Christa Paulsen - Der letzte Fall 37. Verdrehte Köpfe - Tim der Steher

ahorn

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Verdrehte Köpfe
Tim der Steher

Tim sperrte seinen Mund auf und schob sich ein mit Döner belegtes Fladenbrot zwischen die Zähne.
»Ich muss mit dir reden.«
Er kaute, schluckte herunter. »Ma beißen?«
Obwohl Christa seit den Bohnen nichts Feste mehr zu sich genommen hatte und sie das Knurren ihres Magens als Dauerzustand ignorierte, verkniff sie sich, dem Angebot zu folgen.
»Die Frau, welche du auf Günters Platz gesehen hast, trug diese Rock oder Hose?«
»Christa jetzt wirst du alt. Hotpants!«, warf er ihr entgegen und steckte erneut das Brot in den Mund.
Christa zerrte an seinen Arm. »Kannst später essen. Das weiß du genau?«
»Hey so’n Ausblick hat man nicht oft. Total eng war das Ding, ganz ohne Taschen. Ich glaub die trug nicht mal ne’n Slip drunter. Auf der linken Arschbacke war ein geiler Aufnäher.«
»Aufnäher?«
»Ein Typ mit einer Perle beim Ficken.«
»Geschmacksache. Du meinst, die Frau war Wanja, obwohl du sie nicht gesehen hast.«
Tim verdrehte die Augen. »Kurz!«
»Wie kurz?«
»Sie hat sich halt umgedreht, hat über ihre Oberlippe geleckt und mir einen Luftkuss zugeworfen.«
Christa schlug ihn gegen die Stirn. »Dies sagst du mir erst jetzt.«
»Spielt es eine Rolle?«
»Jedes Detail spielt bei einer Ermittlung eine Rolle, außerdem hast du mich angelogen«, keifte sie.
»Ich! Nein!«
»Wo hast du den Toyota abgestellt?«
»Bei Benno.«
»Warum lügst du mich an. Auf dem Campingplatz stimmt’s?«
Tim legte das Fladenbrot auf seinem Schoss ab. »Ich wollte kein Ärger mit Ben bekommen.«
»Mit Ben?«
»Ich bin zurück zum Platz, hab mich auf mein Rad geschwungen und fuhr nach Hause. Wollte ich jedenfalls. Bin zurück, aber der Toyota war weg. Das Heckfenster von Günters Wohnwagen stand einen Spalt offen. Ich habe mir Bens Schlüssel geschnappt und bin mit seinem SUV weg.«
»Spritztour?«
»Nicht ganz.« Tim umfasste das Lenkrad. »Tina hat mit mir Schluss gemacht«, murmelte er.
Christa nickte. »Ich versteh! Das Treffen mit ihrer Freundin. Du dachtest?«
»Ich weiß, vertrauen ist besser, aber ich bin halt eifersüchtig. Deswegen hat sie bestimmt mit mir Schluss gemacht. Ich bin halt blöd.«
»Bis du nicht. Du bist dann zu ihr?«
»Hab mich hinter der Scheune versteckt. Sodass ich auf den alten Ziegenstall blicken konnte. Weist, den hat ihr Alter als Wohnung umgebaut. Ihr Wohnzimmer war erleuchtet. Erst passierte nichts. Ich wollt gerade wieder los, da fuhr ein Elefantenturnschuh vor.«
»Elefantenturnschuh?«
»So’n Weiberauto. Drei Tussis stiegen aus.«
»Dass es Frauen waren, hast du gesehen.«
»Es war dunkel, aber ich kann eine Frau von einem Mann unterscheiden. Zwei trugen Rock und eine hatte elendig lange Haar.«
»Wie lang?«
»Bis zum Arsch.«
»Kalina«, murmelte Christa. »Die anderen beiden?«
»Die eine konnte ich nicht genau sehen. Sie stand zu dicht an der mit der Mähne, dafür die dritte.«
»War sie dir bekannt?«
»Ja!« Tim zupfte an seinen Fingernägeln. »Hotpants! Leiche!«
»Tim, du bist wirklich dämlich. Wie kannst du das verheimlichen?«
»Ich hätte dir sagen müssen, dass ich bei Tina war und Bens – außerdem ist sie tot.«
»Hast du bereits etwas von einem Todeszeitpunkt gehört. Nach meiner Vermutung war sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot«, brüllte Christa ihn an.
»Entschuldigung!«
Sie holte tief Luft. »Trug sie Rock oder Hose?«
»Den Rock, den sie heute Morgen anhatte.«

