Besichtigung

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Besichtigung

Mir war dieser Museumsbesuch eigentlich von vorneherein zuwider, erst recht diese Aufforderung zum Verkleiden. Wie bei einem Theaterspiel, sagte der Museumsführer. Einen Hut aufsetzen, ein Tuch umbinden und schon seien die Besucher Teil der Ausstellung, erklärte er. Das sei im Eintrittspreis mit inbegriffen. Ich durchwühlte den Korb mit den Hüten, probierte lustlos einen roten, dann einen grünen, zog noch einen grauen heraus und schließlich keinen mehr. Meine Haare dufteten frisch gewaschen und das sollte so bleiben, ohne Hut.

„Wollen Sie nicht stattdessen eine seidene Stola oder Fausthandschuhe nehmen?“, schlug mir ein älterer Mann vor. Er warf sich gerade schwungvoll eine lila Federboa über den schwarzen Anzug und lächelte schalkhaft zu mir herüber.
Erstaunt schaute ich ihn genauer an und war mir sicher. Der katholische Priester stand vor mir, ein undurchsichtiger Mensch, dem ich schon einmal in diesem Haus begegnet war.
Ich lehnte kopfschüttelnd ab, zählte dem Museumsführer mein Eintrittsgeld auf den Cent genau hin und erhielt einen „Bezahlt“-Stempel auf den linken nackten Handrücken.

Hier im Hauseingang roch es modrig und zugleich nach Abfall und Heizungsöl. Aber das störte wohl niemanden. Mir wurde beinahe übel davon. Am liebsten wäre ich wieder umgekehrt, weggelaufen, hätte über den von hohem Gras und Gestrüpp überwucherten Vorgartenweg das Weite gesucht - wie damals. Doch das wäre feige. Dies hier war eine Gelegenheit, um unauffällig meinem Verdacht nachzugehen und Material zu sammeln. Also riss ich mich zusammen und stieg mit den anderen Besuchern die Stufen hinauf bis zur gläsernen Wohnungstür.

Der Türkranz mit seinen längst verwelkten, eingestaubten Sommerblumen und der verblichenen Schleife hing immer noch da - trauriges Relikt einer fröhlicheren Zeit. Und ein massiver Rollstuhl neben der Tür erinnerte daran, dass das Leid vor diesem Haus nicht Halt gemacht hatte.
Wir befänden uns im Wohnhaus der Familie Hafflerog, das glücklicherweise noch im ursprünglichen Zustand mit dem Originalinventar erhalten werden konnte, erklärte der Führer. Zuletzt bewohnte der Witwer Lorenz Hafflerog bis vor zwei Jahren diese untere Etage alleine. Das Obergeschoss sei an die Nichte vermietet worden.

Der Kranz schaukelte, als der Museumsführer die Etagentür öffnete. Wir drängelten uns in den engen, langgestreckten Flur hinein.
Wie den meisten bekannt sei, habe der Ehrenbürger Lorenz Hafflerog über sechzehn Jahre lang seine völlig gelähmte Frau bis zu deren Tod in dieser Wohnung gepflegt, erklärte er. Eine großartige Leistung, die dieser Mann neben seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement vollbracht habe. Dieses Haus diente schon lange als privat betriebene Erinnerungsstätte für Frau Hafflerog. Da es aber darüber hinaus einige für die Allgemeinheit bedeutsame Sehenswürdigkeiten beherberge und Lorenz Hafflerog aufgrund seines Alters den Museumsbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten konnte, sei nun die Stadt in die Bresche gesprungen.

Der Führer wollte die Eingangstür hinter mir zuziehen. Deshalb trat ich zur Seite, stolperte aber über einen der drei verwaschenen Flickenteppiche auf dem Flur und wäre hingefallen, wenn mich nicht der Priester rechtzeitig am Ärmel festgehalten hätte.
„Das ist mir auch schon oft passiert, wenn ich hier zu Besuch war“, meinte er nachsichtig. Dann streckte er sich zu den Tannenzweigen an der Flurdecke, die als Weihnachtsschmuck aus vergangenen Zeiten vor sich hin trockneten. Und als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre, griff er eine rote Christbaumkugel heraus und hängte sie sich zum Spaß in das Loch in seinem rechten Ohrläppchen.
„Wollen Sie auch eine?“, fragte er und nahm noch eine silberne Kugel herunter. Nein, ich wollte nicht.
„Oder Sie?“ Er hielt sie einer jungen Frau hin. Das sei ja eine spaßige Idee, meinte sie munter und befestigte die Kugel an ihrem Schal. Dann nahm er noch einen schwarzen Filzhut vom Garderobenständer, setzte ihn voller Übermut schief auf seinen Kopf und amüsierte sich über mein kritisches Stirnrunzeln.
„Ich darf das, glauben Sie mir. Es ist doch alles nur ein Spiel“, scherzte er. „Nehmen Sie es nicht so tragisch und ernst.“
Solche Späße waren mir zu albern und unpassend für einen Priester. Schließlich war Fastnacht lang vorbei. Und außerdem glaubte ich im Moment eher an den Ernst des Lebens.

Wie man sehen könne, seien die schwarzen Schleifspuren der Rollstuhlräder wieder freigelegt worden, fuhr der Museumsführer fort. Eine ehemalige Lebensgefährtin des Hausherrn habe bei Renovierungsarbeiten diese markanten Einfärbungen der Tapete unvorsichtigerweise beinahe zerstört. Nun habe man sie wieder herausarbeiten können. Auch die Lackschäden an den Türblättern und Türrahmen seien noch im Original erhalten. Interessiert und nahezu andächtig standen die Besucher davor.

Ich betrachtete missmutig die verunstalteten Stellen und malte mir zum wiederholten Mal aus, wie oft der Rollstuhl wohl gegen die Wand gefahren worden war. Und ich dachte einmal mehr an die beiden Menschen, die hier in einander verflochten über Jahrzehnte lebten: Lorenz Hafflerog und seine Ehefrau. Sie, die zuletzt gänzlich hilflos auf ihren Mann angewiesen war, abhängig von dessen Können oder Nichtkönnen, von seiner Geduld oder Ungeduld und von seinem Einfühlungsvermögen, eine Göttin und gelähmte Geliebte, der er Tag und Nacht diente, aber die ihm auch widerstandslos ergeben war. Er, in dessen Hand ihr Schicksal lag, der plante und entschied und funktionierte, mächtig wie ein Leben spendender Gott. Wie schillernd und beunruhigend Beziehungen doch sein können!

„Wollen Sie nicht einen Blick in die Küche werfen?“ Der Priester öffnete die Küchentür. Ein übler, strenger Geruch nach vergammelten Lebensmitteln und miefiger Wäsche, die zusammengeknüllt noch in der geöffneten Waschmaschine lag, kam mir entgegen. Ich riss das Fenster auf. Mein Blick fiel auf die Anrichte und den Herd.
„Versuchen Sie nicht, die verschmutzten Teller und Töpfe zu zählen“, riet mir mein Begleiter, „Sie würden verzweifeln.“
Zählen? Meinte er nicht eher abspülen? Aufräumen? Schimmel, Fliegen und Käfer beseitigen, schmierige Flecken wegputzen? Essensreste wegwerfen? Die Gardinen waschen?
„Sie wissen doch. Der Originalzustand soll erhalten bleiben.“
Wie befremdlich, dieses unappetitliche Haus, in dem ich schon einmal vergeblich meine Rolle gesucht und nicht gefunden hatte, als ein Museum auszugeben, als Kulisse für ein Spiel, in dem alle außer mir eifrig und unbekümmert mitspielten: Die übrigen Besucher unter fremden Hüten und in fremden Handschuhen und ein Priester mit Federboa.
Dieser warf spielerisch einen Schlüssel hoch und fing ihn wieder auf. Er hatte ihn aus einer mit Schlüsseln und weiterem Krimskrams überfüllten Schublade herausgezogen.
„Erinnern Sie sich? Lorenz suchte doch immer nach seinem Schlüssel zwischen all dem Zeugs, was sich so im Laufe der Zeit angesammelt hatte“, sagte er. „Wie ist es - passt dieser Schlüssel nicht zu Ihrer Haustür?“
Er hielt mir mit herausforderndem Blick einen unscheinbaren Allerweltsschlüssel hin. Zögernd nahm ich ihn aus seiner Hand und erkannte ihn wieder. Er gehörte tatsächlich zu meiner alten Wohnungstür.
„Sie kommen einfach als unauffällige Museumsbesucherin herein, und hier liegt Ihr Haustürschlüssel. Wie passt das zusammen?“, fragte er mit gespielter Verwunderung.
„Die Welt ist voller Rätsel und Widersprüche“, antwortete ich ausweichend.
Er schaute mich prüfend an.
„Welche Rolle haben Sie sich für heute zurechtgelegt? Immer noch: Die Frau, die sich verweigert? Immer noch: Die Frau, die ihren Duft nicht verlieren will?“
Ein Spötter ist er in der Verkleidung eines Priesteranzugs, dachte ich verdrossen.
„Geht es um einen Wettbewerb? Wer am besten schauspielert, hat gewonnen? Oder wer den anderen am ehesten bloß stellen kann, ist Sieger?“, fragte ich spitz zurück. „So viel ich weiß, enthält diese Schublade viel Wertvolleres als diesen alten Schlüssel“, behauptete ich und hatte nach ein paar Griffen meinen Verlobungsring wieder gefunden. Ich steckte ihn in meine Tasche.
„Als ehemalige Wochenendliebe des Hausherrn darf ich das“, erklärte ich schnippisch und verließ die Küche. Der Priester schloss schweigend erst das Fenster und dann die Tür und folgte mir.

