Aufzählreime

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Walther

Mitglied
Aufzählreime


Die Liebe, der Sex und die Leiche, das Geld:
So dreht sich um immer das Gleiche die Welt.
Sie dreht sich und dreht sich – es nimmt gar kein Ende,
Die Welt um die Sonne – und nichts geht behände.

Das Bruddeln, das Streiten, die Wut und der Zorn:
Das Hassen ist Lust, voller Glut und verworrn.
Verworren geschrien – als ob sich dies lohnte,
Das dauernde Keifen – das keinen verschonte.

Das Hadern, das Morden, das Neiden und Stehlen:
So rast durch die Zeiten ein Leiden und Quälen.
Sie dreht sich und dreht sich – ach ging es zu Ende -
Die Welt um die Sonne – ach wär eine Wende.
 

Mondnein

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Die Liebe, der Sex und die Leiche, das Geld:
Beginnt wie ein abstract von irgendeinem Tatort. Und dann bleibt nur noch die Klage, in der das Übel sauber aufgereiht, aufgelistet, versifiziert wird. Keine Auflösung des Verbrechens wie im Tatort, sondern ein fortlaufender Hymnus über das Verbrechen: Die Welt ist schlecht.
Im Leben (wie auch im Tatort - das sagte ich schon) ist es anders: Da formieren sich Gegenkräfte, Richtungswechsel des Pendels, im Kleinen wie im Großen, in der engen Situation wie in historischen Ausmaßen, kein Gesetz kann die Handlungen und Entwicklungen im Verbrechen festhalten, Freiheit bräche solche "Gesetze" spontan und schöpferisch durch. Was soll also dieses Gejammer? dachte ich, fand dann aber die erste Zeile des Lieds wieder: Liebe und Sex sind doch schon die Bewegungsrichtungen, die dem Verbrechen entgegenlaufen. (Oder hältst Du Sex für ein Verbrechen?)
 

Walther

Mitglied
lb Mondnein,

das ist ein ins gegenteil verkehrter abzählreim - den man nicht ernst nehmen sollte. die übertreibung und der singsang sollte eigentlich darauf hinweisen, daß der autor nicht unbedingt der dargelegten ansicht ist.

man kann klagen, das kann auch durchaus abendfüllend und lebenslang eine beschäftigung sein - allerdings verliert wenigstens die umwelt nach einer gewissen zeit den spaß an der sache. die depression hat eben in der übertreibung auch den nebeneffekt, daß es auf die dauer einer gewissen lächerlichkeit nicht entbehrt, alles schwarz (an) zu malen.

danke für deine freundlichen hinweise. ab der sonntägliche Tatort tatsächlich ein positives welt- und gesellschaftsbild malt, wage ich allerdings zu bezweifeln. vielmehr denke ich, daß man danach eher seine hoffnung los ist.

lg w.
 

Walther

Mitglied
hi Mondnein,

danke für kommentieren. in der tat ist dieser umgekehrte aufzählreim so etwas wie eine karikatur der dauernörgler. kurz: die welt ist schlecht, und das ist gut so, weil es eine bessere nicht gibt, es sei denn, wir machen das einfach mal! :)

lg w.
 

Rudolph

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Lieber Walther,

die korrekte Einhaltung von Versmaß und Sprachmelodie haben dich veranlasst, einigen Formulierungen zu verwenden, gegen die sich aber mein Sprachempfinden sträubt.
Ich versuche, deinen Text zu analysieren und Änderungsvorschläge zu unterbreiten.

Die Liebe, der Sex und die Leiche, das Geld:
So dreht sich um immer das Gleiche die Welt.
Sie dreht sich und dreht sich – es nimmt gar kein Ende,
Die Welt um die Sonne – und nichts geht behände.
Das So im zweiten Vers impliziert, dass vorher gesagt wird, auf welche Weise etwas geschieht, wie in „Recht und billig, so soll es sein.“ Das Gedicht lebt von den Aufzählungen im Nominativ. Somit lässt sich am ersten Vers nicht leicht etwas ändern, also solltest du den zweiten Vers etwas umbauen.

Das Sie im dritten Vers bezieht sich klarerweise auf die vorher genannte Welt. Denke ich mir die Einschübe nach den Gedankenstrichen einmal weg, erhalte ich den Satz: „Sie dreht sich und dreht sich die Welt um die Sonne.“ Klingt komisch. Das Problem ist leicht zu lösen, wenn man das Sie durch Es ersetzt.

