Bis ans Ende der Welt

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John Wein

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Schatten

Lectoure – La Romieu, Freitag, 13. Juni 2009

Es ist wieder einmal ein Sommermorgen aus dem Bilderbuch. Der Himmel, sonnendurchflutet, verheißt Schweiß und Durst. Wir sind noch nicht lang unterwegs, da klebt bereits das Hemd auf der Haut. Da kommt uns die heutige Etappe mit schlappen achtzehn Kilometern gerade recht, ein Spaziergang also, so jedenfalls die Theorie. Im Nachhinein betrachtet sollte es die lausigste Strecke der vergangenen Tage werden.

Nach unten, über mehrere Treppen verlassen wir Lectoure und wenden uns in einem großen Bogen nach Westen. Im schattigen Unterholz am Flüsschen Gers, immerhin Namensgeber des Départements finden wir ein wenig Erfrischung. Doch die kleine Wohltat hat ihren Preis. Schwärme blutrünstiger Mosquitos fallen über uns her und scheinen unserem Schweiß geradezu verfallen zu sein. Zwei Hände sind viel zu wenig. Es hilft nur noch Fersengeld.

Ich muss an die Everglades in Südflorida denken. Dort war mir einmal ein „Mosquitometer“ aufgefallen. Die Skala reichte von 0 – All Clear, bis 5 – War Zone und sollte über die aktuelle Mückenlage informieren. Damals fand ich das ausgesprochen amüsant. Jetzt, während ein weiteres Geschwader summend zum Angriff übergeht, erscheint mir diese Einstufung plötzlich erstaunlich wissenschaftlich. Wir befinden uns zweifellos auf Stufe fünf.

Nachdem diese Plage hinter uns liegt, führt der Weg wieder an der Nationalstraße entlang. In der schattenlosen Sonnenglut hat sich der Asphalt stark aufgeheizt und die Luft darüber flimmert und scheint Landschaft zu spiegeln. Am ausgefransten Straßenrand quälen wir uns vorwärts. Es riecht nach Teer, und unter unseren Sohlen fühlt sich der aufgeweichte und schwarze Belag klebrig an. Die Kehlen sind trocken. Mir rinnt der Schweiß in kleinen Bächen über Rücken und Brust. Manchmal schenkt uns für ein paar wenige Augenblicke ein einzelner Baum oder ein dorniger Busch einen schmalen Streifen Schatten. Ansonsten ist da nichts als Getreidefelder und niedriges Buschwerk, das sich bis zum fernen Horizont verliert.

Auch die Natur scheint unter diesem Sonnenfeuer den Atem anzuhalten. Zur Mittagsstunde, die Schatten sind fast vollständig aufgezehrt, zeigt das Thermometer deutlich über vierzig Grad. Marsolan, die letzte Ortschaft, in der wir unsere Flaschen gefüllt haben, liegt hinter uns. Nur vereinzelt sind noch ein paar Höfe in die flimmernde Landschaft gewürfelt. Wir beschließen, die schlimmste Mittagshitze rastend abzuwarten. Unter einer mächtigen Zypresse findet sich ein schattiges und gepflegtes Rasenplätzchen.

„Privé“, steht unübersehbar auf einem Schild am Stamm. Wolfgang mustert es kurz.

„Na und? Den Schatten wird man uns wohl kaum verbieten.“

Wir lassen die Rucksäcke fallen und sinken ins Gras. Kaum sitzen wir, da.. ja, was ist denn jetzt? Aus dem Haus tritt ein Kerl mit Schultern wie ein Zweiochsenjoch und Händen, die in einem Steinbruch gestählt worden sein könnten. Wortlos zeigt er auf das Schild.

Wolf, unser Französischkenner, erhebt sich.

„Monsieur, excusez-nous …“

Weiter kommt er nicht. Der Stiernacken hebt nur eine Hand. Eine Bewegung, deren Bedeutung keiner Übersetzung bedarf. Dann dreht er sich um und verschwindet wieder im Haus.

Stille. Wir sehen uns an.

Jetzt!

Wir springen auf, greifen nach den Rucksäcken und geben Fersengeld. „Gastfreundschaft wird hier offenbar rationiert.“ Denke ich. Wir ziehen weiter hinaus in die gleißende Sonne, der Schatten bleibt zurück.

Ein paar Schritte voraus, verborgen in einem kleinen schattigen Hain, liegt die Chapelle d’Abrin, eine uralte Pilgerkapelle mit den Überresten eines Hospizes aus dem 13. Jahrhundert. Generationen von Jakobspilgern mögen hier einmal Rast gefunden haben. Doch auch hier prangt das inzwischen wohlvertraute Wort:

Privé.

Das stilvoll renovierte Gotteshaus wirkt verlassen. Vorsichtig schleichen wir um das Anwesen, stets in der Hoffnung, irgendwo ein wenig Schatten zum Verweilen zu finden. Da tritt, in einen luftigen Boubou gekleidet, ein sanft gebräunter Mittfünfziger in den Türbogen. Unser Philosoph des Südens bewegt sich mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die Menschen eigen ist, die mit der Sonne, dem Schatten und dem Lauf der Dinge ihren Frieden geschlossen haben.

