Ausnahmezustand

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Karina

Mitglied
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Evas Apfel


Eva sitzt tief versunken in ihrem roten Sessel.
Schon immer war dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen. Als Kind, wenn sie mit ihrer Puppe im weichen Polster versank und sich Geschichten erzählte, als Jugendliche, wenn sie in die Abenteuer spannender Bücher eintauchte und als erwachsene Frau, wenn sie eine kurze Auszeit brauchte und für sich allein sein wollte.

Jetzt wartet Eva nur. Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre bloße Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre eine Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt. Ihre Nacktheit ist ihr schon immer vertraut gewesen, jetzt erlebt sie sie noch intensiver, selbst die hochhackigen bis zum Knie reichenden, enganliegenden schwarzen Lackstiefel fühlen sich eins mit ihrem Körper an.

Eva möchte sich streicheln, nur ganz flüchtig, nicht mehr, als ein leichter Windhauch, der wie zufällig über ihren Körper streift. Bloß nicht alte Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen wecken. Vorsichtig schwebt Ihre Hand über ihre glatte Haut und berührt sanft feste kleine, wohlgeformte Brüste, die Brustspitzen hart wie junge Knospen, kurz vor dem Aufgehen. Weiter abwärts fühlt sie ihren flachen Bauch, um sich dann mit den Fingerspitzen langsam, sehr langsam zu ihrer Scham vorzutasten.
Sie atmet tief durch und spielt wieder in gleichmäßiger Bewegung mit den Enden ihrer Haare.

Evas weit geöffneten, dunklen Augen durchstreifen den Raum. Sie erahnt die staubigen Holzdielen, den noch verbliebenen großen, schweren Esstisch aus alter Buche, das Bild im kaputten Rahmen an der Wand, die hohen Decken, an denen der Stuck abbröckelt, den mit Naturstein umrahmten Kamin, der jetzt nur noch ein schwarzes, kaltes Loch zu sein scheint. Ihr Blick wandert zu den zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen und vor ihrem inneren Auge sieht sie verbrannte, schwarz-braune Erde, dort wo sich einst Farben in ihrer Vielfalt vereinigten und wo zwischen hochrankenden Rosen einmal ihre Kuschel-Zuhör-Bank stand. Hier saßen sie und Jannis an lauwarmen Sommerabenden, hörten einander zu, streichelten sich zärtlich oder saßen auch nur Arm in Arm und lauschten den vertrauten Naturgeräuschen.
Ihr Jannis, mit dem sie so oft auf einer Welle vereint war. Dem sie so oft verträumt zusah, wenn seine Finger über die Klaviertasten schwebten und die Klänge sie wie eine unsichtbare Energie umhüllten und verzauberten.

Und plötzlich standen sie vor der Tür, die Uniformierten. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete.

Evas Blick wandert zur halbgeöffneten Verandatür. Genau dort, wo sich jetzt Töpfe mit vertrockneten Pflanzen aneinanderreihen, sah sie Jannis eines Tages stehen. Er war zurückgekehrt, nein nicht er, sein Körper war zurückgekehrt. Reglos, mit ausdruckslosen Augen, starrte er auf seine Hände, die, wie zu einer Schüssel geformt, vor seinem Körper ruhten.
Nichts, keine Umarmung, kein Streicheln, kein gutes Zureden konnten ihn dazu bringen, etwas anderes zu tun als auf seine Hände zu starren.
Erst als Eva ihm einen Becher von seinem Lieblingstee reichen wollte, schaute er sie erstaunt an und sprach leise: „Den Becher kann ich nicht halten, in meinen Händen ruht doch gerade meine zerbrochene Seele und die darf ich nicht fallenlassen”.
Irgendwann war Eva in der Nacht neben seinen Füßen liegend eingeschlafen und am nächsten Morgen war Jannis verschwunden. Er kam nie wieder zurück.

Es ist still, sehr still. Eva hört ihrem Atem zu, der ihre Bauchdecke in gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt. Ein leichter Luftzug streift durch ihr Haar. Es sind die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihren Weg durch das Fenster finden, ihr kaltes Gesicht wärmen und sie erneut daran erinnern, wie nach Jannis Verschwinden ihre Welt dunkel und einsam wurde. Die Farben verblassten immer mehr. Aus Bunt wurde zunächst Schwarz-Weiß, dann folgte ein einheitliches verwaschenes Grau und schließlich war alles nur noch ein Nichts, ihre Augen hatten sich für die Dunkelheit entschieden. Und mit der Dunkelheit verschwand auch die Sprache. Anfangs schafften es noch vereinzelte Worte, dem inneren Gefängnis zu entfliehen, aber mit dem Nichts gab es auch keine Wörter mehr und Eva wurde stumm.

Evas Blick wandert zu ihrem rechten Arm, der ausgestreckt auf der Sessellehne ruht. Und sie weiß, dort in ihrer rechten Hand liegt ihr Kunstwerk – ihr letztes Werk mit so viel Sorgfalt, mit so viel Hingabe zum Wachsen gebracht.