Verworren geschrien – als ob sich dies lohnte,
Das dauernde Keifen – das keinen verschonte.
In „als ob sich dies lohnte“ ist lohnte der Konjunktiv in der Bedeutung von „als ob sich das lohnen würde“.
Im nächsten Vers gibt der Konjunktiv keinen Sinn: „– das keinen verschonen würde“? Es verschont ja keinen. Auch als Imperfekt passt es nicht so richtig. Eigentlich müsste dort das Präsens stehen, was aber wegen Reim und Metrik nicht geht. Mein Änderungsvorschlag (Mit dem noch macht das Imperfekt jetzt Sinn.):

Verworren geschrien – als ob sich das lohnte,
[blue]Der[/blue] dauernde [blue]Zank[/blue] – [blue]der noch[/blue] keinen verschonte.

Das Hadern, das Morden, das Neiden und Stehlen:
So rast durch die Zeiten ein Leiden und Quälen.
Sie dreht sich und dreht sich – ach ging es zu Ende -
Die Welt um die Sonne – ach wär eine Wende.
Auch hier würde ich das So im zweiten Vers durch eine Umstellung beseitigen. Das Sie im dritten Vers hängt überhaupt in der Luft. Auch hier hilft der Ersatz mit Es, die Welt kommt dann im vierten Vers nach.

„ach wär eine Wende.“ Ist für mich keine sinnvolle Form. Vielleicht einfach: „das wär eine Wende“.

Und hier der ganze Text mit meinen Änderungsvorschlägen:

Die Liebe, der Sex und die Leiche, das Geld:
[blue]Um immer das Gleiche dreht sich doch[/blue] die Welt.
[blue]Es[/blue] dreht sich und dreht sich – es nimmt gar kein Ende,
Die Welt um die Sonne – und nichts geht behände.

Das Bruddeln, das Streiten, die Wut und der Zorn:
Das Hassen ist Lust, voller Glut und verworrn.
Verworren geschrien – als ob sich dies lohnte,
[blue]Der[/blue] dauernde [blue]Zank[/blue] – [blue]der noch[/blue] keinen verschonte.

Das Hadern, das Morden, das Neiden und Stehlen:
[blue]Und quer durch die Zeit rasen[/blue] Leiden und Quälen.
[blue]Es[/blue] dreht sich und dreht sich – ach ging es zu Ende -
Die Welt um die Sonne – [blue]das[/blue] wär eine Wende.

MfG Rudolph
 

Walther

Mitglied
Hallo lb. Rudolph,

danke für deine lange betrachtung meines spaßamphibrachys. du hast dir in der tat viel mühe gemacht, diesen text im detail zu verbessern. leider gehen deine überlegungen nicht in die richtige richtung. für die form des texts und den sprachfluß gibt es durchaus handfeste gründe.

so ist zum einen s3 ein verzerrter und verfremdeter spiegel von s1. damit das in bild und diktion klar wird, sind beide strophen bis in die konstruktion und der melodie der verse identisch - nur eben nicht im inhalt. hier gibt es die variation. wenn du das gedicht unter diesem gesichtspunkt nachliest, wirst du verstehen, warum ich deine vorschläge verwerfen muß. auch dem hinweis, die strukturen seien metrumsgeschuldet, muß ich daher begründet widersprechen.

zum anderen: auch deine änderung in s2 bringt keine besserung, weil sie wieder die architektur des verses auflöst, die fein austariert folgendes silbenbild hat: xXxxXx / xXxxX(x). der autor weiß also genau, was er tut. es steckt system hinter sprachmelodie, versmaß und aussage. das spiegel- oder auch zwei-seiten-prinzig der verstaktung hat seinen widerpart in inhalt, aussage und der strophenarchitektur.

dichten ist nicht einfach. man sollte sich manchmal im text treiben lassen, um auszuloten, was der autor wohl gewollt haben könnte. dazu bedarf es der zeit und der bereitschaft, zuzuhören. dieses gedicht sieht nur aus, als sei es so dahingeworfen. es ist ein spaß, der kein spaß ist, und zwar ins letzte wort und den platz, an dem es steht.

lg w.
 

