Cantabile: Der Raum war staubig.

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Willibald

Mitglied
Cantabile: Der Raum war staubig

An der Decke meines Arbeitszimmers:
die gleißende Lampe,
auf versiegeltem, glatten Parkett:
Flusen von Staub.

In den Bücherregalen: Semiotik, Rhetorik,
Gelehrte. Sauer und kraftlos. Fast könnte
man sagen, da klafft, da gähnt
ein Abgrund, wäre man traurig oder
gäbe man nach.

Zwischen den Büchern: zwei blinzelnde Zwerge,
Nippesfiguren für Kinder, Mikesch und Snoopy,
Geschenk meiner Freunde.

Salut, Kater Mikesch, an dumpfen Tagen
spende mir Trost, entfernter
Verwandter aus Böhmen,
sprachbegabt, buschiger Schweif!
Und Snoopy, Beagle, mit klugen Augen,
stoischer Weiser der hölzernen Hütte,
Epikuräer vom schleckigen Fressnapf,
geduldig im Umgang mit Woodstock,
oftmals der Sieger im Kampf
mit dem roten Baron,
erbarme dich meiner,
hilf mir aus der Starre,
ich verdöse die Zeit.

Siehe! Es springt
samtpfotig der Kater
vom Bücherbord, landet
auf staubigem Schleiflack,
wo Snoopy schon wartet,
großnasig, funkelnde Augen.

Sie tanzen die böhmische Polka,
sie tanzen den Boogie, groß ist
das blitzende Messing des
Bugle Call Rag. Und Harry James
ist des blitzenden Messings Prophet:
Trumpet Blues & Cantabile,
Glenn Miller steigt ein:
Chatanooga Choo Choo
Vor dem Bücherregal: Gene Krupa.
Sein Schlagzeug wirbelt zur Klarinette
von Benny: Sing, Sing, Sing, Sing.

Es fliehen kreischend die Flusen.
Auferstanden aus dem Grabe
tanzt ein Gott
quer durch das Zimmer,
lebend in drei Personen,
in Snoopy und Mikesch
und jemand
wie mir.​
 
Hallo Willibald,

ein artifizielles Gedicht, detailfreudig, konstatierend, Disparates vereinend.

Es ist nicht vordergründig aufregend - es ist das Atemholen, das sich Vergewissern, das mir, wenn ich mich ins Banale wenden darf, 10 Punkte Wert ist.

Wo es mir fast schon ein wenig zu sehr Detailfülle transportiert: Im Bereich der dritten und vorletzten Strophen scheinen mir zu viele, nicht ganz verwebbare Dinge, wie eine zu lange Aufzählung, auf den Leser einzustürmen:

Und Snoopy, Beagle, mit klugen Augen,
stoischer Weiser der hölzernen Hütte,
Epikuräer vom schleckigen Fressnapf,
geduldig im Umgang mit Woodstock,
oftmals der Sieger im Kampf


Was soll ich sonst sagen: Intellektuell angehaucht, dennoch poetisch bis zum Geht-nicht-mehr.
Extraklasse!

Beste Grüße
Monfou
PS: Ist der Punkt hinter der Überschrift gewollt?
 
S

Sandra

Gast
Hallo Willibald,

du erzählst hier eine Momentaufnahme, eine kleine Geschichte, bei der sich mir zu Anfang schon die Frage stellte: Ist sie zu erzählen wert? Ich denke schon. Die Extravaganz deiner Worte lässt den Leser - vielleicht auch nur mich - ab und an der Aussage hinterher grübeln. Ecce! Epikuräer, (warum nicht Genießer?) sind Begriffe, die mir leider nicht so geläufig sind, "Sein Schlagzeug singt, singt, singt, singt"... ich weiß leider auch nicht, warum es singt und nicht schlägt.
Zudem gibt es mir zu viele Staubflusen, - in drei Absätzen lese ich davon, dabei weiß ich doch schon aus der Überschrift, dass der Raum staubig ist - zudem zu viel Snoopy, der doch nur Nippes ist und den ich, nachdem ich ihn wahrgenommen habe, immer wieder vorgeführt bekomme.

