Blutige Heilige Nacht - 7. In Lack und Leder auf Tour

ahorn

Mitglied
Klappentext
zurück zu Hauptkommisarin nicht nur oben ohne


Von Sinnen

Herbert zupfte am zerrissenen Siegel. Wie er am Morgen erwacht war, konnte er nicht glauben. Obwohl wie? Mit einem dicken Kater, eher in welchem Zustand.
Er lag in Unterwäsche nebst Socken auf dem zerschlissen Sofa in seiner Studierhöhle. Kellerverschlag war ein besseres Wort dafür.
Magda hatte ihm vor Jahren auf die Idee gebracht. Ihr war es Leid, ihn andauernd aufzufordern das Wohnzimmer von den Ermittlungsakten zu befreien. Daher hatte er sich ein Büro in der Wäschekammer eingerichtet. Dass er hin und wieder dort ruhte, zuweilen einen Rausch ausschlief, kam vor.
Schier den Gegenstand, den er vor der Schlafstätte zwischen zwei leeren Flaschen Roten entdeckt hatte, bereitete ihm Sorgen. Ein erdbeerfarbiges Bandeaukleides glitt über seine Finger.
Herbert zwirbelte seinen Schnauzbart. Hatte er Ferigart mit zu sich genommen? An das Einzige was er sich erinnerte, war, dass sie gleich einer Domina vor ihm stand.
Gelacht hatten sie. Er ist nach unten, holte seine Tasche, um ein Foto von ihr zu knipsen, zum Totlachen sah sie aus.
Warum war er in die Küche geeilt? Sein Magen hatte geknurrt. Mit der Aktentasche sowie einem Sekt bewaffnet, betrat er wieder das Schlafzimmer und ergötzte sich nicht ausschließlich an ihrem neuen Kostüm.
Sie tranken Schampus aus der Flasche und er schüttete sich obendrein den Cognac des zweiten Flachmanns in die Kehle. Punkt. Klappe zu. Licht aus! Nächste Szene erwachen auf dem Sofa.

Er zwirbelte seinen Schnäuzer, riss die Reste des Polizeiziegels vom Türblatt. Logisch! In dem Zustand, in dem er von hier verschwunden war, hatte er nicht an ein neues Siegel gedacht, sinnierte er und öffnete die zugezogen, nicht abgeschlossen Tür.
Ohne sich umzusehen, hechtete er die Treppe herauf, betrat das Schlafgemach mit dem eindeutig, zweideutigen Interieur und sah sich um. Alles war aufgeräumt. Keine Spuren des nächtlichen Fauxpas fand er auf. Tief durchatmen, schritt er wieder in den Flur. Die Tür zum zweiten Schlafzimmer stand einen Spalt offen. Ein Schatten huschte über die Auslegware. Er schlich sich an, drückte den rechten Zeigefinger gegen das Innenfutter seines Sakkos und stieß mit dem linken Fuß das Türblatt auf.
»Hände hoch!«, donnerte seine Stimme durch den Raum.

Die fremde Gestalt schlug die Tür des Kleiderschrankes zu und schaute ihn entgeistert an.
»Tamban!«
»Für sie weiterhin Kriminaloberrat Tamban, Stetten!«
»Für sie Herr Oberstaatsanwalt von Stetten. So viel Zeit muss sein!«
»Was machen sie hier?«
»Ich leite die Ermittlungen«, schmetterte ihn von Stetten entgegen, dabei schob er demonstrativ seine Hornbrille gegen sein Milchbubigesicht.
Was der Emporkömmling sich erdreistete. Weil sein Herr Papa Staatssekräter im Innenministerium, ferner die ganze Familie nach Geld stank, erboste sich Herbert, ungefragt an einem Tatort herumzuschnüffeln. »Haben sie nie davon gehört, dass man immer Geschütz und zu zweit nach Spuren sucht.«
»Wer ist den noch hier?«
»Wie?«
Der Oberstaatsanwalt richte seinen Zeigefinger wie eine gezückte Waffen auf Tamban. »Ich bin allein!«, dabei flog ein Lachen, welches an Arroganz nicht zu übertreffen war über seine Lippe.
»Ich wollte nicht ins Haus«, log Tamban. »Mein Wagen steht um die Ecke.« Er hatte keine Ahnung, wo der stand, zu Hause war er jedenfalls nicht. »Da sah ich das aufgebrochene Siegel. Der Täter kommt oft an den Tatort zurück. Was machen sie hier?«, verlangte er eine Antwort, wobei er seine Nase rümpfte.
Von Stetten drängelte sich an Herbert vorbei. »Polizeihauptkommisar Dünnbier hat mich begleitet.« Er stürmte die Treppe herab. Herbert blieb ihm auf den Fersen. »Er ist bereits vorgefahren.« Er verweilte vor der Haustür. »Ich muss im Übrigen ebenfalls. Besprechung mit Polizeidirektorin Bach.«
Herbert kratzte sich an der Wange. »Dann können sie mich gleich mitnehmen.«
»Erstrebten sie nicht ihren Wagen zu holen.«
»Nein! Ich wollte zu ihm. Nicht mit ihm fahren.«
Von Stetten wedelte vor seinem Gesicht. »Würde ich ihnen desgleichen nicht raten. Haben sie in Wein gebadet?«
»Es war die Heilige Nacht! Nehmen sie mich jetzt mit ja oder nein!«
Tief einatmend hockte sich der Oberstaatsanwalt nieder, schlüpfte in sein italienisches Schuhwerk und hinterließ eine Lücke in einer Reihe Damenhausschuhe.

»Halten sie kurz meine Mappe«, fragte er Herbert auf der anderen Seite der Haustür.
Tamban kramte in seiner Aktentasche. »Vergessen sie das Siegel nicht!«
Von Stetten schloss ab, sodann befestigte er das Polizeisiegel, grüßte und wandte sich ab.



