Arnos Lesefrüchte

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8. Johann Gottfried Seume: Mein Sommer 1805

Seume unternahm vom Frühjahr bis zum Herbst 1805 die zweite große Reise, über die er danach ein Buch herausbrachte. Das Werk ist in Briefform abgefasst, ohne einen Empfänger zu nennen. Zu Beginn teilt der Autor mit, es handele sich schlicht um die während der Reise gemachten Notizen. Tatsächlich lässt der Text nicht erkennen, dass redigierend stark eingegriffen worden wäre. So heißt es z.B. in dem „Brief“ aus Litauen mit dem Datum 29. April über den zuletzt zurückgelegten Abschnitt der Reise: „Alles war hier in der Mitte des Mais noch kahl und ohne Laub.“

Die bereisten Länder – das damalige Russische Reich, Schweden und Dänemark – waren zur Zeit der Klassik für das deutsche Lesepublikum nicht solche Sehnsuchtsorte wie Griechenland oder Italien. Es verwundert daher nicht, dass Seume mit dem späteren Werk den Erfolg seiner mediterranen Reisebeschreibung „Spaziergang nach Syrakus“ nicht wiederholen konnte. Dabei enthält es ebenso viel wissenswertes Material und Seume erweist sich erneut als guter Beobachter mit noblen Grundsätzen. Seine Standpunkte waren wieder: scharfe Kritik an Feudalismus und Amtskirche, ebenso an Leibeigenschaft und Sklavenhandel, Hoffen auf tiefgreifende Reformen in Staatsaufbau und -verwaltung, Hebung der allgemeinen Bildung. Daneben wirft der Spaziergänger, Wanderer und Kutschenpassagier Blicke auf Landschaften, Landbebauung, Prosperität oder Ärmlichkeit der Dörfer, auf Stadtbilder und Stätten der Hochkultur.

Zuerst gibt es für ihn ein Wiedersehen mit Dresden, das er jetzt günstiger beurteilt, und dann eines mit dem Riesengebirge, dem er ein Loblied singt. Von Breslau geht es durch Russisch-Polen nach Warschau. Hier ist Seume im Jahrzehnt davor eine Zeitlang Sekretär eines russischen Generals gewesen und erinnert sich nun an den Aufstand von 1794. Es folgen die baltischen Länder, dann das eigentliche Russland mit den Schwerpunkten St. Petersburg und Moskau. Seume sieht viel Kritikwürdiges und setzt Hoffnungen in den jungen Zaren Alexander, dessen spätere Entwicklung ihm gewiss missfallen hätte. In St. Petersburg wird er von der Mutter des Zaren empfangen und kann Schlösser und Parkanlagen ausgiebig besichtigen.

Die lange Heimreise geht über Finnland, das damals noch zwischen Schweden und Russland geteilt war, das schwedische Kernland und Kopenhagen. Manches, das Seume registriert, wird schon bald darauf nur noch historisch sein. So wird Schweden seinen Teil Finnlands 1809 nach einem weiteren Krieg an Russland abtreten. Auch vom Seehandel kann Seume nur eine Momentaufnahme liefern. Der längst laufende französisch-britische Wirtschaftskrieg wird ab 1806 in der Kontinentalsperre kulminieren. In Kopenhagen erinnert 1805 noch einiges an das erste britische Bombardement von 1801, doch beim zweiten von 1807 werden ganze Teile der Stadt zerstört werden und die Flotte, die Seume gesehen hat, wird komplett an die Briten auszuliefern sein.

Seume notiert noch manches in Kiel und auf dem Weg über Lübeck nach Hamburg. Auf die Stadt an der Elbe reagiert er spöttisch-ablehnender als auf irgendeine vorher während der Reise. (Mit ausgesprochener Sympathie ist nur das Bild Schwedens und in geringerem Maß das von Dänemark gezeichnet.) Über Lüneburg, Braunschweig, Halberstadt und Halle erreicht er ein halbes Jahr nach seinem Aufbruch wieder sein heimatliches Leipzig.