Es gibt viele Momentaufnahmen, von denen ich auch nicht sicher weiß, wie wichtig sie für den Text sind. Dennoch ist dein Umgang mit Sprache wunderschön und ich habe Lust, dir zu folgen und mich durch deine Zeilen führen zu lassen.
Meine Lieblingsstelle:

Es fliehen kreischend die Flusen.
Auferstanden aus dem Grabe
tanzt ein Gott
quer durch das Zimmer,
lebend in drei Personen,
in Snoopy und Mikesch
und jemand
wie mir.
Dort springt mich das Leben an, dort wird mir Gefühl vermittelt.

LG
Sandra
 

Willibald

Mitglied
Grüße Dich, Sandra;

denke auch, die Wortwahl ist manchmal recht abgehoben. Müsste nicht sein.

Andererseits:

Das lyrische Ich ist so ein Bücher-Freak, da ist dann der hochgestochene Code zumindest ihn charakterisierend. Und das kindliche-erwachsene Tanzen hebt sich vor dieser Folie etwas ab.

Das "Ecce" ist jetzt durch "Siehe" ersetzt. Das ist eine An´klang an die Bibelsprache. Der Gott des Tanzes und seine Dreieinigkeit und der Prophet bauen diesen Sinnbezirk auf. Dass da was Erlösendes passiert, bringt der Text schon rüber, hoffe ich.

Bei Snoopy finden sich oft hochgestochene Ausdrücke, sein Schöpfer war theologisch recht versiert, der Epikuräer, klar ein "Genießer", steht ein bisschen im Gegensatz zum christlichen Gott, der oft auf Askese und Körperfeindlichkeit reduziert wird.

Das "singt, singt, singt" ist eine Anspielung auf Gene Krupas Schlagzeugsolo und Schlagzeugbegleitung in Benny Goodmans "Sing, sing, sing, sing". Der Text ist jetzt präziser gemacht.

Fazit, vorläufig:

Klar doch, das alles braucht es nicht, und vielleicht klingt es ein wenig nach Bildungsblasen. Denke aber doch, dass der Text nicht eingebildet daher kommt und dass seine Details ungefähr verstehbar sind, ohne deswegen vor den Kopf zu stoßen.

Überlegend und für deine Eindrucksbeschreibung herzlich dankend

aes/willi

p.s.

"wenn ich jetzt geh" ist klar, einfach und schön
 

Jongleur

Mitglied
gottbeseelter Gummisnoopy?

Hallo aes,
insgesamt mag ich es sehr, dies Spannungsfeld zwischen Staub und Tanz! Zwischen Verstaubt, Trübsinn und Musik, Rhythmus, Fun.
Ja - vielleicht bisschen geballt Intellektuelles und Musiker-Insides, ist sicher Geschmackssache, kann man aber gut drüber weglesen (hoffentlich tut's dem Autor nicht weh!), wenn man die vielleicht "begnadeten", um in der Sprache des Gedichts zu bleiben, Musiker oder Titel nicht kennt. ;)

Zu dick wird es mir dann hier:

[ ... ]
ein Gott
quer durch das Zimmer,
lebend in drei Personen,
in Snoopy und Mikesch

und jemand
wie mir.


Auch wenn das Gedicht Erlösungsparallelen Musik - Tanz - Christentum ziehen will, was mir schon ein gewagtes und fragwürdiges Unterfangen scheint (einen "Gott des Tanzes" kennt das Christentum nicht, wohl aber Lebensfreude, Musik), ist mir dann ein Vergleich zwischen dem auferstandenen Christus des Christentums und den öfter aufgezählten Kindergummifigürchen plus LI als Dreieinigkeit des Guten zuviel.
Weiß Gott nicht frömmelnd, aber dabei ist mir unbehaglich.

Es fliehen kreischend die Flusen.
Ein Gott tanzt
quer durch das Zimmer.

... könnte ich als Schluss akzeptieren. Oder auch: ein Gott tanzt in/mit mir quer durch das Zimmer. Aber 'n gottbeseelter Gummisnoopy ... nee.

