Bahnhofsgeflüster

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unefaye

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Ein nettes, vernünftiges, bodenständiges Mädchen. Eine Beschreibung, die so gar nicht auf mich zutrifft, könnte man meinen.
Es ist noch nicht einmal Mittag und doch scheint es, als würde die Luft, die ich einatme, glühen. Ich sitze auf einer Parkbank am Bahnsteig Nummer 4. Der Wetterbericht hat für heute 30 Grad im Schatten angekündigt und ich bin zuversichtlich, dass es auch so kommen wird. Während sich allgemeiner Unmut über die Affenhitze der letzten Tage breitmacht, genieße ich es, die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut zu spüren. Ich lehne mich zurück, strecke die Beine aus und schließe meine Augen. Die Sonne kitzelt meine Nase. Wie seltsam es doch eigentlich ist, sich genau an diesem Ort entspannen zu können.
Ich atme tief ein. Den Duft der alten Eisenbahnen kann ich förmlich riechen. Ein guter Duft – neu, unbekannt und irgendwie faszinierend.
Ein Zug nach dem anderen fährt ein und verlässt nach wenigen Minuten wieder den Bahnhof. Die Menschen sind darauf bedacht, von A nach B zu kommen. Es herrscht allgemeiner Trubel. Alle sind nur hier, um schleunigst wieder wegzukommen. Ich seufze.
„Der Zug nach Verona verspätet sich um zwanzig Minuten“.
Verona. Ich spüre ein aufgeregtes Zucken in meiner Magengrube, innerliche Unruhe breitet sich aus. Verona – Sonne, Sommer, Leichtigkeit. Was würde passieren, wenn ich in diesen Zug einsteigen würde? Was, wenn ich die nächsten Stunden meines Lebens um eine würzige Prise italienischen Flairs bereichern könnte? Ich würde dem zweifellos monotonen Nachmittag einfach entfliehen. Einen neuen Ort, eine neue Welt erkunden; alles andere hinter mich lassen.
Ich öffne nun doch meine Augen und beobachte die Menschen, die am gegenüberliegenden Bahnsteig ein- und aussteigen. Es ist, als hätte dieses Treiben eine eigene Stimme. Bahnhofgeflüster.
Mein Blick streift einen glatzköpfigen Mann, der an einem jungen Paar vorübergeht. Ich schmunzle. Das Bild, das die beiden erzeugen, musste einfach meine Aufmerksamkeit erregen. Mein Schmunzeln geht über in ein leises Kichern.
Die dunkelhaarige Schönheit sieht ihre Beute mit leicht geöffneten Augen an, Augen, die dunkel funkeln, wie bei einer Katze. Sie lacht ruhig und einschmeichelnd. Der Wind weht ein paar Fetzen ihrer süßen Worte direkt an mein Ohr. Jetzt kann ich auch ihren Duft riechen – blumig, würzig, verführerisch. Mit ihrer alabasterfarbenen Hand streicht sie sich wie zufällig übers Haar und lächelt triumphierend, als sogleich der gewünschte Effekt beim Gegenüber eintritt. Das Objekt der Begierde, ein Mann, dem Aussehen nach direkt aus einem Frauenmagazin entsprungen, greift wie gebannt nach ihrer Hand und umschlingt sie. Er lächelt sie an - wie ein Lämmchen.
Das war zu viel, ich kann ein Auflachen nicht mehr unterdrücken. Eine erfolgreiche Beutejagd, denke ich belustigt. Unsere farblose Welt wird um ein weiteres allerliebstes Paar bereichert, das -
Meine Gedanken werden abrupt unterbrochen, als sich ein von oben bis unten durchgeschwitzter Mann mit Aktentasche an mir vorbeidrängt, die er mir beinahe ins Gesicht schleudert. Vor Schreck verschlucke ich mich und beginne sogleich anfallsartig zu husten. Mr. Schweißgesicht merkt es nicht einmal; hält es zumindest auch nicht für nötig, sich nach mir und meiner Husterei umzusehen. Stattdessen hastet er stur weiter ins Innere des Bahnhofgebäudes, auf der Flucht vor der sengenden Hitze. Dieses Frettchen!
Auch das gutaussehende Paar ist mittlerweile aufgestanden und begibt sich zielstrebig zum Ausgang, vermutlich um in die kühle Zuflucht des heimischen Baus zu gelangen.
Ich habe mich nun endlich von meiner kleinen Unpässlichkeit erholt und lehne mich, der drohenden Dyspnoe gerade noch entkommen, erleichtert wieder zurück. Mein Blick macht sich erneut auf die Suche und bleibt dieses Mal an einem jungen Mädchen hängen. Sie lehnt etwas abseits des Getümmels an der Hausmauer des Bahnhofs. In den Händen hält sie ein aufgeschlagenes Buch fest an die Brust gepresst, während ihre Augen in die Ferne blicken. Sie kaut an einer ihrer blonden Strähnen, die im Sonnenlicht goldgelb schimmern. Meine Augen wandern zu ihrem Gesicht. Es ist hübsch, nahezu unscheinbar, doch sehe ich dort etwas, das mich stutzen lässt.