Endlich ist es soweit – polternde Schritte, Gebrüll, lautes Gelächter – Geräusche, auf die Eva schon so lange gewartet hat. Sie spürt, wie ihr Körper erzittert, wie ihr Blut durch die Adern rauscht und augenblicklich zu stocken droht, weil sich innerlich alles zusammenzieht. Doch sie beruhigt sich sofort wieder. Sie weiß um ihre äußere laszive Gelassenheit, ihren wohl geformten Körper, ihre leicht gespreizten Beine, ihren sinnlich vollen roten Mund.

Die Tür wird aufgerissen und Männer stürmen herein - Soldaten, verschmutzt, laut, ausgehungert. Mit einem Mal Stille, die wie ein plötzlicher Dornröschenschlaf alles zu lähmen scheint. Eva spürt die gierigen, hungrigen Blicke, die jede einzelne Zelle ihres Körpers zu verschlingen drohen. Und sie erahnt, fast als ob ihre Augen wieder sehen könnten, wie die Blicke der Männer nach und nach, gleich einem Sog, von ihrem Werk angezogen werden.
In ihrer rechten Hand dieser große, rot-gelbe Apfel, verlockend zum Anbeißen, so nah und auch doch so fern.
Eva spürt die Irritation im Raum, während sie fühlt, wie ihr Spannungsfeld innerer Erregung und äußerer Gelassenheit immer mehr an ihr zerrt. Mit einem Mal spürt sie Lust. Wellen überwältigen sie. Wie kleine Funken durchströmen sie ihren Körper und lassen sie fast erzittern.
Plötzlich eine Stimme, heiser und doch laut und bestimmend.
„Zielschießen, wer den Apfel zuerst trifft, darf die kleine Hure als Erstes nehmen”.
Eva schließt die Augen. Endlich Ruhe, sie spürt, wie ihr Körper allmählich von Wärme und lang ersehnter Zufriedenheit erfasst wird.
„Du, Kleiner, du hast noch nie ne Frau gevögelt, du schießt als Erster”!
Wie ein Vorhang öffnet sich der Schleier vor Evas Augen und sie schaut direkt in das Gesicht eines Jungen. Sie sieht die Augen eines Kindes, die viel zu früh zu viel Leid gesehen haben.
Stopp, nicht DU, verzeih mir junger Soldat, du bist doch noch ein Kind.
Eva möchte die Worte rausschreien, sie bleiben jedoch immer wieder in ihrer Kehle stecken, so als ob jedes Mal ein eiserner Verschluss sie abfangen würde.

Eva hört, wie der Soldat sich positioniert. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Sie hört das Laden des Gewehres. Ihre Lippen bewegen sich lautlos flehend.
Und Schuss.
Nur noch das Reißen in ihrer Hand gibt Eva im Bruchteil einer Sekunde die Gewissheit, es ist geschehen, ihr letztes Werk hat ihre Welt zum Explodieren gebracht.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Karina, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq

Klasse Geschichte! Hat mir sehr gut gefallen. Ein paar kleinere Fehler noch bitte verbessern.


Viele Grüße von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Karina,

willkommen in der Leselupe. Da hast du wirklich einen schönen Einstandstext eingestellt, den ich gerne gelesen habe. Die Geschichte hat einen guten Spannungsbogen und ein tragisches, aber glaubwürdiges Ende. Der Erzählstil passt in meinen Augen gut zu dem Thema und auch sprachlich ist das in weiten Teilen gut zu lesen.

Ein paar Kleinigketen gibt es aber tatsächlich noch.

"Und plötzlich standen sie vor der Tür, die Uniformierten. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete."

Gibt es Hausangestellte oder schreien die Soldaten das von draußen? Dieser Abschnitt erscheint mir logisch noch nicht so ganz konistent. Vor allem weil er den "kalten Blick" der Soldaten enthält und die müssen ja jemanden anblicken.

Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre bloße Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre eine Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt.

Hier würde ich "bloße" streichen und linke/rechte Hand statt eine schreiben.

Schon immer war dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen.

Eine letzte ganz subjektive Sache: ich finde den Ausdruck "war....gewesen" furchtbar umständlich. Außerdem ist der Sessel immer noch ihr Zufluchtsort, dann müsste es ist...gewesen heißen.

Vielleicht helfen dir die paar Sachen ja etwas weiter. Das ändert aber nichts daran, dass du hier eine wirklich schöne Geschichte eingestellt hast.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

Karina

Mitglied
Evas Apfel


Eva sitzt tief versunken in ihrem roten Sessel.
Schon immer ist dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen. Als Kind, wenn sie mit ihrer Puppe im weichen Polster versank und sich Geschichten erzählte, als Jugendliche, wenn sie in die Abenteuer spannender Bücher eintauchte und als erwachsene Frau, wenn sie eine kurze Auszeit brauchte und für sich allein sein wollte.

Jetzt wartet Eva nur. Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre rechte Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt. Ihre Nacktheit ist ihr schon immer vertraut gewesen, jetzt erlebt sie sie noch intensiver, selbst die hochhackigen bis zum Knie reichenden, enganliegenden schwarzen Lackstiefel fühlen sich eins mit ihrem Körper an.

