Bis ans Ende der Welt

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John Wein

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Bis ans Ende der Welt


Unser Leben ist ein immerwährendes Kommen und Gehen, ein endloser Anfang und ein anfangloses Ende, zu ein und derselben Zeit. Der Augenblick nimmt nichts vorweg, er weiß nicht. Er ist!

Lyon, Flughafen, Sonntag, der 15. Juni 2008. Die Luft über der Auffahrt flimmert. Ich stehe am Ausgang, direkt an der Haltestelle, ein Platz, wo die Architektur ihren kühlen Schutz verliert und der Sommer seine ganze Kraft entfaltet. Ich greife nach meiner Wasserflasche, nehme einen Schluck, während mein Blick schweifend die Menschengruppe taxiert, die mit mir hier wartet. Ich setze ab, wische mir die Feuchtigkeit von der Oberlippe und starre auf die Fahrbahn. Noch trennt uns das Schweigen, doch die gemeinsame Zeit hat an dieser Haltestelle, unter der gleißenden Sonne Lyons, längst ihren Anfang genommen.

„Hallo, ich bin Katrin!“ So stellt sich die junge Frau vor, die die Wartenden in den vorfahrenden Bus zu sich hineinruft und durchzählt. Sie ist Hamburgerin und nennt Frankreich seit zwei Jahrzehnten ihr Zuhause. Während sie uns routiniert in ihren Listen registriert und markiert, weicht unsere Unsicherheit einer ersten, vorsichtigen Struktur. „Schön, alle da!“, verkündet sie. Es klingt wie das offizielle Startsignal für alles, was nun folgen wird.

Sie startet den Bus für eine zweistündige Reise nach Le Puy-en-Velay, Département Haute-Loire, in der Auvergne. Die kurvenreiche Nationalstraße windet sich an den Hängen entlang. Besonders hinten links, auf meinem Platz, ist die Perspektive eine ganz eigene. In den Kurven ragt das Heck des Busses gefährlich weit über die Steilhänge hinaus.

„Ich schlage vor, wir sprechen uns mit Vornamen an, weil wir ja ab jetzt eine Familie sind; sozusagen!“

Katrins Vorschlag lässt wenig Raum für Einwände; sozusagen. In der Enge des Busses wird die Hierarchie des Alltags gegen die Intimität der Gruppe getauscht. Wer würde jetzt, gefangen in dem fliegenden Metallgehäuse, auch widersprechen? Die Warnung „Tüten auf Nachfrage“ hängt wie ein unausgesprochenes Versprechen in der Luft. Ein Blick in die Tiefe ist keine Option; man klammert sich lieber an das „Du“ und die Hoffnung auf einen stabilen Magen.

„Habt ihr alle gut eingelaufenes Schuhwerk?“ Das sei wichtig und Voraussetzung in diesem Gelände. „Mindestens 50 km“, gibt sie als Qualitätsmarke an, „ich denke von euch hat jeder ein bisschen Erfahrung im Pilgern oder Trecken, sonst hättet ihr wahrscheinlich diese Reise nicht gebucht, erzählt doch mal,“ versucht sie die schweigend dösige Truppe aufzumuntern.

Zäh entfaltet sich ein informeller Wettbewerb der Wanderstiefel-Erfahrungen, der mich aber immer tiefer in die Polster der hinteren Sitzreihe drückt. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, drinnen werden die Legenden geschmiedet und während die anderen ihre Kilometer wie Medaillen polieren, trage ich mein Motiv stumm unter der Haut.

Ralf mit Partnerin Eva: Er, stämmiger Bariton aus Rosenheim, macht den Anfang. Seine Worte zu einer Alpenüberquerung trägt er vor, als wäre es ein kleine Almwanderung im Allgäu gewesen.

Wolfgang und Erika: Zwei rheinische Frohnaturen aus Bonn, deren Wallfahrt nach Trier, wie ein immerwährender, gläubiger Bußlauf im letzten Jahr, nachklingt.

Beat und Vera, die Schweizer Fraktion neben mir, deren Akzent so kantig ist, wie die Eiger Nordwand.

Annegret und Ursula: Die Stimmen aus der Schwaben Metropole und Mainfranken, die das bunte Mosaik meiner neuen „Familie“ vervollständigen.

Die Luft im Shuttle-Bus ist verbraucht, ein Gemisch aus Erwartung und der letzten kühlen Brise der Klimaanlage. Ich greife nach meiner Wasserflasche, als wäre sie ein Anker. Das Plastik ist warm, fast nachgiebig in meiner Hand. Ralf berichtet gerade von den Alpengipfeln. Ich nehme einen Schluck. Das Wasser rinnt meine Kehle hinunter, ein schmaler, kühler Strom, der versucht, die Trockenheit meiner Nervosität wegzuspülen. Während die anderen ihre Wander-Biografien wie schwere Steine aufeinanderstapeln: Alpen, Trier und Berner Oberland, fühle ich mich flüchtig, fast wie ein Rinnsal, das noch keinen festen Lauf gefunden hat.

Katrin steuert den Bus durch die Kurven des Zentralmassivs, als führen wir auf einer Achterbahn. Jedes Mal, wenn das Heck über den Abgrund ragt, klammere ich mich an die Flasche.

„Und Du?“ Sie dreht ihren Kopf zu mir, „John erzähl‘ mal, wo warst du?“

Ich versuche irgendwie gleichzuziehen und lenke ab: „Ich war schon einmal in Amerika.“

Wie lächerlich es klang. Da sitzen Menschen, die die Erde unter ihren Sohlen regelrecht gelesen hatten, Pässe bezwungen und Wallfahrtswege mit Schweiß und Gebet getränkt hatten. Und ich? Ich halte ihnen einen transatlantischen Langstreckenflug entgegen, als wäre ein Boardingpass dasselbe wie eine abgelaufene Wandersohle.

„Oh“, sagt Katrin, „wie interessant, ja wirklich!“ und nach einer kleinen Pause des Verdutztseins: „Wirklich interessant, wo denn genau?“

Das Schweigen der Gruppe fühlt sich plötzlich zentnerschwer an. In meiner Befangenheit komme ich mir vor wie der Klaustrophobiker in einem vollbesetzten Aufzug. Nach einer Weile des nochmal Überlegens trete ich die Flucht in die Ehrlichkeit an: „Wyoming, aber wahrscheinlich bin ich dort mehr im Mietwagen gesessen, als hier zum nächsten Bäcker gelaufen. Wenn ich höre, was ihr hinter euch habt, merke ich erst, wie sehr ich eigentlich noch am Anfang stehe.
Dann erkläre ich: „Nach meiner Bandscheiben Operation war für mich das Gehen zwingend Therapie gewesen und nun möchte ich mal eine längere Strecke ausprobieren. Weil ich aber noch keine Erfahrung in der Sache habe, habe ich diese geführte Wanderung gebucht. Frankreich macht mir natürlich auch großen Appetit.“

Die Stimmen im Bus werden leiser, während wir in engen Kehren die Höhen des Zentralmassivs erklimmen. Das rhythmische Schaukeln des Hecks über den Abgründen hat eine seltsame Vertraulichkeit geschaffen. Ich erzähle ihnen vom Neandertal, von den immergleichen Wegen unter den hohen Buchen, die für mich nach Reha weit mehr waren, als nur ein Waldspaziergang an der Düssel.

Einen Moment lang herrscht Stille im Bus. Die Schweizer neben mir halten inne, und selbst Ralf, der Alpenprofi, blickt auf. In seinen Augen sehe ich nicht länger nur seine Vergleiche über Höhenmeter und Weglängen, da sehe ich auch einen Ausdruck von Anerkennung. Vielleicht war ja meine tägliche Hausrunde die härteste Vorbereitung von allen gewesen, ein Pilgerweg vor dem eigentlichen Gang.

„Geradeaus also, statt im Kreis“, murmelt jemand leise. Und noch während der Bus weiter über die Kuppen des Zentralmassivs fliegt fühle ich, wie meine Geschichte wirkt. Ich bin bereit für Frankreich. Nicht, weil mein Rücken jetzt keine Sorgen mehr macht, sondern weil mein Ehrgeiz auf das Unbekannte größer ist, als der Respekt vor der Strecke.

„Le Puy en Velay, ist ein verschlafenes Städtchen im Velay, an der noch jungen Loire“ erzählt Kathrin. Wegen der Fahrgeräusche habe ich Mühe sie über die Sitzreihen hinweg zu verstehen, aber irgendwie setzte ich ihr Wortpuzzle mit meinen angelesenen Kenntnissen zu einem Bild zusammen.

Die Wallfahrtskirche Notre Dame markiert seit historischer Zeit den Beginn der Via Podiensis, einer Pilgerroute, die alle Pilger aus dem süddeutschen Raum und der Schweiz durch das Herz Frankreichs zum Fuß der Pyrenäen weiterführt. Beginnend durchquert die Route, gekennzeichnet als GR 65, in ihrem Lauf das Zentralmassiv über Berge und Täler, Wiesen und Felder, Weiden und Wälder. In dieser ursprünglichen Landschaft mit ihrem ländlichen Charme haben die Jahrhunderte in augenfälliger Weise den Charakter von Beharrlichkeit und Bodenständigkeit geprägt. Jeder Stein hat seine eigene Geschichte, jedes Leben folgt seinem jahreszeitlich angemessenen Lauf.

„Wartet ab“, beginnt sie, „bis wir um die nächste Kurve biegen. Das Städtchen ist ein Ort, den die Zeit vergessen hat. Wenn man das erste Mal diese riesigen Vulkannadeln sieht, die mitten aus der Stadt in den Himmel ragen, vergisst man beinahe, dass man noch in Frankreich ist.“

Als wir die letzte Anhöhe überwinden, bricht das Licht des späten Nachmittags durch die Wolken und taucht Le Puy in ein fast unwirkliches, warmes Leuchten. Die schroffen Vulkankegel werfen lange, dramatische Schatten über die roten Dächer der Stadt.

Über dem Eingangsportal steht in großen Buchstaben „BRISTOL“. Das Hotel steht da wie ein Ankerpunkt nach dieser Reise ins Ungewisse. Wir steigen aus, die Beine noch etwas steif von der Fahrt. Es ist ein altes, charmantes Gebäude mit knarrenden Dielen und schmalen Treppenaufgängen.

alles in Fluss
 
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Zentrales Element in diesem Textteil - es kommen doch noch weitere. verehrter Pilgersmann? - ist aus meiner Sicht die recht ungewöhnliche Motivation für die Teilnahme. Ich denke, das dürfte in dieser Kombination nur selten vorkommen. Und dass der Text damit nicht anfängt, sondern den anderen Teilnehmern mit ihren Vorgeschichten sozusagen den Vortritt lässt, finde ich geschickt. Hinterher kann man als Leser noch über das Verhältnis zwischen dieser speziellen Reha und der Schroffheit der Landschaft nachdenken. Gewiss hätte ich mir in ähnlicher Situation nicht gerade diese Gruppenreise ausgesucht ... Frankreich zu Fuß? Ja, aber nur die Bretagne, wo sie flach ist. (Da war ich tatsächlich mal, ohne Bandscheibenoperation vorher.)

Der landschaftliche Teil des Textes passt gut zu zwei französischen Filmen, die ich in letzter Zeit sah und die ganz oder teilweise in der Auvergne spielen.

Schöne Abendgrüße
Arno
 

John Wein

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Danke, klausKuckuck und Arno Abendschön für euer Lorbeergrün und lieber Otti Dank für deine Korrekturen.

Ja das hast du richtig bemerkt Arno. Ich wollte kein langatmiges Vorwort schreiben, sondern den Leser gleich in die Geschichte einführen und die entsprechenden Informationen und Hintergründe im Text versteckt nachreichen. Dieser erste Abschnitt ist noch nicht zu Ende veröffentlicht, denn er erschien mir fürs Erste zu lang. Es sollte quasi zunächst der Türöffner in der LL sein.
Schön, wenn ihr mir auf meiner Tour bis ans Ende der Welt folgt. Es ist ein bisschen, im übertragenen Sinn, nicht nur ein Tagebuch sondern auch ein Stück Lebensgeschichte.
 

John Wein

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Wo alles beginnt

„Wer vor dem Abendessen noch Lust zu einem kleinen Spaziergang hat, kommt einfach nach unten vor die Tür, was meint ihr? Wir bummeln ein bisschen in der Stadt und steigen hinauf zur Kathedrale“, zwitschert Katrin, „in dreißig Minuten, reicht euch das?“

Mein Geist ist noch aufnahmefähig und die Beine sind wieder bereit. Ein kurzes Gespräch mit daheim, dann streife die Sandalen über die Füße und reihe mich ein. Es ist mild. In der Abendsonne leuchten die ockerfarbenen Fassaden der Altstadt besonders intensiv und die Luft riecht nach frisch geröstetem Kaffee und der leichten Süße der Verveine. Wir biegen in die Rue des Tables, eine steile Gasse kerzengrade, wie aus der Zeit gefallen. Die Häuser rücken eng zusammen, als wollten sie die Geheimnisse der Jahrhunderte bewahren. Links und rechts finden sich kleine Läden, die neben den Auslagen lokalen Handwerks, die berühmte Klöppelspitze, Dentelle du Puy, anbieten. Eine letzte Anstrengung sind die 134 Stufen direkt hinein in die Kathedrale.

