mannes, von dem er sicher noch viel lernen konnte.
An der Tür angekommen, lächelte Jens seinen jungen Freund kurz an. „Adam, egal was du vielleicht hier drin erleben wirst, du bleibst ernst, ruhig und absolut cool. Achte auf meine Zeichen und gehe nicht dazwischen, wenn ich es dir nicht ausdrücklich anzeige oder sage. Und das, egal was passiert. Kriegst du das hin?“
Adam nickte ihm nur kurz zu, dass er verstanden hatte und sich daran halten würde. Jens zwinkerte noch einmal aufmunternd, bevor seine Miene wie versteinert wirkte, als er die Tür öffnete und den jetzt schlicht gehaltenen Raum sah, der kurz davor noch der Schlafraum von vier Besatzungsmitgliedern gewesen war. Alles Persönliche wurde daraus entfernt. Sogar die beiden Doppelstockbetten. Jetzt standen in dem Raum, dessen stählerne Wände grau und kahl waren, nur noch zwei leere Stühle und ein hölzerner Tisch, hinter dem dieser Mann aus der Höhle saß, der dort das Sagen gehabt hatte.
Obwohl der Mann jetzt nur ein schmuddeliges, verschwitztes T-Shirt und eine verdreckte, mal blau gewesene Badeshorts trug und heruntergekommen wirkte, sah man ihm doch die Professionalität eines langjährig gedrillten Soldaten an. Er war schätzungsweise um die vierzig und hatte eine stattliche Statur. Seine Augen in dem kantigen Gesicht waren blaugrau und schauten unruhig umher. Der Schädel war kurzrasiert und ließ die braune Haarfarbe eher nur erahnen. Von der linken Schläfe zog sich eine helle Narbe bis zur Mitte der Wange. Seine Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt, seine Körperhaltung angespannt.
Das wird eine harte Nuss, stöhnte Jens innerlich.
„Guten Morgen, Mister Jim, oder darf ich auch Jimmy zu Ihnen sagen, so wie klein Bobby?“, begrüßte Jens den Gefangenen auf Englisch. „Ich hoffe, Sie wurden von den ‚Kameltreibern‘, wie Sie ihre derzeitigen Gastgeber bezeichneten, gut behandelt. Warten Sie, ich befreie Sie erst einmal von diesen lästigen, unbequemen Fesseln. … So, das hätten wir.“Langsam, den Mann nicht einen Moment aus den Augen lassend, ließ er sich nun bequem auf den noch freien Stuhl neben Adam nieder. „Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Flottillenadmiral Jens Arend, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen. Der Herr neben mir ist Ensign Adam Brown der United States Navy und vertritt offiziell die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin dazu verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Sie sich hier auf einem Schnellboot der ägyptischen Marine und somit auf ägyptischem Hoheitsgebiet befinden. Leider konnten Sie sich mit keinem Pass, geschweige denn mit einem gültigen Visum für dieses Land ausweisen, was den Verdacht nahelegt, dass Sie sich hier illegal aufhalten. Haben Sie etwas dazu zu sagen, was diesen Verdacht entkräften könnte?“, fragte Jens höflich. Dabei hatte er sehr wohl die kurze Reaktion des Mannes bemerkt, als er ihn beim Vornamen genannt und den Namen von seinem Kumpel Bob erwähnt hatte. Damit war für Jens klar, wie er mit diesem Kerl weiter umgehen musste, es würde aber kein leichter Weg werden.
Adam und Jens wussten, dass eben dieser Bobby, gerade im Verhörraum nebenan saß und von Sebastian ausgefragt wurde, während sich Pitt mit diesem James, der am Funkgerät gesessen hatte, beschäftigte.
„Wie wäre es, wenn Sie nun auch so höflich wären, sich mal selbst vorzustellen, Jimmy? Ich bin ein Mensch, der gern wissen möchte, mit wem er es zu tun hat. Das verstehen Sie doch?“, sagte Jens noch immer höflich.
„Ich heißen nich, Jim. Da muss Sie verwechseln mich. Mein Name ist Ernst Schäfer. Ich deutsch Staatsbürger, genieße diplomatische Immunität“, brachte der Kerl, der den beiden Männern gegenüber saß, im gebrochen gesprochenen Deutsch hervor.
Diese Aussage ließ Jens ein unterdrücktes Lächeln übers Gesicht huschen.
„Da gibt es nur ein kleines Problem, Herr Schäfer“, sagte er mit fester Stimme, nun ebenfalls auf Deutsch, dann wechselte er wieder ins Englische. „Für einen Landsmann von mir, sprechen Sie diese Sprache verdammt schlecht. Das war ein netter Versuch, doch der ist mächtig in die Hose gegangen. Meinen Sie nicht auch? Sie hätten vielleicht besser auf meinen Namen hören sollen, als ich mich vorstellte. Ich denke, der war eigentlich deutsch genug, ebenso wie mein Dienstrang. Und was die diplomatische Immunität angeht, so müssten Sie mir da doch schon etwas mehr liefern, denn mit einem Diplomaten haben Sie so viel Ähnlichkeit, wie ich mit einer heißen, sexy Braut.“ Er machte eine kurze Pause, um dem Kerl Zeit zu lassen, mit der neuen Situation klarzukommen. Dann sagte er ernst, in einem lauteren Tonfall als noch kurz zuvor: „Mister Jim, so wie ich informiert bin, ist Ihr vollständiger Name Jim Julius Nessler. Liege ich da richtig? Also bleibe ich doch lieber bei dem richtigen Namen J. J. Nessler aus dem schönen Staat Colorado, wo ihre Mutter noch immer lebt. Und sie sich sicher schon Sorgen um ihren Sohn macht, der sich so lange nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ihr kleiner, lieber Junge nicht der Held ist, für den sie ihn hält? Sondern dass er ein Terrorist ist, der sich am Abschlachten von unschuldigen Menschen, Frauen, Kindern, Kranken und Alten beteiligt? Was meinen Sie? Wie würde sie darauf reagieren?“
„Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel!“, schrie der Mann plötzlich unbeherrscht auf. Sein Gesicht war vor lauter Zorn rot angelaufen und an seinen Schläfen sah man das Pulsieren einer hervorgetretenen Ader. .
Hab ich dich, du Wichser.
Jens verzog keine Miene. Nun war die Kleinarbeit dran.
Gerade als er weitermachen wollte, meldete sich Jack, der Sebastian beim Verhör unterstützte, über den kleinen Knopf in seinem Ohr. Adam, der mitgehört hatte, nickte ihm unmerklich zu, sodass Jens nicht extra Zeichen geben musste.
„Ja Jim, dann würde ich mal vorschlagen, Sie denken über Ihre Situation etwas nach. Vor allem darüber, wie Ihre kranke Mutter darauf reagieren könnte, wenn sie erfährt, dass Sie die ganze Zeit zu Unrecht auf ihren einzigen Sohn so stolz war. Ich gebe Ihnen etwas Zeit dafür. Wenn Sie was zu sagen haben, dann steht Ihnen Mister Brown gern zur Verfügung. Wir sitzen hier schon eine geschlagene Stunde. Mir persönlich wird es jetzt etwas zu blöd. Denn ich mag es nicht, nur mit mir selbst zu reden. Ich höre eigentlich viel lieber zu. Und ich kann Ihnen versichern: Wenn Mister Brown sich langweilt, dann verlässt auch er diesen Raum. Sie sehen ja die drei netten ‚Kameltreiber‘ wie sie unsere Freunde nannten, dort im Hintergrund stehen. Die sind schon ganz scharf auf Sie, denn Sie haben ihre Ehre beschmutzt und beleidigen ihr Auge allein durch Ihre Anwesenheit hier. Und nur so zur Information: Wir sind hier lediglich Gäste und können den Männern gar nichts sagen oder gar befehlen. Wir können sie nur nett bitten, was aber nicht heißt, dass sie es dann auch unbedingt so machen, wie wir es gern hätten. Sie haben da so ihren eigenen Kopf. Sie müssen wissen, es ist ihr Land und Sie sind ihr Gefangener, nicht unserer“, erklärte Jens, stand langsam auf, murmelte leise etwas auf Arabisch und verließ den Raum. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, schaute er im kleinen Vorraum auf den Monitor, auf dem der Raum samt dem Gefangenen gut zu sehen war, und meldete sich über seinen Ohrhörer bei Adam.
„Adam, nicht erschrecken, unsere drei Freunde hinter dir, treten gleich in Aktion. Gehe nach einer Weile dazwischen, aber nur ganz zögerlich und diplomatisch. Nicht dass du ihnen wehtust. Spiele einfach nur den guten Cop und sei der Beschützer und Held für den Kerl.“ Auf dem Monitor sah Jens, wie Adam sich, als Zeichen, dass er verstanden hatte, am Hinterkopf kratzte.
„Jack, hier Bussard. Was gibt es?“, fragte Jens, nachdem er die Frequenz zu ihm freigeschaltet hatte.
„Dieser Bobby heult gerade wie ein Schlosshund. Sebi hat ihn regelrecht weichgekocht und erfahren, dass diese Operation angeblich ‚Mohammeds Angels‘ heißt und das Ziel hat, den Islam und alle muslimischen Völkergruppen weltweit auszulöschen. Sie wollen dabei anderen Nationen die Schuld in die Schuhe schieben. Also nicht nur Deutschland, wie wir ursprünglich annahmen, sondern nacheinander auch andere Staaten. Sie haben vor, sie gegeneinander aufzuwiegeln“, informierte Jack.
„Hier Bussard. Danke an Jack und Sebi, sehr gute Arbeit. Das hilft uns weiter. Bussard an die anderen. Baut es als Eckpfeiler in eure weitere Verhörtaktik ein und verwendet es, als wüsstet ihr auch schon alles andere und wollt es nur noch bestätigt haben. Klopft auf den Busch, aber seid vorsichtig, wagt euch dabei nicht auf zu dünnes Eis“, riet Jens. Dann setzte er sich vor den kleinen Monitor und verfolgte das Geschehen in seinem Verhörraum. Sein Augenmerk richtete er dabei besonders auf das Mienenspiel und die Reaktionen dieses Jim Nessler. Er studierte ihn geradezu.
Kapitän Sayed Khairat meldete sich über den Ohrhörer bei Jens. Er berichtete von neuen Informationen diesen Jim Nessler betreffend, die er soeben vom Pentagon erhalten hatte.
„Danke, Sayed. Das hilft uns hier weiter. Und wie sieht es bei euch aus? Gibt es da was neues?“
„Noch ist die Luft um uns herum rein.“
„Hoffen wir, dass es auch so bleibt, Sayed. Haltet weiter die Augen offen.“ Jens trank noch einen Schluck Wasser, wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff nach einer zweiten. Mit der Flasche in der Hand betrat er wieder den Verhörraum.
Die drei ägyptischen Matrosen taten erschrocken, als sie ihn sahen, und kehrten auf ihre Position an der Wand zurück. Adam, der sich zwischen sie und den Gefangenen gestellt hatte, gab vor, erleichtert zu sein, dass nichts passiert war. Jens reichte ihm die Flasche Wasser, setzte sich bequem, auf seinen Stuhl und legte die Füße auf den Tisch vor sich. „Gab es hier in der Zwischenzeit Probleme?“, fragte er gelangweilt. Adam schüttelte nur mit dem Kopf und setzte sich neben ihn. „Und lassen Sie mich raten, Ensign, wir sind kein Stück weitergekommen.“ Jens nahm die Füße wieder vom Tisch und schaute dem Gefangenen direkt in seine unruhigen Augen. „Wissen Sie, Mister Nessler, mir ist die Zeit zu schade, um sie hier mit Ihnen zu vergeuden. Ich hätte Ihnen gern geholfen. Es ist doch ein riesiger Unterschied zwischen dem Lebenslänglich hier in diesem Land und den paar Jahren, die Sie in der Heimat absitzen könnten, wo Ihre kleine Tochter Sie wenigstens besuchen könnte. … Wie heißt sie doch gleich? … Ach ja, Melanie. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass es Ihrer Mutter leider sehr viel schlechter geht, seit die Männer vom FBI sie besucht und nach Ihnen gefragt haben. Sie wird sich wohl nicht mehr lange um die Kleine kümmern können. Wenn sie in Zukunft die Gastfreundschaft in einer Zelle dieses Landes genießen, werden sie nichts für Melanie tun können. Die Fürsorge steht schon auf der Matte. Ein Platz im Kinderheim wurde wohl, so wie ich erfahren habe, schon beantragt. Vielleicht ja auch besser für das Kind, bei solch einem Vater.“
Weiß traten Nesslers Fingerknöchel hervor, als er seine großen Pranken, zu wütenden Fäusten ballte, nach vorn gebeugt aufstand und sie kräftig auf die Tischplatte knallte, dass diese zu brechen drohte.
„Das können Sie nicht machen!“, schrie er dabei empört auf. „Ich habe Rechte!“
„Wir machen doch gar nichts, Mister Nessler. Und von welchen Rechten sprechen Sie überhaupt? Sie sind ein Terrorist. Schon einmal etwas vom ‚Military Commissions Act‘ in ihrem Land gehört und wissen, was der beinhaltet? So etwas gibt es hier in Ägypten übrigens auch.
Es liegt allein in Ihrer Hand, denn deshalb sind wir hier. Arbeiten Sie mit uns zusammen, und wir werden uns für Sie einsetzen. Auf der anderen Seite stehlen Sie hier nur meine Zeit, denn wir wissen auch so schon von der Operation ‚Mohammeds Angels‘ und den weiteren Plänen. Ich mache mir an Ihnen bestimmt nicht die Finger dreckig.
Übrigens: Lebenslang, bedeutet in diesem Land für Terroristen tatsächlich lebenslang. Sie kommen also nur mit den Füßen voran und mausetot wieder aus einer der Zellen dort. Ich kenne da einen schönen Gefängnistrakt direkt in der Wüste. Keine Klimaanlage, keine Heizung in den Zellenblöcken. Da ist es tagsüber unerträglich heiß und nachts friert man bis auf die Knochen. Keine schöne Aussicht, aber das ist Ihre eigene Entscheidung. Ihre Tochter sehen sie nie wieder, denn dort gibt es keine Besuchserlaubnis. Schon gar nicht für ungläubige, ausländische Massenmörder. Und vergessen Sie Hilfsorganisationen die Ihnen beistehen und helfen könnten. Tun sie nicht. Nicht bei den Verbrechen, die Sie schon begangen haben und noch begehen wollten“, erklärte Jens absolut ruhig und leise, sodass der Mann gezwungen war, die Ohren zu spitzen und genau zuzuhören.
„Ensign Brown, ich breche das Verhör an dieser Stelle ab. Wir übergeben den Gefangenen dem ägyptischen Staat. Ich habe die Nase voll. Machen wir Schluss.“
Adam schaute Jens verwundert an. Er war enttäuscht, dass dieser Mann so schnell aufgegeben hatte. Eigentlich hatte er sich viel mehr erhofft. Nur widerwillig erhob er sich von seinem Stuhl und folgte dem Flottillenadmiral zur Tür.
Jens ergriff demonstrativ langsam die Türklinke.
„Halt, warten Sie!“, schrie Jim ihm nach. „Das können Sie doch nicht machen. Das ist unmenschlich. Sie haben kein Gewissen. Meine Tochter ist erst drei Jahre alt!“
Jens zwinkerte seinem jungen Freund kurz zu, dann drehte er sich unerwartet blitzschnell um. Er rannte auf den Gefangenen zu, schlug laut die Fäuste auf die Tischplatte, dass es schepperte und knackte. Er beugte sich über den Tisch, sodass ihre Gesichter nur eine Handbreit voneinander entfernt waren.
„Ausgerechnet Sie wagen es, von Unmenschlichkeit und Gewissen zu sprechen?“, schrie er ihn an, dass Nessler erschrocken zusammenzuckte. „Sie wollten Menschen, auch kleine Kinder, sogar welche, die noch jünger sind als Ihre Tochter, kaltblütig umbringen. Wissen Sie, wie das Nervengift VX schon in geringster Menge bei Hautkontakt auf den Körper eines Menschen wirkt? Wollen sie es wissen? Ich kann es Ihnen sagen: ... Stellen Sie sich Ihre Tochter vor, wenn sie sich schreiend vor Schmerzen unter starken Krämpfen windet, bis die Atemlähmung eintritt und Ihre Melanie bei vollem Bewusstsein qualvoll erstickt. Dabei gibt es keine Hilfe für die Kleine. Stellen Sie sich ihre Mutter vor, wie sie leiden würde unter dem Einsatz von ‚Tabun-Gas‘! Wenn sie nach einem langen Leidensweg an Atemlähmung zugrunde geht. Keine so tolle Vorstellung, was, Mister Nessler?!“, schrie Jens weiter, dem Mann keine Chance, für auch nur einen anderen Gedanken, lassend. „Und noch was. Sie haben bei ihrem großartigen Plan ganz vergessen, dass der Krieg damit auch ins eigene Land zieht und alle Staaten über solche und andere Nervenkampfstoffe verfügen. Und da lasse ich schon die Atomwaffen außen vor. Damit ist dieses Todesurteil für Ihre kleine Familie noch nicht einmal nur fiktiv, sondern kann ganz schnell Realität werden. Und Sie persönlich unterschreiben dafür gerade das Todesurteil für sie und sind auch noch ihr Henker! Also reden Sie mir nicht von Gewissen. Denn Sie haben keins. Noch nicht einmal gegenüber Ihrer eigenen kleinen Familie! Vergessen Sie es also“, zischte Jens die letzten Worte böse und wandte sich wieder ab, um zu gehen. Dabei änderte sich sofort seine Miene und ein breites Lächeln zog über sein Gesicht. Er zwinkerte dem jungen Seal zu, was der Gefangene aber nicht sehen konnte.
„Was wollen sie wissen?“, rief Jim verzweifelt, als die beiden Männer schon fast aus der Tür waren. Wieder blieb Jens stehen, ließ sich Zeit, als würde er es sich überlegen, dann winkte er nur ab und trat aus dem Raum.
„Kommen Sie zurück! Ich sage Ihnen alles, was ich weiß, nur beschützen Sie mein Kind“, schrie Nessler ihnen voller Verzweiflung nach.
„Wie soll ich ihr Kind in einem Weltkrieg, den sie und ihre Organisation anzetteln, beschützen? Dieser Krieg wird den gesamten Planeten betreffen und alles Leben ausrotten. Einer der größten Fehler von Größenwahnsinnigen. Die denken nicht weit genug in die Zukunft, sondern nur an sich selbst und merken nicht einmal, dass sie sich am Ende mit ihrer Gier das Wasser selbst abgraben.“ Das Gesicht von Jens war wieder ernst und wirkte geradezu eisig, als er in den Raum zurücktrat. „Mister, ich glaube nicht, dass Sie mit Ihrem beschränkten Wissen die tragische Geschichte dieser Welt ändern könnten. Sie sind dafür ein zu kleines Rädchen in dem Getriebe. Ich aber brauch Informationen, um dieses angelaufene Rad wieder stoppen zu können, bevor es die Menschheit und auch ihre Familie, nicht mehr gibt“, sagte Jens. Dabei tat er gelangweilt und setzte sich wieder an den Tisch zurück. „Aber wir können es ja mal versuchen. Ich bin gespannt, ob Sie mir etwas Neues erzählen können, das ich noch nicht weiß … Also fangen Sie an. Ich bin ganz Ohr.“
Jim J. Nessler redete von da an wie ein Wasserfall. Nur selten unterbrach ihn Jens, um etwas zu hinterfragen. Erst nachdem der Gefangene alles erzählt hatte, was er wusste und ihm eingefallen war, stellte Jens ganz gezielte Fragen.
„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Mister Nessler“, sagte Jens nach vier Stunden. „Ich werde wie versprochen ein gutes Wort für Sie einlegen und das Pentagon über Ihre Kooperationsbereitschaft informieren. Ich hoffe, Sie stehen mir auch noch für weitere Fragen zur Verfügung, sollte es sich als notwendig erweisen. Man wird Sie jetzt in eine separate Zelle führen, damit Sie nicht von den Mitgliedern Ihrer eigenen Organisation gelyncht werden können. Man wird Ihnen etwas zu essen und zu trinken, sowie frische Kleidung bringen.“
Jens und Adam blieben noch im Raum sitzen, bis der Gefangene abgeführt worden war. Dann betätigte Jens seinen Ohrhörer. „Hier Bussard an alle. Solltet ihr noch nicht fertig sein, dann brecht eure Verhöre ab. Wir machen Pause und treffen uns in der Messe. Beim Essen fügen wir das Puzzle, mit den Teilen, die wir bisher haben, so weit es geht, zusammen.“
Adam war begeistert von Jens und seiner Herangehensweise bei der Befragung. Er gestand ihm, dass er anfangs sehr enttäuscht war, bis er endlich bemerkt hatte, dass es nur zu seiner Taktik gehörte.
Jens lachte laut und herzlich auf. „Ich muss dir gestehen, dass ich in diesem Moment Angst hatte, dass du mir an die Gurgel springen willst, weil du glaubtest, dass ich wirklich schon die Flinte ins Korn geworfen hätte. Ich habe es ganz deutlich in deinen Augen gesehen. Ich wusste gar nicht, dass ich tatsächlich so ein guter Schauspieler bin.“
Noch immer darüber lachend, betraten sie die Messe, in der bereits ihre zehn Freunde beim Essen saßen.
„Adam, ich glaube, wir sind hier die Letzten“, stellte Jens, noch immer lachend, fest. „Die waren alle schneller als wir.“
„Aber leider nicht sonderlich erfolgreich, schätze ich“, antwortete Pitt betrübt. „Ich habe aus dem James nicht gerade sehr viel herausbekommen. Aber ich glaube, er wusste auch wirklich nicht mehr. Und bei den anderen ist es ähnlich gelaufen. Wir haben zwar etwas, aber befriedigend ist es nicht gerade.“
„Wir hoffen, die Herren vom Pentagon, FBI, NSA und CIA können trotzdem was damit anfangen und kommen einen Schritt weiter als wir hier“, ergänzte Mahmud Kebier, enttäuscht über die Ergebnisse.
„Abwarten, Mahmud. Adam und ich haben in der Zwischenzeit auch keine Däumchen gedreht“, meinte Jens und ging sofort weiter bis zum Büfett, wo er seinen Teller, mit verschiedenen Köstlichkeiten der ägyptischen Küche, füllte.
Er war hungrig und froh, endlich essen zu können. Genüsslich sog er den Duft der Speisen durch die Nase ein und griff zur Gabel. Weiter kam er enttäuschenderweise nicht mehr.
Der Schiffsweite Alarm schrillte überall über die Bordlautsprecher.
„Oh Gott! Oh Allah! Was habe ich nur verbrochen, dass du mich so strafst und mir nicht ein ruhiges Essen gönnst? Ich habe doch Hunger, Herr“, flehte Jens und richtete seinen Blick demonstrativ nach oben und legte die Gabel zurück auf den Tisch. „Haltet mir mein Essen warm. Aber lasst ja die Finger davon. Ich bin hoffentlich gleich zurück“, rief er und rannte auch schon mit Oberstleutnant Kebier aus dem Raum, über die Gänge und Treppen bis hoch zur Brücke.
„Ist Jens gläubig?“, fragte David leise, nachdem die beiden Männer den Raum verlassen hatten.
„Nein, nur verzweifelt. Ihr müsst wissen, Jens liebt es, ein gutes Essen in aller Ruhe zu genießen. Er ist ein Gourmet der ägyptischen Küche geworden und verfressen wie kein anderer von uns. Auch wenn man es ihm nicht ansieht“, erklärte Sebastian lachend. Doch dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Kommt, lasst uns nachsehen, was da los ist.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Brücke, von wo aus ihnen Jens schon wieder entgegengelaufen kam.
„Sorry Jungs, jetzt ist keine Zeit für Erklärungen“, rief er und drängte sich auch schon durch die schmale Gasse, die sie ihm sofort frei machten. Sie schauten ihm verwundert nach und sahen, wie er, während er die steile Treppe nach unten lief, seinen Ohrhörer wieder ins Ohr steckte.
Jens war auf dem Weg zum Unterdeck, wo sie die Zellen für die Gefangenen eingerichtet hatten. Sein Ziel war die Zelle von Jim Nessler. Er hatte ihm noch ein paar wichtige Fragen zu stellen und hoffte auf Antworten.
Eine Viertelstunde später meldete er sich über seinen In-Ear- Ohrhörer: „Hier Bussard, Sayed, stoppe sofort die Maschinen und werfe die Anker!“, rief er laut. „Die Taucher sollen sich fertig machen. Sie sollen die Vollgesichtsmasken nehmen. Ich gehe selbst mit runter. … Bussard, an Wanderfalke und Waldkauz. Bewegt euren Hintern zusammen mit den SEALs zu der Kammer, wo die Kisten deponiert sind. Sucht alles gründlich ab. Wir leuchten wie der Vollmond am nächtlichen Sternenhimmel. Also tut mir den Gefallen und findet die Scheiß-Peilsender.“
Bereits drei Sekunden später hörte man die schweren Kettenglieder der beiden Anker laut durch die Klüsen rechts und links vom Bug rattern.
Jens bedankte sich bei dem Gefangenen für die Auskunft, ließ es aber auch nicht aus, ihm vorzuwerfen, dass er es zuvor im Verhör verheimlicht hatte.
„Sir, das habe ich wirklich nicht gewusst. Aber es ist die einzig logische Erklärung dafür, dass die uns so schnell wieder aufspüren konnten“, rechtfertigte sich Jim. Der, wie es schien, wirklich helfen wollte.
Jens sah den Mann eine Weile nachdenklich an. „Gut, ich glaube Ihnen. Beweisen Sie mir, dass Sie es auch ernst mit Ihrer Hilfe meinen. Kommen Sie mit mir mit“, sagte Jens kurz entschlossen und lief, gefolgt von Jim und zwei Matrosen, die für die Bewachung des Gefangenen zuständig waren, zurück Richtung Brücke. Dort angekommen drückte Jens den Mann auf einen der Sitze. „Ich will, dass Sie sich alles mit anhören. Wenn Ihnen etwas einfällt oder Sie einen Vorschlag haben, dann machen Sie sich gefälligst bemerkbar. Ich werde Sie hören. Hier ist das Mikro. Wie das bedient wird, wissen Sie ja wohl“, sagte der Flottillenadmiral streng und drückte dem Mann ein Stabmikrofon in die Hand. Dann wandte er sich an Mahmud, Sayed und die Matrosen: „Passt gut auf den Mann auf. So ganz traue ich ihm noch nicht. Aber vielleicht meint er es wirklich ernst und wird uns helfen. Ich gebe ihm diese Chance. Wäre schön, wenn ihr sie ihm auch gebt“, bat er die Ägypter absichtlich auf Englisch, damit es auch Jim Nessler verstehen konnte.
