aufbruch

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Mimi

Mitglied
das licht - gebannt im augenblick der wandlung
es reißt am kleid der dunkelheit
gefangen zwischen wimpernschlag der sekunden
entblößt die schönheit junger zeit
wie finger gleitet es durch einen vorhang

umgarnt ihn hebt sich aus dichter verborgenheit
und streckt sich hell dem himmel entgegen
verschlingt ihn zeigt sein leuchtendes gesicht
das licht - bricht sich in schönsten farben
erstarrt für einen augenblick
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Mimi,

für mich ist das eine sehr gelungene, lyrische Beschreibung des Sonnenaufgangs.

Liebe Grüße
Manfred
 

Scal

Mitglied
Auf die großmächtig-zarten morgendlichen Geschehnisse auf diese Weise hinzudeuten, empfinde ich als "bemerkenswert", ... denke, dachte ich.

Jemandes Aufmerksamkeit ist aufgebrochen; ihr "Bescheinen", ihr Aufmerksamkeitslicht wandte sich einem Aufbruchsgeschehen zu, sogleich in Umbrüche "einmundend", ... denke, dachte ich. (gebannt im augenblick der wandlung).

Dichterische Versuche sind zugleich Schilderungen von Aufbruchsgeschehnissen, Berichte von jemandem, der (die) sich auf den Weg gemacht hat, der (die) mit ihrem (seinem) Aufmerksamkeitslicht auf Widerstände stößt: auf Bedeutungen, auf den Gefühlshof der Worte, ihren Klang, auf den Kontext der Intention, auf die jeweiligen Verfügbarkeiten (reißt am Kleid der dunkelheit/ gefangen zwischen wimpernschlag der sekunden), ... denke, dachte ich.

Das Aufmerksamkeitslicht, ... denke, dachte ich ... ist die schönheit junger zeit. Gibts da einen Zusammenklang, einen Einklang mit dem Morgenlicht? (Paradoxie: ist das Denken "anwesend", schon ohne einen bestimmten, geformten Gedanken, gewissermaßen als entblößtes Da-Sein?)
Und ich erinnerte mich zudem an Geburten, die ich miterlebte, veranlasst durch die schlichtschönen Worte entblößt/ die schönheit junger zeit ( ) und streckt sich hell dem himmel entgegen.

Aufbruchsgeschehnisse, Vorgänge: der helle Finger gleitet durch einen Vorhang, umgarnt ihn, verschlingt den himmel, zeigt sich selbst als leuchtendes Gesicht und dieses bricht in schönsten Farben - und erstarrt für einen Augenblick. Ich versuche, bemühe mich, die Phänomene morgendlicher Begebenheiten - Erinnerungsschauungen - in einen Einklang mit dem Gesagten zu bringen.

Dieses Gedicht ist wie ein Malversuch, denke, dachte ich, Pinselstriche, die eine Auseinandersetzung zwischen licht und dichter verborgenheit kundtun. Wäre es mein Gedicht, denke, dachte ich, ich wäre noch unzufrieden damit, ich würde, einem Drang folgend, aufbrechen, würde auf manchen Pinselstrich verzichten wollen; vielleicht genügten sogar wenige Striche, zen-armosphärische, des "Gefühlshofes" wegen, denke, dachte ich - ohne freilich zu wissen, ob mir das letztlich zufriedenstellend gelänge.

Freundlichen Gruß
Scal
 

Mimi

Mitglied
Vielen Dank für Deine doch recht interessanten Ausführungen zu meinem Gedicht.
Als notorische Frühaufsteherin, habe ich oft Gelegenheit, dieses schöne Schauspiel zu beobachten...

Der Gebrauch von sprachlichen Bildern in der Lyrik erlaubt es dem Autor, poetische Bildsprache in einer Form auszudrücken, welche die "bloße Wortsprache" in ihrer Art und Weise nicht so präzise erfassen könnte...

oder um es etwas philosophischer ( oder verständlicher?) auszudrücken:
Das Gedicht ist eine Strukturierung des eigenen Kosmos eines Bedeutungsuniversums durch Metaphern...
ein Jonglieren mit fließenden Bildern... flüchtig immer im Wandel .

(Paradoxie: ist das Denken "anwesend", schon ohne einen bestimmten, geformten Gedanken, gewissermaßen als entblößtes Da-Sein?)
diese Paradoxie ist mit der Begründungskapazität des "eigenen Bewusstseins" von sich selbst verbunden.

Die Welt ist nach oben bekanntlich offen...
Das öffnet viele Fragen...
Führt das bloße Denken zur absoluten Selbstgewissheit des Subjekts?
Gibt es einen weiteren Bereich des Seins , sozusagen einen nicht-vorstellbaren Über-Bereich über diesem?

Grüße
Mimi
 


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