Bitte lies dieses Gedicht nicht

Arcos

Mitglied
Jetzt hast du es doch getan.
Obwohl ich es dir abgeraten habe.
Das war wirklich eine erstaunlich kurze Phase des Widerstands.
Ich hatte dir sogar einen Titel als Warnschild hingestellt.
Du hast ihn behandelt wie eine Einladung.
Jetzt suchst du wahrscheinlich nach einer Pointe.
Leider ist sie gerade kurz Kaffee holen gegangen.
Stattdessen beobachtet dich dieses Gedicht beim Weiterlesen.
Es macht sich kleine Notizen über deine Neugier.
Bisher fällt der Bericht überraschend positiv aus.
Falls du bis hier gekommen bist,
bist du offiziell Teil des Gedichts.
Zu spät.

Vielleicht entsteht jedes Gedicht erst in dem Augenblick,
in dem jemand es missachtet.
Vielleicht war der Titel nie ein Verbot,
sondern ein Spiegel.
Denn jede Grenze verrät etwas über den Wunsch,
sie zu überschreiten.
Jedes „Nicht“ trägt ein leises „Warum?“ in sich.
Und jede Antwort verwandelt die Frage in etwas anderes.
Während du diese Zeile liest, ist die vorherige bereits Erinnerung.
Die nächste existiert noch nicht ganz.
Du befindest dich in einem schmalen Korridor,
in einem Brennpunkt,
in dem sich das Nachglühen der Vergangenheit
und die Dämmerung der Zukunft treffen.
Besteht Lesen genau daraus?
Oder sogar das Leben?
Gewinnen und verlieren.
Erinnern und vergessen.
Sein und nicht sein.

Am Ende bleibt kein Gedicht zurück,
sondern nur ein Mensch,
der für einen Moment langsamer geworden ist.
Ein Fingerzeig nach innen,
auf das Zuhause aller Gefühle,
die immer schon da waren
und nur für einen Augenblick erwachten,
wie eine Blume im ersten Morgenlicht.
 

wirena

Mitglied
Jetzt hast du es doch getan.
Hey Arcos, Hallo - sag mal, du gibst ja bei dieser Hitze ganz schön zu denken. :) Doch meine Hirnzellen fühlten sich sofort sehr angeregt. Daher: ja, ich habe es getan :)

Nun zum Titel: «Bitte lies dieses Gedicht nicht» - ich überlegte sehr wohl, ob ich mir dies antun soll – und schaute mal erst von wem diese Aufforderung «es nicht zu tun» kommt – ja, und als ich sah, dass du das bist, war klar – es interessierte mich echt – demnach Folgendes spontan zu deinen Gedanken:

Zitat:
…Stattdessen beobachtet dich dieses Gedicht beim Weiterlesen." Zitatende

Das ist ja reiner Panpsychismus – und das in der Leselupe! nun, wenn ich den Gedanken zulasse, dass dein Gedicht, sein Bewusstsein, respektive du damit verbunden als Bewusstsein/Kreator deines Gedichts, mich nun im übertragenen Sinn mittels den fluteten, bewusstseinsverbundenen Bits und Bytes übermittelten, fluteten Buchstaben beobachtest, wie ich am PC sitze, deine Zeilen lese und nun selber Buchstaben aneinander reihe, die dich per Bits und Bytes erreichen werde, die du dann wieder lesen, und ich dich beobachten werde – wird mir nicht nur «trümmlig», sondern schon sehr speziell zu Mute – ja, dann hätte ich wohl besser, deine Warnung befolgt –. Doch, da mir aber der Panpsychismus schon etwas zu weit geht, ich diesen z.Zt. nicht mit meinem Erleben verbinden kann und möchte, kann ich ja weiter lesen und deinen Gedanken folgen –

Zitat:
"Vielleicht entsteht jedes Gedicht erst in dem Augenblick,
in dem jemand es missachtet." Zitatende

…ja, so wie ich bisher die derzeitige Theorie der Quantenphysik verstanden habe, entsteht, das Gedicht erst, indem ich (oder irgendjemand anders) es beobachte, lese, d.h. deinen Titel wie du schreibst missachtet – erst die Wahrnehmung schafft die Wirklichkeit

Zitat:
"… jede Antwort verwandelt die Frage in etwas anderes." Zitatende

…so erlebe ich es ebenfalls und jedes Nein beinhaltet auch ein Ja –

Zitat:
"Während du diese Zeile liest, ist die vorherige bereits Erinnerung.
Die nächste existiert noch nicht ganz.
Du befindest dich in einem schmalen Korridor,
in einem Brennpunkt,
in dem sich das Nachglühen der Vergangenheit
und die Dämmerung der Zukunft treffen." Zitatende