1806 erschien der Reisebericht erstmals in Buchform und wurde bald von verschiedenen Regierungen für ihre Staaten verboten. Damit reagierten sie auf Seumes kritische Haltung vielem gegenüber. Er selbst verriet an manches Stellen seines Berichts eine schon zunehmend resignative Einstellung und versuchte, ihr dann Herr zu werden.So heißt es in den Lübecker Aufzeichnungen: „Die Unmöglichkeit, etwas rein Gutes zu wirken, wie ich mir es denke, macht mich zuweilen etwas traurig, bis ich mich wieder fasse und mich mit dem Waidspruch tröste: Sei ein Mann und tue das Deinige, und überlaß das Übrige dem Schicksal.“
 

John Wein

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Seume war ja in den 1790 ger Jahre schon einmal auf dem Weg nach Russland, um sich dessen Militär anzuschließe, geriet dann aber in den Wirren des polnischen Aufstands (die polnischen Provinzen waren aufgeteilt zwischen Preussen und Russland) kurz in Gefangenschaft der Revolutionäre.
"Die beiden Abende werden lange, vielleicht immer ihr Bild in meiner Seele lassen. Der ferne und nahe Donner, der sich fürcherlich dumpf duch die Straßen brach, das Geklätter der kleinen Gewehre, der hohle Ton der Lärmtrommeln, der Todtenlaut der Sturmglocken, das Pfeifen der Kugeln, das Heulen der Hunde, das Hurrahgeschrei der Revolutionäre, das Klirren ihrer Säbel, das matte Ächzend er Sterbenden und Verwundeten, nehmen sie dieses alles, in der tiefen hellen, herrlichen Mitternacht und vollenden Sie das Gemälde nach ihrem eigenen Gefühl."..
schreibt er in "Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794". dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Krauthain Staetelen Lauer ec. aus wahrer Dankbarkeit gewidmet.
Gruß, John
 
Das darf ich noch etwas konkretisieren, John. Seume war tatsächlich einige Zeit Sekretär des russischen Generals Igelström in Warschau und als solcher selbst russischer Offizier. In dieser Funktion erlebte er den Aufstand von 1794 mit und als er 1805 wieder in Warschau war, erinnerte er sich an den Schauplätzen von früher der brenzligen Lage damals. Seume wollte 1805 in Russland auch bei Igelström, der nicht mehr aktiv war, Visite machen, wurde aber inicht vorgelassen. Außerdem bemühte er sich in diesen letzten Lebensjahren lange vergeblich um eine Rente vom Zarenhof aufgrund der geleisteten Dienste. Am Ende kam der Bewilligungsbescheid etwas zu spät - Seume war gerade gestorben (1810).

Schönes Wochenende
Arno
 
9. Johann Gottfried Seume: Mein Leben

Johann Gottfried Seume (1763 – 1810) war vieles in seinem nicht sehr langen Leben: Söldner wider Willen, Sekretär eines russischen Generals, Verlagsmitarbeiter, Hauslehrer und daneben und nicht zuletzt auch Schriftsteller. Bekannt geworden und bis heute in Erinnerung geblieben ist er vor allem durch seine Reisebeschreibung „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, 1803“. Es folgte noch „Mein Sommer 1805“ über Reiseeindrücke aus Russland und Skandinavien.