Grüße vom Jongleur
 

Willibald

Mitglied
Grüße dich, jongleur,

schöne Analyse, die den Flusentext ernst nimmt.

Klar kann man fast ein wenig blasphemie in dem religiösen Text-Code (schon bei "siehe") sehen und in den Motivketten sehen. Unds das monieren&andiskutieren.

Hier ein paar Aspekte:

(a) Snoopy

Snoopy ist nun keine Gummifigur (in der Realität gibt es sicher gummifiguren und Figuren aus anspruchsvollerem Material,) er ist eine Figur in Bildergeschichten.

Die sind von einem sehr klugen theologisch versierten Charles Schultz entworfen worden und von einer lichten Genauigkeit: religiöse themen, Fragen des Glücks, Anthropologisches ist darin schnell und erhellend beschrieben, jenseits des pontifikalen tons. Deswegen ist Snoopy bei kundigen Religionslehrern auch recht beliebt, zumindest im angloamerikanischen Raum.

Man vergleiche: From the Peanuts book, And the Beagles and the Bunnies Shall Lie Down Together: The Theology in
Peanuts (1984) oder Robert L. Short: Thes Gospel according to Peanuts:

Charlie Brown: "Listen to this.. For your edification, I am
reading from the book of Proverbs, sixth chapter, ninth verse... (opens Bible and shows it to Snoopy) "How long, you loafer, will you lie there? How long until you rise from your sleep?"

Snoopy: (takes Bible, flips to a different page, then hands it back) Charlie Brown: Chapter twelve..verse ten.."A good man cares if his beast is hungry."

Charlie Brown: (in kitchen getting Snoopy's dog food) "I forgot that he used to teach Sunday School at the Daisy Hill Puppy Farm."

In another strip, Lucy notices Snoopy on top of his doghouse,using a typewriter:

Lucy: "How can you write about theology? You've never even been in a church!"

Snoopy: (speaking in thought balloons) "Au contraire! When I was at the Daisy Hill Puppy Farm, we went to chapel every morning! I was part of a forty-beagle choir. You've never heard "Rock of Ages" until you've heard it sung by forty beagles!"
Das Tanzartige und der ganze Horizont des Tanzens mag einer gewissen sehr ernsthaften Spezies der Religion fremd sein, eine gewisse spirituelle Leibfeindlichkeit fand sich in manchen Strömungen des Christentums, genauso - da sage ich nichts Neues - ist die frohe Botschaft etwa in charismatischen Bewegungen oder im Gospel sehr körperbetont, ekstatisch und so weiter.

(b) Das Dreieinigkeitsmotiv

Natürlich kann man in der zitierten passage eine pagane Munterkeit ansetzen, die in Opposition zu einer ehrwürdigen Tradition steht. Das Dreieinigkeitsmotiv ist sehr hoch gegriffen. Ich denke auch, dass hier viele, denen die leibfeindlichen Strömungen christlicher Art nicht behagen, erleichtert lächeln oder lachen können. Es mag dann auc sein, dass es Rezipienten gibt, die im kindlichen spiel und im Spiel wie ein Kind eine Befreiung, ja auch eine kleine Erlösung sehen, die sich mit biblischen Horizonten gar nicht so sehr beisst. Das Himmelreich, auch das Himmelreich auf Erden ist in einem schönen jesuswort an die kindliche Mentalität geknüpft ("Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.Matthäus 18,3“)

Ohne allzu hochzustechen: die musikalische Befreiung aus einer melancholischen Stimmungslage ist ein göttliches Geschenk oder ein Geschenk der Natur.

Gerne mag ich die folgende Seite:

http://www.google.de/search?q=cache.../20000514.html+Snoopy+theology&hl=de&ie=UTF-8

pax nobiscum in pace mentis

aes/willi
 

Jongleur

Mitglied
boswellia

Hi aes,

Ohne allzu hochzustechen: die musikalische Befreiung aus einer melancholischen Stimmungslage ist ein göttliches Geschenk oder ein Geschenk der Natur.

Nun aes, hier begegnen wir uns in Übereinstimmung.

Was den Rest angeht: nein.

