Christa Paulsen - Der letzte Fall 32. Morbus Kobold - Kaum zu glauben

ahorn

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Morbus Kobold
Kaum zu glauben

Den ersten Gedanken eine Großverhandung auszurufen verwarf Christa. Sie hatte Zeit. Zeit, um letzte Indizien zu sammeln. Es war ihr klar, weshalb Theo erschienen war. Er hatte vor Lutz Wagen zu reinigen, die Spuren zu beseitigen und Fingerabdrücke zu hinterlassen. Denn kein Spezialist der Welt war in der Lage den Zeitpunkt auf Stunden genau zu nehmen. Wogegen keine Reinigung half, alle Hinterlassenschaften einer Leiche zu tilgen.

Christa folgte der Stimme von Mick Jagger, welche von Schritt zu Schritt an Intensität zu nahm. Bei Jaggers Worten Tell me, sweetie, what's my name? stieß sie das Türblatt zu Lutz Zimmer auf.
Lutz saß wie bei ihrem ersten Besuch vor seinem Laptop, nur mit dem Unterschied, dass er seine linke Hand in ein Gurkenglas versenkte und die Unordnung in seinem Zimmer zu einem Chaos mutiert war.
Die Stones weiterhin in ihren Ohren schrie sie seinen Namen.
Lutz fuhr zurück. »Christa hast du mich erschreckt. Was machst du wieder hier. Aber wo du hier bist. Hast du gesehen, wo ich meinen Schlüsselbund hingelegt habe.«
Christa schritt auf ihn zu und öffnete ihre Handtasche. »Pardon!« Sie zog den Bund aus ihrer Tasche. »Habe ich aus Versehen eingesteckt. Wollte ihn dir gerade vorbeibringen.«

Lutz fischte eine Gurke aus dem Glas, steckte diese in seinen Mund, schnappte sich den Schlüsselbund und warf ihn auf sein Bett. Ein Geräusch, welches dem Wort Danke ähnelte, quetschte sich über seine Lippen.
»Ich dachte, Theo wäre bei dir?«
Lutz schluckte. »Schon ab! Dessen Scheiß Bayernkarre hat den Geist aufgegeben. Hat irgendwas mit der Kupplung. Stimmt‘s im Dorf ist ein Mord passiert. Theo sagte, es wimmle von Bullen. Hat’s den Walter den Fascho erwischt.« Lutz ergriff das Gurkenglas und hielt es in die Höhe. »Gurke!«

Hunger hatte Christa, aber die Vorstellung eine Gurke aus einem Glas zu fischen, in dem vor Sekunden die schwarz unterlegten Fingernägel von Lutz gesteckt hatten, rief ihr einen Brechreiz entgegen.
»Danke!« Sie strich über ihren Bauch. »Ich habe gefrühstückt.«
Das Knurren ihres Magens ignorierte sie. Sie setzte sich erneut auf den Sessel und überschlug die Beine.
»Warum ruft Theo keinen Pannenservice?«
»Hat einen Termin.«
»Termin?«
Lutz griente. »Er ist seinen Staubsaugern treu geblieben.«
»Staubsaugern?«

»Er hat Morbus Kobold.«
»Was für eine Krankheit?«
Lutz schlug an seine Stirn. »Man, kennst dich nicht aus. Morbus Kobold! Er hat’s mit’nem Staubsauger getrieben.« Er schwang seine Zeigefinger, als rühre er einen Teig. »Zapp, zapp, zapp, da war die Eichel ab.«
Christa zog ihre Augenbrauen zusammen und streckte die Arme von ihrem Körper ab. »Wie?«
Lutz schüttelte den Kopf. »So’n langen hatte er nicht. Nicht so’n Ding zum Hinterherziehen, sondern«, er schob seine Hand vor und zurück, als kehre er mit einem Besen, »so’n Ding wo der Motor am Stil ist.«
»Handstaubsauger!«
»Von mir aus.«
Christa präferierte den Bodenstaubsauger, obwohl Gesine sie davon zu überzeugen versuchte, dass die Saugleistung eines Handstaubsaugers aufgrund der Bauart höher sei.
»Ich dachte, es wäre ein Biss gewesen.«
»Quatsch.«
»Er hat es dir erzählt.«
»Nee, gesehen habe ich es.«
Christa tippte an ihre Schläfe. »Hast es ihm vorgemacht.«
»Bin ich behämmert.«
»Dann hat er es dir gezeigt.«
»Hast du was auf den Ohren. Gesehen nicht dabei. Ich wollt zum Krämerladen von Fred mir nee Brause kaufen. War aber Mittagspause. Ich also auf’n Hof. Lutz legte sich ja immer im Lager auf’s Ohr. Seh durch Fenster und zapp, zapp.«
Christa verschränkte die Arme. »Weil er weiterhin mit Staubsaugern onanierter ist er ihnen treu.«
»Witzig! Nee hat vor ein paar Jahren beim Hersteller als Klinkenputzer angefangen. Jetzt ist er Sklaventreiber. Das Aushängeschild für die Qualität hat er ja immer dabei.«