Eva möchte sich streicheln, nur ganz flüchtig, nicht mehr, als ein leichter Windhauch, der wie zufällig über ihren Körper streift. Bloß nicht alte Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen wecken. Vorsichtig schwebt Ihre Hand über ihre glatte Haut und berührt sanft feste kleine, wohlgeformte Brüste, die Brustspitzen hart wie junge Knospen, kurz vor dem Aufgehen. Weiter abwärts fühlt sie ihren flachen Bauch, um sich dann mit den Fingerspitzen langsam, sehr langsam zu ihrer Scham vorzutasten.
Sie atmet tief durch und spielt wieder in gleichmäßiger Bewegung mit den Enden ihrer Haare.

Evas weit geöffneten, dunklen Augen durchstreifen den Raum. Sie erahnt die staubigen Holzdielen, den noch verbliebenen großen, schweren Esstisch aus alter Buche, das Bild im kaputten Rahmen an der Wand, die hohen Decken, an denen der Stuck abbröckelt, den mit Naturstein umrahmten Kamin, der jetzt nur noch ein schwarzes, kaltes Loch zu sein scheint. Ihr Blick wandert zu den zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen und vor ihrem inneren Auge sieht sie verbrannte, schwarz-braune Erde, dort wo sich einst Farben in ihrer Vielfalt vereinigten und wo zwischen hochrankenden Rosen einmal ihre Kuschel-Zuhör-Bank stand. Hier saßen sie und Jannis an lauwarmen Sommerabenden, hörten einander zu, streichelten sich zärtlich oder saßen auch nur Arm in Arm und lauschten den vertrauten Naturgeräuschen.
Ihr Jannis, mit dem sie so oft auf einer Welle vereint war. Dem sie so oft verträumt zusah, wenn seine Finger über die Klaviertasten schwebten und die Klänge sie wie eine unsichtbare Energie umhüllten und verzauberten.

Und plötzlich Gepolter, Uniformierte stürmten ins Haus. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete.

Evas Blick wandert zur halbgeöffneten Verandatür. Genau dort, wo sich jetzt Töpfe mit vertrockneten Pflanzen aneinanderreihen, sah sie Jannis eines Tages stehen. Er war zurückgekehrt, nein nicht er, sein Körper war zurückgekehrt. Reglos, mit ausdruckslosen Augen, starrte er auf seine Hände, die, wie zu einer Schüssel geformt, vor seinem Körper ruhten.
Nichts, keine Umarmung, kein Streicheln, kein gutes Zureden konnten ihn dazu bringen, etwas anderes zu tun als auf seine Hände zu starren.
Erst als Eva ihm einen Becher von seinem Lieblingstee reichen wollte, schaute er sie erstaunt an und sprach leise: „Den Becher kann ich nicht halten, in meinen Händen ruht doch gerade meine zerbrochene Seele und die darf ich nicht fallenlassen”.
Irgendwann war Eva in der Nacht neben seinen Füßen liegend eingeschlafen und am nächsten Morgen war Jannis verschwunden. Er kam nie wieder zurück.

Es ist still, sehr still. Eva hört ihrem Atem zu, der ihre Bauchdecke in gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt. Ein leichter Luftzug streift durch ihr Haar. Es sind die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihren Weg durch das Fenster finden, ihr kaltes Gesicht wärmen und sie erneut daran erinnern, wie nach Jannis Verschwinden ihre Welt dunkel und einsam wurde. Die Farben verblassten immer mehr. Aus Bunt wurde zunächst Schwarz-Weiß, dann folgte ein einheitliches verwaschenes Grau und schließlich war alles nur noch ein Nichts, ihre Augen hatten sich für die Dunkelheit entschieden. Und mit der Dunkelheit verschwand auch die Sprache. Anfangs schafften es noch vereinzelte Worte, dem inneren Gefängnis zu entfliehen, aber mit dem Nichts gab es auch keine Wörter mehr und Eva wurde stumm.

Evas Blick wandert zu ihrem rechten Arm, der ausgestreckt auf der Sessellehne ruht. Und sie weiß, dort in ihrer rechten Hand liegt ihr Kunstwerk – ihr letztes Werk mit so viel Sorgfalt, mit so viel Hingabe zum Wachsen gebracht.

Endlich ist es soweit – polternde Schritte, Gebrüll, lautes Gelächter – Geräusche, auf die Eva schon so lange gewartet hat. Sie spürt, wie ihr Körper erzittert, wie ihr Blut durch die Adern rauscht und augenblicklich zu stocken droht, weil sich innerlich alles zusammenzieht. Doch sie beruhigt sich sofort wieder. Sie weiß um ihre äußere laszive Gelassenheit, ihren wohl geformten Körper, ihre leicht gespreizten Beine, ihren sinnlich vollen roten Mund.