Die Besuchergruppe war inzwischen ins Arbeitszimmer gegangen. Nichts hatte sich geändert, seitdem ich das letzte Mal hier war. Immer noch versperrten Cotoneasterzweige, die aus dem Garten wild empor rankten, die freie Sicht aus dem Fenster. Sie ließen nur diffuses Licht herein. Wie abgeschirmt von der Außenwelt kam ich mir hier immer vor. Eine unangenehme Atmosphäre lag über dem Raum. Ich kann Cotoneaster nicht leiden. Noch nicht einmal als Grabbepflanzung wollte ich ihn haben, erst recht nicht in meinem Garten. Hartnäckig ist er wie Löwenzahn, Brennnesseln oder Schachtelhalm, die immer wieder nachwachsen, die ich nie ausrotten konnte.

Dieser Raum sei ein eindrucksvolles Beispiel für das kulturelle und künstlerische Interesse des Ehepaares, erklärte der Führer. Abgesehen von dem überaus reichhaltigen Bücherbestand, der sowohl Fachliteratur als auch Belletristik umfasse, solle man sein Augenmerk besonders auf das farbenfrohe Bildnis einer modernen Venus richten.
Das einzig Farbenfrohe in diesem düsteren Raum sind die Besucher mit ihren bunten Hüten und Schals, dachte ich bitter. Sie bückten oder streckten sich eifrig, um die Titel der Buchrücken zu lesen. Andere betrachteten tatsächlich eingehend das Bild in der linken Zimmerecke neben dem Fenster. Einige Besucher waren so angetan davon, dass sie sich stolz neben dem Bildnis fotografieren ließen. Dabei hing da nur ein billiges Poster mit einer Nacktdarstellerin in erotischer Pose.

Erotik sei ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens, dozierte der Museumsführer. Diese Einsicht habe das Ehepaar in seiner Wohnung bewusst und stilsicher integriert. Auch die rote Rose, die auf dem übergroßen, gemeinsam genutzten Schreibtisch lag, sei ein greifbares Beispiel dafür.
„Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden“, summte der Priester leise vor sich hin und zwinkerte mir zu. Ich schaute ihn grimmig an. Mussten solche geschmacklosen Anspielungen wirklich sein?

Inzwischen hatte der Museumsführer die zweiteilige Falttür zum Wohnzimmer aufgeschoben. Tief beeindruckt standen die Besucher nun vor einer Krippenlandschaft, die sich über das gesamte Wohnzimmer und einen Teil des angrenzenden Esszimmers erstreckte.
Die Museumsleitung sei froh, dass Herr Hafflerog vor seinem Umzug ins Pflegeheim seine Weihnachts- Krippe stehen gelassen habe, erklärte der Museumsführer. Er hätte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr abbauen können, weil ihm die Kraft gefehlt habe. Sie umfasse eine Fläche von etwa sechzehn Quadratmetern. Jedes Jahr habe er sie innerhalb von vierzehn Tagen aufgebaut. Sie bestünde aus mehr als vierundvierzig Figuren, die er zusammen mit seiner kranken Frau geschaffen habe, als Therapie sozusagen, damit sie das Sprechen wieder lerne und sie beide ein gemeinsames Projekt hätten.
Die Besucher konnten sich nicht satt sehen, betrachteten das Wunderwerk von allen Seiten und fotografierten unentwegt die vielen Details: die Hirten am glühenden Holzfeuer, dazu die Schafe, eine bunt gekleidete Menschengruppe mit Kindern auf dem Weg zum Stall, die Weisen aus dem Morgenland mit ihrem Gefolge und den Tieren, eine weißgekleidete Engelschar mit vielerlei Instrumenten über dem Stall, in der die Heilige Familie Platz gefunden hatte.

Früher mochte ich diese Krippe. Sie strahlte Wärme aus und regte meine Phantasie an. Doch inzwischen hatte mein Misstrauen gegenüber allem, was zu diesem Haus gehörte, die Oberhand. Ich blieb distanziert und kühl abseits stehen, lehnte mich an die Türöffnung zum Flur und beobachtete den Priester. Er hängte seinen seltsamen Ohrschmuck zurück in die Tannenzweige und legte den Hut ordentlich auf den Ständer zurück. Nur die Federboa behielt er.
„Sind Sie für längere Zeit zu Besuch?“, fragte er.
„Ich bin auf der Durchreise“, antwortete ich ausweichend.
„Sie haben sich zwar nicht verkleidet, doch Sie spielen mir etwas vor, behaupte ich mal kühn.“
„Sie doch auch“, antwortete ich gereizt.
„Wollen wir nicht die Masken fallen lassen?“
Ich antwortete mit einem entschiedenen „Nein“.

Die Besuchergruppe zog an uns vorbei zum Badezimmer. Auch hier blieb die ursprüngliche Einrichtung erhalten, hieß es. Handtücher und Waschlappen hingen wie jeher griffbereit da. Auf der Spiegelablage und dem Fensterbett könne man noch Rasierwasser, Duschgels, Puderdosen und Salbentuben der Familie Hafflerog entdecken.
Neugierig warfen die Besucher einen Blick in den schwarz gekachelten Raum. Man betrachtete sich im Spiegel, inspizierte die Flaschen und Tuben, fachsimpelte über die Armaturen in der Duschkabine oder machte Vorschläge, wie man die Kalkablagerungen aus der Badewanne und dem Waschbecken entfernen könne.
Als Besonderheit hätte man sogar die Zahnbürste der verstorbenen Ehefrau wieder finden können. Die ehemalige Lebensgefährtin des Hausherrn empfand es als unästhetisch, sich die Zähne angesichts der benutzten Bürste ihrer Vorgängerin zu putzen, und hätte sie weggeworfen.
Verständnislos schüttelten die Besucher den Kopf. Wie konnte jemand nur so gefühllos sein, tuschelten sie. Mir war es egal, was man von mir dachte. Ich fand es im Gegenzug höchst erstaunlich, welch voyeuristisches Interesse die Besucher an solch intimen Badezimmerdingen hatten.

Als nächstes öffnete der Museumsführer die Tür zum Schlafzimmer. Man solle hier besonders auf die Fotos an der Wand achten, sagte er. Es handele sich um Aufnahmen, die Lorenz Hafflerog von seiner verstorbenen Ehefrau gemacht habe. Drei Tage lang hätte er die Tote im Schlafzimmer aufgebahrt und ihren Leichnam mit fünfzig roten Rosen bedeckt und so fotografiert. Die Fotos seien nun vergrößert, eingerahmt und im Schlafzimmer ausgestellt worden. Ursprünglich lagen sie auf dem Nachttisch des Witwers. Er wollte sie jederzeit griffbereit haben, um auf diese Weise der Verstorbenen auch nach ihrem Tod nahe zu sein.

Ich hatte mich schon immer vor diesen kleinformatigen Abzügen gegruselt. Dass die Leute heute ergriffen die vergrößerten Bilder betrachteten, diesen grausigen Teil einer morbiden Inszenierung, konnte ich nicht verstehen. Auch schien sich niemand an dem Gestank nach getragenen Schuhen im Zimmer zu stören, niemand beachtete das ungemachte Bett, die umhergeworfenen Kleidungsstücke und das wacklige Schuhregal hinter der Schlafzimmertür. Dass ich von einigen Details Aufnahmen machte, fiel auch nicht auf.

Zur Krönung seiner Liebe habe Lorenz Hafflerog seiner Frau ein steinernes Toten-Denkmal im Keller erbaut, verkündete der Museumsführer. Ein bestimmter Raum habe sich dafür besonders geeignet.
„Im Keller?“, wunderte sich ein Besucher, während wir die Treppe hinabstiegen.
„Unglaublich!“, schwärmte eine Besucherin, die als erste den Kellerraum betrat. Sie postierte sich sogleich vor einen ungeordneten Steinhaufen, der das angepriesene Denkmal darstellen sollte, setzte ihren Hut zurecht, färbte die Lippen noch einmal rot nach und ließ sich fotografieren. Nichts als Bauschutt war es, vor fünfzig Jahren beim Errichten des Hauses aus Kostengründen hierhin geschaufelt. Darauf thronte ein Durcheinander von verstaubten Marmeladen- und Einmachgläsern mit toten Fliegen, Spinnen und Kerzenresten. Wachstropfen sah ich, vertrocknete Rosenblätter verteilt auf den Steinen und dazwischen - nur für den genauen Betrachter zu erkennen - ein unscheinbares, graues Haarbüschel. Ich fotografierte viel zu viel. Meine Batterieanzeige blinkte schon warnend.
„Die Fellreste einer verendeten Ratte interessieren Sie? Seltsam“, witzelte der Priester. Sarkastischer konnte man diese ganze Sache nicht umschreiben.
„Brauchten Sie Belege für Ihren Verdacht?“
Erbost blickte ich ihn an und schwieg.