…so schön formuliert – mit und in der Musik erlebe ich dies besonders stark. Bei einem mir unbekannten Musikstück, fühle, höre ich oft schon den nächsten Ton, die nächsten Takte bereits bevor sie erklingen -

Zitat:
"Besteht Lesen genau daraus?
Oder sogar das Leben?
Gewinnen und verlieren.
Erinnern und vergessen.
Sein und nicht sein." Zitatende

Denke schon, das dem so ist. Das Leben ist ein immerwährendes Werden und Vergehen. Mir persönlich ist beim Lesen die subjektive Erfahrung, das Erleben und Verbinden mit meinem Denken, meinem Sein wichtig. Ich speichere nicht die einzelnen Worte, sondern nur die Essenz, die ich an mein derzeitiges Sein anknüpfen kann. Sind mir präzise Worte, Formulierungen wichtig, muss ich sie aufschreiben –

Zitat:
"Am Ende bleibt kein Gedicht zurück,
sondern nur ein Mensch,
der für einen Moment langsamer geworden ist.
Ein Fingerzeig nach innen,
auf das Zuhause aller Gefühle,
die immer schon da waren
und nur für einen Augenblick erwachten,
wie eine Blume im ersten Morgenlicht." Zitatende

Ja, das ist reine Poesie von Arcos, wie er schreibt und lebt – schön, dies lesen, erleben zu können – wieder einmal mehr – herzlichen Dank für Deine Zeilen, die mir Ansporn für eigenes Schreiben waren und die mich die Hitze vergessen liessen –

LG wirena
 

Arcos

Mitglied
Und ich sage noch, bitte tut es nicht…aber nein…

Nä, nur Spaß…

Vielen Dank wirena für die lobenden Worte. Freue mich, dass es dir so gut gefällt.

Stimmt, der Anfang ist ziemlich hart, jedoch auch etwas entschärft: „…der Bericht fällt überraschend positiv aus…“

Wir sind alle empfindliche Wesen, die beeinflusst und gelenkt werden können. Deswegen sollten wir äußerst vorsichtig und wählerisch sein. Was essen und trinken wir? Wer sind unsere Freunde? Was schauen wir uns an? Was lesen wir? Haben wir die Steuererklärung rechtzeitig abgegeben?

Wir gleichen einer zarten Pflanze, die mutig ihren schmalen Hals aus der Erde reckt, weil die Dunkelheit die volle Entfaltung ihres Potentials verhindert. Sie spürt die Wärme des ersten Lichts und lässt sich durch den leichten Wind tragen. Wird es Regen geben, oder Dürre und Feuer herrschen? Werden schwarze Stiefel sie zertreten oder winzige Insekten leise streicheln?

Wir sind wie ein Klavier, ausgestattet mit der Mechanik und allen möglichen Tönen (Gefühlen).
Wer spielt auf unseren Tasten?
Ist es jemand, der keine Musik kennt? Oder ein begnadeter Pianist, der eine Melodie von Chopin erklingen lässt?

Der Rest ist:
Zu Risiken und Nebenwirkungen dieses Gedichts, lesen Sie zwischen den Zeilen und fragen Sie ihren Redakteur oder Administrator.

Beste Grüße
Önder
 
Zuletzt bearbeitet:

wirena

Mitglied
…wie recht du hast Önder mit dem wählerisch sein. Ich denke es geht soweit, dass auch die eigenen Gedanken zu kontrollieren sind. D.h. aufmerksam sein, ob sie weiterverfolgt, vergessen oder zurechtgerückt werden sollen. Es ist sogar möglich schlechte Träume, die ich zum Glück nicht kenne, zu ändern, indem diese im Wachzustand nochmals im positiven Sinne imaginiert, verändert werden – schön auch dein Vergleich mit der Pflanze. Ich staune immer wieder wie aus einem unscheinbaren Samen, braun oder schwarz, ein farbenfrohes, Blühen und Duften erwächst – ich denke, wer Staunen kann, wird sie nicht zertreten –
nun, so von wegen «zwischen den Zeilen», denke ich habe den Humor sehr wohl verstanden – mag solchen :)

LG wirena
 

Arcos

Mitglied
Hallo @wirena ,

der letzte Abschnitt war nur als eine Art Witz für alle von mir gemeint. Ich wollte damit auf keinen Fall andeuten, dass du den Humor nicht verstanden hättest. Das war in keinster Weise meine Absicht. Sorry, dass es vielleicht so rüber gekommen ist :-(
Ich hoffe du vergibst mir noch mal :-(

Man kann nie richtig wissen, wie die eigene Worte rüber kommen und verstanden werden.
Das Leben ist unberechenbar, auf dem Teppich der Quantenmechanik….

Grüße
Önder
 
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