Die Tür wird aufgerissen und Männer stürmen herein - Soldaten, verschmutzt, laut, ausgehungert. Mit einem Mal Stille, die wie ein plötzlicher Dornröschenschlaf alles zu lähmen scheint. Eva spürt die gierigen, hungrigen Blicke, die jede einzelne Zelle ihres Körpers zu verschlingen drohen. Und sie erahnt, fast als ob ihre Augen wieder sehen könnten, wie die Blicke der Männer nach und nach, gleich einem Sog, von ihrem Werk angezogen werden.
In ihrer rechten Hand dieser große, rot-gelbe Apfel, verlockend zum Anbeißen, so nah und auch doch so fern.
Eva spürt die Irritation im Raum, während sie fühlt, wie ihr Spannungsfeld innerer Erregung und äußerer Gelassenheit immer mehr an ihr zerrt. Mit einem Mal spürt sie Lust. Wellen überwältigen sie. Wie kleine Funken durchströmen sie ihren Körper und lassen sie fast erzittern.
Plötzlich eine Stimme, heiser und doch laut und bestimmend.
„Zielschießen, wer den Apfel zuerst trifft, darf die kleine Hure als Erstes nehmen”.
Eva schließt die Augen. Endlich Ruhe, sie spürt, wie ihr Körper allmählich von Wärme und lang ersehnter Zufriedenheit erfasst wird.
„Du, Kleiner, du hast noch nie ne Frau gevögelt, du schießt als Erster”!
Wie ein Vorhang öffnet sich der Schleier vor Evas Augen und sie schaut direkt in das Gesicht eines Jungen. Sie sieht die Augen eines Kindes, die viel zu früh zu viel Leid gesehen haben.
Stopp, nicht DU, verzeih mir junger Soldat, du bist doch noch ein Kind.
Eva möchte die Worte rausschreien, sie bleiben jedoch immer wieder in ihrer Kehle stecken, so als ob jedes Mal ein eiserner Verschluss sie abfangen würde.

Eva hört, wie der Soldat sich positioniert. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Sie hört das Laden des Gewehres. Ihre Lippen bewegen sich lautlos flehend.
Und Schuss.
Nur noch das Reißen in ihrer Hand gibt Eva im Bruchteil einer Sekunde die Gewissheit, es ist geschehen, ihr letztes Werk hat ihre Welt zum Explodieren gebracht.
 

Karina

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Evas Apfel


Eva sitzt tief versunken in ihrem roten Sessel.
Schon immer ist dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen. Als Kind, wenn sie mit ihrer Puppe im weichen Polster versank und sich Geschichten erzählte, als Jugendliche, wenn sie in die Abenteuer spannender Bücher eintauchte und als erwachsene Frau, wenn sie eine kurze Auszeit brauchte und für sich allein sein wollte.

Jetzt wartet Eva nur. Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre rechte Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt. Ihre Nacktheit ist ihr schon immer vertraut gewesen, jetzt erlebt sie sie noch intensiver, selbst die hochhackigen bis zum Knie reichenden, enganliegenden schwarzen Lackstiefel fühlen sich eins mit ihrem Körper an.

Eva möchte sich streicheln, nur ganz flüchtig, nicht mehr, als ein leichter Windhauch, der wie zufällig über ihren Körper streift. Bloß nicht alte Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen wecken. Vorsichtig schwebt Ihre Hand über ihre glatte Haut und berührt sanft feste kleine, wohlgeformte Brüste, die Brustspitzen hart wie junge Knospen, kurz vor dem Aufgehen. Weiter abwärts fühlt sie ihren flachen Bauch, um sich dann mit den Fingerspitzen langsam, sehr langsam zu ihrer Scham vorzutasten.
Sie atmet tief durch und spielt wieder in gleichmäßiger Bewegung mit den Enden ihrer Haare.

Evas weit geöffneten, dunklen Augen durchstreifen den Raum. Sie erahnt die staubigen Holzdielen, den noch verbliebenen großen, schweren Esstisch aus alter Buche, das Bild im kaputten Rahmen an der Wand, die hohen Decken, an denen der Stuck abbröckelt, den mit Naturstein umrahmten Kamin, der jetzt nur noch ein schwarzes, kaltes Loch zu sein scheint. Ihr Blick wandert zu den zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen und vor ihrem inneren Auge sieht sie verbrannte, schwarz-braune Erde, dort wo sich einst Farben in ihrer Vielfalt vereinigten und wo zwischen hochrankenden Rosen einmal ihre Kuschel-Zuhör-Bank stand. Hier saßen sie und Jannis an lauwarmen Sommerabenden, hörten einander zu, streichelten sich zärtlich oder saßen auch nur Arm in Arm und lauschten den vertrauten Naturgeräuschen.
Ihr Jannis, mit dem sie so oft auf einer Welle vereint war. Dem sie so oft verträumt zusah, wenn seine Finger über die Klaviertasten schwebten und die Klänge sie wie eine unsichtbare Energie umhüllten und verzauberten.

Und plötzlich stürmten sie durch die Haustür, Uniformierte. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete.

Evas Blick wandert zur halbgeöffneten Verandatür. Genau dort, wo sich jetzt Töpfe mit vertrockneten Pflanzen aneinanderreihen, sah sie Jannis eines Tages stehen. Er war zurückgekehrt, nein nicht er, sein Körper war zurückgekehrt. Reglos, mit ausdruckslosen Augen, starrte er auf seine Hände, die, wie zu einer Schüssel geformt, vor seinem Körper ruhten.
Nichts, keine Umarmung, kein Streicheln, kein gutes Zureden konnten ihn dazu bringen, etwas anderes zu tun als auf seine Hände zu starren.
Erst als Eva ihm einen Becher von seinem Lieblingstee reichen wollte, schaute er sie erstaunt an und sprach leise: „Den Becher kann ich nicht halten, in meinen Händen ruht doch gerade meine zerbrochene Seele und die darf ich nicht fallenlassen”.
Irgendwann war Eva in der Nacht neben seinen Füßen liegend eingeschlafen und am nächsten Morgen war Jannis verschwunden. Er kam nie wieder zurück.