Wir verließen das Haus und gingen zum Friedhof, um die Grabstelle der Ehefrau zu besuchen. Ich hatte mir vorgestellt, einen imposanten Grabstein mit einer eindrucksvollen Blütenpracht vor zu finden. Hier lag immerhin die Frau eines angesehenen Mannes begraben. Stattdessen standen wir vor einem trostlosen Stückchen Erde, wiederum von Cotoneaster heillos überwuchert und von armseligen Gänseblümchen und kratzigen Grasbüscheln bewachsen. Eine verkümmerte Trauerweide breitete ihre trockenen Äste darüber. Ein kalter Wind rüttelte an den bunten Hüten und Schals der Besucher, die sich stumm und ernst um das Grab gestellt hatten. Es begann zu regnen. Mit klammen Fingern machte ich die letzten Aufnahmen für diesen Tag. Mehr brauchte ich auch nicht, mehr ging nicht, die Batterie war leer.
Man habe alles im ursprünglichen Zustand gelassen, hieß es wiederum. Wie ich diesen Satz verabscheute! Ja, es hatte sich wirklich nichts verändert.

„Meine Verehrung.“ Der Priester stand unvermittelt vor mir, verbeugte sich und überreichte mir einen Strauß roter Rosen. Unüberlegt wie damals nahm ich ihn entgegen. Und ich ärgerte mich genauso wie damals über solch einen völlig zusammenhanglosen, deplatzierten Annäherungsversuch. Oder gehörte diese Geste zu diesem schauerlich inszenierten Theaterstück? Sollte es ein Lustspiel sein? Ein Trauerspiel? Ein böses Spiel? Ich konnte das Verhalten des Priesters noch nie deuten. Unangenehm berührt zupfte ich ein Rosenblatt ab, dann weitere, danach einzelne Blütenköpfe, immer weiter und weiter, bis alle in der Pfütze um meine nassen Schuhe schwammen. Die nackten Stängel warf ich hinter mich.
„Warum tun Sie sich das an? Aus Lust an Selbstzerstörung? Oder um ihr Selbstmitleid zu pflegen? Anscheinend fühlen Sie sich wohl dabei. Oder?“, fragte er.
Seine arrogante, bissige Art machte mich wütend.
„Sind Sie denn alle blind gegenüber dem, was in diesem Haus geschah?“, brach es aus mir heraus. „Diese krankhafte Vergötterung einer Frau, neben der nichts anderes Platz hatte, dieses Schönreden eines absonderlichen Lebens, diese museale Zurschaustellung des verkommenen Haushaltes eines Mannes, der in dieser Unordnung und in solchem Dreck lebte, aber sich in Szene zu setzen und seine egomanischen Absichten gut zu kaschieren wusste. Das ist doch alles verlogen, abstoßend und krank. Und Sie unterstützen nach wie vor dieses ganze Lügengebäude!“
„Ich trete nur dann auf, wenn es meine mir zugewiesene Rolle erfordert. Und außerdem: Sie müssen doch zugeben, dass andere im Gegensatz zu Ihnen begeistert auf das reagieren, was Sie als abstoßend, verlogen und krank empfinden“, antwortete er provokant.
„Wie in einem absurden Theaterstück! Und jeder macht blindlings mit. Die sind doch alle verrückt! Sie auch!“, schrie ich ihn an.
„Wie gut Sie das wissen! Und Sie? Sind Sie nicht verrückt? Ihre Rückkehr und ihre krankhafte Spurensuche sind doch ein beredtes Zeichen dafür, dass mit Ihnen einiges nicht stimmt“, rief er mir im Weggehen zu, legte seine Federboa am Eingang des Friedhofs ab und verließ mit den anderen Besuchern das Gelände. Zornig und fassungslos blieb ich zurück an einem Grab, das nach meinem Dafürhalten leer war.
 
A

aligaga

Gast
Diese „Erzählung“ ist recht sorgfältig geschrieben und bemüht sich immer wieder, den Leser in „etwas“ hineinzuziehen, was aber wegen eines fehlenden Plots und der kaum vorstellbaren Szenerie (die schmutzige, miefige Wohnung eines Kleinbürgers soll ein „Museum“ für etwas sein, das nicht erkennbar wird) nicht so recht gelingen will. Da hilft auch der ein bisschen unappetitliche Firlefanz mit den Hüten, den Glaskugeln und Tüchern und der spätere Rosenstrauß nicht weiter.

Letztlich kommt die Sache herüber als sei’s ein Traum, der dem mit sich selbst kokettierenden lyrischen Ich bei der Aufarbeitung eines (Kindheits?)traumas behilflich sein und bei dem der Leser als schweigender Zeuge herhalten soll.

Was immer mit diesem Stückerl aufgearbeitet werden möchte – ich glaube nicht, dass sich ein Leser von dieser "Besichtigung" wirklich berühren lassen kann. Er schüttelt eher den Kopf, vor allem dann, wenn er in seinem Leben schon mal in einem personenbezogenen „Museum“ unterwegs war. Es gibt ein paar Tausend solcher Gedenkstätten, aber die sehen alle ganz anders aus als diese und haben einen Hintergrund, der öffentlich interessiert.

G’schichtln über schlecht verarbeitete Kindheitstraumata dagegen, in denen, so wie hier, die persönliche Befindlichkeit des lyrischen Ichs wichtig gemacht und in den Mittelpunkt gestellt werden, gibt’s Millionen. Und die hört man sich nur dann wirklich noch an, wenn sie ein bisschen spannend und ausgefallen sind. Oder wenn sie eine bemerkenswerte Botschaft haben.

Sorry, aber das ist hier alles eher nicht der Fall. Deshalb der Tipp: Aus dem Stoff etwas Interessanteres machen, notfalls einen „echten“ Alptraum.

Gruß

aligaga
 
S

steky

Gast
Hallo, Mistralgitter!

Ich schließe mich an, Deine Erzählung ist sehr sauber und ohne Hektik geschrieben.

Ich habe nur einen Tipp für Dich, der sich auf diese Rede bezieht:

„Sind Sie denn alle blind gegenüber dem, was in diesem Haus geschah?“, brach es aus mir heraus. „Diese krankhafte Vergötterung einer Frau, neben der nichts anderes Platz hatte, dieses Schönreden eines absonderlichen Lebens, diese museale Zurschaustellung des verkommenen Haushaltes eines Mannes, der in dieser Unordnung und in solchem Dreck lebte, aber sich in Szene zu setzen und seine egomanischen Absichten gut zu kaschieren wusste. Das ist doch alles verlogen, abstoßend und krank. Und Sie unterstützen nach wie vor dieses ganze Lügengebäude!“
Baue sie weiter aus, versuche, eine lange, ekstatische Schlussrede zu schreiben, die eine Lösung oder eine Botschaft enthält - und lasse alles, was danach kommt, weg. Eine Lösung erfordert allerdings einen langen Denkprozess, eine intensive Auseinandersetzung.

So viel von meiner Wenigkeit.

LG
Steky
 
Hallo aligaga
Hallo Steky,

eure Kommentare sind mir wichtig, als Verfasser des Textes zu erfahren, wie kommt so etwas an, was liest der Leser und was liest er nicht daraus... Eure Kommentare sind sehr nachdenkenswert. Vielen Dank.
Selten (bisher eher nie) sind meine Texte in meinen Augen fertig. Es gibt immer etwas daran zu "basteln", wenn man sie nach einer Weile wieder liest. Es ist nur im Moment die bisher bestmögliche Fassung, zu der ich fähig war und die ich deswegen einer Öffentlichkeit vorstelle.

