Berlin danach

Und Sie, wie haben Sie jenen Abend erlebt, wann haben Sie davon erfahren? – Mit leichter Verzögerung, habe einen Film angesehen, während es geschah und das Chaos begann. – Welchen Film? – Einen von Xavier Dolan: Sag nicht, wer du bist (Tom à la ferme), sah ihn zum ersten Mal, seltsames Zusammentreffen. Das ist ja ein Film über die Faszination des Bösen. Noch benommen von der Handlung schaltete ich den DVD-Player aus und war mitten in einer aktuellen Fernsehsendung. Dabei bin ich dann längere Zeit geblieben … Zwischendurch rief R. an, weinte viel. Es gelang mir, ihn zu beruhigen, weniger mit Argumenten (Wir leben ja noch, das hat man doch schon lange kommen sehen …), mehr durch den Klang der Stimme, nehme ich an.

Mäßig geschlafen und am anderen Morgen Erleichterung – sie haben den Täter! Ich ging in den Supermarkt nebenan einkaufen, später zur Bank. Nach dem Mittagessen den Roman weitergelesen, Gerbrand Bakkers Oben ist es still, feines Buch mit kleinen Fehlern, die nicht wirklich stören. So viel an Beobachtung, an Gedanken, und man kann sich hineinlesen, wie in einen weiten Raum, in dem man sich für lange Zeit einrichtet. Später rief ich T. an, meinen ältesten Freund überhaupt. Natürlich hatte er zum Breitscheidplatz fahren müssen und war enttäuscht worden, es gab nicht mehr viel zu sehen. Wir stimmten in allem überein, wir waren nicht schockiert – man hat das doch schon lange kommen sehen … Wir konnten sogar schon wieder über ganz anderes reden. Er hat ein schlechtes Gewissen, da er in letzter Zeit so selten Sport macht. Und ich war neulich beim Augenarzt, ich brauche keine neue Brille. Morgen, sage ich ihm noch, will ich mir eine Ausstellung in Potsdam ansehen. Wir wollen uns im Januar mal treffen. Dann rufe ich R. an, dem es besser geht. Ihn sehe ich schon Ende der Woche wieder.

Abends Ernüchterung: Sie hatten den Falschen und müssen weitersuchen. Ich registriere in den Medien die Rituale der Ermutigung. Mir kommen sie leer vor, aber vielleicht brauchen andere sie. Ich ärgere mich sogar ein wenig. Ist das Freiheit: gemeinsam unter freiem Himmel Glühwein trinken? Nicht freie Wahlen, Demonstrationen, freie Meinungsäußerung? In den meisten Online-Plattformen der großen Zeitungen ist die Kommentarfunktion abgeschaltet. Was sind unsere Werte und wie praktiziert man sie? Darüber könnte man lange streiten. Stattdessen sehe ich mir Dolans exzellenten Film ein zweites Mal an. Pierre-Yves Cardinal ist ein schöner gefährlicher Mann und sein Francis verführt einen, sich mit Tom zu identifizieren.

Heute ist der 20. Dezember 2016. Die Fahndung läuft noch immer und ich werde doch nicht nach Potsdam fahren. Man muss nicht unbedingt durchs Berliner Zentrum, ich kann auch mit der Ringbahn zum Westkreuz und dort umsteigen. Das ist es nicht, sondern: Ich weiß, dass mein Kopf jetzt nicht klar genug ist für jene Bilder. Die wilden 80er Jahre? Wie lang das her ist, wie weit dahinten. Ich würde mich auf einmal alt fühlen. Wahrscheinlich fahre ich nach dem Essen ein Stück weiter nach Norden. Da ist ein Waldpark, den ich im Sommer bei großer Hitze manchmal besuche. Mal sehen, wie er heute wirkt.
 

FrankK

Mitglied
Lieber Arno
Ist das Freiheit: gemeinsam unter freiem Himmel Glühwein trinken? Nicht freie Wahlen, Demonstrationen, freie Meinungsäußerung?
"Freiheit" bedeutet (zumindest für mich) im Rahmen meiner Möglichkeiten das zu tun, was ich möchte, was mir in den Sinn kommt..
Wenn ich einen Weihnachtsmarkt besuchen möchte - dann tu ich das.
Wenn ich ein Fussballspiel besuchen möchte - dann tu ich das.
Wahlen, Demonstrationen, freie Meinungsäußerungen - all diese Dinge gehören dazu. Sobald ich aber aus Angst vor einem weiteren Akt sinnloser Gewalt mich einschränke - haben die anderen gewonnen, haben die anderen ihr Ziel erreicht.

"Freiheit nutzt sich ab,wenn du sie nicht nutzt."
-Reinhard Mey

In den meisten Online-Plattformen der großen Zeitungen ist die Kommentarfunktion abgeschaltet.
Das ist, so finde ich, auch gut so.

Was sind unsere Werte und wie praktiziert man sie?
Das ist eine gute Frage. Und sie ist nicht leicht zu beantworten.


Herzliche Grüße
Frank
 
Und Sie, wie haben Sie jenen Abend erlebt, wann haben Sie davon erfahren? – Mit leichter Verzögerung, habe einen Film angesehen, während es geschah und das Chaos begann. – Welchen Film? – Einen von Xavier Dolan: Sag nicht, wer du bist (Tom à la ferme), sah ihn zum ersten Mal, seltsames Zusammentreffen. Das ist ja ein Film über die Faszination des Bösen. Noch benommen von der Handlung schaltete ich den DVD-Player aus und war mitten in einer aktuellen Fernsehsendung. Dabei bin ich dann längere Zeit geblieben … Zwischendurch rief R. an, weinte viel. Es gelang mir, ihn zu beruhigen, weniger mit Argumenten (Wir leben ja noch, das hat man doch schon lange kommen sehen …), mehr durch den Klang der Stimme, nehme ich an.