Es ist still, sehr still. Eva hört ihrem Atem zu, der ihre Bauchdecke in gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt. Ein leichter Luftzug streift durch ihr Haar. Es sind die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihren Weg durch das Fenster finden, ihr kaltes Gesicht wärmen und sie erneut daran erinnern, wie nach Jannis Verschwinden ihre Welt dunkel und einsam wurde. Die Farben verblassten immer mehr. Aus Bunt wurde zunächst Schwarz-Weiß, dann folgte ein einheitliches verwaschenes Grau und schließlich war alles nur noch ein Nichts, ihre Augen hatten sich für die Dunkelheit entschieden. Und mit der Dunkelheit verschwand auch die Sprache. Anfangs schafften es noch vereinzelte Worte, dem inneren Gefängnis zu entfliehen, aber mit dem Nichts gab es auch keine Wörter mehr und Eva wurde stumm.

Evas Blick wandert zu ihrem rechten Arm, der ausgestreckt auf der Sessellehne ruht. Und sie weiß, dort in ihrer rechten Hand liegt ihr Kunstwerk – ihr letztes Werk mit so viel Sorgfalt, mit so viel Hingabe zum Wachsen gebracht.

Endlich ist es soweit – polternde Schritte, Gebrüll, lautes Gelächter – Geräusche, auf die Eva schon so lange gewartet hat. Sie spürt, wie ihr Körper erzittert, wie ihr Blut durch die Adern rauscht und augenblicklich zu stocken droht, weil sich innerlich alles zusammenzieht. Doch sie beruhigt sich sofort wieder. Sie weiß um ihre äußere laszive Gelassenheit, ihren wohl geformten Körper, ihre leicht gespreizten Beine, ihren sinnlich vollen roten Mund.

Die Tür wird aufgerissen und Männer stürmen herein - Soldaten, verschmutzt, laut, ausgehungert. Mit einem Mal Stille, die wie ein plötzlicher Dornröschenschlaf alles zu lähmen scheint. Eva spürt die gierigen, hungrigen Blicke, die jede einzelne Zelle ihres Körpers zu verschlingen drohen. Und sie erahnt, fast als ob ihre Augen wieder sehen könnten, wie die Blicke der Männer nach und nach, gleich einem Sog, von ihrem Werk angezogen werden.
In ihrer rechten Hand dieser große, rot-gelbe Apfel, verlockend zum Anbeißen, so nah und auch doch so fern.
Eva spürt die Irritation im Raum, während sie fühlt, wie ihr Spannungsfeld innerer Erregung und äußerer Gelassenheit immer mehr an ihr zerrt. Mit einem Mal spürt sie Lust. Wellen überwältigen sie. Wie kleine Funken durchströmen sie ihren Körper und lassen sie fast erzittern.
Plötzlich eine Stimme, heiser und doch laut und bestimmend.
„Zielschießen, wer den Apfel zuerst trifft, darf die kleine Hure als Erstes nehmen”.
Eva schließt die Augen. Endlich Ruhe, sie spürt, wie ihr Körper allmählich von Wärme und lang ersehnter Zufriedenheit erfasst wird.
„Du, Kleiner, du hast noch nie ne Frau gevögelt, du schießt als Erster”!
Wie ein Vorhang öffnet sich der Schleier vor Evas Augen und sie schaut direkt in das Gesicht eines Jungen. Sie sieht die Augen eines Kindes, die viel zu früh zu viel Leid gesehen haben.
Stopp, nicht DU, verzeih mir junger Soldat, du bist doch noch ein Kind.
Eva möchte die Worte rausschreien, sie bleiben jedoch immer wieder in ihrer Kehle stecken, so als ob jedes Mal ein eiserner Verschluss sie abfangen würde.

Eva hört, wie der Soldat sich positioniert. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Sie hört das Laden des Gewehres. Ihre Lippen bewegen sich lautlos flehend.
Und Schuss.
Nur noch das Reißen in ihrer Hand gibt Eva im Bruchteil einer Sekunde die Gewissheit, es ist geschehen, ihr letztes Werk hat ihre Welt zum Explodieren gebracht.
 

Karina

Mitglied
Evas Apfel


Eva sitzt tief versunken in ihrem roten Sessel.
Schon immer ist dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen. Als Kind, wenn sie mit ihrer Puppe im weichen Polster versank und sich Geschichten erzählte, als Jugendliche, wenn sie in die Abenteuer spannender Bücher eintauchte und als erwachsene Frau, wenn sie eine kurze Auszeit brauchte und für sich allein sein wollte.

Jetzt wartet Eva nur. Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre rechte Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt. Ihre Nacktheit ist ihr schon immer vertraut gewesen, jetzt erlebt sie sie noch intensiver, selbst die hochhackigen bis zum Knie reichenden, enganliegenden schwarzen Lackstiefel fühlen sich eins mit ihrem Körper an.