Wenige Minuten später stand Jens mit den ägyptischen Marinetauchern auf der Plattform und sprang ins Wasser, um mit ihnen den Schiffsrumpf unter der Wasseroberfläche abzusuchen.
Der Gefangene, Jim Nessler, hörte die Stimme von dem Mann, der sich ihm als deutscher Flottillenadmiral vorgestellt hatte, über die Lautsprecher auf der Brücke, und war erstaunt, dass er jetzt auf Arabisch sprach. Dann hörte er ihn plötzlich wieder Englisch sprechen.
„Mister Nessler, wenn Sie uns helfen wollen, beantworten Sie jetzt meine Frage. Wo bringen ihre Taucher für gewöhnlich die Peilsender an Zielschiffen an, damit sie nicht zu schnell gefunden werden können? Sie könnten uns damit wertvolle Zeit bei der Suche ersparen. Ich muss Sie ja nicht daran erinnern, dass es dabei auch um Ihr Leben und die Zukunft Ihrer kleinen Familie geht.“
Alle Augenpaare auf der Brücke, waren nun auf den Gefangenen gerichtet.
Jim Nessler bediente den Schalter der Sprechanlage. „Für gewöhnlich gibt es dafür fünf bevorzugte Stellen … am Ruder, direkt neben der Welle der Schraube, oder entlang des Kiels, sowie direkt am Bug oder an einem der Anker an einer Stelle, die beim Ankern aber nicht im Grund versinkt. Da das Boot vor dem Riff nicht in sehr tiefem Gewässer war, nehme ich letzteres, als am wahrscheinlichsten an. Sonst an der Ankerkette, die aber auch nicht durch die Klüse ins Kettenfach gezogen wird, sondern draußen am Bug bleibt.“
„Sayed, du hast es gehört“, sagte Jens nun wieder auf Arabisch. „Wir kommen nicht runter zu den Dingern. Sie liegen zu tief. Hiev zuerst den Backbordanker bis auf zehn Meter hoch. Gib uns Bescheid, wenn er da ist. Wir sehen uns in der Zwischenzeit den Rumpf etwas näher an.“
Jens teilte schnell die Teams ein. Gemeinsam tasteten sie jeden Zentimeter des Ruders, des Gebiets um die Schiffsschraube und des Kiels des großen Marineschnellbootes ab.
„Backbordanker auf zehn Meter“, meldete sich der Kapitän über Funk bei seinem Freund.
„Roger, wir sind schon auf dem Weg“, antwortete Jens. Dann sprach er auf Deutsch weiter: „Wanderfalke, Waldkauz, wie steht es bei euch?“
„Noch nichts, Bussard“, kam von Pitt zurück.
„Räumt die Kisten aus und nehmt sie, wenn es sein muss, auch auseinander. Aber Vorsicht bei den Euronoten. Zieht dafür Schutzkleidung an“, sagte Jens etwas schwerer atmend. „Ich will die scheiß Dinger, die uns verraten, loshaben, damit ich endlich in Ruhe essen kann. Mir knurrt hier nämlich schon der Magen so laut, dass sogar die Fische Reißaus nehmen.“
Pitt und Sebastian lächelten sich kurz an.
„Na, haben wir euch nicht gesagt, dass der Kerl verfressen ist? Er treibt uns wie Sklaven an, nur damit er sich endlich den Bauch vollschlagen kann“, sagte Pitt.
Doch die SEALs kannten die Männer nun schon lange genug, um zu wissen, dass es sich dabei um ihre ganz eigene Art von Humor handelte. Denn sie hatten bereits gegessen, nur Adam und Jens noch nicht.
„Okay Käpt’n, lass den Anker wieder fallen und hole den anderen hoch“, meldete sich Jens nach einer Weile, absichtlich auf Englisch. „Wir schauen uns in der Zwischenzeit weiter den Rumpf an.“
„Schaut dabei besonders im Bereich der Wasserlinie nach“, meldete sich Jim Nessler wieder zu Wort.
„Oh Jimmy, glauben Sie mir, wir suchen vorsichtshalber alles am Rumpf ab. Auch über der Wasserlinie“
„Steuerbordanker auf zehn Meter“, meldete Kapitän Sayed Khairat wenig später.
Nach einer Stunde tauchten die Männer am Heck des Schnellbootes wieder auf. Jens hielt drei druckknopfgroße Peilsender in seiner Hand. Auch Pitt und Sebastian waren mit den SEALs fündig geworden und zeigten ebenfalls drei der kleinen Sender vor, als sie sich auf der Brücke trafen.
„Und, was machen wir damit?“, wollte Sebastian wissen. „Wir können sie einfach ins Wasser schmeißen und verduften oder sie zertreten, so wie man es mit Wanzen eben macht.“
„Nein, das würde ich nicht empfehlen“, mischte sich Nessler ein.
Jens wurde sofort hellhörig. „Warum nicht?“
„Weil sie dann wissen, dass ihr sie bemerkt habt. Sie würden daraufhin ihren Plan ändern und sich etwas anderes einfallen lassen, um ihr Ziel trotzdem zu erreichen.“
„Und was schlägt Mister Massenmörder dann vor?“, fragte Pitt mit verächtlichem Unterton.
„Ich habe gesehen, dass ihr die beiden U-Boote noch im Schlepptau habt.“
„Ja, und? Glauben Sie damit verduften zu können?“, fragte Jens höflich und dennoch herausfordernd.
„Nein, das habe ich nicht vor. Ich habe versprochen, zu kooperieren, um das Leben meiner Tochter zu retten. Aber sie könnten die Sender, streng getrennt nach Fundort, darauf deponieren, und sie mit den U-Booten in die falsche Richtung schicken.“
„Das haben wir auch schon überlegt, nur sind wir nicht bereit, auch nur einen unserer Männer dafür zu opfern. Denn dann wären diese Männer, die diese Boote steuern, das Angriffsziel und somit in Gefahr. Trotzdem danke. Sie haben mich nicht enttäuscht“, sagte Jens ganz ruhig.
„Nein, Sie haben nicht verstanden, was ich meine. Sie können die U-Boote von hier wegbringen, und nach etwas mehr als einer Meile, bei zwei Knoten, in einer Tiefe von zwanzig Metern lässt sich ein Autopilot einschalten, der mit einem Selbstauslöser gekoppelt ist, sodass sich das Tauchboot dreißig Minuten später, während es sich noch weiter entfernt, selbst zerstört. In der Zwischenzeit könnten die Männer eingesammelt werden und das Schnellboot sich längst auf einem ganz anderen Kurs befinden. Die beiden Explosionspunkte und ihre wahre Position, würden bei den Geschwindigkeiten der Boote mehrere Seemeilen auseinanderliegen. Die Suche nach ihrem Schiff würde sich dann auf ein riesiges Seegebiet erstrecken und damit schwer werden. Zumal sie zuerst den Funkpeilsendern in die falschen Richtungen folgen werden. Das würde zusätzlich für Verwirrung sorgen“, erklärte Nessler.
Die Männer auf dem Deck sahen sich überrascht an und spielten in Gedanken das Szenario durch.
„Okay, dann zeige uns den Autopiloten und erkläre die genaue Reihenfolge der Wirkungen“, brach Sebastian als Erster das Schweigen.
Nachdem Nessler alles genau erklärt und gezeigt hatte, was die Technik der beiden U-Boote betraf, meldeten sich Jack und Sebastian sofort für den Einsatz bereit. Sie besprachen mit den Matrosen, die die Zodiacs steuern würden, die Richtung und Geschwindigkeit, damit sie sich immer in ihrer Nähe aufhielten, um sie rechtzeitig aus dem Meer zu fischen, wenn sie auftauchten.
„Sebi, ihr müsst während voller Fahrt aus den Dingern raus. Das ist verdammt gefährlich“, warnte Jens. „Du hast aber noch Probleme mit deiner Beinprothese. Das kann ich nicht zulassen.“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis, mein großer Guru. Kennst du einen anderen, der die Blechbüchse steuern kann?“, fragte Sebastian, zu allem entschlossen. „Kennst du nicht. Also lass es mich machen. Jack ist mit seiner Verletzung auch nicht viel besser dran. Kannst uns ja nen schönen Nachruf widmen, wenn wir es nicht schaffen sollten. Aber ehrlich gesagt haben wir noch nicht vor, in den Himmel zu schweben. Also lass uns einfach unseren Job machen.“
Die Freunde begleiteten Jack und Sebastian in den Equipmentraum und halfen ihnen beim Anlegen der Notfall-Tauchausrüstung, auf die Jens bestanden hatte.
Die Zodiacs wurden zu Wasser gelassen und die beiden Männer bestiegen mit den Peilsendern in der Hand, begleitet von den Blicken der Matrosen, Marinetauchern und Freunden, die beiden kleinen U-Boote und verschwanden durch deren Luken.
„Sie riskieren viel für Menschen, die sie eigentlich nicht kennen“, stellte Nessler fest, der neben Jens stand.
„Ja, Mister Nessler“, antwortete Jens und drehte sich ihm zu. „Wir kennen auch Ihre Mutter und Ihre kleine Tochter nicht. Trotzdem sind diese Männer bereit, auch für sie ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Und gnade Ihnen Gott, wenn Ihre bereitwilligen Auskünfte falsch waren und wir deshalb unsere Freunde verlieren. Dann werde ich nämlich zur Bestie. Und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht erleben.“
„Okay, Mister“, sagte Nessler schnell. „Es wäre vielleicht besser, wenn die beiden auf fünfunddreißig Meter und drei Knoten gehen, bevor sie aussteigen. Die Selbstzerstörungszeit ist von der Tiefe und der Geschwindigkeit abhängig. Je langsamer und höher, desto eher gehen die Dinger hoch. Bei dem, was ich zuerst gesagt habe, würde die Zeit bis zur Selbstzerstörung nur fünf Minuten betragen.“
Giftig funkelte Jens den Mann aus seinen grünen Augen an. „Wanderfalke, Jack hier Bussard. Geht auf fünfunddreißig Meter und drei Knoten, bevor ihr aussteigt. Das Ekel hier hat sich daran erinnert, dass es bei zwanzig Metern und zwei Knoten noch zu schädlich für euch sein könnte“, sagte er schnell über Funk, gerade noch rechtzeitig, bevor die beiden Männer mit den Booten abtauchten.
Gezielt platzierte Jens einen linken Haken in die Magengrube von Nessler.
„Versuchen Sie so etwas nie wieder, Mister. Ich bin sehr empfindlich, wenn es um meine Freunde geht“, zischte er wütend, während er ihn am Kragen seines Polo-Shirts festhielt, damit Nessler nicht zu Boden sinken konnte. „Bringt ihn weg, bevor ich kotzen muss“, sagte er verächtlich. Er war jedoch sofort wieder sachlich und beherrscht, als er sich bei den beiden Matrosen, die den Mann zu keiner Zeit aus den Augen gelassen hatten, bedankte, dass sie ihn wieder in seine Zelle zurückbrachten.
Die SEALs und Pitt hatten den Wutausbruch von Jens genau gesehen, obwohl der sich darum bemüht hatte, dass es nicht von allen bemerkt werden konnte. Sofort wussten sie, dass sich ihre beiden Freunde in großer Gefahr befunden hatten oder vielleicht sogar noch immer befanden, und hofften, dass die zweite Aussage dieses Jim Nessler nun aber die richtige war.
„Kapitän, lichten Sie die Anker und gehen Sie auf Ausweichkurs, um den Affen zu entgehen. Nehmen Sie den ursprünglichen Kurs mit langsamer Fahrt erst wieder auf, wenn wir wissen, dass die den anderen Zielen folgen“, sagte Jens, noch immer um Fassung ringend, in das unscheinbare Mikrofon seines Ohrhörers. „Wenn unsere Leute wieder bei uns sind, sage ich Bescheid und wir können volle Fahrt machen.“
Fest umklammerten die Hände des groß gewachsenen, kräftigen Mannes das Geländer der Reling. Er schaute hinaus aufs Meer, wo die beiden Zodiacs erst zu kleinen Punkten wurden und dann zwischen den Wellenbergen verschwanden. „Wenn der Kerl gelogen hat, wird mich keiner von euch halten können. Dann bringe ich ihn höchstpersönlich und eigenhändig um“, brachte er leise hervor, als Pitt und die SEALs neben ihn getreten waren und besorgt, um ihre Freunde, mit aufs Meer hinaus schauten. Pitt wusste genau, dass Jens das absolut ernst meinte und es nicht nur eine leere Drohung war.
Minuten wurden, für die Männer an der Reling, zu Stunden. Auch die Meldung vom Kapitän, dass sich die potenziellen Angreifer unter Wasser offenbar von ihrem Kurs abwandten und einem neuen Ziel folgten, konnte sie nicht beruhigen. Sie verharrten weiter an der Backbordreling und schauten zurück zu dem Punkt, wo sie ihre Freunde vermuteten.
Nacheinander, in einem Abstand von wenigen Minuten, drang das Geräusch von vier Explosionen, je zwei kleinen und zwei großen, an die Ohren der Männer, die noch immer an der Reling des Marineschnellbootes standen. Jens und Pitt schauten sich mit weit vor Schreck geöffneten Augen an.
„Wieso vier?“, überlegte Jens laut. „Und warum in den Abständen?“
„Sayed!“, schrie Pitt in sein Mikro. „Was sagen die Sonar- und Radarüberwachungen unserer Freunde?“
„Sonar sauber“, antwortete der Kapitän sofort.
„Und unsere Männer?“, fragte Jens.
„Wir haben die Zodiacs auf dem Schirm. Die sind weit außerhalb der beiden Explosionsgebiete. Ob Sebi und Jack bei ihnen an Bord sind. kann ich euch leider nicht sagen. Ich bekomme keine Verbindung zu den Männern auf den Schlauchbooten.“
Oberstleutnant Kebier entschied sich, eines der begleitenden Marineschnellboote den Zodiacs entgegenzuschicken. Das vordere der Boote des kleinen Verbandes brach aus der festgelegten Formation aus, nahm Fahrt auf und entfernte sich in Richtung der letzten, gemeldeten Position der beiden Schlauchboote. In der Zwischenzeit meldete das ägyptische Marine-U-Boot einen weiteren Unterwasserkontakt. Die Schnellboote stoppten sofort ihre Maschinen und das U-Boot ging auf Schleichfahrt.
Wenig später konnte Entwarnung gegeben werden. Es hatte sich um eines der fünf U-Boote der ägyptischen Marine gehandelt, die das Hoheitsgebiet, gemeinsam mit dem Küstenschutz überwachte und routinemäßig Patrouille fuhr. Die ‚Sinai‘ nahm kurz darauf, mit den anderen Begleitbooten, wieder Fahrt auf.
„Hier Kebier“, meldete sich der Oberstleutnant von der Brücke. „Ich weiß ja nicht, ob es euch interessiert, aber der Kapitän der ‚Giftun‘ meldete gerade, dass er zwei Zodiacs mit all unseren Männern ... Ich wiederhole: Mit all unseren Männern an Bord genommen hat. Sie sind auf dem Weg.“
Die Freunde, die noch immer an der Reling auf dem Achterdeck standen, schlossen dankbar die Augen und atmeten erleichtert tief durch. So mancher von ihnen schickte heilfroh ein Stoßgebet gen Himmel.
„Und, wie wäre es jetzt mit etwas zu futtern?“, fragte Pitt an Jens gewandt.
„Nein, ich warte damit noch, bis die beiden wieder da sind. Adam hat ja auch noch nicht gegessen. Und Sebi und Jack brauchen nach dem Einsatz bestimmt auch wieder was. Also esse ich doch lieber mit allen gemeinsam“, antwortete Jens und schaute dabei weiter aufs Meer hinaus.
Die acht SEALs hatten das gehört und waren beeindruckt, dass Jens, ein Flottillenadmiral, der nach Aussagen seiner Freunde, immer hungrig war, doch erst noch mit auf ihren Kameraden, der ‚nur‘ ein Ensign, auf Deutsch ein einfacher Fähnrich, war, wartete.
„Jetzt bin ich mir sicher“, flüsterte William den anderen SEALs zu, „die Männer machen wirklich keine Rangunterschiede zwischen denen, die sie ihre Freunde nennen, und wir haben die Ehre, dazuzugehören. Und das, obwohl wir nur kleine Lichter sind.“
„Ihr seid keine kleinen Lichter“, mischte sich Pitt ein, der es gehört hatte. „Lasst euch das von niemandem einreden. Ihr habt für eine gerechte Sache an unserer Seite gekämpft und tut es noch immer. Das ist es, was euch zu unseren Freunden macht. Wenn wir das alles hier hinter uns haben und ihr noch Zeit habt, wofür Jens sicher sorgen kann, werdet ihr noch andere, ganz unscheinbare Freunde von uns kennenlernen können. Ein Dienstgrad ist nicht so wichtig für uns, denn er sagt nichts über den Menschen aus, der ihn trägt. Wichtig ist für uns, dass die Überzeugung zur Sache stimmt. Eigentlich dachte ich, dass ihr das bereits verstanden hättet. Aber vielleicht sind wir alten Herren auch nur zu sensibel geworden und achten mehr auf Gefühle, was nicht immer gut für einen Elitesoldaten wie euch ist, der strikte Befehle zu befolgen hat und seinen Job gut machen soll, ohne darüber nachzudenken. Eben das unterscheidet uns vielleicht auch von anderen. Denn was wir tun, das tun wir aus Überzeugung. Nicht weil wir es wegen eines erteilten Befehls müssen. Versteht Ihr?
Anne und Andy, liegen nicht im Lazarett, weil sie einen Befehl erhalten und ausgeführt haben, sondern weil sie überzeugt waren, das Richtige zu tun. Sie haben gehandelt, ohne erst groß zu fragen. Das ist es, was zählt. Sich für das Richtige zu entscheiden und danach zu handeln. Und wir halten jedes Leben für wichtig. Das hat wohl die jahrelange Erfahrung so mit sich gebracht. Gefühle gehören in keinen Kampf. Aber eben diese Gefühle können auch Gutes bewirken, weshalb wir in einer speziellen Sondereinheit, mit besonderen Befugnissen agieren können und dürfen, sobald es die Situation erfordert. So wie eben hier. Es gibt keine Bezeichnung für uns. Ansonsten sind wir, außer Jens, Reservisten und ganz normale Zivilisten. Und ganz ehrlich, die möchten wir auch gern bleiben. Wir fühlen uns hier sehr wohl als einfache Tauchlehrer. Das Land und vor allem die Menschen hier, haben uns mit offenen Armen empfangen. Diese Menschen sind wundervoll. Anne, Sebi und Kim haben das schon viel eher erkannt. Sie lebten und arbeiteten schon lange Zeit vorher hier, bevor ich mit Jens und ein paar anderen Kampfgefährten das erste Mal hierhergekommen bin. Beim zweiten Auftrag sind dann Andy und kurz darauf ich, auch wegen schwerer Verletzungen, die einen aktiven Dienst nicht mehr erlaubten, bei ihnen hängen geblieben. Aber wir sind auch ständig in Bereitschaft für kleine Sonderaufgaben. Wir haben sehr viel von den Menschen hier gelernt. Der Islam ist keine Bedrohung für die Christen oder die angeblich so fortschrittlichen Industrienationen. Nur die Menschen, die etwas anderes hineininterpretieren und es für sich ausnutzen wollen, sind die Gefahr. Vieles davon deckt sich mit den früheren Kreuzzügen, die angeblich in Christi Namen geführt wurden, aber an denen sich nur Einzelne bereichert haben.
Der Islam sind nicht ein oder mehrere Personen, die glauben, das Werkzeug oder die Hand Gottes oder Allahs zu sein, und im Namen dieses Gottes Kriege anzetteln, die dann der kleine Mann für sie ausbaden oder gar sein Leben geben muss. Alles, damit sich ein paar einzelne Menschen bereichern und eine Vormachtstellung einnehmen können. Wenn es so läuft, dann geht der Glaube in eine falsche Richtung und ist sehr gefährlich.
Dabei ist es egal, welchen Namen dieser Gott trägt. Wir respektieren den Glauben dieser Menschen an Allah wie auch den Glauben an Gott. Beide entstammen der gleichen Wiege, nur die Propheten, die er laut des entsprechenden Glaubens entsandt haben soll, waren unterschiedliche. Lest den Koran, die Thora und die Bibel oder andere Bücher des Glaubens, und ihr werdet schon nach den ersten Seiten darauf stoßen, dass sie alle, egal wie sie ihn in ihrem Glauben auch nennen, den gleichen Gott und Schöpfer der Welt und der Menschen meinen.
Ich für meinen Teil denke, obwohl ich selbst nicht gläubig bin, dass Gott, oder besser die, welche die Schriften, nachweislich in verschiedenen Zeiten verfasst haben, den Menschen in ihren verschiedenen Lebensräumen und Naturbedingungen ein Rezept zum Überleben mitgegeben haben. Nicht anders ist es bei den indigenen Völkern mit Manitu und wie sie da noch alle heißen. Oder auch mit dem Buddhismus oder Hinduismus. Der Glaube soll ihnen helfen, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Der Glaube und die Hoffnung sind manchmal alles, was noch bleibt, und stirbt zuletzt. Menschen brauchen etwas, woran sie glauben und an dem sie sich festhalten können. Ist es da nicht egal, welchen Namen er für sie trägt?
Selbst der ungläubigste Mensch auf Erden beginnt, bewusst oder unbewusst, zu seinem Gott zu beten, wenn er sich in einer ausweglosen Situation befindet, und hofft auf ein Wunder. Und ich weiß, wovon ich spreche. Das könnt ihr mir glauben. Auch ich habe schon so manches Stoßgebet gen Himmel gesandt.
Es sollten nur nie wieder unter dem Deckmantel seines Namens oder einer Religion auf dem Rücken Unschuldiger Kämpfe und Kriege ausgetragen werden, die am Ende doch nur vereinzelten Menschen dienen, die sich daran bereichern und ihre Macht ausleben wollen. Aber das alles ist nur meine persönliche Meinung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“
Interessiert und gespannt hatten die jungen SEALs Fregattenkapitän Pitt Dressler zugehört und machten sich nun ihre eigenen Gedanken dazu. Sie konnten sein Argument nicht von der Hand weisen. Dabei waren Brandon und Tyler gläubige Christen. Doch auch sie verstanden Pitts Worte und respektierten sie. „Für einen Atheisten sprichst du verdammt klare Worte“, meinte Tyler. „Du kennst dich aus im Glauben der Menschen.“
„Nein, das maße ich mir nicht an, Tyler. Das steht mir nicht zu. Ich habe wohl einiges darüber gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht. Das ist wohl wahr. Doch seit ich hier in Ägypten lebe, habe ich viel Neues, für mich bis dahin Fremdes, erfahren und dazugelernt. Aber am Ende bleibt es doch meine ureigene Meinung, die ich keinem aufzwingen, aber sehr wohl vertreten kann“, antwortete Pitt sicher. „Für mich ist es der einfache Menschenverstand, der mir sagt, dass kein Mensch für seinen Glauben in den Tod geschickt werden sollte oder dafür sterben muss.“
„Könnten wir jetzt, von den Ausflügen in die verschiedenen Religionen, die am Ende doch denselben Gott anbeten, mal wieder zum Weltlichen zurückkehren“, mischte sich Jens ein und zeigte in Richtung Norden, von wo sich das ägyptische Begleitboot der Marines ihrer Position näherte. „Wie mir der Käpt’n gerade meldete, haben unsere Jungs den Einsatz nicht ganz unbeschadet überstanden.“
Ohne Fragen zu stellen, liefen die Männer zum Heck ihres Marineschnellbootes, um sofort helfen zu können, sobald die ‚Giftun‘ an der ‚Sinai‘ längsseits ging. Auch der Schiffsarzt stand mit seinen Leuten schon auf der Plattform bereit.
„Samuel, bringen Sie mir Jack und Sebi ja schnell wieder auf die Beine!“, rief Jens laut. „Ich habe nämlich in einem Anfall von Schwäche geschworen, meine Mahlzeit nicht ohne sie einzunehmen, und Sie wissen, was das bedeutet.“
„Klar, Mister Arend. Ich werde mein Bestes tun“, rief der Schiffsarzt zurück und wusste, was der Mann meinte. Dass es ihm dabei nicht wirklich um das Essen, sondern um seine Leute ging.
Er hatte sich daran gewöhnt, dass diese Männer fast nie ihre Schmerzen und Ängste oder die Sorge um ihre verwundeten Kameraden offen zeigten. Wenn aber doch, dann war die Situation sehr ernst.
Er hatte das schon erlebt, als er vor drei Jahren gerade auf dem Marineschnellboot angefangen hatte. Er war das erste Jahr bei der Marine als junger Arzt tätig. Damals hatte sich dieser Mann fast aufgegeben, aus Trauer um seinen Freund. Alle dachten, dass Pitt bei einer Explosion umgekommen sei. Jens war zu der Zeit schwer verwundet. Erst als Pitt, nach vielen Stunden, lebend gefunden worden war, verbesserte sich auch endlich der Gesundheitszustand von Jens Arend, der zuvor dem Sterben näher als dem Leben gewesen war. Jeder der Männer war damals an seine Grenzen gegangen, um einander und Anne Kamp, die jetzt die Frau von Fregattenkapitän Andreas Wildner war, zu helfen. Das war für den jungen Arzt ein Erlebnis, das sich tief in sein Innerstes eingebrannt hatte und das er nie in seinem Leben je wieder vergessen würde.
33Als das Begleitboot endlich eingetroffen war und gerade neben der ‚Sinai‘ festmachte, war schon weithin Sebastians lautes Schreien zu hören. „Jungs, erinnert mich das nächste Mal daran, wenn ich mich freiwillig zu irgendetwas melden will, dass es alles nur ein böser Traum ist und ich die Hand ganz schnell wieder runternehmen soll, bevor es einer gesehen hat.“
„Was ist denn passiert, du Schreihals?“, wollte Pitt wissen, als Sebastian auf einer Trage festgeschnallt aufs Boot gebracht wurde.
„Mir geht es bombig. Nur hat mir die Druckwelle, von dem scheiß anderen U-Boot, an das ich die Haftmine angebracht hatte, die Prothese weggerissen. Alles nur, weil sie nicht gut saß, wegen dem scheißdicken Verband hier. Darauf hält doch kein Liner und der Pin rastet nicht ordentlich ein. Wobei ich den Liner samt Pin jetzt auch noch losgeworden bin“, erklärte Sebastian ganz aufgebracht, zwischendurch weiter fluchend, und zeigte dabei auf den nassen Verband um seinen Beinstumpf. „Nummer zwei in nur zwei Tagen. Ich habe die Schnauze voll, also quatscht mich bloß nicht blöd von der Seite an, sonst raste ich hier noch ganz aus und falte jeden, der mir in die Quere kommt, zu ganz kleinen Päckchen zusammen.“
„Mein Gott, das wütende Rumpelstilzchen ist ja ein Scheißdreck gegen dich. Komm mal wieder runter. … Von welchem anderen U-Boot sprichst du überhaupt? Und warum hast du auch eine Haftmine dort angebracht, wo du doch davon gar keine Ahnung mehr hast?“, wollte Pitt wissen und grinste dabei, weil er sich die Antwort schon denken konnte.