Für mich stellt sich auch das Problem, dass ich vermute, viel zu viel - auch an Doppelbödigem - in einen verhältnismäßig kurzen Text gepackt zu haben.
Mal sehen, was mir dazu in nächster Zeit noch einfällt (Kürzung? Dehnung? Ein Plot?) - und vielleicht verschwindet er auch für eine Weile wieder... wer weiß?
LG
Mistralgitter
 

ThomasStefan

Mitglied
Hallo Mistralgitter
Auch bin ziemlich ratlos ans Ende deines langen Textes gelangt. Sprachlich alles sehr sauber, nur darum bleibt man am Text, aber leider kommt keine Auflösung.
Dass die Story einer Realität entspringen könnte, ist kaum vorstellbar. Vielleicht als Science Fiction, in einer Welt, in der Alte und Gebrechliche nur noch von Maschinen „gewartet“ werden und man hier daher die Wohnung des letzten Menschen zeigt, der noch selbst seine Frau gepflegt hat. Sonst ist ja das Interesse der Besucher kaum erklärbar.
Oder ist die Story doch der Irrealität, etwa der eines Traums, entsprungen, in dem Vorkommnisse der Prota verarbeitet werden sollen? Sie kehrt ja offenbar wiederholt an einen Platz zurück, den sie von früher genauestens kennt, an dem sie geliebt und gelitten hat.
Egal wie, man wünscht sich Erklärungen.
Ein bisschen erinnert mich das Ganze an eine Fernsehserie aus den Sechzigern, „Nummer 6“. Ein Geheimagent gefangen auf einer Insel in einer irrealen Kunstwelt. Aber dieser suchte in dieser Welt immer nach Erklärungen und wollte aus ihr fliehen, immer vergeblich, und damit war man als Zuseher immer auf seiner Seite.
Bei dir möchte man die Prota verstehen, aber du und sie, ihr lasst es nicht zu.
Gruß, Thomas
 
verstehen können

Hallo Thomas,
Danke für deinen Kommentar.
Es war im Zuge der Ausarbeitung des Textes tatsächlich eine meiner Überlegungen, das Ganze als einen Alptraum darzustellen. Vielleicht war das die richtigere, weil für den Leser besser zu begreifende Idee.
Dennoch frage ich mich, ob ein Text so gestaltet sein sollte, dass es am Ende eine Auflösung geben MUSS.
Ich weiß, dass die Prot nicht einfach zu durchschauen sind - es ist bleibt vieles im Dunklen. Ich hab es erst einmal in Kauf genommen, um zu sehen, wie weit man als Autor gehen kann, ob die Leser noch mit dabei sind oder ob sie abschalten.
Dein Kommentar und die beiden bisherigen Kommentare sind sich darin einig: Der Text scheint nicht anzukommen.
Ich denke weiter darüber nach.
Viele Grüße
Mistralgitter
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Mistralgitter,

ich glaube, man kann nicht sagen, dass der Text „nicht ankommt“. Wie Dir alle bisherigen Kommentatoren bestätigt haben, ist er sauber, sorgfältig und auch recht spannend geschrieben. Der Leser kann viel hinein interpretieren – ist die Erzählerin eine Art Untote oder ist das Ganze wirklich nur ein Traum? Als Traum habe ich die Geschichte gesehen, und das hat mir sehr gut gefallen.
Vielleicht braucht es wirklich nur einen etwas anderen Schluss, mit dem Du (zumindest ansatzweise) Erklärungen lieferst.

Gruß Ciconia
 
Danke, Ciconia,für deine Anmerkung.
das mit dem Nichtankommen beim Leser hatte ich auch eher inhaltlich gemeint, dabei aber die anerkennenden Worte über den Schreibstil nicht überlesen. Und mich darüber natürlich gefreut!
Ich suche mal nach meiner ersten Version - die mit dem Traum-Ende. Aber ich werde sie erst in ein paar Tagen einstellen können, da ich im Moment an einem anderen Projekt arbeite.
LG
Mistralgitter
 
S

steky

Gast
Meiner Meinung nach braucht man bei der Handlung ansich gar nichts verändern. Was hier fehlt ist ein überzeugender Schluss, aufgebaut auf emotionaler Reife. Dann wäre der Text in meinen Augen perfekt.

LG
Steky
 
Emotionale Reife ist ein großes Wort. Ob das den Prot möglich ist? Es stimmt schon, dass man als Leser eine "Lösung" erwarten kann, die hier offensichtlich nicht gegeben zu sein scheint - oder doch? Sie ist vielleicht nicht so "knallig", wie es üblich ist.
Aber ich denke weiter darüber nach ... mit Sicherheit!
 
S

steky

Gast
Stimmt, das ist tatsächlich ein großes Wort - und nichts, das man eben mal so ausbessert. Aber manche Texte brauchen eben Zeit, um zu reifen.
Bis dahin brauchst Du Dich mit dieser Version nicht zu verstecken!
Ich kann es auch nicht besser.

LG
Steky
 
Wenn ich Zeit habe, wie schon angedeutet, werde ich mal meine Erstversion begucken, die hatte einen anderen Schluss. Deine Worte aber trösten mich bis dahin. Danke
 
Besichtigung

Mir war dieser Museumsbesuch eigentlich von vorneherein zuwider, erst recht diese Aufforderung zum Verkleiden. Wie bei einem Theaterspiel, sagte der Museumsführer. Einen Hut aufsetzen, ein Tuch umbinden und schon seien die Besucher Teil der Ausstellung, erklärte er. Das sei im Eintrittspreis mit inbegriffen. Ich durchwühlte den Korb mit den Hüten, probierte lustlos einen roten, dann einen grünen, zog noch einen grauen heraus und schließlich keinen mehr. Meine Haare dufteten frisch gewaschen und das sollte so bleiben, ohne Hut.

„Wollen Sie nicht stattdessen eine seidene Stola oder Fausthandschuhe nehmen?“, schlug mir ein älterer Mann vor. Er warf sich gerade schwungvoll eine lila Federboa über den schwarzen Anzug und lächelte schalkhaft zu mir herüber.
Erstaunt schaute ich ihn genauer an und war mir sicher. Der katholische Priester stand vor mir, ein undurchsichtiger Mensch, dem ich schon einmal in diesem Haus begegnet war.
Ich lehnte kopfschüttelnd ab, zählte dem Museumsführer mein Eintrittsgeld auf den Cent genau hin und erhielt einen „Bezahlt“-Stempel auf den linken nackten Handrücken.

Hier im Hauseingang roch es modrig und zugleich nach Abfall und Heizungsöl. Aber das störte wohl niemanden. Mir wurde beinahe übel davon. Am liebsten wäre ich wieder umgekehrt, weggelaufen, hätte über den von hohem Gras und Gestrüpp überwucherten Vorgartenweg das Weite gesucht - wie damals. Doch das wäre feige. Dies hier war eine Gelegenheit, um unauffällig meinem Verdacht nachzugehen und Material zu sammeln. Also riss ich mich zusammen und stieg mit den anderen Besuchern die Stufen hinauf bis zur gläsernen Wohnungstür.

Der Türkranz mit seinen längst verwelkten, eingestaubten Sommerblumen und der verblichenen Schleife hing immer noch da - trauriges Relikt einer fröhlicheren Zeit. Und ein massiver Rollstuhl neben der Tür erinnerte daran, dass das Leid vor diesem Haus nicht Halt gemacht hatte.
Wir befänden uns im Wohnhaus der Familie Hafflerog, das glücklicherweise noch im ursprünglichen Zustand mit dem Originalinventar erhalten werden konnte, erklärte der Führer. Zuletzt bewohnte der Witwer Lorenz Hafflerog bis vor zwei Jahren diese untere Etage alleine. Das Obergeschoss sei an die Nichte vermietet worden.

Der Kranz schaukelte, als der Museumsführer die Etagentür öffnete. Wir drängelten uns in den engen, langgestreckten Flur hinein.
Wie den meisten bekannt sei, habe der Ehrenbürger Lorenz Hafflerog über sechzehn Jahre lang seine völlig gelähmte Frau bis zu deren Tod in dieser Wohnung gepflegt, erklärte er. Eine großartige Leistung, die dieser Mann neben seinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement vollbracht habe. Dieses Haus diente schon lange als privat betriebene Erinnerungsstätte für Frau Hafflerog. Da es aber darüber hinaus einige für die Allgemeinheit bedeutsame Sehenswürdigkeiten beherberge und Lorenz Hafflerog aufgrund seines Alters den Museumsbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten konnte, sei nun die Stadt in die Bresche gesprungen.

Der Führer wollte die Eingangstür hinter mir zuziehen. Deshalb trat ich zur Seite, stolperte aber über einen der drei verwaschenen Flickenteppiche auf dem Flur und wäre hingefallen, wenn mich nicht der Priester rechtzeitig am Ärmel festgehalten hätte.
„Das ist mir auch schon oft passiert, wenn ich hier zu Besuch war“, meinte er nachsichtig. Dann streckte er sich zu den Tannenzweigen an der Flurdecke, die als Weihnachtsschmuck aus vergangenen Zeiten vor sich hin trockneten. Und als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre, griff er eine rote Christbaumkugel heraus und hängte sie sich zum Spaß in das Loch in seinem rechten Ohrläppchen.
„Wollen Sie auch eine?“, fragte er und nahm noch eine silberne Kugel herunter. Nein, ich wollte nicht.
„Oder Sie?“ Er hielt sie einer jungen Frau hin. Das sei ja eine spaßige Idee, meinte sie munter und befestigte die Kugel an ihrem Schal. Dann nahm er noch einen schwarzen Filzhut vom Garderobenständer, setzte ihn voller Übermut schief auf seinen Kopf und amüsierte sich über mein kritisches Stirnrunzeln.
„Ich darf das, glauben Sie mir. Es ist doch alles nur ein Spiel“, scherzte er. „Nehmen Sie es nicht so tragisch und ernst.“
Solche Späße waren mir zu albern und unpassend für einen Priester. Schließlich war Fastnacht lang vorbei. Und außerdem glaubte ich im Moment eher an den Ernst des Lebens.