Christa Hypothese brach in sich zusammen. Ganz vom Anfang konnte sie beginnen, weil der Dösbaddel ihr ein Detail verheimlicht hatte. Ihre Hände zuckten, verlangten von ihr, ihn zu würgen.
»Was ist dann geschehen?«
»Zuerst nichts, dann tippte jemand auf meine Schulter.«
»Wer?«
»Die Leiche«, Tim schmunzelte. »Da war sie noch nicht tot. Sie muss sich durch ein Fenster herausgeschlichen haben. Ich hatte die ganze Zeit die Haustür im Blick.«
Christa presste ihre Lippen und ballte ihre Hände zu Fäusten. »Was hat sie gesagt, getan?«
»Das sie Männer mit großen Autos geil findet, da diese gleichfalls einen längeren« – »Du weißt schon haben.« Er leckte über seine Lippen. »Sie hat mich gefragt, wie viel ich dabei hätte. Sie war eine Nutte!«
»Wenn überhaupt, dann heißt es Prostituierte. Und hattest du?«
»Ein Zwanziger.«
Christa zeigte ihm einen Vogel. »Mehr als Handarbeit war dann nicht drin.«
»Nee. Wir sind in Bens Karre und dann ging es richtig ab.«
»Mit oder ohne?«
»Wie?«
»Mit oder ohne Kondom?«
»Ich weiß, das macht man nicht, aber ich hatte nichts dabei und sie war der Meinung, ohne macht es eh mehr Spaß.«
Christa schlug ihm erneut gegen die Stirn. »Zeig mir ein Prostituierte, die es für einen Zwanziger ohne macht.«
»Die Frauen stehen halt auf mich.«
»Tim!« Christa verdrehte ihre Augen. »Scheiße!«
»Wirklich!«
»Bist du so doof. Hast du bis zum Ende durchgezogen?«
»Wie meinst du das?«
»Hast du in ihr abgespritzt?«
»Logo, ist der Höhepunkt.«
»Tim, du bist Polizist und dürftest wissen, dass das halbe LKA gerade auf der Suche nach dem Eigentümer des Spermas ist.«
»Warum?«
»Weil dies üblich ist«, stöhnte Christa und schüttelte ihren Kopf.
»Dann müssen wir es ihnen sagen.«
»Ich überlege mir, wie ich dich aus der Schusslinie kriege.«
»Weshalb?«
»Willst du irgendwann in deinem Leben mehr als Verkehrskontrollen durchführen?«
»Ich will zur Kripo!«
»Vergiss es«, tuschelte Christa. »Erzähl lieber. Also, du hast sie penetriert, wie weiter«, forderte sie ihn wieder in hörbarer Lautstärke auf.
»Gepoppt habe ich sie, nicht penedings. Egal! Sie hat ihren Slip genommen, ist raus und ich habe mir meine Hose angezogen.«
»Dies ist mir klar!«
»Bei Tina war es dunkel und der Kleinwagen stand nicht mehr vor ihrer Hütte.«
»Toll!«
»Nicht mehr vor ihrem Haus, aber auf der Straße. Die Tote ist dann eingestiegen.«
Tim grinste. »Ich habe gesehen, wer im Auto saß. Das Licht flackerte auf.«
»Wer?«
»Sie waren wieder zu dritt. Nur dass Tina am Steuer saß, die mit den langen Haaren neben ihr und du weißt, hinten.«

Christas Gedanken überschlugen sich.
Der Serienmörder, Kalinas Nymphomanie, ihr Verhältnis zu Theo, seine Touren um Schnuckelheide herum, Wanjas Angebot an Tim, der hohe Geldbetrag in ihrer Handtasche, der angebliche Journalist und der Bonze, der Tierhandel betrieb. Ein Handel, welcher sich eher auf Menschen, als auf Tiere bezog.
Christa schloss ihre Augen. Lutz! Wie naiv war er? Und sie hatte ihn ermuntert, zu ihr zu fahren. War er in Gefahr? Was wusste er? Sie erinnert sich an den Satz, den er ihr gesagt hatte. ‚Es muss irgendetwas passiert sein, das, wie sie mir sagte, ihr die Augen geöffnet hätten.‘ Kalina wollte, oder war aus dem Geschäft ausgestiegen. Vielleicht war sie dahintergekommen, wie sie ihr Geschäft erweitert hatten. Ein Serienmörder im Rotlichtmilieu verlangt nach Schutz.
Christa spekulierte. Der Journalist war der Zuhälter von Wanja sowie Kalina, zudem niemand anderes als Lutz Bonze. Die Frauen hatte die Absicht, zusammen mit Theo das Geschäft auf ihre Seite zu ziehen. Sie opferte Theo, denn ausstehen konnte sie diesen nicht. Er war der Serienmörder. Ihr Zuhälter roch die Lunte. Um diesen in Sicherheit zu wiegen, versprachen sie ihm neues Fleisch. Tina!
Sie wollen sie nicht opfern, einzig nur so tun als ob. Dafür ihn in einen Hinterhalt locken. Aber wie? Lutz kam ins Spiel. Das Kleid, die Spuren der Damenschuhe, welche ums Haus führten. Lutz war die vierte Frau.