Plötzlich verspüre ich den drängenden Impuls, aufzustehen und das Mädchen geradewegs zu fragen: „Warum bist du unglücklich?“
Stattdessen bleibe ich betreten sitzen und frage mich, was es eigentlich bedeutet, unglücklich zu sein. Heißt es, glücklos – ohne Glück – zu sein? Hängt im Leben alles davon ab, von einer überirdischen Macht, Gott oder dem Universum, bemerkt und beachtet zu werden? Oder ist ohnehin nur alles Schicksal? Schicksal. Ein Begriff, der gerne verwendet wird, wenn der Verstand nicht mehr ausreicht, furchtbare Dinge begreifen zu können. Schicksal. Ein Begriff, der in mir Unbehagen auslöst. Demnach würde es bedeuten, dass ich nicht selbst für mein Leben verantwortlich wäre. Alle meine Entscheidungen nichtig. Ich werde geboren und rase auf der Zielgeraden dem Ende entgegen.
Ich frage mich, was das Mädchen an der Mauer darüber denken würde.
„Sie hat wahrscheinlich Liebeskummer, das junge Ding“, würden manche sagen.
Es ist immer Liebeskummer. Andere, tiefere Gefühle kommen nun mal bei jungen Mädchen nicht vor.
„Was soll die Kleine schon erlebt haben? Was kann sie schon begreifen?“, denken sie.
Ihr Blick schweift noch immer über den weiten Horizont. Suchend, geradezu fordernd. Das Buch droht ihr aus der Hand zu fallen. Ich sehe durch ihre Augen die weiten Felder, die dunklen Wälder, die rauschenden Meere. Sie ist eine Träumerin. Würde sie wohl in diesem Augenblick Sigmund Freud zustimmen, der davon überzeugt war, dass unbefriedigte Wünsche die Triebkräfte der Fantasien darstellen; und somit jede einzelne Fantasie nur die Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit ist?
Jetzt muss ich mir doch einen Ruck geben. Ich stehe auf, gehe auf sie zu und frage sie danach. Das Mädchen zuckt zusammen und sieht mich ein paar Sekunden verständnislos an. Dann lichten sich ihre zusammengekniffenen Augen. Sie beißt sich auf die Unterlippe und zögert. Ich weiß nicht welche Reaktion ich erwartet hatte. Aber anstatt zu antworten, greift sie in ihre Tasche, holt ein sorgsam gefaltetes Stück Papier hervor und drückt es mir in die Hand.
„Es ist ein Gedicht, selbstgeschrieben“, sagt sie.
Verwundert blicke ich auf das winzige Blatt und falte es auseinander. Der Text enthält sechs Strophen, verfasst in kunstvoll geschwungener Schreibschrift. Langsam beginne ich zu lesen. Ich blinzle, mein Magen zieht sich zusammen und ich fühle … nichts. Stille. –
Plötzlich beschleunigt sich mein Herzschlag. Ich spüre förmlich, wie mein Blut durch meine Adern fließt, wie ich nach Luft schnappe.
„Kann man dieses Karussell der Emotionen nicht irgendwie abstellen?“, frage ich, „und solche Gefühle einer rationalen, …, einer vernünftigen Weise platzmachen lassen? Würde man sich dann nicht besser und ausgeglichener fühlen?“
Das Mädchen runzelt die Stirn und denkt nach. Nach einer Weile antwortet sie: „Bedeutet das dann nicht bloß verdrängen? Und ist Verdrängung eigentlich nichts Anderes als Ignoranz? Ignoranz der eigenen Seele gegenüber?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll und blicke sie nur fragend an.
Offenbar erwartet das Mädchen aber auch keine Entgegnung. Sie spricht hastig weiter. „Wenn ich meine Gefühle hintenanstelle, nichts mehr empfinde, ist dann nicht der Zugang zu meiner Seele verborgen? Oder ist sie gar vollkommen verloren? Wünsche, Triebe, Sehnsüchte – alles, was mich ausmacht. Kann ich ohne alldem leben? Ohne den schimmernden Funken der Hoffnung, ohne den Traum? Träumen – sich fallenlassen in die Vorstellung einer nichtexistenten Welt, in der alle Luftschlösser große starke Festungen sind.“
„Aber in der nichts real ist, niemand aktiv beteiligt ist!“, ereifere ich mich jetzt doch. „Es sind doch nur Schattenbilder, die vor dem geistigen Auge vorüberziehen. Und es ist nur der Schmerz, der am Ende bleibt!“
Das Mädchen verzieht den Mund zu einem Lächeln. „Es ist Freude und Schmerz zugleich. Nichts zu fühlen, heißt, weder Freude noch Schmerz zu empfinden. Nur noch Leere. Ist das besser?“
Ist das besser? Ich weiß es nicht.
„Hast du schon einmal jemanden wirklich geliebt?“, unterbricht sie meine wirren Gedanken.
Ich seufze. Also doch wieder Liebe. „Warum wird Liebe immer so viel Stellenwert beigemessen?“, frage ich und verdrehe die Augen.
Sie sieht mich wieder mit diesen durchdringenden Augen an und lacht schließlich auf. „Liebe ist die größte Form von Resonanz und somit das Gegenteil von Tod.“