Es ist vielleicht interessant und Insidern mag es bekannt sein, in welchem Zusammenhang die Comic-Figur des Zeichners Schultz zu Religion, Glaube oder Kirche stehen. Danke auf jeden Fall für die Erklärungen. Hört sich nach einer Promotion in Theologie über christliche und/oder philosophische Inhalte in den Figuren Charles Schultz' an?

Dennoch:

Snoopy ist nun keine Gummifigur (in der Realität gibt es sicher gummifiguren und Figuren aus anspruchsvollerem Material,) er ist eine Figur in Bildergeschichten.

... ist in dem Gedicht - und das ist ja nun Gegenstand unserer Betrachtung, von den kleinen Nippes-Figuren auf dem Regal die Rede.

Zwischen den Büchern: zwei blinzelnde Zwerge,
Nippesfiguren für Kinder, Mikesch und Snoopy,


Lieblingssammelobjekte seinerzeit - wie übrigens auch die dazugehörenden Comicbücher - unserer Kinder. Und sie waren aus Gummi oder Kautschuk oder einem etwas härterem Kunststoff.

Nun lässt Du sie in der Phantasie des LI zwar personifiziert vom Regal springen und tanzen, Ausgangspunkt für mich, den Leser, sind trotzdem die Gummifigürchen. Und gerade die! Denn sie sind dem LI ja Blickfang über den öden Staub hinaus, heitern auf, beginnen in seiner Vorstellung mit dem Tanz. Stecken dann an mit Musik, Lebensfreude, Bewegungslust, Tanz! Bis das Ich mittanzt.
Das finde ich alles lustig, witzig, nachvollziehbar auch den Übergang von einer staubverhangenen Melancholie in eine blankgeputzt fröhliche, positive Gestimmtheit!

Ich will aus diesen zwei, drei Zeilen auch wirklich keinen Akt machen. Zumal mir gerade mal das Gebot der Nächstenliebe und die Zehn Gebote an wichtigem Gehalt aus dem Christentum geblieben sind. - Es mögen also gern alle Religionslehrer der angloamerikanischen oder sonstigen Couleur eine Dreieinigkeit in Snoopy oder Kater Mikesch sehen [können], lehren und als Beispiel (Gleichnis etwa?) nutzen! In Frieden!

Nur mir ganz persönlich behagen solche Zeilen mit philosophischem Hund und Kater als Träger einer [heiligen?] Symbolik oder einem der Glaubensinhalte des Christentums einfach nicht. [lebend in drei Personen, / in Snoopy und Mikesch]
Da ist nicht dran zu rütteln.

Natürlich kann man in der zitierten passage eine pagane Munterkeit ansetzen, die in Opposition zu einer ehrwürdigen Tradition steht.

Nein nein, dass wir uns nicht falsch verstehen. Nichts gegen Freude, Lust, Heiterkeit, Körperbezogenheit, Tanz, Sex (um mich dann weiter noch gegen etwaige körperfeindliche Strömungen des Christentums abzugrenzen) usw. ("wir Christen müssten viel erlöster aussehen" - hat mir immer sehr imponiert!) ...

Das Dreieinigkeitsmotiv ist sehr hoch gegriffen.

... aber dagegen, dass dies "Motiv" - ist es nicht mehr als ein Motiv? Ich als Nichttheologe (auch noch die katholische Großmutter der Kindheit im Ohr mit Worten wie Dreifaltigkeit, Trinität, Gott als die drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist) hätte es zumindest als wichtigen, wenn nicht zentralen Glaubensinhalt verstanden, laienhaft vielleicht mit "Symbol" der Wesenheit Gottes im Christentum zu bezeichnen [?] - verquickt und gleichgesetzt wird mit dem Dreigespann Snoopy-Mikesch-LI. Punktum.
- Wobei ich dem LI gern eine göttliche Beseelung im Sinne einer kirchlichen Lehre (?), auf jeden Fall aber auch übertragen und im Gedicht zugestehe. Wiederentdeckte Lebensfreude und Tanz - die Sicht weg von der Depression in eine Realität richten, in der das Ich positiv, autark, seinen Gefühlen Ausdruck gebend leben kann. Schön.