„Du dämliche Knallerbse. Natürlich, weil ich so ein Ding gerade in der Hand hatte und nicht wusste, wie ich sie anders loswerden sollte. Als das doofe U-Boot, was übrigens keins war, sondern eher ein als U-Boot verkleideter Torpedo, in dem Moment auftauchte, habe ich mir gedacht, dass ich da das Ding doch nicht länger mit mir rumschleppen brauche. Nur war eben die Zeit von fünf Minuten etwas kurz zum Verduften“, erklärte Sebastian, während er in den Behandlungsraum getragen wurde.
„Mann, du blöde Flasche, solltest doch auch nur aus dem U-Boot raus. Keiner hat dir gesagt, dass du noch mit Magnetspielzeug an anderen Dingern rumfummeln sollst“, erwiderte Pitt, sichtlich erleichtert, dass es seinem Freund tatsächlich gut zu gehen schien, da er so herumwettern konnte.
„Jack, sag mir, dass wenigstens du vernünftiger warst, und nicht auch mit einer Haftmine rumgespielt hast“, wollte Jens wissen, der neben der Trage herlief, auf der Jack fest angeschnallt lag.
„Sorry, Mister. Aber die Verlockung war doch zu groß, als ich das riesige Ding schon hinter mir sah, noch bevor, ich während der Fahrt, aussteigen konnte.“
„Und was fehlt dir?“, wollte Jens dann besorgt wissen.
„Eigentlich nur etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Aber die Jungs hier haben mich gleich auf die Trage geschnallt, nachdem sie Sebi herausgefischt hatten und geschockt waren, als sie an ihm nur das leere Hosenbein vom Neoprenanzug herumschlackern sahen, weil darin sein Fuß und Unterschenkel fehlten und doch kein Blut floss. Sie wussten nichts von seiner Prothese. Also dachten sie tatsächlich, ihm hätte es das Bein weggefetzt. Weil Sebi auch noch gleich auf Deutsch herumwetterte und herumschrie wie ein Rohrspatz, was natürlich keiner von ihnen verstand, glaubten sie, er stehe unter Schock, und ich auch, obwohl ich ihn doch eigentlich nur beruhigen wollte. Logisch, durch die lauten Detonationen unter Wasser waren unsere Ohren noch halb taub. Sprich, wir haben uns verdammt lautstark gegenseitig nur blöd angelabert und schon hatten wir ne Spritze im Hintern und fanden uns nach einer Weile angeschnallt auf den Tragen wieder“, erzählte Jack ganz trocken.
Jens, Pitt und die SEALs, bekamen sich nach diesem Bericht kaum noch ein vor Lachen.
„Samuel, du lieber, guter Doktor“, sagte Jens auf Arabisch und konnte sich noch immer kaum vor Lachen halten. „Gib mir sofort meine Jungs wieder frei. Außer einem Dachschaden, den sie aber schon länger haben und der nicht weiter gefährlich ist, fehlt ihnen nichts.“
„Ein paar Krücken für Sebi wären aber hilfreich, bis er ein neues Bein hat. Sonst haben wir den kleinen Kerl im wahrsten Sinne des Wortes, die ganze Zeit auf dem Hals“, ergänzte Pitt. „Der Kleine kann nämlich ziemlich nervig und belastend sein.“
„Danke, Jungs. Ich liebe euch auch“, war Sebastians Kommentar, als er kurz darauf von der Trage steigen konnte und sich mühte, den Tauchanzug auszuziehen.
„Mann, das war ne Pferdespritze, mir tut der ganze Hintern noch weh davon“, giftete er auf Arabisch den Mann an, der sie ihm gegeben hatte, und rieb sich demonstrativ die Stelle.
Verlegen lächelte der Ägypter Sebastian an.
Pitt und Jens nahmen ihren Freund in die Mitte. Jens wollte nicht warten, bis endlich ein paar Krücken für Sebastian aufgetrieben werden konnten. Er hatte Hunger und wollte endlich was zu essen. Denn er und Adam hatten seit dem Frühstück nichts mehr in den Magen bekommen.
Adam und Jens bekamen ein Gericht, welches extra für sie aufgehoben und aufgewärmt wurde. Die anderen tranken Tee und naschten etwas Gebäck.
„Sebi, wie hast du das vorhin gemeint? Ich meine das mit dem U-Boot, dass es keins war?“, fragte Jens nach einer Weile und schob sich eine Falafel in den Mund.
„So wie ich es gesagt habe. Die Dinger waren billige Attrappen. Sie haben direkt auf uns zugehalten und jeden Kurs, den wir einschlugen, auch prompt mitgemacht. Also habe ich Jack das Zeichen gegeben, dass wir uns trennen. Was soll ich sagen, danach raste eins der großen Zigarren Jack hinterher, und eine hängte sich bei mir an den Arsch. Ich denke, die haben auf der Frequenz der Peilsender gearbeitet. Und laut der Größe der Explosion, wovon mir jetzt noch die Ohren dröhnen, bin ich der Meinung, dass es sich um eine Art selbstgebauter Torpedos gehandelt haben muss, die als kleine U-Boote getarnt wurden. Auf jeden Fall war dort mit Sicherheit nicht eine lebende Seele drin.“
„Aber dann hättet ihr die Dinger doch nicht extra zerstören brauchen, wenn sie ohnehin mit den Tauchbooten hochgegangen wären“, sagte Pitt nachdenklich.
„Ja, so hatten wir auch erst gedacht“, erklärte Jack. „Nur Sebi hat mal etwas die Zeit genutzt, einfach das Ruder festgebunden und hinten in den Schränken und Kisten rumgestöbert, als wir noch normal unterwegs waren, um von euch weit genug wegzukommen, und mir dann Zeichen gegeben, das gleiche zu tun.“
„Und was war drin in den Schränken und Kisten?“, fragte Jens neugierig.
„Die waren vollgestopft mit Haftminen und solchem Spielzeug. Schade, dass wir da nicht reingeguckt haben, als wir die Boote noch im Schlepp hatten. Ich habe mich also, als es dann brenzlig wurde, dazu entschlossen, lieber kleinere, einzelne Explosionen hintereinander auszulösen, als eine riesige. Einer einzigen großen Druckwelle hätten wir nicht entkommen können. Es hat auch so völlig gereicht. Mir tut davon noch jeder Knochen einzeln weh. Es hat einem regelrecht die Luft aus der Lunge gepresst. So schnell, wie durch diese Druckwelle, war ich noch nie im Wasser unterwegs“, berichtete Sebastian.
„Genau, die Druckwellen trafen den Körper wie ein riesiger Vorschlaghammer und rissen mich einfach mit sich, dabei wurde sie doch durch die nächsten Wellen, die aus anderen Richtungen kamen, gebrochen und abgeschwächt. Ich hatte zu tun den Atemregler im Mund zu behalten. Die Maske hat es regelrecht abgefetzt und ich glaubte schon, die Pressluftflasche würde es auch noch aus der Halterung am Jackett reißen. Es war ein Höllentrip. Größer hätte die Druckwelle auf keinen Fall sein dürfen. Wäre Sebi nicht so neugierig gewesen und hätte in den Schränken herumgestöbert, säßen wir wohl jetzt nicht wieder hier. Sein Einfall war wirklich gut“, sagte Jack.
„Ja, manchmal hat unser Kleiner doch noch lichte Momente“, meinte Jens und grinste Sebastian dabei erleichtert und, wie nur die Eingeweihten wussten, auch lobend an. „Gut gemacht, Jungs. Für die Kerle sind wir nun alle Fischfutter und liegen auf dem Meeresgrund. Ich hoffe, dank euch wird nun der Rest der Fahrt zum Rendezvous ruhiger verlaufen.“
„Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen“, meinte Sebastian daraufhin skeptisch. „Also sollten wir uns lieber nicht zu sicher fühlen. Aber sag mal, was hat euch dieser Vogel eigentlich alles so gezwitschert, den ihr so lange in der Mangel hattet?“, wollte er dann von Jens und Adam wissen, die beide noch immer aßen.
Mit einem Mal hörte Jens auf zu kauen, hob den Kopf und starrte an die gegenüberliegende Wand auf die Uhr. Er ließ sein Besteck fallen und schluckte schnell den letzten Bissen hinunter. „Scheiße, das habe ich ja ganz vergessen!“, schrie er und sprang auf, sodass der Stuhl laut polternd nach hinten kippte. „Die warten ja auf den Bericht, je eher sie die Namen haben, desto schneller ist hier Ruhe“, rief Jens, während er schon auf dem Weg nach draußen war. „Ihr könnt ja mitkommen, dann brauche ich es nicht noch mal zu erzählen.“
Das ließ sich keiner der Männer zweimal sagen. Pitt und Jack schnappten sich Sebastian und liefen Jens nach, in den Besprechungsraum, der zur Einsatzzentrale umfunktioniert worden war.
Jens rollte mit einem der Bürostühle vor den Computer mit dem großen Flachbildmonitor und versuchte, eine Konferenzschaltung mit dem Pentagon, dem CIA und dem FBI aufzubauen. Es brauchte eine Weile, bis die Verbindung zu allen Teilnehmern stand. Jens nutzte diese Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Er schrieb sich ein paar Stichpunkte auf und bat Adam darum, vorsichtshalber die Richtigkeit der Namen, die sie bekommen hatten, noch einmal abzugleichen. Dann war es endlich so weit.
„Guten Tag, meine Herren“, begann Jens höflich auf Englisch. „Entschuldigen Sie bitte, dass Sie etwas länger warten mussten. Aber wir hatten hier nebenbei noch ein paar andere, kleinere Probleme zu beseitigen.“ Dabei drehte er sich zu Jack und Sebastian und zwinkerte ihnen zu. Dann wandte er sich wieder dem Monitor zu. „Recht herzlichen Dank für die schnellen Informationen, die ich bei Ihnen noch zu bestimmten Personen angefordert hatte. Sie haben uns damit sehr geholfen. Ich kann ihnen nun unsere derzeitigen Untersuchungsergebnisse mitteilen. Bei dem Kopf von ‚Now Kingdom‘ handelt es sich wohl um nur drei oder fünf Personen, die im Geheimen agieren. Selbst ihre direkten Befehlsempfänger, die zu rund zwei Prozent aus ehemaligen Söldnern, die unehrenhaft entlassen wurden, bestehen und um die wahren Ziele der Führungselite wissen, kennen deren Identitäten nicht. Noch einmal zwei Prozent sollen ehemalige und noch aktive, darunter auch ein paar hochrangige Personen, der Armee und anderer wichtiger staatlicher Sicherheitsorgane von Ihnen und auch anderen Ländern sein, so wie ein paar abtrünnige Wissenschaftler. Die Namen, die uns dazu vorliegen, mailen wir Ihnen sofort nach dieser Konferenz zu. Weitere zwei Prozent sind Mitläufer. Sie beteiligen sich an der Operation ‚Mohammeds Angels‘ als Rache, weil sie Familienmitglieder oder Freunde bei islamistischen Terroranschlägen verloren haben. Die meisten davon aber hauptsächlich nur finanziell. Sie wissen nicht, dass sie für einen anderen Zweck ausgenutzt werden. Bei dem Rest handelt es sich um internationale Splittergruppen von Terroristen, Waffenschiebern und Abenteurern, die Spaß an Schlägereien, Schießereien und Kriegsspielen haben. Und wenn ich hier mit diesen Prozentzahlen hantiere, dann rede ich nicht von zehn oder hundert Mann, sondern bereits von weit über zehntausend. Tendenz steigend.
Hauptsächlich finanziert wird das Ganze von folgenden Herren ... “ Jens zählte danach zehn Namen auf. „Natürlich mailen wir auch diese Namen dann auch noch mit an sie. Der wahre Plan und die Strategie dieser Organisation, die zum Erreichen des Ziels führen sollen, sind folgende: Attentate mit Nervenkampfstoffen auf gläubige Moslems, nach Möglichkeit bei großen Ansammlungen und Freitagsgebeten. Wie wir ja schon wussten, sollte das erste Ziel Saudi-Arabien sein und dabei sollte Deutschland die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Kampfszenario: Die Saudis ziehen gegen Europa, die USA greift als NATO-Partner ein und andere Länder auch. Ein Schreckensszenario, welches einen Weltkrieg heraufbeschwört. Was wir bis dato nicht wussten, ist, dass nacheinander auch die anderen Regierungen untereinander auf gleiche Weise benutzt und so aufgestachelt werden sollen, die sich aus diesem Konflikt heraushalten wollen. Sinn und Zweck dabei ist, diese Regierungen alle gegeneinander aufzuwiegeln und so Kriegszustände zwischen den einzelnen Ländern zu schaffen.
Ich muss ihnen nicht erklären, wer an einem erneuten Aufrüsten und Wettrüsten verdienen würde. Die Namen habe ich ihnen vorhin gerade genannt. Das Ziel ist also die Ausrottung der Menschen und somit ganzer Staaten des islamischen Glaubens. Auch durch ethnische Säuberungen. Inbesitznahme dieser Länder, um die Bodenschätze ausbeuten zu können, absolute Weltherrschaft, durch das Waffenmonopol dieser einzelnen Herrschaften, die bereits alle Gebiete schon im Vorfeld unter sich aufgeteilt haben. Plus die gleichzeitige Beseitigung unliebsamer Konkurrenten und Völker. Ja meine Herren, ich habe genauso geschaut wie Sie jetzt gerade. Doch leider ist die Bedrohung sehr real. Die Laborausrüstung, die wir gefunden haben, ist nur ein Teil der geplanten Ausrüstung und sollte heimlich auf eine der vielen kleinen Inseln des Dahlak-Archipels gebracht werden, die zum Staat Eritrea gehören. Ein Werk zur Massenherstellung von Tabun steht bereits und beginnt schon bald mit der Produktion. Da es für Israel auf den abgelegenen Inseln noch einen Nutzungsvertrag gibt, schauen die Eritreer nicht so genau hin, was da angeliefert wird, da Israel dort seinen Atommüll hinbringt. Also fahren die netten Menschen unter israelischer Flagge. Allerdings wissen die Israelis scheinbar nichts davon. Und schon haben diese Kerle einen Freibrief, unbehelligt ins Hoheitsgebiet von Eritrea zu gelangen, und einen guten, strategischen Ausgangspunkt für ihre Aktionen in diesem Raum.
So wie wir erfahren haben, befinden sich die Fabrik, sowie die Wohntrakte der Mitarbeiter unter der Inseloberfläche. Außerdem ist vorgesehen, die alten, aufgegebenen israelischen Stützpunkte zu reaktivieren und heimlich auszubauen. Wo sich übrigens auch schon eine intakte Start- und Landebahn befinden soll. Die ersten Flugzeuge stehen bereits in den bunkerähnlichen Hangars und sind startklar. Und wir haben hier die Ladung im Bauch des Schiffes, die für den Einsatz der Flugzeuge bestimmt war.
Da man sich aber nun dazu entschlossen hat, uns samt dem Zeug zu vernichten, um Spuren zu beseitigen, gehe ich davon aus, dass die bereits genügend von dem Zeug als Nachschub beschafft oder produziert haben.
Oh, und noch etwas, das hätte ich fast vergessen. Die eingeschweißten Euronoten sind hochgradig toxisch. Sie wurden mit ‚VX‘ für den einfachen Hautkontakt präpariert und waren für gezielte Abwürfe in Jemen, Sudan und Ägypten bestimmt, um die guten Beziehungen, welche diese Länder zu Deutschland und Europa haben, empfindlich zu stören. Auch die Dollarnoten waren teils dafür vorgesehen, auf der Insel noch präpariert zu werden. Der Rest sind Schmier- und Schweigegelder.
Die Organisation ‚New Kingdom‘ arbeitet in kleinen Gruppen, die alle ihre speziellen Aufgaben haben. Viele der Gruppen wissen voneinander gar nichts. Sie werden absichtlich klein und zugegeben auch dumm gehalten, damit nicht die Möglichkeit besteht, dass sie hinter den wirklichen Plan kommen. Die Gruppen werden von der Spitze koordiniert. Wir haben diese Informationen von Jim Julius Nessler erhalten, der sich während des Verhörs dazu entschieden hat, mit uns zu kooperieren.
Nun ist es an Ihnen, meine Herren, diesen Wahnsinn zu stoppen. Wir sind auf dem Kurs zum Rendezvous mit ihrem Flugzeugträger, wo wir unsere Fracht in hoffentlich wirklich sichere Hände übergeben können. Die Gefangenen werden wir mit ihrer Militärmaschine zu ihnen schicken“, beendete Jens seinen Bericht. Doch nach einer kurzen Pause sprach er leiser und bedrückt weiter. „Wir würden ihnen auch gern die beiden gefallenen Piloten der SEALs mit allen militärischen Ehrenbezeugungen von uns und unseren ägyptischen Freunden in diesem Flugzeug in ihre Heimat überführen lassen wollen. Ich hoffe, die Maschine kann so lange warten, sollten wir nicht rechtzeitig zurück sein können. Damit dürfte dann unser Teil der Aktion abgeschlossen sein. Oder?“ Schloss Jens ab.
Die drei Männer, die auf dem Monitor zu sehen waren, nickten beeindruckt und bedankten sich für die hervorragende Arbeit aller Beteiligten. Sie stimmten auch der Überführung zu und versprachen, sich um einen würdigen Empfang, der beiden gefallenen Männer, in der Heimat zu kümmern.
Dann ließ es sich Jens nicht nehmen und lobte die ausgezeichnete Arbeit der zehn SEALs, die ständig ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und leichte Verwundungen davongetragen hatten. Er erbat sich für sie, nach der Übergabe der Gefangenen am Flugzeug, einen dreiwöchigen Erholungsurlaub, den sie in diesem Land und nicht wie sonst üblich unbedingt in der Heimat verbringen müssten. Er gab ihnen auch gleich die Begründung dafür: Weil sie von den ägyptischen Freunden, ihm und seiner Gruppe persönlich, eingeladen wurden, einige Zeit ihre Gäste zu sein. Außerdem wäre ja auch ihre Stickstoffsättigung nach den vielen Einsätzen noch zu hoch, um schon in ein Flugzeug steigen zu können.
Die acht SEALs machten große Augen und schauten sich erstaunt an, als sie das hörten. Gespannt lauschten und warteten sie auf die Entscheidung der ihnen weit übergeordneten Offiziere.
Der Mann vom Pentagon sagte nach einer Weile zu und versprach, ihre direkten Vorgesetzten von dem Beschluss zu informieren.
Jens bedankte sich höflich. „Wenn noch irgendetwas sein sollte, so melden Sie sich einfach wieder bei uns. Sollte sich hier noch etwas ergeben, halten wir es ebenso.“
„Ich wünsche ihren Freunden, die so schwer verwundet wurden, gute Besserung. Bitte halten Sie uns über ihren Gesundheitszustand auf dem Laufenden und zögern Sie nicht, es zu sagen, wenn wir Ihnen mit irgendetwas helfen könnten. Wegen des Verlusts der Jacht ihrer Freunde brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Das ist hier bereits in Arbeit“, sagte der hohe Offizier vom Pentagon.
„Ja, dann wäre es toll, wenn die auf dem Flugzeugträger ein neues Bein für mich hätten“, meinte Sebastian an Pitt gewandt. Dabei hatte er nicht damit gerechnet, dass das Mikrofon so empfindlich war und die Männer der Videokonferenz das mithörten.
Die Frage von dem Mann im Pentagon kam sofort.
„Wie meint das der Mann, den ich da gerade auf Deutsch gehört habe? Was ist denn mit seinem Bein?“
„Oh, entschuldigen Sie, Sir. Das war Korvettenkapitän der Reserve Sebastian Rothe, Mitglied unseres kleinen Teams. Er hat hier auf See innerhalb von nur zwei Tagen während seiner Einsätze, kurz hintereinander gleich zwei Unterschenkelprothesen eingebüßt. Doch mehr hat er davon nicht mehr in Reserve. Diese Prothesen wurden nach seinen Wünschen für die vielseitigen und ganz speziellen Anforderungen, in Deutschland, angefertigt. Deshalb ist er nun natürlich sehr verärgert. Denn hier auf dem Schiff haben wir auch keine Krücken für ihn. Ich glaube, kein Marineschnellboot hat so etwas vorrätig an Bord. Das wurmt ihn natürlich noch zusätzlich, denn er hat damit jetzt ein sehr großes Handicap“, erklärte Jens, mit einem verlegenen Lächeln.
„Ja, ich erinnere mich an den Bericht von Ihnen über diesen guten Mann und seine Einsätze. Auch seine Frau ist sehr mutig. Ich sehe zu, was ich tun kann. Es ist gut möglich, dass wir ihm auf dem Flugzeugträger helfen können. Das ist eine schwimmende Stadt mit allen möglichen Gewerken und eigenem Krankenhaus. Ich werde den Kapitän des Trägers kontaktieren und ihn darüber informieren, dann werden wir mal sehen, ob sich da etwas machen lässt. Scheuen Sie sich nicht, ihre Wünsche und genauen Vorstellungen zu äußern, wie die Prothese beschaffen sein soll, Mister Rothe. Denn ich habe gehört, dass Sie die sogar zum Tauchen nutzen und brauchen. Ich weiß, dass man nur ein halber Mensch ist, wenn einem ein Bein fehlt und man auf andere angewiesen ist. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Mir fehlt selbst das rechte Bein, habe es bei einem Verkehrsunfall verloren. Ich bewundere Sie, Mister Rothe. Trotz ihrer Behinderung sind sie noch so fit und kämpfen wie ein Stier.“
„Danke, Sir“, meldete sich Sebastian verlegen aus dem Hintergrund. „Aber mir fehlt ja nicht ein ganzes Bein, Sir. Sondern nur der Unterschenkel“, antwortete Sebastian nun auf Englisch.
„Mir auch, mein Freund. Mir auch. Nur ich kann ohne Stock nicht laufen und Ihnen, so wie ich gehört habe, merkt man noch nicht einmal ein leichtes Hinken an. Ich nehme mir Sie als Vorbild, dass es auch anders gehen kann“, kam die Antwort, die Sebastian noch verlegener werden ließ, sodass er keinen Ton mehr herausbekam. „Ich denke, ich werde es mir nicht nehmen lassen, Sie alle persönlich kennenzulernen. Sie haben mich sehr neugierig auf ihre kleine Gruppe und ihre Freunde gemacht, Flottillenadmiral Arend.“
„Danke, Sir. Wir würden uns sehr freuen, Sie hier begrüßen zu dürfen“, antwortete Jens ehrlich und verabschiedete sich dann von den drei Gesprächspartnern.
Als die Verbindung getrennt war, jubelten die acht jungen SEALs auf. Liefen zu Jens, hoben ihn auf ihre Arme und ließen ihn hochleben, so freuten sie sich über den von Jens herausgeschlagenen Urlaub, den sie mit ihren neuen Freunden schon bald verbringen würden.
„Ist ja gut, Jungs. Lasst mich wieder runter. Ich bekomme hier ja Platzangst, so nahe an der Stahldecke. Außerdem habt ihr euch den Urlaub mehr als nur verdient. Wenn ihr ihn natürlich lieber zu Hause bei euren Familien verbringen möchtet, so ist es auch kein Problem. Dann springt einfach in ein Flugzeug, wenn die Stickstoffsättigung wieder okay ist, und ihr seid schnell daheim.“
„No, Sir!“, schrien die Männer laut im Chor.
„Wir freuen uns schon, die Zeit hier mit euch und unseren neuen Freunden verbringen zu dürfen“, antwortete William für alle.
„Das freut uns. Aber noch sind wir aus der Scheiße hier nicht ganz raus. Noch immer kann uns durch Zufall eines der Schiffe dieser Kerle aufgabeln, denn wir fahren eigentlich in ihre Richtung, um uns mit dem Flugzeugträger zu treffen, der sozusagen auch noch an ihnen vorbeifahren muss. Und wir müssen dann noch mit den Gefangenen heil nach Hurghada zurückkommen“, gab Jens zu bedenken.
Als die Männer aus dem Besprechungsraum, hinaus aufs Deck traten, war es bereits dunkel geworden. Tief sogen sie die frische Seeluft in ihre Lungen und blickten übers Meer, auf dessen Wellen das Licht des Mondes glitzerte.
Der kleine Verband der ägyptischen Marineschnellboote glitt über das Wasser, und sie wussten, dass sich unter ihnen auch das U-Boot befand, das sie zu ihrem und dem Schutz der tödlichen Fracht, begleitete. Trotzdem gab es für sie, nachdem was sie gerade gehört hatten, keinen Grund, sich sicher zu fühlen. Die Bombe tickte bereits. Der Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen.
„Jungs, lasst uns noch eine Kleinigkeit essen und dann in die Kojen verschwinden“, schlug Pitt nach einer Weile vor. „Wir wissen nicht, ob uns die Kerle viel Schlaf gönnen werden. Also nutzen wir die Zeit, die wir dafür kriegen.“ Dabei hielt er auch schon Sebastian den Arm hin, damit er sich darauf stützen konnte. Jack trat an seine andere Seite und gemeinsam gingen die elf Freunde nach unten in den großen Aufenthalts- und Speisesaal. Die Matrosen machten schnell an einem der Tische, für die kleine Gruppe, Platz und schoben Sebastian einen Stuhl zurecht.
Nach dem Abendbrot verabschiedeten sich die Männer von den ägyptischen Marines und verließen gemeinsam wieder die Messe, um zu ihrer Unterkunft zu gelangen.
„Sorry, Jungs“, sagte Sebastian. „Aber ich möchte gern noch mal in die andere Richtung, ins Arztzimmer. Ich hoffe, Samuel ist noch dort.“
Sofort sah Jens seinen fast anderthalb Köpfe kleineren Freund prüfend an. „Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“, fragte er besorgt.
„Schon den ganzen Tag nicht. Mir dröhnt und brennt noch immer der Schädel und dieser Scheiß von einem Verband am Bein drückt. Ich brauch nen frischen, wenn ich wirklich ruhig schlafen will.“
„Warum hast du, Rhinozeros, nicht schon längst was gesagt? Dann hätten wir dich doch schon beim Verhör rausgehalten, damit du dich hättest ausruhen können. Und von deinem Einsatz da draußen will ich gar nicht erst reden“, schimpfte Jens und schnappte sich den Mann. „Los, ich gehe mit dir persönlich zu Samuel. Ich will wissen, was mit dir ist.“
„Großer, was soll schon sein? Kopfschmerzen und ein aufgeriebener Beinstumpf. Nichts, was mich umbringt“, wehrte Sebastian sofort ab.