Wie man sehen könne, seien die schwarzen Schleifspuren der Rollstuhlräder wieder freigelegt worden, fuhr der Museumsführer fort. Eine ehemalige Lebensgefährtin des Hausherrn habe bei Renovierungsarbeiten diese markanten Einfärbungen der Tapete unvorsichtigerweise beinahe zerstört. Nun habe man sie wieder herausarbeiten können. Auch die Lackschäden an den Türblättern und Türrahmen seien noch im Original erhalten. Interessiert und nahezu andächtig standen die Besucher davor.

Ich betrachtete missmutig die verunstalteten Stellen und malte mir zum wiederholten Mal aus, wie oft der Rollstuhl wohl gegen die Wand gefahren worden war. Und ich dachte einmal mehr an die beiden Menschen, die hier in einander verflochten über Jahrzehnte lebten: Lorenz Hafflerog und seine Ehefrau. Sie, die zuletzt gänzlich hilflos auf ihren Mann angewiesen war, abhängig von dessen Können oder Nichtkönnen, von seiner Geduld oder Ungeduld und von seinem Einfühlungsvermögen, eine Göttin und gelähmte Geliebte, der er Tag und Nacht diente, aber die ihm auch widerstandslos ergeben war. Er, in dessen Hand ihr Schicksal lag, der plante und entschied und funktionierte, mächtig wie ein Leben spendender Gott. Wie schillernd und beunruhigend Beziehungen doch sein können!

„Wollen Sie nicht einen Blick in die Küche werfen?“ Der Priester öffnete die Küchentür. Ein übler, strenger Geruch nach vergammelten Lebensmitteln und miefiger Wäsche, die zusammengeknüllt noch in der geöffneten Waschmaschine lag, kam mir entgegen. Ich riss das Fenster auf. Mein Blick fiel auf die Anrichte und den Herd.
„Versuchen Sie nicht, die verschmutzten Teller und Töpfe zu zählen“, riet mir mein Begleiter, „Sie würden verzweifeln.“
Zählen? Meinte er nicht eher abspülen? Aufräumen? Schimmel, Fliegen und Käfer beseitigen, schmierige Flecken wegputzen? Essensreste wegwerfen? Die Gardinen waschen?
„Sie wissen doch. Der Originalzustand soll erhalten bleiben.“
Wie befremdlich, dieses unappetitliche Haus, in dem ich schon einmal vergeblich meine Rolle gesucht und nicht gefunden hatte, als ein Museum auszugeben, als Kulisse für ein Spiel, in dem alle außer mir eifrig und unbekümmert mitspielten: Die übrigen Besucher unter fremden Hüten und in fremden Handschuhen und ein Priester mit Federboa.
Dieser warf spielerisch einen Schlüssel hoch und fing ihn wieder auf. Er hatte ihn aus einer mit Schlüsseln und weiterem Krimskrams überfüllten Schublade herausgezogen.
„Erinnern Sie sich? Lorenz suchte doch immer nach seinem Schlüssel zwischen all dem Zeugs, was sich so im Laufe der Zeit angesammelt hatte“, sagte er. „Wie ist es - passt dieser Schlüssel nicht zu Ihrer Haustür?“
Er hielt mir mit herausforderndem Blick einen unscheinbaren Allerweltsschlüssel hin. Zögernd nahm ich ihn aus seiner Hand und erkannte ihn wieder. Er gehörte tatsächlich zu meiner alten Wohnungstür.
„Sie kommen einfach als unauffällige Museumsbesucherin herein, und hier liegt Ihr Haustürschlüssel. Wie passt das zusammen?“, fragte er mit gespielter Verwunderung.
„Die Welt ist voller Rätsel und Widersprüche“, antwortete ich ausweichend.
Er schaute mich prüfend an.
„Welche Rolle haben Sie sich für heute zurechtgelegt? Immer noch: Die Frau, die sich verweigert? Immer noch: Die Frau, die ihren Duft nicht verlieren will?“
Ein Spötter ist er in der Verkleidung eines Priesteranzugs, dachte ich verdrossen.
„Geht es um einen Wettbewerb? Wer am besten schauspielert, hat gewonnen? Oder wer den anderen am ehesten bloß stellen kann, ist Sieger?“, fragte ich spitz zurück. „So viel ich weiß, enthält diese Schublade viel Wertvolleres als diesen alten Schlüssel“, behauptete ich und hatte nach ein paar Griffen meinen Verlobungsring wieder gefunden. Ich steckte ihn in meine Tasche.
„Als ehemalige Wochenendliebe des Hausherrn darf ich das“, erklärte ich schnippisch und verließ die Küche. Der Priester schloss schweigend erst das Fenster und dann die Tür und folgte mir.

Die Besuchergruppe war inzwischen ins Arbeitszimmer gegangen. Nichts hatte sich geändert, seitdem ich das letzte Mal hier war. Immer noch versperrten Cotoneasterzweige, die aus dem Garten wild empor rankten, die freie Sicht aus dem Fenster. Sie ließen nur diffuses Licht herein. Wie abgeschirmt von der Außenwelt kam ich mir hier immer vor. Eine unangenehme Atmosphäre lag über dem Raum. Ich kann Cotoneaster nicht leiden. Noch nicht einmal als Grabbepflanzung wollte ich ihn haben, erst recht nicht in meinem Garten. Hartnäckig ist er wie Löwenzahn, Brennnesseln oder Schachtelhalm, die immer wieder nachwachsen, die ich nie ausrotten konnte.

Dieser Raum sei ein eindrucksvolles Beispiel für das kulturelle und künstlerische Interesse des Ehepaares, erklärte der Führer. Abgesehen von dem überaus reichhaltigen Bücherbestand, der sowohl Fachliteratur als auch Belletristik umfasse, solle man sein Augenmerk besonders auf das farbenfrohe Bildnis einer modernen Venus richten.
Das einzig Farbenfrohe in diesem düsteren Raum sind die Besucher mit ihren bunten Hüten und Schals, dachte ich bitter. Sie bückten oder streckten sich eifrig, um die Titel der Buchrücken zu lesen. Andere betrachteten tatsächlich eingehend das Bild in der linken Zimmerecke neben dem Fenster. Einige Besucher waren so angetan davon, dass sie sich stolz neben dem Bildnis fotografieren ließen. Dabei hing da nur ein billiges Poster mit einer Nacktdarstellerin in erotischer Pose.

Erotik sei ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens, dozierte der Museumsführer. Diese Einsicht habe das Ehepaar in seiner Wohnung bewusst und stilsicher integriert. Auch die rote Rose, die auf dem übergroßen, gemeinsam genutzten Schreibtisch lag, sei ein greifbares Beispiel dafür.
„Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden“, summte der Priester leise vor sich hin und zwinkerte mir zu. Ich schaute ihn grimmig an. Mussten solche geschmacklosen Anspielungen wirklich sein?

Inzwischen hatte der Museumsführer die zweiteilige Falttür zum Wohnzimmer aufgeschoben. Tief beeindruckt standen die Besucher nun vor einer Krippenlandschaft, die sich über das gesamte Wohnzimmer und einen Teil des angrenzenden Esszimmers erstreckte.
Die Museumsleitung sei froh, dass Herr Hafflerog vor seinem Umzug ins Pflegeheim seine Weihnachts- Krippe stehen gelassen habe, erklärte der Museumsführer. Er hätte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr abbauen können, weil ihm die Kraft gefehlt habe. Sie umfasse eine Fläche von etwa sechzehn Quadratmetern. Jedes Jahr habe er sie innerhalb von vierzehn Tagen aufgebaut. Sie bestünde aus mehr als vierundvierzig Figuren, die er zusammen mit seiner kranken Frau geschaffen habe, als Therapie sozusagen, damit sie das Sprechen wieder lerne und sie beide ein gemeinsames Projekt hätten.
Die Besucher konnten sich nicht satt sehen, betrachteten das Wunderwerk von allen Seiten und fotografierten unentwegt die vielen Details: die Hirten am glühenden Holzfeuer, dazu die Schafe, eine bunt gekleidete Menschengruppe mit Kindern auf dem Weg zum Stall, die Weisen aus dem Morgenland mit ihrem Gefolge und den Tieren, eine weißgekleidete Engelschar mit vielerlei Instrumenten über dem Stall, in der die Heilige Familie Platz gefunden hatte.