Eva möchte sich streicheln, nur ganz flüchtig, nicht mehr, als ein leichter Windhauch, der wie zufällig über ihren Körper streift. Bloß nicht alte Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen wecken. Vorsichtig schwebt Ihre Hand über ihre glatte Haut und berührt sanft feste kleine, wohlgeformte Brüste, die Brustspitzen hart wie junge Knospen, kurz vor dem Aufgehen. Weiter abwärts fühlt sie ihren flachen Bauch, um sich dann mit den Fingerspitzen langsam, sehr langsam zu ihrer Scham vorzutasten.
Sie atmet tief durch und spielt wieder in gleichmäßiger Bewegung mit den Enden ihrer Haare.

Evas weit geöffneten, dunklen Augen durchstreifen den Raum. Sie erahnt die staubigen Holzdielen, den noch verbliebenen großen, schweren Esstisch aus alter Buche, das Bild im kaputten Rahmen an der Wand, die hohen Decken, an denen der Stuck abbröckelt, den mit Naturstein umrahmten Kamin, der jetzt nur noch ein schwarzes, kaltes Loch zu sein scheint. Ihr Blick wandert zu den zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen und vor ihrem inneren Auge sieht sie verbrannte, schwarz-braune Erde, dort wo sich einst Farben in ihrer Vielfalt vereinigten und wo zwischen hochrankenden Rosen einmal ihre Kuschel-Zuhör-Bank stand. Hier saßen sie und Jannis an lauwarmen Sommerabenden, hörten einander zu, streichelten sich zärtlich oder saßen auch nur Arm in Arm und lauschten den vertrauten Naturgeräuschen.
Ihr Jannis, mit dem sie so oft auf einer Welle vereint war. Dem sie so oft verträumt zusah, wenn seine Finger über die Klaviertasten schwebten und die Klänge sie wie eine unsichtbare Energie umhüllten und verzauberten.

Und plötzlich stürmten sie das Haus, Uniformierte. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete.

Evas Blick wandert zur halbgeöffneten Verandatür. Genau dort, wo sich jetzt Töpfe mit vertrockneten Pflanzen aneinanderreihen, sah sie Jannis eines Tages stehen. Er war zurückgekehrt, nein nicht er, sein Körper war zurückgekehrt. Reglos, mit ausdruckslosen Augen, starrte er auf seine Hände, die, wie zu einer Schüssel geformt, vor seinem Körper ruhten.
Nichts, keine Umarmung, kein Streicheln, kein gutes Zureden konnten ihn dazu bringen, etwas anderes zu tun als auf seine Hände zu starren.
Erst als Eva ihm einen Becher von seinem Lieblingstee reichen wollte, schaute er sie erstaunt an und sprach leise: „Den Becher kann ich nicht halten, in meinen Händen ruht doch gerade meine zerbrochene Seele und die darf ich nicht fallenlassen”.
Irgendwann war Eva in der Nacht neben seinen Füßen liegend eingeschlafen und am nächsten Morgen war Jannis verschwunden. Er kam nie wieder zurück.

Es ist still, sehr still. Eva hört ihrem Atem zu, der ihre Bauchdecke in gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt. Ein leichter Luftzug streift durch ihr Haar. Es sind die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihren Weg durch das Fenster finden, ihr kaltes Gesicht wärmen und sie erneut daran erinnern, wie nach Jannis Verschwinden ihre Welt dunkel und einsam wurde. Die Farben verblassten immer mehr. Aus Bunt wurde zunächst Schwarz-Weiß, dann folgte ein einheitliches verwaschenes Grau und schließlich war alles nur noch ein Nichts, ihre Augen hatten sich für die Dunkelheit entschieden. Und mit der Dunkelheit verschwand auch die Sprache. Anfangs schafften es noch vereinzelte Worte, dem inneren Gefängnis zu entfliehen, aber mit dem Nichts gab es auch keine Wörter mehr und Eva wurde stumm.

Evas Blick wandert zu ihrem rechten Arm, der ausgestreckt auf der Sessellehne ruht. Und sie weiß, dort in ihrer rechten Hand liegt ihr Kunstwerk – ihr letztes Werk mit so viel Sorgfalt, mit so viel Hingabe zum Wachsen gebracht.

Endlich ist es soweit – polternde Schritte, Gebrüll, lautes Gelächter – Geräusche, auf die Eva schon so lange gewartet hat. Sie spürt, wie ihr Körper erzittert, wie ihr Blut durch die Adern rauscht und augenblicklich zu stocken droht, weil sich innerlich alles zusammenzieht. Doch sie beruhigt sich sofort wieder. Sie weiß um ihre äußere laszive Gelassenheit, ihren wohl geformten Körper, ihre leicht gespreizten Beine, ihren sinnlich vollen roten Mund.