Doch Jens ließ seinen Freund nicht los. Auch Pitt begleitete ihn. „Geht ihr schon mal in die Kojen. Wir kommen dann mit unserem unvernünftigen Söhnchen nach“, rief er den SEALs nach, als er sah, wie sie ganz unschlüssig auf dem Deck standen.
Jens klopfte gar nicht erst an der Tür an, sondern trat, Sebastian am Arm festhaltend, ein. Er setzte ihn einfach auf der Liege ab und rief laut nach dem Arzt, der sofort aus dem Nachbarraum gelaufen kam. „Samuel, kannst du bitte diesen fluglahmen Vogel hier genau untersuchen? Der hat schon den ganzen Tag Kopfschmerzen und sein Verband ist ihm zu eng.“
„Hey, du Klotz! Vielleicht kann ich ja auch für mich selbst sprechen.“
„Nein, kannst du nicht, sonst hättest du schon viel eher was gesagt“, fauchte Pitt seinen Freund an und drückte ihm die flache Hand auf die Schulter, sodass Sebastian sich unter dem starken Druck hinlegen musste.
Der Arzt diagnostizierte eine leichte Gehirnerschütterung und versorgte die vordere Kopfwunde erneut. Die Wundränder hatten sich durch den langen Aufenthalt im Salzwasser entzündet. Doch Sebastian hatte ihn ja am Nachmittag nicht herangelassen. Nun aber zwangen die beiden Freunde ihn zu der Behandlung. Die kleinere Wunde am Hinterkopf, die auf einer Beule saß, versorgte der Schiffsarzt mit einer Salbe und einem Pflaster. Danach schnitt er vorsichtig den Verband am Beinstumpf auf. Das Gebiet um die Scheuerwunden und Einschnitte war stark gerötet und angeschwollen.
„Samuel, du musst jetzt hier zaubern. Spätestens morgen Abend muss die Schwellung weg sein“, sagte Jens.
Fragend sah der Arzt die Männer an.
„Vielleicht bekommt unser einbeiniger Bandit da ein neues Beinchen vermessen und zusammengebastelt. Dafür braucht er aber die normale Stumpfform, damit das Ding dann hinterher auch wirklich richtig sitzt“, erklärte Pitt.
„Dann müsst ihr Sebi dazu bringen, dass er die ganze Zeit bis dahin liegen bleibt, das Bein hochlegt und kühlt. Für die Gehirnerschütterung ist das Liegen ohnehin angebracht. Das Tauchen war nicht gut für ihn“, erklärte der Arzt und versorgte dabei den Beinstumpf, den er zusätzlich weich abpolsterte, bevor er ihn wieder verband. „Ihr könnt ihn aber auch gern hier bei mir lassen.“
„Oh nein, Samuel!“, sagte Sebastian sofort, dagegen protestierend. „Das kommt gar nicht infrage. Hier würde ich einen Krankenzimmerkoller kriegen. Gib mir was gegen das Kopfdröhnen, dazu ein paar Kühlpacks, dann gehe ich ganz artig in meine Koje und lege das Beinchen hoch. Schwester Jensine und Pittine werden mich da ganz sicher überwachen, so wie sie hier auftreten.“ Dabei funkelte er seine beiden Freunde böse an.
Der Arzt verabreichte Sebastian noch eine entzündungshemmende Injektion und drückte ihm eine Packung Schmerztabletten in die Hand. „Sebi, mir gefällt das mit deinem Bein nicht. Der Generalstabsarzt würde mich in der Luft zerreißen, wenn er wüsste, dass ich dich so aus der Krankenstube entlasse. Nur gut, dass du hier auf einem Schiff bist und nicht weit abhauen kannst.“
„Danke Samuel, das hättest du nicht extra erwähnen müssen. Mir reicht schon aus zu wissen, dass die beiden Gorillas jetzt mit Adleraugen auf mich fixiert sind und sich daran erfreuen, mich damit quälen zu können.“
„Also Jungs, ihr habt es gehört“, sagte er dann, an seine beiden Freunde gewandt. „Geht sanft mit mir um. Ich bin ja ach so schwer verletzt.“
„Halt doch endlich die Klappe, du hustensaftschmuggelnder Simulant. Los, nun komm schon. Wir sind müde und wollen in unsere Kojen“, murrte Jens und half Sebastian von der Behandlungsliege.
In der Gemeinschaftsunterkunft angekommen, holten Pitt und Jens ihre Kopfkissen aus den Kojen und bereiteten so ihrem Freund sein Bett, damit er das Bein auf den Kissen bequem hochlegen konnte. Sie packten die Kühlpads über den Verband rings um den Beinstumpf und deckten ihn zu.
„Bekomme ich jetzt auch noch einen Gutenachtkuss von euch?“, fragte Sebastian grinsend.
„Halt bloß den Rand, du halbe Portion, ehe ich mir überlege, dich festzubinden und einen Knebel in deine große Klappe zu stecken“, zischte Pitt.
Die acht SEALs, die sich bereits an den rauen und manchmal seltsamen Umgangston der Freunde untereinander gewöhnt hatten, kicherten leise.
Jens löschte das Licht und schon kurze Zeit später zog Ruhe ein.
„Sebi, du bleibst liegen“, fauchte Jens streng, als er sah, wie auch Sebastian sich fertig machen wollte. „Das ist ein Befehl. Ich will, dass du ein neues Bein bekommst, das dann auch richtig passt und dir nicht ständig nachgetragen werden muss. Also sei vernünftig.“
„Okay, aber sagt mir Bescheid, bevor wir absaufen, damit ich meinen Schwimmreifen noch aufpusten und mein Quietsche-Entchen angstvoll umgrapschen kann.“
„Das müssen wir uns erst noch überlegen“, meinte Pitt und grinste seinen Freund an. Als er den Raum verließ, zwinkerte er ihm aufmunternd zu.
„Nimm deinen Ohrhörer, er liegt neben dir auf dem Stuhl. Dann bekommst du alles vom Untergang der Titanic mit. Ich lasse meinen auf Dauerbetrieb laufen“, sagte Jens, bevor er die Tür hinter sich schloss.
Während die Matrosen auf Gefechtsstation gingen, liefen Pitt und Jens, gefolgt von den SEALs, Richtung Brücke.
„Was ist los, Sayed?“, wollte Jens wissen, kaum dass er den Brückenraum betreten hatte. Der Kapitän wirkte müde. Jens wusste, dass er eine Doppelschicht hinter sich und noch nicht geschlafen hatte.
„Wir befinden uns auf keiner Schifffahrtsstraße, trotzdem haben wir einen Kontakt“, antwortete Sayed.
„Über oder unter Wasser?“, wollte Pitt wissen.
„Über Wasser und schnell näher kommend. Drei Objekte.“
„Was sagt das Sonar vom U-Boot?“, fragte Jens kurz
„Schiffstyp nach Sonarkennung unbekannt. Geisterschiffe also.“
„Das klingt doch ganz nach unseren Freunden. Vielleicht ist es ja nur ein Zufall und sie wissen nichts von uns. Stellt auf dem U-Boot und unserem Schiff von aktivem auf passives Sonar um. Rückt eng zusammen. Löscht die Positionslichter und Radarkennung aller Schiffe im Verband, bis auf das vordere, damit es so aussieht, als würde nur ein Safarischiff vor Anker liegen. Sie haben uns sicher auch auf ihrem Radar. Aber damit könnten wir vielleicht durchkommen. Stoppt die Maschinen und bleibt in Bereitschaft“, hörte Jens Sebastians Stimme in seinem Ohr.
Sofort setzten sie den Vorschlag um. Ob sie fuhren oder auf der Stelle blieben, kam aufs Selbe heraus, wenn sie wirklich angegriffen werden sollten.
Jens griff sich das abhörsichere Satellitentelefon und wählte schnell eine Nummer. „Hier Flottillenadmiral Arend auf dem ägyptischen Marineschnellboot ‚Sinai‘“, meldete er sich. „Haben sie unsere Position auf der Satellitenüberwachung? ... Gut. Uns kommen drei Objekte schnell aus Süden entgegen. Haben sie die auch? ... Sind Sie sicher?“, fragte Jens nach und lauschte wieder in den Hörer. Dann sagte er: „Wir können uns mit der Fracht nicht leisten, sie zu verfolgen oder anzugreifen. ... Roger, Sie werden sehen, wenn es hier plötzlich hell werden sollte. Dann sind wir das und die Sache ist für diese Welt gelaufen.“ Nachdenklich schüttelte er den Kopf und trennte die Verbindung. Fragend sahen ihn die anderen an. „Laut Satellitenaufklärung kann es durchaus sein, dass es die Kerle sind. Wir bleiben in Wartestellung und hoffen, dass sie an uns vorbeiziehen“, gab Jens seine Entscheidung bekannt. „Dann kümmern sich unsere ägyptischen und amerikanischen Freunde gemeinsam darum, die gerade durch den Sueskanal herschippern. Ziehen sie nicht vorbei, müssen wir uns selbst helfen und aushalten, bis Hilfe kommt. Aber das kann dauern.“ Jens hob sein starkes Fernglas vor die Augen und suchte angestrengt das angegebene Gebiet ab. In der Ferne entdeckte er eindeutige Positionslichter von drei Wasserfahrzeugen. Von da an ließ er sie nicht einen Moment mehr aus den Augen.
Auf allen Booten des kleinen Verbandes herrschte angespannte Stille. Jeder der Männer war für den Kampf bereit, wünschte sich aber auch, dass es nicht dazu kommen möge.
Nach einer Stunde konnte die Alarmbereitschaft aufgehoben werden. Die drei unbekannten Schiffe hatten den Verband in einem großen Abstand passiert.
Der Kapitän bestand aber darauf, vorsichtshalber noch etwas zu warten, bevor sie ihre Fahrt wieder aufnahmen. Dabei beobachtete er genau die Umgebung. Er wollte sicher sein, dass nicht eins oder alle drei fremden Schiffe plötzlich kehrtmachten, um sich von hinten heranzutasten.
Es vergingen noch bange Minuten, bevor der kleine Konvoi wieder Fahrt aufnahm. Langsam löste sich bei den Männern die Anspannung etwas. Aber es war ihnen bewusst, dass sie noch einen gefährlichen Weg vor sich hatten.
„Schaut euch das an“, sagte Pitt, als er Licht machte und die Kabine gemeinsam mit den anderen betrat. „Wir stehen uns auf der Brücke die Beine in den Bauch und bekommen Stielaugen bei der Überwachung der drei Schiffe, und der Herr hier grunzt gemütlich.“
Als Sebastian nicht darauf reagierte, schaute Tim, der das Bett über ihm bezogen hatte, stutzig in das Gesicht des Freundes. „Nein, ich glaube nicht, dass Sebi schläft“, meinte er unsicher. „Mit dem stimmt etwas nicht, Jungs. Sein Kopfkissen ist klatschnass und er ist total durchgeschwitzt.“
„Wann hat Sebi sich eigentlich das letzte Mal über den Ohrhörer bei dir gemeldet?“, wollte Pitt von Jens wissen.
„Als er den Vorschlag machte, die Positionslichter zu löschen und in Wartestellung zu gehen. ... Aber jetzt, wo du fragst … Stimmt, es ist untypisch für den Kleinen, dass er nicht noch gefragt hat, was es für Schiffe waren und ob das Manöver geklappt hat.“
Gemeinsam traten die Männer ans Bett ihres Freundes.
„Der glüht wie ein Vulkan“, stellte Pitt besorgt fest, als er seine Hand auf Sebastians Stirn gelegt hatte. „Adam, lauf los, hol den Arzt aus seinem Bett und schleppe ihn her.“
Jack hatte in der Zwischenzeit ein Handtuch unters kalte Wasser gehalten und legte das feuchte Tuch zur Kühlung auf Sebastians Stirn.
In dem Moment öffnete er nur langsam und zögerlich die Augen, die ganz glasig waren. Seine Augenlider flatterten
„Sebi, was ist los? Schmerzt dein Bein? Hat es sich vielleicht entzündet?“, fragte Pitt, der sich auf den Bettrand zu seinem Freund gesetzt hatte.
Doch Sebastian antwortete nicht. Sichtlich geschwächt drehte er nur den Kopf zur Seite. Das Pflaster, das er am Hinterkopf trug, hatte sich gelöst, sein Kissen war rötlich-gelblich von Eiter und Blut gefärbt und sein kurzes Haar war davon verklebt. Die vorher unscheinbare Beule war faustgroß geworden und die kleine Wunde darauf war, von der Spannung seiner Kopfhaut, weiter eingerissen,
„Schneidet mir das Ding auf“, flüsterte er leise und kraftlos. „Ich halte die Schmerzen nicht mehr lange aus. Nun macht schon.“ Pitt und Jens schauten sich erschrocken an. Doch schnell war ihr Entschluss gefasst und sie nickten sich zu.
„Okay Jungs, macht Platz. Wir können hier nicht ewig auf den Arzt warten. Er kann ja dann weitermachen“, sagte Pitt und holte aus seinem Rucksack das Notpack und reichte es Jens. „Ich halte Sebi, du führst den Schnitt.“
Routiniert zogen sich beide Männer die steril verpackten Einweghandschuhe über. Jens nahm das ihm von Pitt gereichte Skalpell aus der Folie. Sicher hielt er es in seiner Hand. So vorbereitet nickte er Pitt zu, der sich schon auf dem Bett zurechtgesetzt und den Kopf seines Freundes seitlich auf seinem Schoß gelagert hatte. Nun hielt er den Kopf mit beiden Händen ganz fest. Jens setzte das Skalpell an und führte es vorsichtig in die Wundöffnung. Gezielt und sicher führte er die scharfe Klinge. Ein Gemisch aus Eiter und wässrigem, dunklem Blut schoss unter hohem Druck hervor. Jens legte das Skalpell zur Seite und drückte mit Mullkompressen den Rest des zuletzt dickflüssigen Eiters aus der Wunde und spülte sie danach gründlich mit Kochsalzlösung aus.
„Nähen kann das dann Samuel, wenn er der Meinung ist“, verkündete Jens nach getaner Arbeit.
„Ich hoffe, das war jetzt nicht das Gehirn von unserem Kleinen“, meinte Pitt.
„Kann nicht sein. Soweit ich weiß, hat der doch gar keins“, antwortete Jens und konzentrierte sich dabei auf das Abdecken der Wunde, die er absichtlich offen gelassen und nicht vernäht hatte.
„Da hast du auch wieder recht. Aber was ist es dann?“
„Ich weiß nicht genau, aber er hatte doch gesagt, dass er sich die Beule an dem unteren Schleusendeckel geholt hat. Da kann alles Mögliche dran gewesen sein“, meinte Jens und sammelte gerade die gebrauchten, mit dem eitrigen Wundsekret verschmierten Tupfer und Kompressen ein, als Adam mit dem Arzt ins Zimmer kam.
„Sorry, ich musste ihn erst suchen“, entschuldigte sich Adam.
Samuel eilte sofort zum Bett von Sebastian. Voller Entsetzen sah er das vollgespritzte T-Shirt von Jens, die Kompressen in seiner Hand, das verschmierte Kopfkissen und das danebenliegende Skalpell. „Was habt ihr mit ihm angestellt? Das sieht ja aus wie auf einem Schlachtfeld!“, schrie er schon fast panisch auf.
Nachdem Pitt es ihm erklärt hatte, nickte der Arzt beruhigt und bewunderte sogar noch den korrekt geführten Schnitt. „Wozu braucht ihr mich eigentlich noch, wo ihr doch ohnehin alles allein hinbekommt?“, fragte er dann.
„Weil du ihm das Antibiotikum geben musst, welches wir nicht haben. Außerdem weißt du doch, dass wir, wenn auch nicht deine Qualifikation, so doch trotzdem eine um einiges bessere Ersthelferausbildung haben als ein Otto Normalverbraucher. Also nur keine Panik, wir haben nichts kaputtgemacht, was da an dem Kerl nicht schon kaputt war. Ich will unbedingt genau wissen, was mit ihm los ist. Erst gar nichts und dann innerhalb von knapp zwei Stunden hat es Sebi so ausgeschert. Tierisches Eiweißgift von irgendeinem Meerestier kann es nicht gewesen sein, das hätte schon gleich gewirkt“, sagte Jens.
„Doch, könnte es schon sein, aber eher unwahrscheinlich. Sebis Wunde hatte sich schnell geschlossen und wir wissen alle, dass er nicht gleich was sagt. Er wird es selbst mit Essigsäure behandelt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass etwas in der Wunde zurückgeblieben ist und sich dann entzündet hat. Riecht doch mal, die Flüssigkeit stinkt richtig süßlich, faulig“, erklärte der Arzt.
„Also doch sein Gehirn“, meinte Pitt und tupfte seinem Freund den Schweiß von der Stirn. „Und das hohe Fieber, Samuel, wo kommt das so plötzlich her?“
„Pitt, ich weiß es nicht und ich habe hier an Bord auch nicht die Mittel, das herauszufinden. Aber was ich sagen kann, ist: Es deutet alles auf eine Vergiftung und einen septischen Schock hin.“
Jens empfahl den SEALs, sich hinzulegen, damit sie wieder fit sind, wenn sie gebraucht werden. Er selbst brachte seinen Freund gemeinsam mit Pitt zur Krankenstation und beide blieben bei ihm. Der Arzt konnte an der Wunde selbst nicht viel machen, da der Seegang stark zugenommen hatte. Er verabreichte ihm fiebersenkende Mittel und Antibiotika. Jens und Pitt wechselten sich dabei ab, ihren Freund den Schweiß abzutupfen und Wasser zum Trinken zu geben.
Als der Kapitän von Sebastians Gesundheitszustand erfuhr, holte er alles aus den Maschinen heraus, um den Rendezvouspunkt so schnell wie möglich zu erreichen. Er bat seinen ersten Offizier, Oberstleutnant Kebier zu wecken und ihn auf die Brücke zu begleiten.
„Mahmud, entschuldige bitte, dass ich dich wecken ließ“, sagte der Kapitän, kaum dass der Oberstleutnant noch ganz verschlafen auf der Brücke angekommen war. „Aber Korvettenkapitän Rothe geht es sehr schlecht. Er hat hohes Fieber bekommen und der Arzt vermutet einen septischen Schock. Es steht nicht gut um ihn. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit er schneller auf den Flugzeugträger kommt, wo man ihm besser helfen kann. Die ‚Giftun‘ ist nicht so schwer beladen wie wir und hat ein paar mehr PS. Sollten wir Sebastian nicht auf das Boot bringen und es fährt schon vor? Wir haben trotzdem noch das U-Boot und die anderen Boote zum Schutz“, teilte der Kapitän seine Überlegungen mit.
„Wie viel Zeit könnten wir damit für ihn gewinnen, Sayed?“
„Ein paar Stunden und wenn von Träger ein Hubschrauber entgegenkommen und ihn abholen könnte, noch gute zwei dazu.“
Mahmud Kebier überlegte kurz, dann nickte er und ließ sich eine Satellitenverbindung zum Flugzeugträger herstellen. Die normalen Funkfrequenzen mieden sie vorsichtshalber.
Nachdem er sich vorschriftsmäßig, auf Englisch, gemeldet hatte, erklärte er die Lage und unterbreitete den Vorschlag seines Kapitäns.
Eric Greenman, der Kapitän des Flugzeugträgers, gab sofort den Befehl für volle Fahrt und rief den Alarm für einen ‚SH 60F Sea Hawk‘-Hubschrauber, der schon aufs Deck gefahren werden sollte, und dessen Besatzung sowie für ein Notärzteteam, aus.
Nach dem Gespräch lief Mahmud Kebier sofort zur Krankenstation. „Jungs, verpackt Sebi schnell, stabil und wasserdicht. Wir schicken ihn auf Reisen“, sagte Mahmud, nachdem er angekommen war. Er erklärte ihnen, was er mit dem Kapitän des Flugzeugträgers abgesprochen hatte und dass die ‚Giftun‘ schon zur Übernahme längsseits ging.
„Pitt, du wirst bei unserem abgebrochenen Recken bleiben und dich um ihn kümmern. Gib den Weißkitteln alle nötigen Informationen über den Kleinen, die sie brauchen, um ihm helfen zu können“, entschied Jens, während sie ihren Freund sicher verpackten. „Wir kommen hier schon klar. In allerspätestens dreizehn Stunden werden wir auch bei euch auf dem Träger sein. Und tu mir einen Gefallen, pass auf deinen und seinen Arsch auf.“
Vorsichtig transportierten sie Sebastian aufs Deck, an die Backbordreling, wo er von der Besatzung der ‚Giftun‘ übernommen wurde. Pitt sprang hinterher. Er brachte ihn gemeinsam mit den Matrosen in eine der Kabinen. Sofort nahm die ‚Giftun’ weiter an Fahrt zu und entfernte sich rasch von dem Schiffsverband. Obwohl auch die ‚Sinai‘ mit voller Kraft fuhr, wuchs der Abstand zwischen ihnen ständig. Besorgt schauten Jens, Mahmud, der Arzt und der Kapitän dem immer kleiner werdenden Marineschnellboot nach, bis auch die Positionslichter in der Dunkelheit verschwunden waren.
„Hier scheint sich was zusammenzubrauen“, stellte Pitt ruhig fest. „Ich denke mal, dass wir von Mahmud und Jens dazu gleich mehr erfahren dürften.“
Eilig liefen sie über das Zwischendeck in den Besprechungsraum.
„Hab ich da was nicht mitbekommen?“, fragte Sebastian, kaum dass er den Raum betreten hatte.
„Hat sich das Magnetfeld der Erde verschoben oder geht nur der Kompass vom Käpt’n falsch? Wir tuckern ja in die völlig falsche Richtung. Dabei wollte ich euch heute Abend zu Kim und mir zum Essen einladen.“
Jens beendete gerade eine Videokonferenz.
„Mit der großen Familienzusammenführung werden wir wohl noch etwas warten müssen“, sagte er und lächelte verlegen. „Die Pläne haben sich leider geändert. Wir haben Informationen vom Pentagon erhalten, dass wir für ein paar uneinsichtige Arschlöcher zum störenden, juckenden und schmerzhaften Furunkel an gerade genannter Stelle und somit zur Zielscheibe für eventuelle Anschläge geworden sind.“
„Dass wir die Ringe einer Schießscheibe auf unserer Stirn tätowiert tragen, ist ja nicht gerade etwas Neues. Aber wäre es da nicht besser, wenn wir schnell nach Hurghada kommen, wo wir das Zeug sicher im Marinestützpunkt in den Bunkern unterbringen und gut sichern könnten?“, fragte Pitt.
„Das hatten wir ursprünglich vor“, antwortete Oberstleutnant Kebier. „Nur würden wir damit den sicheren Tod in diese Stadt bringen. Der Konvoi zu den Bunkern wäre leicht angreifbar. Diese Leute sind nicht zum Scherzen aufgelegt.“
„Also verduften wir auf hohe See, spielen zwischen den Wellen Verstecken und hoffen, dass sie uns nicht finden. Und wenn doch, bleibt der Schaden eingegrenzt“, schlussfolgerte Sebastian. „Nur ich hasse Versteckspiele. Und wir können das nicht so lange machen, bis bei dem Zeug die Haltbarkeitszeit überschritten wurde, was ja bekanntlich bei so nem Zeug nicht möglich ist. Haben wir nicht noch eine andere Option?“
„Die haben wir, Sebi. Wir sind auf dem Weg zu einem Rendezvous außerhalb ägyptischen Hoheitsgebiets. Da die Lady einen weiten Weg hat, schippern wir ihr, Gentleman, die wir nun mal sind, ein Stück entgegen“, antwortete Jens.
„Scheiße, und ich habe keine Blumen mit, um die Dame zu beeindrucken. Ich hoffe, sie ist jung und sieht supersexy aus“, meinte Pitt trocken und setzte sich auf einen der Stühle am großen Tisch. „Jetzt rede aber endlich mal Klartext. Was hast du dir mit den Leuten vom Pentagon ausgedacht und wie sehen unsere Aufgaben dabei aus?“, fragte er dann ernst. Auch die anderen setzten sich an den Tisch und schauten den groß gewachsenen ehemaligen Vorgesetzten mit den dunkelblonden, kurzen Haaren, gespannt an.
„Das Pentagon hat Informationen erhalten, dass ein Angriff auf uns geplant ist, um Beweise zu vernichten. Das ist Punkt eins“, begann Jens ruhig zu erklären. „Punkt zwei: Dass sie schon unterwegs sein sollen, aber angeblich weiß keiner, auf welchem Weg und von wo aus. Was das Rendezvous betrifft, so handelt es sich um eine sehr schnittige große Dame, einen Flugzeugträger der Nimitz-Klasse. Er kommt uns aus dem Indischen Ozean zur Hilfe. Eben deshalb müssen wir auch zusehen, dass wir ihm entgegenfahren, um die Spanne der Angriffszeit auf uns, so gut es möglich ist, zu verkürzen. Wie ihr gesehen habt, begleiten uns vier weitere Schnellboote. Sie sind für unseren Schutz da. Und was ebenso wichtig ist: Sie haben zusätzlich Schiffsdiesel an Bord und werden uns, wenn es notwendig sein sollte, damit versorgen. Ein U-Boot wird sich, im Laufe des Tages, noch unter uns schieben. Die ägyptischen Marines sind auf ihren Posten. Sie wurden durch zusätzliche Männer von einem der anderen Boote verstärkt. Außerdem sind die Luftaufklärung sowie eine Staffel F16 vom Flugzeugträger zu unserem Schutz schon in der Luft. Während wir Kurs auf unseren Rendezvouspunkt nehmen, besteht unsere vorrangige Aufgabe darin, etwas aus unseren unliebsamen, zusätzlichen Passagieren herauszubekommen, womit das Pentagon seine Computer füttern kann, um diesen Albtraum endlich zu stoppen und ihm ein schnelles Ende zu bereiten.“ Sein Hals war trocken. Er griff nach dem vor ihm stehenden Glas und trank einen Schluck Mineralwasser. „Und was ist mit deinem Verdacht wegen dem einen CIA-Mann?“, wollte Jack, die Pause nutzend, wissen.
„Der ist erst einmal aus dem Spiel genommen. Dem konnte Verschleierungstaktik nachgewiesen werden und er wird zurzeit noch befragt. In dem seiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken.“ Jens trank noch einen Schluck. Rieb sich dann die Augen mit seinen Handballen, bevor er weitersprach. „Nun zu unserer jetzigen Aufgabe, die für uns alle – und da meine ich nicht nur uns paar Hanseln hier, sondern für unser aller Länder – sehr wichtig ist. Ziel der Verhöre wird sein, zu erfahren:
Erstens: Für wen waren die Lieferungen bestimmt?