Wolf übernimmt die Verhandlungen. Mit dem elegantesten Französisch, das sein Wortschatz hergibt, und begleitet von höflichen Gesten bittet er um ein kleines Stück des für uns inzwischen kostbaren Schattens. Der Mann hört aufmerksam zu. Dann lächelt er. Ein kurzer Blick auf uns, ein Blick auf die glutheiße Straße. Und schließlich macht er eine einladende Handbewegung.

„Mais oui, mes amis.“

Wir sehen uns an. Was für ein wunderbares Wort. Auf dem manikürten Rasen dürfen wir zwar nicht lagern, doch mit einer freizügigen Miene verweist er auf die Einfassung, ein Mäuerchen von ehrwürdigem Alter und zweifelhafter Standsicherheit. Ein wenig Schatten spendet ein altersschwacher Apfelbaum. Nicht viel, aber genug.

„Merci beaucoup, Monsieur. “

„De rien “, er huldvoll.

Nach den Erfahrungen des Tages kommt uns diese kleine Geste beinahe wie ein Akt christlicher Nächstenliebe vor. Wir lassen uns nieder, trinken die letzten Schlucke aus unseren Flaschen und genießen jeden Augenblick. Ein sanfter Wind streichelt die Blätter des knorrigen Baumes und für eine Viertelstunde verliert die Sonne Macht über uns. Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung.

Genug gerastet. Wir schultern erneut die Rucksäcke und folgen der nördlichen Variante des Weges in Richtung La Romieu, unserem Tagesziel. Der Frieden der Kapelle bleibt hinter uns zurück. Vor uns liegen noch eine Stunde Hitze und Staub, dazu grob geschotterter Ocker, der unter den Sohlen knirscht wie zerriebenes Gestein. Der Weg fordert erneut seinen Tribut.

La Romieus Türme seiner mächtigen Stiftskirche künden uns weit über die Baumkronen hinweg das Ende der Etappe an. Eigentlich ist La Romieu kein Dorf, mehr ein Weiler, nur ein paar Häuser um einen Platz herum. Über allem herrscht das majestätische Gotteshaus aus dem 14. Jahrhundert. Auch hier haben die Verwüstungen der Religionskriege und der Revolution ihre Handschrift hinterlassen.

Auf dem Dorfplatz, im Rattan Gestühl des „L'Etape d'Angeline“, strecken wir die müden Glieder und laben uns an einem kühlen Pression.

„Endlich Schatten“, seufzt Wolfgang.

Während ich den ersten langen Schluck nehme, fällt mir auf, dass wir nicht allein sind. Auf einer Mauer sitzt eine Katze. Vor einem Fenster kauert eine zweite und unter einer Arkade späht eine dritte.

„Gibt es hier mehr Katzen als Einwohner?“, frage ich.

Die Wirtin lacht: „Presque. À La Romieu, ce sont les chats qui veillent sur les habitants.”

Und dann erzählt sie uns die alte Geschichte von Angéline, die während einer Hungersnot die letzten Katzen des Dorfes versteckte und damit später die Ernte vor den Ratten rettete. Seitdem gehören die Katzen zu La Romieu wie die Türme zur Kirche. Man entdeckt sie überall: auf Fenstersimsen, Mauern, Treppen und Hausecken. Manche aus Stein, manche aus Keramik, manche so lebensecht, dass man zweimal hinschauen muss. Es scheint, als beobachteten sie seit Jahrhunderten die Pilger auf ihrem Weg nach Westen.

Und vielleicht tun sie genau das.

Doch die Fron des Tages ist noch nicht am Ende. Unsere Herberge, die Domaine Pellecahus, liegt irgendwo in der aufgeheizten Pampa hinter La Romieu, und der richtige Weg dorthin ist alles andere als eindeutig. In der flimmernden Nachmittagshitze ist keine Menschenseele unterwegs, die wir nach dem Weg fragen könnten. Wir irren eine Weile über kleine Straßen und Feldwege. Die Rucksäcke drücken, die Füße werden schwerer und mit jedem zusätzlichen Kilometer schwindet die Begeisterung für ungeplante Umwege.

„Wenn das so weitergeht, schlafen wir heute in der nächsten Knoblauchfurche“, brummt Wolfgang.

„Hauptsache mit Schatten“, ergänzt Erika.

Endlich, nach einer weiteren Stunde, taucht die Domaine Pellecahus vor uns auf. Wir melden uns an und beziehen erschöpft ein hübsches kleines Ferienhäuschen. Kaum ist der Rucksack abgestellt, fällt mein Blick auf das Schwimmbad.

Ein Becken. Wasser. Kühles Wasser.

In diesem Augenblick erscheint mir keine Erfindung der Menschheit sinnvoller und wenig später gleite ich ins Nass. Die Hitze, der Staub und die Mühen des Tages lösen sich von mir wie eine zweite Haut. Meine Muskeln entspannen sich, die Gedanken werden leicht und langsam kehren die Lebensgeister zurück.

Erfrischt an Körper und Gemüt sitzen wir später vor der Tür und blicken hinaus ins weite Land. Der Himmel hat sein tiefes Blau verloren. Ein milchiger Schleier überzieht den Himmel und kündigt den Wetterwechsel an. Nach diesem Glut Tag ist das keine schlechte Nachricht.

Im Gegenteil!



Alles in Fluss
 



 
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