In Lack und Leder auf Tour

»Herr Tamban sind sie jetzt total verrückt geworden!«
Die Frau im mausgrauen Nadelstreifen Kostüm schlug mit der flachen Hand auf ihren Schreibtisch. »Einen unbescholtenen Weihnachtsmann festzuhalten.«
Herbert öffnete seinen Mund.
»Hören sie auf!« Sie schnappt sich ein Papier, drückte ihre Lesebrille auf ihren Nasenrücken. »Jener«, sie schmunzelte, »Baumständer, der sich etwas nebenbei verdiente.« Sie hielt Herbert das Dokument unter die Nase.
Er nahm die Zeugenaussage entgegen und überflog diese.
Dünnbier hatte gleich nach Dienstbeginn die Aussage aufgenommen. Nach diesem Pamphlet war Christ Baumständer ein Student, der, so gab er zu, nebenher an der Steuer vorbei in der Heilgen Nacht sich als Weihnachtsmann etwas dazuverdiente. In Erwartung eines Kindes hatte er den Tatort aufsuchte. Er wie es ihm öfters geschah, läutend durch die offene Haustür eintrat, aber kein kleines Mädchen oder Jungen, sondern die Leichen erblickte.
»Das ist Schwachsinn!«

Die Polizeidirektorin setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl. »Absurd! Aber möglich.« Sie strich ihren Rock glatt. »Hättest ihn zumindest belehren müssen. Du kennst die Vorschriften. Dann ein Verhör ohne Kollegen. Wir hatten keine Wahl.«
»Wie Wahl?«
»Wir mussten ihn auf freien Fuß lassen. Tamara hat ihn nach Hause gefahren.«
»Warum ihn. Es war eine sie«, zürnte Herbert.
Seine Vorgesetzte holte eine Puderdose aus ihrer Handtasche. Klappte diese, nachdem sie ihre Wangen gepudert hatte zu. »Herbert am besten du machst den Tag heute frei, Weihnachtsspaziergang mit Magda.« Sie beugte sich vor. »Vorher solltest du duschen. Du stinkst, wie nach drei Tagen Zechgelage. Dünnbier vertritt dich. Ist ja ein einfacher Fall.«

Herbert schüttelte den Kopf. Dieser Dünnbier war knapp über dreißig und bereits Polizeihauptkommisar. Die Polizeiarbeit war dem wurscht. Er hatte eine Triebfeder und diese hieß Karriere. Gut! Er, Herbert war nie abgeneigt gegen eine Beförderung, hatte Pläne. Nach seiner Degradierung war es mit dem Vorwärtskommen vorbei, dennoch blieb sein Ziel das Unrecht zu bekämpfen. Dienstvorgesetzter des Kriminaldauerdienstes war nicht übel, gleichwohl war Dezernatsleiter nicht zu verachten. Alle aus seinem Freundeskreis hüften auf der Leiter nach oben.
Immer, wenn dieses Magda erfuhr, gab es Kaninchenbraten, nicht, dass er die Speise verabscheute, ganz ihm Gegenteil. Er liebte ihren Braten. Genoss, wie das Fleisch vom Kochen glitt, auf seiner Zunge schmolz. Dazu servierte sie Apfelrotkohl, Weinbirne, Preiselbeergelee und flockig, lockere Klöße. Nein! Ein Kaninchen trug die Verantwortung für seine Herabstufung. Dies war aber eine andere Geschichte.

»Herbert ich fahr dann.« Frau Bach stand auf, zerrte an ihrem Rock, wandt sich wie eine Schlange. »Christian wartet auf mich. Ich will ihn meinen Eltern vorstellen, Weihnachten ist der richtige Moment.« Den rechten Zeigefinger erhoben, stöckelte sie an Herbert vorbei. »Ein wenig jünger ist er. Warum sollen nur Männer – du weißt schon.« Sie wandte sich um. »Herbert soll ich dich mitnehmen?«
»Danke Maxima, ich komm zurecht!«

Er verließ Maximas Büro und lief Ferigart in die Arme.
Monika blinzelte ihn an und strich, mit einem Lächeln auf den Lippen, über seinen Arm. »Herbert! Warum kuckst du mürrisch? Ist nicht schlimm. Kann jedem Mann passieren.« Sie zwinkerte ihm zu, winkte mit den Fingern und entschwand sodann in Dünnbiers Büro.
Herbert gesamter Vorrat von Luft entwich aus seinen Lungen. Zumindest war es nicht zum Äußersten gekommen. Dank des Alkohols war seine Potenz eingeschränkt, somit war er nicht in sie eingedrungen. Monika war seine Mitarbeiterin, damit für ihn tabu.
Ihr Zutrauen, diese Ansprache mit dem Vornamen belegte ihm, dass sie sich mit Einvernahme nahegekommen waren und dieses zu allem Übel auf seinem Sofa, Magda ohne es zu ahnen zwei Etagen über ihnen. Die Flucht nach vorn der einzige Ausweg aus dem Schlamassel.
»Dienstbesprechung«, donnerte er Polizeioberkommissar Mattmann entgegen.

Mattmann saß mit dem Kollegen Malte Schuster an der rechten Seite des Tisches und Herbert marschierte, wie ein aufgeschrecktes Huhn an der Fensterfront auf und ab, dabei zwirbelte er seinen Schnurrbart. Das Schlagen der Türklinke an einen Aktenschrank kündete das Betreten von Monika Ferigart an der Seite von Mike Dünnbier an. Dünnbier legte kollegial seinen Arm um Monikas Taille und starrte Herbert an.
Den Satz, was macht die Praktikantin hier, auf seiner Zunge parat, schluckte er diesen herunter. »Frau Ferigart schön, dass sie der Besprechung beiwohnen.«
Sie zwinkerte ihm zu. »Danke Herbert.«
Mattmann sowie Schuster tuschelten.
»Müssen sie nicht ihren Bericht fertigschreiben. Denn für ihre alte Abteilung – den mit dem Betrug«, stotterte er, dabei konnte er kaum den Blick von ihr wenden. Obwohl sie dezent in Jeans sowie Pullover gekleidet war und an der Seite von Dünnbier stand.
»Alles gebongt Herbert.«
Wieder tuschelten seine Mitarbeiter. Schweiß trat auf Herberts Stirn. Hatte sie allen von der Entgleisung erzählt?
»Dann hocken sie sich hin.«
Dünnbier setzte sich Mattmann und Schuster Visavis an den Tisch. Monika platzierte sich an dessen rechte Seite. Dabei zerrte sie an ihrem Pullover, sodass der Ausschnitt nicht mehr ihre Brüste zu Gänze verdeckte, obgleich dieses sein Auftrag bei einer Dienstbesprechung war.