Wir sitzen in einer der hinteren Bänke. Das Licht fällt schräg durch die hohen Fenster und tanzt auf den uralten Steinen. Während draußen die Stadt zur Ruhe kommt, wacht die Schwarze Madonna über uns. Im Halbdunkel des Chors thront sie, die Vierge Noire. Sie ist klein, fast zierlich, und doch von einer Anziehung, die den gesamten Raum auszufüllen scheint. In diesem Moment gibt es keinen Bus mehr, keinen Schweiß, keine Anspannung, nur noch der Atem kühler Stille und das Wissen: morgen früh gehört die Welt den Füßen.

In der Sakristei überraschen wir eine ältere Frau beim Putzen des Kirchensilbers. Mit behutsamen Bewegungen reicht sie mir die Credencial, den Pilgerpass, schlägt ihn auf. Das Papier ist noch unberührt, ein weißes Feld voller Möglichkeiten. Sie fragt nach meinem Namen, und während sie diesen mit einer fließenden, fast kalligrafischen Handschrift einträgt, fühlt es sich an, als würde sie mich in ein großes, unsichtbares Buch der Geschichte eintragen. Es ist nicht nur ein einfaches Formular, das sie ausfüllt, es ist ein Dokument zur Verwandlung: In diesem Moment endet mein Ich als Reisender und die Existenz als Jacquets, eines Pilgers des heiligen Jakobus, beginnt.

Vor mir dampft ein Teller mit den grünen Linsen der Auvergne. Diese kleinen Perlen sind ein ehrliches, erdiges Essen der Region. Dazu wird frisches, krustiges Brot gereicht, das wir teilen, als wäre es ein uraltes Ritual. Wir sind ab jetzt keine Touristen mehr, die über eine opulente Speisekarte grübeln, wir sind Gefährten, die sich für ein Abenteuer stärken. Die Gespräche sind leise, vieles kriege ich nicht mehr mit. In der Summe dreht sich alles um den kommenden Tag, um die Uhr für das Frühstück und den Zeitpunkt unseres Aufbruchs.

Das Licht der kleinen Nachttischlampe erlischt mit einem trockenen Klick und dann gehört mir die Dunkelheit.


Alles in Fluss
 
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Das ist ein sehr stimmungsvoller Auftakt der Reise (Teil 1 war ja eher das Vorspiel), lieber John, besonders in den Partien in der Kirche. Und die 134 Stufen sprechen schon für eine gewisse Belastbarkeit.

Schöne Morgengrüße
Arno
 

John Wein

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Der erste Schritt in die Unendlichkeit


Le Puy en Velay, Sonntag, 15. Juni 2008.

Das Frühstück im Hotel Bristol, lässt nichts zu wünschen übrig, es ist ein gutes Omen für den Tag. Das Achtuhrläuten gibt Signal zum Aufbruch. Unser Gepäck ist beschriftet und wird verladen. In der Rue Saint Jacques, ruht noch sonntäglicher Friede, nur das Gurren der Tauben und unserer Stapfen, brechen in die feierliche Stille der Gasse. Wir gehen zum Place du Plot, dort wo eine Steintafel mit der Muschel den Beginn der Via Podiensis markiert. Ein letztes Gruppenfoto zum Andenken und ein flüchtiger Moment der Sammlung, dann beginnt das Abenteuer Pilgern. Ich setze den ersten Fuß vor den zweiten, bis Cahors sind es eine halbe Million und ahne nicht annähernd, was einmal daraus werden sollte.

Der Himmel trägt ein blasses Gesicht, die Luft ist kühl und noch unverbraucht. Für den weiteren Tag ist sonniges Wetter prophezeit. In einer weiten Schleife windet sich der Pfad bergan. Am Wegrain leuchtet eine Palette aus Klatschmohn, Kornblume und Margerite und unter uns, eingebettet in ein Meer aus Frühlingswiesen, schrumpft Le Puy zum Postkartenmotiv.

Der Horizont des Velay zeichnet unaufgeregt sanfte Linien in die Landschaft und krönt sie mit den dunklen, waldbedeckten Kegeln seiner erloschenen Vulkane. Es ist eine liebliche Landschaft dem Allgäu ganz nah und in der geologischen Struktur mit allen Zutaten der Ewigkeit ausgestattet. Aus meiner Brust keucht der Anstieg, ein merkliches Ringen nach Luft, immerhin sind wir tausend Meter über dem Meeresspiegel. Auf der Hochebene wird es leichter und mit jedem Schritt scheint alles Schwere von mir abzufallen, bis nur noch Leichtigkeit übrigbleibt. In mir verändert sich gerade etwas, das ich noch nicht benennen kann, aber ich ahne, dass dieses Unternehmen etwas sein wird, das mich verwandeln wird. Mir wachsen Flügel! Und während oben die Sonne und unten die Sohlen brennen, muss ich lachen. Ein Malheur?

Der Kirchplatz in Saint-Christophe-sur-Dolaison lädt zur Rast. Was für ein schöner Name für ein kleines Dorf! „Wänn de de Föhß e bessje ausjeroht heß“, philosophiert Wolfgang mit der unerschütterlichen Heiterkeit seiner rheinischen Seele, dann verschwände das Stechen. Denn: „Et hätt’ noch emmer joot jejange!“ Es ist der Ritterschlag eines erfahrenen Pilgers, der meine Zweifel adelt. Ich binde die Senkel neu und knote sie doppelt.

Wir ziehen weiter. Eine Kirschbaumallee wölbt ihren grünen Baldachin über den Wanderer und das einfallende Licht zeichnet ein schwarzgelbes Mosaik auf das Pflaster. Die Früchte, nicht mehr grün und noch nicht rot, hängen wie kleine, sommerliche Verheißungen im Geäst, ein Versprechen auf Süße, das noch reifen muss. Selbstvergessen schreite ich voran, ein stetiges Vorwärts, gedankenlos im Rhythmus meiner Schritte.

„Schaut her!“ Ruft Katrin in meine Versenkung hinein und zeigt nach vorn, „eine Kapelle!“ Schüchtern weitab ab jeglicher Zivilisation im wogenden Gras verborgen, kauert ein graues, mittelalterliches Gemäuer, ein dem heiligen Rochus geweihtes Kirchlein. Es bietet angenehme Kühle und kurze Andacht. Auf einem schlichten Holztisch liegen die Utensilien des Pilgerdaseins: Buch, Feder und das dunkle Blau des Stempelkissens. Mir gefällt der Gedanke, dass jeder Pilger an jedem Tag seines Pilgerlebens einen Stempel in seinen Pilgerpass bekommt. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung und die Gewissheit, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Ich trage mich ein und reihe den Namen unter die vielen anderen: Datum, Name und Herkunft.

Wieder führt der Weg bergan, nicht sehr steil, doch in der Mittagssonne mühsam. Unter dem Hemd wird es feucht. Nun zahlt es sich aus, dass wir in Dolaison die Wasserflasche noch einmal gefüllt haben.

Oben, wo sich die Höhen dem Tal der Allier zuwenden, streckt sich über den Kamm ein luftiger steineicher Wald. Verwunschen trotzen auf einer Lichtung die Rudimente eines ausgetrockneten Kratersees dem Vergessen. Blau, das ist das Erste, was sich meinem Auge aufdrängt, dunkles, sattes Blau und alles von überragender Präsenz und Fülle. Blue Bells haben sich hier explosionsartig ihr eigenes Monument geschaffen. Da ist ein Erstaunen, ein Innehalten und die Freude darüber, es Aushalten zu können, dass es so etwas Schönes noch gibt: Blau und Grün wie bei Monets Garten in Giverny. Zunächst ist es nur ein Reflex, ein Gedanke, der sich noch nicht entschieden hat, dann lass‘ ich mich in das blaue Bett des Waldbodens fallen, unmittelbar und ansteckend. Mit einem Juchzer lässt sich Wolfgang mitreißen. Wir lachen wie die Kinder, die wir einmal waren, emotional und völlig unverstellt. Heureka! Angelockt von unserem Lachen trudeln auch alle anderen ein. Katrin kurz und trocken: „Eigentlich müssten wir alle mal kurz die Welt anhalten und genau hier liegen bleiben.“ Ja! Es gibt noch Überraschungen! Hier ist auf wundersame Weise im Augenblick kindlicher Unbefangenheit etwas entstanden, etwas das uns auf dem Weg verbinden sollte.

Auf einem ausgetretenen Wiesenpfad stapfen wir hinab nach St. Privat, einem 400 Seelen Nest, beschirmt von den Zinnen seiner Burg. Tief unter uns, versteckt im Tal, bindet die Allier ihre Schleifen in die Auvergne. Die ersten 24 Kilometer des Unternehmens liegen uns zu Füßen. Ich bin ein bisschen flügellahm, aber nicht erschöpft. Zum ersten Mal in meinem Leben, die Militärzeit ausgenommen, bin eine ähnlich lange Strecke marschiert. Auf die Füße klebe ich das Gewinnersiegel. Ich bin rundum zufrieden und freue mich auf das Abendessen in der Vieille Auberge, dem heutigen Quartier.

Der Gastraum ist erfüllt vom schweren Duft nach Bohnerwachs, feuchter Wolle und dem verheißungsvollen Aroma von Knoblauch und Rotwein. Es ist jener Moment des Tages, an dem der Schmerz in den Beinen langsam in ein wohliges Pochen übergeht. Das Abendessen in dieser Gegend ist kein leichtes Geplänkel, sondern eine handfeste Angelegenheit. Herzstück ist das Aligot, jenes legendäre, elastische Püree aus Kartoffeln und frischem Tomme-Käse, das die Wirtin mit einer Kraft in den Armen rührt, als wolle sie den Teig bezwingen.

„Sieht aus wie flüssiges Gold“, murmelte Wolfgang trocken, während er beobachtet, wie die Käsefäden sich meterhoch von der Kelle bis zum Teller spannen, ohne zu reißen. Dazu gibt es grobe Saucisse, deren Haut beim ersten Schnitt knackend nachgibt und den würzigen Saft auf den Aligot entlässt. Wir essen fast schweigend, wie es Menschen tun, die ihren Appetit nicht nur stillen, sondern die verbrauchten Lebensgeister regelrecht zurückerobern müssen. „Morgen“, sagt Ralf , nachdem er den letzten Rest des Käse-Pürees mit einem Stück Landbrot vom Teller wischt, „morgen laufen wir wie die Götter. Mit diesem Aligot im Bauch schaffst du sogar den Mount Everest!“ Mich überfällt ein schweres Müdesein, aber ich bin glücklich. Ich stehe auf, stütze mich am Tisch und hinter mir kippelt ein Stuhl.

„Gute Nacht Gemeinde!“

Vom Antwortchor begleitet, stolpere ich die Treppe hinauf. Vor mir ein Flur wie ein Schlauch und rechts das Zimmer. Der Schlüssel passt.

Bonne nuit St. Privat !


-Alles in Fluss-
 
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petrasmiles

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Während sie uns routiniert in ihren Listen registriert und markiert, weicht unsere Unsicherheit einer ersten, vorsichtigen Struktur.
Lieber John,

da hätte ich doch diese Reise fast verpasst - wie gut, dass nicht.

Neben den wunderbaren Landschaftsschilderungen sind es diese feinen Beobachtungen wie oben, die Deine Texte zum Genuss werden lassen. Ja, so sind wir Herdentiere und so suchen wir unseren 'Platz' in der sozialen Situation.

Ich freue mich schon auf die nächsten Teile.

Liebe Grüße
Petra
 

John Wein

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Danke Petra, Ubertas und Arno für die Lorbeeren, für das Lesen und Kommentieren, ist es doch das Salz ohne die eine Suppe fad' schmeckte. In diesem Sinne wünsche ich euch weiterhin eine gute Kondition und freu' mich für die Begleitung.
John
 

John Wein

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La Bête du Gévaudan


St. Privat d’Allier, Montag, 16. Juni 2008

Ich öffne das Fenster und atme die würzige Luft tief in meine Lungen. Über die Wiesen, weit unten im Tal, dort wo dichtes Buschwerk den Fluss rahmt, ist die Allier nur zu ahnen. Oben jedoch, wenn mein Blick über die Dächer von St. Privat schweift ahne ich, dass der heutige Tag im Regen ertrinken wird.