Im Jahr vor seinem Tod schrieb er an der Autobiographie „Mein Leben“, die er nicht mehr vollenden konnte. Der ca. einhundert Seiten lange Text schildert die Herkunft des Autors sowie sehr anschaulich seine Kindheit und Adoleszenz und bricht im Jahr 1783 ab. Seume war Bauernsohn, wuchs zuerst bei Weißenfels auf, dann zog die Familie in die Nähe von Leipzig, wo der Vater ein Gasthaus mit Landwirtschaft erworben hatte. Verarmt starb der Vater früh und hinterließ eine Witwe mit fünf Kindern. Johann Gottfried, der Älteste, wurde aufgrund seiner Begabung bald durch einen adligen Großgrundbesitzer protegiert, erst in Borna, dann in Leipzig untergebracht und von bewährten Lehrern unterrichtet. Hier schickte man ihn auch auf die Universität, damit er Theologe werde. Doch stand er dem herrschenden orthodoxen Luthertum zunehmend kritisch gegenüber und brach daher 1781 das Studium ab. Er machte sich zu Fuß nach Paris auf, sein Plan: die Artillerieschule in Metz zu besuchen. Jedoch wurde er bereits am dritten Tag seiner Wanderschaft von Werbern des hessischen Landgrafen aufgegriffen und wie so viele andere damals in den Soldatenstand gepresst. Es folgten für sie eine längere Wartezeit auf der Festung Ziegenhain, dann die Reise weserabwärts und an der Küste ihr Verbringen auf englische Kriegsschiffe. Der Landgraf hatte die Männer der britischen Krone für deren Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vermietet. Die Segelschiffreise nach Kanada zog sich aufgrund von Stürmen und kriegsbedingten Umwegen lange hin. Erst nach zweiundzwanzig Wochen erreichte man Halifax und blieb dort kaserniert bis zum baldigen Kriegsende. Also zurück nach Europa und Seume war 1783 immer noch einer der Zwangssöldner des Landgrafen. Es zeichnete sich ihre Übergabe ans preußische Militär ab (zu der es später tatsächlich kommen sollte). Seume desertierte in Bremen, erfolglos, wie wir wissen. Mitten in der Beschreibung seiner Flucht hört der Text auf: „Und nun -“.

Der heutige Leser erhält ein farbiges Bild der Lebensumstände am Ausgang der Barockzeit, auf dem Land und in der Stadt, im Bildungswesen, auf See, beim Militär. Wir lesen von Hungerkrisen und dem Aufschwung klassischer Bildung. Mit Erstaunen vergegenwärtigt man sich, wie groß die Rolle antiker Schriftsteller und der alten Sprachen war. Indem Seume diese uns so fremd gewordene Vergangenheit beschreibt, wird gleichzeitig auch sein Selbstbild entworfen, das eines energischen, selbstbewussten und gleichwohl auch selbstkritischen Mannes. Leicht befremdet wird man vielleicht konstatieren, dass ein so entschieden Progressiver der damaligen Zeit zugleich vom Militärischen, Soldatischen fasziniert sein konnte. Man kann dennoch Sympathie für ihn empfinden und sich vornehmen, bald auch wieder zum „Spaziergang nach Syrakus“ zu greifen.
 

Scal

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Lieber Arno,

ja, es sind "Lesefrüchte" auch insofern, weil der erzählende Stil deiner Beschreibungen sich anfühlt wie ein "ausgereifter Geschmack".
Seumes "Reise nach Syrakus" habe ich vor vielen Jahren - streckenweise, nicht alles - gelesen, nachdem ich auf einem Plakat den Seume-Satz
"Es ginge alles viel besser, wenn die Leute mehr gingen" gelesen hatte. Das erweckte meine Neugier - und "Voraussympathie".
 
Danke, Scal. Nun bin ich mit dieser Seume-Trilogie mal wieder durch und lese gerade erneut die Memoiren von Tennessee Williams: recht geschmackig.

Mit dem Seume-Zitat ist das so eine Sache. Er hatte doch schon früh einen Bänderschaden - das entnehme ich dem Reisebuch von 1805 - und konnte nach dem Gang nach Syrakus nicht mehr so viel und lange zu Fuß gehen.
 