Tamban schritt zur Tafel. »Herr Mattmann haben sie Ergebnisse von der Pathologie?«
»Will gleich rüber!«
Herbert räusperte sich und trommelte auf den Tisch. »Dünnbier, warum gestatten sie Stetten, in Straßenkleidern am Tatort herumzuschnüffeln?«
Der Polizeiobermeister schaute ihn entgeistert an. »Habe ich nicht! Er war da, wollte den Ort des Verbrechens besichtigen. Dann riefen die von der Dritten an, dass der«, er kicherte, »Christ Baumständer eine Aussage machen wollte. Bin danach zur Wache. Fragen sie Malte.«
Schuster nickte. »Der Oberstaatsanwalt wollte abschließen und den Schlüssel mit ins Dezernat nehmen.«
»Wo ist der überhaupt!«, grummelte Herbert. »Der Typ lässt sonst keinen Anlass aus, uns zu stören.«
»Zurück zum Tatort!«, gab Mattmann zum Besten.
»Wieso!«
»Er hat seine Mappe vergessen.«
Tamban rieb sich die Hände. »Dann stört er uns zumindest nicht.« Er wandte sich erneut zu Dünnbier. »Warum haben sie die Frau freigelassen, obwohl sie sich als Mann ausgab.«
»Bitte!« Dünnbier zeigte ihm einen Vogel. »Ich kann einen Mann von einer Frau unterscheiden.«
»Es war ein Weib!«, donnerte Herbert.
»Dann waren es zwei«, warf Schuster in die Runde.
»Davon geh ich eh aus!«, bestätigte Herbert die Annahme. »Wie um Herrgottswillen sollte sie – sie war eingesperrt.«
Monika räusperte sich und blinzelte Herbert zu. »Können wir mal kurz.« Sie zuckte mit dem Kopf.
Herbert kratzte sich am Genick. »Jetzt nicht.«
Die Arme gekreuzt, zupfte Monika an ihren Pullover. »Dann nicht!«
»Habt ihr die Adresse von dem Baumständer?«
Dünnbier verschränkte seine Unterarme hinterm Schädel. »Müssen sie die Psychotante fragen!«
»Wieso Frau Seibot?«
»Sie hat ihn ins Hotel gefahren.«
»Ins Hotel! In welches?«
»Vier Jahreszeiten!«
Herbert schlug auf den Tisch. »Bin ich nur von Vollidioten umringt. Ein Student, der sich schwarz etwas dazuverdient, steigt in eins der teuersten Häuser ab. Wo ist die Seibot?«, schrie er.
»Die wollte zu ihren Eltern«, verkündete Mattmann. »Es ist Weihnachten.«

»Grossfandung«, donnerte Herbert, wobei er auf Dünnbier deutete. »Nach der Besprechung lassen sie und ich erst einmal ein Phantombild anfertigen. Mehr haben wir nicht.«
»Wieso zwei Täter?«
»Oh Mattmann, wie soll eine Person zwei Menschen gleichzeitig erstechen«, harschte ihn Herbert an.
»Zur gleichen Zeit? Wissen wir nicht.«
»Herr Dünnbier wie sonst. Glauben sie etwa, ein Opfer wartete darauf, ermordete zu werden, während der Täter das andere abschlachtet.«
»Dann waren es zwei Tatorte«, kombinierte Schuster.
»Wo?« Die Hände auf dem Rücken stolzierte Herbert vor den Fenstern auf und ab. »Uns ist unbekannt, wer die Leichen sind.«
Mattmann stand auf. »Eine Beziehungstat! Der Mann der Liebhaber der Frau! Der Ehemann, jener Baumständer, ertappt seine Gattin nackt im Schlafzimmer, ersticht sie, sucht den Geliebten, findet ihn schlafend im Wohnzimmer und bringt ihn um. Fertig!«
»Von einer Beziehungstat gehe ich ebenfalls aus. Nur wie kam ihre Leiche aufs Sofa.«
»Getragen!«
»Schuster sie haben das Weib, den Mann nicht gesehen, zierlich wie Frau Ferigart.«
»Geschleift!«
»Fußabdrücke keine Schleifspuren!«, konterte Herbert. »Außerdem waren die Betten penible gemacht. Sie haben sie gesehen Dünnbier?«
»Ich wollte ins Haus. War nicht drin. Chef!«
»Dann bestätigt es Frau Ferigart.«
Die Lippen gepresst, nickte sie.
Mattmann fuchtelte mit den Händen herum. »Danach hat er das Bett frisch bezogen.«
»Ich sagte, akkurat gemacht. Kein Mann bezieht in der Art die Betten. Ich zumindest nicht. Denken sie daran. Entsprechend ihrer Hypothese hat er kurz zuvor die Frau umgebracht.« Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. »Außerdem ist nach ihrer Logik die Barbarei der Tat unplausible. Warum verstümmelt der Gehörnte die Genitalien seiner Gattin. Wäre es nicht logischer, wenn er den Schwanz des Liebhabers tranchiert hätte.«
Mattmann erhob den Zeigefinger. »Dann war es umgekehrt. Die Frau ertappte ihn.«
»Wie gesagt, ich stimme ihnen zu, dass es ein Beziehungsdelikt ist. Täter und Opfer kannten sich. Der männliche Verbrecher und das weiblicher Opfer gingen zusammen zur Couch. Das männliche Opfer saß dort längst oder kam dazu. Ich bin eher für die zweite Variante. Sie saßen und er sprang über die Rückenlehne.«
»Nackt?«, warf Schuster ein.
»Höchstwahrscheinlich! Männerkleidung habe ich nicht gesehen. Einen Rock sowie eine Bluse habe ich aufgefunden, keine Unterwäsche.« Herbert zupfte an seinen Schnauzer. »Folgerung. Der Mörder war ihr Freund, nicht Ehemann, denn sie wohnten nicht zusammen. Sie ging nicht normalen Sexpraktiken nach. Frau Ferigart sie können dies bestätigen.« Diese nickte. »Er schleicht sich heran, während das männliche Opfer zwischen den Schenkeln der Frau liegt. Ganz mit ihr ist und nicht wahrnimmt. Der Täter nimmt das Messer …«
Herbert erhob den Arm, schlug mit der Faust auf seinen Bauch.
Dünnbier zog seine Oberliebe herauf. »Und der andere schaut zu.«
»Kam vielleicht grad«, amüsierte sich Schuster.
Herbert schüttelte den Kopf. »Dazu hatte er keine Zeit. Denn der weibliche Täter stand längst hinter ihm.«
»Wer soll die Frau sein?«, erkundigte sich Dünnbier.
»Ihre Mitbewohnerin erstach sie.« Tamban positionierte sich hinter Schuster und schmetterte seine Faust gegen Schusters Oberkörper. »Sie schlüpfte aus ihren hochhackigen Schuhen, schleuderte sie übers Sofa und sprang über die Rückenlehne. Dann nahm sie die Kleidung der Toten, warf sie über den Tisch. Anschließend schritt sie zur Terrassentür, versetzt den Hocker, der vor Tür stand auf die Klamotten der Getöteten und lies den Mann flüchten. Sie kniet nieder, schiebt unbeabsichtigt ihre Pumps unter den Wohnzimmertisch, sodann verstümmelt sie die Tote. Sie wird gestört, springt zurück über das Sofa, zieht sich das Weihnachtsmannkostüm an und setzt sich neben die Leichen.«
»Wo hatte sie das Kostüm her und von wem wurde sie gestört?«, harkte Dünnbier nach.
Herbert grinste. »Gestört von uns. Es war ein anonymer Anruf. Oder!«
»Ja!«, bestätigte Mattmann. »Sie meinen?«
»Genau! Ihr Freund rief uns an. Der Täter und die Täterin sind ein Paar.« Herbert zwirbelte seinen Bart. »Das Kostüm hatten sie mitgebracht! Ein fast perfektes Verbrechen.«
»Das ist Blödsinn«, zürnte Dünnbier. »Sie haben die angebliche Frau festgenommen.«
»Das war ihr Plan!«
Dünnbier zeigte einen Vogel. »Wie sollten sie wissen, dass sie die Marotte haben, immer zuerst den Täter allein zu verhören, oder meinen sie«, er sah sich um, »wir haben einen Maulwurf?«
»Brauchten sie nicht sie haben Kalle.«
Mattmann schüttelte den Kopf. »Kalle!«
»Wer ist Kalle?«, fragte Dünnbier.
»Mattmann klären sie ihn später auf!«