Mäßig geschlafen und am anderen Morgen Erleichterung – sie haben den Täter! Ich ging in den Supermarkt nebenan einkaufen, später zur Bank. Nach dem Mittagessen den Roman weitergelesen, Gerbrand Bakkers Oben ist es still, feines Buch mit kleinen Fehlern, die nicht wirklich stören. So viel an Beobachtung, an Gedanken, und man kann sich hineinlesen, wie in einen weiten Raum, in dem man sich für lange Zeit einrichtet. Später rief ich T. an, meinen ältesten Freund überhaupt. Natürlich hatte er zum Breitscheidplatz fahren müssen und war enttäuscht worden, es gab nicht mehr viel zu sehen. Wir stimmten in allem überein, wir waren nicht schockiert – man hat das doch schon lange kommen sehen … Wir konnten sogar schon wieder über ganz anderes reden. Er hat ein schlechtes Gewissen, da er in letzter Zeit so selten Sport macht. Und ich war neulich beim Augenarzt, ich brauche keine neue Brille. Morgen, sage ich ihm noch, will ich mir eine Ausstellung in Potsdam ansehen. Wir wollen uns im Januar mal treffen. Dann rufe ich R. an, dem es besser geht. Ihn sehe ich schon Ende der Woche wieder.

Abends Ernüchterung: Sie hatten den Falschen und müssen weitersuchen. Ich registriere in den Medien die Rituale der Ermutigung. Mir kommen sie leer vor, aber vielleicht brauchen andere sie. Ich ärgere mich sogar ein wenig. Ist das Freiheit: gemeinsam unter freiem Himmel Glühwein trinken? Nicht freie Wahlen, Demonstrationen, freie Meinungsäußerung? In den meisten Online-Plattformen der großen Zeitungen ist die Kommentarfunktion abgeschaltet. Was sind unsere Werte und wie praktiziert man sie? Darüber könnte man lange streiten. Stattdessen sehe ich mir Dolans exzellenten Film ein zweites Mal an. Pierre-Yves Cardinal ist ein schöner gefährlicher Mann und sein Francis verführt einen, sich mit Tom zu identifizieren.

Heute ist der 21. Dezember 2016. Die Fahndung läuft noch immer und ich werde doch nicht nach Potsdam fahren. Man muss nicht unbedingt durchs Berliner Zentrum, ich kann auch mit der Ringbahn zum Westkreuz und dort umsteigen. Das ist es nicht, sondern: Ich weiß, dass mein Kopf jetzt nicht klar genug ist für jene Bilder. Die wilden 80er Jahre? Wie lang das her ist, wie weit dahinten. Ich würde mich auf einmal alt fühlen. Wahrscheinlich fahre ich nach dem Essen ein Stück weiter nach Norden. Da ist ein Waldpark, den ich im Sommer bei großer Hitze manchmal besuche. Mal sehen, wie er heute wirkt.
 
Lieber Frank, danke für deine guten Gedanken. Eine politisch-inhaltliche Diskussion führen wir hier lieber nicht, sonst - du weißt ja, was dann leicht passiert. Meine Absicht war nur, Alltagseindrücke aus der ersten Zeit nach dem Anschlag in Form eines Tagebuchtextes zu verarbeiten.

Jetzt habe ich noch das falsche Datum berichtigt. Nach zwei Nächten haben wir natürlich den 21. Dezember.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

kad sgard

Mitglied
hallo arno!
ich habe tatort gesehen als ein roter balken mir mitteilte: es ist geschehen.
was wir schon lange wussten.
und dennoch, es trifft mitten rein, menschen verlieren ihre angehörigen und opfer werden den rest ihres lebens mit den folgen kämpfen.

ich habe geweint ... vorgestern .. gestern ... heute nicht. heute war ich froh meine tochter zu sehen, die mir erklärte sie wäre gestern am potsdamer platz gewesen.
warum gestern, habe ich sie gefragt? weil sie sich nicht einschränken lässt.
sowas kann nur ein kind sagen, eine mutter sieht das anders.

ich bin entsetzt, es ist mein zuhause, hier bin geboren und aufgewachsen.
hier wurde meine tochter geboren als alles noch still war.

ich kann dich gut verstehen, auch ich denke oft an die 80er und wie angenehm alles war.
wie schnell die zeit vergangen ist und man sich an manchen tagen furchtbar alt fühlt.
doch wir tragen diese erinnerung in uns und die kann keiner von außen zerstören.

danke für deinen text und die gedanken.


lg kad
 
Danke, kad sgard, für deine Reaktion, die dem Text vollauf gerecht wird. Auf die Äußerung und den Austausch privater Verarbeitung des Schreckens in den ersten Tagen und Stunden danach kam es mir eben an.

Was mir gerade noch einfällt und wohl in ein Literaturforum passt: Wenn ich mir die letzten Stunden des polnischen Lkw-Fahrers vergegenwärtige, erscheint es mir mehr als müßig, in einem bestimmten Genre überhaupt noch Handlungen, Geschehnisse zu erfinden. Dieser reale Ablauf gehört mit zum Schrecklichsten, das ich mir vorstellen kann. Daraus einen Roman oder eine lange Erzählung zu machen, nahe angesiedelt an der Vorlage, das würde etwas bedeuten, vielleicht auch bewirken. (Selbst wäre ich dazu nicht imstande.)

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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