John Wein

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Hallo Arno,
Es hat wieder Spaß gemacht mit Seume. Kommt da jetzt noch was mit Russland? Über Paul I. schreibt er z.B.: >der Kaiser hat befohlen, es sollen durchaus keine runden Hüte mehr getragen werden, außerzu der russischen Nationalkleidung; als ob man unter dem dreieckige Hute und der Zobelmütze nicht ebenso gut Jakobiner sein könnte, wie unter dem runden Hute.< Aber er hat ja auch noch eine Menge über Katharina II. in Petto.
Die Geschichte um den Landgraf, der seine Soldaten den Briten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg "vermietete". Das war in meiner Kindheit in Geschichten und Erzählungen verwoben. Man hat damals die Männer einfach eingezogen und nach Amerika verschifft. Sie fehlten dann hier in der Landwirtschaft und konnten auch keine Nachkommen zeugen.
Gruß, John
 
Da beeile ich mich, John, mit der Beantwortung deiner Frage. Ja, in meinem dicken Sammelband sind noch weitere interessante Texte von Seume enthalten, auch die von dir jetzt erwähnten. Vor langer Zeit habe ich sie auch mal gelesen. Doch es sind nicht in dem Sinne Bücher wie die von mir hier vorgestellten, eher kürzere oder mittelgroße Aufsätze bzw. Berichte. Sie geben also für den Rezensenten nicht so viel Stoff her, daher will ich die Seume-Reihe hier nicht fortsetzen.

Grüße aus Berlin
Arno
 
10. John Osborne: Ein Patriot für mich

John Osbornes Drama „A Patriot for Me“ wurde 1965 veröffentlicht, die Übertragung ins Deutsche durch Maximilian Schell folgte 1968. Die Dialoge in „Ein Patriot für mich“ entsprechen mit dem verwendeten Idiom weitgehend der Redeweise der gehobenen Gesellschaftsschichten Altösterreichs. Aufgrund dieser Dialoge und der markanten Szenen überhaupt eignet sich das Werk auch gut zur bloßen Lektüre. Bereits die Ouvertüre ist sehr kraftvoll: Redl, die Hauptfigur des Stücks, trifft sich als Sekundant mit Siczynski, einem anderen jungen Offizier, unmittelbar vor dessen Duell. Sie, die sich bisher nicht nahe gekommen sind, deuten noch an, was sie verbinden könnte. Am Ende der kurzen Szene ist der Herausforderer Siczynski tot.

Redls Aufstieg aus kleinen Verhältnissen bis an die Spitze der Spionageabwehr und in den Generalstab ist unaufhaltsam, dank hoher Begabung, großem Fleiß und wohl fehlendem Privatleben. Doch Letzteres scheint nur so: Redl ist homosexuell, hat junge Geliebte und immense Ausgaben, daher auch Schulden. Das Stück umreißt diesen Lebenslauf mit knappem, energischem Zugriff und blendet die Brüche und Verletzungen nicht aus. Am Ende wird Oberst Redl am Vorabend des Ersten Weltkriegs zu einer tragischen Schurkenfigur auf der großen Bühne der Weltpolitik. Er beliefert die feindlichen Mächte Russland, Frankreich und Italien mit streng geheimem Material über Österreich-Ungarns Vorbereitungen auf den erwarteten Krieg und schwächt so dessen Position beträchtlich. Als er 1913 enttarnt wird, verlangt die Militärführung, um Vertuschung bemüht, von ihm den Suizid. Redl kommt dem innerhalb von Stunden nach.

Als Gestalt der Weltgeschichte ist Oberst Redl rasch unsterblich geworden. Seine Biographie wurde Vorlage für fünf Filme und ebenso für Osbornes Theaterstück. Historiker haben sich bis in unsere Gegenwart immer wieder mit dem Fall beschäftigt. Auch Belletristik und Journalistik haben sich seiner angenommen, u.a. gibt es von Stefan Zweig und Egon Erwin Kisch Texte über ihn.

Osbornes Drama ist in jeder Szene sehr pointiert, auch als Ganzes wie geschaffen für mitreißende Theaterinszenierungen. Es verwundert daher zunächst, dass das Stück seit längerem nur noch selten auf den Spielplänen zu finden ist. Schreckt die große Zahl benötigter Schauspieler die Theatermacher ab? Ist es heute, in einer Zeit wiederauflebender Kriegsfurcht, vielleicht zu aktuell? Die Gründe für die Enthaltsamkeit mögen auch im Verhältnis von historischer Wahrheit zu im Stück enthaltener Fiktion liegen. In den Jahrzehnten nach Osbornes Bearbeitung des Stoffs sind die generationelang in Wien wie in Moskau zurückgehaltenen Archivakten den Historikern erstmals zugänglich gemacht worden. Da zeigte sich, wie allzu frei die Autoren bis dahin mit der Materie umgegangen waren.