Herbert schlug auf den Tisch. »Los an die Arbeit. Herr Schuster sie bringen in Erfahrung, wer die Toten sind, gegebenenfalls bekommen wir über sie heraus, wer die Täter sind. Mattmann, sie machen bei der Pathologie Druck und schicken eine Crew Spurensucher zum Tatort, lassen sie kein Stein auf den anderen.«
»Mit der Pathologie geht in Ordnung, aber ein Team? Es ist Weihnachten! Soll ich mich halbieren?«
Herbert wies auf Dünnbier. »Wir zeichnen!«
Die Beamten verließen bis auf Ferigart und Tamban den Raum.
»Ich muss dir etwas gestehen«, druckste Monika.

Herbert trat an sie heran, senkte den Kopf. »Ich muss mich bei ihnen entschuldigen. Ich bin ihnen zu nahegetreten. Na ja! Untertrieben! Wenn der Fall abgeschlossen reichen sie bitte eine Dienstbeschwerde ein. Ich werde nachher mit meiner Frau darüber sprechen. Ihr gestehen.«
Monika verdeckte ihren Mund und gluckste. »Herbert bitte höre auf. Hast einen Filmriss. Du bist der Ansicht«, sie stieß mit dem Zeigefinger gegen seinen Bauch, daraufhin auf ihr Brustbein, »wir hätten gestern Nacht ...«
»Ja!«, stotterte er.
»Eine Kneipentour haben wir gemacht. Dann habe ich dich nach Hause gefahren. Geglotzt haben die Leute. Ich in Lack und Leder«, sie schmunzelte, »Obwohl weihnachtlich sah ich aus, oder? Außerdem bin ich ...«
»Ist schon gut!«
Ein Stein fiel ihm von der Schulter. Herbert wandte sich zum Gehen.


»Wart! Ich bin schuld für die Verwechslung.«
»Bitte!«
»Ich bin ins Büro des Leitenden, wollte den Verdächtigen eindringlich Überzeugen den Schutzanzug anzuziehen. Musste ich aber nicht. Er war bereit. Er wollte sich nur nicht vor dir entkleiden. Mir ist bewusst warum. Ich begleitetet sie. Sie benahm sich komisch. Ich hatte gespürt, dass es eine Frau ist. Wir Frauen haben da einen Instinkt für, sagt man. Deshalb habe ich sie auf die Toilette vom Leitenden geführt.«
»Malte hat ein eigenes Klo! Wo?«
»Im Hausflur! In seinem Büro ist die alte Wohnungstür. Nach dem Umbau …«
»Ferigart! Sie haben sie alleine gehen lassen«, bellte er.
»Natürlich nicht! Außerdem ist die Haustür immer abgeschlossen. Die Alte aus dem ersten Stock ...«
Herbert presste die Lippen, faltete seine Stirn.
»Sie überreichte mir ihre Sachen. Gestunken hat es wie verwest. Bin dann weg. Sie konnte nicht raus. Sorry! Aber ich habe die Kellertür vergessen!«
Herbert zwirbelte seine Schnauzer. »Bleibt unter uns! Wir fahren nachher in die Wache. Eine Frage habe ich. Sie haben mich nach Hause gefahren. Wie kommt dann dieses schulterfreie Kleid …«
Dünnbier stürmte zurück. »Wie lange soll ich warten!«

Im Flur lief Monika an Herbert vorbei zu Dünnbier. »Mike könnte ich für eine halbe Stunde weg?« Dünnbier drehte sich zu Tamban um, welcher den Finger erhob und drohte. »Nicht länger, wir haben noch etwas zu klären!«


weiter zu Zu zweit im Hotelzimmer
 
Zuletzt bearbeitet:

ahorn

Mitglied
Zurück zum Klappentext
zurück zu 6. Kriminalkommissarin nicht nur oben ohne