Sorgsam massiere ich die Füße und streife Socken und Schuhe über den Spann; alles ist gut! Die heutige Etappe von Saint-Privat-d’Allier nach Saugues gilt als eine der landschaftlich spektakulärsten, aber auch anspruchsvollsten Teilstücke zu Beginn des Weges. 18 Kilometer, das klingt auf dem Papier wenig, aber das Wetter und die Höhen der Margeride verhandeln nicht.

„Ihr solltet unbedingt die Regenbekleidung überziehen“, mahnt Katrin, während ihr Blick prüfend über die wolkenverhangenen Gipfel wandert. „Alles an Bord?" Wir brechen auf. Die ersten Schritte fühlen sich noch hüftsteif an, doch mit jedem Meter lockern sich die Glieder und ein jeder findet seinen Rhythmus. Bedacht und still achten wir auf Untergrund und Vordermann und während der Pfad steiler wird, legt feiner Nieselregen einen silbrigen Schleier über den Hang.

Auf dem Sporn der Rochegude, hoch über dem Fluss, markiert der Stumpf eines Wehrturms den Abstieg ins Tal der Allier. Wind kommt auf und plötzlich, wir sind kaum die ein paar Schritte weiter, brechen die Dämme des Himmels und der Abstieg wird zum Kampf gegen die Elemente der Erde und der Atmosphäre. Es ist ein steiles, steiniges Gelände ohne einen Ort der Zuflucht. Jeder Schritt will überlegt sein und jede Bewegung birgt das Risiko eines Fehltritts und doch gibt es keine Alternative zu dieser Route. Der Regenschutz ist unnütz, bald bin ich nass bis auf die Haut; mich fröstelt’s. Die Natur kennt keine Moral, sie ist nicht gnädig oder unbarmherzig, sie ist einfach da, um uns und wir in ihr. Sie richtet sich nicht nach Postkartenimpressionen oder Hollywood-Filmen.

Ralf, unsere Gipfelziege, scheint unbeeindruckt von allen Tücken, hat er doch schon ganz andere Abstiege geschafft. Wie die Gämse in der Wand bewegt er sich mit seinen trittsicheren Haxen. Dabei betont er uns gegenüber immer wieder gern, dass er „eigentlich völlig außer Form“ sei, um dann ohne Schweißperlen an uns vorbeizuziehen: „Katrin, ich warte an der Brücke!“

Unten rauscht die Allier. Während wir uns dem Tal langsam nähern, schwillt das Brausen an und mischt sich mit dem Straßenlärm von Monistrol. Hinter der genieteten Eisenbrücke, ein Entwurf Gustav Eiffels, kennt der Weg nur eine Richtung: senkrecht nach oben. Vorn gibt Katrin das Tempo vor und wir keuchen mit brennenden Waden hinterher. Unser Steinbeißer nimmt es als persönliche Einladung, brummt vor sich hin: „Always Look on the Bright Side of Life.“ Die kleine Kapelle La Madeleine, sie krallt sich in den roten Felsen wie ein Schwalbennest, gönnt uns zum Verschnaufen die verdiente Atempause.

In felsigem Granitgestein wächst der Bergrücken der Margeride auf über 1200 Meter in die Höhe. Das Klima hier ist rau und der Boden karg, es ist eine Gegend, die sich nicht sofort verschenkt. Alle vier Winde fegen ungehemmt über das Plateau und tragen den herben Duft von Ginster und Kiefer mit sich. Sie erzählen Geschichten von trockenen Sommern und einsamen Wintern.

In seinem elektrischen Untersatz ist Nelli eine ganz eigentümliche, schrullige Erscheinung. Auf seinem Hof in Vernet hat er neben der Trinkwasserzapfstelle seine bescheidene, aber sprudelnde Geldquelle erschlossen: eine Restauration für erschöpfte Pilger. Der hübsche Platz unter den Platanen versinkt im Morast, er bittet uns in die kleine Garage nach nebenan. Da hockt er in seinem Rollstuhl vor einem altertümlichen Kocher und rührt in dampfende Töpfe köstliche Instantsuppen. Weiter bietet er heißen Kaffee und frische Milch von der Kuh. Unaufhörlich spült der Regen neue Wanderer von draußen in sein trockenes Reich. Da sitzen wir nun gedrängt, dicht an dicht, in unseren eigenen Dünsten. Um meine Schuhe hat sich eine Pfütze gebildet, die stetig wächst. Durch den perlenden Regenvorhang betrachte ich die Welt dahinter, wie sie sinkt und untergeht. Ich umklammere die Tasse mit der heißen Milch, in der ein paar Klümpchen Kakaopulver treiben. Zärtlich wärmt die schwere Keramik die klammen Finger, während am Rand die Fliegen ihren Jieper stillen. Unscheinbare, banale Momente bekommen mitunter ihren ganz eigenen Rang. Beiläufig registriert, konserviert das Gedächtnis ein Geschehen und kleine Wegweiser der Erinnerung führen uns zurück zu den Geschichten hinter allem.

Während ich im Inneren sinniere, ertrinkt draußen ein Tag!

„Kommt!“ witzelt Katrin. „Der Regen wird beim Sitzen auch nicht trockener und: „in Sauges schaut man gemütlicher durch die Scheiben.“
Mit gesenkten Köpfen und rhythmischem Platschen auf dem Asphalt, machen wir uns auf die Socken. Der Weg frisst sich durch die regenverhangene Margeride, ein Land, das in seiner graugrünen Patina gleichermaßen abweisend wie faszinierend erscheint. Jeder unserer Schritte durch Kälte und Nässe ist ein Sieg über die Moral. Die Welt um uns herum schrumpft zu einem Ort, der nur noch aus dem gleichmäßigen Atem des Vordermanns und dem unermüdlichen Trommeln des Regens auf der Kapuze besteht.

Auf der Hochebene weicht der Regen und aus den nassen Wiesen wachsen mystische Nebel. Saugues, unser Etappenziel, liegt im unsichtbaren Nirgendwo dahinter. Saug es ein, wie passend! In der grauen Undurchsichtigkeit wirkt jede Krüppelkiefer wie ein lauerndes Ungeheuer. „Hast du das auch gehört?“, fragt Anne, hinter mir. Ja, jaa! War nicht da ein tiefes, kehliges Grollen gewesen? Nein, wahrscheinlich war es nur die Kapriole einer Wahrnehmung oder ein geträumter Gedanke. Doch Anne hatte es ja auch registriert! „Komisch!“ erwidere ich ohne vernünftige Erklärung: „war vielleicht der Wind.“

Als wir die ersten Häuser von Saugues erreichen, erkennen wir eine riesige, grässliche Holzfigur. Das aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen und den rot leuchtenden Augen wirkt erschreckend real.

Katrin: „Kennt ihr das Geschehen um die Bestie von Gévaudan? Nein?“

„Wisst ihr“, begann sie mit einer Stimme, die so trocken klang wie das Knirschen von Knochen, „Das hier, ist das Biest von Gévaudan!“ Sie blättert in ihren Notizen und liest: „Es war kein normaler Jäger. Auf der Suche nach einer unvorsichtigen Seele, die den Weg nach Hause nicht rechtzeitig gefunden hat, hatte es eine Vorliebe für Köpfe. Die Berichte aus den Jahre 1763 bis 1767 sind voll von über einhundert Opfern, die man teilweise sauber enthauptet auf den Feldern fand, so als hätte das Wesen die Jagd als ein grausames Handwerk verstanden.“

Katrin tritt näher an das hölzerne Maul heran:

„König Ludwig XV. schickte Truppen auf die Mageride. Dutzende Male schossen seine Jäger auf das struppige, rotbraune Fell. Man sagt, es sei kugelsicher gewesen, doch das Biest schüttelte sich nur und verschwand mit einem hämischen Knurren in den Nebeln der Margeride. Es riss Kinder von den Weiden, während die Mütter hilflos zusehen mussten, wie die Kiefer mit einem einzigen Krachen ihr Genick brachen.“

„Grusig!“, ruft Vera in ihrem kantigen Züridütsch, „es lauft mer chalt de Rugge durab!“

„Das Gévaudan …“, wirft Wolfgang leise ein, während er in seinen Erinnerungen kramt. „Ich erinnere mich an Bilder aus einem Film. Sie haben daraus eine richtige Schauermär gemacht, ein blutiges Spektakel. Aber wenn man Katrin so zuhört, wirkt der Kinofilm plötzlich ganz blass gegen die Wirklichkeit.“

Am Abend in der Gaststube Hotels La Terrasse ergänzt Katrin: „Manche glauben, dass der Geist der Bestie nie ganz aus den Wäldern verschwunden ist, „dass es in den Nächten, in denen der Regen den Geruch von frischem Blut imitiert, wieder durch die Gassen von Saugues schleicht, auf der Suche nach einer unvorsichtigen Seele, die den Weg nach Hause nicht rechtzeitig gefunden hat."

In der Abgeschiedenheit des nebelverwunschenen Hochlands entfaltet Katrins Erzählung eine schaurige Intensität. Ich fühle mich zurückversetzt in die Schauermomente der Kindheit, in jene Stunden, in denen das Gemurmel dunkler Sagen die Stube erfüllte, während draußen der Abend in Schwärze versank.

Im La Terrasse serviert man uns eine schwere, duftende Pfanne mit Waldpilzen, frisch aus den Wäldern der Margeride, mit viel Butter noch mehr Knoblauch.

„Hoffentlich haben sie die Pilze nicht dort gesammelt, wo das Viech unterwegs ist,“ witzelt Annegret

Katrin, der Kopf schräg gelegt, blickt in eine imaginäre Ferne: „Eigentlich,“ sagt sie mit einer Stimme, die so ruhig ist, dass es einem den Atem verschlägt, „wachsen die besten Pilze genau dort. Man sagt, der Boden im Gévaudan vergisst nicht.

Nach der erdigen Schwere der Mahlzeit wirkt der Milliasson fast wie ein Trost. Der goldgelbe Maiskuchen mit den Blaubeeren ist lauwarm und lecker, ein freundlicher Abschluss für diesen herben Tag.

Das Klappern der schweren Schlüsselbunde am Tresen markiert das Ende des Abends. Mit einem gequälten Ächzen antworten die Dielen im oberen Flur unseren nassen Stiefeln. Vor den Zimmertüren geben wir uns nur ein kurzes, flüchtiges Nicken. In der Kammer arbeitet das Holz des Hauses weiter, und jedes Knacken klingt wie ein verstohlener Seufzer des Hotels, das sich unter der Last seiner dunklen Geheimnisse beugt. Ich schließe die Augen, aber ich kann noch nicht schlafen. Ich schätze, es wird eine lange und unruhige Nacht im Gévaudan, eine Nacht, in der ich den Atem anhalten werde, wenn der Wind am Riegel der Zimmertür rüttelt.


-Alles in Fluss-
 
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Verehrter Pilgersmann,

diesmal war es gar nicht heiter, dafür düster fesselnd. Und das Wetter dazu sehr passend, wie bestellt. Bei der Behauptung im drittletzten Absatz - Pilze wüchsen an so belasteten Schreckensorten am besten - fiel mir Alain Guiraudies Film "Misericordia" von 2024 ein. Er spielt in der gleichen französischen Berglandschaft, nur wohl etwas weiter südlich. In ihm wird genau dieses Pilzmotiv wiederholt eingesetzt nach einem Mord mit Verscharren der Leiche. Vielleicht gehört es da zum Bestand regionaler Mythen.

Schönen Sonntag
Arno
 

John Wein

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Ein Friedensvertag mit der Atmosphäre

Saugues, Dienstag, 17.Juni 2008

Wir frühstücken alle gemeinsam an einem großen Tisch. Es ist so herrlich warm und gemütlich auf dieser Seite der Fenster des Hotels La Terrasse. Der Regen hat sich in der Nacht nicht erschöpft. Saugues ist weiter unter einer Dusche bei seiner Morgentoilette.

Katrin malt sich ein vollendetes Lächeln ins Gesicht. „Es heißt Saugues, nicht Soschuess,“ flötet sie mit einem Augenaufschlag, der ihrem perfekt klingenden französischen Tonfall in nichts nachsteht: „Soogh“und dabei zieht sie die Oohs bis weit hinter den Horizont ihrer streng nach hinten gesteckten Haare und spricht das G so unendlich weich, wie der französische Brie, der in meinem Rucksack dahin zu schmelzen beginnt. Wie zigtausend andere, die auch kein Französisch können, die aber aus Coolness und Vornehmheit so tun, als wäre es ihre zweite Muttersprache, habe ich es leichtfertig ohne Überlegung in spanischer Klangfarbe gesprochen: „Sochuwess“ hat es geklungen, und ich bin fest davon überzeugt, dies sei das vornehmste Französisch gewesen, das je über meine Lippen geperlt ist. D'accor! Es ist mein erster Minuspunkt auf Katrins Tableau du Tour.