Zweitens: Woher kommt das ganze Zeug?
Drittens: Wer ist der großzügige Geldgeber?
Viertens: Mit wem arbeiten sie zusammen? Wir brauchen Namen von eventuellen Organisationen, Staaten oder Personen und ihren Hintermännern.
Fünftens: Von wem erhielten sie ihre Befehle?
Und sechstens: Wären auch die richtigen Namen, also Personalien, von den Kerlen wichtig, damit unsere Freunde im Pentagon sie überprüfen und vielleicht Parallelen finden können. Wie ihr seht, liegt hier für jeden von euch ein kleiner, unscheinbarer Ohrhörer mit integriertem Mikro. Die kennt ihr sicher alle. Damit stehen wir miteinander in Verbindung. Nur tut mir einen Gefallen: Wenn einer von euch Hilfe braucht, unsicher ist oder eine Frage hat, dann ruft nicht in Gegenwart des zu Befragenden danach. Sondern einer von euch verlässt dafür den Raum, um die Verbindung zu Pitt, Sebi, Mahmud oder zu mir aufzunehmen. Hört aber auch genau darauf, wenn von einem von uns Untersuchungsergebnisse durchgegeben werden, die euch bei eurer Verhörtechnik helfen könnten. Das gilt umgekehrt natürlich ebenso. Mahmud und ich haben zusätzlich auch noch Verbindung zu unserem kleinen Verband. Also nicht nervös werden, sollten wir euch nicht gleich antworten und helfen können oder ihr zufällig andere Gespräche mitbekommt, weil sich die Frequenzen leicht überlagern könnten. Gibt es dazu noch Fragen?“ Dabei schaute Jens nacheinander jedem prüfend ins Gesicht. „Gut. Ich habe hier schon mal die erste Vorauswahl getroffen. Die Männer werden zurzeit in die einzelnen Verhörräume gebracht.“ Jens begann mit dem Team Robert und Tim. Er schob ihnen ein Blatt mit dem Foto und dem Namen eines der Kerle zu und erklärte den beiden Männern, wie sie vorgehen und worauf sie besonders achten sollten. Dann fragte er noch einmal, ob sich Robert das mit Tims Unterstützung zutraue. Ebenso gab er auch dem Team von Tyler und Brandon seine Empfehlungen für ihr Verhör. Als Sebastian sein Blatt und die Vorschläge von Jens erhielt, staunten die jungen SEALs nicht schlecht, dass er als alter Fuchs trotzdem noch zusätzliche Fragen zur Verhörtechnik stellte, sollte der Mann nicht wie geplant darauf reagieren. Auch Pitt tat das, als er an der Reihe war. Das machte Tyler und Robert stutzig und sie erinnerten sich an das Gespräch mit den beiden, welches sie in der Messe miteinander geführt hatten.
Die drei deutschen Freunde und der Oberstleutnant, lächelten sich zufrieden zu, als auch die beiden SEALs noch zusätzliche Tipps für ihre Verhörführung erfragten.
Als Letzter erhielt auch Mahmud Kebier seinen Mann fürs Verhör, von dem Jens meinte, ein paar dieser Fragen beantwortet zu bekommen, die für alle wichtig waren.
Er selbst hatte sich den Kerl herausgepickt, der für ihn eine Herausforderung sein würde. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er das meiste wissen dürfte, aber es nicht so leicht preisgeben würde. Dabei hatte er noch keine Zeit gehabt, für ihn eine geeignete Verhörtaktik zu ersinnen. Die sechzig Minuten waren einfach zu kurz dafür gewesen, da er sich auch noch mit den anderen Problemen beschäftigen musste.
Er zog sich das Blatt heraus, auf dem das Foto des Mannes zu sehen war, den die Kerle in der Höhle Jimmy genannt hatten. Jens versprach sich, viel von ihm zu erfahren. Er wusste aber auch, dass es nicht leicht werden würde, da er schon gehört hatte, dass er bereits länger als Söldner diente und bestimmt auch kein unbeschriebenes Blatt war, was Verhörpraktiken betraf.
„Noch etwas, Männer“, sagte Oberstleutnant Kebier: „Wenn ihr das Alarmzeichen des Signalhorns hört, brecht das Verhör sofort ab. Denn dann werden wir angegriffen. Meine Männer bringen in diesem Fall die Gefangenen sofort zurück unter Deck, in die Zellen.“
„Okay, nachdem auch das geklärt ist, lasst uns Zitronen pressen gehen und seht zu, dass ihr so viel Saft rauskriegt wie nur möglich“, sagte Jens und seine grünen Augen funkelten voller Vorfreude. „Zeigt keine Schwächen, denn das macht den Gegner stark. Ich wünsche uns allen viel Erfolg.“
Auf dem Weg zum eingerichteten Verhörraum, sprach Jens mit Adam ab, wie er sich verhalten soll, wenn er unter einem Vorwand den Raum verlassen müsse. Adam war schon sehr aufgeregt und gespannt auf die Arbeitsweise des Mannes, von dem er sicher noch viel lernen konnte.
An der Tür angekommen, lächelte Jens seinen jungen Freund kurz an. „Adam, egal was du vielleicht hier drin erleben wirst, du bleibst ernst, ruhig und absolut cool. Achte auf meine Zeichen und gehe nicht dazwischen, wenn ich es dir nicht ausdrücklich anzeige oder sage. Und das, egal was passiert. Kriegst du das hin?“
Adam nickte ihm nur kurz zu, dass er verstanden hatte und sich daran halten würde. Jens zwinkerte noch einmal aufmunternd, bevor seine Miene wie versteinert wirkte, als er die Tür öffnete und den jetzt schlicht gehaltenen Raum sah, der kurz davor noch der Schlafraum von vier Besatzungsmitgliedern gewesen war. Alles Persönliche wurde daraus entfernt. Sogar die beiden Doppelstockbetten. Jetzt standen in dem Raum, dessen stählerne Wände grau und kahl waren, nur noch zwei leere Stühle und ein hölzerner Tisch, hinter dem dieser Mann aus der Höhle saß, der dort das Sagen gehabt hatte.
Obwohl der Mann jetzt nur ein schmuddeliges, verschwitztes T-Shirt und eine verdreckte, mal blau gewesene Badeshorts trug und heruntergekommen wirkte, sah man ihm doch die Professionalität eines langjährig gedrillten Soldaten an. Er war schätzungsweise um die vierzig und hatte eine stattliche Statur. Seine Augen in dem kantigen Gesicht waren blaugrau und schauten unruhig umher. Der Schädel war kurzrasiert und ließ die braune Haarfarbe eher nur erahnen. Von der linken Schläfe zog sich eine helle Narbe bis zur Mitte der Wange. Seine Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt, seine Körperhaltung angespannt.
Das wird eine harte Nuss, stöhnte Jens innerlich.
„Guten Morgen, Mister Jim, oder darf ich auch Jimmy zu Ihnen sagen, so wie klein Bobby?“, begrüßte Jens den Gefangenen auf Englisch. „Ich hoffe, Sie wurden von den ‚Kameltreibern‘, wie Sie ihre derzeitigen Gastgeber bezeichneten, gut behandelt. Warten Sie, ich befreie Sie erst einmal von diesen lästigen, unbequemen Fesseln. … So, das hätten wir.“Langsam, den Mann nicht einen Moment aus den Augen lassend, ließ er sich nun bequem auf den noch freien Stuhl neben Adam nieder. „Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Flottillenadmiral Jens Arend, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen. Der Herr neben mir ist Ensign Adam Brown der United States Navy und vertritt offiziell die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin dazu verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Sie sich hier auf einem Schnellboot der ägyptischen Marine und somit auf ägyptischem Hoheitsgebiet befinden. Leider konnten Sie sich mit keinem Pass, geschweige denn mit einem gültigen Visum für dieses Land ausweisen, was den Verdacht nahelegt, dass Sie sich hier illegal aufhalten. Haben Sie etwas dazu zu sagen, was diesen Verdacht entkräften könnte?“, fragte Jens höflich. Dabei hatte er sehr wohl die kurze Reaktion des Mannes bemerkt, als er ihn beim Vornamen genannt und den Namen von seinem Kumpel Bob erwähnt hatte. Damit war für Jens klar, wie er mit diesem Kerl weiter umgehen musste, es würde aber kein leichter Weg werden.
Adam und Jens wussten, dass eben dieser Bobby, gerade im Verhörraum nebenan saß und von Sebastian ausgefragt wurde, während sich Pitt mit diesem James, der am Funkgerät gesessen hatte, beschäftigte.
„Wie wäre es, wenn Sie nun auch so höflich wären, sich mal selbst vorzustellen, Jimmy? Ich bin ein Mensch, der gern wissen möchte, mit wem er es zu tun hat. Das verstehen Sie doch?“, sagte Jens noch immer höflich.
„Ich heißen nich, Jim. Da muss Sie verwechseln mich. Mein Name ist Ernst Schäfer. Ich deutsch Staatsbürger, genieße diplomatische Immunität“, brachte der Kerl, der den beiden Männern gegenüber saß, im gebrochen gesprochenen Deutsch hervor.
Diese Aussage ließ Jens ein unterdrücktes Lächeln übers Gesicht huschen.
„Da gibt es nur ein kleines Problem, Herr Schäfer“, sagte er mit fester Stimme, nun ebenfalls auf Deutsch, dann wechselte er wieder ins Englische. „Für einen Landsmann von mir, sprechen Sie diese Sprache verdammt schlecht. Das war ein netter Versuch, doch der ist mächtig in die Hose gegangen. Meinen Sie nicht auch? Sie hätten vielleicht besser auf meinen Namen hören sollen, als ich mich vorstellte. Ich denke, der war eigentlich deutsch genug, ebenso wie mein Dienstrang. Und was die diplomatische Immunität angeht, so müssten Sie mir da doch schon etwas mehr liefern, denn mit einem Diplomaten haben Sie so viel Ähnlichkeit, wie ich mit einer heißen, sexy Braut.“ Er machte eine kurze Pause, um dem Kerl Zeit zu lassen, mit der neuen Situation klarzukommen. Dann sagte er ernst, in einem lauteren Tonfall als noch kurz zuvor: „Mister Jim, so wie ich informiert bin, ist Ihr vollständiger Name Jim Julius Nessler. Liege ich da richtig? Also bleibe ich doch lieber bei dem richtigen Namen J. J. Nessler aus dem schönen Staat Colorado, wo ihre Mutter noch immer lebt. Und sie sich sicher schon Sorgen um ihren Sohn macht, der sich so lange nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ihr kleiner, lieber Junge nicht der Held ist, für den sie ihn hält? Sondern dass er ein Terrorist ist, der sich am Abschlachten von unschuldigen Menschen, Frauen, Kindern, Kranken und Alten beteiligt? Was meinen Sie? Wie würde sie darauf reagieren?“
„Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel!“, schrie der Mann plötzlich unbeherrscht auf. Sein Gesicht war vor lauter Zorn rot angelaufen und an seinen Schläfen sah man das Pulsieren einer hervorgetretenen Ader. .
Hab ich dich, du Wichser.
Jens verzog keine Miene. Nun war die Kleinarbeit dran.
Gerade als er weitermachen wollte, meldete sich Jack, der Sebastian beim Verhör unterstützte, über den kleinen Knopf in seinem Ohr. Adam, der mitgehört hatte, nickte ihm unmerklich zu, sodass Jens nicht extra Zeichen geben musste.
„Ja Jim, dann würde ich mal vorschlagen, Sie denken über Ihre Situation etwas nach. Vor allem darüber, wie Ihre kranke Mutter darauf reagieren könnte, wenn sie erfährt, dass Sie die ganze Zeit zu Unrecht auf ihren einzigen Sohn so stolz war. Ich gebe Ihnen etwas Zeit dafür. Wenn Sie was zu sagen haben, dann steht Ihnen Mister Brown gern zur Verfügung. Wir sitzen hier schon eine geschlagene Stunde. Mir persönlich wird es jetzt etwas zu blöd. Denn ich mag es nicht, nur mit mir selbst zu reden. Ich höre eigentlich viel lieber zu. Und ich kann Ihnen versichern: Wenn Mister Brown sich langweilt, dann verlässt auch er diesen Raum. Sie sehen ja die drei netten ‚Kameltreiber‘ wie sie unsere Freunde nannten, dort im Hintergrund stehen. Die sind schon ganz scharf auf Sie, denn Sie haben ihre Ehre beschmutzt und beleidigen ihr Auge allein durch Ihre Anwesenheit hier. Und nur so zur Information: Wir sind hier lediglich Gäste und können den Männern gar nichts sagen oder gar befehlen. Wir können sie nur nett bitten, was aber nicht heißt, dass sie es dann auch unbedingt so machen, wie wir es gern hätten. Sie haben da so ihren eigenen Kopf. Sie müssen wissen, es ist ihr Land und Sie sind ihr Gefangener, nicht unserer“, erklärte Jens, stand langsam auf, murmelte leise etwas auf Arabisch und verließ den Raum. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, schaute er im kleinen Vorraum auf den Monitor, auf dem der Raum samt dem Gefangenen gut zu sehen war, und meldete sich über seinen Ohrhörer bei Adam.
„Adam, nicht erschrecken, unsere drei Freunde hinter dir, treten gleich in Aktion. Gehe nach einer Weile dazwischen, aber nur ganz zögerlich und diplomatisch. Nicht dass du ihnen wehtust. Spiele einfach nur den guten Cop und sei der Beschützer und Held für den Kerl.“ Auf dem Monitor sah Jens, wie Adam sich, als Zeichen, dass er verstanden hatte, am Hinterkopf kratzte.
„Jack, hier Bussard. Was gibt es?“, fragte Jens, nachdem er die Frequenz zu ihm freigeschaltet hatte.
„Dieser Bobby heult gerade wie ein Schlosshund. Sebi hat ihn regelrecht weichgekocht und erfahren, dass diese Operation angeblich ‚Mohammeds Angels‘ heißt und das Ziel hat, den Islam und alle muslimischen Völkergruppen weltweit auszulöschen. Sie wollen dabei anderen Nationen die Schuld in die Schuhe schieben. Also nicht nur Deutschland, wie wir ursprünglich annahmen, sondern nacheinander auch andere Staaten. Sie haben vor, sie gegeneinander aufzuwiegeln“, informierte Jack.
„Hier Bussard. Danke an Jack und Sebi, sehr gute Arbeit. Das hilft uns weiter. Bussard an die anderen. Baut es als Eckpfeiler in eure weitere Verhörtaktik ein und verwendet es, als wüsstet ihr auch schon alles andere und wollt es nur noch bestätigt haben. Klopft auf den Busch, aber seid vorsichtig, wagt euch dabei nicht auf zu dünnes Eis“, riet Jens. Dann setzte er sich vor den kleinen Monitor und verfolgte das Geschehen in seinem Verhörraum. Sein Augenmerk richtete er dabei besonders auf das Mienenspiel und die Reaktionen dieses Jim Nessler. Er studierte ihn geradezu.
Kapitän Sayed Khairat meldete sich über den Ohrhörer bei Jens. Er berichtete von neuen Informationen diesen Jim Nessler betreffend, die er soeben vom Pentagon erhalten hatte.
„Danke, Sayed. Das hilft uns hier weiter. Und wie sieht es bei euch aus? Gibt es da was neues?“
„Noch ist die Luft um uns herum rein.“
„Hoffen wir, dass es auch so bleibt, Sayed. Haltet weiter die Augen offen.“ Jens trank noch einen Schluck Wasser, wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff nach einer zweiten. Mit der Flasche in der Hand betrat er wieder den Verhörraum.
Die drei ägyptischen Matrosen taten erschrocken, als sie ihn sahen, und kehrten auf ihre Position an der Wand zurück. Adam, der sich zwischen sie und den Gefangenen gestellt hatte, gab vor, erleichtert zu sein, dass nichts passiert war. Jens reichte ihm die Flasche Wasser, setzte sich bequem, auf seinen Stuhl und legte die Füße auf den Tisch vor sich. „Gab es hier in der Zwischenzeit Probleme?“, fragte er gelangweilt. Adam schüttelte nur mit dem Kopf und setzte sich neben ihn. „Und lassen Sie mich raten, Ensign, wir sind kein Stück weitergekommen.“ Jens nahm die Füße wieder vom Tisch und schaute dem Gefangenen direkt in seine unruhigen Augen. „Wissen Sie, Mister Nessler, mir ist die Zeit zu schade, um sie hier mit Ihnen zu vergeuden. Ich hätte Ihnen gern geholfen. Es ist doch ein riesiger Unterschied zwischen dem Lebenslänglich hier in diesem Land und den paar Jahren, die Sie in der Heimat absitzen könnten, wo Ihre kleine Tochter Sie wenigstens besuchen könnte. … Wie heißt sie doch gleich? … Ach ja, Melanie. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass es Ihrer Mutter leider sehr viel schlechter geht, seit die Männer vom FBI sie besucht und nach Ihnen gefragt haben. Sie wird sich wohl nicht mehr lange um die Kleine kümmern können. Wenn sie in Zukunft die Gastfreundschaft in einer Zelle dieses Landes genießen, werden sie nichts für Melanie tun können. Die Fürsorge steht schon auf der Matte. Ein Platz im Kinderheim wurde wohl, so wie ich erfahren habe, schon beantragt. Vielleicht ja auch besser für das Kind, bei solch einem Vater.“
Weiß traten Nesslers Fingerknöchel hervor, als er seine großen Pranken, zu wütenden Fäusten ballte, nach vorn gebeugt aufstand und sie kräftig auf die Tischplatte knallte, dass diese zu brechen drohte.
„Das können Sie nicht machen!“, schrie er dabei empört auf. „Ich habe Rechte!“
„Wir machen doch gar nichts, Mister Nessler. Und von welchen Rechten sprechen Sie überhaupt? Sie sind ein Terrorist. Schon einmal etwas vom ‚Military Commissions Act‘ in ihrem Land gehört und wissen, was der beinhaltet? So etwas gibt es hier in Ägypten übrigens auch.
Es liegt allein in Ihrer Hand, denn deshalb sind wir hier. Arbeiten Sie mit uns zusammen, und wir werden uns für Sie einsetzen. Auf der anderen Seite stehlen Sie hier nur meine Zeit, denn wir wissen auch so schon von der Operation ‚Mohammeds Angels‘ und den weiteren Plänen. Ich mache mir an Ihnen bestimmt nicht die Finger dreckig.
Übrigens: Lebenslang, bedeutet in diesem Land für Terroristen tatsächlich lebenslang. Sie kommen also nur mit den Füßen voran und mausetot wieder aus einer der Zellen dort. Ich kenne da einen schönen Gefängnistrakt direkt in der Wüste. Keine Klimaanlage, keine Heizung in den Zellenblöcken. Da ist es tagsüber unerträglich heiß und nachts friert man bis auf die Knochen. Keine schöne Aussicht, aber das ist Ihre eigene Entscheidung. Ihre Tochter sehen sie nie wieder, denn dort gibt es keine Besuchserlaubnis. Schon gar nicht für ungläubige, ausländische Massenmörder. Und vergessen Sie Hilfsorganisationen die Ihnen beistehen und helfen könnten. Tun sie nicht. Nicht bei den Verbrechen, die Sie schon begangen haben und noch begehen wollten“, erklärte Jens absolut ruhig und leise, sodass der Mann gezwungen war, die Ohren zu spitzen und genau zuzuhören.
„Ensign Brown, ich breche das Verhör an dieser Stelle ab. Wir übergeben den Gefangenen dem ägyptischen Staat. Ich habe die Nase voll. Machen wir Schluss.“
Adam schaute Jens verwundert an. Er war enttäuscht, dass dieser Mann so schnell aufgegeben hatte. Eigentlich hatte er sich viel mehr erhofft. Nur widerwillig erhob er sich von seinem Stuhl und folgte dem Flottillenadmiral zur Tür.
Jens ergriff demonstrativ langsam die Türklinke.
„Halt, warten Sie!“, schrie Jim ihm nach. „Das können Sie doch nicht machen. Das ist unmenschlich. Sie haben kein Gewissen. Meine Tochter ist erst drei Jahre alt!“
Jens zwinkerte seinem jungen Freund kurz zu, dann drehte er sich unerwartet blitzschnell um. Er rannte auf den Gefangenen zu, schlug laut die Fäuste auf die Tischplatte, dass es schepperte und knackte. Er beugte sich über den Tisch, sodass ihre Gesichter nur eine Handbreit voneinander entfernt waren.
„Ausgerechnet Sie wagen es, von Unmenschlichkeit und Gewissen zu sprechen?“, schrie er ihn an, dass Nessler erschrocken zusammenzuckte. „Sie wollten Menschen, auch kleine Kinder, sogar welche, die noch jünger sind als Ihre Tochter, kaltblütig umbringen. Wissen Sie, wie das Nervengift VX schon in geringster Menge bei Hautkontakt auf den Körper eines Menschen wirkt? Wollen sie es wissen? Ich kann es Ihnen sagen: ... Stellen Sie sich Ihre Tochter vor, wenn sie sich schreiend vor Schmerzen unter starken Krämpfen windet, bis die Atemlähmung eintritt und Ihre Melanie bei vollem Bewusstsein qualvoll erstickt. Dabei gibt es keine Hilfe für die Kleine. Stellen Sie sich ihre Mutter vor, wie sie leiden würde unter dem Einsatz von ‚Tabun-Gas‘! Wenn sie nach einem langen Leidensweg an Atemlähmung zugrunde geht. Keine so tolle Vorstellung, was, Mister Nessler?!“, schrie Jens weiter, dem Mann keine Chance, für auch nur einen anderen Gedanken, lassend. „Und noch was. Sie haben bei ihrem großartigen Plan ganz vergessen, dass der Krieg damit auch ins eigene Land zieht und alle Staaten über solche und andere Nervenkampfstoffe verfügen. Und da lasse ich schon die Atomwaffen außen vor. Damit ist dieses Todesurteil für Ihre kleine Familie noch nicht einmal nur fiktiv, sondern kann ganz schnell Realität werden. Und Sie persönlich unterschreiben dafür gerade das Todesurteil für sie und sind auch noch ihr Henker! Also reden Sie mir nicht von Gewissen. Denn Sie haben keins. Noch nicht einmal gegenüber Ihrer eigenen kleinen Familie! Vergessen Sie es also“, zischte Jens die letzten Worte böse und wandte sich wieder ab, um zu gehen. Dabei änderte sich sofort seine Miene und ein breites Lächeln zog über sein Gesicht. Er zwinkerte dem jungen Seal zu, was der Gefangene aber nicht sehen konnte.
„Was wollen sie wissen?“, rief Jim verzweifelt, als die beiden Männer schon fast aus der Tür waren. Wieder blieb Jens stehen, ließ sich Zeit, als würde er es sich überlegen, dann winkte er nur ab und trat aus dem Raum.
„Kommen Sie zurück! Ich sage Ihnen alles, was ich weiß, nur beschützen Sie mein Kind“, schrie Nessler ihnen voller Verzweiflung nach.
„Wie soll ich ihr Kind in einem Weltkrieg, den sie und ihre Organisation anzetteln, beschützen? Dieser Krieg wird den gesamten Planeten betreffen und alles Leben ausrotten. Einer der größten Fehler von Größenwahnsinnigen. Die denken nicht weit genug in die Zukunft, sondern nur an sich selbst und merken nicht einmal, dass sie sich am Ende mit ihrer Gier das Wasser selbst abgraben.“ Das Gesicht von Jens war wieder ernst und wirkte geradezu eisig, als er in den Raum zurücktrat. „Mister, ich glaube nicht, dass Sie mit Ihrem beschränkten Wissen die tragische Geschichte dieser Welt ändern könnten. Sie sind dafür ein zu kleines Rädchen in dem Getriebe. Ich aber brauch Informationen, um dieses angelaufene Rad wieder stoppen zu können, bevor es die Menschheit und auch ihre Familie, nicht mehr gibt“, sagte Jens. Dabei tat er gelangweilt und setzte sich wieder an den Tisch zurück. „Aber wir können es ja mal versuchen. Ich bin gespannt, ob Sie mir etwas Neues erzählen können, das ich noch nicht weiß … Also fangen Sie an. Ich bin ganz Ohr.“
Jim J. Nessler redete von da an wie ein Wasserfall. Nur selten unterbrach ihn Jens, um etwas zu hinterfragen. Erst nachdem der Gefangene alles erzählt hatte, was er wusste und ihm eingefallen war, stellte Jens ganz gezielte Fragen.
„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Mister Nessler“, sagte Jens nach vier Stunden. „Ich werde wie versprochen ein gutes Wort für Sie einlegen und das Pentagon über Ihre Kooperationsbereitschaft informieren. Ich hoffe, Sie stehen mir auch noch für weitere Fragen zur Verfügung, sollte es sich als notwendig erweisen. Man wird Sie jetzt in eine separate Zelle führen, damit Sie nicht von den Mitgliedern Ihrer eigenen Organisation gelyncht werden können. Man wird Ihnen etwas zu essen und zu trinken, sowie frische Kleidung bringen.“
Jens und Adam blieben noch im Raum sitzen, bis der Gefangene abgeführt worden war. Dann betätigte Jens seinen Ohrhörer. „Hier Bussard an alle. Solltet ihr noch nicht fertig sein, dann brecht eure Verhöre ab. Wir machen Pause und treffen uns in der Messe. Beim Essen fügen wir das Puzzle, mit den Teilen, die wir bisher haben, so weit es geht, zusammen.“
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Müde, aber mit dem ersten Ergebnis zufrieden, nahm er den kleinen Knopf aus seinem Ohr, steckte ihn in die Hosentasche und lächelte Adam erschöpft an. „Los, komm, lass uns gehen. Ich muss mich etwas bewegen. Mir schmerzen meine alten Glieder und das Kreuz noch vom Steinschlag. Und du siehst auch nicht mehr so ganz taufrisch aus. Hol dir beim Arzt ein paar Schmerztabletten. Das Beste, du bringst gleich ein großes Pack davon für uns alle mit, denn außer Mahmud, dürften wir uns alle beschissen fühlen.“ Er legte seinen Arm auf die Schulter des etwas kleineren Mannes. Sie gingen gemeinsam nach draußen, wo sie die frische Seeluft, aber auch die flimmernde Hitze und grelle Helligkeit empfingen, die im ersten Augenblick wie ein Hammer auf sie wirkten. Adam war begeistert von Jens und seiner Herangehensweise bei der Befragung. Er gestand ihm, dass er anfangs sehr enttäuscht war, bis er endlich bemerkt hatte, dass es nur zu seiner Taktik gehörte.