7. Von Sinnen - In Lack und Leder auf Tour

Von Sinnen

Herbert zupfte am zerrissenen Siegel. Wie er am Morgen erwacht war, konnte er nicht glauben. Obwohl wie? Mit einem dicken Kater, eher in welchem Zustand.
Er lag in Unterwäsche nebst Socken auf dem zerschlissen Sofa in seiner Studierhöhle. Kellerverschlag war ein besseres Wort dafür.
Magda hatte ihm vor Jahren auf die Idee gebracht. Ihr war es Leid, ihn andauernd aufzufordern das Wohnzimmer von den Ermittlungsakten zu befreien. Daher hatte er sich ein Büro in der Wäschekammer eingerichtet. Dass er hin und wieder dort ruhte, zuweilen einen Rausch ausschlief, kam vor.
Schier den Gegenstand, den er vor der Schlafstätte zwischen zwei leeren Flaschen Roten entdeckt hatte, bereitete ihm Sorgen. Ein erdbeerfarbiges Bandeaukleides glitt über seine Finger.
Herbert zwirbelte seinen Schnauzbart. Hatte er Ferigart mit zu sich genommen? An das Einzige was er sich erinnerte, war, dass sie gleich einer Domina vor ihm stand.
Gelacht hatten sie. Er ist nach unten, holte seine Tasche, um ein Foto von ihr zu knipsen, zum Totlachen sah sie aus.
Warum war er in die Küche geeilt? Sein Magen hatte geknurrt. Mit der Aktentasche sowie einem Sekt bewaffnet, betrat er wieder das Schlafzimmer und ergötzte sich nicht ausschließlich an ihrem neuen Kostüm.
Sie tranken Schampus aus der Flasche und er schüttete sich obendrein den Cognac des zweiten Flachmanns in die Kehle. Punkt. Klappe zu. Licht aus! Nächste Szene erwachen auf dem Sofa.

Er zwirbelte seinen Schnäuzer, riss die Reste des Polizeiziegels vom Türblatt. Logisch! In dem Zustand, in dem er von hier verschwunden war, hatte er nicht an ein neues Siegel gedacht, sinnierte er und öffnete die zugezogen, nicht abgeschlossen Tür.
Ohne sich umzusehen, hechtete er die Treppe herauf, betrat das Schlafgemach mit dem eindeutig, zweideutigen Interieur und sah sich um. Alles war aufgeräumt. Keine Spuren des nächtlichen Fauxpas fand er auf. Tief durchatmen, schritt er wieder in den Flur. Die Tür zum zweiten Schlafzimmer stand einen Spalt offen. Ein Schatten huschte über die Auslegware. Er schlich sich an, drückte den rechten Zeigefinger gegen das Innenfutter seines Sakkos und stieß mit dem linken Fuß das Türblatt auf.
»Hände hoch!«, donnerte seine Stimme durch den Raum.

Die fremde Gestalt schlug die Tür des Kleiderschrankes zu und schaute ihn entgeistert an.
»Tamban!«
»Für sie weiterhin Kriminaloberrat Tamban, Stetten!«
»Für sie Herr Oberstaatsanwalt von Stetten. So viel Zeit muss sein!«
»Was machen sie hier?«
»Ich leite die Ermittlungen«, schmetterte ihn von Stetten entgegen, dabei schob er demonstrativ seine Hornbrille gegen sein Milchbubigesicht.
Was der Emporkömmling sich erdreistete. Weil sein Herr Papa Staatssekräter im Innenministerium, ferner die ganze Familie nach Geld stank, erboste sich Herbert, ungefragt an einem Tatort herumzuschnüffeln. »Haben sie nie davon gehört, dass man immer Geschütz und zu zweit nach Spuren sucht.«
»Wer ist den noch hier?«
»Wie?«
Der Oberstaatsanwalt richte seinen Zeigefinger wie eine gezückte Waffen auf Tamban. »Ich bin allein!«, dabei flog ein Lachen, welches an Arroganz nicht zu übertreffen war über seine Lippe.
»Ich wollte nicht ins Haus«, log Tamban. »Mein Wagen steht um die Ecke.« Er hatte keine Ahnung, wo der stand, zu Hause war er jedenfalls nicht. »Da sah ich das aufgebrochene Siegel. Der Täter kommt oft an den Tatort zurück. Was machen sie hier?«, verlangte er eine Antwort, wobei er seine Nase rümpfte.
Von Stetten drängelte sich an Herbert vorbei. »Polizeihauptkommisar Dünnbier hat mich begleitet.« Er stürmte die Treppe herab. Herbert blieb ihm auf den Fersen. »Er ist bereits vorgefahren.« Er verweilte vor der Haustür. »Ich muss im Übrigen ebenfalls. Besprechung mit Polizeidirektorin Bach.«
Herbert kratzte sich an der Wange. »Dann können sie mich gleich mitnehmen.«
»Erstrebten sie nicht ihren Wagen zu holen.«
»Nein! Ich wollte zu ihm. Nicht mit ihm fahren.«
Von Stetten wedelte vor seinem Gesicht. »Würde ich ihnen desgleichen nicht raten. Haben sie in Wein gebadet?«
»Es war die Heilige Nacht! Nehmen sie mich jetzt mit ja oder nein!«
Tief einatmend hockte sich der Oberstaatsanwalt nieder, schlüpfte in sein italienisches Schuhwerk und hinterließ eine Lücke in einer Reihe Damenhausschuhe.

»Halten sie kurz meine Mappe«, fragte er Herbert auf der anderen Seite der Haustür.
Tamban kramte in seiner Aktentasche. »Vergessen sie das Siegel nicht!«
Von Stetten schloss ab, sodann befestigte er das Polizeisiegel, grüßte und wandte sich ab.