Ralf nimmt einen Schluck Kaffee und fügt ungerührt an: „Ob man es nun Spanisch verhunzt oder Französisch parfümiert, am Ende ist es ein nasses Dorf auf tausend Metern Höhe, in dem es rein statistisch gesehen mehr Schafe als korrekte Vokale gibt.“ Katrin lächelt, aber es wirkt wie eine mühsam aufrechterhaltene Theaterkulisse bei Windstärke zehn.

Der Rosenheimer lacht leise in sich hinein, ein ehrliches Geräusch und schüttelt den Kopf. „Vielleicht hast du recht, Katrin. Manchmal ist ein schönes Wort der einzige Luxus, den man im Regen noch hat.“

„Stimmt genau!“ Wolfgang steht auf, was das Signal zum allgemeinen Aufbruch gibt: „Packen wir’s! Der Matsch wartet.“

Während wir uns in der Garderobe mühsam in die immer noch klammen Jacken zwängen, spüre ich, wie der Brie in meinem Rucksack, er stand an die Heizung gelehnt, beim Anziehen nun endgültig seine Duftnote „Weide“ entfaltet. Dezent rümpft Katrin die Nase.

Was diesen Käse betrifft,“ sie wirft meinem Rucksack einen Blick zu, der irgendwo zwischen Mitleid und biologischem Interesse schwankt, „wenn die Luftfeuchtigkeit noch weiter steigt, müssen wir ihn nicht einmal mehr auspacken. Er wird uns als duftende Wolke vorauslaufen und das Biest von Gévaudan schon auf Kilometer Distanz in die Flucht schlagen.“

Wir machten die ersten Schritte auf der asphaltierten Hauptstraße, weg von der Wärme, hinein in das nebelverhangene Hochland, wo die Natur, wie wir wissen, weder Gnade noch eine korrekte Aussprache kennt. Achtlos passieren wir die letzten Häuser von Saugues und werden eins mit der nassen Stille zwischen Himmel und Erde. Es ist, als ob die Umgebung uns vollkommen absorbiert und nur das in uns übriglässt, was so still und versunken ist, wie sie selbst. Die Nässe will nicht weichen. Alle Farben der Natur haben ihre Strahlkraft verloren; unsere Gesichter ebenfalls.

Beat stapft hinter mir. In der absoluten Tonlosigkeit der Landschaft wirkt das Schmatzen unserer Sohlen auf dem durchweichten Pfad wie ein Herzschlag. Als der Wind eine scharfe Ladung Sprühregen unter meine Kapuze peitscht, stuppst er mich an und kramt einen Riegel aus seiner Jackentasche, bricht ihn und reicht mir die eine Hälfte.

„Seht nur, diesen wunderschönen Regenwurm dort!“, flötet Katrin und bemüht sich redlich, uns mit ihrer Entdeckung aus der morgendlichen Teilnahmslosigkeit zu reißen. In großer Zahl kriecht das Gewürm über den schwimmenden Asphalt. „Habt ihr jemals ein so ein Exemplar wie dieses gesehen?“ Ich schaue an mir herab. Beat sieht mich an, ein Blick ins Schlierige, wir verstehen uns blind. Beat schaut unter sich. Alle Welt macht Geschäfte. Meins hatte ich im Hotel erledigt; gut, alle Schotten dicht!

Nach zweieinhalb Stunden unverdrossenen Marschierens grüßt der mittelalterliche Wehrturm von La Clauze. Das steinerne Grau des Kolosses unterscheidet sich kaum vom bleiernen Himmel. In dieser friedfertigen Landschaft wirkt beides seltsam dunkel und bedrohlich. Doch der Regengott hat ein Einsehen und gewährt uns eine Pause für ein kurzes Picknick. In einem hübschen Hof des Anwesens schöpfen wir frisches Wasser. Es laden ein paar Tische und Bänke zur Rast und als wollte das Schicksal uns belohnen, taucht keuchend ein weißes Vehikel ums Eck‘, eine Boulangerie auf Rädern. Die Klappe schwingt auf und gibt den Blick frei auf eine hell erleuchtete Vitrine, in der sich ein unwiderstehliches Sortiment frisch gebackener Köstlichkeiten stapelt. „Nimm mich!“, scheinen uns die cremigen Verlockungen entgegenzuschreien. Wer könnte hier widerstehen, der Brie muss warten.

Die Domaine du Sauvage, im 13. Jahrhundert vom Templerorden zum Schutz der Pilger in der Einöde der Margeride errichtet, trotzt noch heute der Wildnis. Mit ihrem massiven Granit wirken die Gebäude in der Weite wie eine feste Burg gegen die Unbändigkeit der Witterung und dem üblen Gesindel. In diesen Mauern, so nah am Himmel, fühlte man sich gut behütet.

Vorbei führt der Weg zur Passhöhe des Col de l’Hospitalet in 1300 Metern Höhe. Wieder einmal brechen sämtliche Dämme im Wolkenmeer. Teilnahmslos marschieren wir auf Wegen, die nur noch als Bachbett für die abfließenden Fluten dienen. Mein Körper schwimmt in triefend schweren Klamotten, und meine Füße schmelzen förmlich in der angeblich undurchlässigen Goretex-Membran meiner Schuhe. Alle Endorphine ziehen sich wie kriegsmüde Truppen aus meinem Gehirn zurück und ich beginne, diese Welt, wie Nietsche, als einen Ort der Buße zu verstehen. Mit den Wogen des Himmels treiben wir hinüber ins Lozére, wo es nach Katrins unwidersprochenen Weissagungen die allerschönsten Kühe auf der Welt gibt, die Gehörnten mit ihren großen, gemalten Cajal-Augen. Mir ist es „Wurscht“! Mein einziges Interesse liegt an Les Faux, diesem falschen Ort auf der Landkarte, knapp eine Wegstunde voraus.

900 m Les Faux, kündet der Pfeil an einem weidengesäumten Abzweig durch nasses Wiesengras. Wir folgen und zählen die Schritte, doch nach neunhundert Metern ist da nichts; ein Phantom ein verschwundener Ort? Wolfgang dreht sich um, das Wasser läuft in Sturzbächen vom Kapuzenrand, während er fassungslos auf seine Uhr starrt. „Neunhundert Meter?“, grollt er. „In Frankreich sind neunhundert Meter wohl eher eine dehnbare Empfehlung, als eine Maßeinheit.“ Mit einem heftigen Ruck korrigiert er seinen Rucksack und verzieht das Gesicht zu einer Miene, die jeden weiteren Meter als persönlichen Affront wertet.

Wir trotten weiter missmutig ins Ungewisse, die Stiefel tief im Schlamm, werden bei jedem Schritt schwerer; Le Faux, ein Fauxpas? Dann endlich schält sich das graue Gemäuer eines alten Gutshofes aus dem Grün eines uralten Buchenbestandes. Die umgebaute Scheune stellt sich in den Weg und verspricht, uns für heute Herberge zu geben.

„Na hoffentlich sind die Betten keine Fälschung“, murmelt Wolfgang trocken, während wir auf das schwere Tor zuhalten. Er wirkt, als würde er dem Gebäude erst trauen, wenn er eine feste Wand zwischen sich und der Margeride weiß.

Mit klammen Fingern bugsiere ich die große Tasche mit meinen Siebensachen über die knarrenden Holzstiegen nach oben. Auf dem schweren Schlüsselanhänger steht in geschwungenen Lettern: '11 Ancolie'.

An der weißen Zimmertür prangen die blau zarten Pinselstriche einer Akelei. Die Blüten wirken fast zerbrechlich und harmonieren so gar nicht mit meinen morastigen Wanderstiefeln, die bei jedem Schritt dunkle Flecken auf den Dielen hinterlassen. Ich fühle mich wie ein Eindringling aus einer raueren Welt. Den Schlüssel selbst brauche ich eigentlich nicht; das Schloss ist in dieser Abgeschiedenheit ebenso defekt wie überflüssig. Im Bad öffne ich den Hahn, aus der Dusche regnet es beständig und warm; Leben kehrt heim.

Der Duft von deftigem Eintopf und frischem Brot zieht durch die Ritzen der alten Scheunendielen und lockt uns nach unten. In der Gaststube brennt ein Feuer, dessen Licht auf den groben Granitwänden tanzt. Wir sitzen an einem langen, massiven Holztisch, mit Gesichtern vom heißen Duschen gerötet. Die Gespräche plätschern über Stock und Stein

Wolfgang hat seinen mürrischen Blick gegen eine skeptische Neugier getauscht. Er beäugt die große Terrine in der Mitte des Tisches, während er sich ein Stück vom Baguette abbricht.

„Wenn die Portionen so groß sind wie die Umwege hier in der Gegend, werden wir bestimmt satt“, brummt er, doch ein kleiner Funke Zufriedenheit blitzt in seinen Augen auf, als er den ersten Löffel probiert.

„Das isch halt diä französisch Läbesart, Wolfgang!,“ wirft Vera mit einem schallenden Lachen ein, während sie die schwere Schöpfkelle mit einer Eleganz führt, die man nach zehn Kilometern Schlamm nicht erwarten würde. Sie wirkt in der rustikalen Gaststube seltsam präsent, als hätte sie den Matsch des Weges einfach an der Garderobe abgegeben.

Beat bemerkt mein Schweigen. Er setzt das Glas ab. „John, du grübelst wegen de letschte Meter vo hüt Namittag, gäll?“ fragt er leise. Sein Schweizer Singsang wirkt wie eine sanfte Bremse für mein Gedankenkarussell.

Vera hält kurz inne und sieht ihn an. „Was würded mir nume ohni din Scharfsinn mache?“ Sie zwinkert mir über den Tisch hinweg zu. Dann beugt sie sich leicht vor, ihre Stimme wird eine Nuance leiser, fast verschwörerisch: „Wisst ihr, der Beat hat heute jeden einzelnen Stein in der Margeride mit Vornamen begrüßt. Er wandert nicht, er führt eine Inventur der Natur durch.“

Beat schiebt mir die Platte mit dem kräftigen Tome de Lozère zu und hebt den Kopf. Ein schelmisches: „Einer muss ja ufpasse, dass keiner die Berge wegträgt.

Katrin stellt ihr Glas ab. Sie schaut in die Runde, ihr Blick bleibt kurz an mir hängen, und dann sagt sie mit philosophischer Klarheit, die keinen Widerspruch duldet:

„Hört mal Leute, Pilgern ist kein Wettlauf mit den Kilometern, sondern ein Friedensvertrag mit sich selbst.“

Da wird es auf einmal ganz still am Tisch, sogar Vera hält inne. Dieser Satz hängt wie ein leuchtendes Ausrufezeichen im Raum und besiegelt das Ende aller Selbstzweifel. Ich nehme Katrins Worte mit nach oben. Während die Holzdielen meinen Schritten einzeln antworten, fühle ich mich leichter.

Morgen werde ich nicht wandern, um eine Strecke zu bewältigen, sondern um diesen Friedensvertrag einzulösen.


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petrasmiles

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Lieber Wanderer,

es wird mir auch in hundert Jahren nicht einleuchten, warum man sich quälen sollte.
Natürlich sollte man sich nicht `hängen' lassen, ich treibe mich auch an, nicht zu bequem zu werden, aber das hat Grenzen.
Ist das nicht so ein Masochistenphänomen, dass der Körper sich erst richtig gut anfühlt, wenn der Schmerz nachlässt?

Ich möchte nicht behaupten, schon in Frieden mit mir zu sein, aber einen Vertrag brauche ich wohl eher nicht.

Aber ich bin froh, dass in der Folge so gute Natur (und Menschen) Beschreibungen dabei herauskommen, von daher will ich nicht zu sehr auf die Pauke hauen und bedanke mich brav für Deine Texte :)

Liebe Grüße
Petra
 
Endorphine, liebe Petra, Endorphine! Ihre Produktion ist nicht zwangsläufig an Schmerzerfahrungen à la Masochismus gebunden, Es genügen große (bewältigte) Anstrengungen.

Schönen Morgengruß
Arno
 

John Wein

Mitglied
Das Sakrileg


Les Vaux, Mittwoch, 18. Juni 2008

In der Nacht hatte sich ein Wetterwechsel vollzogen. In Les Faux steht dichter Nebel zwischen den schwarzen Stämmen der Buchen und lässt sie mit ihrem Wurzelgeflecht noch enger kommunizieren als üblich. In den Wiesen hat sich die Feuchtigkeit der vergangenen Tage verfangen und die Halme der Gräser beugen sich unter der schweren Last der Tropfen. Ahnungsvoll begleitet die kühle Luft den Morgen. Die Hoffnung auf Sonne ist groß.