Jens lachte laut und herzlich auf. „Ich muss dir gestehen, dass ich in diesem Moment Angst hatte, dass du mir an die Gurgel springen willst, weil du glaubtest, dass ich wirklich schon die Flinte ins Korn geworfen hätte. Ich habe es ganz deutlich in deinen Augen gesehen. Ich wusste gar nicht, dass ich tatsächlich so ein guter Schauspieler bin.“
Noch immer darüber lachend, betraten sie die Messe, in der bereits ihre zehn Freunde beim Essen saßen.
„Adam, ich glaube, wir sind hier die Letzten“, stellte Jens, noch immer lachend, fest. „Die waren alle schneller als wir.“
„Aber leider nicht sonderlich erfolgreich, schätze ich“, antwortete Pitt betrübt. „Ich habe aus dem James nicht gerade sehr viel herausbekommen. Aber ich glaube, er wusste auch wirklich nicht mehr. Und bei den anderen ist es ähnlich gelaufen. Wir haben zwar etwas, aber befriedigend ist es nicht gerade.“
„Wir hoffen, die Herren vom Pentagon, FBI, NSA und CIA können trotzdem was damit anfangen und kommen einen Schritt weiter als wir hier“, ergänzte Mahmud Kebier, enttäuscht über die Ergebnisse.
„Abwarten, Mahmud. Adam und ich haben in der Zwischenzeit auch keine Däumchen gedreht“, meinte Jens und ging sofort weiter bis zum Büfett, wo er seinen Teller, mit verschiedenen Köstlichkeiten der ägyptischen Küche, füllte.
Er war hungrig und froh, endlich essen zu können. Genüsslich sog er den Duft der Speisen durch die Nase ein und griff zur Gabel. Weiter kam er enttäuschenderweise nicht mehr.
Der Schiffsweite Alarm schrillte überall über die Bordlautsprecher.
„Oh Gott! Oh Allah! Was habe ich nur verbrochen, dass du mich so strafst und mir nicht ein ruhiges Essen gönnst? Ich habe doch Hunger, Herr“, flehte Jens und richtete seinen Blick demonstrativ nach oben und legte die Gabel zurück auf den Tisch. „Haltet mir mein Essen warm. Aber lasst ja die Finger davon. Ich bin hoffentlich gleich zurück“, rief er und rannte auch schon mit Oberstleutnant Kebier aus dem Raum, über die Gänge und Treppen bis hoch zur Brücke.
„Ist Jens gläubig?“, fragte David leise, nachdem die beiden Männer den Raum verlassen hatten.
„Nein, nur verzweifelt. Ihr müsst wissen, Jens liebt es, ein gutes Essen in aller Ruhe zu genießen. Er ist ein Gourmet der ägyptischen Küche geworden und verfressen wie kein anderer von uns. Auch wenn man es ihm nicht ansieht“, erklärte Sebastian lachend. Doch dann wurde er wieder ernst, als er sagte: „Kommt, lasst uns nachsehen, was da los ist.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Brücke, von wo aus ihnen Jens schon wieder entgegengelaufen kam.
„Sorry Jungs, jetzt ist keine Zeit für Erklärungen“, rief er und drängte sich auch schon durch die schmale Gasse, die sie ihm sofort frei machten. Sie schauten ihm verwundert nach und sahen, wie er, während er die steile Treppe nach unten lief, seinen Ohrhörer wieder ins Ohr steckte.
Jens war auf dem Weg zum Unterdeck, wo sie die Zellen für die Gefangenen eingerichtet hatten. Sein Ziel war die Zelle von Jim Nessler. Er hatte ihm noch ein paar wichtige Fragen zu stellen und hoffte auf Antworten.
Eine Viertelstunde später meldete er sich über seinen In-Ear- Ohrhörer: „Hier Bussard, Sayed, stoppe sofort die Maschinen und werfe die Anker!“, rief er laut. „Die Taucher sollen sich fertig machen. Sie sollen die Vollgesichtsmasken nehmen. Ich gehe selbst mit runter. … Bussard, an Wanderfalke und Waldkauz. Bewegt euren Hintern zusammen mit den SEALs zu der Kammer, wo die Kisten deponiert sind. Sucht alles gründlich ab. Wir leuchten wie der Vollmond am nächtlichen Sternenhimmel. Also tut mir den Gefallen und findet die Scheiß-Peilsender.“
Bereits drei Sekunden später hörte man die schweren Kettenglieder der beiden Anker laut durch die Klüsen rechts und links vom Bug rattern.
Jens bedankte sich bei dem Gefangenen für die Auskunft, ließ es aber auch nicht aus, ihm vorzuwerfen, dass er es zuvor im Verhör verheimlicht hatte.
„Sir, das habe ich wirklich nicht gewusst. Aber es ist die einzig logische Erklärung dafür, dass die uns so schnell wieder aufspüren konnten“, rechtfertigte sich Jim. Der, wie es schien, wirklich helfen wollte.
Jens sah den Mann eine Weile nachdenklich an. „Gut, ich glaube Ihnen. Beweisen Sie mir, dass Sie es auch ernst mit Ihrer Hilfe meinen. Kommen Sie mit mir mit“, sagte Jens kurz entschlossen und lief, gefolgt von Jim und zwei Matrosen, die für die Bewachung des Gefangenen zuständig waren, zurück Richtung Brücke. Dort angekommen drückte Jens den Mann auf einen der Sitze. „Ich will, dass Sie sich alles mit anhören. Wenn Ihnen etwas einfällt oder Sie einen Vorschlag haben, dann machen Sie sich gefälligst bemerkbar. Ich werde Sie hören. Hier ist das Mikro. Wie das bedient wird, wissen Sie ja wohl“, sagte der Flottillenadmiral streng und drückte dem Mann ein Stabmikrofon in die Hand. Dann wandte er sich an Mahmud, Sayed und die Matrosen: „Passt gut auf den Mann auf. So ganz traue ich ihm noch nicht. Aber vielleicht meint er es wirklich ernst und wird uns helfen. Ich gebe ihm diese Chance. Wäre schön, wenn ihr sie ihm auch gebt“, bat er die Ägypter absichtlich auf Englisch, damit es auch Jim Nessler verstehen konnte.
Wenige Minuten später stand Jens mit den ägyptischen Marinetauchern auf der Plattform und sprang ins Wasser, um mit ihnen den Schiffsrumpf unter der Wasseroberfläche abzusuchen.
Der Gefangene, Jim Nessler, hörte die Stimme von dem Mann, der sich ihm als deutscher Flottillenadmiral vorgestellt hatte, über die Lautsprecher auf der Brücke, und war erstaunt, dass er jetzt auf Arabisch sprach. Dann hörte er ihn plötzlich wieder Englisch sprechen.
„Mister Nessler, wenn Sie uns helfen wollen, beantworten Sie jetzt meine Frage. Wo bringen ihre Taucher für gewöhnlich die Peilsender an Zielschiffen an, damit sie nicht zu schnell gefunden werden können? Sie könnten uns damit wertvolle Zeit bei der Suche ersparen. Ich muss Sie ja nicht daran erinnern, dass es dabei auch um Ihr Leben und die Zukunft Ihrer kleinen Familie geht.“
Alle Augenpaare auf der Brücke, waren nun auf den Gefangenen gerichtet.
Jim Nessler bediente den Schalter der Sprechanlage. „Für gewöhnlich gibt es dafür fünf bevorzugte Stellen … am Ruder, direkt neben der Welle der Schraube, oder entlang des Kiels, sowie direkt am Bug oder an einem der Anker an einer Stelle, die beim Ankern aber nicht im Grund versinkt. Da das Boot vor dem Riff nicht in sehr tiefem Gewässer war, nehme ich letzteres, als am wahrscheinlichsten an. Sonst an der Ankerkette, die aber auch nicht durch die Klüse ins Kettenfach gezogen wird, sondern draußen am Bug bleibt.“
„Sayed, du hast es gehört“, sagte Jens nun wieder auf Arabisch. „Wir kommen nicht runter zu den Dingern. Sie liegen zu tief. Hiev zuerst den Backbordanker bis auf zehn Meter hoch. Gib uns Bescheid, wenn er da ist. Wir sehen uns in der Zwischenzeit den Rumpf etwas näher an.“
Jens teilte schnell die Teams ein. Gemeinsam tasteten sie jeden Zentimeter des Ruders, des Gebiets um die Schiffsschraube und des Kiels des großen Marineschnellbootes ab.
„Backbordanker auf zehn Meter“, meldete sich der Kapitän über Funk bei seinem Freund.
„Roger, wir sind schon auf dem Weg“, antwortete Jens. Dann sprach er auf Deutsch weiter: „Wanderfalke, Waldkauz, wie steht es bei euch?“
„Noch nichts, Bussard“, kam von Pitt zurück.
„Räumt die Kisten aus und nehmt sie, wenn es sein muss, auch auseinander. Aber Vorsicht bei den Euronoten. Zieht dafür Schutzkleidung an“, sagte Jens etwas schwerer atmend. „Ich will die scheiß Dinger, die uns verraten, loshaben, damit ich endlich in Ruhe essen kann. Mir knurrt hier nämlich schon der Magen so laut, dass sogar die Fische Reißaus nehmen.“
Pitt und Sebastian lächelten sich kurz an.
„Na, haben wir euch nicht gesagt, dass der Kerl verfressen ist? Er treibt uns wie Sklaven an, nur damit er sich endlich den Bauch vollschlagen kann“, sagte Pitt.
Doch die SEALs kannten die Männer nun schon lange genug, um zu wissen, dass es sich dabei um ihre ganz eigene Art von Humor handelte. Denn sie hatten bereits gegessen, nur Adam und Jens noch nicht.
„Okay Käpt’n, lass den Anker wieder fallen und hole den anderen hoch“, meldete sich Jens nach einer Weile, absichtlich auf Englisch. „Wir schauen uns in der Zwischenzeit weiter den Rumpf an.“
„Schaut dabei besonders im Bereich der Wasserlinie nach“, meldete sich Jim Nessler wieder zu Wort.
„Oh Jimmy, glauben Sie mir, wir suchen vorsichtshalber alles am Rumpf ab. Auch über der Wasserlinie“
„Steuerbordanker auf zehn Meter“, meldete Kapitän Sayed Khairat wenig später.
Nach einer Stunde tauchten die Männer am Heck des Schnellbootes wieder auf. Jens hielt drei druckknopfgroße Peilsender in seiner Hand. Auch Pitt und Sebastian waren mit den SEALs fündig geworden und zeigten ebenfalls drei der kleinen Sender vor, als sie sich auf der Brücke trafen.
„Und, was machen wir damit?“, wollte Sebastian wissen. „Wir können sie einfach ins Wasser schmeißen und verduften oder sie zertreten, so wie man es mit Wanzen eben macht.“
„Nein, das würde ich nicht empfehlen“, mischte sich Nessler ein.
Jens wurde sofort hellhörig. „Warum nicht?“
„Weil sie dann wissen, dass ihr sie bemerkt habt. Sie würden daraufhin ihren Plan ändern und sich etwas anderes einfallen lassen, um ihr Ziel trotzdem zu erreichen.“
„Und was schlägt Mister Massenmörder dann vor?“, fragte Pitt mit verächtlichem Unterton.
„Ich habe gesehen, dass ihr die beiden U-Boote noch im Schlepptau habt.“
„Ja, und? Glauben Sie damit verduften zu können?“, fragte Jens höflich und dennoch herausfordernd.
„Nein, das habe ich nicht vor. Ich habe versprochen, zu kooperieren, um das Leben meiner Tochter zu retten. Aber sie könnten die Sender, streng getrennt nach Fundort, darauf deponieren, und sie mit den U-Booten in die falsche Richtung schicken.“
„Das haben wir auch schon überlegt, nur sind wir nicht bereit, auch nur einen unserer Männer dafür zu opfern. Denn dann wären diese Männer, die diese Boote steuern, das Angriffsziel und somit in Gefahr. Trotzdem danke. Sie haben mich nicht enttäuscht“, sagte Jens ganz ruhig.
„Nein, Sie haben nicht verstanden, was ich meine. Sie können die U-Boote von hier wegbringen, und nach etwas mehr als einer Meile, bei zwei Knoten, in einer Tiefe von zwanzig Metern lässt sich ein Autopilot einschalten, der mit einem Selbstauslöser gekoppelt ist, sodass sich das Tauchboot dreißig Minuten später, während es sich noch weiter entfernt, selbst zerstört. In der Zwischenzeit könnten die Männer eingesammelt werden und das Schnellboot sich längst auf einem ganz anderen Kurs befinden. Die beiden Explosionspunkte und ihre wahre Position, würden bei den Geschwindigkeiten der Boote mehrere Seemeilen auseinanderliegen. Die Suche nach ihrem Schiff würde sich dann auf ein riesiges Seegebiet erstrecken und damit schwer werden. Zumal sie zuerst den Funkpeilsendern in die falschen Richtungen folgen werden. Das würde zusätzlich für Verwirrung sorgen“, erklärte Nessler.
Die Männer auf dem Deck sahen sich überrascht an und spielten in Gedanken das Szenario durch.
„Okay, dann zeige uns den Autopiloten und erkläre die genaue Reihenfolge der Wirkungen“, brach Sebastian als Erster das Schweigen.
Nachdem Nessler alles genau erklärt und gezeigt hatte, was die Technik der beiden U-Boote betraf, meldeten sich Jack und Sebastian sofort für den Einsatz bereit. Sie besprachen mit den Matrosen, die die Zodiacs steuern würden, die Richtung und Geschwindigkeit, damit sie sich immer in ihrer Nähe aufhielten, um sie rechtzeitig aus dem Meer zu fischen, wenn sie auftauchten.
„Sebi, ihr müsst während voller Fahrt aus den Dingern raus. Das ist verdammt gefährlich“, warnte Jens. „Du hast aber noch Probleme mit deiner Beinprothese. Das kann ich nicht zulassen.“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis, mein großer Guru. Kennst du einen anderen, der die Blechbüchse steuern kann?“, fragte Sebastian, zu allem entschlossen. „Kennst du nicht. Also lass es mich machen. Jack ist mit seiner Verletzung auch nicht viel besser dran. Kannst uns ja nen schönen Nachruf widmen, wenn wir es nicht schaffen sollten. Aber ehrlich gesagt haben wir noch nicht vor, in den Himmel zu schweben. Also lass uns einfach unseren Job machen.“
Die Freunde begleiteten Jack und Sebastian in den Equipmentraum und halfen ihnen beim Anlegen der Notfall-Tauchausrüstung, auf die Jens bestanden hatte.
Die Zodiacs wurden zu Wasser gelassen und die beiden Männer bestiegen mit den Peilsendern in der Hand, begleitet von den Blicken der Matrosen, Marinetauchern und Freunden, die beiden kleinen U-Boote und verschwanden durch deren Luken.
„Sie riskieren viel für Menschen, die sie eigentlich nicht kennen“, stellte Nessler fest, der neben Jens stand.
„Ja, Mister Nessler“, antwortete Jens und drehte sich ihm zu. „Wir kennen auch Ihre Mutter und Ihre kleine Tochter nicht. Trotzdem sind diese Männer bereit, auch für sie ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Und gnade Ihnen Gott, wenn Ihre bereitwilligen Auskünfte falsch waren und wir deshalb unsere Freunde verlieren. Dann werde ich nämlich zur Bestie. Und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht erleben.“
„Okay, Mister“, sagte Nessler schnell. „Es wäre vielleicht besser, wenn die beiden auf fünfunddreißig Meter und drei Knoten gehen, bevor sie aussteigen. Die Selbstzerstörungszeit ist von der Tiefe und der Geschwindigkeit abhängig. Je langsamer und höher, desto eher gehen die Dinger hoch. Bei dem, was ich zuerst gesagt habe, würde die Zeit bis zur Selbstzerstörung nur fünf Minuten betragen.“
Giftig funkelte Jens den Mann aus seinen grünen Augen an. „Wanderfalke, Jack hier Bussard. Geht auf fünfunddreißig Meter und drei Knoten, bevor ihr aussteigt. Das Ekel hier hat sich daran erinnert, dass es bei zwanzig Metern und zwei Knoten noch zu schädlich für euch sein könnte“, sagte er schnell über Funk, gerade noch rechtzeitig, bevor die beiden Männer mit den Booten abtauchten.
Gezielt platzierte Jens einen linken Haken in die Magengrube von Nessler.
„Versuchen Sie so etwas nie wieder, Mister. Ich bin sehr empfindlich, wenn es um meine Freunde geht“, zischte er wütend, während er ihn am Kragen seines Polo-Shirts festhielt, damit Nessler nicht zu Boden sinken konnte. „Bringt ihn weg, bevor ich kotzen muss“, sagte er verächtlich. Er war jedoch sofort wieder sachlich und beherrscht, als er sich bei den beiden Matrosen, die den Mann zu keiner Zeit aus den Augen gelassen hatten, bedankte, dass sie ihn wieder in seine Zelle zurückbrachten.
Die SEALs und Pitt hatten den Wutausbruch von Jens genau gesehen, obwohl der sich darum bemüht hatte, dass es nicht von allen bemerkt werden konnte. Sofort wussten sie, dass sich ihre beiden Freunde in großer Gefahr befunden hatten oder vielleicht sogar noch immer befanden, und hofften, dass die zweite Aussage dieses Jim Nessler nun aber die richtige war.
„Kapitän, lichten Sie die Anker und gehen Sie auf Ausweichkurs, um den Affen zu entgehen. Nehmen Sie den ursprünglichen Kurs mit langsamer Fahrt erst wieder auf, wenn wir wissen, dass die den anderen Zielen folgen“, sagte Jens, noch immer um Fassung ringend, in das unscheinbare Mikrofon seines Ohrhörers. „Wenn unsere Leute wieder bei uns sind, sage ich Bescheid und wir können volle Fahrt machen.“
Fest umklammerten die Hände des groß gewachsenen, kräftigen Mannes das Geländer der Reling. Er schaute hinaus aufs Meer, wo die beiden Zodiacs erst zu kleinen Punkten wurden und dann zwischen den Wellenbergen verschwanden. „Wenn der Kerl gelogen hat, wird mich keiner von euch halten können. Dann bringe ich ihn höchstpersönlich und eigenhändig um“, brachte er leise hervor, als Pitt und die SEALs neben ihn getreten waren und besorgt, um ihre Freunde, mit aufs Meer hinaus schauten. Pitt wusste genau, dass Jens das absolut ernst meinte und es nicht nur eine leere Drohung war.
Minuten wurden, für die Männer an der Reling, zu Stunden. Auch die Meldung vom Kapitän, dass sich die potenziellen Angreifer unter Wasser offenbar von ihrem Kurs abwandten und einem neuen Ziel folgten, konnte sie nicht beruhigen. Sie verharrten weiter an der Backbordreling und schauten zurück zu dem Punkt, wo sie ihre Freunde vermuteten.
Nacheinander, in einem Abstand von wenigen Minuten, drang das Geräusch von vier Explosionen, je zwei kleinen und zwei großen, an die Ohren der Männer, die noch immer an der Reling des Marineschnellbootes standen. Jens und Pitt schauten sich mit weit vor Schreck geöffneten Augen an.
„Wieso vier?“, überlegte Jens laut. „Und warum in den Abständen?“
„Sayed!“, schrie Pitt in sein Mikro. „Was sagen die Sonar- und Radarüberwachungen unserer Freunde?“
„Sonar sauber“, antwortete der Kapitän sofort.
„Und unsere Männer?“, fragte Jens.
„Wir haben die Zodiacs auf dem Schirm. Die sind weit außerhalb der beiden Explosionsgebiete. Ob Sebi und Jack bei ihnen an Bord sind. kann ich euch leider nicht sagen. Ich bekomme keine Verbindung zu den Männern auf den Schlauchbooten.“
Oberstleutnant Kebier entschied sich, eines der begleitenden Marineschnellboote den Zodiacs entgegenzuschicken. Das vordere der Boote des kleinen Verbandes brach aus der festgelegten Formation aus, nahm Fahrt auf und entfernte sich in Richtung der letzten, gemeldeten Position der beiden Schlauchboote. In der Zwischenzeit meldete das ägyptische Marine-U-Boot einen weiteren Unterwasserkontakt. Die Schnellboote stoppten sofort ihre Maschinen und das U-Boot ging auf Schleichfahrt.
Wenig später konnte Entwarnung gegeben werden. Es hatte sich um eines der fünf U-Boote der ägyptischen Marine gehandelt, die das Hoheitsgebiet, gemeinsam mit dem Küstenschutz überwachte und routinemäßig Patrouille fuhr. Die ‚Sinai‘ nahm kurz darauf, mit den anderen Begleitbooten, wieder Fahrt auf.
„Hier Kebier“, meldete sich der Oberstleutnant von der Brücke. „Ich weiß ja nicht, ob es euch interessiert, aber der Kapitän der ‚Giftun‘ meldete gerade, dass er zwei Zodiacs mit all unseren Männern ... Ich wiederhole: Mit all unseren Männern an Bord genommen hat. Sie sind auf dem Weg.“
Die Freunde, die noch immer an der Reling auf dem Achterdeck standen, schlossen dankbar die Augen und atmeten erleichtert tief durch. So mancher von ihnen schickte heilfroh ein Stoßgebet gen Himmel.
„Und, wie wäre es jetzt mit etwas zu futtern?“, fragte Pitt an Jens gewandt.
„Nein, ich warte damit noch, bis die beiden wieder da sind. Adam hat ja auch noch nicht gegessen. Und Sebi und Jack brauchen nach dem Einsatz bestimmt auch wieder was. Also esse ich doch lieber mit allen gemeinsam“, antwortete Jens und schaute dabei weiter aufs Meer hinaus.
Die acht SEALs hatten das gehört und waren beeindruckt, dass Jens, ein Flottillenadmiral, der nach Aussagen seiner Freunde, immer hungrig war, doch erst noch mit auf ihren Kameraden, der ‚nur‘ ein Ensign, auf Deutsch ein einfacher Fähnrich, war, wartete.
„Jetzt bin ich mir sicher“, flüsterte William den anderen SEALs zu, „die Männer machen wirklich keine Rangunterschiede zwischen denen, die sie ihre Freunde nennen, und wir haben die Ehre, dazuzugehören. Und das, obwohl wir nur kleine Lichter sind.“
„Ihr seid keine kleinen Lichter“, mischte sich Pitt ein, der es gehört hatte. „Lasst euch das von niemandem einreden. Ihr habt für eine gerechte Sache an unserer Seite gekämpft und tut es noch immer. Das ist es, was euch zu unseren Freunden macht. Wenn wir das alles hier hinter uns haben und ihr noch Zeit habt, wofür Jens sicher sorgen kann, werdet ihr noch andere, ganz unscheinbare Freunde von uns kennenlernen können. Ein Dienstgrad ist nicht so wichtig für uns, denn er sagt nichts über den Menschen aus, der ihn trägt. Wichtig ist für uns, dass die Überzeugung zur Sache stimmt. Eigentlich dachte ich, dass ihr das bereits verstanden hättet. Aber vielleicht sind wir alten Herren auch nur zu sensibel geworden und achten mehr auf Gefühle, was nicht immer gut für einen Elitesoldaten wie euch ist, der strikte Befehle zu befolgen hat und seinen Job gut machen soll, ohne darüber nachzudenken. Eben das unterscheidet uns vielleicht auch von anderen. Denn was wir tun, das tun wir aus Überzeugung. Nicht weil wir es wegen eines erteilten Befehls müssen. Versteht Ihr?
Anne und Andy, liegen nicht im Lazarett, weil sie einen Befehl erhalten und ausgeführt haben, sondern weil sie überzeugt waren, das Richtige zu tun. Sie haben gehandelt, ohne erst groß zu fragen. Das ist es, was zählt. Sich für das Richtige zu entscheiden und danach zu handeln. Und wir halten jedes Leben für wichtig. Das hat wohl die jahrelange Erfahrung so mit sich gebracht. Gefühle gehören in keinen Kampf. Aber eben diese Gefühle können auch Gutes bewirken, weshalb wir in einer speziellen Sondereinheit, mit besonderen Befugnissen agieren können und dürfen, sobald es die Situation erfordert. So wie eben hier. Es gibt keine Bezeichnung für uns. Ansonsten sind wir, außer Jens, Reservisten und ganz normale Zivilisten. Und ganz ehrlich, die möchten wir auch gern bleiben. Wir fühlen uns hier sehr wohl als einfache Tauchlehrer. Das Land und vor allem die Menschen hier, haben uns mit offenen Armen empfangen. Diese Menschen sind wundervoll. Anne, Sebi und Kim haben das schon viel eher erkannt. Sie lebten und arbeiteten schon lange Zeit vorher hier, bevor ich mit Jens und ein paar anderen Kampfgefährten das erste Mal hierhergekommen bin. Beim zweiten Auftrag sind dann Andy und kurz darauf ich, auch wegen schwerer Verletzungen, die einen aktiven Dienst nicht mehr erlaubten, bei ihnen hängen geblieben. Aber wir sind auch ständig in Bereitschaft für kleine Sonderaufgaben. Wir haben sehr viel von den Menschen hier gelernt. Der Islam ist keine Bedrohung für die Christen oder die angeblich so fortschrittlichen Industrienationen. Nur die Menschen, die etwas anderes hineininterpretieren und es für sich ausnutzen wollen, sind die Gefahr. Vieles davon deckt sich mit den früheren Kreuzzügen, die angeblich in Christi Namen geführt wurden, aber an denen sich nur Einzelne bereichert haben.
Der Islam sind nicht ein oder mehrere Personen, die glauben, das Werkzeug oder die Hand Gottes oder Allahs zu sein, und im Namen dieses Gottes Kriege anzetteln, die dann der kleine Mann für sie ausbaden oder gar sein Leben geben muss. Alles, damit sich ein paar einzelne Menschen bereichern und eine Vormachtstellung einnehmen können. Wenn es so läuft, dann geht der Glaube in eine falsche Richtung und ist sehr gefährlich.
Dabei ist es egal, welchen Namen dieser Gott trägt. Wir respektieren den Glauben dieser Menschen an Allah wie auch den Glauben an Gott. Beide entstammen der gleichen Wiege, nur die Propheten, die er laut des entsprechenden Glaubens entsandt haben soll, waren unterschiedliche. Lest den Koran, die Thora und die Bibel oder andere Bücher des Glaubens, und ihr werdet schon nach den ersten Seiten darauf stoßen, dass sie alle, egal wie sie ihn in ihrem Glauben auch nennen, den gleichen Gott und Schöpfer der Welt und der Menschen meinen.
Ich für meinen Teil denke, obwohl ich selbst nicht gläubig bin, dass Gott, oder besser die, welche die Schriften, nachweislich in verschiedenen Zeiten verfasst haben, den Menschen in ihren verschiedenen Lebensräumen und Naturbedingungen ein Rezept zum Überleben mitgegeben haben. Nicht anders ist es bei den indigenen Völkern mit Manitu und wie sie da noch alle heißen. Oder auch mit dem Buddhismus oder Hinduismus. Der Glaube soll ihnen helfen, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Der Glaube und die Hoffnung sind manchmal alles, was noch bleibt, und stirbt zuletzt. Menschen brauchen etwas, woran sie glauben und an dem sie sich festhalten können. Ist es da nicht egal, welchen Namen er für sie trägt?
