Bis ans Ende der Welt

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John Wein

Mitglied
Abschied

Cahors, 27. Juni 2008

Am nächsten Morgen sitzen wir ein letztes Mal gemeinsam zusammen im Frühstücksraum des Hotels.

In der Kanne dampft der Kaffee, das Baguette liegt auf dem Tisch und doch fühlt sich alles anders an als an den vielen Morgen zuvor. Niemand fragt nach der Wegmarkierung, keiner prüft mehr den Rucksack, niemand zählt mehr die Kilometer des kommenden Tages.

Der Weg liegt hinter uns.

„Komisch“, sagt Anne und streicht mit dem Messer über ihr Brot. „Vor zwei Wochen waren wir uns noch völlig fremd.“

„Und jetzt wissen wir alles voneinander“, meint Eva.

Ralf hebt die Augenbrauen.

„Alles ist vielleicht übertrieben. Ich weiß zum Beispiel immer noch nicht, warum John so viele Gedanken in einem Kilometer unterbringt.“

Gelächter.

„Und ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, jeden Berg mit einem Spruch zu bekämpfen“, erwidere ich.

„Das ist meine Spezialausrüstung“, sagt Ralf. „Andere haben Stöcke, ich habe Humor."

Katrin lächelt.

„Aber ihr müsst zugeben: Der Weg hat uns zusammengeschweißt.“

Sie hat recht.

Wir sprechen noch einmal über Le Puy, die ersten Schritte, die Weite der Margeride, die Einsamkeit des Aubrac, die nassen Morgen, die langen Anstiege, die kleinen Dörfer, die Begegnungen und die vielen Abende, an denen wir erschöpft, aber glücklich zusammen am Tisch gesessen haben.

„Was bleibt wohl am meisten?“, fragt Uschi leise.

Eine kurze Stille.

„Die Landschaft“, erwidert Wolf.

„Das Essen“, Ralf.

„Natürlich“, meint Eva lachend.

„Die Menschen“, sagt Katrin.

Ich schaue in die Runde. Vielleicht ist es genau das: nicht nur der Weg, sondern die Menschen, mit denen man ihn gegangen ist.

Dann kommt der Augenblick, den jeder hinauszögern möchte.

Rucksäcke und Gepäck stehen bereit.

Die einen nehmen den Zug Richtung Paris und von dort den Weg nach Hause. Die anderen fahren mit dem Bus nach Toulouse, um von dort zurückzufliegen. Plötzlich werden aus Pilgern wieder Reisende.

Wir stehen unten vor dem Hotel.

Umarmungen.

Händedruck.

Ein letztes Lachen.

Ein paar Tränen

„Macht’s gut.“

„Kommt gesund heim.“

„Vielleicht sieht man sich wieder.“

Niemand weiß, ob es so sein wird. Aber jeder weiß, dass diese Tage in uns bleiben.

Als der Bus abfährt und die anderen mit ihren Taschen Richtung Bahnhof gehen, bleibt für einen Moment nur die Stille des Platzes. Vor wenigen Stunden waren wir noch gemeinsam unterwegs auf der Via Podiensis. Jetzt führen unsere Wege wieder in verschiedene Richtungen. Doch ein Stück dieses Weges tragen wir alle weiter mit uns.

„À l'année prochaine?“ – „Bis nächstes Jahr!“


Alles in Fluss
 
Es ist dir hier gelungen, John, die besondere Atmosphäre eines solchen Auseinandergehens gut zu treffen. An sich (d.h. bei anderen Gelegenheiten) wenig bedeutsame Aktionen bekommen in der speziellen Situation ein besonderes Gewicht. Ich bin neugierig, ob es in der Folge zu Wiederbegegnungen kam.

Ich musste etwas im Gedächtnis kramen, um auf Vergleichbares zu stoßen (gewöhnlich Reisen nur allein oder mit Freunden von zu Hause gemacht). Dann fiielen mir Abschiedsszenen nach einer Massenwochenendparty am Rand von New York ein. Es taucht ein hübscher, freundlciher junger Mann auf, mit dem ich nur ab und zu einige Sätze gewechselt hatte. Jatzt höre ich ihn als Letztes sagen: "See you next year at Fire Island!" Weder habe ich diese Insel noch mal besucht noch ihn je erneut getroffen. So bleibt er seit 50 Jahren in meinem Gedächtnis: ein Contergan-Opfer, das nur mit Krücken gehen konnte und mit Krücken Billard spielte. Er sagt bis heute immer wieder: "See you next year ..." Ohne sein besonderes Schicksal wäre es mir nicht im Gedächtnis geblieben. Ich finde die Erinnerung zwar auch etwas belastend, möchte sie gleichwohl nicht missen. Bei solchen Erinnerungen muss ich an Hebels Erzählung "Das Bergwerk von Falun" denken. Die Toten in unserer Erinnerung altern nicht mehr.

Schöne Montagsgrüße
Arno
 



 
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