Dank des Radiators in der Kammer sind meine Kleider und Schuhe getrocknet. Mit Kaffee, Croissants und neuem Mut gestärkt, beginnen wir die Vorbereitungen für die neue Etappe. Doch der Blick nach draußen, in das graue Netz, lässt mich innehalten.

„Hör‘ mal“, sage ich zu Katrin und deute in die Richtung, in der die Welt im Grau verschwindet, „da vorn, direkt hinter der Mauer, führt die Landstraße nach Rouget. Sollten wir uns nicht hier lieber in den Weg einfädeln, das ist kürzer und trockener, als zurück über die Wiesen.

Katrin hält inne und schaut zu mir herauf. Ihr Blick ist skeptisch, fast ein wenig streng.

„Finde ich gar nicht gut, die Idee!“

sagt sie gerade heraus, während sie ihre Schuhe knotet.

„Aber ich frage mal, was die anderen so meinen.“

Sie dreht sich um und trägt meine Idee in die Runde. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Wolfgang und Erika halten in ihrer Routine sofort inne:

„Kommt für uns überhaupt nicht in Frage, aber macht was ihr wollt!“

Ihre Mienen sind so fest wie der Granit der Margeride. Für unsere beiden Wallfahrer ist der offizielle Pfad unantastbar, jede Abweichung wäre ein Verrat am Weg. Katrin überlegt, den Blick auf ihrer Uhr gerichtet. Es herrscht eine kurze Stille, in der man das Klicken der Schnallen hört. Dann hellt sich ihr Gesicht merklich auf.

„Wisst ihr was? Eigentlich ist es doch ganz einfach. Der Weg ist für uns da, nicht wir für den Weg. Wenn eure Knochen heute nach Asphalt rufen und unsere nach Matsch, dann ist das eben so. Wir müssen uns nicht gegenseitig bekehren.“

Annegret, sichtlich angeschlagen, die Strapazen der letzten Tage schauen ihr aus den Augen, sieht mich an: „John, dein Vorschlag ist super!“, bricht es aus ihr heraus. Man merkt, dass für sie jeder gesparte Kilometer heute eine Erlösung bedeutet.

Katrin richtet sich auf und wischt sich den Dreck von der Hose:

„Wir ziehen durch die Wiesen und Ihr beide nehmt die Straße, schont eure Kräfte und wir treffen uns in Rouget. Wer zuerst da ist, besorgt den Kaffee!“

Während die Umrisse der Gruppe im grauen Netz des Nebels verschwimmen, wende ich mich an Anne: „Komm‘ lass‘ uns gehen!“

Der Nebel auf der D987 ist anders, heller als in Les Faux. Er liegt über den Hängen der Berge so, als ob er den Wald beschützen wollte. Hin und wieder taucht der Schatten eines Zaunpfahls auf oder einer Kiefer am Rand, nur um Sekunden später wieder im Weiß zu ertrinken. Selten unterbricht ein Motorgeräusch die Stille. Der dämpfende Nebel taucht alles Gebrumm in Watte.

Anne blüht auf: „Endlich mal nicht nach unten schauen müssen“, sagt sie und, „danke John, das war eine gute Idee!“

Der Boden unter unseren Sohlen gibt nicht nach, er federt nicht, er fordert ein anderes, gleichmäßigeres Gehen. Nach der gestrigen Regenschlacht fühlt sich diese Härte fast wie Luxus an. Nach und nach lichten sich die Schwaden über dem Asphalt. Die Straße windet sich in weiten Kurven abwärts durch dichtes Waldland.

„Man muss ja nicht blind jedem Pfeil folgen, um seinen Weg zu finden“, erwidere ich und bin selbst überrascht über die philosophische Tiefe meiner Antwort. „Manchmal Anne, ist der Umweg über die Vernunft der ehrlichere Pfad.“

„Glaubst du, der Jakobsweg hat Augen?“, fragt sie verschmitzt, „und er macht sich jetzt in seinem großen Tableau eine Notiz: Etappe 4, Kilometer 2: Die beiden haben gemogelt‘?“

Ich muss lachen: „Wahrscheinlich kriegen Erika und Wolfgang in Aumont einen extra Stempel für besondere Verdienste im Matschpilgern.“

Wir biegen um die letzte große Kehre und da tauchen die ersten grauen Steindächer von Rouget in den Schwaden auf. Es wirkt alles so friedlich hier, fast wie ein Spielzeugdorf, das man im Wattebausch vergessen hat. In die Brache am Ortsschild sind ein paar Holzklötze gewürfelt. Sie bieten dem Wanderer die Gunst einer bequemlichen Rast im Sitzen.

Eine halbe Stunde später dringen Stimmen durch die Schwaden. Wie Schemen treten sie aus dem Weiß hervor: Katrin voran, die Schultern leicht gebeugt, dahinter die Gruppe. Wir haben uns wieder. Die verhaltenen Untertöne und die milden, fast mitleidigen Blicke zum Himmel, die unser „Asphaltgehen“ als kleinen Sündenfall maßregeln, vernachlässige ich generös. Wolfgang murmelt etwas von „echten Kilometern“, während er sich den Lehm von den Waden streift, doch ich lächle nur in mich hinein. Es sind oft nur die Stimmungen und nicht die Begebenheiten, die ein Bild von einer Sache machen. Warum sollte ich Schamgefühle hegen? Einen Richter für den „Richtigen Weg“ gibt es hier draußen nicht. Hier gibt es nicht einmal Kaffeautomaten.

Schläfrig schielt die Sonne durch Wolkengardinen. Noch kann sich der Dunst der Temperaturen erwehren. Im ersten klaren Licht erreichen wir die Peripherie von Saint-Alban-sur-Limagnole. Wie auf einem Kraterrand thronen die ersten Häuser hoch über dem weiten Becken der Limagnole und tief unten, im sonnengefluteten Tal, duckt sich der alte Ortskern in die Landschaft des Lozère. Warme, vornehmlich rötliche Farbtöne beherrschen die mächtigen Mauern und setzen einen unverkennbaren Kontrast zu den vornehmen, kühlen Grautönen der Margeride. Wie Huhn und Hahn beherrschen die mittelalterliche Burg und das pompöse Barockschloss die Szenerie, zwei stolze Repräsentanten vergangener Macht. Wir unterbrechen unseren Marsch für ein Picknick auf den steilen Rängen des Kirchplatzes der Église Saint-Alban. Das hübsche romanische Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert steht dort als ein himmlischer, trotziger Gegenpol zu den weltlichen Herrschaften hoch über der Stadt.

Anne setzt sich neben mich, kramt in ihrer Tasche und fördert eine Tüte getrockneter Aprikosen zutage, die sie großzügig in die Runde reicht. Ralf angelt sich eine, wirft sie kurz in die Luft und fängt sie geschickt mit dem Mund auf.

„Der liebe Gott hat die Landstraße sicher nicht nur erfunden, damit die Postautos schneller bei den Gîtes sind“, witzelt er, „das war eine reine Geste der Nächstenliebe für dein Knie!“ Er zwinkert Anne zu und setzt noch einen drauf: „Ich sage mal so: Man muss den Jakobsweg nicht zwingend im Schneckentempo durch Dreck und Pfützen bezwingen wollen. Manchmal ist der wahre Segen schlicht eine gut ausgebaute Landstraße und ein Knie, das am Abend nicht um Gnade winselt!“

Am späten Vormittag überfluten die warmen Strahlen der Sonne die nahezu schattenlose Ebene. Die Schweißperlen auf meiner Stirn danken es ihr vielfach, während sich das Band des Weges in sanftem Bergauf und Bergab nach Les Estrets windet und weiter hinunter in das malerische Tal der Truyère. Hier, in diesem einstigen Handelsflecken des Johanniterordens, bewundern wir zum ersten Mal die aus schwerem Granit gehauenen Dachschindeln, das unverkennbare Markenzeichen des Aubrac. Ich staune, wie klaglos sich die alten Mauern dieser gewaltigen Last fügen. Eine tiefe, erdungsschwere Ruhe liegt über allem, sie prägt den gesamten Landstrich und nun auch unsere Schritte. Tagesziel ist das verschlafene Aumont-Aubrac, die Pforte zum Hochplateau, gelegen an der geschichtsträchtigen Kreuzung zweier römischer Handelswege. Während an der Peripherie heute der moderne Verkehr über die A 75 Richtung Perpignan rauscht, ruht im Herzen des Ortes wuchtig und würdevoll St. Étienne, Abtei und Kiche von Aumont-Aubrac.

Am frühen Abend, nach dem Duschen und vor dem Abendessen, streife ich noch einmal durch die verwaisten Dorfgassen und verlaufe mich zum Gotteshaus hin. Die Tür ist weit geöffnet. Für einen kurzen Moment bleibe ich auf der Schwelle stehen, gerade so, als müsste ich mich vergewissern, dass ich hier nicht in eine anderen Welt trete: Die Abendsonne steht tief und bündelt ihre schrägen Strahlen durch die Pforte und über die ganze Länge des Mittelganges hinweg so, als würde sie mich auf etwas aufmerksam machen wollen. Vorn, im Fokus des himmlischen Scheinwerfers, erleuchtet in seinem weißen Ornat, steht der Priester mit ausgebreiteten Armen. Er spendet einer Handvoll Pilgern den himmlischen Segen. Ich fühle, hier ist kein Raum für Zuschauer und ziehe mich leise und in Demut zurück.

Am Abend sind die lokalen Gaumenkitzel gerahmt von den fröhlichen Klängen von Cabrette und Accordéon. Die Cabrette ist ein kleiner Dudelsack, der nicht mit dem Mund, sondern mit einem Blasebalg unter dem Arm aufgepumpt wird. Amelie und Josette unterhalten eine französische Reisegruppe und gleichfalls uns mit den musikalischen Traditionen des Aubrac. Einträchtig wird gesungen und gelacht, auf Deutsch und auf Französisch, bis die Tränen kullern.

Dann wird es ernst: Das Aligot wird aufgetragen. Die legendäre, zähe Masse aus Kartoffelbrei und frischem Tomme-Käse, wird am Tisch kunstvoll in die Länge gezogen, bis sie fast die Decke berührt. Dazu gibt es die obligatorische Wurst, deren grobe Füllung aus Fleisch und Kartoffelwürfeln, die zu diesem rauen Land passt. Sie sättigt nicht nur, sie belagert den Körper und fordert ihre Opfer. Ermattet treten wir den Rückzug an.

Gute Nacht, meine Lieben! Gute Nacht, Amelie und Josette! Gute Nacht, Aumont! Gute Nacht, Frankreich!


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John Wein

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Der Hintern-Kratzer


Aumont-Aubrac, Donnerstag, der 19. Juni 2008

Die Sonne blinzelt vorwitzig zwischen den Lamellen in meine Dachkammer. Das Aligot hat mir ein Schneewittchen tiefes Koma beschert. Ich habe fest geschlafen und bin gut erholt. Der Blick auf die Uhr schreckt mich auf: Halb Acht und ich hab‘ noch nicht einmal gefrühstückt. Eine kurze Katzenwäsche muss genügen. Den Rasierer lasse ich links liegen, das Aubrac verträgt Wildnis im Gesicht. Dann stürme ich die vier Stockwerke hinunter, überspringe Stufen; alle da! Auf dem Frühstückstisch Krümel und leere Tassen!

„Da bin ich!“ schnaufe ich, „guten Morgen!“

.„Na“, sagt Ralf in bajuwarisch gefärbtem Sarkasmus, „hast noch mit Josette geturtelt, gell!“ Allgemeine Heiterkeit, sie trifft mich auf falschem Fuß. Nach einem Moment der Sammlung rutscht es raus: „Einer muss sich hier ja um die Völkerverständigung kümmern!“

„Wenn wir heute so weitermachen, erreichen wir Nasbinals erst, wenn die Aubrac Rinder schon die Pyjamas anhaben,“ kontert er.

„Ok Ralf, ein Punkt für dich!“

Gratte-Cul heißt die säuerlich-süße Konfitüre mit der ich mein Baguette herunterschlinge, bevor ich mir am höllisch heißen Kaffee die Zunge verbrenne.

"Gratte-cul ist Hagebutten Konfitüre, wörtlich „Hintern-Kratzer“, lacht unsere Expertin Katrin, „Wildrosen wachsen im Aubrac an allen Wegrädern.“

„Ha, ha!“ Ralf grätscht ein: „Pass bloß auf, mein Junge du schlingst diesen Hintern-Kratzer in dich rein und heut‘ Mittag nach Nasbinals brennt‘s dir nicht nur die Zunge, sondern du läufst auch mit n‘em Schrittmaß wie‘n frisch markiert‘s Aubrac-Rind!“

„Jetzt muss selbst ich laut lachen!“

Katrin kontrolliert noch einmal in ihr Kartenmaterial, sie überlässt nichts dem Zufall. „Beeil dich John, um Acht geht’s los und denk‘ an die Sonnencreme!“

Hastig stolpere ich die vier Stockwerke wieder nach oben, sortiere mich und mein Krimskrams und stürze 4 Treppen zurück nach unten. Punkt Acht bin ich an der Pforte.