Rudolph

Mitglied
Hallo Walther!
leider gehen deine überlegungen nicht in die richtige richtung. für die form des texts und den sprachfluß gibt es durchaus handfeste gründe.
Du kannst mir glauben, dass auch ich für meine Änderungsvorschläge handfeste Gründe habe, die ich ja auch genannt habe.
so ist zum einen s3 ein verzerrter und verfremdeter spiegel von s1. damit das in bild und diktion klar wird, sind beide strophen bis in die konstruktion und der melodie der verse identisch - nur eben nicht im inhalt.
Ich denke, dass das in meiner Version noch immer so ist. Ich habe nur minimale Änderungen durchgeführt und war natürlich bestrebt, die ursprüngliche Konstruktion möglichtst wenig zu beeinflussen.
auch dem hinweis, die strukturen seien metrumsgeschuldet, muß ich daher begründet widersprechen.
Da hast du mich möglicherweise falsch verstanden. Die Einhaltung der Sprachmelodie hat es dir an manchen Stellen nicht gestattet, einen besser geeigneten Ausdruck zu verwenden. Ich habe versucht, das zu beheben, ohne die Sprachmelodie zu zerstören.
auch deine änderung in s2 bringt keine besserung, weil sie wieder die architektur des verses auflöst, die fein austariert folgendes silbenbild hat: xXxxXx / xXxxX(x). der autor weiß also genau, was er tut.
Notgedrungenerweise ist in meiner Version eine unbetonte Silbe von der linken Seite des Bindestrichs auf die rechte gewandert: xXxxX / xxXxxXx. Das ändert mE nichts an der Sprachmelodie, dafür ermöglicht es einen passenderen Ausdruck. Auch ich habe mir genau überlegt, was ich tue.
dichten ist nicht einfach. man sollte sich manchmal im text treiben lassen, um auszuloten, was der autor wohl gewollt haben könnte. dazu bedarf es der zeit und der bereitschaft, zuzuhören.
Lass bitte den Zeigefinger unten. Du darfst nicht glauben, dass ich zu den ganz Ahnungslosen gehöre.

Vielleicht noch kurz zum Inhalt:
Um welche Dinge es sich in der Welt dreht und immer schon gedreht hat, ist, wie der Umlauf der Erde um die Sonne, ein alter Hut. Die Mittel, die dazu dienen, ihrer habhaft zu werden, sind nicht die feinsten und verursachen Leid und Qualen.
Der abschließende Gedanke ist ein Was-wäre-wenn-Spiel: Wenn sich nicht mehr alles um diese Dinge dreht, stünde dann vielleicht auch die Erde still? Jedenfalls wäre das etwas Neues. Das gefällt mir sehr gut.

MfG Rudolph
 

Walther

Mitglied
moin Rudolph,

das
Rudolph schrieb: Lass bitte den Zeigefinger unten. Du darfst nicht glauben, dass ich zu den ganz Ahnungslosen gehöre.
schrieb ich nicht, meinte es nicht. nicht einmal angedeutet habe ich es. niemand ist ahnungslos, allenfalls auf dem falschen dampfer. und auch das ist ansichtssache, welcher dampfer der falsche ist.

wir haben hier einen klassischen dissens. ich werde meine struktur für eine "marginale" verbesserung nicht aufgeben, weil sie für mich wesentlich ist. was heißt, daß verbesserungen sich im rahmen der inneren und äußeren architektur abspielen müssen. zu diesen bin ich bereit. damit habe ich die berechtigung der überlegungen deinerseits, die ich sehr studiert habe, sonst hätte ich ja nicht antworten können, gar nicht abgestritten. ich mache meine "kompromisse" zwischen ausdruck, form und inhalt nur anders, weil meine prioritäten andere sind. du setzt, mit aus deiner sicht begündeten sachverhalten, andere schwerpunkte.

in der tat würde es jeden von uns freuen, wenn diese welt geändert werden könnte - da wir ein teil von ihr sind, weist damit talmudisch das gedicht auf die verursacher, die hier die sind, die anklagen.

danke für deine freundliche schlußsentenz. auf sie können wir uns ja einigen. :)

lg w.
 

Rudolph

Mitglied
Lieber Walther,
ich mache meine "kompromisse" zwischen ausdruck, form und inhalt nur anders
Das ist dein gutes Recht. Ich habe meine Variante der deinen gegenübergestellt. Ich habe dich nicht aufgefordert, etwas zu ändern, und niemand zwingt dich dazu.
danke für deine freundliche schlußsentenz. auf sie können wir uns ja einigen.
Das freut mich. :)

MfG Rudolph
 

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