»Die Vierte?«
»Wer?«
»Die vierte Frau?«
Tim zuckte mit den Achseln. »Bei Tina war’s dunkel und sonst war da niemand mehr. Vielleicht ist sie zu Fuß weg?« Er steckte sich seinen Zeigefinger in die Nase.
»Wart! Am Feldweg auf der anderen Straßenseite stand eine Karre.«
»Ein Auto?«
»Ja! Als ich kam, stand es dort. Als die Weiber abfuhren, war es weg.«
»Marke? Farbe?«
»Es war dunkel. Kombi!«
»Der Toyota?«
»War zu weit weg.«

Christa kratzte sich am Genick. Wie schaffte es eine Frau, dass ihr Freund ein Kleid anzog? Es war nicht irgendein Kleid. Es war der Dress seiner Firma. Klar! Unterlagen. Beweise. Kalina überredete Lutz, dass er die Beweise dem Journalisten überreichte, damit niemand eine Verbindung zu ihr knüpfte, anderseits der Überreicher glaubhaft war. Sie hörte erneut Lutz Stimme. ‚Er nicht. Er kennt jemanden.‘
Der Zuhälter war bestimmt verwundert, als ein Mann in einem Kleid zu ihm ins Auto stieg und irgendetwas von illegalen Tierhandeln schwafelte. Er erkannte dennoch, dass Kalina und Wanja ihn linken wollten. Bevor er zum Treffpunkt fuhr, brachte er Lutz nachhause. Somit war Lutz raus, was den Tod an Wanja betraf. Damit seine Reaktion, als sie ihm das Foto zeigte wieder plausibel.
Theo! Die Kupplung! Er hatte Probleme mit seinen Wagen. Er war nicht zur rechten Zeit am rechten Ort. Seine Aufgabe war es, den Zuhälter in die ewigen Jagdgründe zu schicken.
Aufgebracht von der Täuschung wurde der Zuhälter handgreiflich. Wanja kam zu Tode. Kalina schob ihren Verrat auf Wanja und biederte sich wieder bei ihm an. Deshalb hatte sie mit ihm bei Lutz geschlafen. Zum Dank ihrer Treue verbrachte er die Leiche. Sie in ihr Zelt zu stecken hatte er auf dem Schirm. Der direkte Weg, wenn Christa den Feldweg strich, war an ihrem Haus vorbei. Das dort eine Barke seinen Weg behinderte, konnte er nicht wissen, den diese war nirgends verzeichnet. Die Tristes des alten zuwege verführte ihn, Wanjas Körper vorher zu entsorgen. Ihr, Christa vor die Füße. Seine Flucht hatte er Tim zu verdanken. Der Dösbaddel hatte, nachdem er Benno nach Hause fuhr, vergessen, diese zu schließen. Den Schlüssel hatte er sicherlich von Günter erhalten, deswegen hatte dieser jenen beim Karnickelstall nicht am Mann.
Zwei Fehler hatte ihre Theorie. Der Erste war der verzwickteste. Lutz hatte ihr gesagt, dass der Bonze eine Limousine fuhr, dagegen hatte Tim sowie sie selbst einen Kombi erkannt.

Christa klatschte in die Hände. »Das ist die Lösung«, rief sie.
»Was?«
»Das geht dich nichts an. Wie viel hat Lutz getrunken?«
»Eine ganze Flasche des selbstgebrannten Klaren.«
»Du?«
»Kein Tropfen, ich trink nur Cola?«
Christa tätschelte Tims Wange. »Du bist ein Guter. Ein Gefallen kannst mir machen?«
»Welchen?«
»Ich sende dir gleich Name und Adresse eines Journalisten. Überprüfe, wer er ist.«
»Wieso?«
»Wolltest du nicht zur Kripo?«
»Ja!«
»Frage nicht.«
»Dann muss ich aber ins Revier.«
»Mach es!«


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