„Na dann, Casanova – hoffen wir mal, dass die Völkerverständigung nicht juckt“.

Unsere ersten Schritte führen uns über rostige Bahngleise und durch den Schlund des Autobahntunnels der A 75. Hinter der Unterführung öffnet sich das Aubrac in seiner unendlichen Weite und Einsamkeit. Der Kontrast zur Welt vor dem Tunnel könnte nicht schärfer sein. Die Geräusche der modernen Welt verlieren sich, werden verschluckt und vor uns öffnet sich eine stille und in sich ruhende Landschaft. An der Wegkreuzung Les Quatre Chemins auf 1174 m Höhe, pfeift der Wind wie auf dem Westerwald, nur nicht so kalt.

Das Aubrac ist eine archaische, fast menschenleere Hochfläche aus Granit. Wie eine mächtige, umgestülpte Schüssel wölbt es sich zwischen den Tälern der Truyère und des Lots. Nur an seinen fernen Rändern wirken die wenigen Orte wie hingekleckst, unbedeutend angesichts der gewaltigen Natur. Hier und da liegen vereinzelt Weiler, einsame Gehöfte und die tief geduckten Unterstände -Burons- der Hirten. Das bis zum Horizont gewellte Grün ist von einem weitmaschigen Netz aus verwitterten Natursteinmauern überzogen, während mächtige Findlinge, von den Gletschern der Eiszeit rundgeschliffen, wie vergessene Giganten in der Landschaft ruhen.

Das Bild wirkt keltisch, erinnert an die raue Seele Irlands oder Schottlands. Dort, wo die Natur Vorrang vor der Beweidung hat, wo die Erde sauer und nährstoffarm bleibt, entzündet sich ein floristisches Feuerwerk. In diesen Momenten malt sich das Aubrac eine liebliche Schminke ins Gesicht. Beherrschte in der Margeride noch das brennende Gelb des Ginsters das Auge, so bezaubert hier die feine Farbpalette der Wildblumen. In dieser erhabenen Stille nimmt mich die würdevolle, in sich ruhende Atmosphäre gefangen. Über Hügel und Kuppen schweift der Blick ungehindert in das offene Land.

Wir biegen in eine der typischen Drailles, die Viehtriften ein. Die Steinmauern rücken eng zusammen, als wollten sie uns den Weg nach Nasbinals diktieren.

„Hier haben schon die Pilger vor tausend Jahren den Staub geschluckt“, erklärt Katrin. „Nur dass die wahrscheinlich kein Lichtschutzfaktor 50 im Gesicht hatten, sondern nur ihr Gottvertrauen.“

Ich lasse die Hand über den rauen, flechtenbesetzten Granit der Mauer gleiten und achte auf die Kleckse der Aubrac-Kühe. Die Steine sind warm von der Sonne. Es ist ein seltsames Gefühl: Man läuft eingezwängt in einer Rinne aus Stein, während über einem der Himmel so groß wirkt, dass man sich fast darin verlieren könnte.

In Finieyrols ist endlich die Zwei-Drittel-Marke dieser holprigen Etappe erreicht. Wir finden ein schattiges Plätzchen für die Rast. Ich streife die Schuhe ab. Es ist die allerhöchste Zeit, meine Füße verlangen nicht nur nach einer Pause, sie schreien nach Gerechtigkeit. Seit vier Tagen führen sie einen erbitterten Widerstandskrieg gegen das harte Leder meiner Wanderschuhe. Als wir aufbrechen, sind sie geschwollen und fast verweigern sie ihren Dienst, sträuben sich regelrecht in ihre engen Gefängnisse zurückzukehren. Sind sie nach all den Kilometern noch immer nicht eingelaufen? Oder sind die Schuhe einfach eine Fehlkonstruktion, zu eng geschnürt, zu unnachgiebig? Füße haben nicht nur Bedürfnisse, sie besitzen eine eigene Sprache: Sch…e, übersetzt: Genug!

Noch zweieinhalb Stunden liegen vor uns, während der Spann meines linken Fußes bedrohlich dick ist. Ein hastig angebrachtes Polster lindert kaum die Qual. Im Vorbeigehen raunt ein wandererfahrener Holländer ein kryptisches: „Vorne fest, hinten locker!“ Er meint die Schnürung, was denn sonst! Sein Tipp macht das Weitergehen um Nuancen erträglicher, doch mein gesamtes Bewusstsein bleibt im linken Fuß gefangen.

Der stechende Schmerz signalisiert bei jedem Auftreten, dass hier etwas grundlegend aus den Fugen geraten ist. Ich humple auf der Außenkante, während mein Verstand verzweifelt versucht, das pulsierende Signal zu unterdrücken. Die Balance zwischen Leidensfähigkeit und der Ökonomie des Vorankommens ist heute ein hauchdünner Grat.

Eva, Ralfs Frau, erweist sich als mein rettender Engel. Als Ärztin bringt sie nicht nur Fachwissen, sondern auch eine unerschütterliche Geduld mit. Während der Rest der Truppe schon unruhig mit den Hufen scharrt, bleibt sie ruhig an meiner Seite.

„Gut“, entscheidet Katrin, unsere Wanderführerin, mit einem prüfenden Blick auf die Uhr. „Eva, ihr beide kommt langsam nach. Sorg mir dafür, dass keiner zurückbleibt!“

„Ich bleibe auch bei euch“, meldet sich Ursula mit ihrer leisen, fast entschuldigenden Stimme. Die Würzburgerin ist Berufs-Fotografin und meistens sowieso Schlusspunkt der Truppe, eine sehr zurückhaltend stille Vierzigerin, wir kennen sie kaum.

Nie zuvor habe ich mich so nach einem Ort gesehnt wie nach Nasbinals. Hinter jedem Hügel, nach jeder Wegbiegung klammere ich mich an den festen Glauben, die Dächer endlich zu entdecken. Diese Hoffnung ist die einzige Strategie, die mich noch aufrecht hält. Doch die Unendlichkeit im Blick, versinkt die Schönheit der Landschaft im Nebel meiner Schmerzen.

Sogar die uralte, steinerne Brücke über die Bés überquere ich, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Das hier seit Jahrhunderten Pilger denselben Fluss querten, ist mir in diesem Moment gleichgültig. Ich kann nicht sagen, der Schmerz sei unerträglich, denn dann könnte ich nicht mehr weitergehen. Aber die Grenze zwischen dem mechanischen Gehen und dem endgültigen Aufgeben ist nur noch ein hauchdünner Grad. Während mein Universum auf die Größe meines linken Wanderschuhs zusammengeschrumpft ist, lebt Ursula in einer völlig anderen Welt. Keine Distel ist ihr zu gewöhnlich, kein verwitterter Stein zu grau. Sie geht für ein Motiv mitten im Dreck in die Knie, legt sich flach in den Schmutz der Herdenwege, nur um eine winzige Blüte von unten gegen den gewaltigen Himmel des Aubrac zu inszenieren. Dort am Boden, zwischen Staub und Granit, findet sie eine Pracht, für die ich längst blind geworden bin.

Und dann, endlich, im schattigen Spätnachmittagslicht, nach einer Ewigkeit aus Granit und Schmerz, bricht sie hinter einer sanften Wölbung des Geländes hervor, die Kirche von Nasbinals, massiv, dunkel und unerschütterlich. Sie ist nicht elegant oder verspielt, sie ist mit ihren massiven Mauern die architektonische Antwort auf die Härte des Aubrac. Für einen Pilger jedoch bedeutet dieser Anblick nicht nur Architektur, sondern das Ende einer Qual. Er bedeutet fließendes Wasser, ein Bett und das Ende des Hintern-Kratzer-Tages.

Doch das Schicksal hat noch eine letzte Prüfung für uns alle bereit. Direkt neben der Silhouette von Notre-Dame bereitet uns der maître de maison des „La Route d’Argent“ neues Ungemach. Mit der unnachgiebigen Grandezza eines Schlossherrn schickt er uns kurzerhand zurück, seine Logis ist von einer Reisegruppe besetzt. Wir wohnen nicht hier, im Herzen des Ortes, sondern in der Dependance am Dorfeingang, also dort, wo wir gerade hergekommen sind. Jeder Meter, den ich mich mühsam vorgekämpft habe, muss nun im Rückwärtsgang gebüßt werden. Ich starre auf die Turmuhr. Sie steht ungerührt auf fünf nach halb zwölf, ein mechanischer Stillstand, der meinen Zustand perfekt spiegelt.

„Na“, ruft Ralf uns entgegen, wobei sein Grinsen so breit ist, dass es fast die Ohren berührt. „Da ist ja die Nachhut! Ich dachte schon, ihr hättet in der Kirche von Nasbinals um Asyl gebeten.“

Ich schaffe es gerade noch bis zur Bettkante, wo ich wie ein gefällter Baum auf die Matratze sinke. Mit zitternden Fingern nestle ich an den Knoten der Schnürsenkel. Das „Vorne fest, hinten locker“ des Holländers fühlt sich jetzt an, wie eine ferne Legende aus einem anderen Leben. Dann kommt der Moment der absoluten Befreiung: Ich packe ich den linken Schuh. Er ist nicht mehr ein Ausrüstungsgegenstand, er ist das Symbol meiner Pein, die lederne Hülle meines Leidens. Mit einer rachsüchtigen Wucht, die ich meinem erschöpften Körper gar nicht mehr zugetraut hätte, pfeffere ich das schwere Ding in die Ecke. Er knallt gegen die Wand, ein dumpfer, befriedigender Schlag, der den „Maître“ und sein „Route d’Argent“ symbolisch mitreißt. Der rechte Schuh folgt sogleich, ein zweiter Einschlag im Exil der Zimmerwand. Da liegen sie nun, die unbezwingbaren Giganten aus Gore-Tex und Granitstaub, zwei hässliche Klumpen in der Ecke, die mich heute fast besiegt hätten, wie die Käfer auf dem Rücken.

Ich schmeiße mich auf‘s Bett, die Beine senkrecht gegen die Wand gestreckt. Das Blut schießt zurück, ein prickelndes, fast schmerzhaftes Gefühl der Erleichterung. „So“, murmle ich in die Stille des Zimmers, „hier‘ steh ich nicht mehr auf!“

Am Abend: Das Fenster steht einen Spalt weit offen. Die kühle Luft des Plateaus strömt herein und trägt das ferne, metallische Läuten der Herden herüber. Draußen färbt sich der Himmel über dem Aubrac in jenes tiefe Indigo, das Ursula jetzt wahrscheinlich gerade mit Tränen in den Augen und dem Finger am Auslöser festhält. Ich hingegen genieße die radikale Abwesenheit von Horizonten. Mein Horizont ist die Raufasertapete, genau dreißig Zentimeter vor meiner Nase.

Plötzlich klopft es. Nicht zaghaft, sondern mit der rhythmischen Wucht eines Spechts auf Steroiden. „He, Völkerverständiger! Lebst du noch oder bist du schon mit deinem geschwollenen Ego verschmolzen?“ Ralf hat zwei Flaschen mit eiskaltem Bier in der Hand, „Eva meint, wenn wir deinen Fuß jetzt nicht kühlen, läufst du morgen in Badelatschen nach Saint-Chély. Und glaub mir, das willst du der französischen Damenwelt nicht antun wollen!“

„Ursula hat im Garten gerade eine Schnecke fotografiert, die schneller war als du auf den letzten zwei Kilometern. Das Foto kriegst du zum Abendessen als Diashow!“

Ich nehme die Flasche La Fruillade, sie ist so kalt, dass das Kondenswasser am Glas abperlt und trinke fast ohne zu schlucken, dann wische ich mir den Schaum aus dem Bart: „Ralf, du bist ein Schatz!“

„Komm schon, Schatzilein“, spottet er und hält mir die zweite Flasche auch noch hin. „Trink das hier auch noch. Das kühlt von innen. Ich hol‘ mir unten noch eins, und morgen, wenn wir den Berg nach Saint-Chély runterrollen, bist du wieder ein Mann und kein Poet, abgemacht?“

Eva im Hintergrund prustet. Sie schüttelt den Kopf und murmelt etwas von „Hitzeschlag auf dem Plateau“, während sie mir mit einem zwinkernden Auge den Kühl Pack reicht.

Das Leben ist keine philosophische Frage des Wissens, sondern des Verstehens. Wenn wir begreifen, dass unser Lebensweg nicht gradlinig, sondern in Höhen und Tiefen verläuft, dann erkennen wir mit Notwendigkeit, dass es am tiefsten Punkt nur die eine Richtung gibt, nach oben, das ist wie an der Börse! Tröstlich, nicht wahr?