In Osbornes Drama ist die Kausalkette des Kriminalfalls wie bei den meisten anderen Verfassern so beschaffen: Aufstieg Redls an die Spitze aufgrund von Verdiensten – seine Erpresssung durch den russischen Geheimdienst wegen Homosexualität – für ihn lukrativer Geheimnisverrat – Enttarnung und Suizid. Diese Kette ist inzwischen gerissen. Die Historikerzunft ist sich heute einig, dass es gar keine Erpressung gegeben hat. Vielmehr scheint Redl selbst die Initiative ergriffen zu haben, um seinen luxuriösen Lebensstil zu finanzieren. Damit stehen eine Reihe von Osbornes Schlüsselszenen im Widerspruch zum wahrscheinlichen realen Ablauf, und Redl ist als historische Figur zu bekannt, als dass man darüber leicht hinwegsehen könnte, auch nicht bei einem Kunstwerk. Dennoch ist die Lektüre des Dramas, wie eingangs schon festgestellt, nach wie vor lohnend und zu empfehlen: so viele verschiedene Charaktere, hervorragend gezeichnet, Szenen voll Saft und Kraft, die dem Leser unvergesslich bleiben können …
 

John Wein

Mitglied
Hallo Arno,
Es hat ein bisschen gedauert mit meinen LL Aktivitäten, ich bin z.Z. wie unser aller Otti "In Kur"; allerdings am schönen Bodensee und dort scheint die Sonne von einem gnadenlos stahlblauen Himmel. Hitze und Sport in der Halle, das sind sich fast ausschließende Bedingungen. Und der See, na ja, er hat sich weit zurückgezogen und verlangt tiefere Zonen zum Schwimmen.
Nun gut, hier mein Kommentar:
Vor sehr langer Zeit habe ich den Film gesehen. Im Theaterstück wird Redl nicht einfach als stereotyper Verräter oder reines Opfer dargestellt, sondern als zutiefst widersprüchlicher, ambivalenter Mensch in einer dekadenten Epoche vor dem Untergang. Vielleicht stehen wir heuter wieder vor so einem Umbruch. Die gesellschaftliche Dekadenz erklimmt ja inzwischen neue Höchststände. Vielleicht schreibst du mal ein solches Stück und wirst reich.
Ich denke, Osborne ging es hier nicht um die penible Aufdeckung eines Falles, sondern um das Porträt einer verlogenen Gesellschaft, die ihre Außenseiter in den Ruin treibt. Ein großartiges Drama muss kein korrektes Geschichtsbuch sein und wer nackte Fakten sucht,kann ja googeln.
Wer aber die emotionale Wucht und die moralische Dekadenz des späten Habsburgerreiches hautnah spüren will, der muss das Buch lesen, Osborne liefert keine Dokumentation, sondern ein Psychogramm. Die „Erpressung“ ist das dramaturgische Sinnbild für den gesellschaftlichen Druck, unter dem Homosexuelle damals standen.
Grüße vom See,
John
 
Danke, John, für deine intensive Beschäftigung mit der Thematik. Ich teile deine Ansichten überwiegend, nur in dem einen Punkt nicht, den ich oben schon angesprochen habe. Im Fall von realen Figuren aus Geschichte oder Zeitgeschichte (solchen von erheblicher Bedeutung) sollte die Motivation der Handlungen der Akteure nicht im Widerspruch zum allgemein verfügbaren Wissen über die Sachverhalte stehen. Ich weiß, Kleist hat es mit Kohlhaas auch so gemacht und in seiner Novelle den geschichtlichen Hintergrund falsch dargestellt, indem er den damaligen Kurfürstensitz nach Dresden verlegt und die Teilung Sachsens (1485) einfach unterschlagen hat. In mir löst so etwas dann die Frage aus: Welche Motivation hatte der Autor dafür?