Selbst der ungläubigste Mensch auf Erden beginnt, bewusst oder unbewusst, zu seinem Gott zu beten, wenn er sich in einer ausweglosen Situation befindet, und hofft auf ein Wunder. Und ich weiß, wovon ich spreche. Das könnt ihr mir glauben. Auch ich habe schon so manches Stoßgebet gen Himmel gesandt.
Es sollten nur nie wieder unter dem Deckmantel seines Namens oder einer Religion auf dem Rücken Unschuldiger Kämpfe und Kriege ausgetragen werden, die am Ende doch nur vereinzelten Menschen dienen, die sich daran bereichern und ihre Macht ausleben wollen. Aber das alles ist nur meine persönliche Meinung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“
Interessiert und gespannt hatten die jungen SEALs Fregattenkapitän Pitt Dressler zugehört und machten sich nun ihre eigenen Gedanken dazu. Sie konnten sein Argument nicht von der Hand weisen. Dabei waren Brandon und Tyler gläubige Christen. Doch auch sie verstanden Pitts Worte und respektierten sie. „Für einen Atheisten sprichst du verdammt klare Worte“, meinte Tyler. „Du kennst dich aus im Glauben der Menschen.“
„Nein, das maße ich mir nicht an, Tyler. Das steht mir nicht zu. Ich habe wohl einiges darüber gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht. Das ist wohl wahr. Doch seit ich hier in Ägypten lebe, habe ich viel Neues, für mich bis dahin Fremdes, erfahren und dazugelernt. Aber am Ende bleibt es doch meine ureigene Meinung, die ich keinem aufzwingen, aber sehr wohl vertreten kann“, antwortete Pitt sicher. „Für mich ist es der einfache Menschenverstand, der mir sagt, dass kein Mensch für seinen Glauben in den Tod geschickt werden sollte oder dafür sterben muss.“
„Könnten wir jetzt, von den Ausflügen in die verschiedenen Religionen, die am Ende doch denselben Gott anbeten, mal wieder zum Weltlichen zurückkehren“, mischte sich Jens ein und zeigte in Richtung Norden, von wo sich das ägyptische Begleitboot der Marines ihrer Position näherte. „Wie mir der Käpt’n gerade meldete, haben unsere Jungs den Einsatz nicht ganz unbeschadet überstanden.“
Ohne Fragen zu stellen, liefen die Männer zum Heck ihres Marineschnellbootes, um sofort helfen zu können, sobald die ‚Giftun‘ an der ‚Sinai‘ längsseits ging. Auch der Schiffsarzt stand mit seinen Leuten schon auf der Plattform bereit.
„Samuel, bringen Sie mir Jack und Sebi ja schnell wieder auf die Beine!“, rief Jens laut. „Ich habe nämlich in einem Anfall von Schwäche geschworen, meine Mahlzeit nicht ohne sie einzunehmen, und Sie wissen, was das bedeutet.“
„Klar, Mister Arend. Ich werde mein Bestes tun“, rief der Schiffsarzt zurück und wusste, was der Mann meinte. Dass es ihm dabei nicht wirklich um das Essen, sondern um seine Leute ging.
Er hatte sich daran gewöhnt, dass diese Männer fast nie ihre Schmerzen und Ängste oder die Sorge um ihre verwundeten Kameraden offen zeigten. Wenn aber doch, dann war die Situation sehr ernst.
Er hatte das schon erlebt, als er vor drei Jahren gerade auf dem Marineschnellboot angefangen hatte. Er war das erste Jahr bei der Marine als junger Arzt tätig. Damals hatte sich dieser Mann fast aufgegeben, aus Trauer um seinen Freund. Alle dachten, dass Pitt bei einer Explosion umgekommen sei. Jens war zu der Zeit schwer verwundet. Erst als Pitt, nach vielen Stunden, lebend gefunden worden war, verbesserte sich auch endlich der Gesundheitszustand von Jens Arend, der zuvor dem Sterben näher als dem Leben gewesen war. Jeder der Männer war damals an seine Grenzen gegangen, um einander und Anne Kamp, die jetzt die Frau von Fregattenkapitän Andreas Wildner war, zu helfen. Das war für den jungen Arzt ein Erlebnis, das sich tief in sein Innerstes eingebrannt hatte und das er nie in seinem Leben je wieder vergessen würde.
33
„Was ist denn passiert, du Schreihals?“, wollte Pitt wissen, als Sebastian auf einer Trage festgeschnallt aufs Boot gebracht wurde.
„Mir geht es bombig. Nur hat mir die Druckwelle, von dem scheiß anderen U-Boot, an das ich die Haftmine angebracht hatte, die Prothese weggerissen. Alles nur, weil sie nicht gut saß, wegen dem scheißdicken Verband hier. Darauf hält doch kein Liner und der Pin rastet nicht ordentlich ein. Wobei ich den Liner samt Pin jetzt auch noch losgeworden bin“, erklärte Sebastian ganz aufgebracht, zwischendurch weiter fluchend, und zeigte dabei auf den nassen Verband um seinen Beinstumpf. „Nummer zwei in nur zwei Tagen. Ich habe die Schnauze voll, also quatscht mich bloß nicht blöd von der Seite an, sonst raste ich hier noch ganz aus und falte jeden, der mir in die Quere kommt, zu ganz kleinen Päckchen zusammen.“
„Mein Gott, das wütende Rumpelstilzchen ist ja ein Scheißdreck gegen dich. Komm mal wieder runter. … Von welchem anderen U-Boot sprichst du überhaupt? Und warum hast du auch eine Haftmine dort angebracht, wo du doch davon gar keine Ahnung mehr hast?“, wollte Pitt wissen und grinste dabei, weil er sich die Antwort schon denken konnte.
„Du dämliche Knallerbse. Natürlich, weil ich so ein Ding gerade in der Hand hatte und nicht wusste, wie ich sie anders loswerden sollte. Als das doofe U-Boot, was übrigens keins war, sondern eher ein als U-Boot verkleideter Torpedo, in dem Moment auftauchte, habe ich mir gedacht, dass ich da das Ding doch nicht länger mit mir rumschleppen brauche. Nur war eben die Zeit von fünf Minuten etwas kurz zum Verduften“, erklärte Sebastian, während er in den Behandlungsraum getragen wurde.
„Mann, du blöde Flasche, solltest doch auch nur aus dem U-Boot raus. Keiner hat dir gesagt, dass du noch mit Magnetspielzeug an anderen Dingern rumfummeln sollst“, erwiderte Pitt, sichtlich erleichtert, dass es seinem Freund tatsächlich gut zu gehen schien, da er so herumwettern konnte.
„Jack, sag mir, dass wenigstens du vernünftiger warst, und nicht auch mit einer Haftmine rumgespielt hast“, wollte Jens wissen, der neben der Trage herlief, auf der Jack fest angeschnallt lag.
„Sorry, Mister. Aber die Verlockung war doch zu groß, als ich das riesige Ding schon hinter mir sah, noch bevor, ich während der Fahrt, aussteigen konnte.“
„Und was fehlt dir?“, wollte Jens dann besorgt wissen.
„Eigentlich nur etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Aber die Jungs hier haben mich gleich auf die Trage geschnallt, nachdem sie Sebi herausgefischt hatten und geschockt waren, als sie an ihm nur das leere Hosenbein vom Neoprenanzug herumschlackern sahen, weil darin sein Fuß und Unterschenkel fehlten und doch kein Blut floss. Sie wussten nichts von seiner Prothese. Also dachten sie tatsächlich, ihm hätte es das Bein weggefetzt. Weil Sebi auch noch gleich auf Deutsch herumwetterte und herumschrie wie ein Rohrspatz, was natürlich keiner von ihnen verstand, glaubten sie, er stehe unter Schock, und ich auch, obwohl ich ihn doch eigentlich nur beruhigen wollte. Logisch, durch die lauten Detonationen unter Wasser waren unsere Ohren noch halb taub. Sprich, wir haben uns verdammt lautstark gegenseitig nur blöd angelabert und schon hatten wir ne Spritze im Hintern und fanden uns nach einer Weile angeschnallt auf den Tragen wieder“, erzählte Jack ganz trocken.
Jens, Pitt und die SEALs, bekamen sich nach diesem Bericht kaum noch ein vor Lachen.
„Samuel, du lieber, guter Doktor“, sagte Jens auf Arabisch und konnte sich noch immer kaum vor Lachen halten. „Gib mir sofort meine Jungs wieder frei. Außer einem Dachschaden, den sie aber schon länger haben und der nicht weiter gefährlich ist, fehlt ihnen nichts.“
„Ein paar Krücken für Sebi wären aber hilfreich, bis er ein neues Bein hat. Sonst haben wir den kleinen Kerl im wahrsten Sinne des Wortes, die ganze Zeit auf dem Hals“, ergänzte Pitt. „Der Kleine kann nämlich ziemlich nervig und belastend sein.“
„Danke, Jungs. Ich liebe euch auch“, war Sebastians Kommentar, als er kurz darauf von der Trage steigen konnte und sich mühte, den Tauchanzug auszuziehen.
„Mann, das war ne Pferdespritze, mir tut der ganze Hintern noch weh davon“, giftete er auf Arabisch den Mann an, der sie ihm gegeben hatte, und rieb sich demonstrativ die Stelle.
Verlegen lächelte der Ägypter Sebastian an.
Pitt und Jens nahmen ihren Freund in die Mitte. Jens wollte nicht warten, bis endlich ein paar Krücken für Sebastian aufgetrieben werden konnten. Er hatte Hunger und wollte endlich was zu essen. Denn er und Adam hatten seit dem Frühstück nichts mehr in den Magen bekommen.
Adam und Jens bekamen ein Gericht, welches extra für sie aufgehoben und aufgewärmt wurde. Die anderen tranken Tee und naschten etwas Gebäck.
„Sebi, wie hast du das vorhin gemeint? Ich meine das mit dem U-Boot, dass es keins war?“, fragte Jens nach einer Weile und schob sich eine Falafel in den Mund.
„So wie ich es gesagt habe. Die Dinger waren billige Attrappen. Sie haben direkt auf uns zugehalten und jeden Kurs, den wir einschlugen, auch prompt mitgemacht. Also habe ich Jack das Zeichen gegeben, dass wir uns trennen. Was soll ich sagen, danach raste eins der großen Zigarren Jack hinterher, und eine hängte sich bei mir an den Arsch. Ich denke, die haben auf der Frequenz der Peilsender gearbeitet. Und laut der Größe der Explosion, wovon mir jetzt noch die Ohren dröhnen, bin ich der Meinung, dass es sich um eine Art selbstgebauter Torpedos gehandelt haben muss, die als kleine U-Boote getarnt wurden. Auf jeden Fall war dort mit Sicherheit nicht eine lebende Seele drin.“
„Aber dann hättet ihr die Dinger doch nicht extra zerstören brauchen, wenn sie ohnehin mit den Tauchbooten hochgegangen wären“, sagte Pitt nachdenklich.
„Ja, so hatten wir auch erst gedacht“, erklärte Jack. „Nur Sebi hat mal etwas die Zeit genutzt, einfach das Ruder festgebunden und hinten in den Schränken und Kisten rumgestöbert, als wir noch normal unterwegs waren, um von euch weit genug wegzukommen, und mir dann Zeichen gegeben, das gleiche zu tun.“
„Und was war drin in den Schränken und Kisten?“, fragte Jens neugierig.
„Die waren vollgestopft mit Haftminen und solchem Spielzeug. Schade, dass wir da nicht reingeguckt haben, als wir die Boote noch im Schlepp hatten. Ich habe mich also, als es dann brenzlig wurde, dazu entschlossen, lieber kleinere, einzelne Explosionen hintereinander auszulösen, als eine riesige. Einer einzigen großen Druckwelle hätten wir nicht entkommen können. Es hat auch so völlig gereicht. Mir tut davon noch jeder Knochen einzeln weh. Es hat einem regelrecht die Luft aus der Lunge gepresst. So schnell, wie durch diese Druckwelle, war ich noch nie im Wasser unterwegs“, berichtete Sebastian.
„Genau, die Druckwellen trafen den Körper wie ein riesiger Vorschlaghammer und rissen mich einfach mit sich, dabei wurde sie doch durch die nächsten Wellen, die aus anderen Richtungen kamen, gebrochen und abgeschwächt. Ich hatte zu tun den Atemregler im Mund zu behalten. Die Maske hat es regelrecht abgefetzt und ich glaubte schon, die Pressluftflasche würde es auch noch aus der Halterung am Jackett reißen. Es war ein Höllentrip. Größer hätte die Druckwelle auf keinen Fall sein dürfen. Wäre Sebi nicht so neugierig gewesen und hätte in den Schränken herumgestöbert, säßen wir wohl jetzt nicht wieder hier. Sein Einfall war wirklich gut“, sagte Jack.
„Ja, manchmal hat unser Kleiner doch noch lichte Momente“, meinte Jens und grinste Sebastian dabei erleichtert und, wie nur die Eingeweihten wussten, auch lobend an. „Gut gemacht, Jungs. Für die Kerle sind wir nun alle Fischfutter und liegen auf dem Meeresgrund. Ich hoffe, dank euch wird nun der Rest der Fahrt zum Rendezvous ruhiger verlaufen.“
„Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen“, meinte Sebastian daraufhin skeptisch. „Also sollten wir uns lieber nicht zu sicher fühlen. Aber sag mal, was hat euch dieser Vogel eigentlich alles so gezwitschert, den ihr so lange in der Mangel hattet?“, wollte er dann von Jens und Adam wissen, die beide noch immer aßen.
Mit einem Mal hörte Jens auf zu kauen, hob den Kopf und starrte an die gegenüberliegende Wand auf die Uhr. Er ließ sein Besteck fallen und schluckte schnell den letzten Bissen hinunter. „Scheiße, das habe ich ja ganz vergessen!“, schrie er und sprang auf, sodass der Stuhl laut polternd nach hinten kippte. „Die warten ja auf den Bericht, je eher sie die Namen haben, desto schneller ist hier Ruhe“, rief Jens, während er schon auf dem Weg nach draußen war. „Ihr könnt ja mitkommen, dann brauche ich es nicht noch mal zu erzählen.“
Das ließ sich keiner der Männer zweimal sagen. Pitt und Jack schnappten sich Sebastian und liefen Jens nach, in den Besprechungsraum, der zur Einsatzzentrale umfunktioniert worden war.
Jens rollte mit einem der Bürostühle vor den Computer mit dem großen Flachbildmonitor und versuchte, eine Konferenzschaltung mit dem Pentagon, dem CIA und dem FBI aufzubauen. Es brauchte eine Weile, bis die Verbindung zu allen Teilnehmern stand. Jens nutzte diese Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Er schrieb sich ein paar Stichpunkte auf und bat Adam darum, vorsichtshalber die Richtigkeit der Namen, die sie bekommen hatten, noch einmal abzugleichen. Dann war es endlich so weit.
„Guten Tag, meine Herren“, begann Jens höflich auf Englisch. „Entschuldigen Sie bitte, dass Sie etwas länger warten mussten. Aber wir hatten hier nebenbei noch ein paar andere, kleinere Probleme zu beseitigen.“ Dabei drehte er sich zu Jack und Sebastian und zwinkerte ihnen zu. Dann wandte er sich wieder dem Monitor zu. „Recht herzlichen Dank für die schnellen Informationen, die ich bei Ihnen noch zu bestimmten Personen angefordert hatte. Sie haben uns damit sehr geholfen. Ich kann ihnen nun unsere derzeitigen Untersuchungsergebnisse mitteilen. Bei dem Kopf von ‚Now Kingdom‘ handelt es sich wohl um nur drei oder fünf Personen, die im Geheimen agieren. Selbst ihre direkten Befehlsempfänger, die zu rund zwei Prozent aus ehemaligen Söldnern, die unehrenhaft entlassen wurden, bestehen und um die wahren Ziele der Führungselite wissen, kennen deren Identitäten nicht. Noch einmal zwei Prozent sollen ehemalige und noch aktive, darunter auch ein paar hochrangige Personen, der Armee und anderer wichtiger staatlicher Sicherheitsorgane von Ihnen und auch anderen Ländern sein, so wie ein paar abtrünnige Wissenschaftler. Die Namen, die uns dazu vorliegen, mailen wir Ihnen sofort nach dieser Konferenz zu. Weitere zwei Prozent sind Mitläufer. Sie beteiligen sich an der Operation ‚Mohammeds Angels‘ als Rache, weil sie Familienmitglieder oder Freunde bei islamistischen Terroranschlägen verloren haben. Die meisten davon aber hauptsächlich nur finanziell. Sie wissen nicht, dass sie für einen anderen Zweck ausgenutzt werden. Bei dem Rest handelt es sich um internationale Splittergruppen von Terroristen, Waffenschiebern und Abenteurern, die Spaß an Schlägereien, Schießereien und Kriegsspielen haben. Und wenn ich hier mit diesen Prozentzahlen hantiere, dann rede ich nicht von zehn oder hundert Mann, sondern bereits von weit über zehntausend. Tendenz steigend.
Hauptsächlich finanziert wird das Ganze von folgenden Herren ... “ Jens zählte danach zehn Namen auf. „Natürlich mailen wir auch diese Namen dann auch noch mit an sie. Der wahre Plan und die Strategie dieser Organisation, die zum Erreichen des Ziels führen sollen, sind folgende: Attentate mit Nervenkampfstoffen auf gläubige Moslems, nach Möglichkeit bei großen Ansammlungen und Freitagsgebeten. Wie wir ja schon wussten, sollte das erste Ziel Saudi-Arabien sein und dabei sollte Deutschland die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Kampfszenario: Die Saudis ziehen gegen Europa, die USA greift als NATO-Partner ein und andere Länder auch. Ein Schreckensszenario, welches einen Weltkrieg heraufbeschwört. Was wir bis dato nicht wussten, ist, dass nacheinander auch die anderen Regierungen untereinander auf gleiche Weise benutzt und so aufgestachelt werden sollen, die sich aus diesem Konflikt heraushalten wollen. Sinn und Zweck dabei ist, diese Regierungen alle gegeneinander aufzuwiegeln und so Kriegszustände zwischen den einzelnen Ländern zu schaffen.
Ich muss ihnen nicht erklären, wer an einem erneuten Aufrüsten und Wettrüsten verdienen würde. Die Namen habe ich ihnen vorhin gerade genannt. Das Ziel ist also die Ausrottung der Menschen und somit ganzer Staaten des islamischen Glaubens. Auch durch ethnische Säuberungen. Inbesitznahme dieser Länder, um die Bodenschätze ausbeuten zu können, absolute Weltherrschaft, durch das Waffenmonopol dieser einzelnen Herrschaften, die bereits alle Gebiete schon im Vorfeld unter sich aufgeteilt haben. Plus die gleichzeitige Beseitigung unliebsamer Konkurrenten und Völker. Ja meine Herren, ich habe genauso geschaut wie Sie jetzt gerade. Doch leider ist die Bedrohung sehr real. Die Laborausrüstung, die wir gefunden haben, ist nur ein Teil der geplanten Ausrüstung und sollte heimlich auf eine der vielen kleinen Inseln des Dahlak-Archipels gebracht werden, die zum Staat Eritrea gehören. Ein Werk zur Massenherstellung von Tabun steht bereits und beginnt schon bald mit der Produktion. Da es für Israel auf den abgelegenen Inseln noch einen Nutzungsvertrag gibt, schauen die Eritreer nicht so genau hin, was da angeliefert wird, da Israel dort seinen Atommüll hinbringt. Also fahren die netten Menschen unter israelischer Flagge. Allerdings wissen die Israelis scheinbar nichts davon. Und schon haben diese Kerle einen Freibrief, unbehelligt ins Hoheitsgebiet von Eritrea zu gelangen, und einen guten, strategischen Ausgangspunkt für ihre Aktionen in diesem Raum.
So wie wir erfahren haben, befinden sich die Fabrik, sowie die Wohntrakte der Mitarbeiter unter der Inseloberfläche. Außerdem ist vorgesehen, die alten, aufgegebenen israelischen Stützpunkte zu reaktivieren und heimlich auszubauen. Wo sich übrigens auch schon eine intakte Start- und Landebahn befinden soll. Die ersten Flugzeuge stehen bereits in den bunkerähnlichen Hangars und sind startklar. Und wir haben hier die Ladung im Bauch des Schiffes, die für den Einsatz der Flugzeuge bestimmt war.
Da man sich aber nun dazu entschlossen hat, uns samt dem Zeug zu vernichten, um Spuren zu beseitigen, gehe ich davon aus, dass die bereits genügend von dem Zeug als Nachschub beschafft oder produziert haben.
Oh, und noch etwas, das hätte ich fast vergessen. Die eingeschweißten Euronoten sind hochgradig toxisch. Sie wurden mit ‚VX‘ für den einfachen Hautkontakt präpariert und waren für gezielte Abwürfe in Jemen, Sudan und Ägypten bestimmt, um die guten Beziehungen, welche diese Länder zu Deutschland und Europa haben, empfindlich zu stören. Auch die Dollarnoten waren teils dafür vorgesehen, auf der Insel noch präpariert zu werden. Der Rest sind Schmier- und Schweigegelder.
Die Organisation ‚New Kingdom‘ arbeitet in kleinen Gruppen, die alle ihre speziellen Aufgaben haben. Viele der Gruppen wissen voneinander gar nichts. Sie werden absichtlich klein und zugegeben auch dumm gehalten, damit nicht die Möglichkeit besteht, dass sie hinter den wirklichen Plan kommen. Die Gruppen werden von der Spitze koordiniert. Wir haben diese Informationen von Jim Julius Nessler erhalten, der sich während des Verhörs dazu entschieden hat, mit uns zu kooperieren.
Nun ist es an Ihnen, meine Herren, diesen Wahnsinn zu stoppen. Wir sind auf dem Kurs zum Rendezvous mit ihrem Flugzeugträger, wo wir unsere Fracht in hoffentlich wirklich sichere Hände übergeben können. Die Gefangenen werden wir mit ihrer Militärmaschine zu ihnen schicken“, beendete Jens seinen Bericht. Doch nach einer kurzen Pause sprach er leiser und bedrückt weiter. „Wir würden ihnen auch gern die beiden gefallenen Piloten der SEALs mit allen militärischen Ehrenbezeugungen von uns und unseren ägyptischen Freunden in diesem Flugzeug in ihre Heimat überführen lassen wollen. Ich hoffe, die Maschine kann so lange warten, sollten wir nicht rechtzeitig zurück sein können. Damit dürfte dann unser Teil der Aktion abgeschlossen sein. Oder?“ Schloss Jens ab.
Die drei Männer, die auf dem Monitor zu sehen waren, nickten beeindruckt und bedankten sich für die hervorragende Arbeit aller Beteiligten. Sie stimmten auch der Überführung zu und versprachen, sich um einen würdigen Empfang, der beiden gefallenen Männer, in der Heimat zu kümmern.
Dann ließ es sich Jens nicht nehmen und lobte die ausgezeichnete Arbeit der zehn SEALs, die ständig ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und leichte Verwundungen davongetragen hatten. Er erbat sich für sie, nach der Übergabe der Gefangenen am Flugzeug, einen dreiwöchigen Erholungsurlaub, den sie in diesem Land und nicht wie sonst üblich unbedingt in der Heimat verbringen müssten. Er gab ihnen auch gleich die Begründung dafür: Weil sie von den ägyptischen Freunden, ihm und seiner Gruppe persönlich, eingeladen wurden, einige Zeit ihre Gäste zu sein. Außerdem wäre ja auch ihre Stickstoffsättigung nach den vielen Einsätzen noch zu hoch, um schon in ein Flugzeug steigen zu können.
Die acht SEALs machten große Augen und schauten sich erstaunt an, als sie das hörten. Gespannt lauschten und warteten sie auf die Entscheidung der ihnen weit übergeordneten Offiziere.
Der Mann vom Pentagon sagte nach einer Weile zu und versprach, ihre direkten Vorgesetzten von dem Beschluss zu informieren.
Jens bedankte sich höflich. „Wenn noch irgendetwas sein sollte, so melden Sie sich einfach wieder bei uns. Sollte sich hier noch etwas ergeben, halten wir es ebenso.“
„Ich wünsche ihren Freunden, die so schwer verwundet wurden, gute Besserung. Bitte halten Sie uns über ihren Gesundheitszustand auf dem Laufenden und zögern Sie nicht, es zu sagen, wenn wir Ihnen mit irgendetwas helfen könnten. Wegen des Verlusts der Jacht ihrer Freunde brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Das ist hier bereits in Arbeit“, sagte der hohe Offizier vom Pentagon.
„Ja, dann wäre es toll, wenn die auf dem Flugzeugträger ein neues Bein für mich hätten“, meinte Sebastian an Pitt gewandt. Dabei hatte er nicht damit gerechnet, dass das Mikrofon so empfindlich war und die Männer der Videokonferenz das mithörten.
Die Frage von dem Mann im Pentagon kam sofort.
„Wie meint das der Mann, den ich da gerade auf Deutsch gehört habe? Was ist denn mit seinem Bein?“
„Oh, entschuldigen Sie, Sir. Das war Korvettenkapitän der Reserve Sebastian Rothe, Mitglied unseres kleinen Teams. Er hat hier auf See innerhalb von nur zwei Tagen während seiner Einsätze, kurz hintereinander gleich zwei Unterschenkelprothesen eingebüßt. Doch mehr hat er davon nicht mehr in Reserve. Diese Prothesen wurden nach seinen Wünschen für die vielseitigen und ganz speziellen Anforderungen, in Deutschland, angefertigt. Deshalb ist er nun natürlich sehr verärgert. Denn hier auf dem Schiff haben wir auch keine Krücken für ihn. Ich glaube, kein Marineschnellboot hat so etwas vorrätig an Bord. Das wurmt ihn natürlich noch zusätzlich, denn er hat damit jetzt ein sehr großes Handicap“, erklärte Jens, mit einem verlegenen Lächeln.