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Ich sitze auf einer Parkbank am Bahnsteig Nummer Vier. Das Mädchen, das abseits an der Mauer lehnt, wendet ihren Kopf in Richtung des Zugs, der soeben einfährt. Sie greift nach ihrer Tasche und läuft ihm entgegen. Für einen kurzen Moment blickt sie sich noch einmal um und lächelt mir entgegen, bevor sie im Inneren des Waggons verschwindet.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo unefaye, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq

Bitte die Zahlen noch ausschreiben!

Nachdenklich machende Betrachtung ...


Viele Grüße von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum
 

Hudriwurz

Mitglied
grundsätzlich nett

Ich finde den Text nett, unefaye. Er wirkt aber irgendwie vollgestopft. Manchmal ist weniger mehr. Aber man fühlt den Geist dahinter und der wirkt interessant. Bin gespannt, was da noch passieren wird.
 

molly

Mitglied
Hallo unefaye,

ich lese Deine Geschichte wie DocSchneider, sie regt zum Nachdenken an, ist aber, wie Hudriwurz feststellt,etwas zu überladen. Muss Freud unbedingt dabei sein?

Trotzdem habe ich Dein Bahnhofsgeflüster gern gelesen und wünsche Dir weiterhin Freude am Schreiben in der LL.

Viele Grüße

molly
 

unefaye

Mitglied
Liebe molly,

vielen Dank fürs Lesen und dein Feedback zu meinem Text! Ich muss zugeben, dass es meine erste Kurzgeschichte ist und wahrscheinlich wollte ich alle möglichen Gedanken, die in meinem Kopf kreisten unterbringen. - Also, man kann bestimmt das eine oder andere weglassen. :)

Da ich am Schreiben viel Spaß habe, aber noch am Anfang stehe, bin ich für jede Kritik sehr dankbar.

Liebe Grüße,
unefaye
 

 
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