Nach dem Abendessen schaue ich von der Bettkante noch einmal zum Fenster. Nach und nach versinkt das Aubrac in tiefer Dunkelheit. Nur die beleuchtete Kirche Notre-Dame de Nasbinals ragt wie ein stummer Zeuge in den Nachthimmel. Ich spüre meinen Fuß, er pocht, er brennt, aber er ist Teil eines großen Ganzen geworden.

Ok, das Aubrac hat mich heute gebrochen und wieder zusammengesetzt und ich bin angekommen, nicht nur in Nasbinals sondern auch bei mir selbst. Morgen wartet der Abstieg ins Lot-Tal, weg von der archaischen Hochebene. Doch heute Nacht gehört mir erst mal die Stille von Nasbinals.

Was für ein Hintern-Kratzertag!


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John Wein

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Mit Heine Wandern

Nasbinals, Freitag, der 20. Juni 2008

Der neue Tag verteilt neue Überraschungen. Ich bin erstaunlich gut erholt, das Leben kehrt zurück. Ich schicke meine Gefühle in den linken Fuß und spüre nichts, jedenfalls nichts, was mich erschreckt oder daran hindern könnte, den eingeschlagenen Weg mit den anderen weiterzugehen. Das Gel aus Evas Notfall Apotheke hat die Schwellung abklingen lassen. Der Schuh passt wieder oder besser der Fuß passt wieder in den Schuh. Alles ist perfekt gerichtet.

Die kühle Nachtluft hat die Vegetation mit ihrer Feuchte betaut und die tiefe Morgensonne hat ihre Diamanten verschwenderisch auf den Wiesen der Almen verteilt. Vereinzelt läuten die Glocken der Aubrac Rinder in die ländliche Stille. Was für ein unschuldig schöner Gebirgsmorgen! Mir geht das Herz auf!

„Und? Wie sieht das Urteil heute Morgen aus?“, unterbricht Eva meine Gedanken mit prüfendem Blick auf meine Schuhe.

„Das Gel war die Rettung, Eva. Die Schwellung ist weg, der Schuh sitzt".

„Dachte ich mir. Aber heute Mittag werfe ich trotzdem nochmal einen Blick d‘rauf. Keine Heldentaten ohne Rücksprache.“

Ralf stellt kurz den Kaffee ab und kniet sich neben mich. „Warte mal, lass mich das mal korrigieren, hat mir bei meiner Alpenüberquerung am Fern Pass den Hintern gerettet.“

Er zieht die Senkel geschickt durch die Ösen, lässt aber über dem Spann ganz bewusst eine Schlaufe aus. „Man nennt das die Flaschenzug-Technik. Damit hast du bombenfesten Halt an der Ferse, aber dein beleidigter Knöchel bekommt genug Luft zum Atmen.“

Wir laufen los und in einen wunderbaren Gebirgsmorgen hinein. Es soll später einmal einer der schönsten Abschnitte auf der Via Podiensis sein, an den ich mich erinnern werde. Vor uns, im gemächlichen Spaziergang, spaziert eine Gruppe Senioren. Ein leises Raunen:

„Nach Fronkraisch sogän swai Gre na dier,
Die warön in Rousslan gefan gen.
Un als sie kamön ins doitschö Quar tier,
Sie ließ än die Köp fe han gen."

Verstehe ich das richtig? War das jetzt etwa Deutsch? „Sie ließen die Köpfe hangen,“ murmele ich.

Unter der Krempe ihres riesigen Sonnenhutes lächelt ein blasses, liebenswürdiges Gesicht zu mir herauf. Ein zerbrechliches Persönchen, kaum älter wohl als ich, zieht mich mit ihrem unwiderstehlich französisch gefärbten deutschen Singsang sogleich in ihren Bann.

„Madam, sie sprechön Doitsch?“ rutscht es ungeschützt aus mir heraus.

„Ein wenig, Monsieur“, erwidert sie, und ihr Kirschmundlächeln wird noch ein wenig breiter, während sie die Krempe mit den Zeigefinger nach oben stupst, „aber nur, wenn der deutsche Herr mir verzeiht, dass ich seine harte Sprache ein wenig parodiere.“

Ich suche vergeblich nach den richtigen Worten und bringe erst einmal nur ein unbestimmtes Räuspern zustande. „Nun Madam“, erwidere ich und schaue nach oben zu den Wolken, als stünde dort eine Antwort geschrieben, „ich... ich wüsste nicht, was es da zu verzeihen gäbe, stammele ich und spüre ein Verlegenes: „unsere Sprache aus Ihrem Mund ist wie Musik, Madam. Haben sie da gerade Heine zitiert?“

„Heine?“ Sie legt überrascht die Fingerspitzen an die Brust. „Mon Dieu, Monsieur, jetzt schmeicheln Sie mir aber gewaltig.“

Ein verschmitztes Funkeln huscht durch ihre hellen Augen. Dann neigt sie den Kopf ein wenig zur Seite, als koste sie den Klang des Namens aus.

„Nein“, lächelt sie, „kein Heine. Nur ein altes Lied meines Großvaters. Er sang es immer, wenn er zu viel Rotwein getrunken hatte und sentimental wurde.“

Sie räuspert sich leise und trägt nun, mit übertriebener Ernsthaftigkeit und herrlich schrägem Akzent, die nächsten Zeilen vor:

„Do kam der Owwerst mit sainäm Schwärt,
Un frug: ‚Was soll das bedoitön?‘
Da sagten die Gren: Mir habän gehöört,
Die Doitschen hättän verlöörön.‘“

Nun bleibt auch Katrin stehen und lacht. „Also das ist ja großartig!“

„Mein Großvater behauptete immer“, fährt sie fort, „dass die Deutschen die einzigen Menschen seien, die selbst traurige Lieder marschieren lassen.“

„Und die Franzosen?“ frage ich.

„Wir?“ Sie hebt stolz das Kinn. „Wir machen aus allem entweder eine Liebeserklärung oder eine Revolution. Meistens beides gleichzeitig.“

Das Gelächter der Gruppe mischt sich mit dem dumpfen Klang der Kuhglocken, die von den Hängen herüberwehen. Für einen Augenblick scheint selbst der Pilgerweg langsamer zu werden, als lausche auch er dieser seltsamen kleinen Begegnung zwischen zwei Sprachen, zwei Ländern und zwei alten Menschen, die sich irgendwo mitten im Aubrac-Gebirge plötzlich vorkommen wie Jungen und Mädchen auf einem ersten Tanzfest.

„Sie pilgern zum ersten Mal?“ fragt sie leise.

Ich nicke: „Sieht man mir das so deutlich an?“

„Natürrlisch! Die Anfänger schauen noch in die Landschaft.“

„Und die Erfahrenen?“

Sie wandet ihren Blick nach vorne, dorthin, wo sich der schmale Pfad über den Hang nach oben über die Kuppe des Puy de Gudette verläuft.

„Die schauen irgendwann nur noch in sich selbst.“

Für einen Moment weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll, vielleicht, weil ihre Worte ziemlich wahr klingen, vielleicht auch, weil ich plötzlich ahne, dass dieser Weg mehr mit einem macht, als nur kaputte Füße.

Wolfgang winkt ungeduldig. „Wenn ihr zwei fertig seid mit der deutsch-französischen Versöhnung, da vorne wartet ein Anstieg, der keine Gefangenen macht!“

„Gehen Sie, mein kleiner Grenadier“, sagt sie leise. „Der Weg läuft nicht rückwärts.“

Da..., ein Schmetterling, er taumelt zeitvergessen zu seiner blauen Blume.

Der Puy de Gudette (1427 m) zeigt an seiner östlichen Flanke nur spärlichen Baumbewuchs. Weit ziehen sich auch hier die alten Steinmauern über Almen und sanfte Kuppen hinweg, als hätten Generationen von Hirten ihre Spuren unauslöschlich in die Landschaft geschrieben. Im Winter verwandelt sich das Hochland in eine karge Sportarena aus Schnee und Wind.

Jetzt aber, im Sommer, scheint der Berg selbst zu blühen. Veilchen recken sich dem Licht entgegen, wetteifernd mit Enzian und wilden Orchideen, die zu Tausenden zwischen den Gräsern leuchten. Es ist, als breite die Landschaft eigens für uns ihren bunten Teppich aus verschwenderisch, still und voller unschuldiger Freude. Niemand spricht ein Wort. Selbst Ralf nicht. Wir gehen weiter durch diesen blühenden Hochsommer des Aubrac, als wären wir Gäste in einer Kathedrale aus Licht, Wind und Gras.

Oben am Pass erwarteten die Pilgerscharen früherer Jahrhunderte nicht nur raues Wetter und ein beschwerlicher Weg, sondern auch die Gefahr durch Wegelagerer und anderes, übelwollendes Gesindel. An diesem Ort der Einsamkeit und des Schreckens errichteten die Mönchsritter des Hospitalierordens ein Kloster und ein Hospiz, zum Schutz der Wallfahrer, Mauern, die noch heute trutzig und wehrhaft, wie eine feste Burg über der weiten Landschaft thronen. Sie nannten den Ort Aubrac.

„Maria“ nannte man die Glocke, deren Klang einst den Verirrten bei Nebel, Sturm und Nacht den Weg wies. Ihr Ruf führte erschöpfte Pilger durch das unwirtliche Gebirge hin zu Licht, Wärme und Schutz. Vielleicht war sie für manche mehr als nur eine Glocke. Vielleicht war sie die Hoffnung selbst. Einen Augenblick bleiben wir vor den alten Mauern stehen. Kühl streicht der Wind über die Hochfläche, trägt den Duft feuchter Wiesen heran und verliert sich in den dunklen Fenstern des alten Hospizes.

„Stellt euch das einmal vor“, sagt Katrin, „tagelang Regen, Hunger, Nebel… und dann hören Sie plötzlich das Läuten dieser Glocke.“

Herrliche Ausblicke begleiten uns auf den Höhenwegen hinab über die Weite des Aubrac, bevor wir schließlich die kühlen Eschenwälder von Saint-Chély erreichen. Im Schatten des frühen Abends, schmiegt sich der kleine Ort in an die grünen Flanken der westlichen Hänge, still und verwunschen eingebettet zwischen Wald, Wiesen und Stein.
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Madame Vallée, persiladrett und von der Temperatur eines gut eingestellten Kühlschranks, leitet ihr kleines, reizvolles „Hôtel de la Vallée“ in Saint-Chély. Ihr Lächeln ist frostig, ganz im Gegensatz zur behaglichen Atmosphäre der Herberge.

Es gereicht mir zum Vorteil, dass mein Französisch Lücken hat. Ich verstehe kein Wort der Gespräche, die sie mit meinen Freunden führt. Hier geht es offenbar um unsere dreckigen Schuhe, und dem Klang nach scheint ihre Meinung darüber nicht sonderlich freundlich auszufallen. Wir stellen unsere Treter exakt ausgerichtet in die Besenkammer und schleichen vorsichtig und ohne Holter Gepolter, leise auf Socken die Stufen hinauf in unsere Zimmer.

Das reizende „Le Vallé“ wird nach strengen Regeln geleitet. Ja wirklich, auf dem WC klebt eine genaue Gebrauchsanweisung für intime Verrichtungen. Ich bin irritiert:

W.C Chémique
S.V.P. le Méchanisme du W.C.
n’accepte que le papier de Toilette.
Merci

Warum akzeptiert das WC kein Papier, darf ich es nicht in der Schüssel entsorgen? Ich bin baff. Wohin denn sonst damit? Das winzige Bad ist kaum größer als das Handtuch am Haken, ich kann mich nicht einmal ordentlich bücken. Es scheint in dieser Enge schlicht unmöglich, überhaupt irgendetwas falsch zu machen.

Ein Pilgertag kann so unglaublich sein! Zwischen Überschwang und Jammer verläuft oft nur ein schmaler Grat. Ein glücklicher und zufriedener Mensch erschafft aus sich heraus keine dramatischen und leidvollen Tatbestände, er braucht sie nicht als Beweis seines Lebensgefühls. Eigentlich ist alles ganz einfach. Sich dem Leben und seinen Gegebenheiten hinzugeben, erscheint unter unbeschwerten Umständen erstaunlich bekömmlich, dafür braucht es keine Gebrauchsanweisung. Ich beschließe kurzerhand, das frostige Klima unserer Gastgeberin zu ignorieren und mich wohlzufühlen. Immerhin ist das Zimmer hübsch und mit bemerkenswertem Geschmack eingerichtet.

Köstlich und liebevoll angerichtet präsentiert sich auch die Küche des Hauses. Doch das Grönlandeis unserer Gastgeberin will selbst hier nicht recht schmelzen. Das Brot ist exakt abgezählt, der nach der Mahlzeit gereichte Käse streng eingeteilt.