Im vorliegenden Fall ist Osborne jedoch einfach nur der Überlieferung gefolgt. Dass er die bis dahin allgemein angenommene Erpressung Redls sehr effektvoll eingebaut hat, ist also nicht einmal eine Sache poetischer Freiheit. Im Gegenteil, Osborne konnte annehmen, die Historie getreulich auszumalen.

Grüße aus einer abgedunkelten Wohnung
Arno
 
11. Tennessee Williams: Memoiren

Auch unabhängig vom Autor Tennessee Williams und dessen Biographie sind die „Memoiren“ bereits lesenswert: Sie bilden das kulturelle Leben im ersten Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe in seiner ganzen Breite ab. Dabei liegt das Schwergewicht unvermeidlich auf den USA, wenn auch mit häufigen Seitenblicken Richtung Europa. Unübersehbar erscheint die lange Reihe von erwähnten Personen und Werken, von bewohnten oder bereisten Orten und von geschilderten Ereignissen. Das umfangreiche Register tut beim Nachschlagen gute Dienste.

Als der 1911 geborene Tennessee Williams 1972 mit der Niederschrift seiner Erinnerungen begann, hatte er schon ein Jahrzehnt schwerster Krise hinter sich: Tod des langjährigen Lebenspartners, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Nachlassen der Kreativität und des öffentlichen Interesses an seinem Werk insgesamt. 1969 war der Autor längere Zeit in St. Louis in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht gewesen, zeitweise sogar in der geschlossenen Abteilung. Dieser Aufenthalt wird wie so vieles andere detailliert und sehr offen geschildert, gelegentlich auch mit schwarzem Humor. Es ist überhaupt viel von eigenen Krankheiten wie von denen anderer und den damit verbundenen Komplikationen die Rede. Das reicht bei ihm bis hin zu schwerer Hundebissverletzung oder Operation einer Gynäkomastie.

Die Arbeit an diesem Buch zog sich bis 1975 hin. Da der verfasste Text selbst häufig die Zeitebene wechselt, haben wir es nicht nur mit dem Williams der Zwanziger- bis Sechzigerjahre zu tun, sondern auch mit dem gealterten Schriftsteller, der sich mit enormem Einsatz bemühte, an die Zeit seiner großen Erfolge von der Mitte der Vierziger bis zum Ende der Fünfziger anzuknüpfen. Er trat nun selbst in Inszenierungen seiner Stücke auf, veranstaltete im Anschluss eine Diskussion oder Lesung und verhandelte immer wieder mit Theatermachern über neue Projekte. Gleichwohl scheint der Wiederaufstieg nicht wirklich gelungen zu sein. Vermehrtes Interesse an Leben und Werk von Tennessee Williams kam erst in den Jahrzehnten nach seinem Tod wieder auf. Der Autor starb 1983, es dürfte sich um einen Unfall bei der Einnahme eines Barbiturats gehandelt haben.

Williams stellt wiederholt klar, dass in seinem Lebenlauf die schriftstellerische Arbeit stets an erster Stelle gestanden hat. Oft flicht er kleine Exkurse über einzelne seiner Werke ein, von denen er „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ selbst am meisten geschätzt hat. Seine Motivation beim Schreiben formuliert er so: „Mein Ziel ist, auf irgendeine Weise das sich einem immer wieder entziehende ‚Eigentliche‘ des Daseins in den Griff zu kriegen.“

Seine Stücke basieren auf ins Dramatische umgesetzten Psychogrammen der Figuren. In den Memoiren verfährt er ähnlich bei der Darstellung der vielen Menschen, die ihn eine kürzere oder längere Zeit auf dem Lebensweg begleitet und beeinflusst haben. Dazu gehören neben seiner Mutter vor allem die Schwester Rose, die ihrerseits den größten Teil ihres Lebens in psychiatrischen Anstalten verbracht hat, zudem Opfer einer bedenkenlos ins Werk gesetzten Lobotomie gewesen ist. Unter den sehr vielen Liebschaften ragt gewiss Frank Merlo hervor, Williams’ Lebenspartner für etwa fünfzehn Jahre. Merlos letzte Krankheit (Lungenkrebs) und sein Sterben werden breit und erschütternd abgehandelt.