In Lack und Leder auf Tour
»Herr Tamban sind sie jetzt total verrückt geworden!«
Die Frau im mausgrauen Nadelstreifen Kostüm schlug mit der flachen Hand auf ihren Schreibtisch. »Einen unbescholtenen Weihnachtsmann festzuhalten.«
Herbert öffnete seinen Mund.
»Hören sie auf!« Sie schnappt sich ein Papier, drückte ihre Lesebrille auf ihren Nasenrücken. »Jener«, sie schmunzelte, »Baumständer, der sich etwas nebenbei verdiente.« Sie hielt Herbert das Dokument unter die Nase.
Er nahm die Zeugenaussage entgegen und überflog diese.
Dünnbier hatte gleich nach Dienstbeginn die Aussage aufgenommen. Nach diesem Pamphlet war Christ Baumständer ein Student, der, so gab er zu, nebenher an der Steuer vorbei in der Heilgen Nacht sich als Weihnachtsmann etwas dazuverdiente. In Erwartung eines Kindes hatte er den Tatort aufsuchte. Er wie es ihm öfters geschah, läutend durch die offene Haustür eintrat, aber kein kleines Mädchen oder Jungen, sondern die Leichen erblickte.
»Das ist Schwachsinn!«

Die Polizeidirektorin setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl. »Absurd! Aber möglich.« Sie strich ihren Rock glatt. »Hättest ihn zumindest belehren müssen. Du kennst die Vorschriften. Dann ein Verhör ohne Kollegen. Wir hatten keine Wahl.«
»Wie Wahl?«
»Wir mussten ihn auf freien Fuß lassen. Tamara hat ihn nach Hause gefahren.«
»Warum ihn. Es war eine sie«, zürnte Herbert.
Seine Vorgesetzte holte eine Puderdose aus ihrer Handtasche. Klappte diese, nachdem sie ihre Wangen gepudert hatte zu. »Herbert am besten du machst den Tag heute frei, Weihnachtsspaziergang mit Magda.« Sie beugte sich vor. »Vorher solltest du duschen. Du stinkst, wie nach drei Tagen Zechgelage. Dünnbier vertritt dich. Ist ja ein einfacher Fall.«

Herbert schüttelte den Kopf. Dieser Dünnbier war knapp über dreißig und bereits Polizeihauptkommisar. Die Polizeiarbeit war dem wurscht. Er hatte eine Triebfeder und diese hieß Karriere. Gut! Er, Herbert war nie abgeneigt gegen eine Beförderung, hatte Pläne. Nach seiner Degradierung war es mit dem Vorwärtskommen vorbei, dennoch blieb sein Ziel das Unrecht zu bekämpfen. Dienstvorgesetzter des Kriminaldauerdienstes war nicht übel, gleichwohl war Dezernatsleiter nicht zu verachten. Alle aus seinem Freundeskreis hüften auf der Leiter nach oben.
Immer, wenn dieses Magda erfuhr, gab es Kaninchenbraten, nicht, dass er die Speise verabscheute, ganz ihm Gegenteil. Er liebte ihren Braten. Genoss, wie das Fleisch vom Kochen glitt, auf seiner Zunge schmolz. Dazu servierte sie Apfelrotkohl, Weinbirne, Preiselbeergelee und flockig, lockere Klöße. Nein! Ein Kaninchen trug die Verantwortung für seine Herabstufung. Dies war aber eine andere Geschichte.

»Herbert ich fahr dann.« Frau Bach stand auf, zerrte an ihrem Rock, wandt sich wie eine Schlange. »Christian wartet auf mich. Ich will ihn meinen Eltern vorstellen, Weihnachten ist der richtige Moment.« Den rechten Zeigefinger erhoben, stöckelte sie an Herbert vorbei. »Ein wenig jünger ist er. Warum sollen nur Männer – du weißt schon.« Sie wandte sich um. »Herbert soll ich dich mitnehmen?«
»Danke Maxima, ich komm zurecht!«

Er verließ Maximas Büro und lief Ferigart in die Arme.
Monika blinzelte ihn an und strich, mit einem Lächeln auf den Lippen, über seinen Arm. »Herbert! Warum kuckst du mürrisch? Ist nicht schlimm. Kann jedem Mann passieren.« Sie zwinkerte ihm zu, winkte mit den Fingern und entschwand sodann in Dünnbiers Büro.
Herbert gesamter Vorrat von Luft entwich aus seinen Lungen. Zumindest war es nicht zum Äußersten gekommen. Dank des Alkohols war seine Potenz eingeschränkt, somit war er nicht in sie eingedrungen. Monika war seine Mitarbeiterin, damit für ihn tabu.
Ihr Zutrauen, diese Ansprache mit dem Vornamen belegte ihm, dass sie sich mit Einvernahme nahegekommen waren und dieses zu allem Übel auf seinem Sofa, Magda ohne es zu ahnen zwei Etagen über ihnen. Die Flucht nach vorn der einzige Ausweg aus dem Schlamassel.
»Dienstbesprechung«, donnerte er Polizeioberkommissar Mattmann entgegen.

Mattmann saß mit dem Kollegen Malte Schuster an der rechten Seite des Tisches und Herbert marschierte, wie ein aufgeschrecktes Huhn an der Fensterfront auf und ab, dabei zwirbelte er seinen Schnurrbart. Das Schlagen der Türklinke an einen Aktenschrank kündete das Betreten von Monika Ferigart an der Seite von Mike Dünnbier an. Dünnbier legte kollegial seinen Arm um Monikas Taille und starrte Herbert an.
Den Satz, was macht die Praktikantin hier, auf seiner Zunge parat, schluckte er diesen herunter. »Frau Ferigart schön, dass sie der Besprechung beiwohnen.«
Sie zwinkerte ihm zu. »Danke Herbert.«
Mattmann sowie Schuster tuschelten.
»Müssen sie nicht ihren Bericht fertigschreiben. Denn für ihre alte Abteilung – den mit dem Betrug«, stotterte er, dabei konnte er kaum den Blick von ihr wenden. Obwohl sie dezent in Jeans sowie Pullover gekleidet war und an der Seite von Dünnbier stand.
»Alles gebongt Herbert.«
Wieder tuschelten seine Mitarbeiter. Schweiß trat auf Herberts Stirn. Hatte sie allen von der Entgleisung erzählt?
»Dann hocken sie sich hin.«
Dünnbier setzte sich Mattmann und Schuster Visavis an den Tisch. Monika platzierte sich an dessen rechte Seite. Dabei zerrte sie an ihrem Pullover, sodass der Ausschnitt nicht mehr ihre Brüste zu Gänze verdeckte, obgleich dieses sein Auftrag bei einer Dienstbesprechung war.