Früher mochte ich diese Krippe. Sie strahlte Wärme aus und regte meine Phantasie an. Doch inzwischen hatte mein Misstrauen gegenüber allem, was zu diesem Haus gehörte, die Oberhand. Ich blieb distanziert und kühl abseits stehen, lehnte mich an die Türöffnung zum Flur und beobachtete den Priester. Er hängte seinen seltsamen Ohrschmuck zurück in die Tannenzweige und legte den Hut ordentlich auf den Ständer zurück. Nur die Federboa behielt er.
„Sind Sie für längere Zeit zu Besuch?“, fragte er.
„Ich bin auf der Durchreise“, antwortete ich ausweichend.
„Sie haben sich zwar nicht verkleidet, doch Sie spielen mir etwas vor, behaupte ich mal kühn.“
„Sie doch auch“, antwortete ich gereizt.
„Wollen wir nicht die Masken fallen lassen?“
Ich antwortete mit einem entschiedenen „Nein“.

Die Besuchergruppe zog an uns vorbei zum Badezimmer. Auch hier blieb die ursprüngliche Einrichtung erhalten, hieß es. Handtücher und Waschlappen hingen wie jeher griffbereit da. Auf der Spiegelablage und dem Fensterbett könne man noch Rasierwasser, Duschgels, Puderdosen und Salbentuben der Familie Hafflerog entdecken.
Neugierig warfen die Besucher einen Blick in den schwarz gekachelten Raum. Man betrachtete sich im Spiegel, inspizierte die Flaschen und Tuben, fachsimpelte über die Armaturen in der Duschkabine oder machte Vorschläge, wie man die Kalkablagerungen aus der Badewanne und dem Waschbecken entfernen könne.
Als Besonderheit hätte man sogar die Zahnbürste der verstorbenen Ehefrau wieder finden können. Die ehemalige Lebensgefährtin des Hausherrn empfand es als unästhetisch, sich die Zähne angesichts der benutzten Bürste ihrer Vorgängerin zu putzen, und hätte sie weggeworfen.
Verständnislos schüttelten die Besucher den Kopf. Wie konnte jemand nur so gefühllos sein, tuschelten sie. Mir war es egal, was man von mir dachte. Ich fand es im Gegenzug höchst erstaunlich, welch voyeuristisches Interesse die Besucher an solch intimen Badezimmerdingen hatten.

Als nächstes öffnete der Museumsführer die Tür zum Schlafzimmer. Man solle hier besonders auf die Fotos an der Wand achten, sagte er. Es handele sich um Aufnahmen, die Lorenz Hafflerog von seiner verstorbenen Ehefrau gemacht habe. Drei Tage lang hätte er die Tote im Schlafzimmer aufgebahrt und ihren Leichnam mit fünfzig roten Rosen bedeckt und so fotografiert. Die Fotos seien nun vergrößert, eingerahmt und im Schlafzimmer ausgestellt worden. Ursprünglich lagen sie auf dem Nachttisch des Witwers. Er wollte sie jederzeit griffbereit haben, um auf diese Weise der Verstorbenen auch nach ihrem Tod nahe zu sein.

Ich hatte mich schon immer vor diesen kleinformatigen Abzügen gegruselt. Dass die Leute heute ergriffen die vergrößerten Bilder betrachteten, diesen grausigen Teil einer morbiden Inszenierung, konnte ich nicht verstehen. Auch schien sich niemand an dem Gestank nach getragenen Schuhen im Zimmer zu stören, niemand beachtete das ungemachte Bett, die umhergeworfenen Kleidungsstücke und das wacklige Schuhregal hinter der Schlafzimmertür. Dass ich von einigen Details Aufnahmen machte, fiel auch nicht auf.

Zur Krönung seiner Liebe habe Lorenz Hafflerog seiner Frau ein steinernes Toten-Denkmal im Keller erbaut, verkündete der Museumsführer. Ein bestimmter Raum habe sich dafür besonders geeignet.
„Im Keller?“, wunderte sich ein Besucher, während wir die Treppe hinabstiegen.
„Unglaublich!“, schwärmte eine Besucherin, die als erste den Kellerraum betrat. Sie postierte sich sogleich vor einen ungeordneten Steinhaufen, der das angepriesene Denkmal darstellen sollte, setzte ihren Hut zurecht, färbte die Lippen noch einmal rot nach und ließ sich fotografieren. Nichts als Bauschutt war es, vor fünfzig Jahren beim Errichten des Hauses aus Kostengründen hierhin geschaufelt. Darauf thronte ein Durcheinander von verstaubten Marmeladen- und Einmachgläsern mit toten Fliegen, Spinnen und Kerzenresten. Wachstropfen sah ich, vertrocknete Rosenblätter verteilt auf den Steinen und dazwischen - nur für den genauen Betrachter zu erkennen - ein unscheinbares, graues Haarbüschel. Ich fotografierte viel zu viel. Meine Batterieanzeige blinkte schon warnend.
„Die Fellreste einer verendeten Ratte interessieren Sie? Seltsam“, witzelte der Priester. Sarkastischer konnte man diese ganze Sache nicht umschreiben.
„Brauchten Sie Belege für Ihren Verdacht?“
Erbost blickte ich ihn an und schwieg.

Wir verließen das Haus und gingen zum Friedhof, um die Grabstelle der Ehefrau zu besuchen. Ich hatte mir vorgestellt, einen imposanten Grabstein mit einer eindrucksvollen Blütenpracht vor zu finden. Hier lag immerhin die Frau eines angesehenen Mannes begraben. Stattdessen standen wir vor einem trostlosen Stückchen Erde, wiederum von Cotoneaster heillos überwuchert und von armseligen Gänseblümchen und kratzigen Grasbüscheln bewachsen. Eine verkümmerte Trauerweide breitete ihre trockenen Äste darüber. Ein kalter Wind rüttelte an den bunten Hüten und Schals der Besucher, die sich stumm und ernst um das Grab gestellt hatten. Es begann zu regnen. Mit klammen Fingern machte ich die letzten Aufnahmen für diesen Tag. Mehr brauchte ich auch nicht, mehr ging nicht, die Batterie war leer.
Man habe alles im ursprünglichen Zustand gelassen, hieß es wiederum. Wie ich diesen Satz verabscheute! Ja, es hatte sich wirklich nichts verändert.

„Meine Verehrung.“ Der Priester stand unvermittelt vor mir, verbeugte sich und überreichte mir einen Strauß roter Rosen. Unüberlegt wie damals nahm ich ihn entgegen. Und ich ärgerte mich genauso wie damals über solch einen völlig zusammenhanglosen, deplatzierten Annäherungsversuch. Oder gehörte diese Geste zu diesem schauerlich inszenierten Theaterstück? Sollte es ein Lustspiel sein? Ein Trauerspiel? Ein böses Spiel? Ich konnte das Verhalten des Priesters noch nie deuten. Unangenehm berührt zupfte ich ein Rosenblatt ab, dann weitere, danach einzelne Blütenköpfe, immer weiter und weiter, bis alle in der Pfütze um meine nassen Schuhe schwammen. Die nackten Stängel warf ich hinter mich.
„Warum tun Sie sich das an? Aus Lust an Selbstzerstörung? Oder um ihr Selbstmitleid zu pflegen? Anscheinend fühlen Sie sich wohl dabei. Oder?“, fragte er.
Seine arrogante, bissige Art machte mich wütend.
„Sind Sie denn alle blind gegenüber dem, was in diesem Haus geschah?“, brach es aus mir heraus. „Diese krankhafte Vergötterung einer Frau, neben der nichts anderes Platz hatte, dieses Schönreden eines absonderlichen Lebens, diese museale Zurschaustellung des verkommenen Haushaltes eines Mannes, der in dieser Unordnung und in solchem Dreck lebte, aber sich in Szene zu setzen und seine egomanischen Absichten gut zu kaschieren wusste. Das ist doch alles verlogen, abstoßend und krank. Und Sie unterstützen nach wie vor dieses ganze Lügengebäude!“
„Ich trete nur dann auf, wenn es meine mir zugewiesene Rolle erfordert. Und außerdem: Sie müssen doch zugeben, dass andere im Gegensatz zu Ihnen begeistert auf das reagieren, was Sie als abstoßend, verlogen und krank empfinden“, antwortete er provokant.
„Wie in einem absurden Theaterstück! Und jeder macht willenlos und blindlings bei diesem Verschleierungsmanöver mit. Die sind doch alle verrückt! Sie auch!“, brüllte ich ihn an.
„Oha! Wie gut Sie das wissen! Und Sie? Sind Sie nicht verrückt? Ihre Rückkehr ist doch ein beredtes Zeichen dafür. Weshalb treiben Sie sich in einen solchen Schmerz? Weshalb lassen Sie nicht los? Weil Sie verrückt sind. Schreiben Sie lieber Geschichten oder Gedichte. Das hilft, vorläufig wenigstens!“, rief er mir zu, legte seine lila Federboa am Eingang des Friedhofs ab und verließ mit den anderen das Gelände.
Zornig und fassungslos blieb ich zurück. Wie ich dieses hochnäsige, pseudopsychologische Gerede hasste! Und dann schrie ich aus Leibeskräften so dunkel, dumpf und unheimlich, wie wenn eine hungrige Bestie umherstrich und andere das Fürchten lehrte. Davon wachte ich endlich auf. Völlig benommen und zitternd vor Kälte suchte ich nach meiner Bettdecke.
 

rothsten

Mitglied
Hallo Mistralgitter,

ein Text über eine Frau, die (im Traum) als Besucherin in das Museum ihres Lebens als Geliebte zurückkehrt. Das ist ein krasser Perspektivwechsel, der mir außergewöhnlich gut gefällt. Geschichten über Geliebte machen wohl den Großteil der Weltliteratur aus, es neu zu machen, ist schwierig. Dank des Wechsels der Perspektive muss der Leser automatisch dieses Thema neu denken. Ich habe den Lese-Eindruck, dass Du den Leser durch ein, zwei Räume zuviel führst. Schau mal, ob es zu kürzen ginge.