„Ja, ich erinnere mich an den Bericht von Ihnen über diesen guten Mann und seine Einsätze. Auch seine Frau ist sehr mutig. Ich sehe zu, was ich tun kann. Es ist gut möglich, dass wir ihm auf dem Flugzeugträger helfen können. Das ist eine schwimmende Stadt mit allen möglichen Gewerken und eigenem Krankenhaus. Ich werde den Kapitän des Trägers kontaktieren und ihn darüber informieren, dann werden wir mal sehen, ob sich da etwas machen lässt. Scheuen Sie sich nicht, ihre Wünsche und genauen Vorstellungen zu äußern, wie die Prothese beschaffen sein soll, Mister Rothe. Denn ich habe gehört, dass Sie die sogar zum Tauchen nutzen und brauchen. Ich weiß, dass man nur ein halber Mensch ist, wenn einem ein Bein fehlt und man auf andere angewiesen ist. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Mir fehlt selbst das rechte Bein, habe es bei einem Verkehrsunfall verloren. Ich bewundere Sie, Mister Rothe. Trotz ihrer Behinderung sind sie noch so fit und kämpfen wie ein Stier.“
„Danke, Sir“, meldete sich Sebastian verlegen aus dem Hintergrund. „Aber mir fehlt ja nicht ein ganzes Bein, Sir. Sondern nur der Unterschenkel“, antwortete Sebastian nun auf Englisch.
„Mir auch, mein Freund. Mir auch. Nur ich kann ohne Stock nicht laufen und Ihnen, so wie ich gehört habe, merkt man noch nicht einmal ein leichtes Hinken an. Ich nehme mir Sie als Vorbild, dass es auch anders gehen kann“, kam die Antwort, die Sebastian noch verlegener werden ließ, sodass er keinen Ton mehr herausbekam. „Ich denke, ich werde es mir nicht nehmen lassen, Sie alle persönlich kennenzulernen. Sie haben mich sehr neugierig auf ihre kleine Gruppe und ihre Freunde gemacht, Flottillenadmiral Arend.“
„Danke, Sir. Wir würden uns sehr freuen, Sie hier begrüßen zu dürfen“, antwortete Jens ehrlich und verabschiedete sich dann von den drei Gesprächspartnern.
Als die Verbindung getrennt war, jubelten die acht jungen SEALs auf. Liefen zu Jens, hoben ihn auf ihre Arme und ließen ihn hochleben, so freuten sie sich über den von Jens herausgeschlagenen Urlaub, den sie mit ihren neuen Freunden schon bald verbringen würden.
„Ist ja gut, Jungs. Lasst mich wieder runter. Ich bekomme hier ja Platzangst, so nahe an der Stahldecke. Außerdem habt ihr euch den Urlaub mehr als nur verdient. Wenn ihr ihn natürlich lieber zu Hause bei euren Familien verbringen möchtet, so ist es auch kein Problem. Dann springt einfach in ein Flugzeug, wenn die Stickstoffsättigung wieder okay ist, und ihr seid schnell daheim.“
„No, Sir!“, schrien die Männer laut im Chor.
„Wir freuen uns schon, die Zeit hier mit euch und unseren neuen Freunden verbringen zu dürfen“, antwortete William für alle.
„Das freut uns. Aber noch sind wir aus der Scheiße hier nicht ganz raus. Noch immer kann uns durch Zufall eines der Schiffe dieser Kerle aufgabeln, denn wir fahren eigentlich in ihre Richtung, um uns mit dem Flugzeugträger zu treffen, der sozusagen auch noch an ihnen vorbeifahren muss. Und wir müssen dann noch mit den Gefangenen heil nach Hurghada zurückkommen“, gab Jens zu bedenken.
Als die Männer aus dem Besprechungsraum, hinaus aufs Deck traten, war es bereits dunkel geworden. Tief sogen sie die frische Seeluft in ihre Lungen und blickten übers Meer, auf dessen Wellen das Licht des Mondes glitzerte.
Der kleine Verband der ägyptischen Marineschnellboote glitt über das Wasser, und sie wussten, dass sich unter ihnen auch das U-Boot befand, das sie zu ihrem und dem Schutz der tödlichen Fracht, begleitete. Trotzdem gab es für sie, nachdem was sie gerade gehört hatten, keinen Grund, sich sicher zu fühlen. Die Bombe tickte bereits. Der Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen.
„Jungs, lasst uns noch eine Kleinigkeit essen und dann in die Kojen verschwinden“, schlug Pitt nach einer Weile vor. „Wir wissen nicht, ob uns die Kerle viel Schlaf gönnen werden. Also nutzen wir die Zeit, die wir dafür kriegen.“ Dabei hielt er auch schon Sebastian den Arm hin, damit er sich darauf stützen konnte. Jack trat an seine andere Seite und gemeinsam gingen die elf Freunde nach unten in den großen Aufenthalts- und Speisesaal. Die Matrosen machten schnell an einem der Tische, für die kleine Gruppe, Platz und schoben Sebastian einen Stuhl zurecht.
Nach dem Abendbrot verabschiedeten sich die Männer von den ägyptischen Marines und verließen gemeinsam wieder die Messe, um zu ihrer Unterkunft zu gelangen.
„Sorry, Jungs“, sagte Sebastian. „Aber ich möchte gern noch mal in die andere Richtung, ins Arztzimmer. Ich hoffe, Samuel ist noch dort.“
Sofort sah Jens seinen fast anderthalb Köpfe kleineren Freund prüfend an. „Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“, fragte er besorgt.
„Schon den ganzen Tag nicht. Mir dröhnt und brennt noch immer der Schädel und dieser Scheiß von einem Verband am Bein drückt. Ich brauch nen frischen, wenn ich wirklich ruhig schlafen will.“
„Warum hast du, Rhinozeros, nicht schon längst was gesagt? Dann hätten wir dich doch schon beim Verhör rausgehalten, damit du dich hättest ausruhen können. Und von deinem Einsatz da draußen will ich gar nicht erst reden“, schimpfte Jens und schnappte sich den Mann. „Los, ich gehe mit dir persönlich zu Samuel. Ich will wissen, was mit dir ist.“
„Großer, was soll schon sein? Kopfschmerzen und ein aufgeriebener Beinstumpf. Nichts, was mich umbringt“, wehrte Sebastian sofort ab.
Doch Jens ließ seinen Freund nicht los. Auch Pitt begleitete ihn. „Geht ihr schon mal in die Kojen. Wir kommen dann mit unserem unvernünftigen Söhnchen nach“, rief er den SEALs nach, als er sah, wie sie ganz unschlüssig auf dem Deck standen.
Jens klopfte gar nicht erst an der Tür an, sondern trat, Sebastian am Arm festhaltend, ein. Er setzte ihn einfach auf der Liege ab und rief laut nach dem Arzt, der sofort aus dem Nachbarraum gelaufen kam. „Samuel, kannst du bitte diesen fluglahmen Vogel hier genau untersuchen? Der hat schon den ganzen Tag Kopfschmerzen und sein Verband ist ihm zu eng.“
„Hey, du Klotz! Vielleicht kann ich ja auch für mich selbst sprechen.“
„Nein, kannst du nicht, sonst hättest du schon viel eher was gesagt“, fauchte Pitt seinen Freund an und drückte ihm die flache Hand auf die Schulter, sodass Sebastian sich unter dem starken Druck hinlegen musste.
Der Arzt diagnostizierte eine leichte Gehirnerschütterung und versorgte die vordere Kopfwunde erneut. Die Wundränder hatten sich durch den langen Aufenthalt im Salzwasser entzündet. Doch Sebastian hatte ihn ja am Nachmittag nicht herangelassen. Nun aber zwangen die beiden Freunde ihn zu der Behandlung. Die kleinere Wunde am Hinterkopf, die auf einer Beule saß, versorgte der Schiffsarzt mit einer Salbe und einem Pflaster. Danach schnitt er vorsichtig den Verband am Beinstumpf auf. Das Gebiet um die Scheuerwunden und Einschnitte war stark gerötet und angeschwollen.
„Samuel, du musst jetzt hier zaubern. Spätestens morgen Abend muss die Schwellung weg sein“, sagte Jens.
Fragend sah der Arzt die Männer an.
„Vielleicht bekommt unser einbeiniger Bandit da ein neues Beinchen vermessen und zusammengebastelt. Dafür braucht er aber die normale Stumpfform, damit das Ding dann hinterher auch wirklich richtig sitzt“, erklärte Pitt.
„Dann müsst ihr Sebi dazu bringen, dass er die ganze Zeit bis dahin liegen bleibt, das Bein hochlegt und kühlt. Für die Gehirnerschütterung ist das Liegen ohnehin angebracht. Das Tauchen war nicht gut für ihn“, erklärte der Arzt und versorgte dabei den Beinstumpf, den er zusätzlich weich abpolsterte, bevor er ihn wieder verband. „Ihr könnt ihn aber auch gern hier bei mir lassen.“
„Oh nein, Samuel!“, sagte Sebastian sofort, dagegen protestierend. „Das kommt gar nicht infrage. Hier würde ich einen Krankenzimmerkoller kriegen. Gib mir was gegen das Kopfdröhnen, dazu ein paar Kühlpacks, dann gehe ich ganz artig in meine Koje und lege das Beinchen hoch. Schwester Jensine und Pittine werden mich da ganz sicher überwachen, so wie sie hier auftreten.“ Dabei funkelte er seine beiden Freunde böse an.
Der Arzt verabreichte Sebastian noch eine entzündungshemmende Injektion und drückte ihm eine Packung Schmerztabletten in die Hand. „Sebi, mir gefällt das mit deinem Bein nicht. Der Generalstabsarzt würde mich in der Luft zerreißen, wenn er wüsste, dass ich dich so aus der Krankenstube entlasse. Nur gut, dass du hier auf einem Schiff bist und nicht weit abhauen kannst.“
„Danke Samuel, das hättest du nicht extra erwähnen müssen. Mir reicht schon aus zu wissen, dass die beiden Gorillas jetzt mit Adleraugen auf mich fixiert sind und sich daran erfreuen, mich damit quälen zu können.“
„Also Jungs, ihr habt es gehört“, sagte er dann, an seine beiden Freunde gewandt. „Geht sanft mit mir um. Ich bin ja ach so schwer verletzt.“
„Halt doch endlich die Klappe, du hustensaftschmuggelnder Simulant. Los, nun komm schon. Wir sind müde und wollen in unsere Kojen“, murrte Jens und half Sebastian von der Behandlungsliege.
In der Gemeinschaftsunterkunft angekommen, holten Pitt und Jens ihre Kopfkissen aus den Kojen und bereiteten so ihrem Freund sein Bett, damit er das Bein auf den Kissen bequem hochlegen konnte. Sie packten die Kühlpads über den Verband rings um den Beinstumpf und deckten ihn zu.
„Bekomme ich jetzt auch noch einen Gutenachtkuss von euch?“, fragte Sebastian grinsend.
„Halt bloß den Rand, du halbe Portion, ehe ich mir überlege, dich festzubinden und einen Knebel in deine große Klappe zu stecken“, zischte Pitt.
Die acht SEALs, die sich bereits an den rauen und manchmal seltsamen Umgangston der Freunde untereinander gewöhnt hatten, kicherten leise.
Jens löschte das Licht und schon kurze Zeit später zog Ruhe ein.
34
Mitten in der Nacht schrillte der Alarm durchs Schiff. Sofort waren die Männer wach und schlüpften schnell in ihre Sachen.„Sebi, du bleibst liegen“, fauchte Jens streng, als er sah, wie auch Sebastian sich fertig machen wollte. „Das ist ein Befehl. Ich will, dass du ein neues Bein bekommst, das dann auch richtig passt und dir nicht ständig nachgetragen werden muss. Also sei vernünftig.“
„Okay, aber sagt mir Bescheid, bevor wir absaufen, damit ich meinen Schwimmreifen noch aufpusten und mein Quietsche-Entchen angstvoll umgrapschen kann.“
„Das müssen wir uns erst noch überlegen“, meinte Pitt und grinste seinen Freund an. Als er den Raum verließ, zwinkerte er ihm aufmunternd zu.
„Nimm deinen Ohrhörer, er liegt neben dir auf dem Stuhl. Dann bekommst du alles vom Untergang der Titanic mit. Ich lasse meinen auf Dauerbetrieb laufen“, sagte Jens, bevor er die Tür hinter sich schloss.
Während die Matrosen auf Gefechtsstation gingen, liefen Pitt und Jens, gefolgt von den SEALs, Richtung Brücke.
„Was ist los, Sayed?“, wollte Jens wissen, kaum dass er den Brückenraum betreten hatte. Der Kapitän wirkte müde. Jens wusste, dass er eine Doppelschicht hinter sich und noch nicht geschlafen hatte.
„Wir befinden uns auf keiner Schifffahrtsstraße, trotzdem haben wir einen Kontakt“, antwortete Sayed.
„Über oder unter Wasser?“, wollte Pitt wissen.
„Über Wasser und schnell näher kommend. Drei Objekte.“
„Was sagt das Sonar vom U-Boot?“, fragte Jens kurz
„Schiffstyp nach Sonarkennung unbekannt. Geisterschiffe also.“
„Das klingt doch ganz nach unseren Freunden. Vielleicht ist es ja nur ein Zufall und sie wissen nichts von uns. Stellt auf dem U-Boot und unserem Schiff von aktivem auf passives Sonar um. Rückt eng zusammen. Löscht die Positionslichter und Radarkennung aller Schiffe im Verband, bis auf das vordere, damit es so aussieht, als würde nur ein Safarischiff vor Anker liegen. Sie haben uns sicher auch auf ihrem Radar. Aber damit könnten wir vielleicht durchkommen. Stoppt die Maschinen und bleibt in Bereitschaft“, hörte Jens Sebastians Stimme in seinem Ohr.
Sofort setzten sie den Vorschlag um. Ob sie fuhren oder auf der Stelle blieben, kam aufs Selbe heraus, wenn sie wirklich angegriffen werden sollten.
Jens griff sich das abhörsichere Satellitentelefon und wählte schnell eine Nummer. „Hier Flottillenadmiral Arend auf dem ägyptischen Marineschnellboot ‚Sinai‘“, meldete er sich. „Haben sie unsere Position auf der Satellitenüberwachung? ... Gut. Uns kommen drei Objekte schnell aus Süden entgegen. Haben sie die auch? ... Sind Sie sicher?“, fragte Jens nach und lauschte wieder in den Hörer. Dann sagte er: „Wir können uns mit der Fracht nicht leisten, sie zu verfolgen oder anzugreifen. ... Roger, Sie werden sehen, wenn es hier plötzlich hell werden sollte. Dann sind wir das und die Sache ist für diese Welt gelaufen.“ Nachdenklich schüttelte er den Kopf und trennte die Verbindung. Fragend sahen ihn die anderen an. „Laut Satellitenaufklärung kann es durchaus sein, dass es die Kerle sind. Wir bleiben in Wartestellung und hoffen, dass sie an uns vorbeiziehen“, gab Jens seine Entscheidung bekannt. „Dann kümmern sich unsere ägyptischen und amerikanischen Freunde gemeinsam darum, die gerade durch den Sueskanal herschippern. Ziehen sie nicht vorbei, müssen wir uns selbst helfen und aushalten, bis Hilfe kommt. Aber das kann dauern.“ Jens hob sein starkes Fernglas vor die Augen und suchte angestrengt das angegebene Gebiet ab. In der Ferne entdeckte er eindeutige Positionslichter von drei Wasserfahrzeugen. Von da an ließ er sie nicht einen Moment mehr aus den Augen.
Auf allen Booten des kleinen Verbandes herrschte angespannte Stille. Jeder der Männer war für den Kampf bereit, wünschte sich aber auch, dass es nicht dazu kommen möge.
Nach einer Stunde konnte die Alarmbereitschaft aufgehoben werden. Die drei unbekannten Schiffe hatten den Verband in einem großen Abstand passiert.
Der Kapitän bestand aber darauf, vorsichtshalber noch etwas zu warten, bevor sie ihre Fahrt wieder aufnahmen. Dabei beobachtete er genau die Umgebung. Er wollte sicher sein, dass nicht eins oder alle drei fremden Schiffe plötzlich kehrtmachten, um sich von hinten heranzutasten.
Es vergingen noch bange Minuten, bevor der kleine Konvoi wieder Fahrt aufnahm. Langsam löste sich bei den Männern die Anspannung etwas. Aber es war ihnen bewusst, dass sie noch einen gefährlichen Weg vor sich hatten.
„Schaut euch das an“, sagte Pitt, als er Licht machte und die Kabine gemeinsam mit den anderen betrat. „Wir stehen uns auf der Brücke die Beine in den Bauch und bekommen Stielaugen bei der Überwachung der drei Schiffe, und der Herr hier grunzt gemütlich.“
Als Sebastian nicht darauf reagierte, schaute Tim, der das Bett über ihm bezogen hatte, stutzig in das Gesicht des Freundes. „Nein, ich glaube nicht, dass Sebi schläft“, meinte er unsicher. „Mit dem stimmt etwas nicht, Jungs. Sein Kopfkissen ist klatschnass und er ist total durchgeschwitzt.“
„Wann hat Sebi sich eigentlich das letzte Mal über den Ohrhörer bei dir gemeldet?“, wollte Pitt von Jens wissen.
„Als er den Vorschlag machte, die Positionslichter zu löschen und in Wartestellung zu gehen. ... Aber jetzt, wo du fragst … Stimmt, es ist untypisch für den Kleinen, dass er nicht noch gefragt hat, was es für Schiffe waren und ob das Manöver geklappt hat.“
Gemeinsam traten die Männer ans Bett ihres Freundes.
„Der glüht wie ein Vulkan“, stellte Pitt besorgt fest, als er seine Hand auf Sebastians Stirn gelegt hatte. „Adam, lauf los, hol den Arzt aus seinem Bett und schleppe ihn her.“
Jack hatte in der Zwischenzeit ein Handtuch unters kalte Wasser gehalten und legte das feuchte Tuch zur Kühlung auf Sebastians Stirn.
In dem Moment öffnete er nur langsam und zögerlich die Augen, die ganz glasig waren. Seine Augenlider flatterten
„Sebi, was ist los? Schmerzt dein Bein? Hat es sich vielleicht entzündet?“, fragte Pitt, der sich auf den Bettrand zu seinem Freund gesetzt hatte.
Doch Sebastian antwortete nicht. Sichtlich geschwächt drehte er nur den Kopf zur Seite. Das Pflaster, das er am Hinterkopf trug, hatte sich gelöst, sein Kissen war rötlich-gelblich von Eiter und Blut gefärbt und sein kurzes Haar war davon verklebt. Die vorher unscheinbare Beule war faustgroß geworden und die kleine Wunde darauf war, von der Spannung seiner Kopfhaut, weiter eingerissen,
„Schneidet mir das Ding auf“, flüsterte er leise und kraftlos. „Ich halte die Schmerzen nicht mehr lange aus. Nun macht schon.“ Pitt und Jens schauten sich erschrocken an. Doch schnell war ihr Entschluss gefasst und sie nickten sich zu.
„Okay Jungs, macht Platz. Wir können hier nicht ewig auf den Arzt warten. Er kann ja dann weitermachen“, sagte Pitt und holte aus seinem Rucksack das Notpack und reichte es Jens. „Ich halte Sebi, du führst den Schnitt.“
Routiniert zogen sich beide Männer die steril verpackten Einweghandschuhe über. Jens nahm das ihm von Pitt gereichte Skalpell aus der Folie. Sicher hielt er es in seiner Hand. So vorbereitet nickte er Pitt zu, der sich schon auf dem Bett zurechtgesetzt und den Kopf seines Freundes seitlich auf seinem Schoß gelagert hatte. Nun hielt er den Kopf mit beiden Händen ganz fest. Jens setzte das Skalpell an und führte es vorsichtig in die Wundöffnung. Gezielt und sicher führte er die scharfe Klinge. Ein Gemisch aus Eiter und wässrigem, dunklem Blut schoss unter hohem Druck hervor. Jens legte das Skalpell zur Seite und drückte mit Mullkompressen den Rest des zuletzt dickflüssigen Eiters aus der Wunde und spülte sie danach gründlich mit Kochsalzlösung aus.
„Nähen kann das dann Samuel, wenn er der Meinung ist“, verkündete Jens nach getaner Arbeit.
„Ich hoffe, das war jetzt nicht das Gehirn von unserem Kleinen“, meinte Pitt.
„Kann nicht sein. Soweit ich weiß, hat der doch gar keins“, antwortete Jens und konzentrierte sich dabei auf das Abdecken der Wunde, die er absichtlich offen gelassen und nicht vernäht hatte.
„Da hast du auch wieder recht. Aber was ist es dann?“
„Ich weiß nicht genau, aber er hatte doch gesagt, dass er sich die Beule an dem unteren Schleusendeckel geholt hat. Da kann alles Mögliche dran gewesen sein“, meinte Jens und sammelte gerade die gebrauchten, mit dem eitrigen Wundsekret verschmierten Tupfer und Kompressen ein, als Adam mit dem Arzt ins Zimmer kam.
„Sorry, ich musste ihn erst suchen“, entschuldigte sich Adam.
Samuel eilte sofort zum Bett von Sebastian. Voller Entsetzen sah er das vollgespritzte T-Shirt von Jens, die Kompressen in seiner Hand, das verschmierte Kopfkissen und das danebenliegende Skalpell. „Was habt ihr mit ihm angestellt? Das sieht ja aus wie auf einem Schlachtfeld!“, schrie er schon fast panisch auf.
Nachdem Pitt es ihm erklärt hatte, nickte der Arzt beruhigt und bewunderte sogar noch den korrekt geführten Schnitt. „Wozu braucht ihr mich eigentlich noch, wo ihr doch ohnehin alles allein hinbekommt?“, fragte er dann.
„Weil du ihm das Antibiotikum geben musst, welches wir nicht haben. Außerdem weißt du doch, dass wir, wenn auch nicht deine Qualifikation, so doch trotzdem eine um einiges bessere Ersthelferausbildung haben als ein Otto Normalverbraucher. Also nur keine Panik, wir haben nichts kaputtgemacht, was da an dem Kerl nicht schon kaputt war. Ich will unbedingt genau wissen, was mit ihm los ist. Erst gar nichts und dann innerhalb von knapp zwei Stunden hat es Sebi so ausgeschert. Tierisches Eiweißgift von irgendeinem Meerestier kann es nicht gewesen sein, das hätte schon gleich gewirkt“, sagte Jens.
„Doch, könnte es schon sein, aber eher unwahrscheinlich. Sebis Wunde hatte sich schnell geschlossen und wir wissen alle, dass er nicht gleich was sagt. Er wird es selbst mit Essigsäure behandelt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass etwas in der Wunde zurückgeblieben ist und sich dann entzündet hat. Riecht doch mal, die Flüssigkeit stinkt richtig süßlich, faulig“, erklärte der Arzt.
„Also doch sein Gehirn“, meinte Pitt und tupfte seinem Freund den Schweiß von der Stirn. „Und das hohe Fieber, Samuel, wo kommt das so plötzlich her?“
„Pitt, ich weiß es nicht und ich habe hier an Bord auch nicht die Mittel, das herauszufinden. Aber was ich sagen kann, ist: Es deutet alles auf eine Vergiftung und einen septischen Schock hin.“
Jens empfahl den SEALs, sich hinzulegen, damit sie wieder fit sind, wenn sie gebraucht werden. Er selbst brachte seinen Freund gemeinsam mit Pitt zur Krankenstation und beide blieben bei ihm. Der Arzt konnte an der Wunde selbst nicht viel machen, da der Seegang stark zugenommen hatte. Er verabreichte ihm fiebersenkende Mittel und Antibiotika. Jens und Pitt wechselten sich dabei ab, ihren Freund den Schweiß abzutupfen und Wasser zum Trinken zu geben.
Als der Kapitän von Sebastians Gesundheitszustand erfuhr, holte er alles aus den Maschinen heraus, um den Rendezvouspunkt so schnell wie möglich zu erreichen. Er bat seinen ersten Offizier, Oberstleutnant Kebier zu wecken und ihn auf die Brücke zu begleiten.
„Mahmud, entschuldige bitte, dass ich dich wecken ließ“, sagte der Kapitän, kaum dass der Oberstleutnant noch ganz verschlafen auf der Brücke angekommen war. „Aber Korvettenkapitän Rothe geht es sehr schlecht. Er hat hohes Fieber bekommen und der Arzt vermutet einen septischen Schock. Es steht nicht gut um ihn. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit er schneller auf den Flugzeugträger kommt, wo man ihm besser helfen kann. Die ‚Giftun‘ ist nicht so schwer beladen wie wir und hat ein paar mehr PS. Sollten wir Sebastian nicht auf das Boot bringen und es fährt schon vor? Wir haben trotzdem noch das U-Boot und die anderen Boote zum Schutz“, teilte der Kapitän seine Überlegungen mit.
„Wie viel Zeit könnten wir damit für ihn gewinnen, Sayed?“
„Ein paar Stunden und wenn von Träger ein Hubschrauber entgegenkommen und ihn abholen könnte, noch gute zwei dazu.“
Mahmud Kebier überlegte kurz, dann nickte er und ließ sich eine Satellitenverbindung zum Flugzeugträger herstellen. Die normalen Funkfrequenzen mieden sie vorsichtshalber.
Nachdem er sich vorschriftsmäßig, auf Englisch, gemeldet hatte, erklärte er die Lage und unterbreitete den Vorschlag seines Kapitäns.
Eric Greenman, der Kapitän des Flugzeugträgers, gab sofort den Befehl für volle Fahrt und rief den Alarm für einen ‚SH 60F Sea Hawk‘-Hubschrauber, der schon aufs Deck gefahren werden sollte, und dessen Besatzung sowie für ein Notärzteteam, aus.
Nach dem Gespräch lief Mahmud Kebier sofort zur Krankenstation. „Jungs, verpackt Sebi schnell, stabil und wasserdicht. Wir schicken ihn auf Reisen“, sagte Mahmud, nachdem er angekommen war. Er erklärte ihnen, was er mit dem Kapitän des Flugzeugträgers abgesprochen hatte und dass die ‚Giftun‘ schon zur Übernahme längsseits ging.
„Pitt, du wirst bei unserem abgebrochenen Recken bleiben und dich um ihn kümmern. Gib den Weißkitteln alle nötigen Informationen über den Kleinen, die sie brauchen, um ihm helfen zu können“, entschied Jens, während sie ihren Freund sicher verpackten. „Wir kommen hier schon klar. In allerspätestens dreizehn Stunden werden wir auch bei euch auf dem Träger sein. Und tu mir einen Gefallen, pass auf deinen und seinen Arsch auf.“
Vorsichtig transportierten sie Sebastian aufs Deck, an die Backbordreling, wo er von der Besatzung der ‚Giftun‘ übernommen wurde. Pitt sprang hinterher. Er brachte ihn gemeinsam mit den Matrosen in eine der Kabinen. Sofort nahm die ‚Giftun’ weiter an Fahrt zu und entfernte sich rasch von dem Schiffsverband. Obwohl auch die ‚Sinai‘ mit voller Kraft fuhr, wuchs der Abstand zwischen ihnen ständig. Besorgt schauten Jens, Mahmud, der Arzt und der Kapitän dem immer kleiner werdenden Marineschnellboot nach, bis auch die Positionslichter in der Dunkelheit verschwunden waren.
Fortsetzung folgt
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