Irgendetwas passt hier nicht zusammen. Die Brille nicht zum Klo, die Behaglichkeit des Hauses nicht zur Kälte seiner Hüterin. Unwillkürlich frage ich mich, ob es vielleicht unsere deutsche Art ist, die stört. In diesem Zwiespalt gefangen, vergesse ich am Abend auch noch, meine Bier zu bezahlen. Unverzeihlich!

Darf ich am Morgen auf Gnade hoffen? ....und: werde ich jemals ein Lächeln auf diese schmalen Lippen zaubern? Mit einem charmanten. “trés jolie, Madame wirklich, alles war trés joli!“ Ja, man mag es glauben, mir gelingt am nächsten Morgen das Wunder von St. Chély.

Ich denke, mehr noch als dieses Kompliment freut es sie, dass wir ihre Herberge verlassen. Der Gallische Hahn auf der Gedenksäule des Place de Marie hat seine Flügel weit gespreizt. Kikeriki!


Alles in Fluss
 
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Melde gehorsamst, dass ich noch mit- und hinterherziehe. (Ich war im Rückstand, privat bedingt.) Die letzten drei Tagesrapporte enthalten besonders viel Abwechslungsreiches, Natur, Geselligkeit, mal mehr, mal weniger schöne Eindrücke. Diese Mischung tut einer Reisebeschreibung immer gut, John.

Der schmerzenreiche 19. Juni weckte in mir ungute Erinnerungen. Gerade mit neuen Wanderschuhen hatte ich manchmal vergleichbare Probleme. Ich glaube, ich habe dann auch mit den Bändern und Schlaufen experimentiert, bin einmal sogar im Wanderurlaub aufs gemietete Fahrrad umgestiegen. Inzwischen habe ich ganz anderes Spezialschuhwerk in Gebrauch, das den Anforderungen heute in meist flachem Gelände genügt, und kenne solche Quälereien nicht mehr. (Keine Schleichwerbung, Arno!) Übrigens könnte auch die Asphaltstrecke am Vortag wesentlich zu dem Übel damals bei dir beigetragen haben.

Perplex war ich aufgrund der WC-Papier-Geschichte. Meine geringfügigen Schulfranzösisch-Reste ließen mich "n`accepte que" mit "akzeptiert nur" übersetzen. Wolltest du uns testen?

In Erwartung der nächsten Etappe
Arno
 

John Wein

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Danke Arno,
für den Hinweis. Du hast Recht. Ich hatte das so abgeschrieben und es falsch gedeutet. Ich werde es später berücksichtigen. Dies ist kein Reisebreicht im engeren Sinne sondern ein sehr persönliches Tagebuch, das ich für meine Nachkommen als Buch herauszubringen beabsichtige . Man erfährt darin mehr über mich, als in irgend einem aufgeschriebenen Lebenslauf. Es ist eher ein literarisches Selbstporträt.
Ich lade dich gerne ein, diesen Weg mitzugehen. Wenn du die Orte googelst, wird dir vieles aus meinen Texten wiederbegegnen.
Leider kann ich hier keine Fotos einfügen, aber das zwingt mich dazu, Personen, Orte und Situationen bildlich zu beschreiben. Bilder entstehen im Kopf, hat mal jemand gesagt.
Buen Camino, John
 

John Wein

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Am Lot

Saint-Chély-d’Aubrac, Samstag, 21. Juni 2008

Das Krächzen steckt ihm noch im Hals, dem gallischen Hahn auf der Spitze des Kriegerdenkmals am Place de la Mairie. Jetzt begleitet uns das sanfte Guruh der Tauben aus Saint-Chély hinaus und über die alte Pilgerbrücke hinweg, die sich in kühnem Bogen über die Boralde spannt.

Der Weg führt bergan. Ich halte kurz inne und blicke zurück. Unter mir schmiegt sich das Dorf an den Hang, seine Dächer schimmern in der Sonne. Mit jedem weiteren Schritt, entfernt es sich ein wenig mehr. Die Häuser schrumpfen zu hellen Tupfern zwischen Grün und Stein. Die Kirchturmuhr verkündet die neunte Stunde. Der letzte, leise verhallende Klang der Glocke schwebt weit über die Hänge zwischen Himmel und Erde und nimmt Saint-Chély mit sich fort.

Der Junitag zieht eine gnadenlose Sonne über den wolkenlosen Himmel. Das Gras am Wegesrand steht dicht und hoch. Es entwickelt aus seiner Blüte in der Granne reife Samenkapseln. Ich streife sie ab und halte den kleinen Strauß zwischen Daumen und Zeigefinger. Manche unbedeutenden Dinge sind uns vertraut, aber wir haben verlernt sie zu beachten. Die Langsamkeit auf dem Camino löst den Schleier der Gewohnheit. Sie lenkt wieder den Blick auf das Unscheinbare und macht aus Vertrautem wieder eine Entdeckung. Ein sommerlich staubiger Wegesrand ist nicht einfach nur Gras und Wildkraut, sondern ein Kosmos des Lebens für vielerlei Arten: Käfer, Ameisen, Hummeln, Heuhüpfer, Schnecken und Raupen. Alle bevölkern und gestalten diesen Lebensraum und ich lerne wieder, ihn zu achten.

„He Poet, träumst du schon wieder?“, fragt der Rosenheimer grinsend.

„Vielleicht.“

„Wovon denn?“

Ich öffne die Hand und zeige ihm die Samenkapseln.

„Davon, wie viel Leben in Dingen steckt, an denen wir jeden Tag vorbeigehen.“

Er betrachtet die Halme.

„Und dafür läuft man einen Pilgerweg?“

„Nein.“

„Wofür dann?“

„Damit man wieder lernt, stehen zu bleiben.“

Ralf schaut mich an.

„Dann bin ich wohl noch in der Ausbildung.“

Vierhundert Höhenmeter führen uns weiter und auf steinigem Pfad hinab nach Saint-Côme-d’Olt ins Tal des Lots. Die Mittagssonne brennt jetzt mit voller Kraft. Unter uns, zwischen den Kronen des Ahorns, flimmern die bleigrauen Dächer in der Mittagssonne. Die Luft scheint zu stehen. Es ist heiß, annähernd dreißig Grad im Schatten.

„Das hier ist noch harmlos“, sagt Wolfgang und zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht. „Auf dem Camino in Spanien hatten wir manchmal sogar über vierzig Grad.“

Erika nickt. „Mittags konntest du kaum noch atmen. Der Staub hing überall in der Luft, und der Weg hat die Hitze gespeichert wie ein Backofen.“

„…und Schatten spendetet oft nur die Hutkrempe,“ Wolfgang lacht, „Wasser war wichtig, sogar lebensrettend,“ ergänzt er.

Ralf schaut zu den glänzenden Dächern hinunter. „Dann sollten wir uns heute wohl besser nicht beschweren.“

„Doch“, meint Erika grinsend, „Pilgern und Jammern gehört einfach zu einem echten Camino.“

Aus dicken, klobigen Steinen scheint Saint-Côme-d’Olt Ort vor Jahrhunderten zusammengesetzt worden zu sein: Kirche, Häuser, Gassen und Plätze. Alles duckt sich hinter dem wuchtigen Mauerring, der das Dorf umschließt und es zu erdrücken scheint. Der Lot, okzitanisch Olt, fließt auf seinem Weg von den Bergen des Lozère zur Garonne.

Durch ein mächtiges Stadttor betreten wir die kleine Stadt und treten zugleich in eine andere Welt und in eine andere Zeit. Um die Mittagsstunde wirkt Saint-Côme-d’Olt wie ein verwunschenes Nest. Die Gassen sind menschenleer, die Fensterläden geschlossen, und für einen Augenblick scheint der Ort allein uns zu gehören.

Dann fällt der Blick hinauf zum Kirchturm. Seine Spitze ist seltsam gezwirbelt und schraubt sich wie eine steinerne Flamme in den Himmel.

„Das ist einmalig“, erklärt Katrin, „kunstvoll errichtet im Flamboyantstil.“

Nur ein einziges Mal noch gäbe es eine solche Turmspitze auf der Welt und zwar in Deutschland, genauer in Düsseldorf, St. Lambertus.

Und tatsächlich: Man mag es kaum glauben. Wer einmal über die Rheinuferpromenade schlendert, sollte hinaufschauen. Man läuft ständig daran vorbei und nimmt es kaum wahr. Zu frisches Holz beim Bau und die Launen der Jahrhunderte haben jenen Turm langsam verdreht und aus der Form gezogen. Es verleiht ihm heute seine Eigentümlichkeit.

„Also schlampoyant“ wie Ralf trocken bemerkt.

Am schattigen Ufer des Lots marschieren wir weiter nach Espalion, einer bescheidenen Kleinstadt mit mediterranem Flair. Platanen säumen den Fluss, in dessen trägem Wasser sich die hellen Fassaden spiegeln, während über den Gassen die flirrende Hitze des südlichen des Nachmittags liegt.

Dann öffnet sich der Blick auf die Stadt.

Die geschwungene gotische Brücke „Pont Vieux“ spannt sich elegant über das Wasser. Dahinter bilden die historischen Gerberhäuser und das Renaissance-Schloss „Vieux Palais“, eine eindrucksvolle Kulisse. Über allem thront die Ruine des Schlosses „Calmont d’Olt“ auf dem Burg Berg, wie ein steinerner Wächter über Tal und Fluss.

„Das sieht aus wie eine Filmkulisse“, murmelt Erika und bleibt mitten auf der Brücke stehen.

Ursula hat längst ihre Kamera hervorgeholt. Sie dreht sich suchend im Kreis, kneift ein Auge zusammen und versucht, Licht, Wasser und Häuserfronten in einen einzigen Moment zu bannen.

„Wenn du noch länger fotografierst“, stöhnt Beat, „sind wir morgen noch hier.“

„Kunst braucht Zeit“, entgegnet Ursula trocken, ohne den Blick vom Sucher zu nehmen.

Wolfgang wischt sich den Schweiß von der Stirn und lehnt sich an das alte Brückengeländer. Unter uns glitzert der Fluss träge in der Nachmittagssonne.

„Also ich finde“, sagt er, „nach all den Höhenmetern hätten wir jetzt wenigstens ein kühles Bier verdient.“

„Besser zwei“, ergänze ich.

Wir lachen. Die Müdigkeit des Tages sitzt uns in den Beinen, aber Espalion empfängt uns mit einer Wärme, die nichts mit der Hitze des Tages zu tun hat. Vielleicht ist es die Ruhe des Flusses. Vielleicht die alten Steine. Vielleicht einfach das Gefühl, angekommen zu sein.

Das „Hotel Moderne“ atmet noch immer den Geist der fünfziger Jahre. Damals mag es seinem Namen alle Ehre gemacht haben. Doch über die Jahrzehnte hat sich ein schwerer Geruch kalten Rauchs tief in Wände, Vorhänge und jede noch so kleine Ritze eingenistet. Rustikales Eichenmobiliar verbindet sich eigentümlich mit vergilbter Blümchentapete zu einem Charme, der irgendwo zwischen Nostalgie und Verfall pendelt. Die Holzdielen knarren bei jedem Schritt, die Türen schleifen über den Boden, und die fleckigen, nach Gauloises riechenden Matratzen haben bessere Zeiten erlebt.

Der tropfende Wasserhahn fällt kaum ins Gewicht. Im Gegenteil, bei diesem Potpourri aus Gerüchen öffnet man das Fenster nur zu gern.

Draußen aber empfängt uns das Wochenende mit einem anderen Ungemach. Die Jungmännerszene der Stadt dreht auf und knattert mit Motorrädern endlose Schleifen ins Allgegenwärtige, als ginge es um einen Eintrag im Guinnessbuch der Lautstärke. Das Röhren der Motoren schneidet durch den warmen Abend, unablässig, gnadenlos.

Mittlerweile ist es Mitternacht. Meine strapazierten Nerven liegen jetzt dicht unter der Haut. Ich krame in der Reisetasche nach dem rettenden Ohropax, wie nach einem letzten Stück Frieden.

Schade eigentlich. Die Schönheit Espalions verliert in diesem Augenblick etwas von ihrem Zauber nicht durch den Ort selbst, sondern durch die kleinen Dissonanzen, die sich manchmal zwischen Mensch und Augenblick schieben. Vieles bleibt jenseits dessen, was unser Verstand ordnen oder erklären kann. Vielleicht muss auch nicht alles begriffen werden, vielleicht genügt es manchmal, die Dinge anzunehmen, wie sie sind: flüchtig, widersprüchlich und unvollkommen.

Mit diesen Gedanken schließe ich das Fenster bis auf einen kleinen Spalt, rolle mich auf der durchgelegenen Matratze zurecht und vertraue meine brüchigen Nerven dem Wachs der Ohrstöpsel an.

Bonne nuit, Espalion.



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