Ich denke auch, dass hier viele, denen die leibfeindlichen Strömungen christlicher Art nicht behagen, erleichtert lächeln oder lachen können.

Nun müssten wir hier fein unterscheiden, ob sie sich freuen an der urtümlichen (und, wenn man so will, in gewisser Weise göttlich zu sehenden) Körperfreude - oder ob sie eher sich am kabarettistischen Durch-den-Kakao-Ziehen des christlichen Vokabulars ergötzen ...

Es mag dann auc sein, dass es Rezipienten gibt, die im kindlichen spiel und im Spiel wie ein Kind eine Befreiung, ja auch eine kleine Erlösung sehen, die sich mit biblischen Horizonten gar nicht so sehr beisst.

Trifft nicht den Punkt meiner Kritik. Siehe oben.
"kindliches Spiel" und Befreiung im kindlichen Spiel, alle Psychologen nicken, - ist dann doch ziemlich weit hergeholt als Argument, ein gespiegeltes (Wort)Spiel mit Dreieinem Gott und Nippesfiguren zu rechtfertigen ...

Das Himmelreich, auch das Himmelreich auf Erden ist in einem schönen jesuswort an die kindliche Mentalität geknüpft ("Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.Matthäus 18,3“)

Ja, auch mir geläufig. Wem nicht?

Also wie gesagt, nichts gegen die Freude, auch nicht gegen die so benannte "kindliche" Freude, die wir als unverdorbene und im besten Sinne naive Freude (auch im Sinne unkritischen Denkens) verstehen.

Ohne allzu hochzustechen: die musikalische Befreiung aus einer melancholischen Stimmungslage ist ein göttliches Geschenk oder ein Geschenk der Natur.

Hier schließt sich der Kreis. Ja.

Herzlichen Gruß vom Jongleur

P. S.: Betrachten wir den Text als gewollte Persiflage, kabarettistische Einlage (ein Ansinnen, das die Ernsthaftigkeit Deiner Beweisführung bzw. Aspekteinbringung ja von sich zu weisen scheint), dann würde ich es sprachlich einschließlich der letzten Zeilen als gelungen und seinem Ziel dienlich bezeichnen, das die entsprechenden Leser (und Lacher) vermutlich auf seiner Seite hat.
 

Willibald

Mitglied
Jou, dear jongleur,

profunde und entspannte Ausführungen deinerseits.

Mein snoopy ist materialmäßig eine Kerze aus Wachs.
Und selbst wenn er aus Plastik wäre, steht er für eine Figur in einem bestimmten Horizont. So wie eine Zeusfigur aus Plastik nicht auf den Plstikhorizont oder den seriellen Gebrauchswert reduzierbar ist.

Ansonsten findet sich in Märchen und Kindergeschichtenall das, was uns zu Kindern macht und uns das Himmelsreich öffnet, eher ohne kabarettistischen Einschlag.

Sei gegrüßt maxima cum reverentia

aes/ff
 

Jongleur

Mitglied
kerzig

Mein snoopy ist materialmäßig eine Kerze

Hi aes,
nun, da wohnt ihm ja ein kirchenschmückend-
gläubiger Charakter quasi von Haus aus inne. ;)

Fröhliche Grüße zurück, gutdeutsch, ohne Bornemann, Stovasser & Co aus dem Regal zu bemühen,

Jongleur
 
G

Gelöschtes Mitglied 4259

Gast
...tanzt ein Gott durch das Zimmer...

Hallo Willibald,

nach diesem Gedicht habe ich für die nächste Zeit keine Schwierigkeiten mehr mit der Vorstellung eines "seltsam dreigeteilten Gottes", wie Feuchtwanger einst vornehm-feinhumorig spottete (und den ich sonst für gewöhnlich "Den Dreiteiligen" nenne - ich hoffe, ich verletze niemandes Glauben an dieser Stelle). In Deiner Variante werden wunderliche Dogmen genießbar!

Liebe Grüße

P.
 

Willibald

Mitglied
Salute, Du wackere Odyssine,

es ist schön, dass es eine Revitalisierung des Dreifaltigkeitmodells gibt.