An manchen Stellen – sie sind selten - wird die politische Einstellung des Autors deutlich. Er formuliert z.B.: „ … was ich mir wünsche, ist eine neue Gesellschaftsordnung. Ich denke dabei nicht etwa an den Kommunismus, sondern an eine Art aufgeklärten Sozialismus.“ Oder über die USA: „ … einer Nation …, die, damals wie heute, von einer verhältnismäßig winzigen Clique beherrscht wird, welche sich auf die Spitze des Totempfahles etabliert hat und sich davor fürchtet, schwindlig zu werden, falls sie einen Blick nach unten wirft.“ Williams erwähnt ferner die fürchterlichen Zustände auf Kuba vor Castro, den er einmal nach dessen Machtübernahme besucht hat. Selbstverständlich fehlt im Buch auch nicht gelegentlich eingestreute Kritk am laufenden Vietnamkrieg.

Das in mehrfacher Hinsicht gewichtige Werk schließt mit Betrachtungen zum Tod und dessen Bedeutung sowie über einen angemessenen Umgang mit der Endlichkeit individueller Existenz.

(Zitate nach der Übersetzung von Kai Molvig)
 

Anders Tell

Mitglied
Ich erinnere mich an grandios inszenierte Stücke von Tennessee Williams: "Endstation Sehnsucht" und ,,Die Glasmenagerie". Er hat auch eindrucksvolle Kurzgeschichten geschrieben. Manche werden nicht jedem Leser zugänglich sein. Wie zum Beispiel "The killer chicken and the toilet queen".
Ich finde, dass er einen eigenständigen und unverwechselbaren Stil entwickelt hat. Die gebrochenen Charaktere seiner Dramen könnte er wohl aus eigenem Erleben erschaffen.
 
Ja, Anders Tell, die autobiographischen Nusskerne kann man hier und da ohne viel Mühe erkennen, z.B. bei Figuren, die an die Schwester Rose erinnern. Inzwischen sind seine besten Stücke längst klassisches 20. Jahrhundert geworden. Es fällt daher zunächst schwer, sich in Williams` kritische Situation um 1970 hineinzuversetzen. Wie konnte ein so erfolgreicher Bühnenautor vorübergehnd so absteigen? Es war wohl begründet in einer Mischung aus neuem Zeitgeist und persönlicher Verletzlichkeit.

Zzt. lese ich wieder einmal "Endstation Sehnsucht" und habe mir vorige Woche auch erneut die erste Verfilmung von 1951 angesehen. Wie springlebendig das geblieben ist ...
 

Anders Tell

Mitglied
Der Film ist ein Juwel. Marlon Brando und die Regie von Elia Kazan. Bessere kann man kaum finden. In Deutschland wurde das Theaterstück zunächst begeistert aufgenommen, aber bald regte sich die Kritik. Schön die Übersetzung des Titels löste Kontroversen aus. Die gesamte Übersetzung war in vier Wochen entstanden und nicht immer wird hier die amerikanische Besonderheit transportiert. Man kreidete Williams auch an, dass er keine Stellung einnimmt, sondern nur beobachtet. Williams sagte dazu, dass auch das Leben viele Fragen offen lässt.
Über Williams Absturz weiß ich gar nicht so viel. Kannst Du mich da ins Bild setzen, lieber Arno?
 