Stilistich gekonnt ist auch die Doppelung des Leitthemas: Die Besucher haben sich zu verkleiden. Die Prot schlüpft also in eine andere Rolle, und dass sie es widerwillig tut, offenbart ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit als Geliebte. An dieser Bruchkante öffnet sich der Konflikt, von dem der Text lebt.

Lorenz, auf der einen Seite liebender, aufopfernder Gatte seiner gelähmten, hilflosen Frau, auf der anderen Seite ein Fremdgeher. Ein Flüchtling aus den Fängen einer dominaten Gelähmten. Kleines Aber: Die Dominanz der Frau muss etwas besser gezeichnet werden. So kommt sie am Schluss doch leicht unvermittelt.

Der Priester: Scheinbar ein Verrückter mit Boa und Ohrringen, aber diese Figur ist der Antagonist. Er ist der "Wissende", er ist das Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Besichtigung, Medium zu einer anderen Welt, er ist das moralische Gewissen, er ist der Spiegel. Auch ein billiges Zeigen mit dem Moralinfinger entwaffnest Du, denn seine Worte kommen nicht ex cathreda, wenn er eine Boa trägt. Genialer Schachzug!

Ein Aber: Ich nehme Dich, liebe Mistralgitter, mal ans Händchen und führe Dich durch das Museum Deines eigenen Textes. Komm mit, wir suchen mal brav das Motiv Deiner Prot, den Konflikt ...


Mir war dieser Museumsbesuch eigentlich von vorneherein zuwider,
Ich kenne das Motiv nicht Teil I

Und außerdem glaubte ich im Moment eher an den Ernst des Lebens.
Ja wo ist es denn?

Wie befremdlich, dieses unappetitliche Haus, in dem ich schon einmal vergeblich meine Rolle gesucht und nicht gefunden hatte, als ein Museum auszugeben, als Kulisse für ein Spiel, in dem alle außer mir eifrig und unbekümmert mitspielten:
Ich kenne das Motiv immernoch nicht

„Als ehemalige Wochenendliebe des Hausherrn darf ich das“, erklärte ich schnippisch und verließ die Küche.
Ahh, da ist es ja zumindest mal eine Kerze. Es erhellt sich.

Meine Meinung hierzu:
Ich brauche diesen Moment des Aufschiebens, des Überaschenwollens nicht. Der Text lebt von dem Konflikt "ich begegne meinem alten Ich", nicht von der Spannung. Ich gäbe dem Leser gleich zu Beginn einen Hinweis. Jedenfalls hatte ich immer die Sorge, nochmal zurücklesen zu müssen, um zu verstehen, und das ist nie ein gutes Zeichen.

---

Und ich dachte einmal mehr an die beiden Menschen, die hier in einander verflochten über Jahrzehnte lebten: Lorenz Hafflerog und seine Ehefrau. Sie, die zuletzt gänzlich hilflos auf ihren Mann angewiesen war, abhängig von dessen Können oder Nichtkönnen, von seiner Geduld oder Ungeduld und von seinem Einfühlungsvermögen, eine Göttin und gelähmte Geliebte, der er Tag und Nacht diente, aber die ihm auch widerstandslos ergeben war.
Es ist grandios gemacht, in diesem kleinen Absatz steckt die ganze Brutalität, die der Wandel von einem selbstbestimmten zu einem abhängigen Leben nachsichzieht. Du setzt hier nur wenige Marksteine (Können - Nichtkönnen, Geduld - Ungeduld, Göttin - gelähmte Geliebte), und dem Leser öffnet sich das weite Feld, das er selbst befüllen darf.

Ich mag dieses ganze Gefasel von "... aber ich eitler Autor meinte das doch so und nich so ..." nicht mehr lesen. Der Leser ist Chef im Ring, wenn bei ihm nichts losgeht, kein Kopfkino, kein Mitfühlen, kein Ergriffensein, kein Verstehen - ja dann hat doch nicht der Leser, sondern der Autor versagt!

Ich weiß, es nervt, aber Schreiben ist vornehmlich ein Handwerk. Wer wissen will, wie es geht, lese sich sehr aufmerksam diese Passage durch.

Die folgenden zwei Sätze ließe ich wiederum weg, sie sind zuviel an Marksteinen. Der Leser zieht die darin enthaltene Schlussfolgerung eh, daher wirken sie redundant:

Er, in dessen Hand ihr Schicksal lag, der plante und entschied und funktionierte, mächtig wie ein Leben spendender Gott. Wie schillernd und beunruhigend Beziehungen doch sein können!

Hartnäckig ist er wie Löwenzahn, Brennnesseln oder Schachtelhalm, die immer wieder nachwachsen, die ich nie ausrotten konnte.
Schönes Bild. Der Ekel im Selbst, dessen Wurzeln nicht auszurotten sind. Bravo!

Dieser Raum sei ein eindrucksvolles Beispiel für das kulturelle und künstlerische Interesse des Ehepaares, erklärte der Führer.
Der Absatz stört, denn er folgt direkt auf Offenbarung des Konflikts (Spannung wurde erzeugt), dann muss es aber auch bei dieser Temperatur weitergehen. Es ebbt hier ab. Stell den Konflikt halt an den Anfang, s.o.

Ich konnte das Verhalten des Priesters noch nie deuten.
Hm, hier bricht zuviel Wissen in den Text ein. Ich hätte es schöner gefunden, sie hätte den Priester maximal beiläufig gekannt. Das steigerte etwas die Spannung des "Entdecktwerdens". Der Leser will ja schlauer sein als das Opfer, das nicht weiß, dass der Mörder mit einem Messer hinter der Tür lauert. ;)


Fazit:
Etwas zu lang, etwas zu verrätselt, gewohnt einwandfreie Sprache, gekonnte Stilmittel, kurzum: beinahe richtig gut. :)

lg
 
Hallo rothsten,

ganz großer Dank an dich für diesen ausführlichen Kommentar. Solche Rückmeldungen brauche ich, damit ich weiß, wo ich mich zu schnell verhaspele, zu viel will und es nicht so ganz souverän lösen kann, wie ich es gerne hätte und wie es für den Leser erlesbar ist. Es ist gut, dass du Schwachstellen aufspüren konntest. Neben dem schönen Lob lese ich solche Rückmeldungen besonders gern - die bringen weiter.
Wann und ob ich zu einer "Verbesserung" komme, muss ich offen lassen. Im Moment steht noch die Version, die einen Traum suggeriert hier im Forum, es war meine erste Fassung, zu der ich jetzt wieder zurückgekehrt bin.
Es bleibt spannend für mich.

Herzliche Grüße
Mistralgitter
 

rothsten

Mitglied
Ganz erhlich: Beinahe hätte ich Dir geraten, den Traum wegzulassen und es real zu machen. Ich glaube, das gefiele mir besser. Dass Du und Dein Leser unabhängig diese Idee hatten, sollte Dir zu denken geben.

Es bleibt also auch spanned für uns. ;)
 
S

steky

Gast
Mir gefällt diese Version besser; jetzt ist es klarer.

LG
Steky
 
Hallo rothsten,

hier jetzt meine ausführliche Antwort auf deinen Kommentar, bei dem ich mich auf die kritischen Punkte beschränke, die lobenden Dinge habe ich natürlich nicht überlesen!!

ein Text über eine Frau, die (im Traum) als Besucherin in das Museum ihres Lebens als Geliebte zurückkehrt
.
Ich hatte gehofft, dass sich weitere Erzählebenen auch mitteilen in dem Text.

Ich habe den Lese-Eindruck, dass Du den Leser durch ein, zwei Räume zuviel führst. Schau mal, ob es zu kürzen ginge.
Das werde ich gerne tun, kürzen ist immer gut.

Die Prot schlüpft also in eine andere Rolle, und dass sie es widerwillig tut, offenbart ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit als Geliebte.
Sie verkleidet sich doch gar nicht, sie lehnt es ab und bleibt, wie sie gekommen ist.

Kleines Aber: Die Dominanz der Frau muss etwas besser gezeichnet werden. So kommt sie am Schluss doch leicht unvermittelt.
Es sollte eigentlich die beiderseitig ausgeübte Dominanz dargestellt werden, beide hatten den jeweilig anderen in ihrer Gewalt.

