Christa Paulsen - Der letzte Fall 1. Überstunden-Bis die schwarzen Männer kommen

ahorn

Mitglied
Zurück zum Klappentext

Überstunden
Bis die schwarzen Männer kommen

Christa verschränkte die Arme hinterm Genick, starrte auf die messingumrahmte Wanduhr, dessen Sekundenzeiger auf die Zwölf zusteuerte.

Es war zehn nach elf, solange hatte sie seit Monaten, seit Jahren nicht mehr gearbeitet. Aber was wegmuss, musste weg. Noch der morgige Tag, dann hatte sie Urlaub. Zwei Wochen Timmendorfer Strand mit allen Drum und dran warteten auf sie und danach. Sie kratzte sich an der Nase, zog die Mundwinkel zu einem Lächeln.
Dann klopfte der dritte Lebensabschnitt an ihre Tür. Sie senkte den Kopf. Freizeit bis die schwarzen Männer sie mit den Füßen voraus aus ihrem Haus trugen. Oder? Sie schob den Gedanken beiseite, denn alt und klapprig fand sie sich nicht, aus einem Seniorenheim.
Seniorenheim komisches Wort oder Seniorenstift, wie sie die Häuser nannten. Sie kannte nur eins dieser Anstalten. Zwei Dörfer weiter gleich nach der neunzig grad Kurve, an deren Scheitelpunkt eine knochige Eiche ihren Schatten auf den Asphalt warf.

Unzählige Male war sie dort gewesen. Die meisten hatten das Bollwerk nicht überlebt.
Ebenda hinter dem Baum mit den Kreuzen verlief der mit Schotter bedeckte Weg zur Seniorenresidenz »An der tausendjährigen Eiche« – was für ein passender Name. Ein farbenfrohes Hinweisschild begrüßte den nichts ahnenden Besucher. »Sonnige Aussichten im ewigen Grün der Heide« stand oberhalb des Bildes einer prunkvollen Villa. Ein Landhaus war es früher gewesen und prunkvoll war nur der protzige Mercedes von Günter. Er hatte das Kleinod vom Vater geerbte. Der stramme Fred war zu seinen Tagen ein richtiger Landwirt - aber sein Sohn. Aus dem besten Acker hatte er einen Campingplatz mit Spielhalle gemacht und an der Bundesstraße, die zur Stadt führte, erhob sich ein Outlet-Center. Nicht, dass sie etwas gegen Touristen oder kaufsüchtige Betonsiedler hatte. Sie selbst hatte die eine oder anderen Kleider erworben. Einfach aufs Fahrrad gesetzt, hingeradelt und gut. Der Bus in die Metropole brauchte eine Ewigkeit. Wenn er fuhr. Permanent Freunde bitten, ob sie Christa in die Stadt mitnahmen, peinlich.

Die Arbeit, die diese Vergnügungssüchtigen ihr bereiteten, grämte sie. Mit ein Grund ihrer Nachtschicht. Wenn sie sich benehmen würden, nicht ihren Müll in Tante Waltrauts Garten werfen oder wie letzte Nacht Party feiern. Gelage veranstalteten, sodass Werner nicht in den Schlaf kam, dabei musste er immer früh raus.

Sie stützte sich an ihrem Schreibtisch ab, rollte mit dem Stuhl zurück, schwang die Beine zur Seite und hüpfte von der Sitzfläche. Mit zwei Schritten war sie an ihrer Pinnwand. Die Lippen zu einem Lächeln verformt, zupfte sie mit der Rechten die Nadel aus dem Kork, hielt mit der Linken das Foto.

