Augen zu

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M.B.Senna

Mitglied
Wenn ich meine Augen schließe,
schwebe ich wieder über den Tanzboden.
Meine Beine so schlank und muskulös,
mein Körper durchtrainiert und fit.
Ich drehe Pirouetten,
das Publikum ist begeistert und applaudiert.
Wenn ich nach einer Vorstellung
kaum mehr gehen kann,
weil meine Zehen bluten und blau sind,
hab ich mich noch nie lebendiger gefühlt.

Wenn ich meine Augen schließe,
klettere ich wieder die Leiter
zu meinem Kran empor.
Keine spannende Arbeit an sich,
aber das Gefühl über allen zu sein,
ein Genuss.
30 Meter über dem Erdboden zu sitzen
und zu arbeiten ist etwas Besonderes.
Zumindest für mich.

Wenn ich meine Augen schließe,
liege ich in einem Zelt.
Alleine.
Nur ich und mein Proviant.
Mein Zettel, mein Stift,
und meine Kamera.
Viele sagen, ich sei dumm.
Sich in Gebiete zu wagen,
wo es mehr als gefährlich ist.
Tiere, Menschen, das Wetter,
alles kann dein Feind sein.
Oder zu deinem besten Freund werden.

Wenn ich meine Augen schließe,
wiege ich ein kleines Baby in
den Armen.
Ein wunderschönes Kind.
Gerade erst zur Welt gekommen
und doch schon so viel durchgemacht.
Mutter verstorben, Vater unbekannt.
Ich wiege es sachte hin und her,
versuche ihm genug Liebe zu geben
um sich nicht einsam zu fühlen.
Aber auch nicht zu viel,
um selbst daran zugrunde zu gehen.

Wenn ich meine Augen schließe,
schreibe ich.
Über alles und jenes.
Mich, dich, Hund und Katze.
Es gehört in die Welt,
alle sollen es lesen.
Leichte Geschichten und
schwierige Themen.
Über Abschied und Neuanfang.
Über all jenes,
das mich Beschäftigt.

Und dann,
wenn ich die Augen aufschlage,
trifft mich das Leben.
Die Tänzerin wird zu mir
an den Tisch geschoben.
Ihre Beine alt und müde.
Der Kranführer,
sitzt ein paar Tische weiter.
Sein Körper,
kraftlos und schwach.
Der Reporter,
der einst die Welt bereiste,
erzählt immer noch von
seinen Abenteuern.
Doch was es gestern zu essen gab,
kann sich sein Kopf nicht mehr
merken.
Die Kinderkrankenschwester von einst,
schafft es oft nicht aus dem Bett.
Dicke schwarze Wolken hängen
über ihrem Kopf
und ihr Geist hat aufgegeben.
Und ich sitze inmitten aller.
Meine Hände funktionieren
nur noch teilweise.
Ein Schlaganfall
hat mir den Boden unter den
Füßen weggerissen.
Ich sehe all die großen Leben,
die gelebt wurden.
Und wie jeden Tag ein klein
wenig davon stirbt.
 
Zuletzt bearbeitet:

johP

Mitglied
Das ende der endlichkeit einfühlsam beschrieben, vertreibt nicht das ungute, wenn man an seine eigene denkt, aber es erinnert an die gemeinsamkeit, daran arbeiten, daß man sie nicht einsam erlebt. Sehr gern gelesen
 

Dimpfelmoser

Mitglied
Hallo @M.B.Senna,

du stellst hier zugleich schön und traurig, mit einfachen Worten und dennoch sehr bewegend beschrieben, Skizzen einiger Leben in den Raum. Dazwischen das lyrische Ich (vielleicht auch noch ein weiteres?) mit eigenem, harten Schicksal. Zunächst schwingt beim Lesen etwas Wehmütig-Positives mit, denn das Gewesene ist, all die wertvollen Leben sind irgendwo immer noch da, und sie werden lebendig im Hier und Jetzt, in dem Moment, wo jemand die Augen schließt und all das zu sehen vermag, was einmal war. Der Schluss ist dann umso härter, und er zeigt das Unausweichliche, das sich offenbart, wenn sich der eben noch nach innen gerichtete Blick umkehrt und eine andere Realität (die eigentliche?) wahrnimmt. Diese ist nicht nur auf der Ebene der individuellen Schicksale bedrückend, sondern vor allem auch durch das Zusammensein all der unterschiedlichen Schicksale an einem gemeinsamen Ort, an dem jedoch Gemeinschaft kaum erfahrbar zu sein scheint. Eigentlich keine ermutigende Aussicht auf das Alter, und ob das (erneute) Schließen der Augen hilft, wenn man vielleicht nur noch eben diese Möglichkeit hat?
Liefert Stoff zum Nachdenken ...

Liebe Grüße
Dimpfelmoser
 

M.B.Senna

Mitglied
Hallo Dimpfelmoser!

Danke für deinen ausführlichen Kommentar.
Spannend wie unterschiedlich man den Text deuten und lesen kann.
Schön, dass er sich zum Nachdenken gebracht hat, dann hat mein Text alles richtig gemacht.
Danke auch für deine positive Bewertung.

LG. M.B.Senna
 



 
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