Der Priester: Scheinbar ein Verrückter mit Boa und Ohrringen, aber diese Figur ist der Antagonist.
Er hatte sich keinen Ohrring eingehängt, sondern eine Christbaumkugel. Bei der Erstellung der Figur dachte ich an einen Menschen, der undurchsichtig bleibt. Der verunsichert.

Ein Aber: Ich nehme Dich, liebe Mistralgitter, mal ans Händchen und führe Dich durch das Museum Deines eigenen Textes. Komm mit, wir suchen mal brav das Motiv Deiner Prot, den Konflikt ...
Hier stoße ich mich - bei allem sonstigen Respekt vor deinem Kommentar - an deinem ironisierenden Unterton. Solcher Art angesprochen zu werden, finde ich unangemessen. Und bin enttäuscht.

quote:
Mir war dieser Museumsbesuch eigentlich von vorneherein zuwider,
Ich kenne das Motiv nicht Teil I

quote:
Und außerdem glaubte ich im Moment eher an den Ernst des Lebens.
Ja wo ist es denn?

quote:
Wie befremdlich, dieses unappetitliche Haus, in dem ich schon einmal vergeblich meine Rolle gesucht und nicht gefunden hatte, als ein Museum auszugeben, als Kulisse für ein Spiel, in dem alle außer mir eifrig und unbekümmert mitspielten:
Ich kenne das Motiv immernoch nicht

quote:
„Als ehemalige Wochenendliebe des Hausherrn darf ich das“, erklärte ich schnippisch und verließ die Küche.
Ahh, da ist es ja zumindest mal eine Kerze. Es erhellt sich.

Ich gäbe dem Leser gleich zu Beginn einen Hinweis. Jedenfalls hatte ich immer die Sorge, nochmal zurücklesen zu müssen, um zu verstehen, und das ist nie ein gutes Zeichen.
Wenn es ein Traum ist, so kommt er überfallartig und erklärt nichts.
Ich frage mich, wieso das Zurücklesenmüssen kein gutes Zeichen ist. Manche Dinge erschließen sich nicht beim ersten Lesen, manches Buch wird man mehrmals lesen (müssen), um immer wieder Neues zu entdecken. Ich will mich nicht rausreden - aber in dieser Kurzform ist dieser Kritikpunkt erst einmal für mich kein Negativum gegen den Text. Darf man also den Rezipienten nicht unversehens und ratlos in ein Chaos stürzen? Erst recht nicht, wenn man es nicht auflöst?

Damit ist doch gesagt, dass ihr nicht zum Scherzen zumute war.

Alle Beziehungen (Besucher - Museumsführer - Icherzählerin/Geliebte - Priester - Lorenz - seine Frau) innerhalb der geschilderten Szene werden als absurd und irrwitzig dargestellt.

Der Leser ist Chef im Ring, wenn bei ihm nichts losgeht, kein Kopfkino, kein Mitfühlen, kein Ergriffensein, kein Verstehen - ja dann hat doch nicht der Leser, sondern der Autor versagt!
Ich weiß nicht, woher du dein Argument nimmst - ich habe dir dafür keine Veranlassung geboten. Die Verhältnisse zwischen Empfänger und Sender sind nie eindimensional, wie du sie beschreibst. Weil der eine nicht so sendet, wie es der Empfänger gerne hätte, hat der Sender doch nicht automatisch versagt. Das Ganze ist eher ein Geflecht von verschiedenen Faktoren. Natürlich bin ich als Autor bemüht, so "gescheit" und verständlich wie nur möglich zu schreiben. Aber jedes Nichtverstehen eines Textes liegt sicher nicht am Versagen des Autors.

Ich weiß, es nervt, aber Schreiben ist vornehmlich ein Handwerk.
Ich stimme dem weitgehend zu - aber Handwerk ist nicht alles.

Die folgenden zwei Sätze ließe ich wiederum weg.
quote:
Er, in dessen Hand ihr Schicksal lag, der plante und entschied und funktionierte, mächtig wie ein Leben spendender Gott. Wie schillernd und beunruhigend Beziehungen doch sein können!
Ich werde darüber nachdenken - im Moment bin ich noch nicht bereit, sie fallen zu lassen und hatte sie mir beim Schreiben wohl überlegt.

quote:
Dieser Raum sei ein eindrucksvolles Beispiel für das kulturelle und künstlerische Interesse des Ehepaares, erklärte der Führer.

Der Absatz stört, denn er folgt direkt auf Offenbarung des Konflikts (Spannung wurde erzeugt), dann muss es aber auch bei dieser Temperatur weitergehen. Es ebbt hier ab. Stell den Konflikt halt an den Anfang, s.o.
Dieser Einwand erschließt sich mir nicht auf Anhieb. Ich werde darüber nachdenken.

quote:
Ich konnte das Verhalten des Priesters noch nie deuten.
Hm, hier bricht zuviel Wissen in den Text ein. Ich hätte es schöner gefunden, sie hätte den Priester maximal beiläufig gekannt. Das steigerte etwas die Spannung des "Entdecktwerdens". Der Leser will ja schlauer sein als das Opfer,
Okay, das sehe ich ein. Eine Lösung dafür weiß ich noch nicht.

beinahe richtig gut.
Beinahe daneben ist auch daneben ;-)

LG
M.
 

rothsten

Mitglied
Huhu.

Sie verkleidet sich doch gar nicht, sie lehnt es ab und bleibt, wie sie gekommen ist.
Sie ist die einzige, die sich verkleidet. Sie verkleidet sich nämlich nicht. ;)

Es sollte eigentlich die beiderseitig ausgeübte Dominanz dargestellt werden, beide hatten den jeweilig anderen in ihrer Gewalt.
"Beiderseitige Dominanz" klingt nach Atomwaffen-Arsenal auf Augenhöhe. Mann und Frau sind hierfür aber nicht gewichtet. Hängt für mich immernoch schief.

Er hatte sich keinen Ohrring eingehängt, sondern eine Christbaumkugel. Bei der Erstellung der Figur dachte ich an einen Menschen, der undurchsichtig bleibt. Der verunsichert.
Mir ist aufgefallen, dass er Löcher im Ohrläppchen hat. Die wird er nicht zum Spaß haben. Ob nun der Christschmuck darin hängt, sei mir einerlei.

Zwischenfazit:
Mir geht es bei Deinem Text nicht um sprachliche Spitzfindigkeiten, wie Du sie in meinem Kommentar zu suchen versuchst.

Hier stoße ich mich - bei allem sonstigen Respekt vor deinem Kommentar - an deinem ironisierenden Unterton. Solcher Art angesprochen zu werden, finde ich unangemessen. Und bin enttäuscht.
Wir müssen unbedingt an unserer Kommunikation arbeiten. In meiner Welt war das lustig gemeint ...

Und nein, ich nutzte hier keine Ironie.

Wenn es ein Traum ist, so kommt er überfallartig und erklärt nichts.
Ich frage mich, wieso das Zurücklesenmüssen kein gutes Zeichen ist.
Mich überfällt nicht, dass es ein Traum ist. Mich stört das Hinauszögern des Konflikts.

Manche Dinge erschließen sich nicht beim ersten Lesen, manches Buch wird man mehrmals lesen (müssen), um immer wieder Neues zu [blue]entdecken[/blue].
Absolut! Aber jedes Buch muss man beim ersten Lesen grundsätzlich verstehen!

Ich will mich nicht rausreden - aber in dieser Kurzform ist dieser Kritikpunkt erst einmal für mich kein Negativum gegen den Text. Darf man also den Rezipienten nicht unversehens und ratlos in ein Chaos stürzen? Erst recht nicht, wenn man es nicht auflöst?
Ich gebe Dir meine Sicht auf Deinen Text. Mach damit, was Du möchtest. Und keine Sorge, mich ins Chaos zu stürzen vermag keiner der LL-User. Wieso auch?


Bis hierhin habe ich kein Problem mit Deinem Kommentar. Aber jetzt schon:

quote:
Der Leser ist Chef im Ring, wenn bei ihm nichts losgeht, kein Kopfkino, kein Mitfühlen, kein Ergriffensein, kein Verstehen - ja dann hat doch nicht der Leser, sondern der Autor versagt
Ich weiß nicht, woher du dein Argument nimmst - ich habe dir dafür keine Veranlassung geboten. Die Verhältnisse zwischen Empfänger und Sender sind nie eindimensional, wie du sie beschreibst. Weil der eine nicht so sendet, wie es der Empfänger gerne hätte, hat der Sender doch nicht automatisch versagt. Das Ganze ist eher ein Geflecht von verschiedenen Faktoren. Natürlich bin ich als Autor bemüht, so "gescheit" und verständlich wie nur möglich zu schreiben. Aber jedes Nichtverstehen eines Textes liegt sicher nicht am Versagen des Autors.
Lies diesen Teil nochmal, ganz langsam. Du findest darin das größte Lob, das ich Deinem Text gemacht habe.

Beinahe daneben ist manchmal voll daneben.

lg
 

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