Die Tür wird aufgerissen und Männer stürmen herein - Soldaten, verschmutzt, laut, ausgehungert. Mit einem Mal Stille, die wie ein plötzlicher Dornröschenschlaf alles zu lähmen scheint. Eva spürt die gierigen, hungrigen Blicke, die jede einzelne Zelle ihres Körpers zu verschlingen drohen. Und sie erahnt, fast als ob ihre Augen wieder sehen könnten, wie die Blicke der Männer nach und nach, gleich einem Sog, von ihrem Werk angezogen werden.
In ihrer rechten Hand dieser große, rot-gelbe Apfel, verlockend zum Anbeißen, so nah und auch doch so fern.
Eva spürt die Irritation im Raum, während sie fühlt, wie ihr Spannungsfeld innerer Erregung und äußerer Gelassenheit immer mehr an ihr zerrt. Mit einem Mal spürt sie Lust. Wellen überwältigen sie. Wie kleine Funken durchströmen sie ihren Körper und lassen sie fast erzittern.
Plötzlich eine Stimme, heiser und doch laut und bestimmend.
„Zielschießen, wer den Apfel zuerst trifft, darf die kleine Hure als Erstes nehmen”.
Eva schließt die Augen. Endlich Ruhe, sie spürt, wie ihr Körper allmählich von Wärme und lang ersehnter Zufriedenheit erfasst wird.
„Du, Kleiner, du hast noch nie ne Frau gevögelt, du schießt als Erster”!
Wie ein Vorhang öffnet sich der Schleier vor Evas Augen und sie schaut direkt in das Gesicht eines Jungen. Sie sieht die Augen eines Kindes, die viel zu früh zu viel Leid gesehen haben.
Stopp, nicht DU, verzeih mir junger Soldat, du bist doch noch ein Kind.
Eva möchte die Worte rausschreien, sie bleiben jedoch immer wieder in ihrer Kehle stecken, so als ob jedes Mal ein eiserner Verschluss sie abfangen würde.

Eva hört, wie der Soldat sich positioniert. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Sie hört das Laden des Gewehres. Ihre Lippen bewegen sich lautlos flehend.
Und Schuss.
Nur noch das Reißen in ihrer Hand gibt Eva im Bruchteil einer Sekunde die Gewissheit, es ist geschehen, ihr letztes Werk hat ihre Welt zum Explodieren gebracht.
 

Karina

Mitglied
Evas Apfel


Eva sitzt tief versunken in ihrem roten Sessel.
Schon immer ist dieser alte große Ohrensessel mit seiner hohen Lehne und dem weichen ausgeblichenen Stoff ihr Zufluchtsort gewesen. Als Kind, wenn sie mit ihrer Puppe im weichen Polster versank und sich Geschichten erzählte, als Jugendliche, wenn sie in die Abenteuer spannender Bücher eintauchte und als erwachsene Frau, wenn sie eine kurze Auszeit brauchte und für sich allein sein wollte.

Jetzt wartet Eva nur. Immer tiefer lässt sie sich in die Polsterung fallen und spürt, wie dabei ihre Haut von dem abgenutzten, verblichenen Stoff gewärmt wird, während ihre rechte Hand in gleichmäßiger Bewegung die Enden langer, dunkler Haare kräuselt. Ihre Nacktheit ist ihr schon immer vertraut gewesen, jetzt erlebt sie sie noch intensiver, selbst die hochhackigen bis zum Knie reichenden, enganliegenden schwarzen Lackstiefel fühlen sich eins mit ihrem Körper an.

Eva möchte sich streicheln, nur ganz flüchtig, nicht mehr, als ein leichter Windhauch, der wie zufällig über ihren Körper streift. Bloß nicht alte Sehnsüchte und schmerzhafte Erinnerungen wecken. Vorsichtig schwebt Ihre Hand über ihre glatte Haut und berührt sanft feste kleine, wohlgeformte Brüste, die Brustspitzen hart wie junge Knospen, kurz vor dem Aufgehen. Weiter abwärts fühlt sie ihren flachen Bauch, um sich dann mit den Fingerspitzen langsam, sehr langsam zu ihrer Scham vorzutasten.
Sie atmet tief durch und spielt wieder in gleichmäßiger Bewegung mit den Enden ihrer Haare.

Evas weit geöffneten, dunklen Augen durchstreifen den Raum. Sie erahnt die staubigen Holzdielen, den noch verbliebenen großen, schweren Esstisch aus alter Buche, das Bild im kaputten Rahmen an der Wand, die hohen Decken, an denen der Stuck abbröckelt, den mit Naturstein umrahmten Kamin, der jetzt nur noch ein schwarzes, kaltes Loch zu sein scheint. Ihr Blick wandert zu den zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen und vor ihrem inneren Auge sieht sie verbrannte, schwarz-braune Erde, dort wo sich einst Farben in ihrer Vielfalt vereinigten und wo zwischen hochrankenden Rosen einmal ihre Kuschel-Zuhör-Bank stand. Hier saßen sie und Jannis an lauwarmen Sommerabenden, hörten einander zu, streichelten sich zärtlich oder saßen auch nur Arm in Arm und lauschten den vertrauten Naturgeräuschen.
Ihr Jannis, mit dem sie so oft auf einer Welle vereint war. Dem sie so oft verträumt zusah, wenn seine Finger über die Klaviertasten schwebten und die Klänge sie wie eine unsichtbare Energie umhüllten und verzauberten.

Und plötzlich stürmten sie das Haus. Uniformierte. Kalte Blicke und eine laute, herrische Stimme, die bei dem Befehl, in fünf Minuten abmarschbereit zu sein, keinen Widerspruch duldete.