Tamban schritt zur Tafel. »Herr Mattmann haben sie Ergebnisse von der Pathologie?«
»Will gleich rüber!«
Herbert räusperte sich und trommelte auf den Tisch. »Dünnbier, warum gestatten sie Stetten, in Straßenkleidern am Tatort herumzuschnüffeln?«
Der Polizeiobermeister schaute ihn entgeistert an. »Habe ich nicht! Er war da, wollte den Ort des Verbrechens besichtigen. Dann riefen die von der Dritten an, dass der«, er kicherte, »Christ Baumständer eine Aussage machen wollte. Bin danach zur Wache. Fragen sie Malte.«
Schuster nickte. »Der Oberstaatsanwalt wollte abschließen und den Schlüssel mit ins Dezernat nehmen.«
»Wo ist der überhaupt!«, grummelte Herbert. »Der Typ lässt sonst keinen Anlass aus, uns zu stören.«
»Zurück zum Tatort!«, gab Mattmann zum Besten.
»Wieso!«
»Er hat seine Mappe vergessen.«
Tamban rieb sich die Hände. »Dann stört er uns zumindest nicht.« Er wandte sich erneut zu Dünnbier. »Warum haben sie die Frau freigelassen, obwohl sie sich als Mann ausgab.«
»Bitte!« Dünnbier zeigte ihm einen Vogel. »Ich kann einen Mann von einer Frau unterscheiden.«
»Es war ein Weib!«, donnerte Herbert.
»Dann waren es zwei«, warf Schuster in die Runde.
»Davon geh ich eh aus!«, bestätigte Herbert die Annahme. »Wie um Herrgottswillen sollte sie – sie war eingesperrt.«
Monika räusperte sich und blinzelte Herbert zu. »Können wir mal kurz.« Sie zuckte mit dem Kopf.
Herbert kratzte sich am Genick. »Jetzt nicht.«
Die Arme gekreuzt, zupfte Monika an ihren Pullover. »Dann nicht!«
»Habt ihr die Adresse von dem Baumständer?«
Dünnbier verschränkte seine Unterarme hinterm Schädel. »Müssen sie die Psychotante fragen!«
»Wieso Frau Seibot?«
»Sie hat ihn ins Hotel gefahren.«
»Ins Hotel! In welches?«
»Vier Jahreszeiten!«
Herbert schlug auf den Tisch. »Bin ich nur von Vollidioten umringt. Ein Student, der sich schwarz etwas dazuverdient, steigt in eins der teuersten Häuser ab. Wo ist die Seibot?«, schrie er.
»Die wollte zu ihren Eltern«, verkündete Mattmann. »Es ist Weihnachten.«

»Grossfandung«, donnerte Herbert, wobei er auf Dünnbier deutete. »Nach der Besprechung lassen sie und ich erst einmal ein Phantombild anfertigen. Mehr haben wir nicht.«
»Wieso zwei Täter?«
»Oh Mattmann, wie soll eine Person zwei Menschen gleichzeitig erstechen«, harschte ihn Herbert an.
»Zur gleichen Zeit? Wissen wir nicht.«
»Herr Dünnbier wie sonst. Glauben sie etwa, ein Opfer wartete darauf, ermordete zu werden, während der Täter das andere abschlachtet.«
»Dann waren es zwei Tatorte«, kombinierte Schuster.
»Wo?« Die Hände auf dem Rücken stolzierte Herbert vor den Fenstern auf und ab. »Uns ist unbekannt, wer die Leichen sind.«
Mattmann stand auf. »Eine Beziehungstat! Der Mann der Liebhaber der Frau! Der Ehemann, jener Baumständer, ertappt seine Gattin nackt im Schlafzimmer, ersticht sie, sucht den Geliebten, findet ihn schlafend im Wohnzimmer und bringt ihn um. Fertig!«
»Von einer Beziehungstat gehe ich ebenfalls aus. Nur wie kam ihre Leiche aufs Sofa.«
»Getragen!«
»Schuster sie haben das Weib, den Mann nicht gesehen, zierlich wie Frau Ferigart.«
»Geschleift!«
»Fußabdrücke keine Schleifspuren!«, konterte Herbert. »Außerdem waren die Betten penible gemacht. Sie haben sie gesehen Dünnbier?«
»Ich wollte ins Haus. War nicht drin. Chef!«
»Dann bestätigt es Frau Ferigart.«
Die Lippen gepresst, nickte sie.
Mattmann fuchtelte mit den Händen herum. »Danach hat er das Bett frisch bezogen.«
»Ich sagte, akkurat gemacht. Kein Mann bezieht in der Art die Betten. Ich zumindest nicht. Denken sie daran. Entsprechend ihrer Hypothese hat er kurz zuvor die Frau umgebracht.« Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. »Außerdem ist nach ihrer Logik die Barbarei der Tat unplausible. Warum verstümmelt der Gehörnte die Genitalien seiner Gattin. Wäre es nicht logischer, wenn er den Schwanz des Liebhabers tranchiert hätte.«
Mattmann erhob den Zeigefinger. »Dann war es umgekehrt. Die Frau ertappte ihn.«
»Wie gesagt, ich stimme ihnen zu, dass es ein Beziehungsdelikt ist. Täter und Opfer kannten sich. Der männliche Verbrecher und das weiblicher Opfer gingen zusammen zur Couch. Das männliche Opfer saß dort längst oder kam dazu. Ich bin eher für die zweite Variante. Sie saßen und er sprang über die Rückenlehne.«
»Nackt?«, warf Schuster ein.
»Höchstwahrscheinlich! Männerkleidung habe ich nicht gesehen. Einen Rock sowie eine Bluse habe ich aufgefunden, keine Unterwäsche.« Herbert zupfte an seinen Schnauzer. »Folgerung. Der Mörder war ihr Freund, nicht Ehemann, denn sie wohnten nicht zusammen. Sie ging nicht normalen Sexpraktiken nach. Frau Ferigart sie können dies bestätigen.« Diese nickte. »Er schleicht sich heran, während das männliche Opfer zwischen den Schenkeln der Frau liegt. Ganz mit ihr ist und nicht wahrnimmt. Der Täter nimmt das Messer …«
Herbert erhob den Arm, schlug mit der Faust auf seinen Bauch.
Dünnbier zog seine Oberliebe herauf. »Und der andere schaut zu.«
»Kam vielleicht grad«, amüsierte sich Schuster.
Herbert schüttelte den Kopf. »Dazu hatte er keine Zeit. Denn der weibliche Täter stand längst hinter ihm.«
»Wer soll die Frau sein?«, erkundigte sich Dünnbier.
»Ihre Mitbewohnerin erstach sie.« Tamban positionierte sich hinter Schuster und schmetterte seine Faust gegen Schusters Oberkörper. »Sie schlüpfte aus ihren hochhackigen Schuhen, schleuderte sie übers Sofa und sprang über die Rückenlehne. Dann nahm sie die Kleidung der Toten, warf sie über den Tisch. Anschließend schritt sie zur Terrassentür, versetzt den Hocker, der vor Tür stand auf die Klamotten der Getöteten und lies den Mann flüchten. Sie kniet nieder, schiebt unbeabsichtigt ihre Pumps unter den Wohnzimmertisch, sodann verstümmelt sie die Tote. Sie wird gestört, springt zurück über das Sofa, zieht sich das Weihnachtsmannkostüm an und setzt sich neben die Leichen.«
»Wo hatte sie das Kostüm her und von wem wurde sie gestört?«, harkte Dünnbier nach.
Herbert grinste. »Gestört von uns. Es war ein anonymer Anruf. Oder!«
»Ja!«, bestätigte Mattmann. »Sie meinen?«
»Genau! Ihr Freund rief uns an. Der Täter und die Täterin sind ein Paar.« Herbert zwirbelte seinen Bart. »Das Kostüm hatten sie mitgebracht! Ein fast perfektes Verbrechen.«
»Das ist Blödsinn«, zürnte Dünnbier. »Sie haben die angebliche Frau festgenommen.«
»Das war ihr Plan!«
Dünnbier zeigte einen Vogel. »Wie sollten sie wissen, dass sie die Marotte haben, immer zuerst den Täter allein zu verhören, oder meinen sie«, er sah sich um, »wir haben einen Maulwurf?«
»Brauchten sie nicht sie haben Kalle.«
Mattmann schüttelte den Kopf. »Kalle!«
»Wer ist Kalle?«, fragte Dünnbier.
»Mattmann klären sie ihn später auf!«