Hermann ihr Nachbar hatte es richtig gemacht. Hermann von Zeichen Obstbauer erfasste das Schicksal gar zweimal. Erst verstarb im Sommer die Hilde, kurz nach seinem Siebzigsten und dann fiel er im Herbst aus dem Birnbaum, den hatte sein Großvater gepflanzt. Eine heitere Leichenfeier war das, lustiger als sein Geburtstag. Die Hilde hätte sich gefreut. Mit großem Tamtam hatte sie die Dorfgemeinschaft verabschiedet. Der Schützenverein schoss Salut, zumindest der übrige Teil. Viele Mitglieder besaß er nicht mehr ohne Hilde und Hermann.
Die Feuerwehr hatte sich gleichermaßen präsentiert, dürstete, mit den Heidejägern gleich zu ziehen. Die Sonne brannte und niemand hatte etwas dagegen eingewandt, dass die Zielgenauigkeit ohne die Schützen, die böllerten, den geplanten Erfolg verfehlte. Sogar der Pastor weinte vor Lachen, obwohl er nach dem Einsatz eher wie der kleine Erwin dreinschaute, der regelmäßig die Bekanntschaft mit dem Dorfteich aufsuchte. Einzig Gundel Hildes jüngere Schwester, pikierte sich – verständlicherweise. Es war im Dorf selten üblich, dass ein Angehöriger samt Sarg auf einer Schlammlawine in die Grube surfte.

Christa schaute auf das Foto, betrachtete den weißhaarigen Mann, der sie anzulächeln schien. Ihm, der in den letzten Monaten vor seinem Weggang nicht mehr gelacht hatte. In ihren Gedanken sah sie ihn, apathisch mit geöffneten Mund harrte er aus, wartete, verlassen von den Kindern, den Freunden, auf das kommende Ende. Der Abschied fiel ihm nicht schwer.
Der alte Schürzenjäger war angekommen - im Paradies! Rehbraunen Arme umschlangen seinen Hals, hielten ihn, beschützten ihn. Das Lächeln der jungen Frau in ihrem taubenblauen Kleid strahlte Fürsorge aus.

Den Mund nach rechts verzogen, richtete Christa ihre schwarze Krawatte, reckte, streckte den Hals. Vielleicht sollte sie ebenfalls die Zelte abbrechen nach Thailand umsiedeln, um sich von einem knackigen Siamese den Rücken zu massieren.
Nein! Erst einmal reisen. Las Vegas, Rio oder Sydney konnte sie sich vorstellen, was anders als Timmendorfer Strand. In die Ferne war sie vor Jahren gereist – Binz. Und! Christa erinnerte sich an den Urlaub mit ihrem Karl nach Limone – Gardasee.
Allein die Anreise war eine Qual. Natürlich muste er durchfahren. Ein Stau nach dem anderen und drei Stunden am Brenner trübten die Reise.
Ein schönes Städtchen war es, beschaulich, ruhig. Nur die elendigen Treppen dämpften den Erholungserfolg. Nach einem erfrischenden Sprung in den See musste sie in ihrer Pension duschen, durchgeschwitzt, nachdem sie gefühlte fünftausend Stufen bewältigt hatte. Dann lieber Timmendorf.


Weiter zu Überstunden-Preußischer Beamter
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Hallo ahorn,

schön, jetzt braucht man deine Mehrteiler nur anzuklicken und man kommt sofort zum Anfang :) gut gemacht von der Moderation und dir natürlich.

Ich war auf 50 Seiten ohne Dialog gespannt. Der Einstieg ist vielversprechend.

Den Satz hier verstehe ich nicht:

Unzählige Male war sie dort gewesen. Die meisten hatten das Bollwerk nicht überlebt.
Welches Bollwerk? Das Altenheim? Klar, wenn man da erst mal drin ist, wird man auch dort sterben... Oder was meinst du hier?

Übrigens bewundere ich deine Ausdauer, solch lange Mehrteiler zu schreiben.

Viele Grüße
SilberneDelfine
 

ahorn

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,

Zwei Dörfer weiter gleich nach der neunzig grad Kurve, an deren Scheitelpunkt eine knochige Eiche ihren Schatten auf den Asphalt warf.

Unzählige Male war sie dort gewesen. Die meisten hatten das Bollwerk nicht überlebt.
;)

Liebe Grüße
Ahorn
 

Oben Unten