Möge der gott des Tanzes weiter Deinen Gedichte - denn was sind sie anderes als Tänze - innewohnen.

aes/willi
 

Mondnein

Mitglied
und Prinzessin Michal lachte ihn aus

der tanzende Gott? Shiva z.B.
"the dance of Maya" ist ein starkes Stück von John McLaughlin, polyrhythmisch, wie der mehrdeutige Name.

In christlichem Kontext bzw. in den drei abrahamitischen Religionen scheint Tanz selten zu sein. Man bedenke das Musikverbot in Saudiarabien, wo man den Musikern die Instrumente zertrümmert, wenn sie beim Singen und Spielen erwischt werden. Manchmal auch die Finger.

Aber da gibt es die Stelle in Buch 2Samuel 6,14-16. Aufregend zwiespältig.

grusz, hansz
 

Willibald

Mitglied
(0) Chairete, ??????? ??? ??????????, Freut euch

Es freut mich sehr, Hansz, die Wiederauferstehung dieses Swing-Blues aus den Schlünden der Zeit zu erleben. Im Arbeitszimmer fand sich schon damals das uns bekannte Historisch-philosophische Lexikon, die roten Bände von Joachim Ritter.

Der Rhythmus ist seinerzeit aus einem Dance-Film übergesprungen – Hollywoodverachtung hin oder her - „Footloose“ (1984, Herbert Ross).
Und angerissen das Thema: Tanz und christliche Religion

(1) Footloose (1984)

Footloose beginnt mit einer Sequenz tanzender Füße, die Erde berührend, die Erde verlassend

https://www.youtube.com/watch?v=0WHp7d0bamo
(Footloose exposition opener)

Die religiös-puristische Gemeinde hat nach einem schweren Unfall Jugendlicher alle Tanzveranstaltungen verboten, auf Dauer. Ein neu hinzugezogener Junge hält im Gemeinderat - im Gremium der evangelikale Pastor – eine Rede. David wird apostrophiert, die Zeit zu trauern und zu tanzen.

https://www.youtube.com/watch?v=NWyURSaJixc
(Rede im Gemeinderat, wackliger Beginn, dann aber)
Die Redeklimax:
From the oldest of times, people danced for a number of reasons.
They danced in prayer or so that their crops would be plentiful or so their hunt would be good. And they danced to stay physically fit and show their community spirit. And they danced to celebrate. And that, that is the dancing that we’re talking about.

Aren’t we told in Psalm 149: ‘Praise ye the Lord. Sing unto the Lord a new song. Let them praise His name in the dance’?…
It was King David. King David, who we read about in Samuel, and, and what did David do? What did David do? What did David do? ‘David danced before the Lord with all his might, leaping, leaping and dancing before the Lord.’ Leaping and dancing!

Ecclesiastes assures us that there is a time to every purpose under heaven. A time to laugh and a time to weep. A time to mourn and there is a time to dance. And there was a time for this law, but not anymore. See, this is our time to dance. It is our way of, of celebrating life. It’s the way it was in the beginning. It’s the way it’s always been. It’s the way it should be now.

Rhetorischer Prozess: nach gebückten Anfang eine Klimax und Meinungsumschwung der Klientel
Danach dann für einen jungen Büffel eine ehrliche und schöne Tanzschulung. Für den Willibald ein Erweckungserlebnis nochmals.

https://www.youtube.com/watch?v=B8S3OVzof8s
(Lehre zu tanzen)

(2) Cold Mountain, die Heimkehr, sacred harp: I´m going home

Der Film Cold Mountain - ein opulentes (schwülstiges? pathetisches?) Bürgerkriegsepos mit einer Odysseus-Liebesgeschichte: Law, Kidman, Zellweger (2003).

https://de.wikipedia.org/wiki/Unterwegs_nach_Cold_Mountain_(Film)
(Wikipedia zum Film)

https://www.facebook.com/245062974187/videos/cold-mountain-movie-scene/1255903769618/
(Szene in der Kirche: Sacred Harp und Kriegsmeldung)

Das Singen in der Kirche. Ein Performance-Stil, der ein wenig an Spirituals und Gospels erinnert: Taktschlagende Handbewegungen während des ganzen Gesanges, zu Beginn lediglich die Tonfolge ohne Text mit bloßem Fa, So, La, Mi , dann die Strophenfolge und ihr Chorus. Ein Pitcher gibt die Grundmelodie vor und begleitet die Gruppe, die so zu einem Chor wird: Sacred Harp.