Herbert schlug auf den Tisch. »Los an die Arbeit. Herr Schuster sie bringen in Erfahrung, wer die Toten sind, gegebenenfalls bekommen wir über sie heraus, wer die Täter sind. Mattmann, sie machen bei der Pathologie Druck und schicken eine Crew Spurensucher zum Tatort, lassen sie kein Stein auf den anderen.«
»Mit der Pathologie geht in Ordnung, aber ein Team? Es ist Weihnachten! Soll ich mich halbieren?«
Herbert wies auf Dünnbier. »Wir zeichnen!«
Die Beamten verließen bis auf Ferigart und Tamban den Raum.
»Ich muss dir etwas gestehen«, druckste Monika.

Herbert trat an sie heran, senkte den Kopf. »Ich muss mich bei ihnen entschuldigen. Ich bin ihnen zu nahegetreten. Na ja! Untertrieben! Wenn der Fall abgeschlossen reichen sie bitte eine Dienstbeschwerde ein. Ich werde nachher mit meiner Frau darüber sprechen. Ihr gestehen.«
Monika verdeckte ihren Mund und gluckste. »Herbert bitte höre auf. Hast einen Filmriss. Du bist der Ansicht«, sie stieß mit dem Zeigefinger gegen seinen Bauch, daraufhin auf ihr Brustbein, »wir hätten gestern Nacht ...«
»Ja!«, stotterte er.
»Eine Kneipentour haben wir gemacht. Dann habe ich dich nach Hause gefahren. Geglotzt haben die Leute. Ich in Lack und Leder«, sie schmunzelte, »Obwohl weihnachtlich sah ich aus, oder? Außerdem bin ich ...«
»Ist schon gut!«
Ein Stein fiel ihm von der Schulter. Herbert wandte sich zum Gehen.


»Wart! Ich bin schuld für die Verwechslung.«
»Bitte!«
»Ich bin ins Büro des Leitenden, wollte den Verdächtigen eindringlich Überzeugen den Schutzanzug anzuziehen. Musste ich aber nicht. Er war bereit. Er wollte sich nur nicht vor dir entkleiden. Mir ist bewusst warum. Ich begleitetet sie. Sie benahm sich komisch. Ich hatte gespürt, dass es eine Frau ist. Wir Frauen haben da einen Instinkt für, sagt man. Deshalb habe ich sie auf die Toilette vom Leitenden geführt.«
»Malte hat ein eigenes Klo! Wo?«
»Im Hausflur! In seinem Büro ist die alte Wohnungstür. Nach dem Umbau …«
»Ferigart! Sie haben sie alleine gehen lassen«, bellte er.
»Natürlich nicht! Außerdem ist die Haustür immer abgeschlossen. Die Alte aus dem ersten Stock ...«
Herbert presste die Lippen, faltete seine Stirn.
»Sie überreichte mir ihre Sachen. Gestunken hat es wie verwest. Bin dann weg. Sie konnte nicht raus. Sorry! Aber ich habe die Kellertür vergessen!«
Herbert zwirbelte seine Schnauzer. »Bleibt unter uns! Wir fahren nachher in die Wache. Eine Frage habe ich. Sie haben mich nach Hause gefahren. Wie kommt dann dieses schulterfreie Kleid …«
Dünnbier stürmte zurück. »Wie lange soll ich warten!«

Im Flur lief Monika an Herbert vorbei zu Dünnbier. »Mike könnte ich für eine halbe Stunde weg?« Dünnbier drehte sich zu Tamban um, welcher den Finger erhob und drohte. »Nicht länger, wir haben noch etwas zu klären!«

weiter zum nächsten Teil 8. Zu zweit im Hotelzimmer
 

Oben Unten