Evas Blick wandert zur halbgeöffneten Verandatür. Genau dort, wo sich jetzt Töpfe mit vertrockneten Pflanzen aneinanderreihen, sah sie Jannis eines Tages stehen. Er war zurückgekehrt, nein nicht er, sein Körper war zurückgekehrt. Reglos, mit ausdruckslosen Augen, starrte er auf seine Hände, die, wie zu einer Schüssel geformt, vor seinem Körper ruhten.
Nichts, keine Umarmung, kein Streicheln, kein gutes Zureden konnten ihn dazu bringen, etwas anderes zu tun als auf seine Hände zu starren.
Erst als Eva ihm einen Becher von seinem Lieblingstee reichen wollte, schaute er sie erstaunt an und sprach leise: „Den Becher kann ich nicht halten, in meinen Händen ruht doch gerade meine zerbrochene Seele und die darf ich nicht fallenlassen”.
Irgendwann war Eva in der Nacht neben seinen Füßen liegend eingeschlafen und am nächsten Morgen war Jannis verschwunden. Er kam nie wieder zurück.

Es ist still, sehr still. Eva hört ihrem Atem zu, der ihre Bauchdecke in gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt. Ein leichter Luftzug streift durch ihr Haar. Es sind die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die ihren Weg durch das Fenster finden, ihr kaltes Gesicht wärmen und sie erneut daran erinnern, wie nach Jannis Verschwinden ihre Welt dunkel und einsam wurde. Die Farben verblassten immer mehr. Aus Bunt wurde zunächst Schwarz-Weiß, dann folgte ein einheitliches verwaschenes Grau und schließlich war alles nur noch ein Nichts, ihre Augen hatten sich für die Dunkelheit entschieden. Und mit der Dunkelheit verschwand auch die Sprache. Anfangs schafften es noch vereinzelte Worte, dem inneren Gefängnis zu entfliehen, aber mit dem Nichts gab es auch keine Wörter mehr und Eva wurde stumm.

Evas Blick wandert zu ihrem rechten Arm, der ausgestreckt auf der Sessellehne ruht. Und sie weiß, dort in ihrer rechten Hand liegt ihr Kunstwerk – ihr letztes Werk mit so viel Sorgfalt, mit so viel Hingabe zum Wachsen gebracht.

Endlich ist es soweit – polternde Schritte, Gebrüll, lautes Gelächter – Geräusche, auf die Eva schon so lange gewartet hat. Sie spürt, wie ihr Körper erzittert, wie ihr Blut durch die Adern rauscht und augenblicklich zu stocken droht, weil sich innerlich alles zusammenzieht. Doch sie beruhigt sich sofort wieder. Sie weiß um ihre äußere laszive Gelassenheit, ihren wohl geformten Körper, ihre leicht gespreizten Beine, ihren sinnlich vollen roten Mund.

Die Tür wird aufgerissen und Männer stürmen herein - Soldaten, verschmutzt, laut, ausgehungert. Mit einem Mal Stille, die wie ein plötzlicher Dornröschenschlaf alles zu lähmen scheint. Eva spürt die gierigen, hungrigen Blicke, die jede einzelne Zelle ihres Körpers zu verschlingen drohen. Und sie erahnt, fast als ob ihre Augen wieder sehen könnten, wie die Blicke der Männer nach und nach, gleich einem Sog, von ihrem Werk angezogen werden.
In ihrer rechten Hand dieser große, rot-gelbe Apfel, verlockend zum Anbeißen, so nah und auch doch so fern.
Eva spürt die Irritation im Raum, während sie fühlt, wie ihr Spannungsfeld innerer Erregung und äußerer Gelassenheit immer mehr an ihr zerrt. Mit einem Mal spürt sie Lust. Wellen überwältigen sie. Wie kleine Funken durchströmen sie ihren Körper und lassen sie fast erzittern.
Plötzlich eine Stimme, heiser und doch laut und bestimmend.
„Zielschießen, wer den Apfel zuerst trifft, darf die kleine Hure als Erstes nehmen”.
Eva schließt die Augen. Endlich Ruhe, sie spürt, wie ihr Körper allmählich von Wärme und lang ersehnter Zufriedenheit erfasst wird.
„Du, Kleiner, du hast noch nie ne Frau gevögelt, du schießt als Erster”!
Wie ein Vorhang öffnet sich der Schleier vor Evas Augen und sie schaut direkt in das Gesicht eines Jungen. Sie sieht die Augen eines Kindes, die viel zu früh zu viel Leid gesehen haben.
Stopp, nicht DU, verzeih mir junger Soldat, du bist doch noch ein Kind.
Eva möchte die Worte rausschreien, sie bleiben jedoch immer wieder in ihrer Kehle stecken, so als ob jedes Mal ein eiserner Verschluss sie abfangen würde.

Eva hört, wie der Soldat sich positioniert. Ihre Lippen bewegen sich lautlos. Sie hört das Laden des Gewehres. Ihre Lippen bewegen sich lautlos flehend.
Und Schuss.
Nur noch das Reißen in ihrer Hand gibt Eva im Bruchteil einer Sekunde die Gewissheit, es ist geschehen, ihr letztes Werk hat ihre Welt zum Explodieren gebracht.
 

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