Hier ein eher konzertantes Auftreten in Los Angeles, mit dem Text beginnt die Gruppe nach textfreiem Einstieg etwa bei 2´5´´

https://www.youtube.com/watch?v=UWQDl6cyj2Y
(Roice Hall Concert)

Farewell, vain world! I'm going home!
My savior smiles and bids me come,
And I don't care to stay here long!
Sweet angels beckon me away,
To sing God's praise in endless day,
And I don't care to stay here long!

(Chorus)
Right up yonder, Christians, away up yonder,
O, yes my Lord, for I don't care to stay here long.

I'm glad that I am born to die,
From grief and woe my soul shall fly,
And I don't care to stay here long!
Bright angels shall convey me home,
Away to New Jerusalem,
And I don't care to stay here long!

(Chorus)
Right up yonder, Christians, away up yonder,
O, yes my Lord, for I don't care to stay here long.

(Chorus)
Right up yonder, Christians, away up yonder,
O, yes my Lord, for I don't care to stay here long.
(3) I´m going home: Heim und Rhythmus und Levitation

Auffällig, wie hier mit dem Heim- und Heimatbegriff umgegangen wird und dem, was uns allen bevorsteht, dem Tod: Eine Negativkonnotation „vain world“ wird aufgebaut, der Vanitas-Topos einer nichtigen Welt ist aktiviert, markiert und gestützt durch Leidenslast („grief and woe“) und gestützt durch den Kontrast dazu: eine himmlische Welt ewigen Glückes. So verliert sich - das ist die Funktion - Sterbensangst in Glück und in der neuen Heimat („New Jerusalem“):

I'm glad that I am born to die,
From grief and woe my soul shall fly,
Das Lied wird im Chor gesungen, arbeitet aber über weite Strecken mit der ersten Person Singular. Damit ist eine Doppelperspektive eingepflegt, was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die anderen Einzelnen. Und in der Gruppe des Kollektivs „Christians“ hebt sich Individuelles in Überindividuellem auf. So ist dann der Einstieg mental und emotional gestützt und unterfüttert: „Farewell, vain world! I'm going home!“. Die irdische Heimat hat die Konnotation „home“ verloren, die bessere Heimat ist nun das Ziel.

Hier eine weniger konzertante, eine offene Aufführung, der Text beginnt etwa bei 1´:

https://www.youtube.com/watch?v=t4liEuDm8ac
(Irish singing)

(4) Ambivalenzen und Skepsis

Man mag darüber lächeln, was da Naives gesungen und physisch getaktet wird. Und die gewisse Leibfeindlichkeit christlicher Provenienz in unseren Breitengraden ist immer noch mit Händen (nicht) zu greifen. So ist denn der Rhythmus und die gewisse gebändigte Ekstase in diesen Liedern eine Besonderheit. Ein wenig auch zu belächeln.

Doch auch Agnostiker dürften mit einer gewissen Faszination auf diesen Gesang reagieren. Die soziokulturelle Erklärung nimmt nicht viel von dieser Faszination bei mir weg. Physische Synchronisation wirkt: Wir erleben eine psychologische Synchronisierung und eine Identitätsfindung und Identitätsstabilisierung in der Gruppe. Singen, Skandieren, Stehen, Marschieren – das läuft darauf hinaus, ein «Wir-Gefühl» zu erzeugen. Wir kennen dieses Phänomen auch aus totalitären Zeiten und ihren Werkzeugen.

Menschen, „andere“ Menschen, werden Teil meines erweiterten Ichs. Sie werden „Brüder und Schwestern“, eine bürgende und kräftigende Gemeinschaft, nicht ohne die ambivalente Unterordnung. Eine göttliche Figur, ein Stellvertreter auf Erden.