»Lutz, du hattest von einem Termin gesprochen, zu dem Theo wollte.«
»Personalmangel. Seit einem dreiviertel Jahr kreist er einmal im Monat in unserer Gegend herum. Dann treffen wir uns immer am Donnerstagabend, einen zischen. Na ja. Ich gib mir die Kante. Er trink ja nicht. Dann geht er mit seinem Kollegen auf Tour.«
»Kollegen?«
»Ex. Der macht jetzt auf Töpfe und Pfannen. Gastro! Stiller Typ. Hab ihn gestern kennengelernt. Kriegt sein Maul nicht auf.«

Christa kratzte sich am Genick. War es möglich, dass er sich jeden Monat mit Wanja getroffen hatte. Dass er der Serienmörder war, schloss endgültig aus. Er hatte kein Motiv. Seine Verletzung hatte eine andere Ursache. Dennoch harkte sie nach.
»Hat er irgendwas mit Prostituierten?«
»Wer? Theo? Nuten« Lutz zeigte ihr einen Vogel. »Der ist seiner Alten hundertprozentig treu.« Er rieb über seine Lippen. »Obwohl. Man hört es ja oft, dass wenn die Frauen werfen den Alten nicht mehr ranlassen.«
»Theo hat ein Kind.«
»Philipp! Nein! Nicht Theo. Dem könnt ich meine Kalina nackt auf den Bauch binden und es würde nichts passieren.« Er beugte sich vor. »Jetzt sag’s endlich, wenn hat man abgemurkst?«

Christa zweifelte. Das Lutz mit dem Tode von Wanja etwas zu schaffen hatte, warf sie in die Tonnen. Dafür war sein Verhalten zu normal. Was konnte sie verlieren. Im Gegenteil, denn es bestand die Möglichkeit, dass Wanja und Kalina sich kannten.
Sie holte ihr Smartphone aus ihrer Handtasche, suchte ein humanes Bild der Toten und zeigte es Lutz.
Er zuckte zusammen. »Wanja!«
»Du kanntest sie?«
»Natürlich kenne – kannte ich Wanja.«
Seine Reaktion zeigte ihr seine Betroffenheit.
»Woher?«
»Ich habe sie vor drei Jahren bei einem Kongress kennengelernt – Hardcourt!«
»Hardcourt?«
»Tiere befreien, Schiffe kapern und Wände verschönern. Volles Programm halt.«
»Hattest du etwas mit ihr?«
»Ja! Nein! War schon scharf auf sie. Heißer Feger, aber mehr als ein bisschen rumknutschen war nicht drin.« Er hob die Schulter. »Sie war nicht so weit. Nicht am Ende ihres Weges.« Er schlug mit der Faust auf sein Bett. »Dann sehe ich sie vor einem Jahr aufgetakelt mit so einem Bonzen in Hamburg.«

Christa spitze die Ohren. Hatte sie sich getäuscht.
»Eifersucht?«
»Wie ich? Die kann ficken, mit wen sie will. Nee ich habe dir gerade gesagt mit so’n Bonzen. So’n Typ, dem die Firmen gehören, welche die Tiere quälen. Sie hat die Seite gewechselt, unsere Ideale verraten.« Er schlug sich mehrmals an die Stirn. »Bin ich doof! Ich hätte sie beschützen müssen, anstatt ihr Vorhaltungen entgegenzuwerfen.«
»Du hast sie getroffen? Wann?«
»Gestern bei Günter!«
Christas Instinkt sagte ihr, dass sie auf dem rechten Weg war.
»Deswegen warst du bei ihm, nicht wegen Benno.«
»Ach, ich wusste nicht, dass sie dar war. Habe Benno Dope aus Holland mitgebracht. Aber das spielt keine Rolle. Der Dreckstyp hat sie umgebracht.«

Sie verstand nur Bahnhof. »Warum sollte ihr Verlobter sie ermordet haben?«
Wenn überhaupt einer war, dachte sich Christa.
»Wieso Verlobter?«
Christa biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte gegen eine eiserne Regel verstoßen. Niemals Zeugen oder mutmaßlichen Tätern Indizien preiszugeben.
»Hab ich das gesagt?«
»Ja!«
»Vermutung. Sie hatte was mit ihm, wie du erzählt hast, und sie ist Bulgarin.«
Den Ring verschwieg sie.
»Kalina und ich sind auch nicht verlobt, trotzdem vögeln wir.«
Christa versuchte aus der misslichen Lage herauszukommen. »Wo ist deine Freundin geboren?«
»In Bremen.«
Sie klatschte in die Hände. »Ziehst. Das ist der Unterschied.« Christa legte einen darauf. »Hättest du dich damals mit ihr verlobt, dann wärt ihr jetzt ein Paar.« Sie zwinkerte. »Sie war nicht so weit.«
»Geht nicht. Der Typ ist verheiratet.«
Christa verschränkte ihre Arme. »Das weißt du?«

Lutz klopfte auf sein Laptop. »Was glaubst du, über was ich meine Promotion schreibe?«
»Wanjas Freund?«
»Quatsch. Um es mit einfachen Worten zu sagen, Ökonomie und Ökologie von internationalen Tiertransporten.« Er beugte sich vor, bis seinen Lippen Christas Ohr berührten. »Die Bombe!«
 
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