Nun, lieber Anders, ein wenig ist die Malaise seiner letzten gut zwanzig Jahre ja schon in meiner Rezension oben angedeutet. In seinem Buch selbst breitet Williams sie ohne Rücksicht auf sich selbst aus. Ich fasse mal zusammen: Schon in den 50ern stand er sehr unter dem Druck, weiter seinen früheren Erfolgsdramen ebenbürtige Stücke zu verfassen. Die enorme Produktivität ließ sich nur mit hohem Konsum von Genussmitteln aufrechterhalten. Sein damaliger Lebensgefährte und Sekretär Merlo hat ihn lange stabilisiert. Nach dessen Tod ging es steil bergab, jetzt auch mit Medikamentenmissbrauch, Aufenthalt in psychiatrischen Einrichtungen usw. Außerdem war er als Autor ziemlich aus der Mode gekommen. Während der Abfassung der Memoiren stand er, um die Besucherzahlen zu erhöhen und vorzeitiges Absetzen zu verhindern, häufig selbst in eigenen Stücken auf der Bühne. Dabei ergaben sich manchmal peinliche Situationen ("Schmisse" u.a.). Es dürfte nach Erscheinen des Buches 1975 so ähnlich weitergegangen sein. Williams starb 1983 nachts in dem New Yorker Hotel, in dem er damals dauernd wohnte, auf makabre Weise: Ein kleiner Plastiverschluss, mit dem er vermutlich ein Barbiturat dosiert hatte, blieb ihm im Hals stecken und er erstickte.

Aus deinen Bemerkungen zu "Endstation Sehnsucht" entnehme ich, dass du gut über die Problematik dieser Übersetzung Bescheid weißt. Ja, es wird tatsächlich sogar über den Titel gemosert. "Sehnsucht" sei nicht passend, zu ätherisch. "Verlangen" oder "Begierde" sei eher gemeint. Allerdings hat die Blanche des Stücks eben zwei Seiten. Vielleicht gibt es im Deutschen keinen Begriff, der beide so gut umreißt wie "desire" im Englischen. - Dass Williams scharfer Beobachter ist und keine Tendenz verfolgt, das zeigt mir gerade, welch hohen Rang er einnimmt.
 
Nachtrag 1: Eine Schlüsselstelle findet sich im 3. Akt, 3. Szene. Mich (Figur im Stück) will Blanche wegen ihres lockeren Lebenswandels doch nicht heiraten. Sie rechtfertigt sich damit, sie sei zu oft und zu intensiv mit Zerfall und Sterben konfrontiert gewesen. Dann Blanche: "Der Tod! Sein Gegenteil ist die Sehnsucht, die Lebensgier!" (alte Übersetzung von Berthold Viertel)

Nachtrag 2: Williams kokettiert schon im Vorwort der "Memoiren" mit seiner üblen Lage. Motiv für das Abfassen seien anfangs "finanzielle Gründe" gewesen. Und: "Es ist die erste Arbeit - soweit es ums Schreiben geht -, die ich um des Geldes willen tue." Im Vorwort berichtet er auch, wie er eine desaströs verlaufende Veranstaltung vor Studenten der Theaterwissenschaft an der Yale-Univerität mit einem Zitat des ihm befreundeten Autors Gore Vidal zu wenden versuchte. Er hatte Vidal zufällig getroffen und ihm von günstigen Perspektiven für die nächste Premiere berichtet. Darauf Vidal: "Nun, Bird, das wird Ihnen nicht viel helfen, fürchte ich. Ihr Ruf ist in jeder Beziehung zu schlecht, als dass irgend etwas Ihnen noch viel helfen könnte." (Übersetzung: Kai Molvig). Von Visconti, mit dem er gut bekannt war und mit dem er zeitweise zusammenarbeitete ("Senso"), wurde Williams manchmal liebevoll ironisch "Blanche" genannt.
 

Anders Tell

Mitglied
Ich werde versuchen, das Buch zu bekommen. Du hast mich neugierig gemacht. Noch eine Randbemerkung zu Lobotomien: Einer Schwester von Hemingway wurde diese Behandlung auch angetan, ebenso wie einer der Kennedytöchter. Man muss wohl wirklich geglaubt haben, diese Tortur könnte helfen.
 



 
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