Kooperation ist gut fundiert, wo gemeinsam gesungen und getanzt und marschiert und geklatscht wird. Nicht zuletzt kann die natürliche Todesangst gemildert oder gar ausgehebelt werden. Trotzdem, ich wiederhole mich, es ist schwer, diesen Rhythmus ungerührt und intellektuell gewarnt ohne Beteiligung zu erleben.

Eine anthropologische Konstante mit Illusionszwang? Kirchen und kirchenartige Instanzen haben in der Geschichte immer wieder doppelwertig gearbeitet: In Glaubenskriegen gegen die Heiden und gegen andere Konfessionen. In wieder anderen Phasen mit dem Modell von allen Menschen als Gotteskindern. Also eine universale Variante und eine partikulare. Eine inklusive und eine exkludierende. Unabhängig davon: In kollektiven Gesängen wird die Macht der Musik und - so scheint es - auch eine überirdische Macht fühlbar. Andockbar an politische und religiöse Systeme.

Weniger abgehoben: Mich fasziniert die Körpersprache der Pitcherin und des Mädchens links hinter ihr, das mit dem roten Pulli.

(5) Anregend:

Claussen, Johann Hinrich: Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik, 2015.
Gardiner, John Eliot: Bach. Musik für die Himmelsburg, übers. von Richard Barth, 2016.
Joseph, Jordania: Choral Singing in Human Culture and Evolution, 2015.
Wild, Beate: Fur Within, Flowers Without: A Transylvanian Fur Coat Worn to Church, in: Elisabeth Tietmeyer und Irene Ziehe (Hg.): Discover Europe!, 2008, S. 26–34.

Was meint der geneigte Leser?
 
T

Trainee

Gast
Hallo Willibald,

ach, was gab es anno 2004 für bildschöne Kommentare, die natürlich nur ein entsprechend gutes Gedicht umrankten.
Eigentlich ein sehr gutes, gäbe es nicht diesen allzu erklärenden Schluss ...
Die Sache mit der Dreifaltigkeit wird der aufmerksamen Leserin auch ohne diesen deutlich. - Zudem klingt mir der doch ein wenig zu beweihräuchernd, gerade in Bezug auf das letzte Wort der Versgruppe.


Es fliehen kreischend die Flusen.
Auferstanden aus dem Grabe
tanzt ein Gott
[strike]quer durch das Zimmer,
lebend in drei Personen,
in Snoopy und Mikesch
und jemand
wie mir.[/strike]
 

Willibald

Mitglied
Salute, Trainee,

überlegenswert wie oft sind deine Hinweise, insbesondere auf den etwas dünkelhaften Schluss mit der Trinität von Schreibers Gnaden.
...als aber Mikesch und Snoopy tanzten und sprangen, da gluckste er am Schreibtisch wie junge Elstern im Nest, wenn die Maisonne durch nassen Nebel bricht.
Und er begann zu wippen und zu schnalzen und auf die Platte des Tisches zu trommeln wie einer, den weder Trauer niederdrückt noch Kummer quält. Die Drachenbrut rotäugiger Sorgen floh nordwärts über die Heide wie es der Teufel tut, wenn ihn das Weihwasser traf.

Diarium von 2002
greetse

ww
 
P

paulus

Gast
Ja, richtig gut das Ding!
Sprachlich ausgezeichnet!
Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße
Paul
 
wie schön dies bilderbuchaufschlagende gedicht. bukowskistyle. detailliertes reflektierendes denken im nachhall. einst las ich aus willibalds feder die wunderbare andoleszenzstory auf unserem leider erloschenen heimatplaneten (syneckdoche). ähnlich dort die kraft des eingefangenen augenblicks, der sich die aufmerksamkeit des lesers mit aller macht holt. schön². und nein, kein wort zuviel. (sic!)

S.
 

Willibald

Mitglied
Salute, Spaetschreiber.
Muss erst zu rekonstruieren versuchen, was du auf synekdoche geschrieben hast....
Beste Grüße und eine gute Zeit.
 

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